FreshRSS

🔒
✇ Telepolis

Einstein hatte recht – doch erst jetzt zeigt sich die Dynamik

Von Telepolis — 05. Juni 2026 um 15:00
Ein schwarzes Loch mit einer wirbelnden Akkretionsscheibe aus Gas und Sternen.

(Bild: Ficta Stock / Shutterstock.com)

Astronomen beobachten erstmals, wie ein rotierendes Schwarzes Loch die Raumzeit mitreißt. Die Daten bestätigen eine über 100 Jahre alte Vorhersage Einsteins.

Einstein hatte recht – aber erst jetzt lässt sich wirklich beobachten, wie dramatisch sich seine Vorhersage im Kosmos auswirkt.

Ein internationales Forscherteam unter Leitung der Nationalen Astronomischen Observatorien der Chinesischen Akademie der Wissenschaften hat den bislang überzeugendsten Beleg dafür geliefert, dass rotierende Schwarze Löcher die Raumzeit um sich herum regelrecht mitschleifen.

Die im Fachmagazin Science Advances veröffentlichte Studie [1] dokumentiert ein Phänomen, das Einstein 1913 erstmals theoretisch beschrieb und das Josef Lense und Hans Thirring 1918 mathematisch fassten: die sogenannte Lense-Thirring-Präzession, auch Frame-Dragging genannt.

Vereinfacht gesagt wirkt ein rotierendes Schwarzes Loch wie ein kosmischer Rührlöffel. Es krümmt nicht nur die Raumzeit durch seine enorme Masse, sondern verdrillt sie zusätzlich durch seine Drehung.

Gas, Lichtstrahlen und ganze Umlaufbahnen werden dadurch in eine taumelnde Bewegung gezwungen – als würde ein Kreisel das Wasser um sich herum in einen Strudel ziehen.

Ein zerrissener Stern als kosmisches Labor

Den entscheidenden Hinweis lieferte ein Gezeitenzerstörungsereignis mit der Katalogbezeichnung AT2020afhd. Dabei geriet ein Stern dem supermassereichen Schwarzen Loch im Zentrum der Galaxie LEDA 145386 zu nahe und wurde von dessen Gezeitenkräften zerrissen.

Die Trümmer formten eine glühende Akkretionsscheibe, während gleichzeitig ein energiereicher Materiestrahl – ein sogenannter Jet – mit nahezu Lichtgeschwindigkeit ins All schoss. Das Schwarze Loch bringt es nach Angaben der Forscher auf rund fünf Millionen Sonnenmassen .

Wie die Cardiff University mitteilte [2], beobachtete das Team rhythmische Helligkeitsschwankungen sowohl im Röntgen- als auch im Radiobereich. Scheibe und Jet taumelten im Gleichtakt – mit einer Periode von 19,6 Tagen.

Cosimo Inserra, Mitautor von der Cardiff University, erklärte dazu:

"Unsere Studie liefert den bislang überzeugendsten Beweis für die Lense-Thirring-Präzession – ein Schwarzes Loch, das die Raumzeit mit sich zieht, ähnlich wie ein Kreisel das Wasser um sich herum in einen Strudel zieht".

Sechs Teleskope für einen Nachweis

Dass der Befund gelang, verdankt sich einer aufwendigen Beobachtungskampagne mit mehreren Instrumenten. Die Röntgendaten stammen vom Neil Gehrels Swift Observatory und dem NICER-Teleskop auf der Internationalen Raumstation.

Für die Radiosignale kombinierten die Astronomen Messungen des Karl G. Jansky Very Large Array (VLA), des Australia Telescope Compact Array (ATCA), des britischen e-MERLIN-Netzwerks und des Very Long Baseline Array (VLBA) .

Erst diese dichte Überwachung in beiden Wellenlängenbereichen machte die synchronen Schwankungen sichtbar.

