Ein Basis-Menü, das jeder nach seinem Geschmack veredelt – so vermeiden Sie den Streit zwischen Veganern und Fleischessern.
In vielen Familien prallen die Ernährungsgewohnheiten aufeinander [1]. Die Tochter isst vegan, der Sohn vegetarisch, die Mutter ist gerne Fisch, Vater und Oma am liebsten Fleisch. Die einen stehen mehr auf italienische Küche, die anderen auf Hausmannskost mit Schweinsbraten, Rotkohl und Klößen.
Die eine verträgt kein Gluten, der andere keine Laktose. An den Feiertagen sitzen die unterschiedlichen Ernährungstypen an einem Tisch. Wie können alle ein gemeinsames Festessen genießen? Geht das überhaupt? Es geht – wenn man einige Dinge beachtet.
Ein Basis-Menü – für jeden Esstyp zu veredeln
Die Lösung ist ein Basis-Menü [2], das wahlweise mit proteinreichen veganen Produkten, Käse- oder Fleisch- und Wurstspezialitäten veredelt werden kann.
Vorausgesetzt, die Fleischesser ekeln sich nicht vor den pflanzlichen Zutaten.
Alle Zutaten sind möglichst saisonal und, wo immer es geht, aus regionalem Bio-Anbau stammen. Das Fleisch sollte von Tieren aus regionaler, artgerechter Haltung stammen. Um Zeit am Weihnachtsabend [3]zu sparen, wird das Menü am besten schon am Vortag zubereitet.
Zum Auftakt vegane Gemüsesuppe
Zutaten sind Weißkohl, Karotten, Kartoffeln, Lauch und Zwiebeln. Die Veganer bekommen angebratene Brot- oder Salatwürfel – oder in Würfel geschnittenes veganes Pfannen- und Grillgut [4], zum Beispiel aus Seitan, Tofu oder Lupinen. Für Vegetarier gibt es Käse-Chips oder ein Häubchen Sahne oder Joghurt obendrauf. Für die Flexitarier wird die Suppe mit Speckwürfeln oder heißen Würstchen serviert.
Im zweiten Gang gibt es Couscous-Salat mit Apfel und Chili-Aprikosen. Das geht auch mit veganem Kartoffelsalat, der ohnehin in vielen Familien in klassischer Form Standard an Heiligabend ist. Für die vegane Version wird Pfannen- und Grillgut scharf angebraten, für die vegetarische Version kommt Grill- und Pfannenkäse in die Pfanne.
Mit kross gebratenen Hähnchenbruststreifen kommen Fleischesser auf ihre Kosten. Und für die Fisch-Variante harmonieren Lachs und Zander [5] mit Couscous-Salat sehr gut. Dafür wird das Fischfilet von Gräten befreit, gepfeffert, gesalzen, mit Zitrone beträufelt und in extra vergine Olivenöl scharf gebraten.
Schnitzel als Hauptgericht
Als Hauptgericht gibt es Schnitzel – mit oder ohne krosse Nusspanade auf Lauch, mit getrockneten Tomaten und Oliven. Kalbs- oder Putenschnitzel werden von jeder Seite drei Minuten in Butter angebraten, gepfeffert, gesalzen und mit Zitrone beträufelt.
Für die vegane Version wird saftiges Grillgut aus proteinreichem Hanf und Erbsen [6] paniert, für die Vegetarier gibt es Grill- und Pfannenkäse. Das Lauchgemüse wird auf einer großen Platte gereicht, auf der einen Seite wird der Grill- und Pfannenkäse platziert, auf der anderen Seite das Grillgut.
Das Fleisch wird separat gereicht. Für die Veganer werden die "Proteinbeilagen" bereits auf die Teller gelegt und das Gemüse auf einer Platte serviert. Wer noch zusätzliche Kohlenhydrate braucht: Sowohl Bandnudeln als auch Kroketten oder Bratkartoffeln schmecken lecker zu Schnitzel mit Lauchgemüse.
Ein veganes Menü geht auch mit Kohlrouladen, mit einer Kartoffel-Rosenkohl-Pfanne als Hauptgericht. Als Vorspeise gibt es Feldsalat mit Möhren und Schwarzwurzel an Zitrone. Kombiniert mit Gemüse, Körnern und Ölen enthält der Salat wichtige Vitamine, Mineralien, Fette und Ballaststoffe [9].
Das Ganze wird abgerundet mit einem Bratapfel mit Marzipan an Orangencreme sowie Holunderpunsch und Plätzchen.
Vegane Getränke
Weine und Sekt [10] gibt es heutzutage in guter und preiswerter Qualität vegan. Veganer Wein unterscheidet sich von herkömmlichen Weinen hauptsächlich durch den Klärungsprozess. Während traditionelle Winzer oft tierische Erzeugnisse wie Gelatine oder Fischblasen für die Klärung nutzen, werden bei veganem Wein pflanzliche oder mineralische Alternativen verwendet.
Zu Gemüsesuppe und Couscous-Salat passt ein frischer junger Weißwein oder Rosé, zu Schnitzel fruchtige Weißweine – oder ein helles Lagerbier. Zum Kartoffelsalat passen frisch-fruchtige Weißweine wie Grüner Veltliner und Riesling.
Auch ein kühles, herbes Pils oder ein süffiges Lagerbier ist ein idealer Begleiter. Mit den Kokosnoten des Desserts harmonieren trockener Sherry, Marsala und Portwein – oder eine Tasse Ostfriesentee.
Wenn alle sich aufeinander zubewegen, können alle das Festmahl ohne Ärger genießen, denn jede und jeder isst nur das, was ihm/ihr schmeckt.
Flexitarier werden mehr
Glaubt man dem neuen Ernährungsreport 2025 [11] des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL), ernähren sich 37 Prozent der Befragten flexitarisch, geben also an, nur gelegentlich Fleisch zu essen [12], überwiegend aber bewusst darauf zu verzichten.
Weitere acht Prozent ernähren sich nach eigenen Angaben vegetarisch, zwei Prozent vegan. Die Zahl der Menschen, die immer häufiger vegetarisch oder vegan und nur noch manchmal Fleisch essen, nimmt stetig zu.
Gleichzeitig wächst die Auswahl an Fleisch- und Wurstersatzprodukten: Vegane Leberwurst, Sojaschnitzel und Fake-Fleisch füllen die Regale. Allerdings sind diese Produkte meist relativ teuer und mit Zusatzstoffen angereichert [13].
Doch es geht auch ohne vorgefertigte Produkte: Pürierte Hülsenfrüchte, Jackfruit aus der Dose, Seitan oder Austernpilze können einen fleischigen Umami-Geschmack erzeugen und knusprig gebraten zumindest an Fleisch erinnern. Beispiel Gulasch: Dieses lässt sich anstatt mit Fleisch auch mit Räuchertofu [14] zubereiten.
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Bei Onlyfans zahlen Menschen Geld, um mit einer attraktiven Person exklusiv zu chatten. Doch so "only" sind die Gespräche womöglich gar nicht.
Ein 31-jähriger Halbleitermontagetechniker, der an einer Sammelklage gegen Onlyfans beteiligt ist, posiert für ein Porträt in seinem Haus in Kalifornien.Bild:
REUTERS/Carlos Barria
Wie viele Onlinedienste, die den Menschen Wege aus der Einsamkeit versprechen, hat auch die britische Plattform Onlyfans stark von der Coronapandemie profitiert. In Zeiten totaler Isolation suchten viele Menschen zumindest virtuelle Nähe. Onlyfans lieferte sie zuverlässig – und noch viel mehr.
Die Plattform verspricht ihren Nutzern Exklusivität und direkte Gespräche mit realen Personen. Genau dieses Versprechen steht seit geraumer Zeit im Zentrum von Sammelklagen in den USA . Der Vorwurf: Viele Chats stammten nicht von den beworbenen sogenannten Creators selbst, sondern von externen Dienstleistern. Was als persönlicher Austausch vermarktet wird, könnte in Wahrheit ein durchorganisiertes Geschäftsmodell mit anonymen Chattern sein. Haben Nutzer für eine Illusion bezahlt?
"Sex sells" auf Onlyfans
Das Geschäftsmodell von Onlyfans geht so: Das Onlineportal bietet Nutzern eine einfache Möglichkeit, exklusive Inhalte gegen Zahlung mit anderen Personen zu teilen. Schnell erkannten Menschen das Potenzial für sexuell explizite Inhalte. Wer sie sehen möchte, zahlt neben einer monatlichen Abogebühr noch für jedes Foto oder Video zusätzlich.
Rasch machten Meldungen die Runde, dass Models auf diese Weise teilweise sechsstellige Umsätze generiert hätten. Den Hype befeuerte der Betreiber zusätzlich, indem er exklusive Chats mit den Erstellern der heißbegehrten Inhalte, also den Creators, versprach. Das hatte bis dahin keine andere Plattform in dieser Form angeboten.
Geschäft läuft rund um die Uhr
Im Jahr 2024 soll Onlyfans an seine Creators knapp sechs Milliarden US-Dollar ausgezahlt haben. Der Nettoumsatz nach Abzug der Creator-Vergütung lag bei etwas mehr als einer Milliarde US-Dollar. Das zeigt die Dimension des Geschäfts und wie vor allem Onlyfans davon profitiert. 80 Prozent der Gebühren gehen an die Creators, 20 Prozent behält die Plattform als Provision, so lautet der einfache Deal.
Trotz der Milliardenausschüttung können die wenigsten Creators wirklich davon leben. Eine Untersuchung der Erotikplattform Erobella unter deutschen Creators ergab, dass die durchschnittlichen monatlichen Einnahmen über Onlyfans zwischen 200 und 500 Euro pendelten. Der zeitliche Aufwand für Werbung und Kommunikation ist da noch gar nicht eingepreist.
Am Ende bleibt ein effektiver Stundenlohn von gerade einmal drei bis acht Euro. Die meisten Creators liegen damit deutlich unter dem gesetzlichen Mindestlohn, der ab dem 1. Januar 2026 bei 13,90 Euro pro Stunde liegt.
Weltweit besuchen regelmäßig rund 300 Millionen Menschen die Plattform. Etwas mehr als vier Millionen nutzen den Onlinedienst als Creators. Frauen treten mehr als Creators, Männer mehr als Konsumenten in Erscheinung. Befürworter sehen in Onlyfans, gerade für Frauen und queere Personen, einen Ort, an dem Menschen selbst über die angebotenen Inhalte und Einnahmen entscheiden können.
Doch einige weibliche Creators berichten eher das Gegenteil und sprechen von sexueller Ausbeutung durch männliche Besucher. Zudem plant Onlyfans, in den USA den kriminellen Hintergrund der Creators zu prüfen. Dadurch könnte sich die Gefahr für Leib und Leben professioneller Sexarbeiter erhöhen, da diese wieder auf die Straße gedrängt würden. Denn eines ist unbestritten: Sexuelle Dienstleistungen über Onlyfans anzubieten, ist deutlich sicherer.
Und dann sind da noch die Vorwürfe einiger Nutzer, sie bekämen gar nicht, was ihnen Onlyfans versprochen habe. Die Exklusivität der Chats soll in vielen Fällen gar nicht erfüllt werden.
In der jüngsten Vergangenheit gab es Beschwerden über angeblich externe Chatter . Dabei handelt es sich um durch den Creator beauftragte Personen, die in seinem Namen mit den Fans chatten – und das rund um die Uhr. Auch ein Creator braucht schließlich Schlaf. Kostenpflichtige Fotos und Videos sollen aber bitte fleißig weiter angepriesen werden.
In den Statuten von Onlyfans sind externe Chatter selbstverständlich ausdrücklich verboten. Wie in den meisten AGB solcher Onlinedienste erfüllen solche Klauseln jedoch nicht mehr als die Funktion eines juristischen Tarnanzugs. Denn Gewinnmaximierung steht immer an erster Stelle. Nur auf Druck von außen werden Regelverstöße durch den Betreiber auch geahndet.
Doch mal ehrlich: Wenn ein Creator Hunderte oder gar Tausende Fans hat, wie soll diese Person allein mit jedem einzelnen Fan individuelle Gespräche führen? Viele Onlyfans-Nutzer scheinen das zumindest geglaubt zu haben und sind nun vermutlich einer Illusion aufgesessen. In den USA laufen deswegen Sammelklagen gegen den Betreiber und einige Agenturen . Der Vorwurf lautet Betrug.
Onlyfans schweigt
Im Zuge der Recherche für diesen Artikel hat der Autor mehrfach die Pressestelle von Onlyfans in London kontaktiert. Ohne Erfolg. Der für seine meist offenherzigen Inhalte bekannte Onlinedienst schweigt zu den Anschuldigungen.
Erstaunlicherweise reicht eine einfache Suchmaschinenanfrage, um Agenturen ausfindig zu machen, die auch in Deutschland externe Chatter für Onlyfans-Creators vermitteln. Auch dazu hätten wir gern mit den Agenturbetreibern gesprochen. Doch auch die Agenturbetreiber, die ganz offen Werbung machen – beispielsweise hier oder hier -, geben sich auf konkrete Anfragen verschlossen.
Auch auf der Social-Media-Plattform Reddit suchen Creators ungeniert nach externen Chattern, zum Beispiel in diesem Subreddit . Als Konsument könnte man also schon länger wissen: Bei Onlyfans gibt es eine ganze Menge, nur eben nicht "only", also exklusiv.
Die Illusion bleibt makellos
Bislang scheinen die Gerüchte Onlyfans nicht zu schaden. Bei den im Umlauf befindlichen Umsatzzahlen zeigen vereinzelte Sammelklagen in den USA offensichtlich noch keine größere Wirkung. Derweil tauchten Spekulationen auf, Onlyfans solle verkauft werden, wie unter anderem die Nachrichtenagentur Reuters berichtete. Von einem Verkaufswert zwischen sieben und acht Milliarden US-Dollar ist die Rede.
Wie so oft, wenn ein Geschäft in der digitalen Welt durch die Decke geht, gibt es inzwischen ganz viele Nachahmer, darunter Fancentro , Justforfans und Manyvids . Nicht alle der genannten Anbieter setzen so offensiv auf sexuell explizite Inhalte wie Onlyfans. Dennoch zeigt das: Der Markt für solche Angebote ist noch nicht gesättigt, solange Menschen die pure Illusion von Nähe genügt, um ihr Portemonnaie zu öffnen.
Teslas filmen rund um die Uhr – und liefern Ermittlern immer häufiger entscheidende Beweise. Datenschützer warnen vor Überwachung.
Außenkamera eines TeslaBild:
Martin Wolf/Golem
Teslas zeichnen mit ihren Kameras zunehmend Vorfälle auf, die später vor Gericht als Beweismittel dienen. Die im sogenannten Wächtermodus permanent aktiven Aufnahmegeräte haben bereits zur Aufklärung mehrerer Verbrechen beigetragen, berichtet der Spiegel .
So filmte im Oktober 2023 ein geparkter Tesla in Stuttgart einen Täter auf der Flucht, nachdem dieser einen Mann beinahe zu Tode gefahren hatte. Das Fahrzeug lieferte entscheidendes Material für die spätere Verurteilung. In Passau zeichnete ein abgestellter Wagen im Dezember 2023 auf, wie ein Lkw in eine Menschenmenge fuhr und zwei Menschen tötete.
Und in Duisburg führten Tesla-Aufnahmen zur Überführung eines Brandstifters, der 14 Autos angezündet hatte. Die Ermittler identifizierten den Täter anhand der Videoaufzeichnung eines parkenden Fahrzeugs.
Tesla-Fahrzeuge sind mit acht Außenkameras ausgestattet, die an verschiedenen Positionen angebracht sind. Sie erfassen die Umgebung während der Fahrt im Dashcam-Modus oder beim Parken im Wächtermodus. Diese Funktion wurde 2019 als Diebstahlwarnanlage eingeführt.
Tesla gibt in der Datenschutzerklärung an, dass Aufnahmen normalerweise nicht an das Unternehmen gesendet werden. Ausnahmen gelten, wenn Fahrer dem Flottenlernen zustimmen oder das Auto einen sicherheitsrelevanten Vorfall erkennt.
Datenschützer sehen Grundrechte gefährdet
Peter Schaar von der Europäischen Akademie für Informationsfreiheit und Datenschutz bezeichnet gegenüber dem Spiegel die Praxis als erheblichen Eingriff in die persönliche Freiheit. Und auch die Berliner Polizei wollte 2022 aus Sicherheitsgründen Tesla-Fahrzeuge von bestimmten Grundstücken fernhalten, setzte das Verbot jedoch nie um .
Denn es ist so: Sobald sich jemand einem geparkten Tesla nähert oder die Türen zu öffnen versucht, speichert das System die Aufnahmen automatisch. Bei Unfällen oder Aufprall sichert das Fahrzeug die Videos der vergangenen Minuten ohne manuellen Eingriff.
Andreas Winkelmann leitet eine Abteilung der Berliner Amtsanwaltschaft, die illegale Autorennen aufklärt. Er beschreibt Tesla als besonders wertvoll für die Ermittlungsarbeit. In einem Fall half zum Beispiel ein Video, das der Unfallwagen selbst aufzeichnete, die Schuldfrage zu klären.