Statistisch erreicht die 19,6-Tage-Periodizität im Röntgenlicht eine Signifikanz von knapp 3,8 Sigma. Die Kreuzkorrelation zwischen Röntgen- und Radiodaten liegt sogar bei 4,26 Sigma – noch unterhalb des Fünf-Sigma-Goldstandards der Teilchenphysik, aber für astrophysikalische Verhältnisse ein starkes Signal .

Alternative Erklärungen wie instrumentelle Effekte, interstellare Szintillation oder Strahlungsdruckinstabilitäten in der Scheibe prüften die Forscher systematisch und schlossen sie aus.

Langsam rotierendes Schwarzes Loch

Ein weiteres bemerkenswertes Ergebnis: Das Schwarze Loch dreht sich offenbar vergleichsweise langsam. Die Modellierung ergab einen dimensionslosen Spinparameter von etwa 0,1 bis 0,35 .

Das deutet auf eine Wachstumsgeschichte hin, in der das Schwarze Loch sein Material eher in vielen kleinen, ungeordneten Portionen aufsammelte, statt über lange Zeiträume gleichmäßig gefüttert zu werden.

Zugleich zeigt der Befund, dass selbst bei moderatem Spin mild relativistische Jets entstehen können – die Magnetfeldgeometrie und der Aufbau der Scheibe spielen dabei offenbar eine mindestens ebenso wichtige Rolle wie die Rotation selbst.

Für die Überprüfung von Einsteins Allgemeiner Relativitätstheorie im starken Gravitationsfeld bedeutet die Beobachtung einen wichtigen Bestätigungspunkt. Die Daten sind konsistent mit der Kerr-Metrik, also der Beschreibung rotierender Schwarzer Löcher in der Allgemeinen Relativitätstheorie. Abweichungen davon hätten sich in veränderten Präzessionsperioden bemerkbar gemacht.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11319894

Links in diesem Artikel:

  1. https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.ady9068
  2. https://www.cardiff.ac.uk/news/view/2990399-einsteins-theory-comes-wrapped-up-with-a-bow-astronomers-spot-star-wobbling-around-black-hole

Copyright © 2026 Heise Medien

Adblock test (Why?)

✇ Telepolis

PL-16: Neue Langstreckenrakete soll westliche Luftüberlegenheit herausfordern

Von Telepolis — 05. Juni 2026 um 14:00
Kampfjet mit offenem Waffenschacht in der Luft

Ein J20-Jet mit vier PL-15 Luft-Luft-Raketen

(Bild: emperornie/CC-2.0/Commons)

Chinas PL-16 könnte westliche Luftüberlegenheit fundamental verschieben. Nicht verifizierte Unterlagen deuten auf über 300 km Reichweite hin. Ein Überblick.

Ein in China kursierender Foliensatz [1] hat Debatten in Verteidigungskreisen ausgelöst: Die Volksbefreiungsarmee soll demnach an der Luft-Luft-Rakete PL-16 arbeiten, einem Nachfolger der bereits kampferprobten PL-15.

Die Authentizität des Materials wurde bislang nicht unabhängig bestätigt, und die chinesische Luftwaffe hat weder die Existenz des Programms eingeräumt noch technische Angaben gemacht.

Nicht verifizierte Daten, aber strategische Wirkung

Laut dem kursierenden Foliensatz soll die PL-16 eine Reichweite von mehr als 300 Kilometern erreichen – über 50 Prozent mehr als die amerikanische AIM-260 Joint Advanced Tactical Missile, die ihrerseits als Antwort auf die PL-15 entwickelt wurde und eine Reichweite von mindestens 193 Kilometern aufweisen soll.

Die AIM-260 befindet sich noch nicht im aktiven Dienst. Analysten weisen darauf hin, dass selbst unbestätigte Leistungsangaben dieser Größenordnung Planungsentscheidungen in der gesamten Indo-Pazifik-Region beeinflussen.

Das Material stammt nach Angaben [2] der in Hongkong erscheinenden South China Morning Post aus einer Präsentation, die die Entwicklungslinie chinesischer Luft-Luft-Raketen von der PL-11 über die PL-12 und PL-15 bis zur PL-16 nachzeichnet. Die PL-11 gilt als chinesische Variante der italienischen ASPIDE-Rakete.

Variables Schubsystem als zentrales Merkmal

Das technisch bedeutsamste Merkmal der PL-16 ist laut dem Foliensatz ein variables Feststoffraketen-Triebwerk – eine andere Architektur als der Zwei-Puls-Feststoffmotor der PL-15. Während ein Zwei-Puls-Motor einen Teil des Treibstoffs für eine zweite Beschleunigungsphase kurz vor dem Ziel reserviert, erlaubt ein variables Triebwerk eine kontinuierliche Schubregulierung während des gesamten Fluges.

Das ermöglicht eine effizientere Energienutzung: Die Rakete kann in bestimmten Flugphasen Energie sparen und sie gezielt in der Endphase des Abfangmanövers einsetzen.

Forscher des Pekinger Instituts für Elektronisches Ingenieursystem veröffentlichten bereits 2014 Simulationsstudien zu variablen Schubsystemen in taktischen Raketen.

Demnach könnte optimiertes Schubmanagement bei einer Rakete mit ähnlichen Abmessungen wie die PL-15 unter bestimmten Bedingungen Reichweiten von rund 320 Kilometern ermöglichen. Ein direkter Zusammenhang mit dem PL-16-Programm lässt sich aus der Studie nicht ableiten, wie das Fachportal AvionicOnline anmerkt [3].

Ergänzt wird das Antriebssystem laut Foliensatz durch einen aktiv elektronisch geschwenkten Array-Radar-Sucher (AESA) – ein Radar, das seinen Strahl elektronisch statt mechanisch ausrichtet und damit schwieriger zu stören ist – sowie ein bidirektionales Datennetzwerk. Dieses erlaubt Korrekturen der Flugbahn aus externen Quellen wie Frühwarnflugzeugen oder anderen Kampfjets während des Fluges.

Ausgelegt für Tarnkappenjäger

Die Konstruktion soll von Beginn an auf den Einbau in die internen Waffenschächte chinesischer Tarnkappenjäger ausgerichtet sein. Klappbare Steuerflächen sollen den Platzbedarf beim internen Transport reduzieren.

Für Flugzeuge wie den J-20 und den J-35 könnte das bedeuten, bis zu sechs PL-16 intern zu tragen – statt bislang vier PL-15 – ohne die radarabsorbierende Außenkontur zu beeinträchtigen. Das wäre relevant, weil extern montierte Raketen die Radarquerschnittsfläche eines Tarnkappenjägers erhöhen und seine Überlebensfähigkeit in bestrittenen Lufträumen verringern.

PL-15 im Kampfeinsatz

Derselbe Foliensatz enthält eine Aussage zum Kampfeinsatz der PL-15: Demnach erzielte die Rakete beim sogenannten "57-Luftgefecht" – einem Verweis auf den Luftkampf zwischen Indien und Pakistan am 7. Mai 2025 – Abschüsse auf Distanzen von mehr als 180 Kilometern.

Pakistan hatte PL-15-Raketen eingesetzt, um indische Kampfjets abzuschießen, darunter nach Medienberichten mindestens einen Rafale-Jet des französischen Herstellers Dassault. Es war der erste bekannte Kampfeinsatz der chinesischen Rakete.

Bemerkenswert ist laut AvionicOnline, dass der Foliensatz schlicht von der "PL-15" spricht, ohne die Exportvariante PL-15E zu erwähnen, die Pakistan offiziell erworben hat. Das nährt Spekulationen, ob Islamabad Zugang zu Varianten hatte, die näher an der Version der chinesischen Luftwaffe liegen.