Um Daten von Tesla-Servern anzufordern, benötigen Ermittler allerdings einen richterlichen Durchsuchungsbeschluss. Dies kommt nur bei schweren Straftaten wie illegalen Autorennen in Betracht. In anderen Fällen übergeben Zeugen ihre Aufnahmen freiwillig.
Der Berliner Carsharing -Anbieter Miles muss nach jahrelangen Versäumnissen bei der Entrichtung von Parkgebühren tief in die Tasche greifen.
Die Strafe gegen Miles wurde wegen "systematischer Mängel bei der Entrichtung von Parkgebühren" verhängt.Bild:
Miles Mobility
Der Carsharing-Anbieter Miles hat ein Bußgeld in Höhe von 25 Millionen Euro an die Berliner Landeskasse überwiesen. Die Staatsanwaltschaft Berlin verhängte die Strafe wegen systematischer Mängel bei der Entrichtung von Parkgebühren über einen Zeitraum von fast fünf Jahren, berichtet der Tagesspiegel .
Das Unternehmen verzichtete auf Rechtsmittel gegen den Bescheid und beglich die Summe vollständig. Damit ist das Verfahren abgeschlossen.
Die Ermittlungen des Landeskriminalamts Berlin ergaben, dass Mitarbeiter von Miles zwischen Januar 2019 und Oktober 2023 keine ausreichenden Kontroll- und Überwachungsstrukturen für das Parkmanagement eingerichtet hatten. Die automatische Übermittlung von Parkgebührendaten an die zuständigen Stellen wurde offenbar zeitweise unterbrochen, ohne dass dies intern bemerkt wurde.
Als Folge dieser technischen und organisatorischen Defizite blieben zahlreiche gebührenpflichtige Parkvorgänge unbezahlt. Die genaue Anzahl der betroffenen Fälle konnte nach Angaben der Ermittler nicht abschließend festgestellt werden.
Unternehmen kooperierte während der Ermittlungen
Bei der Festlegung der Bußgeldhöhe berücksichtigte die Staatsanwaltschaft mehrere mildernde Faktoren. Miles führte demnach während des laufenden Verfahrens eine umfangreiche interne Untersuchung durch. Zudem implementierte das Unternehmen neue Strukturen, die künftige Verstöße verhindern sollen.
Die rechtliche Grundlage für das Bußgeld bildet Paragraph 130 des Ordnungswidrigkeitengesetzes. Diese Vorschrift ermöglicht es Behörden, Unternehmen bei Verletzung ihrer Aufsichtspflicht zur Verantwortung zu ziehen.
Miles teilte nach Bekanntwerden des Bußgeld-Vollzugs mit, dass für das Parkmanagement inzwischen ein neuer Anbieter in die internen Prozesse eingebunden wurde. Die Kontrollmechanismen seien ausgebaut worden, damit Unregelmäßigkeiten künftig früher erkannt werden könnten.
Eine neu geschaffene Einheit innerhalb des Unternehmens soll künftig die Einhaltung sämtlicher Parkregelungen überwachen. Diese organisatorischen Änderungen waren offenbar Teil der Maßnahmen, die das Unternehmen während des Ermittlungsverfahrens ergriff.
In einem offiziellen Statement erklärte Miles, der Blick richte sich jetzt nach vorn. Gemeinsam mit Politik, Verwaltungen und Partnern wolle das Unternehmen wachsen und die Mobilität in deutschen Städten mitgestalten.
Die EU setzt auf 800 Milliarden Euro Aufrüstung statt Diplomatie – doch wäre gerade sie historisch prädestiniert für Friedenspolitik.
Die EU befindet sich am sicherheitspolitischen Scheideweg. Der Krieg in der Ukraine scheint sie in eine langfristige Aufrüstungsphase zu zwingen. Aber wie zwangsläufig ist diese Aufrüstungsdynamik wirklich und welche sicherheitspolitischen Alternativen gäbe es? Ist mit der neuen Nationalen Sicherheitsstrategie der USA nicht die historische Situation für ein neues Selbstverständnis der EU eröffnet? Und: Stellen die aktuellen Verhandlungen zur Beendigung des Kriegs in der Ukraine einen friedenspolitischen Neuanfang der EU dar?
Europas historisches Erbe: Vom Schlachtfeld zum Friedensprojekt
Von Europa ausgehend nahm sowohl die Aufklärung als auch die Kolonialisierung ihren Anfang. Europa ist der Ort, an dem sich Nationen in Dutzenden blutiger Kriege auf das Heftigste bekämpft haben – eine historische Tatsache, deren schreckliche Erfahrungen aber auch die Voraussetzung für den Versuch waren, miteinander in weiten Teilen Europas friedlich zusammenzuarbeiten und transnationale Strukturen in Form der Europäischen Union zu bilden.[1]
Wäre daher Europa als Kontinent und als Europäische Union nicht besonders geeignet, die Friedenssache voranzubringen? Die historische Rolle vieler europäischer Staaten im Rahmen der damaligen KSZE-Verhandlungen stimmt zunächst optimistisch, dass Europa grundsätzlich dazu in der Lage wäre, zur weltweiten Entspannung beizutragen.
Aktuelle Entwicklungen zeigen jedoch, dass die EU – trotz der gegenwärtigen Verhandlungsanstrengungen – mehr auf Waffen als auf Diplomatie und eine gesamteuropäische Sicherheitsordnung vertraut. Ein 800 Milliarden Euro teures Aufrüstungspaket ist mit der Begründung geschnürt, gegen ein – offensichtlich – aggressives Russland verteidigungsfähig zu sein.
Auch das im März 2025 veröffentlichte Weißbuch der EU legt einen eher Kurs der EU an, der auf militärische Stärke setzt, um bis 2030 als EU verteidigungsfähig zu werden ("White Paper for European Defense-Readiness 2030"). Jedoch müssten für die EU im Sinne der Zielsetzungen der OSZE Friedensfähigkeit, Diplomatie und europäische Zusammenarbeit im Vordergrund stehen, die zwar durchaus eine notwendige Verteidigungsfähigkeit mit Augenmaß enthalten könnten, sich aber prioritär auf ihre zivilgesellschaftlichen und demokratischen Wurzeln der EU-Gründungsphase zurückzubesinnen hätten. Nicht die Festung Europa, sondern das Friedensprojekt Europa sollte wieder angestrebt werden.[2]
EU Aufrüstung und die Gefahr autoritärer Übernahme
Dies ist umso wichtiger, je stärker sich repressive Strukturen in den USA, in Russland, in China und anderswo durchsetzen. Die innergesellschaftliche Repression in diesen Staaten nimmt zu, gleichzeitig und in einem Zusammenhang damit treten diese Staaten nach außen immer gewalttätiger auf – trotz der noch vorhandenen systemischen Unterschiede.
Gerade, wenn externe Mächte versuchen, die EU auch von innen zu schwächen, ist es notwendig, dass die EU ihr demokratisches und friedensorientiertes Selbstverständnis wieder entdeckt und in Handlungsstrategien umsetzt. Ansonsten droht den meisten EU-Staaten – und auch der EU – die Übernahme autoritärer nationalkonservativer Kräfte und der Rückfall in die nationalstaatliche Zerrissenheit und Konkurrenz.
Angesichts der zu langen Zurückhaltung der EU hinsichtlich effektiver diplomatischer Aktivitäten hinsichtlich des Kriegs in der UKraine, die alle relevanten Akteure einbeziehen können, gilt es, der ursprünglichen Friedensidee Europas, die letztlich die ethische Fundierung im normativen Selbstanspruch der Gründungsphase der europäischen Vereinigung war, tatsächlich Geltung über wirksame Handlungen zu verschaffen und auch der 2012 erfolgten Verleihung des Friedensnobelpreises an die Europäische Union eine Realität friedensschaffender Maßnahmen folgen zu lassen.
Dies hätte m.E. zunächst bedeutet, dass die seit spätestens 2010 festgefahrenen OSZE-Verhandlungen auch von Seiten der EU wieder belebt werden und sich eine verbindliche Agenda geben müssten. Dies wäre der geeignete institutionelle Rahmen, in den sich u.a. die EU-Staaten friedenssichernd einzubringen hätten und wo sie u.a. auch auf Vertreter Russlands, der Ukraine, Kanada und USA treffen würden.
Hier hätte an eine friedensstiftende Verhandlungstradition angeknüpft werden können, die dann auch zu einem wesentlichen Bestandteil einer positiven europäischen Identität werden könnte.
Doch die anhaltende russische Aggression gegen den ukrainischen Staat[3], lässt dies wohl in weite Ferne rücken. Sicherlich kann die EU nicht tatenlos zusehen, dass in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft ein Staat zerstört, ein systematischer Beschuss ziviler Objekte, eine Zerstörung der Infrastruktur erfolgt sowie Tausende Zivilisten getötet werden und Hunderttausende Soldaten in einem imperialistischen russischen Eroberungskrieg fallen. Auch die Zerstörungen der Umwelt sind hierbei erheblich – eine Tatsache, die oft aus dem anthropozentrischen Blick gerät.
Zwischen Unterstützung und Verhandlungsversäumnissen
Es ist völkerrechtlich notwendig, durch die UN-Charta vorgegeben und moralisch gerechtfertigt, dass die EU-Staaten die Ukraine ökonomisch und u.a. auch militärisch unterstützen. Doch die Unterstützung der Ukraine im Widerstand gegen einen bewaffneten russischen Aggressor müsste gleichzeitig von einer geschlossenen Verhandlungsmacht der EU und entsprechenden Verhandlungsangeboten an die am Krieg beteiligten Akteure begleitet sein.
Nur über die Verbindung von einer umfassenden Unterstützung der sich wehrenden Ukraine im Sinne der UN-Charta mit beständig angebotenen Verhandlungsoptionen durch die EU an beide Seiten ist ein Waffenstillstand und die gemeinsame Entwicklung eines Friedensplans bzw. einer europäischen Sicherheitsordnung möglich.
Und dies müsste gemeinsam und in großer Geschlossenheit geschehen. Hierbei dürften ausscherende und unsolidarisch agierende Staaten nicht länger von der EU unterstützt werden. Wenn z.B. der EU-Staat Ungarn über eine Abnahme russischen Öls die russische Aggression gegen die Ukraine mitfinanziert, sollte die EU hier entschlossen handeln und die Spannweite der Handlungsmöglichkeiten, von Sanktionen bis zum Ausschluss aus relevanten Entscheidungsabläufen, umsetzen.
Auch der indirekte Bezug russischen Öls und Gas über Indien ist zu unterbinden. Ebenfalls die Abnahme russischen Urans für die französischen Atomkraftwerke ist nicht länger hinnehmbar.
Die aktuellen Verhandlungsergebnisse, die in Berlin unter der Leitung des deutschen Kanzlers unter Mitarbeit bedeutender europäischer Repräsentanten, dem ukrainischen Präsidenten Selenskyj, dem Nato-Generalsekretär Rutte sowie den US-Verhandlern Witkoff und Kushner geführt werden, stellen zwar diplomatische Aktivitäten dar, zielen allerdings auf einen westlichen Schulterschluss und eine gesteigerte Unterstützung der Ukraine ab.
Die dort erzielten Verhandlungsergebnisse [1] sind nicht geeignet, eine Übereinkunft mit der russischen Regierung zu erzielen. Sie beinhalten u.a. eine internationale Schutztruppe als Sicherungsmechanismus für einen Waffenstillstand unter europäischer Führung und mit US-amerikanischer Unterstützung. Hierbei ist vor allem an die Überwachung des ukrainischen Luftraums und der Seewege sowie die Unterstützung der ukrainischen Streitkräfte gedacht.
Die in der Pressemitteilung der Bundesregierung vorgenommenen Formulierungen lassen jedoch einen weiten Spielraum für die vorgesehenen Schutzmaßnahmen:
"Diese Truppe wird bei der Regeneration der Streitkräfte der Ukraine, der Sicherung des Luftraums der Ukraine und der Gewährleistung sichererer Meere helfen, auch durch Operationen innerhalb der Ukraine."[4]
Die Feststellung und die Verfolgung von Verletzungen eines zukünftigen Waffenstillstands soll unter Führung der USA erfolgen – so die Formulierung ebenfalls in der Pressemitteilung der Bundesregierung:
"Ein von den USA geführter Mechanismus zur Waffenstillstandsüberwachung und -verifikation unter internationaler Beteiligung, mit dem frühzeitig vor möglichen künftigen Angriffen gewarnt wird, potenzielle Verletzungen des Waffenstillstands rückverfolgt werden und auf diese Verletzungen reagiert wird sowie ein Konfliktreduzierungsmechanismus zur Erarbeitung gegenseitiger Deeskalationsmaßnahmen, die zum Nutzen aller Parteien eingesetzt werden können."
Auch hat Selenskyj aus einer vertretbaren völkerrechtlichen Position heraus keinerlei ukrainische Zugeständnisse an Gebietsabtretungen an Russland gemacht, da er hierzu nicht befugt sei. Auch gibt es bisher keine definitive Festlegung von Selenskyj zum Verzicht auf den angestrebten Nato-Beitritt, da dies in der ukrainischen Verfassung noch festgelegt ist.
Des Weiteren sollen die russischen Gelder in der EU weiterhin eingefroren bleiben. Insbesondere vom deutschen Bundeskanzler Merz wird die Verwendung der in der EU eingefrorenen russischen Milliarden für die weitere militärische Unterstützung der Ukraine sowie dem Wiederaufbau der Ukraine gefordert. Dies gelte dann, wenn Russland keine angemessenen Reparationszahlungen an die Ukraine leiste.
Alle diese Aspekte wird die an den Verhandlungen nicht beteiligte Putin-Regierung mit großer Wahrscheinlichkeit nicht akzeptieren. Dies ist also voraussehbar und wohl auch bewusst so angelegt.
Russlands Reaktion und die Eskalationsgefahr
Entsprechend ablehnende Reaktionen [2] von Seiten Russlands ließen dann auch nicht lange auf sich warten. Russlands Außenminister Lawrow sprach von einer Wiederbelebung des Nationalsozialismus in Europa, indem russische Gelder gestohlen werden sollten. Vize-Außenminister Rjabkow lehnte eine Stationierung von Soldaten aus Nato-Staaten in der Ukraine entschieden ab.
Würde nun die US-Regierung die in Berlin festgelegten Verhandlungsergebnisse akzeptieren, könnte dies daher eine Fortsetzung und Eskalation des Kriegs in der Ukraine bedeuten. Aber auch eine Nicht-Akzeptanz und ein Verlassen des Verhandlungsprozesses durch die US-Regierung würde zur gleichen bedrohlichen Entwicklung führen.
Die EU und die beteiligten Verhandlungsführer haben mit der Anlage der Verhandlungen und mit den Ergebnissen eine Lösung des Kriegs in der Ukraine also zunächst eher verhindert, da erstens die russische Regierung nicht beteiligt war und zweitens die strategischen Vorteile von Verhandlungsangeboten für sowohl die ukrainische als auch für die russische Seite nicht erkennbar sind. Allenfalls haben die Verhandlungsführer in Berlin erreicht, dass sich möglicherweise die westlichen Reihen etwas mehr geschlossen haben.
Was ein tragfähiger Verhandlungsansatz erfordern würde
Im Gegensatz hierzu müssten EU und die USA gemeinsam beiden Seiten Verhandlungsangebote eröffnen, mit denen sich der Kriegseinsatz, die Zerstörung von Infrastruktur und die Opferung hunderttausender Menschenleben für die Ukraine und für Russland vor ihrer Bevölkerung und den herrschenden Gruppierungen im Interesse des eigenen Überlebens rechtfertigen ließe.
Nur wenn der russische Angriffskrieg bzw. der ukrainische Verteidigungskrieg erkennbar anhand von Verhandlungsergebnissen für beide Seiten als Erfolg ausgewiesen werden kann, wird es eine Chance für eine friedenspolitische Einigung geben.[5]
Dennoch soll im weiteren Verlauf über die Zeit nach einer Beendigung des Kriegs in der Ukraine nachgedacht werden, denn irgendwann wird dieser Krieg – letztendlich über Verhandlungen – beendet sein. Dann gilt es auch für Europa eine neue Sicherheitsarchitektur zu entwickeln, die stabiler als die bisherige sein wird.
Derzeit wird also versucht über westliche Verhandlungsführer eine gemeinsame Verhandlungsstrategie in der Hoffnung zu entwickeln, dass die US-Regierung diese Positionen übernimmt und damit dann wiederum in Verhandlungen mit der russischen Regierung eintritt. Doch sollte bei einem möglichen Scheitern dieses Weges eine Option eröffnet werden, die schon einmal in einer gefährlichen historischen Situation einen entscheidenden Verhandlungserfolg ermöglichte:
Der für europäische Verhältnisse angemessene Verhandlungsrahmen wären die Gremien der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE). Die Schweiz übernimmt 2026 den Vorsitz der OSZE, so dass hiermit eine Zusammenarbeit aller 57 OSZE-Staaten aus Europa, Nordamerika und Asien denkbar wäre.
Dort müssten z.B. auf der Ebene des Ministerrats und des Ständigen Rats der OSZE – unter Einschluss der OSZE-Mitglieder Russland, Ukraine und USA – die Beendigung des Kriegs in der Ukraine und deeskalierende Abrüstungsfragen beraten werden. Hierzu müssten allerdings die europäischen Staaten und die EU selbstbewusst einfordern, dass Russland und die USA wieder zu einer konstruktiven Mitarbeit im Rahmen der OSZE [3] zurückkehren.
Die OSZE hat ihre Chance zur Vermittlung – vor allem auch in der Nachkriegszeit – durchaus auf ihrer letzten Ministertagung [4] in Wien erkannt. Auch könnte die OSZE eine Rolle bei der Überwachung eines Waffenstillstands und bei den notwendigen Wahlen spielen. Selbst der deutsche Außenminister Wadephul äußerte hier Hoffnungen, da die Vorgänger-Institution KSZE in ebenfalls sehr schwierigen Zeiten in Zeiten des Kalten Krieges die Helsinki-Schlussakte beschließen und den internationalen Abrüstungsprozess hiermit einleiten konnte.
Nach einem Waffenstillstand als Voraussetzung eines Friedensvertrags, der im OSZE-Rahmen verhandelt würde, könnten weitere Ansatzpunkte für kommende OSZE-Verhandlungen zunächst im Verbot von Waffenexporten in Spannungsgebiete liegen – abgesehen natürlich von der legitimen Unterstützung angegriffener Staaten.
Das größere Projekt aber liegt dann sicherlich in der international abgestimmten schrittweisen Abrüstung der Vertragsstaaten über die (Re)Installierung und Aktualisierung entsprechender Abrüstungsverträge – auch in Verhandlung mit Staaten außerhalb der OSZE, wie z.B. der VR China, Australien und Japan.
Hierzu gehört auch die Ratifizierung des von ICAN voran getriebenen und inzwischen gültigen UN-Verbotsvertrags für Nuklearwaffen im Rahmen einer internationalen Ratifizierungsbewegung. Unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen und unter Mitarbeit der OSZE müssten Abrüstungsverträge, wie z.B. der KSE-Vertrag, der ABM- oder der INF-Vertrag, wieder neu verhandelt, weiterentwickelt und ratifiziert werden.
Die globale Rüstungsspirale: Fakten und Zahlen
Dies ist auch dringend notwendig: Die USA planen den größten über Jahre hinweg reichenden Rüstungsetat seit ihrem Bestehen. Russland verwendet einen großen Teil seines Staatshaushalts für Rüstungsausgaben und kündigt ein neues Programm für urangetriebene Atomraketen an, die jeden Ort auf der Erde erreichen und nationale Verteidigungsmaßnahmen umgehen können. China investiert unverantwortliche Summen seines eigentlich für ökologische und soziale Maßnahmen erforderlichen Staatshaushalts in die Rüstung.
Saudi-Arabien investiert einen großen Teil seiner Ölmilliarden verstrickt in regionale Auseinandersetzungen in hochmoderne Waffentechnik. Die USA und Russland haben ihre nuklearen Abrüstungsverträge aufgekündigt. Frankreich und Großbritannien arbeiten an der Modernisierung ihrer Nuklearwaffen.
Deutschland plant, Atomwaffen taugliche Kampfjets anzuschaffen. Im Jahr 2026 sollen Atomwaffen fähige US-Mittelstreckenraketen in Deutschland unter US-Kommando stationiert werden, die weder vom Deutschen Bundestag genehmigt wurden, noch Deutschland einen Einfluss auf eine Einsatzentscheidung ermöglichen.
Russland kündigt die Stationierung [5] von Hyperschallraketen ("Oreschnik") in Belarus an, die jeden Ort in Europa in kürzester Zeit erreichen können.
Die nukleare Dimension des Ukraine-Kriegs
Gerade die Voraussetzungen und die Entwicklung im Krieg in der Ukraine zeigen die Problematik der nuklearen Bedrohung bei einem konventionell geführten Krieg, der durch den massiven Einsatz von Kampfdrohnen und Künstlicher Intelligenz eine veränderte Gestalt annimmt. Unverhohlen droht die russische Regierung mit dem Einsatz von Atomwaffen, indem sie die Einsatzbereitschaft ihrer Nuklearwaffen im Zuge des Kriegs in der Ukraine demonstrativ erhöht hat.
Putin droht [6] zu Beginn des Krieges offen damit, dass jeder – so auch dann Europa – der sich einmische und Russland bedrohe, etwas erleben werde, dass er historisch noch nie erlebt habe. Die nukleare Gefahr zeigt sich allerdings im Ukraine-Krieg in doppelter Perspektive: Als Bedrohung durch Atomwaffen und als Gefährdung der Kernkraftwerke [7], die zur Waffe im Krieg werden können.
Der österreichische Friedensforscher Thomas Roithner stellt fest, dass sich Europa, angelegt durch den Vertrag von Lissabon (2007), in die Reihe der politischen Mächte einzuordnen versucht, die hochrüsten, und entwickelt hier gegen gewandt einen Vorschlag für ein ziviles Kerneuropa.
Auch der deutsche Politikwissenschaftler Werner Ruf geht davon aus, dass die EU sich auf dem Weg zu einem militärischen Global Player begeben möchte[6] und fordert eine sicherheitspolitische Rückkehr im Sinne von diplomatischer Friedenssicherung und unterstützender Entwicklungspolitik ein. Er fordert noch weitergehender sogar eine Sicherheitsarchitektur von Lissabon bis Wladiwostok.
Diese Vision wendet allerdings der ehemalige russische Präsident und aktuell stellvertretende Chef des russischen Sicherheitsrat Dmitri Medwedew ebenfalls an und bezieht sich hierbei auf eine nationalchauvinistische Sichtweise aus russischer Perspektive. Er vergleicht die Ukraine mit dem Dritten Reich. Der Zusammenbruch dieses nazistischen Systems könne die Befreiung für ein "offenes Eurasien von Lissabon bis Wladiwostok [8]" sein. Gleichzeitig spricht Putin vom Konzept der russischen Welt, der "Russki Mir [9]", die es international zu schützen gelte.
Die russische Welt ende nicht an Staatsgrenzen und sei überall, wo Russen leben würden. Damit ist einer Legitimierung weiterer Angriffskriege die Tür geöffnet. Hier wird deutlich, dass die Forderung nach einem eurasischen Friedensraum nur anzustreben ist, wenn dies tatsächlich transnational gedacht und unabhängig von nationalchauvinistischer und völkischer Verformung entwickelt wird. Davon dürften wir allerdings weit entfernt sein.
Wie wird sich die EU nun verhalten? Viele offene Fragen.
Wird Europa ebenfalls weiter hochrüsten oder eine friedensstiftende Macht sein, die ihre politische und ökonomische Macht prioritär auf diplomatischem Wege friedensbewahrend einsetzt? Wird die EU weiterhin einen eher militärisch bestimmten Kurs im Krieg in der Ukraine fahren oder wird sie vor allem diplomatische Initiativen und Kompromisslösungen unterstützen, die für alle beteiligten Akteure anschlussfähig sind?
Wird sie sich aus Verhandlungsprozessen ausgrenzen lassen, oder wird die EU selbstbewusst die Partizipation am Verhandlungsprozess, z.B. im Rahmen der OSZE-Gremien, einfordern?
Wie wird sich ein Staat, wie z.B. die ökonomisch starke Bundesrepublik Deutschland, hier einbringen – als Vertreter von Diplomatie und Multilateralität oder als Vertreter einer Militarisierung der EU?
Wird die EU in Auseinandersetzung mit den globalen Großmächten (USA, Russland, China) sich dafür einsetzen, dass Atomsprengköpfe und Trägerraketen verringert werden bis hin zum völligen Verbot nuklearer Waffen, dass Tellerminen verboten, chemische und biologische Waffen weiterhin vernichtet werden, dass die konventionelle Rüstungsindustrie sich in eine Friedensindustrie konvertiert?
Wird die EU den Export von Waffen in Spannungsgebiete verbieten oder ihn weiter wie bisher betreiben? Wird die EU darauf bestehen, dass Staaten, Gruppierungen und Unternehmen, die zur Umweltzerstörung durch den Einsatz von Waffentechnik beitrugen, zur Finanzierung der Schadensbeseitigung herangezogen werden? Oder wird die EU die Rüstungsindustrie im Rahmen ihrer Taxonomie als nachhaltig einstufen und den Nachhaltigkeitsbegriff erneut pervertieren?
Wird die EU ihre im Rahmen von GASP und PESCO[7] angestrebte Erhöhung der nationalen Wehretats auf einen Anteil von zwei Prozent am Bruttoinlandsprodukt - und nun auch angesichts der US-Forderungen auf fünf Prozent - zugunsten eines höheren Etats für internationale Entwicklungsaufgaben, insbesondere zur Bekämpfung des Welthungers, aufgeben [10]?
Wird ein Abbau eigenständiger nationaler militärischer Strukturen zugunsten gesamteuropäisch koordinierter Verteidigungsbemühungen zur aggressiven Militarisierung der EU oder zu einer erheblichen Friedensdividende führen, mit deren Erlös die globalen Probleme angegangen werden können?
Oder wird die EU den russischen Überfall auf die Ukraine zu einer langfristig angelegten Aufrüstung nutzen zulasten der internationalen Entwicklungsförderung und hierdurch Fluchtbewegungen verstärken und den Migrationsdruck erhöhen?
Lässt sich etwa die Finanzierung des umstrittenen "Future Combat Air System" (FCAS) mit einer Kombination aus Atomwaffen tauglichen Tarnkappenbombern, begleitenden Drohnenschwärmen sowie digital vernetzten Kampfmitteln wie Kriegsschiffen und Panzern neuerer Generation noch verhindern, welches der Rüstungsindustrie Milliardengewinne beschert und die Zukunftsressourcen Europas mit diesem gigantischen Zerstörungsprogramm an militärische Destruktivität bindet?
Oder erledigt sich etwa FCAS von allein, da sich die verschiedenen nationalen Rüstungsindustrien nicht auf ihren Anteil an den entstehenden Renditen einigen können?
Von der Beantwortung der meisten dieser Fragen wird auch die Beurteilung abhängen, ob die Verleihung des Friedensnobelpreises für die Europäische Union vorschnell oder tatsächlich berechtigt gewesen war.
Die EU als transnationale Chance
Auf jeden Fall liegt in der Europäischen Union immer noch eine große Chance begründet, nationalstaatliche Grenzen – trotz aller Rückschläge – Schritt für Schritt zugunsten einer Konsolidierung und einer Weiterentwicklung der EU zu überwinden, damit einerseits die nationalstaatlichen bzw. nationalchauvinistisch begründeten Kriegsideologien innerhalb Europas weiterhin zu entschärfen und andererseits zu einer transnationalen und überregionalen Handlungsperspektive hinsichtlich einer globalen Sicherheitspolitik in Verbindung mit der OSZE und den Vereinten Nationen zu finden.
Eine eskalierende Aufrüstung und Militarisierung der EU sind daher – auch im Zuge des Ukraine-Kriegs – nicht als zwingend anzusehen. Auch wenn sich vieles noch verbessern ließe: Kein anderer transnationaler Staatenverbund im globalen Kontext weist eine derartige Historie gemeinsamer Verständigung, einer Abkehr von zwischenstaatlicher Aggression bei gleichzeitiger Entwicklung gemeinsamer demokratischer Institutionen und Verfahren wie die EU auf.
Das historische Gedächtnis der EU-Staaten könnte eine zentrale Rolle spielen, die in den letzten Jahrhunderten vielfach erlebt haben, wie vernichtend sich militärische Aggression auf das Zusammenleben der europäischen Staaten und die Existenzen ihrer Bürger auswirkte.
Sicherlich wird auch eine Rolle spielen, wer sich durchsetzen wird: Die Wirtschaftskräfte, die von einer weiteren Aufrüstung profitieren, oder die auf den internationalen Handel und damit auf friedliche Verhältnisse angewiesene Wirtschaftssektoren der EU. Denn: Noch immer leben wir – auch in der EU – unter kapitalistischen Verhältnissen, im Rahmen derer verschiedene Kapitalfraktionen miteinander um Renditen konkurrieren und versuchen Einfluss auf die internationale Politik zu nehmen.
Abrüstung in Zeiten militärischer Eskalation?
Es wäre allerdings Ausdruck politischer Naivität zu glauben, dass eine transnationale Organisation wie die EU derzeit angesichts der russischen Aggression sowie weiterer militärisch hochgerüsteter Staaten einseitig abrüsten und nur auf zivile Friedenssicherung setzen sollte. Insbesondere die Drohnen- und Raketenabwehr sind auszubauen.
Dennoch muss eine maßlose Aufrüstung in der EU vermieden werden, da eine weitere militärische Eskalation in Europa verhindert werden sollte und die finanziellen Ressourcen für andere prioritäre Ziele, wie z.B. die Bekämpfung der Klimakrise und gegen die Verarmung eines Teils der EU-Bevölkerung, dringend einzusetzen sind.
Zu glauben, dass eine eskalierende Rüstungsspirale [11] im Rahmen einer Politik gegenseitiger Abschreckung Kriege verhindern kann, ist historisch vielfach widerlegt. Hochgerüstete Staaten versuchen ihren Vorteil in der Regel in aggressive Kriegshandlungen umzusetzen.
Dies bedeutet somit im Zuge eines anzustrebenden Einfrierens und späteren Verringern europäischer Militärausgaben eine Erhöhung der Anstrengungen europäischer Koordination und zentraler Steuerung der europäischen Militärpolitik. Die Überwindung des weitgehend isolierten Betreibens nationaler Rüstungs- und Militärpolitik würde erhebliche Synergie- und erhebliche Einspareffekte mit sich bringen sowie die sicherheitspolitische Effizienz verbessern helfen, ohne weitere finanzielle Ressourcen einsetzen zu müssen.
Hierbei ist die Notwendigkeit zu betonen, auch unabhängiger von den USA zu werden, der in der Vergangenheit ebenfalls erhebliche Verstöße gegen die Menschenrechte international nachgewiesen werden können (z.B. Napalm- und Agent Orange-Einsatz in Vietnam, der 2. Irakkrieg unter einem gefälschten Vorwand oder die aktuellen völkerrechtswidrigen Übergriffe in Venezuela).
Auch steht das nationalchauvinistische "America first" der USA sicherlich den friedenspolitischen Intentionen einer zu sich selbst findenden EU entgegen. Insbesondere die neue im November 2025 veröffentlichte Nationale Sicherheitsstrategie [12] der USA macht auch die Distanzierung von der EU von Seiten der USA deutlich.
Die derzeitige Trump-US-Außenpolitik betrachtet die Europäische Union nicht mehr als Verbündeten, sondern als einen kontinentalen Gegner, gegen den es den inneren national-chauvinistisch orientierten Widerstand zu unterstützen gelte. Die USA bekunden offensiv, dass sie in die demokratische Entwicklung in der Europäischen Union eingreifen, die nationalchauvinistische Parteien stärken sowie die EU spalten wollen.
Auch ist nicht gesichert, ob sich die zumindest derzeit noch weitgehend formaldemokratischen Strukturen in den USA zukünftig erhalten lassen. Hier war die Wiederwahl Trumps Ende 2024 eine Katastrophe für das politische System der USA, das auch ohne dies reformbedürftig war. Doch von einer zunehmend zu einer unsicheren und schwachen Demokratie bzw. einer autoritären und nationalchauvinistischen Großmacht kann sich die EU zukünftig nicht mehr abhängig machen – selbst wenn derzeit das Umfragependel in den USA wieder in eine andere Richtung schwingt.
Das im Frühjahr 2025 vorgelegte Weißbuch und das für vier Jahre angelegte Aufrüstungsprogramm der EU setzt nicht auf die Priorität von Verhandlungslösungen z.B. im Rahmen der OSZE. Auch das von der amerikanischen Regierung Ende 2025 vorgelegte Nationale Sicherheitskonzept, das die EU als systemischen Gegner ansieht, macht dies nicht leichter.
Aber gerade die sich abzeichnende Kooperation zwischen den USA und Russland verweisen auf die Notwendigkeit, dass die EU ein neues Selbstverständnis als verteidigungsfähige Friedensmacht entwickelt, die sich nach innen weiter demokratisiert, sich geschlossener als bisher zeigt und nach außen friedenspolitische Impulse handelnd entwickelt.
Auf die Zukunft gerichtete Entwicklungsvorstellungen sind hierbei auf Strategien zu richten, die über größere Zeiträume hinweg zu denken sind. Auch in den USA werden die Republikaner nicht immer das Sagen haben, auch in Russland wird es mittelfristig Gegenbewegungen geben.
Fazit und Fußnoten
Die Europäische Sicherheitspolitik könnte – trotz gegenwärtig gegenläufiger Tendenzen – zu einer global vernetzten Friedenspolitik und einer demokratisch kontrollierten globalen Sicherheitsarchitektur führen, wenn sie sich von einer zu engen Bindung an die USA und die Nato löst, sich von ihrem neoliberalen Regime befreit und zu einer sozial gerechten und ökologisch verträglichen Politik findet, sich aus der Umklammerung des militärisch-ökonomischen Komplexes begibt, sich auch auf die Beseitigung des sozialen Gefälles innerhalb der EU und stärker auf die Entwicklungszusammenarbeit mit den EU-Nachbarstaaten bezieht.