Strategischer Kontext: Bedrohung für westliche Unterstützungsflugzeuge

Analysten sehen die PL-16 nicht primär als Waffe gegen feindliche Kampfjets, sondern als Instrument zur Bedrohung von Unterstützungsflugzeugen: Tankflugzeuge, Frühwarnflugzeuge wie die E-3 oder E-7, Aufklärungsplattformen und elektronische Kampfflugzeuge operieren im westlichen Luftkampfkonzept vergleichsweise nah an Kampfzonen.

Eine Rakete mit 300 Kilometern Reichweite könnte diese Plattformen zwingen, weit hinter die bisherigen Sicherheitsabstände zurückzuweichen – mit erheblichen Folgen für Sortierrate, Sensorabdeckung und Führungsfähigkeit alliierter Luftoperationen.

Das Programm steht im Wettbewerb mit der russischen R-37M, die in realen Kampfeinsätzen gegen weitreichende Ziele eingesetzt wurde, und der amerikanischen AIM-260. Alle drei Systeme spiegeln einen globalen Trend wider: Luftstreitkräfte investieren zunehmend in Raketen, die feindliche Unterstützungsarchitektur bedrohen, statt ausschließlich auf Luftkampf auf kurze Distanzen zu optimieren.

Verteidigungsanalysten betonen jedoch, dass geleakte Folien keine verifizierten Fähigkeiten belegen. Die technische Integration von variablem Schub, AESA-Führung und Datennetzwerk in einem kompakten Waffensystem bleibt anspruchsvoll – selbst für Großmächte mit erheblichen Rüstungskapazitäten.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11316982

Links in diesem Artikel:

  1. https://xcancel.com/Hurin92/status/2061709031086170515
  2. https://www.scmp.com/news/china/military/article/3355821/chinas-pl-15-missile-has-downed-rafale-jets-pl-16-even-more-powerful?module=top_story&pgtype=homepage
  3. https://www.aviacionline.com/english/defence/asia-pacific/china-reveals-details-of-the-pl-16-its-new-air-to-air-missile-with-a-range-exceeding-300-km_a6a1efa7003d1047930dbdbcc

Copyright © 2026 Heise Medien

Adblock test (Why?)

✇ Telepolis

YouTube überholt Netflix: Das ungebändigte Medium wird zum neuen Fernsehen

Von Telepolis — 05. Juni 2026 um 13:45
Mobiltelefon mit YouTube vor dem Hintergrund von Bildschirmen

Bild: Shutterstock.com

YouTube überholt Netflix und wird zum Fernsehen nach Maß. Jeder hat sein eigenes Programm – mit neuer Freiheit und neuen Risiken.

Erstmals verbringen Nutzer mehr Zeit auf YouTube als auf Netflix. Das ist mehr als eine Verschiebung von Marktanteilen: Es markiert den Aufstieg eines neuen Leitmediums.

In 20 internationalen Märkten schauen Menschen inzwischen täglich länger auf die Google-Plattform als auf den Streaming-Riesen. Die durchschnittliche YouTube-Wiedergabezeit pro Account stieg laut einer Studie des britischen Softwareunternehmens Digital i von 87,2 Minuten im Jahr 2024 auf 99,1 Minuten im Jahr 2025. [1] So berichtet es das Fachportal digitalfernsehen.de.

Demnach rutschte Netflix im gleichen Zeitraum von 100,5 auf 93,4 Minuten ab.

Die eigentliche Überraschung liegt jedoch woanders

YouTube ist zum neuen Fernsehen geworden. Die Studie bestätigt, was schon lange zum zeitgenössischen Umgang mit Medien gehört. Menschen nutzen YouTube wie einen Fernsehsender mit riesigem Angebot. Sie schauen Dokumentationen, Vorträge, Nachrichten und Hintergrundberichte. Allerdings mit einem Plus gegenüber den gewohnten Fernsehsendern.