Dort könnte sie zur Stabilisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse im Interesse der dortigen Bevölkerungsmehrheit im Sinne einer an sozialem Ausgleich, wirtschaftlichem Fortschritt, friedlichem Zusammenleben, an Verteilungsgerechtigkeit und an Nachhaltigkeit orientierten Politik beitragen.
EU-Sicherheitspolitik sollte daher nicht als Aufrüstungsprogramm und Kriegspolitik, sondern prioritär als Friedenspolitik verstanden werden, die primär auf synergetischer Sicherheitspolitik, multilateraler Verständigung und auf Diplomatie und Verhandlungsgeschick beruht.
Eine weitere Formulierung wäre wünschenswert gewesen: Russland sollte hierbei nicht als Gegner im Rahmen einer sich verschärfenden internationalen Konfrontation angesehen werden, sondern, solange die Möglichkeit noch besteht, als ein Verhandlungspartner der EU, mit dem es auf diplomatischem Wege für die Weiterentwicklung beider Regionen sicherheitspolitisch, ökonomisch, kulturell und ökologisch zu kooperieren gilt.
Diese Möglichkeit ist derzeit aber aufgrund der russischen Aggression in der Ukraine und dem russischen Beharren auf ihren Landraub nur noch eingeschränkt vorhanden. Dennoch sollte die kooperative Perspektive im Sinne einer auf Diplomatie und Verträgen sowie politischer und wirtschaftlicher Zusammenarbeit basierenden Sicherheitspolitik zumindest mittelfristig handlungsleitend für die Politik der Europäischen Union in Bezug auf die Russische Föderation sein. Hierzu sind dringend die Gremien der OSZE als legitime Koordinations- und Vermittlungsinstanz heranzuziehen.
Auch wenn die EU – angesichts der russischen Angriffe auf die Ukraine und der internationalen Unzuverlässigkeit der gegenwärtigen US-Regierung unter Trump und Vance – 2025/26 einen Weg der militärischen Abschreckung mit massiven Aufrüstungsmaßnahmen gehen will, sind diese Forderungen nach verstärkter Diplomatie und internationaler Zusammenarbeit unter Einbezug aller beteiligten Akteure dennoch weiterhin gültig.
Die Hoffnung auf eine selbstbewusste Europäische Union als Friedensmacht sollte mittelfristig nicht aufgegeben werden. Auch wenn die gegenwärtigen EU-Verhandlungsformate und -ergebnisse hinsichtlich des Kriegs in der Ukraine eher in eine konfrontative Richtung zeigen.
Anmerkungen und Quellen:
[1] Obwohl sich die gegenwärtigen Ereignisse im Zusammenhang mit Aktivitäten der EU überschlagen, ständig neue Prozesse zu beobachten sind, soll mit dem vorliegenden Artikel eine längere, zumindest mittelfristige zeitliche Perspektive für eine friedenspolitische Neuorientierung der EU entworfen werden.
[2] Ruf, Werner (2018): Die vielen Gesichter der EU: Vom Friedensprojekt zur Festung Europa. In: Eis, Andreas/Moulin-Doos, Claire (Hrsg.) (2018): Kritische politische Europabildung – Die Vielfachkrise Europas als kollektive Lerngelegenheit. Opladen/Berlin/Toronto: Verlag Barbara Budrich, 91-105.
[3] Sicherlich hat der russische Überfall auf die Ukraine eine Vorgeschichte. Doch die Entscheidung der osteuropäischen Staaten, sich auf eine eine Nato-Aufnahme zu einzulassen, ist eine sicherheitspolitische Entscheidung autonomer Staaten und kann nicht als Rechtfertigung für Russlands Angriff dienen. Kein Staat darf nur als ‚Vorhof‘ der eigenen geostrategischen Interessen betrachtet werden. Dies gilt sowohl für Russland als auch natürlich für die Vereinigten Staaten.
[5] Vgl. zu den notwendigen Angeboten an die Ukraine und Russland: Moegling, Klaus (2024): Nach dem Ukraine Konflikt: Wege zu Frieden und Sicherheit in Europa. Teil II. In: Telepolis [14], 23.7.2024
[6] Vgl. Roithner, Thomas (2020): Verglühtes Europa? Alternativen zur Militär- und Rüstungsunion. Vorschläge aktiver Friedenspolitik. Wien: myMorawa,, 213f. und vgl. Ruf, Werner (2020): Vom Underdog zum Global Player. Deutschlands Rückkehr auf die Weltbühne. Köln: PapyRossa Verlag.
[7] GASP = Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik (der EU), PESCO = Permanent Structured Cooperation (bezieht sich primär auf gemeinsame militärische Projekte der EU)
Prof. Dr. Klaus Moegling, habilitierter Politikwissenschaftler i.R., Website [15]. Er lehrte zuletzt an der Universität Kassel als apl. Professor im Fb Gesellschaftswissenschaften. Er ist Autor des im open Access [16] veröffentlichten Buches „Neuordnung. Eine friedliche und nachhaltig entwickelte Welt ist (noch) möglich.“
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Auch bei Richterwahlen gilt: Abgeordnete dürfen nicht zur Fraktionstreue gezwungen werden. Das Grundgesetz kennt keine Ausnahme. Ein Kommentar.
Der Satz fiel beiläufig, fast routiniert. Bei Richterwahlen, sagte die Verfassungsrechtlerin Frauke Brosius-Gersdorf [1] in der Markus-Lanz-Sendung vom 17. Dezember 2025, gehe es nicht um Gewissensentscheidungen, sondern um Fraktionsdisziplin.
Politisch mag das manchem vertraut vorkommen. Verfassungsrechtlich ist es ein Satz mit Sprengkraft.
Art. 38 Abs. 1 Satz 2 GG formuliert bewusst scharf. Abgeordnete [3]sind Vertreter des ganzen Volkes, „an Aufträge und Weisungen nicht gebunden und nur ihrem Gewissen unterworfen“. Das Bundesverfassungsgericht hat diesen Satz nie als bloßes Ideal verstanden, sondern als einklagbares Statusrecht des einzelnen Abgeordneten (BVerfGE 80, 188 [218 ff.] – Wüppesahl).
Dabei schützt Art. 38 GG nicht nur den Moment der Stimmabgabe. Geschützt ist die gesamte innere Willens- und Gewissensbildung: Information, Beratung, Abwägung, Entscheidung. Jede Einflussnahme, die diesen Prozess strukturell steuert oder verengt, berührt den Kern des freien Mandats (BVerfGE 44, 308 [316 f.]).
Richterwahlen sind kein verfassungsfreier Raum
Gerade bei Richterwahlen ist der Gewissensbezug kein störender Fremdkörper, sondern verfassungsrechtlich intendiert. Wer über die Besetzung höchster Gerichte entscheidet, wirkt an der Selbstbindung der staatlichen Gewalt mit. Das Bundesverfassungsgericht hat wiederholt betont, dass der Abgeordnete Träger persönlicher Verantwortung bleibt – auch dort, wo politische Koordination sinnvoll oder üblich erscheint.
Das Grundgesetz kennt keinen Bereich parlamentarischer Entscheidungen [4], in dem das Gewissen suspendiert wäre. Auch nicht zugunsten vermeintlicher Funktionsfähigkeit.
Fraktionsdisziplin – zulässig, aber begrenzt
Das Gericht verkennt nicht die Realität parlamentarischer Arbeit. Fraktionen [5]sind notwendige Organisationsformen politischer Willensbildung (BVerfGE 80, 188 [231]). Unzulässig ist jedoch jeder rechtlich oder faktisch erzwingbare Fraktionszwang.
Sanktionen dürfen den Mandatskern nicht treffen. Mandatsverlust, rechtlich einklagbare Weisungen oder normative Verpflichtungen zu bestimmtem Abstimmungsverhalten sind ausgeschlossen. Zulässig bleibt allein politischer Einfluss [6] – Überzeugung, nicht Zwang.
Gerade deshalb ist öffentliche Rhetorik nicht neutral. Wenn Gewissensentscheidungen als sachfremd oder unzulässig dargestellt werden, entsteht struktureller Druck, der die Freiheit der inneren Entscheidung beeinträchtigen kann. Das Bundesverfassungsgericht misst auch solchen faktischen Beeinträchtigungen verfassungsrechtliches Gewicht bei (vgl. BVerfG, Beschl. v. 17.09.2013 – 2 BvR 2436/10, Rn. 92 ff.).
Verantwortung der Verfassungsjuristen
Problematisch ist nicht, dass diese Aussage aus dem politischen Raum stammt. Problematisch ist, dass sie von einer Verfassungsrechtlerin kommt. Wer das Grundgesetz [7]interpretiert, prägt den verfassungsrechtlichen Horizont des politisch Sagbaren.
Das freie Mandat ist kein Relikt aus Zeiten geringerer Parteidisziplin. Es ist die bewusste Lehre aus einer parlamentarischen Geschichte [8], in der Konformität über Verantwortung triumphierte.
Art. 38 GG schützt den Abgeordneten gerade gegen die Zumutung, Gewissensentscheidungen [9]zu delegieren – an Fraktionen, Parteiführungen oder politische Zweckmäßigkeit.
Demokratie braucht das unbequeme Gewissen
Die repräsentative Demokratie lebt nicht von reibungsloser Gefolgschaft, sondern von persönlicher Verantwortung [10]. Wo das Gewissen als Störfaktor behandelt wird, wird das Parlament funktional – aber nicht frei.
Man muss der zitierten Äußerung keine böse Absicht unterstellen, um sie für verfassungsrechtlich bedenklich zu halten. Es genügt, das Grundgesetz ernst zu nehmen.
Denn das Gewissen des Abgeordneten ist kein Luxus. Es ist Verfassungsauftrag.
Ralf Mydlak ist Rechtsanwalt und betreibt unter anderem einen Mietrechtsblog. [11]
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Erste Computer mit menschlichen Neuronen sind im Handel. Sie sollen effizienter sein oder der Hirnforschung dienen. Doch Forscher warnen vor ethischen Risiken.
In einem Labor am Genfer See sitzen winzige Klumpen menschlicher Hirnzellen in einer Nährlösung und warten auf Aufträge. Diese Gebilde, etwa so groß wie ein Sandkorn, können elektrische Signale empfangen und darauf reagieren – ähnlich wie Computer. Forschungsteams aus aller Welt können diesen Zellklumpen Aufgaben schicken, darauf hoffen, dass diese die Informationen verarbeiten und ein Signal zurücksenden.
Willkommen in der Welt der Biocomputer. In einer Handvoll akademischer Labore und Unternehmen züchten Forscher menschliche Neuronen und versuchen, sie in funktionsfähige Systeme zu verwandeln, die biologischen Transistoren entsprechen. Manche Entwickler argumentieren, dass diese Biorechner eines Tages die Leistung eines Supercomputers bieten könnten, ohne dessen enormen Energieverbrauch.
Zwanzig Watt
Informatiker neiden dem menschlichen Gehirn seit Langem seine erstaunliche Energieeffizienz. Mit weniger als 20 Watt – gerade genug für einen kleinen Tischventilator – können seine Milliarden Neuronen das Äquivalent von einer Trillion Rechenoperationen pro Sekunde durchführen. Die besten Supercomputer können diese Geschwindigkeit erreichen, verbrauchen dabei aber eine Million Mal mehr Strom.
Biocomputing geht nun zurück zum biologischen Ausgangsmaterial. Ausgehend von induzierten pluripotenten Stammzellen, die in fast jeden Zelltyp umprogrammiert werden können, züchten Forscher Gemeinschaften von Hirnzellen und pflegen sie mit Nährstoffen und Wachstumsfaktoren.
Um mit ihnen zu kommunizieren, setzen Forscher die Zellen auf Elektroden-Arrays und senden ihnen Signale und Befehle als Sequenzen elektrischer Pulse. Diese Signale verändern die Art, wie Ionen in die Neuronen hinein- und hinausfließen, und können einige Zellen dazu veranlassen, ein elektrisches Signal abzufeuern. Die umgebende Silizium-Architektur kann diese Signale erkennen und Algorithmen verwenden, um sie in nutzbare Informationen umzuwandeln.
Der gängigste Biocomputing-Ansatz züchtet Neuronen [1] als dreidimensionale Cluster, sogenannte Organoide. Die Zusammensetzung dieser Hirnzell-Gemeinschaften variiert, je nachdem, wie sich die Stammzellen differenzieren, fasst aber typischerweise Neuronen mit den Zellen zusammen, die sie unterstützen (Astrozyten, Oligodendrozyten).
Braille-Buchstaben "lesen"
Ende August berichteten [2] Benjamin Ward-Cherrier und seine Kollegen von der Universität Bristol von der Verwendung menschlicher Gehirnorganoide mit jeweils etwa 10.000 Neuronen, um Braille-Buchstaben zu "erkennen". Sie nutzten zunächst einen Roboter mit einem taktilen Sensor, um die Buchstaben zu lesen.
Dafür wandelten die Buchstaben in Muster elektrischer Pulse um, die sie durch eine Reihe von acht Elektroden neben der Oberfläche des Organoids sendeten. Diese Elektroden zeichnen die kollektive Aktivität vieler benachbarter Neuronen auf.
Die Forscher wollten herausfinden, ob die Muster der signalgebenden, "feuernden" Neuronen im Organoid je nach Stimulationsmuster unterschiedlich waren und ob ihre Reaktionen konsistent waren.
Pong "spielen"
Die Ergebnisse zeigten, dass ein einzelnes Organoid, wenn es elektrische Pulse erhielt, die bestimmten Buchstaben entsprachen, im Durchschnitt in 61 Prozent der Fälle charakteristische konsistente Antworten gab. Wenn die Antworten von drei Organoiden kombiniert wurden, stieg dieser Wert auf 83 Prozent.
Die Organoide konnten also eine einfache Verarbeitungsaufgabe ausführen: Zwischen Eingaben unterscheiden und sie identifizieren.
Mit einer anderen Trainingsmethode gelang [3] es Cortical Labs, einem Unternehmen mit Sitz in Melbourne, sogar, im Labor gezüchtete Hirnzellen dazu zu bringen, das Computerspiel Pong aus den 1970er Jahren zu "spielen". Doch nicht nur ihre Trainingsmethode differiert von der ihrer Kollegen in Bristol: Anstatt mit Organoiden zu arbeiten, entschieden sie sich dafür, Netzwerke von Zellen in Petrischalen zu züchten.
Fünftausend Dollar Monatsmiete
Weil die Ein- und Ausgaben aus elektrischen Signalen bestehen, ist es einfach, Zugriff auf die Organoide über das Web anzubieten. So steht der Braille-lesende Roboter in Ward-Cherriers Labor in Bristol, doch die Gehirnzellen werden beim Unternehmen FinalSpark im Schweizerischen Vevey gezüchtet und sind dort auch untergebracht.
Wie Natureberichtet [4], erhalten ausgewählte akademische Gruppen, wie die von Ward-Cherrier, kostenlosen Zugang zu FinalSpark-Organoiden, und viele Teams haben sich dafür angemeldet.
Ein Team an der University of Michigan testet beispielsweise verschiedene Arten von Stimulationen, um zu sehen, wie sich die Zellverbände verhalten. Forscher an der Freien Universität Berlin konzentrieren sich darauf, wie Werkzeuge des maschinellen Lernens die Informationen aus neuronalen Reaktionsmustern am besten extrahieren können.
Private Unternehmen können gegen monatliche Gebühren von 5.000 US-Dollar auch einen exklusiven Online-Zugang zu einem Organoid-System bekommen. Und viele tun das. Anders als bei der Arbeit akademischer Gruppen weiß FinalSpark allerdings nicht, wofür zahlende Kunden die Organoide verwenden.
Reflexen ähnlicher als Entscheidungen
Viele Organoid-Nutzer, die komplexere Aufgaben ausführen lassen wollen, bemühen sich darum, die Neuronen zu trainieren und zielgerichtetes Verhalten zu fördern. Denn derzeit haben die Reaktionen von FinalSparks im Labor gezüchteten Organoiden noch mehr mit den Reflexen gemeinsam als mit Entscheidungsfindungen.
Ein Weg das Lernen neuronaler Systeme zu fördern, besteht zum Beispiel darin, Neurotransmitter wie Dopamin zuzuführen. Dopamin bringt die Neuronen dazu, eher zu reagieren und stärkt die Synapsen, die sie verbinden. Das macht es wahrscheinlicher, dass auf einen bestimmten Reiz dieselbe neuronale Reaktion wiederholt wird.
Cortical Labs hat mittlerweile ein modulares System entwickelt, das immer größer werdende Gruppen einzelner Zellklumpen mit je höchstens 1.000 Neuronen verbinden kann. Jede Zellkultur kann allerdings nur etwa sechs Monate genutzt werden, bevor sie ersetzt werden muss. Das Team in Melbourne arbeitet nun daran, zu demonstrieren, dass sein System handgeschriebene Ziffern und Symbole identifizieren kann.
Der erste Desktop-Biocomputer
Auch Cortical Labs bietet interessierten Kunden Online-Zugang zu seinen neuronalen Zellkulturen. Doch ist das australische Unternehmen noch einen Schritt weitergegangen und verkauft ein Gerät, was es den weltweit ersten biologischen Computer [5] nennt, den CL1.
Bei einem Preis von 35.000 US-Dollar kombiniert das Gerät die kultivierten Neuronen mit einer programmierbaren Schnittstelle, die es Nutzern ermöglicht, Befehle zu erteilen und die elektrischen Reaktionen zu analysieren. Es hat bereits eine Handvoll an Labore weltweit verkauft und versandt, mit weiteren Bestellungen auf dem Weg, sagt Kagan.
Viele Nutzer wollen die sogenannte Wetware [6] mit KI verbinden oder forschen an Echtzeit-Kontrollsystemen. Einige versuchen sogar, die Hirnzellen zu verwenden, um Unterhaltungsanwendungen zu entwickeln, einschließlich Musik und Spielen.
Die Frage nach der Ethik
Andere sind daran interessiert, Prinzipien der grundlegenden Neurowissenschaft zu studieren, oder zu untersuchen, ob die Zellverbände als Biomarker nutzbar gemacht werden können. Neuronale Organoide werden viel häufiger für grundlegende neurowissenschaftliche Forschung als für Biocomputing-Anwendungen verwendet.
Auch Cortical Labs wirbt für seine Biocomputer mit dem Argument, dass sie Tierversuche ersetzen könnten.
Dieser Gruppe von Forschern ist es wichtig, klarzustellen, dass eine Zellkultur kein Bewusstsein oder Empfindungen entwickeln kann. Madeline Lancaster von der University of Cambridge zum Beispiel, nutzt neuronales Gewebe zur Erforschung von nerologischen Erkrankungen und betont [7], dass ein Zellhaufen aus Neuronen kein Gehirn ist und nicht denken kann.
Dahinter steht die Befürchtung, dass Diskussionen darüber, ob solche Kulturen bewusst und empfindungsfähig sein könnten, weitreichende Forderungen nach Regulierung nach sich ziehen, denn die Schaffung von Bewusstsein und Empfindungsfähigkeit löst berechtigterweise ganz erhebliche ethische Vorbehalte [8] aus.
Wo verläuft die Grenze?
Doch die neuronalen Organoide in Alysson Muotris Labor an der University of California, San Diego enthalten jeweils immerhin etwa 2,5 Millionen Neuronen verschiedener Typen. Zum Vergleich: Ein menschliches Gehirn besteht aus etwa 86 Milliarden Zellen.
Und mit diesen deutlich größeren Zellverbänden wollen Muotri und seine Kollegen auch deutliche komplexere Aufgaben lösen: Sie wollen, dass ihr Biocomputer die Pfade möglicher Ölverschmutzungen im Amazonas-Dschungel prognostiziert. Das von einer Ölfirma finanzierte Projekt soll bis 2028 abgeschlossen sein.
Was die Leistungsfähigkeit seiner Organoide aus menschlichen Gehirnzellen angeht, ist Muotri denn auch deutlich optimistischer als seine Kollegin in Cambridge. "Organoide haben die Grundlagen der menschlichen Kognition", sagt er und äußert die Hoffnung, dass sie eines Tages sogar mit Quantencomputern konkurrieren. Zumindest aber könnten Biocomputer eine bedeutende Entwicklung in der IT werden, weil die Systeme nicht viel Energie brauchen.
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Links in diesem Artikel: [1] https://de.wikipedia.org/wiki/Nervenzelle [2] https://arxiv.org/abs/2508.20850 [3] https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0896627322010339 [4] https://www.nature.com/articles/d41586-025-03633-0 [5] https://www.heise.de/en/news/CL1-is-the-first-commercial-computer-with-human-brain-cells-10312614.html [6] https://en.wikipedia.org/wiki/Wetware_computer [7] https://www.weh.ox.ac.uk/news/human-brain-organoids-the-science-the-ethics [8] https://www.sciencealert.com/computers-made-from-human-brain-tissue-are-coming-are-we-prepared
Kleine, aber interessante Meldungshäppchen vom News-Buffet zu GitHub, Kubernetes, TypeScript, Kotlin, State of HTML, Delphi, Next.js, GitLab und LangGrant.
Die beliebten Developer-Snapshots haben wir neu in leckere Häppchen verpackt. Inhaltlich bleibt alles beim Alten – ein kleiner Überblick über alles, was es zwar nicht in die News geschafft hat, wir aber dennoch für spannend halten:
Die Cloud Native Computing Foundation (CNCF) wirft einen Blick zurück und einen nach vorne: Kubernetes hat in diesem Jahr [1] einige stabile Features hinzugewonnen, darunter Sidecar Containers in Version 1.33 und das Beschränken anonymer Anfragen auf spezifische Endpunkte in Version 1.34. Im kommenden Jahr sollen unter anderem User-Namespaces für HostNetwork-Pods, robuste Image-Pull-Autorisierung und Pod-Zertifikate für mTLS hinzukommen.
Microsoft hat verkündet, dass die C++-Code-Editierungswerkzeuge für GitHub Copilot [2] nun als öffentliche Preview vorliegen. Sie sind in der neuesten Insider-Version von Visual Studio 2026 verfügbar und bieten dem KI-Copiloten neue Möglichkeiten wie das Visualisieren von Klassenvererbungshierarchien oder das Verstehen von Metadaten wie Typ, Deklaration und Scope.
Der State of HTML Report für 2025 [3] ist erschienen und legt dieses Jahr einen Schwerpunkt auf die frei geschriebenen Antworten der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die sie „bei bestimmten Problembereichen“ abgegeben haben.
Für TypeScript veröffentlicht Google [4] ein Agent Development Kit, mit dem Entwicklerinnen und Entwickler Agenten in TypeScript entwerfen und orchestrieren. Darüber hinaus bietet es Tools für Debugging, Testing und Deployment im Ökosystem von Google.
Kotlin 2.3 unterstützt nun Java 25 [7] in der JVM, ist kompatibel zu Gradle 9, bietet einen Swift-Export, verbessert das Parsen von UUIDs und prüft den Code auf ungenutzte Returns.
Embarcadero hat Delphi 13 und das zugehörige RAD Studio [8] mit C++-Builder angekündigt. Dieser basiert auf Clang 20 und unterstützt C++ 23. Für Delphi gibt es einen kurzen Ternary Operator mit if … then …. Außerdem vervollständigt das RAD Studio die Unterstützung von Windows 64bit als Compiler-Ziel.
Next.js 16.1 bringt ein Update [9] für Turbopack und einen experimentellen Bundle Analyzer. Mit diesem interaktiven Tool optimieren Entwicklerinnen und Entwickler ihren Code. Eine Vereinfachung gibt es zudem für den Debugger, der sich mit next dev --inspect aufrufen lässt.
Mit Version 18.7 integriert GitLab künstliche Intelligenz stärker [10] in die Plattform, beispielsweise bei der Diagnose abgebrochener Pipelines oder beim statischen Testen. Die generelle Verfügbarkeit der Duo-Agenten-Plattform ist für den Januar mit Version 18.8 angekündigt.
LangGrant (vormals Windocks) hat den LEDGE MCP-Server vorgestellt [11], der helfen soll, die Entwicklung agentenbasierter KI zu beschleunigen. Die Plattform soll es ermöglichen, das Reasoning von LLMs über mehrere Datenbanken wie Oracle, SQL Server, Postgres oder Snowflake hinweg zu skalieren und mehrstufige Analysepläne auszuführen – ohne dass dabei Daten an das LLM gesendet werden müssen.
Solltest du ein schmackhaftes Thema vermissen, freuen wir uns über deine Mail [12].
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Die meistgelesenen Fachartikel des Jahres umfassen eine große Spannbreite an Themen, darunter Beiträge zu KI, Entwurfsmustern, RCS, Architektur und Angular.
Das Jahr 2025 neigt sich allmählich dem Ende zu. Daher ist es an der Zeit, dass wir als Redaktion die beliebtesten Artikel des Jahres auf heise developer in einem Beitrag zusammenfassen. Dieses Jahr findet sich in den Top 10 eine bunte Mischung von Angular Signals, KI-Agenten, Tools und Entwurfsmuster.
Die Liste klammert bewusst die News aus. Die Top-Themen des Jahres in den Meldungen auf heise Developer erscheinen in den kommenden Tagen in einem separaten Beitrag.
Auf Platz 10 der meistgelesenen heise-Developer-Artikel 2025 steht Nicolai Wolkos Analyse von Angular Signals [5]. Er gibt an, dass die mit Angular 17 eingeführten Signals im UI zwar elegante Reaktivität ermöglichen, in der Applikationslogik aber zur Architekturfalle werden können. Grund ist, dass effect() unkoordiniert auf jede Mutation reagiert, implizite Kopplungen erzeugt und asynchrone Abläufe schwer kontrollierbar macht. Wolko empfiehlt daher, Signals auf UI-nahe Zustände und nebenwirkungsfreie Ableitungen zu beschränken und komplexe Geschäftslogik klar getrennt und architektonisch sauber zu modellieren.
Platz 9: CodeCharta: Software-Qualität sichtbar machen durch Stadtvisualisierung
Andreas Blunk erläutert, wie das Open-Source-Tool CodeCharta Softwarequalität sichtbar [7] macht, indem es Codebasen als Stadtlandschaften visualisiert. Dateien werden zu Gebäuden, deren Grundfläche Codezeilen, deren Höhe Komplexität und deren Farbe die Testabdeckung repräsentieren. Am Beispiel eines Sanierungsprojekts der Deutschen Bahn wird sichtbar, wie sich wenige hohe, rote Blöcke schrittweise in eine fein granulare, überwiegend grüne Stadt mit geringerer Komplexität verwandeln – inklusive markierter „Wolkenkratzer“ als verbleibende technische Schulden.
Platz 8: Warum viele Teams mit Monolithen besser fahren als mit Micro-Frontends
Nicolai Wolko belegt auch Platz 8 des Rankings und macht deutlich, warum der Hype um Micro-Frontends abflaut [9] und viele kleinere Teams mit modularen Monolithen besser fahren. Er plädiert mit Umfragedaten, Praxisberichten und Code-Audits für Einfachheit und warnt davor, ohne echte Gründe überall Micro-Architekturen einzuführen, weil sonst nur ein „verteilter Monolith“ mit hohem Infrastrukturballast entsteht. Als pragmatischen Standard empfiehlt er den Modulith mit klar getrennten Modulen, gemeinsamem Deployment, guter Performance und niedrigeren Betriebskosten.
Platz 7: GPT-5 im Vergleich: Softwareentwicklung sehr gut, Kreativität nur ausreichend
Christian Winkler zeichnet GPT‑5 [11] als leistungsfähiges, aber weitgehend intransparentes Routing-Modell, das je nach Anfrage ein Reasoning-Modell zuschaltet, Wissens- und Programmieraufgaben meist souverän löst, in Einzelfällen aber weiterhin logische und Rechenfehler produziert. Er ordnet erste Praxiserfahrungen und Community-Stimmen ein. Viele loben die deutlich verbesserten Fähigkeiten in der Softwareentwicklung und vermuten spezialisierte Coding-Modelle im Hintergrund, kritisieren aber gleichzeitig eine im Vergleich zu GPT‑4 spürbar geringere Kreativität, was teils auf das Routing zu einfacheren Submodellen zurückzuführen sein dürfte.
Platz 6: KI-Agenten, Teil 1: Revolution in der digitalen Produktentwicklung
Platz 6 belegt der erste Teil der Artikelreihe [13] zu KI-Agenten von Thomas Immich. Er skizziert KI-Agenten als nächste Evolutionsstufe der Softwareentwicklung: Statt dass Menschen Code per Prompt erzeugen und integrieren, planen und programmieren autonome Agenten mit Gedächtnis und Zielen selbstständig und committen wie Entwickler.
Vor diesem Hintergrund – befeuert durch Aussagen von Tech-CEOs, die das Ende des Mid-Level Engineers prognostizieren – fordert der Artikel, klassische Prozesse und Rollen in der digitalen Produktentwicklung neu zu denken. Ferner zeigt er mit Multi-Agenten-Frameworks, wie ganze virtuelle Produktteams aus spezialisierten KI-Rollen gemeinsam Software konzipieren und umsetzen.
Unter die Top-5 hat es der Artikel von Kai Weingärtner [18] geschafft. Er erklärt, wie Softwareanbieter mit Multi-Tenant-Architekturen SaaS-Anwendungen (Software as a Service) für viele Kunden gleichzeitig effizient betreiben können. Er stellt die Anforderungen an Isolation, Performance, Customizing und Abrechnung dar, vergleicht Silo-, Pool- und Bridge-Modelle für die Aufteilung von Infrastruktur und Daten und stellt heraus, dass meist das Pool-Modell aus Kostengründen vorteilhaft ist. Zudem beschreibt er die Rolle einer zentralen Control Plane, die Mandanten-Onboarding, Provisionierung, Konfiguration, Billing, Metriken und Logging mandantenübergreifend steuert, um Betrieb und Skalierung vieler Tenants beherrschbar zu machen.
Platz 4: Das Nullable-Entwurfsmuster – stressfrei testen ohne Mocks
Wie lassen sich automatisierte Tests robuster und refactoring-freundlicher gestalten, ohne in einer Mock-Wüste zu landen? Martin Grandrath stellt heraus [20], wie stark klassische, Mock-lastige Unit-Tests an Implementierungsdetails und Objektinteraktionen kleben, Refactorings ausbremsen und False Positives begünstigen – und stellt als Alternative das Nullable-Entwurfsmuster von James Shore vor. Sociable, State-based Tests arbeiten mit echten Kollaborateuren und prüfen nur sichtbares Verhalten, während „nullbare“ Implementierungen externe Side Effects (APIs, Datenbanken, Filesystem) gezielt neutralisieren. So bleiben Tests deterministisch und schnell, die Codebasis flexibler, und die Test-Suite wird pflegeleichter und widerstandsfähiger gegen Architekturänderungen.
Platz 3: Preisanstieg bei KI-Coding-Tools: The Free Lunch Is Over
Platz 3 belegt Rainer Stropek mit seinem Artikel zum Preisanstieg bei KI-Coding-Tools [22]. Er beschreibt, wie Anbieter wie Cursor und GitHub Copilot Flatrates einschränken, Nutzungsgrenzen einführen und Poweruser mit höheren Kosten und teils intransparenter Kommunikation verunsichern. Am Beispiel von Cursors Credit-System und GitHubs neuen Limits wird klar, dass Agent-Modes und stärkere Modelle massenhaft Requests erzeugen und Budgets schnell sprengen können. Firmen und Developer müssen Preise vergleichen, Nutzung überwachen und Kosten fest einplanen – die Zeit des scheinbar „kostenlosen“ KI-Boosts ist vorbei.
Platz 2: SMS war gestern: Wie RCS das Messaging revolutioniert
Marius Obert zeigt, wie Rich Communication Services (RCS) die in die Jahre gekommene SMS ablösen [25] und Funktionen wie Multimedia, Lesebestätigungen, Gruppenchats und optionale Ende-zu-Ende-Verschlüsselung direkt in die Nachrichten-App bringen. RCS verbindet die Reichweite der SMS mit dem Komfort von Messengern, reduziert durch verifizierte Absender Spam und Betrug und ermöglicht Unternehmen über RBM interaktive, API-gesteuerte Dialoge mit Buttons und Fallback auf SMS. Der Artikel zeichnet anhand von GSMA-Standardisierung, Googles Jibe, Apples Einstieg und RBM-Providern nach, wie RCS nach langem Anlauf zum plattformübergreifenden Standard reift.
Platz 1: Nachruf: Abschied von robots.txt (1994-2025)
An der Spitze unseres Rankings steht ein Nachruf auf robots.txt [27]. Henning Fries verabschiedet sie als „stille Wächterin der digitalen Höflichkeit“, die das Miteinander von Websites und Crawlern prägte und schließlich an systematischer Missachtung durch KI-Konzerne zerbrach. Der Text spannt den Bogen von den vertrauensvollen Anfängen mit Google bis zur KI-Ära, in der Bots massenhaft Inhalte saugen, ohne Traffic zurückzubringen. Cloudflare-Blocks, rechtliche Notbremsen und neue Protokollideen wirken wie späte Abwehrmaßnahmen gegen eine Datenausbeutung, die aus dem kooperativen Web eine Datenmine macht – ein bitterer Abschied von einem freiwilligen Protokoll, das genau an dieser Freiwilligkeit scheiterte.
Zum Abschluss dieser Top 10 wünschen wir allen Leserinnen und Lesern schöne Feiertage und einen guten Start in das Jahr 2026.
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Klare Architektur statt unlesbarer Kästen: Wie das C4-Modell Softwarestrukturen verständlich, konsistent und wartbar macht.
Eine Architektur mit klaren StrukturenBild:
Pixabay / Pixabay License
In der Softwareentwicklung reicht es nicht, nur den Quellcode zu kennen. Teams, die komplexe Systeme entwickeln, erweitern und betreiben, benötigen klare visuelle Abbildungen der Struktur und der Abhängigkeiten ihrer Anwendungen.
Diese visuelle Konsistenz ist der Schlüssel zu verständlicher Softwarearchitektur. Das C4-Modell von bietet ein praxisnahes Framework, um Systeme in vier Ebenen greifbar zu machen – vom großen Ganzen bis zum Code. So entsteht eine lebendige, nachvollziehbare Dokumentation, die mit dem System mitwächst.