Was YouTube am Besten kann

Die Bildungsaffinen lesen von einer kanadischen Dichterin, vor deren Vorlesungen in Deutschland die Leute Schlange stehen, weil sie wie die zeitgenössische Lyrik im Moment sehr herbeigesehnten Widerstand gegen die Dummheit [2] leistet und man kann sie sofort auf YouTube kennenlernen [3] oder ihren Vortrag über die Himmelschrift [4] sehen.

Schwimmbegeisterte fragen sich, ob die früher gelernte S-Kurve beim Armzug noch gilt, und finden auf dem Kanal sofort Anschauungsmaterial. [5]Tipps zum Training sowieso. Man sucht frühere Fernseherlebnisse, die Serien aus der Kindheit, wiederzuentdecken, man wird fündig, man will ein Land über Dokumentationen kennenlernen, dito ... Tutorials, wenn die Spülmaschine streikt und der Klempner keine Zeit hat, eine Sache von wenigen Minuten.

Zurück zum Fernsehbildschirm

Besonders auffällig ist die Verschiebung vom Smartphone zum Fernsehbildschirm. Der Anteil der TV-Nutzung an der gesamten YouTube-Wiedergabezeit kletterte von 28 Prozent Anfang 2024 auf 35 Prozent Ende 2025, so die zitierte Studie. Die mobile Nutzung sank dagegen von 35 auf 31 Prozent. Der Fernseher im Wohnzimmer gewinnt demnach wieder an Bedeutung – allerdings schaut niemand mehr das Programm einer Redaktion, sondern sein eigenes.

YouTube ist damit das erste Massenmedium der Geschichte, das gleichzeitig Millionenpublikum und Individualmedium sein will. Jeder Nutzer besitzt seinen eigenen Sender. Das bedeutet mehr als nur personalisierte Empfehlungen: Es ist die Auflösung jener gemeinsamen Programmerfahrung, die das Fernsehen über Jahrzehnte prägte.

Wo früher Millionen zur gleichen Zeit dieselbe Talkshow sahen, konsumiert heute jeder seine eigene Mischung aus Nachrichten, Unterhaltung und Nischeninhalten.Diese Fragmentierung hat Folgen.

Der gemeinsame Bezugsrahmen schwindet. Diskussionen am nächsten Tag drehen sich nicht mehr um die gestrige Sendung, sondern um völlig unterschiedliche YouTube-Inhalte. Gleichzeitig entsteht eine nie dagewesene Vielfalt: Wer sich für mittelalterliche Buchmalerei, südkoreanische Straßenküche oder die Reparatur alter Schreibmaschinen interessiert, findet auf YouTube eine Fülle an Material, das im klassischen Fernsehen nie einen Sendeplatz bekommen hätte.

YouTube und Netflix nähern sich an

Beide Plattformen nähern sich inhaltlich an. Während YouTube verstärkt in Premium-Content und Live-Events wie Sport oder Award-Shows investiert, setzt Netflix zunehmend auf Video-Podcasts und creator-geführte Formate.

Der offizielle Netflix-Kanal auf YouTube war 2025 weltweit der Kanal mit der höchsten Reichweite und erreichte 78,2 Millionen einzigartige Accounts, wie digitalfernsehen.de berichtet.

Die andere Seite der YouTube-Algorithmen

Doch YouTube-Algorithmen sortieren nicht neutral. Sie verstärken das, was Aufmerksamkeit erzeugt – und das sind häufig Zuspitzungen, Emotionen und Extreme. Desinformation und manipulative Inhalte finden auf YouTube ebenso Verbreitung wie seriöse Dokumentationen. Die Plattform unterscheidet nicht zwischen Bildung und Propaganda, solange beide Klicks generieren.

Hinzu kommen Konflikte um Urheberrechte. Drehbuchautoren und andere Kreative beklagen mit berechtigter Vehemenz – und offenbar noch immer nicht laut genug – , dass ihre Inhalte häufig ohne angemessene Vergütung auf YouTube genutzt werden. Während YouTube Milliarden verdient, gehen viele, die die Inhalte schaffen, leer aus.