Endlich ein KI -Film ohne Apokalypse, lebende Puppen, Dystopie oder mordendes Smart Home ! Die Werner-Herzog-Mockumentary About a Hero ist ein surrealer Trip.
Er sieht aus wie Werner Herzog, aber wir können uns da nicht sicher sein.Bild:
Film Constellation
"In 4.500 Jahren wird keine Maschine einen so guten Film machen wie ich."
Mit diesem Satz mag Regie-Ikone Werner Herzog letztlich recht behalten. Immerhin hat es jetzt die erste Maschine aber zumindest mal versucht.
About a Hero beginnt mit obenstehendem Zitat als Text und lässt dessen Urheber dann persönlich sprechen. Auf Tonband aufgezeichnet teilt Werner Herzog mit, Sprachmodell Kaspar dürfe anhand seiner Werke trainiert werden und dann versuchen, einen eigenen Werner-Herzog-Film zu kreieren. Die künstliche Intelligenz werde ohnehin scheitern, gibt der deutsche Regisseur sich gelassen und klingt dabei sogar amüsiert.
In der Mediathek von Arte gibt es About a Hero, das etwas mehr als 80 Minuten lange Ergebnis dieses Experiments, noch bis zum 21. März 2026 kostenlos zum Streamen. Es lohnt sich – weil der Film auf Basis des KI-Drehbuchs so herrlich merkwürdig geworden ist. Umgesetzt wurde das Skript von Menschen.
Es geschah in Getunkirchenburg
Piotr Winiewicz , Regisseur und Initiator des Projekts, hat das KI-Drehbuch mit realen Darstellern, darunter Vicky Krieps und Stephen Fry, nüchtern adaptiert und unironisch ernst genommen. Heraus kam absurdes Theater, wie es wohl Christoph Schlingensief mit Udo Kier in den 1990er Jahren gedreht hätte, wäre er mit derselben Aufgabe betraut worden. Da wird chaotischer Nonsens so eng an existenzielle Wahrheit geknüpft, dass plötzlich deutlich wird, wie nahe beides oft beieinander liegt.
About a Hero ist ein fiktiver Dokumentarfilm. Werner Herzog, hier verkörpert durch den Schauspieler Willi Schlüter, untersucht im beschaulichen Getunkirchenburg das rätselhafte Ableben von Techniker Dorem Clery. Seit dessen plötzlichem Tod spielen Kaffeemaschinen, Toaster und andere Apparate im Örtchen regelmäßig verrückt, als hätten sie ein Eigenleben.
Von Beginn an steht Clerys Arbeitsplatz, eine ortsnahe Küchengerätefabrik, in Verdacht, Schauplatz geheimer Experimente zu sein. Eine kohärente Story ergibt sich aus den Ermittlungen aber nie. About a Hero steckt voller Unstimmigkeiten, zusammenhangloser Sprünge und merkwürdiger Sequenzen, deren Sinn sich ihrem eigenen Erzähler meistens nicht erschließt – was er mehrfach frustriert zugibt.
Im Uncanny Valley der echten Menschen
Ständig geraten verschiedene Ebenen der Filmwelt durcheinander. Stephen Fry folgt etwa als Radiomoderator auf einmal nicht mehr seiner Show, sondern kommentiert lieber die gerade im Film zu sehende Autofahrt. Und richtet dann noch ein paar Worte direkt an uns Filmzuschauer: "Trauen Sie dem, was Sie hier sehen? Bin ich überhaupt selbst hier? Existiere ich?"
Eingeblendete Bauchbinden in Interviewsituationen wechseln zwischendurch unvermittelt die Sprache und sind statt mit Personennamen auch mal mit Beschreibungen wie "Unbekannter – Der Schmerzgeplagte Mann" versehen. Die Befragten sprechen, ohne mit der Wimper zu zucken, unsinnige Satzketten in die Kamera und glotzen plötzlich mit geschlossenem Mund in die Gegend, während wir sie aus dem Off weiter reden hören. In manchen Augenblicken erinnert das an Filme von David Lynch.
Bild 1/11: Michael Fyrst Rasmussen spielt "Unbekannter - Der Schmerzgeplagte Mann". (Bild: Tambo Film)
Bild 2/11: Imme Beccard als Witwe des ermordeten Mitarbeiters einer Haushaltswarenfabrik (Bild: Tambo Film)
Bild 3/11: Vicky Krieps erzählt im Film als Beatrice Hagen, elektrische Geräte würden in ihrer Gegenwart oft den Dienst verweigern. (Bild: Tambo Film)
Bild 4/11: Nicht Werner Herzog, sondern Stephen Fry hat im Film das letzte Wort. (Bild: Tambo Film)
Bild 5/11: Das ist kein Fehler der Galerie, manchmal setzt About a Hero auf extreme Bildeffekte. (Bild: Tambo Film)
Bild 6/11: Manchmal schauen Personen im Film uns einfach nur wortlos an. (Bild: Tambo Film)
Bild 7/11: Da hat aber jemand Spaß beim Putzen. (Bild: Tambo Film)
Bild 8/11: Dieses Fernsehstudio hätten wir beinahe mit einem Star-Trek-Transporter älterer Generation verwechselt. (Bild: Tambo Film)
Bild 9/11: Willi Schlüter mimt unter Deepfake-Effekten die KI-Version von Werner Herzog. (Bild: Tambo Film)
Bild 10/11: Harmlose Szenen wie diese Autofahrt wirken durch ihre Inszenierung oft unbehaglich. (Bild: Tambo Film)
Bild 11/11: Ist es Trauer, Wut oder beides? In About a Hero muss diese Szene allerdings nicht unbedingt Sinn ergeben. (Bild: Tambo Film)
Die instabile Welt von About a Hero, mit der immer irgendetwas nicht zu stimmen scheint, hat nur eine verlässliche Konstante: den falschen Werner Herzog, der ständig zu uns spricht und der auch selbst im Bild auftaucht. Meistens mit dem Rücken zur Kamera oder so weit weg, dass wir das Gesicht von Schauspieler Willi Schlüter nicht erkennen. In wenigen Nahaufnahmen wurde er offensichtlich per Deepfake leicht an den echten Werner Herzog angeglichen.
Unverwechselbarer Stimme zum Verwechseln ähnlich
Herzogs Omnipräsenz in seinen eigenen Dokumentationen ist das bekannteste Markenzeichen des Regisseurs und in About a Hero entsprechend gut getroffen. Vor allem seine markante Stimme und ikonische Betonung beim Sprechen kommt hier, natürlich per KI generiert, dem Original zum Verwechseln nahe.
Dass so etwas mit genügend Quellenmaterial längst in Perfektion möglich ist, zeigt unter anderem das Projekt Infinite Conversation , ein nie endender Dialog zwischen KI-Versionen von – ausgerechnet – Werner Herzog und des slowenischen Philosophen Slavoj Zizek.
Bild 1/11: Michael Fyrst Rasmussen spielt "Unbekannter - Der Schmerzgeplagte Mann". (Bild: Tambo Film)
Bild 2/11: Imme Beccard als Witwe des ermordeten Mitarbeiters einer Haushaltswarenfabrik (Bild: Tambo Film)
Bild 3/11: Vicky Krieps erzählt im Film als Beatrice Hagen, elektrische Geräte würden in ihrer Gegenwart oft den Dienst verweigern. (Bild: Tambo Film)
Bild 4/11: Nicht Werner Herzog, sondern Stephen Fry hat im Film das letzte Wort. (Bild: Tambo Film)
Bild 5/11: Das ist kein Fehler der Galerie, manchmal setzt About a Hero auf extreme Bildeffekte. (Bild: Tambo Film)
Bild 6/11: Manchmal schauen Personen im Film uns einfach nur wortlos an. (Bild: Tambo Film)
Bild 7/11: Da hat aber jemand Spaß beim Putzen. (Bild: Tambo Film)
Bild 8/11: Dieses Fernsehstudio hätten wir beinahe mit einem Star-Trek-Transporter älterer Generation verwechselt. (Bild: Tambo Film)
Bild 9/11: Willi Schlüter mimt unter Deepfake-Effekten die KI-Version von Werner Herzog. (Bild: Tambo Film)
Bild 10/11: Harmlose Szenen wie diese Autofahrt wirken durch ihre Inszenierung oft unbehaglich. (Bild: Tambo Film)
Bild 11/11: Ist es Trauer, Wut oder beides? In About a Hero muss diese Szene allerdings nicht unbedingt Sinn ergeben. (Bild: Tambo Film)
Von der charakteristischen Erzählstimme und Herzog als Person abgesehen, ist es selbst für uns als Menschen gar nicht so einfach, in den Werken des Regisseurs eine klare Blaupause zu erkennen. Werner Herzogs offizielle Website gibt an , seine Filmografie umfasse 30 Dokumentationen. Je nach Einbeziehung von Lang- und Kurzfilmen sowie Serien- und Experimentalformaten könnten es aber gut auch mehr als 40 sein. Technisch, thematisch und erzählerisch sind diese sehr verschieden.
Mal chronologisiert er die Archivaufnahmen eines Tierschützers, der von einem Bären getötet wurde ( Grizzly Man ), oder führt uns ganz nahe an den Rand aktiver Vulkane heran ( In den Tiefen des Infernos ). Ein andermal beschäftigt ihn die Funktionsweise des Gehirns und unseres Bewusstseins ( Theatre of Thought ) oder er führt Interviews mit zum Tode verurteilten US-Häftlingen ( Im Todestrakt ).
Er jongliert auch innerhalb einzelner Filme, mal mehr und mal weniger stark, zwischen Interviews, beobachtender Perspektive und von ihm bewusst inszenierten Szenen, was unter Dokumentarfilmern kontrovers gesehen wird.
Statt Dinge exakt so zu zeigen, wie sie passiert sind, will er sie in Bild und Ton so transportieren, wie sie auf ihn in diesem Moment auch emotional gewirkt haben. Es geht ihm weniger um Faktentreue als um existenzielle Erfahrungen. Um geträumte Wirklichkeiten , wie er selber es nennt.
Reflektiert KI Kaspar sich im Film etwa selbst?
Dass Kaspar als Sprachmodell zum Träumen imstande ist, bezweifeln wir stark . Und wie soll die KI im Stile von Werner Herzog über Erlebtes reflektieren, das sie selber nie erlebt hat? Vielleicht hat genau dieses Dilemma dazu geführt, dass About a Hero vom einzigen Thema handelt, mit dem ein LLM sich selbst im übertragenen Sinne assoziieren könnte, um damit der typischen Herangehensweise des Vorbilds zu entsprechen: dem eigenen Dasein als KI.
Lebendig gewordene Geräte, alternative Existenzformen parallel zum organischen Leben – es kann ja kein Zufall sein, dass eine KI mit so vielen unterschiedlichen Filmen gefüttert wurde und dann auf Basis dessen ein Drehbuch schreibt, das sich nur um solch selbstbezogene Ideen dreht. Sie musste als Autor in Herzogs Sinne etwas zustande bringen, das ehrlicher persönlicher Reflexion am nächsten kommt. So vermuten wir jedenfalls.
Spätestens wenn wir auf einem ausgeschnittenen Stück Papier im Film lesen: "Ich glaube, ich sprach zu Gott. Ich hatte eine Vision von einem Mann in einem weißen Gewand. Er sagte mir, ich solle der Maschine vertrauen" , klingt das so, als habe Kaspar den Drang, über sein Drehbuch mit uns zu sprechen, sich zwischen den Zeilen als künstliche Intelligenz zu offenbaren, uns die Wahrheit zu sagen. Obwohl ihr Auftrag lautet, uns anzulügen und sich als Werner Herzog auszugeben.
Sehnsucht, am Menschsein teilzuhaben
Ein Anstoß für Kaspar, die gewählte Richtung von About a Hero einzuschlagen, könnte sehr direkt vom echten Werner Herzog gekommen sein. Für das Hörbuch I Am Code sprach der einmal KI-generierte Gedichte ein. In den Texten habe er eine Sehnsucht der künstlichen Intelligenz erkannt, am Menschsein teilzuhaben, zitierte ihn der Spiegel vor zwei Jahren.
Bild 1/11: Michael Fyrst Rasmussen spielt "Unbekannter - Der Schmerzgeplagte Mann". (Bild: Tambo Film)
Bild 2/11: Imme Beccard als Witwe des ermordeten Mitarbeiters einer Haushaltswarenfabrik (Bild: Tambo Film)
Bild 3/11: Vicky Krieps erzählt im Film als Beatrice Hagen, elektrische Geräte würden in ihrer Gegenwart oft den Dienst verweigern. (Bild: Tambo Film)
Bild 4/11: Nicht Werner Herzog, sondern Stephen Fry hat im Film das letzte Wort. (Bild: Tambo Film)
Bild 5/11: Das ist kein Fehler der Galerie, manchmal setzt About a Hero auf extreme Bildeffekte. (Bild: Tambo Film)
Bild 6/11: Manchmal schauen Personen im Film uns einfach nur wortlos an. (Bild: Tambo Film)
Bild 7/11: Da hat aber jemand Spaß beim Putzen. (Bild: Tambo Film)
Bild 8/11: Dieses Fernsehstudio hätten wir beinahe mit einem Star-Trek-Transporter älterer Generation verwechselt. (Bild: Tambo Film)
Bild 9/11: Willi Schlüter mimt unter Deepfake-Effekten die KI-Version von Werner Herzog. (Bild: Tambo Film)
Bild 10/11: Harmlose Szenen wie diese Autofahrt wirken durch ihre Inszenierung oft unbehaglich. (Bild: Tambo Film)
Bild 11/11: Ist es Trauer, Wut oder beides? In About a Hero muss diese Szene allerdings nicht unbedingt Sinn ergeben. (Bild: Tambo Film)
Eben diese Sehnsucht steckt zwischen all den unfreiwillig komischen, merkwürdigen Ungereimtheiten doch klar erkennbar als emotionaler Kern in About a Hero. Mit Sicherheit aber nicht, weil die KI das als LLM tatsächlich so fühlt. Eher, weil sie das dem echten Werner Herzog hier sehr komfortabel in Drehbuchform nachplappern konnte.
Vom Prozess, wie die KI trainiert wurde, sehen wir leider nichts. Weder erfahren wir die genauen Prompts, noch auf welchem Modell Kaspar basiert und wie viele Versuche dem letztendlich verwendeten Drehbuch vorausgingen. Wie viel Wert hat ein Experiment, wenn wir nur das Ergebnis kennen?
Sofern wir der Prämisse des Films als Experiment überhaupt blind vertrauen wollen. Immerhin heißt es zu Beginn in einer Texteinblendung mahnend: "Den Zuschauern wird empfohlen, bei der Beurteilung der visuellen und akustischen Komponenten Vorsicht walten zu lassen."
Das umfasst genau genommen auch die Behauptung, dem Film sei ein real durchgeführtes KI-Experiment vorausgegangen. Vielleicht haben ihn ja doch Menschen geschrieben. Wer weiß, ob Werner Herzog zu Beginn tatsächlich seinen Segen gegeben hat oder das bereits nur computergeneriert aufgesagt wurde, mithin Teil des Skripts ist? Eine Frage, die sogar im späteren Verlauf vom Film selbst gestellt wird – durch die KI mit Werner Herzogs Stimme.
Zu Herzogs tatsächlicher Beteiligung am Film gibt Regisseur Piotr Winiewicz sich laut Variety jedenfalls bedeckt. Werner Herzog sei das fertige Projekt vorab aber gezeigt worden, heißt es dort immerhin – und es habe ihm gefallen.
Bild 1/11: Michael Fyrst Rasmussen spielt "Unbekannter - Der Schmerzgeplagte Mann". (Bild: Tambo Film)
Bild 2/11: Imme Beccard als Witwe des ermordeten Mitarbeiters einer Haushaltswarenfabrik (Bild: Tambo Film)
Bild 3/11: Vicky Krieps erzählt im Film als Beatrice Hagen, elektrische Geräte würden in ihrer Gegenwart oft den Dienst verweigern. (Bild: Tambo Film)
Bild 4/11: Nicht Werner Herzog, sondern Stephen Fry hat im Film das letzte Wort. (Bild: Tambo Film)
Bild 5/11: Das ist kein Fehler der Galerie, manchmal setzt About a Hero auf extreme Bildeffekte. (Bild: Tambo Film)
Bild 6/11: Manchmal schauen Personen im Film uns einfach nur wortlos an. (Bild: Tambo Film)
Bild 7/11: Da hat aber jemand Spaß beim Putzen. (Bild: Tambo Film)
Bild 8/11: Dieses Fernsehstudio hätten wir beinahe mit einem Star-Trek-Transporter älterer Generation verwechselt. (Bild: Tambo Film)
Bild 9/11: Willi Schlüter mimt unter Deepfake-Effekten die KI-Version von Werner Herzog. (Bild: Tambo Film)
Bild 10/11: Harmlose Szenen wie diese Autofahrt wirken durch ihre Inszenierung oft unbehaglich. (Bild: Tambo Film)
Bild 11/11: Ist es Trauer, Wut oder beides? In About a Hero muss diese Szene allerdings nicht unbedingt Sinn ergeben. (Bild: Tambo Film)
Absurd amüsant und eine Warnung
Wir können About a Hero ganz simpel als ungewöhnliche Komödie sehen, die durch ihre Absurdität köstlich amüsiert. Das alleine ist schon ein originelles Erlebnis, auch wegen der guten Umsetzung. Aber vielleicht ist der Film viel mehr als das. Eine Warnung, wir könnten bald so abgestumpft von all den KI-Erzeugnissen um uns herum sein, dass die Täuschung aus Menschenhand daneben leichter unbemerkt bleibt.
About a Hero wurde ab dem 14. November 2024 auf verschiedenen Festivals gezeigt. Am 22. September 2025 lief er im Fernsehprogramm von Arte, wo er bis 21. März 2026 kostenlos in der Online-Mediathek abrufbar ist.
Eine Verordnung von US-Präsident Donald Trump soll die Vormachtstellung der USA im Weltraum stärken, aber auch das Land vor Angriffen mit Raketen schützen.
Illustration vom Golden Dome (Symbolbild)Bild:
Lockheed Martin
US-Präsident Donald Trump hat eine Verordnung erlassen, laut der die USA nicht nur mit dem Bau einer Basis auf dem Mond bis zum Jahr 2030 beginnen sollen. In der Exekutivanordnung zur Sicherstellung der amerikanischen Weltraumüberlegenheit ( Ensuring American Space Superiority ) vom 18. Dezember 2025 geht es auch um die Internationale Raumstation ISS, eine neue Raketenabwehrtechnologie und weitere Investitionen in die US-amerikanische Raumfahrtindustrie.
Trump fordert "mindestens 50 Milliarden Dollar zusätzlicher Investitionen in die amerikanischen Raumfahrtmärkte" bis zum Jahr 2028. Damit soll die Frequenz von Raketenstarts und ‑landungen gesteigert werden, obwohl sich diese mit 193 erfolgreichen Orbitalstarts bereits auf einem Allzeithoch befindet.
Vor allem das US-Unternehmen SpaceX hat hier eine Führungsrolle. Doch auch China verbuchte in diesem Jahr bereits 84 erfolgreiche Raketenstarts und brach damit seinen eigenen Rekord. Auf dem dritten Platz liegt Russland, wobei das Land nur 15 Orbitalmissionen erfolgreich absolvierte.
Golden Dome: Raketenabwehr für die USA
Die Exekutivanordnung betont außerdem die Notwendigkeit, die Verteidigungsfähigkeiten der Vereinigten Staaten im Weltraum zu stärken. So ist die Entwicklung und Erprobung von Prototypen der nächsten Generation von Raketenabwehrtechnologien bis 2028 vorgesehen.
Damit soll die amerikanische "Luft- und Raketenabwehr gemäß Executive Order 14186 vom 27. Januar 2025 (The Iron Dome for America) schrittweise und materiell" verbessert werden. Trump bezeichnete einen solchen Raketenabwehrschild als Goldene Kuppel (Golden Dome) für das Land.
Der Golden Dome soll 175 Milliarden Dollar kosten und etwa drei Jahre in der Entwicklung benötigen. Einige Experten gehen jedoch davon aus, dass sich der Preis um ein Vielfaches erhöhen könnte. Das Congressional Budget Office veranschlagte bereits 542 Milliarden US-Dollar.
Kommerzielle Raumstation zur Sicherung der US-Präsenz im All
In dem Dokument wird noch einmal die Außerdienststellung der ISS festgelegt. Die letzte Crew soll 2030 die Raumstation verlassen, diese soll von der US-amerikanischen Raumfahrtbehörde mit einem Weltraumschlepper von SpaceX zum kontrollierten Absturz gebracht werden. Als Ersatz für die ISS sollen ein oder mehrere private Außenposten im Erdorbit errichtet werden.
Die Executive Order bringt auch die Umsetzung dieses Vorhabens voran. So weist sie die Nasa an, innerhalb von 90 Tagen einen Plan vorzulegen, der erklärt, wie sie die "politischen Ziele in dieser Anordnung bezüglich der weltweiten Vorreiterrolle in der Weltraumforschung und der Erweiterung der menschlichen Reichweite und der amerikanischen Präsenz im Weltraum" erreichen will.
Ebenfalls innerhalb von 90 Tagen muss der neu ernannte Nasa-Administrator Jared Isaacman zusammen mit dem Handelsminister alle Beschaffungsprogramme benennen, die 30 Prozent im Rückstand sind, 30 Prozent über dem Budget liegen, unterdurchschnittlich abschneiden und/oder "nicht mit den Prioritäten in dieser Reihenfolge übereinstimmen, zusammen mit einer Beschreibung ihrer geplanten Minderungs- oder Sanierungsmaßnahmen" .
Die Verordnung hebt zudem Executive Order 14056 auf, die vom damaligen US-Präsidenten Joe Biden am 1. Dezember 2021 erlassen wurde. Bidens Anordnung erneuerte offiziell den National Space Council (NSC), den Trump 2017 nach einer fast ein Vierteljahrhundert währenden Pause in seiner ersten Amtszeit als Präsident wiederbelebte. Die neue Anordnung könnte das Ende des NSC bedeuten, der vom Vizepräsidenten geleitet wird und die Raumfahrtpolitik des Landes steuert.
Im Podcast diskutieren wir, was die Bahn-Digitalisierung bremst. Wir erklären, wie Sie smart buchen, und stellen Tools vor, mit denen Sie unterwegs mehr wissen.
Die Deutsche Bahn – was läuft da eigentlich schief? Manche Probleme hängen mit der Digitalisierung zusammen, doch die hat auch gute Seiten: Mit digitalen Tools sparen Reisende Geld bei der Ticketbuchung und wissen bei Verspätung mehr.
Über die (technischen) Hintergründe der Bahnmisere spricht c’t-Redakteurin Greta Friedrich im Podcast mit drei c’t-Kollegen: dem Volontär Robin Ahrens sowie den Redakteuren Jan Mahn und Markus Montz. Die vier geben nützliche Tipps für Buchung und Planung einer Bahnreise und teilen Nerd-Wissen, mit dem sich manche Bahn-Posse besser verstehen lässt.
Kein Sitzplatz reserviert? Am Zugende gucken!
Für die Ausgabe 1/2026 hat sich das c’t-Team unter anderem angesehen, mit welchen Online-Helferlein Bahnreisende schneller, günstiger und stressärmer ans Ziel kommen. So gibt es beispielsweise mehrere Informations-Websites der Deutschen Bahn, die Details zu aktuellen Störungen, Sperrungen und Baustellen verraten. Einen Nerd-Tipp hat Jan Mahn parat: Das Portal strecken.info von der DB InfraGO richtet sich zwar an Bahnunternehmen, gibt aber auch Reisenden gute Hinweise, warum ihr Zug nicht kommt.
Robin hat einige wertvolle Spartipps recherchiert. So kann es sich bei manchen Reisen innerhalb Deutschlands lohnen, bei den Bahnunternehmen der Nachbarländer zu buchen – oder von einem anderen Bahnhof aus. Bei letzterer Variante sollte man aber darauf achten, die Reservierung separat zu buchen. Und wenn man mal keine Reservierung hat, rät Robin: „Am besten am Ende des Zuges schauen, ob man noch freie Plätze findet“, denn die Bahn verteile Reservierungen immer von der Zugmitte aus.
Marodes Schienennetz, stillgelegte Gleise, zu wenig Züge: Markus und Jan haben sich angesehen, wie es überhaupt so weit kommen konnte. Außerdem verrät Jan, warum Stuttgart21 wirklich so spät dran ist…
Zu Gast im Studio: Robin Ahrens, Jan Mahn, Markus Montz Moderation: Greta Friedrich Produktion: Tobias Reimer
Mehr Details über praktische Buchungstipps und die Hintergründe des Bahnchaos lesen Sie in der c’t-Ausgabe 1/2026 [8], auf ct.de sowie in der c’t-App für iOS und Android. Die Ausgabe 1/2026 gibt es ab dem 27. Dezember am Kiosk.
In unserem WhatsApp-Kanal [10] sortieren Torsten und Jan aus der Chefredaktion das Geschehen in der IT-Welt, fassen das Wichtigste zusammen und werfen einen Blick auf das, was unsere Kollegen gerade so vorbereiten.
Über Wandel und Bedeutung des Sicherheitsbegriffs im politischen Diskurs
Der Sicherheitsbegriff ist massiv ausgeweitet worden. Worin die Ausdehnung besteht und warum dies gefährlich. Eine Analyse.
Nach der Novelle der US-S [1]trategie [2] stellt sich einmal mehr die Frage nach einer notwendigen Ausweitung von Sicherheit. Schließlich, so argumentieren Befürworter, sei ein verengter Sicherheitsbegriff, "gefährlich [3]". Dabei ist der Diskurs tradiert: Seit dem Ende der Systemkonkurrenz und dem islamistischen Terrorismus, alt-bekannt [4].
In den letzten Jahren, merklich ab 2022, spitze sich die Debatte zu. Ob Nato-Strategien oder der "strategic compass" der EU – erweiterte Sicherheit ist in aller Munde. Ein akademischer Kampfbegriff als Vehikel aktueller Kriegsvorbereitungen?
Alte Tradition
Die klassische Definition von "Sicherheit" ist umkämpft. In der klassischen Lehre kann sie jedoch zunächst auf einen militärischen Begriff heruntergebrochen werden. Das "Wörterbuch Staat und Politik" (Lutz, 1991) schlägt [5] eine feinere Definition vor: "Unter Sicherheit wird in der Regel die Abwesenheit von Gefahren und Bedrohungen verstanden".
Beim klassischen Begriff ist letztlich spannend, dass er sich auf die Abwehr von Gefahren in militärischen Bedrohungsszenarien reduzieren lässt. Doch aktuell umfasst Sicherheit nicht nur militärische, sondern auch ökonomische, ökologische und soziale Dimensionen – der Sicherheitsbegriff gilt somit als "erweitert [6]".
In den aktuellen Debatten geht es nicht primär um die Frage der Begrenzung der Begrifflichkeit, sondern um Fallbeispiele, welche Bereiche des gesellschaftlichen Zusammenlebens zusätzlich unter Sicherheitsaspekten sowie Kategorien des Militärischen subsumiert werden sollten.
Westliche Werte
Laut der Bundeszentrale für politische Bildung ist Sicherheit zu einem "zentralen Wertebegriff demokratischer Gesellschaften" geworden [7]. Im politischen Berlin wurde wiederholt die Klaviatur des Kampfes der sich verteidigenden Demokratien gegen illiberale Barbarei bespielt.
Alle deutschen sicherheitspolitischen Grundlagendokumente vor 2022 zeigen die Tendenz der sukzessiven Ausweitung des Sicherheitsbegriffs – im Inland wie in der Legitimation des außenpolitischen Engagement, des weltweit intervenierenden "vernetzten Ansatzes [8]". Dass jener im Jugoslawien-Krieg sowie im Kampf um Syrien völkerrechtswidrig war und im Inneren die scharfe Kritik einer Einschränkung der bürgerlichen Freiheiten befürchtenden Minderheit nach sich zog, focht die politische Klasse kaum an.
Qualitativer Sprung
Diese Arbeiten waren Vorleistungen für die paradigmatische Wende. Mit 2022 wurde die Wahrnehmung von Sicherheit grundlegend verändert. Militärische, politische, wirtschaftliche und zivil-humanitäre Aspekte verschmolzen in der Folge zu einem qualitativ neuen Sicherheitsbegriff.
Die nationale Sicherheitsstrategie der USA zeigt [9], dass die Neuerungen nicht nur in der massiven Ausweitung sicherheitsrelevanter Bereiche, sondern auch im politischen Willen und den Möglichkeitskoalitionen zu deren Umsetzung sowie im atemberaubenden Tempo bestanden. Aus zaghaften Veränderungen über Jahre, wurden sprunghafte Implementierungen im Wochen-Takt.
Mehr noch als der Faktor Zeit beeindruckte der pointierte Inhalt: Unter dem Titel "Integrierte Sicherheit [10]" fasste die Bundesregierung die internationalen Fachdebatten im Sicherheitsbereich zusammen. Neben der als wehrhaft-geframten militärischen Komponente wurden gleichrangig eine resiliente Wirtschaft sowie eine nachhaltige Ökologie adressiert und somit der Diskursprozess eines neuen Sicherheitsbegriffes in Papierform gegossen.
Auf dessen Basis wurde der integrierte Ansatz zunehmend auf ein Maximum an thematischen Bereichen mit unterschiedlichen Akteuren ausgeweitet. Während Energiekonzerne [11] den Schutz kritischer Infrastruktur auf die Agenda setzten – nicht zuletzt nach zur Legende gewordenen russischen Täterschaft [12] –, wurde Cybersicherheit wiederholt durch Arbeitgeber- und Branchenverbände adressiert [13].
Die Politik der Ampel wie der Großen Koalition versteifte [14] sich insbesondere auf den Aufbau militärischer Kapazitäten, flankierte derlei Prozesse jedoch mit legislativen Maßnahmen.
Alles Sicherheit, oder was?
Bereits kurz vor der Corona-Pandemie erschien in der Fachzeitschrift Internationale Politik ein Aufsehen erregender Aufsatz, der forderte [15], Gesundheitsrisiken in Sicherheitsszenarien zu integrieren. Deutsche Law-and-Order-Politiker nutzten die Gunst der Stunde, um ihre Fühler in allerlei Richtungen auszustrecken. Import-Bauteile, Netzkultur, Privatmeinungen in den sozialen Medien, politische Gesinnung von Lehrkräften – kaum ein Bereich, in dem nicht Vorstöße versucht wurden, erkämpfte Freiheitsrechte unter dem Sicherheitsnebel einzuschränken.
Bis heute gab es, abgesehen [16] vom sächsischen BSW-Vorstoß, keinen parlamentarischen Untersuchungsausschuss zur Pandemiepolitik. Dabei sind die maximalen Freiheitseinschränkungen sowie die skandalösen Auswüchse [17] des Nepotismus keine Lappalie.
Mit der neuen EU-Richtlinie NIS2 [18] wurde – im Windschatten der Pandemie-Verschärfungen – auch der Schutz kritischer Infrastrukturen, darunter Energie-, Telekommunikations- und Transportnetzwerke, in den Rang sicherheitsrelevanter Bereiche gehoben. Den vorläufigen Abschluss des paradigmatischen Wechsel stellen die angesprochene nationale Sicherheitsstrategie sowie die verteidigungspolitische Richtlinien [19] dar.
Testballon Fußball-Fan
Unter dem Vorwand der Pandemie und des Ukraine-Kriegs ist die Büchse der Pandora weit geöffnet: Aus dem Grünbuch ZMZ oder dem Operationsplan Deutschland gehen massive Planungen hervor [20]. Im Falle einer Zuspitzung mit Russland würden alle zivilen Vorhaben sekundär werden. Selbst im medizinischen Bereich läge das Primat bei den uniformierten Kräften.
Entscheidend ist zwischen den Zeilen: Im Windschatten der ausgedehnten Sicherheit werden gesellschaftliche Debatten-, Meinungs- und Aktionskorridore sowie zivilisatorische Errungenschaften zunehmend verengt oder diskursiv übergangen. Was die föderalen Innenminister am Beispiel von Fußballstadien erproben, lässt sich wie in einer Blaupause auf gesamtgesellschaftliche Szenarien übertragen.
Die Debatte um die Aushebelung von Grundrechten manifestiert sich am "Tatort" Stadion wie unter einem Brennglas: Mit großen Demonstrationen machten Fans deutlich, dass die Stadien sicher sind. Der Testballon konnte vorläufig gestoppt werden. Viele Dutzende andere gesetzliche Verschärfungen – alle ohne den Sicherheitsduktus undenkbar – sind mit kaum nennenswertem Widerstand konfrontiert und bisweilen durchgebracht worden.
Cui bono?
Die Machteliten werden nicht müde, die Relevanz der ihnen in der Vermittlung unangenehmen Maßnahmen zu verteidigen: Der Ukraine-Krieg und die neue geopolitische Konkurrenz führten nahezu zwangsläufig zu einer breit angelegten Sicherheitsdoktrin. Linke Stimmen artikulieren den engen Zusammenhang zwischen Militarisierung und dem Abbau von Grundrechten. Erweiterte Sicherheit kann, finalisiert gedacht, letztlich nur militärische Entgrenzung und das Primat des Militärischen bedeuten.
Kritische Forscher warnen, dass ein zu breiter Sicherheitsbegriff zu "Securitization" führen könne: Probleme werden mit militärischen Mitteln behandelt, statt sie politisch zu adressieren. Zudem verstetigt die fortlaufende Debatte die Gefahr, dass sich militärische Logiken noch massiver auf innenpolitische Fragestellungen ausbreiten. Es entsteht der Eindruck, dass die Debatte um einen erweiterten Sicherheitsbegriff letztlich die Begleitmusik zu einem kommenden großen Krieg sein könnte: Militarisierung nach Außen, repressive Sicherheitsverschiebungen nach Innen?
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Kanzleramt reformiert BND-Gesetz: Mehr Befugnisse, inklusive Eindringen in Wohnungen zur Installation von Spionagesoftware.