Unordnung und Kontrolle

Diese Probleme haben eine politische Debatte ausgelöst. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer [6] fordert in einem Gastbeitrag für Die Welt neue Regeln für Plattformen wie YouTube, die publizistische Verantwortung übernehmen.

Wobei hier ganz offenbar andere Interessen als die der Kreativen und die der Zuseher im Mittelpunkt stehen: Weimar geht es als Vertreter des Staates und der Interessen von etablierten, traditionellen Medien um die Kontrolle eines ungebändigten Mediums. Es geht um Geld und Macht.

Kein Zufall: Vizekanzler Lars Klingbeil will Plattformen "bändigen". Was das heißt, ist Thema einer notwendigen Debatte.

Der Rechtsanwalt Joachim Steinhöfel warnt [7] vor staatlicher Kontrolle der Reichweite als Angriff auf die Meinungsfreiheit.

Die Frage bleibt: Wie geht eine Demokratie mit einem Medium wie YouTube um, in dem jeder sein eigener Programmdirektor ist?

YouTube hat das Fernsehen nicht verdrängt. Es hat es personalisiert. Jeder Zuschauer wird zum Programmdirektor seines eigenen Senders. Genau darin liegt die Faszination des Mediums – und der Grund, warum der Streit über seine Zukunft gerade erst beginnt.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11319838

Links in diesem Artikel:

  1. https://www.digitalfernsehen.de/news/inhalte/streaming/youtube-grosse-ueberraschung-bei-taeglicher-nutzungsdauer-1181908/
  2. https://www.zeit.de/feuilleton/2026-05/anne-carson-berlin-performance-lyrik-poesie
  3. https://www.youtube.com/watch?v=ksH3FIs0eJs
  4. https://www.youtube.com/watch?v=9F9xUhaimTY
  5. https://www.youtube.com/watch?v=16mF-BUQRfI
  6. https://www.welt.de/debatte/plus69fd75d87e3ff373d429dbd6/kulturstaatsminister-wenn-youtube-das-neue-fernsehen-ist-braucht-es-neue-regeln.html
  7. https://www.welt.de/debatte/article6a040acc1da06efdfa61867b/wolfram-weimer-bitte-nicht-noch-einmal-staatsfernsehen.html

Copyright © 2026 Heise Medien

Adblock test (Why?)

✇ Telepolis

Altman, Sanders und die Frage: Wem gehören die KI-Gewinne?

Von Telepolis — 05. Juni 2026 um 12:00
Openai,Ceo,Sam,Altman,Attends,The,Artificial,Intelligence(ai),Revolution,Forum, SamAltman

(Bild: jamesonwu1972/Shutterstock.com)

US-Regierung und Tech-Konzerne verhandeln über direkte Staatsbeteiligungen an KI-Firmen – mit weitreichenden Folgen für den Markt. Ein Leitartikel.

Erst bauen Tech-Konzerne die Zukunft – jetzt holen sie den Staat ins Boot, um sie gemeinsam zu kontrollieren.

In Washington formiert sich eine Allianz, die das Verhältnis zwischen Staat und Tech-Branche grundlegend verschieben könnte. Wie das Wall Street Journal berichtet [1], diskutieren hochrangige US-Regierungsbeamte seit Anfang vergangenen Jahres darüber, direkte Kapitalbeteiligungen an führenden KI-Unternehmen zu erwerben. Nicht als Regulator von außen – sondern als Investor im System.

Der Impuls dafür kommt ausgerechnet aus dem Herzen der Branche selbst. OpenAI-Chef Sam Altman hat die Idee staatlicher Beteiligungen aktiv vorangetrieben – obwohl sein eigenes Unternehmen zu den ersten gehören würde, die davon betroffen sind. Was wie ein Widerspruch wirkt, ist Kalkül.

Dabei geht es nicht um abstrakte Industriepolitik. Es geht darum, wer Zugriff auf die Gewinne, die Infrastruktur und die Regeln der KI-Ökonomie bekommt. Tech-Konzerne öffnen sich bewusst für staatliche Beteiligung – und holen sich damit nicht nur Kapital, sondern politische Absicherung. Der Preis: Einfluss.

Die offene Frage ist nicht mehr, ob der Staat eingreift, sondern wie tief er bereits im System steckt, wenn die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verwerfungen durch KI, die prognostiziert werden, auch Realität werden.

Dass die Trump-Administration bereits Direktinvestitionen in einzelne Unternehmen angekündigt hat [2] – darunter den Chiphersteller Intel –, wirkt vor diesem Hintergrund nicht wie eine Ausnahme. Der Einstieg bei KI-Entwicklern wäre nur die nächste Stufe.

Altmans Kalkül: Legitimation durch den Staat

Altman arbeitet seit Jahren daran, den Staat in OpenAI einzubinden. Bereits vor dem Start von ChatGPT fragte er bei der US-Regierung in Washington an, ob sie daran interessiert sei, das KI-Labor zu finanzieren.

Im April schlug OpenAI dann die Gründung eines öffentlichen Vermögensfonds vor, der in KI-Unternehmen investieren und die Erträge direkt an Bürger ausschütten soll – auch an jene, die nicht an den Finanzmärkten investiert sind.

Als Vorbild nannte Altman die sogenannten Trump Accounts, eine neue Form steuerbegünstigter Sparkonten für Kinder. Die Botschaft: Wer KI-Gewinne breit verteilt, nimmt der wachsenden öffentlichen Unruhe die Spitze – bevor sie zur politischen Gefahr wird.

OpenAI bereitet Berichten zufolge einen Börsengang mit einer Zielbewertung von rund 850 Milliarden US-Dollar vor. Ein staatliches Gütesiegel signalisiert Stabilität und politische Rückendeckung in einem Markt, der von Volatilität geprägt ist. Altman verschenkt also nichts – er kauft Legitimation.

Sanders' Gegenvorschlag: 50 Prozent für die Öffentlichkeit

Was Altman als freiwillige Partnerschaft rahmt, denkt Senator Bernie Sanders radikal zu Ende. Wie Telepolis jüngst berichtet hat, plant der unabhängige Senator den "American AI Sovereign Wealth Fund Act" [3], der eine einmalige Steuer von 50 Prozent auf das Eigenkapital der größten KI-Firmen vorsieht – zahlbar in Aktien. Betroffen wären OpenAI, Anthropic und Elon Musks xAI.

Sanders' Begründung ist einfach und schwer zu entkräften: KI-Modelle seien auf dem "kollektiven Wissen der Menschheit" trainiert worden – auf Büchern, Musik, Journalismus und wissenschaftlicher Forschung, überwiegend ohne Erlaubnis oder Vergütung.

Der Fonds soll der Regierung Stimmrechte und Vorstandssitze sichern. Erträge würden zunächst als Dividenden an B��rger fließen, später aber auch Bildung, Gesundheit und Wohnraum mitfinanzieren.

Als Vorbilder nennt Sanders den norwegischen Staatsfonds und den Alaska Permanent Fund.

Am Mittwoch traf sich Altman persönlich mit Sanders. Ein Treffen, das die Bruchlinie offenlegt: Altman will kontrollierte Großzügigkeit. Sanders will strukturelle Umverteilung. Beide argumentieren mit demselben Rohstoff – den Daten der Allgemeinheit. Aber nur einer von beiden meint es als Systemwechsel.

Der Staat als Investor und Aufseher zugleich

Die eigentliche Brisanz liegt im Doppelspiel. Eine Regierung, die gleichzeitig reguliert und investiert, gerät in einen strukturellen Interessenkonflikt – und zwar einen, der sich nicht durch gute Absichten auflösen lässt.