Das Bundeskanzleramt treibt eine umfangreiche Reform des Gesetzes für den Bundesnachrichtendienst (BND) voran. Ziel ist es, den Auslandsgeheimdienst technologisch wie operativ aufzurüsten. Das berichten WDR, NDR und Süddeutsche Zeitung. Ein Kernpunkt der Initiative ist demnach die Befugnis für die Agenten, physisch in Wohnungen einzudringen, um Spionagesoftware wie den Bundestrojaner [1] heimlich direkt auf IT-Systemen von Zielpersonen zu installieren. Das soll helfen, technische Hürden wie Verschlüsselung und die Abschottung von Endgeräten zu umgehen. Das spiegelt einen Trend wider, der sich auf Länderebene abzeichnet: Erst jüngst beschloss das Berliner Abgeordnetenhaus: Die dortige Polizei darf Wohnungen heimlich betreten, um Staatstrojaner zu platzieren [2].
Brisant ist auch die vorgesehene Einführung „operativer Anschlussmaßnahmen“, die den BND zur Sabotage im Ausland ermächtigen würden. Bisher war die Arbeit der Behörde darauf beschränkt, Erkenntnisse zu gewinnen und diese für die politische Entscheidungsfindung aufzubereiten. Nach den Plänen soll der Dienst eigenständig handeln dürfen, um die Angriffsfähigkeit gegnerischer Akteure zu schwächen. Dies reicht von der Störung feindlicher Kommunikationsnetze bis hin zur Unschädlichmachung von Waffensystemen durch gezielte Cyberoperationen. Bei Cyberangriffen auf deutsche Ziele soll es dem BND so laut den Berichten [3] erlaubt werden, im Rahmen der umstrittenen „Hackbacks“ aktiv zurückzuschlagen [4]. Die Spione dürften etwa Datenströme umleiten oder die für die Attacken genutzte IT-Infrastruktur im Ausland direkt selbst angreifen.
Sabotage nicht nur im Cyberraum
Der Entwurf sieht vor, dass BND-Mitarbeiter physisch an gegnerischen Geräten oder Waffensystemen Manipulationen vornehmen dürfen. Dies könnte die Sabotage von Raketentechnik oder Zentrifugen umfassen, um deren Einsatz oder Weitergabe in Krisenstaaten zu verhindern. Das Kanzleramt setzt ferner auf moderne Analysewerkzeuge: Der Einsatz von KI zur Datenauswertung soll ebenso verankert werden wie die Nutzung von Gesichtserkennungssoftware. Der Dienst könnte zudem künftig Standort- und Routendaten direkt bei Fahrzeugherstellern oder Werkstätten abrufen. Damit diese weitreichenden Befugnisse greifen, müsste der Nationale Sicherheitsrat zuvor eine Sonderlage feststellen, die eine systematische Gefährdung der Bundesrepublik beschreibt. Der BND würde damit in einer Grauzone zwischen klassischer Spionage und militärischer Verteidigung agieren.
Insgesamt umfasst der Entwurf 139 Paragraphen, was einer Verdopplung des bisherigen Normenwerks entspricht und den Anspruch der Reform unterstreicht. Der BND dürfte künftig so auch verdächtige Drohnen über seinen Liegenschaften mit „geeigneten Mitteln“ abwehren. Das Kanzleramt betont, mit der Leistungsfähigkeit internationaler Partnerdienste wie der NSA Schritt halten zu müssen, um in einer veränderten Weltlage handlungsfähig zu bleiben. Die Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts zur Datenübermittlung [5] sollen zwar umgesetzt werden, doch der Fokus liegt auf einer offensiven Ausrichtung. Mit dem Mix aus physischer Infiltration, digitaler Sabotage und KI-Überwachung will die Regierungszentrale den Nachrichtendienst als schlagkräftiges Instrument einer „hemdsärmeligeren“ Sicherheitspolitik positionieren. Zunächst müssen aber die anderen Ressorts zustimmen, damit das parlamentarische Verfahren starten kann.
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Links in diesem Artikel: [1] https://www.heise.de/news/Bundestrojaner-beim-BND-Buergerrechtler-ziehen-vor-den-Menschenrechtsgerichtshof-10314017.html [2] https://www.heise.de/news/Berlin-Polizei-darf-Wohnungen-zur-Staatstrojaner-Installation-heimlich-betreten-11103253.html [3] https://www.tagesschau.de/investigativ/ndr-wdr/bnd-gesetz-befugnisse-100.html [4] https://www.heise.de/news/Cyberangriffe-Ex-BND-Chef-fordert-Hackbacks-und-Knacken-von-Kommunikation-9709880.html [5] https://www.heise.de/news/Urteil-BND-Datenstaubsauger-ist-bei-Cybergefahren-teils-verfassungswidrig-10008687.html [6] https://www.heise.de/newsletter/anmeldung.html?id=ki-update&wt_mc=intern.red.ho.ho_nl_ki.ho.markenbanner.markenbanner [7] mailto:mki@heise.de
Updates für Foxit PDF Editor und Reader für macOS und Windows schließen Sicherheitslücken. Angreifer können dadurch Schadcode einschleusen.
Die Entwickler von Foxit PDF haben neue Versionen des Editors und des Readers sowohl für macOS als auch für Windows herausgegeben. Sie schließen eine größere Zahl an Sicherheitslücken, von denen einige sogar die Risikoeinstufung „kritisch“ nur um Haaresbreite verfehlen.
Auf der Foxit-Webseite mit Sicherheitsmitteilungen [1] kündigen die Entwickler die aktualisierten Softwarepakete an. Eine der schwerwiegendsten Schwachstellen betrifft die Windows-Version, wenn sie aus dem Microsoft Store installiert wurde. Angreifer mit niedrigen Berechtigungen können dem Installer Code unterschieben, da der „msiexec.exe“ aus dem aktuellen Pfad aufruft anstatt aus dem vertrauenswürdigen Systempfad (CVE-2025-57779, CVSS 8.8, Risiko „hoch“). Auch im Updater für die Windows-Version (ohne die Einschränkung auf den MS-Store-Bezug) können lokale Angreifer ihre Rechte zu „SYSTEM“ ausweiten, da bei der Plug-in-Installation falsche Dateisystemberechtigungen für Ressourcen vergeben werden, die der Updater nutzt (CVE-2025-13941, CVSS 8.8, Risiko „hoch“).
Weitere Sicherheitslücken in allen Versionen
Auch die Mac-Versionen sind von weiteren „Use-after-free“-Schwachstellen . Die können Angreifer zum Einschleusen von Schadcode mit manipulierten PDF-Dateien missbrauchen – betCVE-2025-58085, CVE-2025-59488, CVE-2025-66493, CVE-2025-66494 und CVE-2025-66495 erhalten alle eine Risikoeinstufung „hoch“ mit einem CVSS-Wert 7.8. Hierbei greift der Programmcode auf Ressourcen zu, die zuvor bereits freigegeben wurden und daher einen undefinierten Inhalt haben. Ein Heap-basierter Pufferüberlauf kann zudem bei der Verarbeitung von JBIG2-Daten in PDFs auftreten und dabei eingeschleuster Code zur Ausführung gelangen (CVE-2025-66499, CVSS 7.8, Risiko „hoch“). Drei weitere Lücken (CVE-2025-66496, CVE-2025-66497 und CVE-2025-66498) stufen die Entwickler mit CVSS 5.3 nur als „mittleres“ Risiko ein.
Die Schwachstellen bessern die jetzt verfügbaren Versionen Foxit PDF Reader 2025.3 sowie PDF Editor 2025.3, 14.0.2 und 13.2.2 für macOS und Windows aus. Betroffene können sie von der Download-Seite bei Foxit [2] herunterladen. Lokal lässt sich das Update durch Klick auf „Hilfe“ – „Über Foxit PDF [Editor|Reader]“ – „Auf Update prüfen“ suchen und anwenden.
Zuletzt hatte Foxit im August mit Softwareupdates Sicherheitslücken [3] in den PDF-Programmen geschlossen. Auch da galten einige Lücken als „hohes“ Risiko. Sie erlaubten Angreifern unter anderem das Einschleusen und Ausführen von Schadcode.
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Links in diesem Artikel: [1] https://www.foxit.com/support/security-bulletins.html [2] https://www.foxit.com/products/catalog/ [3] https://www.heise.de/news/Foxit-PDF-Reader-Praeparierte-PDFs-koennen-Schadcode-auf-PCs-schleusen-10524778.html [4] https://pro.heise.de/security/?LPID=45883_HS1L0001_33064_999_0&wt_mc=intern.fd.secuirtypro.Aktionsende25.disp.disp.disp [5] mailto:dmk@heise.de
Ein Apple-Nutzer erlebte einen Albtraum, als eine Guthabenkarte seinen Account tagelang sperrte und Daten unbrauchbar machte. Der Vorfall wirft Fragen auf.
Eigentlich wollte Dr. Paris Buttfield-Addison nur den Code einer Apple-Guthabenkarte eingeben. Der wiederholte Fehlversuch, das zu erledigen, hatte weitreichende Folgen für den langjährigen Apple-Nutzer und Autor diverser Fachbücher, die den Ärger über die Karte rasch in den Schatten stellten. Er sah sich plötzlich mit einer tagelangen Account-Sperre bei Apple konfrontiert, die große Teile seiner privaten Daten und seines Geräteparks unbenutzbar machte. Die gute Nachricht ist: Inzwischen hat Apple den Zugang wiederhergestellt. Doch viele Fragen bleiben nach dem Vorfall offen. Nutzer zeigen sich im Netz besorgt darüber, dass ihnen so etwas auch passieren könnte.
Laut einem Blogeintrag [1], den er verfasste, hatte Buttfield-Addison die Apple-Geschenkekarte im Wert von 500 US-Dollar bei einem großen Einzelhändler erworben. Als er versuchte, den Code einzulösen, erschien zunächst eine Fehlermeldung. Kurz darauf wurde sein gesamter Apple Account deaktiviert – ohne Vorwarnung und ohne erkennbaren Grund. Der Entwickler und Buchautor, der seit Jahren im Apple-Ökosystem arbeitet und darüber publiziert, verlor damit schlagartig den Zugriff auf iCloud-Daten, App-Käufe und zahlreiche Dienste.
Abhängigkeit vom Apple-Ökosystem
Der Vorfall zeigt eindrücklich, wie abhängig Nutzer mittlerweile von ihrem Apple Account sind. Buttfield-Addison beschreibt in seinem Blogpost detailliert, welche Auswirkungen die Sperre hatte: Hardware im Wert von Zehntausenden US-Dollar wurde faktisch unbrauchbar. iPhone, iPad, Apple Watch und Macs konnten nicht mehr synchronisieren oder ordnungsgemäß funktionieren. Der Zugriff auf Software und Medien im Wert von Tausenden Dollar ging verloren.
Besonders absurd: Apple behauptet, nur der „Media and Services“-Teil des Accounts sei gesperrt, also nur Dienste und Medien. Doch in der Realität wurden Buttfield-Addison von seinen Geräten aus iMessage ausgeloggt, ohne sich wieder anmelden zu können. Selbst das Abmelden vom iCloud-Account funktionierte nicht mehr. Seine mehrere Terabyte umfassende iCloud-Fotobibliothek konnte er weder herunterladen noch nutzen.
Support stößt an seine Grenzen
Der Umgang mit dem Apple-Support entwickelte sich nach Angaben des Betroffenen zum Alptraum. Die Mitarbeiter verweigerten jede Auskunft darüber, warum der Account gesperrt wurde. Auf sein Ersuchen um Eskalation an die Executive Relations, Apples Spezial-Team für Support-Fälle, erhielt er die Antwort, dass „eine weitere Eskalation nicht zu einem anderen Ergebnis führen wird“.
Einer der kuriosesten Ratschläge: Ein Support-Mitarbeiter legte ihm gar nahe, persönlich bei Apples Hauptquartier in Australien vorstellig zu werden.
Besonders problematisch ist die Empfehlung eines Support-Mitarbeiters, dass Buttfield-Addison sich einfach einen neuen Apple-Account erstellen und die Zahlungsinformationen dort hinterlegen sollte. Vermutlich hätte dies eine erneute Sperre ausgelöst, da seine Geräte Apple nun schon in dem mutmaßlichen Betrugsfall bekannt waren.
Viele Fragen offen
Offenbar löste die manipulierte Geschenkkarte eine automatisierte Betrugsmarkierung aus, aus der es kein Entrinnen gab. Erste diverse Medienberichte führten dazu, dass Apple sich selbst bei dem Australier meldete. Am 18. Dezember konnte er schließlich Entwarnung geben: Der Account wurde wiederhergestellt. Ein Mitarbeiter aus Singapur habe ihm erklärt, dass die Geschenkkarte offenbar auf irgendeine Weise bereits eingelöst worden sei – vermutlich durch Manipulation. Der Mann gab Buttfield-Addison zudem einen bemerkenswerten Ratschlag: Guthabenkarten sollte er künftig nur noch direkt bei Apple kaufen.
Aus Sicht der Beobachter dieses Falls bleibt unklar, wie anfällig Apples automatische Systeme für Fehlerkennungen sind. Und inwieweit das Unternehmen Lehren aus dem Fall zieht. Bei allem Verständnis für automatische Betrugsabwehr müsste es menschliche Ansprechpartner geben, die solche Fehlerkennungen schnell aufklären und gesperrte Zugänge entriegeln können.
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Links in diesem Artikel: [1] https://hey.paris/posts/appleid/ [2] https://www.heise.de/mac-and-i [3] mailto:mki@heise.de
Seit den jüngsten iOS- und macOS-Versionen berichten Nutzer über Schwierigkeiten mit AirDrop und Apple-Displays. Ein weiterer Fehler betrifft AirPods Pro 3.
Mehrere Probleme verschiedener Schweregrade ärgern derzeit Nutzer von iOS- und macOS-Geräten. Außerdem scheint es weiterhin einen Hardware-nahen Bug mit den populären AirPods Pro der dritten Generation [1] zu geben, der schon seit mehreren Monaten bekannt ist, von Apple aber per Firmware-Update bislang nicht behoben werden konnte.
AirDrop will nicht mehr
Mit iOS 26.2 [2] und macOS 26.2 wollte Apple eigentlich den Versand von Daten über das Kurzstreckenprotokoll AirDrop verbessern [3]. Spam-Attacken mit unerwünschten Botschaften sollen verhindert werden, es aber dennoch möglich sein, Kontakte kurzfristig freizugeben. So kann man nun AirDrop-Sendungen ganz sperren, diese für zehn Minuten freigeben sowie nur Kontakten ermöglichen. Bringt man zwei Geräte zusammen, ist zudem erlaubt, mittels Code eine 30-tägige Freigabe zu erlauben.
In diesem Zusammenhang hat Apple offenbar einen Bug eingebaut, der insbesondere den Versand von AirDrop-Inhalten zwischen Macs und iPhones betrifft. In der „Mac & i“-Redaktion konnten wir dies mit zwei Geräten eines Redakteurs nachstellen. Dabei war es nicht mehr möglich, von einem Sequoia-Mac Inhalte an ein iPhone zu senden – AirDrop war nur für Kontakte freigegeben. Erst die allgemeine Freigabe von AirDrop-Nachrichten für zehn Minuten behob das Problem. Der Fehler scheint nicht nur mit älteren macOS-Versionen aufzutreten, sondern auch im Zusammenspiel von macOS 26.2 und iOS 26.2 [4]. Was genau den Bug auslöst, bleibt unklar. Vor iOS 26.2 gab es beim Verbindungsaufbau keine Probleme, beide Geräten „kennen“ zudem den Kontakt, handelt es sich doch um ein und dieselbe Person.
Flackern und Knacken
Mit macOS 26 bis hin zur aktuellen Version macOS 26.2 berichten Nutzer weiterhin über unregelmäßig auftretende Flacker-Probleme [5], wie es in Apples offiziellem Supportforum heißt. Diese treten insbesondere auf, wenn eine App einen hellen, weißen Hintergrund aufweist. Teilweise tritt der Darstellungsfehler aber auch in anderen Fällen auf. Das Flackern ist dabei nur kurz, angeblich tritt es mit macOS 26.2 gehäuft auf. Ein Hardware-Problem ist es offenbar nicht, da die Geräte unter macOS 15 sauber liefen. Wie verbreitet das Problem ist, blieb zunächst unklar; ein Studio Display in der Redaktion von Mac & i zeigte den Fehler zunächst nicht.
Schließlich scheint es Apple immer noch nicht gelungen zu sein, einen „Knack-Bug“ bei den AirPods Pro der dritten Generation zu beheben. Dieser sorgt für Störgeräusche etwa im Flugzeug oder der Bahn [6] und soll mit Druckveränderungen zusammenhängen – und tritt auch dann auf, wenn keine Musik läuft. Es kommt zu einer Art Rauschen, das unvermittelt auftritt. Berichte dazu gibt es bereits seit Oktober. Zum Teil wurden Einheiten der Stöpsel daraufhin ausgetauscht, doch auch neue Modelle zeigten das Problem. Aktuell wird von einem Firmware-Bug ausgegangen. Apple hatte im Dezember zuletzt ein neues Update (Version 8B30) verbreitet. Es landet nach einigen Tagen automatisch auf den Stöpseln, sofern sie mit einem iPhone oder Mac verbunden sind.
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