Einerseits könnte der Staat über Vorstandssitze direkte Einblicke in Frontier-Modelle erhalten und Sicherheitsauflagen leichter durchsetzen. Andererseits: Ein Staat, der am Unternehmenswert partizipiert, hat wenig Anreiz, denselben durch strenge Regulierung zu schmälern.

Dieses Dilemma ist als "Regulatory Capture" bekannt und aus der Finanzbranche gut dokumentiert.

Und die Parallelen zur Finanzkrise 2008 sind offensichtlich: Auch damals stieg der Staat bei Banken und Autobauern ein – zur Stabilisierung, nicht zur dauerhaften Beteiligung. Die Positionen wurden weitgehend zurückgeführt.

Bei KI-Unternehmen, deren Wert auf immateriellen Gütern wie Algorithmen und Trainingsdaten basiert, wäre ein Ausstieg ungleich komplizierter. Wer einmal drin ist, kommt schwer wieder raus.

Dass die Trump-Administration ihre KI-Politik zuletzt mehrfach korrigierte [4] – erst radikale Deregulierung, dann doch neue Aufsichtsmechanismen –, zeigt, wie instabil das politische Terrain ist.

Trump stoppte eine geplante stärkere KI-Verordnung mit Verweis auf den Wettbewerb mit China, um kurz darauf eine abgeschwächte Version zu unterzeichnen. Das ist kein Kurs, sondern Improvisation.

Sicherheitsapparat und moralische Autorität

Die Debatte um staatliche KI-Beteiligungen fällt nicht in eine ruhige Phase.

Im Gegenteil: Interne Dokumente von US-Behörden zeigen, dass Homeland Security und FBI einen neuen Phänomenbereich "Anti-Tech-Extremismus" beobachten [5] und vor KI-getriebenen Unruhen warnen.

Die "chaotische Atmosphäre" der kommenden fünf Jahre durch rasante KI-Entwicklung könnte laut einer New Yorker Anti-Terror-Einheit zu "weiträumigen Protesten" führen.

Der Staat bereitet sich also gleichzeitig auf zwei Szenarien vor: Beteiligung an den Gewinnen – und Eindämmung der Wut derjenigen, die von diesen Gewinnen nichts sehen.

Parallel meldet sich der Vatikan zu Wort. Papst Leo XIV. forderte in seiner Enzyklika "Magnifica Humanitas" strenge internationale Richtlinien für KI [6] und stellte die Technologie in den Kontext von Menschenwürde und sozialer Gerechtigkeit.

Die Parallele zur Sozialenzyklika "Rerum Novarum" von 1891, die auf die Verwerfungen der industriellen Revolution reagierte, ist bewusst gewählt. Die Botschaft: Was damals die Dampfmaschine war, ist heute das Sprachmodell.

Konsequenzen für Europa und den KI-Markt

Für europäische Unternehmen wäre ein US-Modell, das Staatsfonds-Logik mit Tech-Beteiligungen verbindet, ein direkter Wettbewerbsnachteil.

Wenn Washington gleichzeitig Eigentümer und Aufseher wird, stärkt das die geopolitische Bindung zwischen US-Regierung und US-KI-Champions auf eine Weise, die Europa nicht replizieren kann – nicht mit dem EU AI Act und nicht mit nationalen Förderprogrammen.

Europäische Anbieter müssten sich deutlich stärker an Brüssel anlehnen, um vergleichbare Skaleneffekte bei Recheninfrastruktur aufzubauen. Ob der politische Wille dafür existiert, ist offen.

Ob Sanders' 50-Prozent-Forderung die verfassungsrechtlichen Hürden in den USA nehmen kann, bleibt fraglich – die Eigentumsgarantien des Fünften Zusatzartikels setzen hohe Schranken. Altmans freiwilliges Modell wäre rechtlich unproblematischer, aber politisch zahnlos.

Klar ist: Beide Vorschläge dokumentieren, dass die Frage nicht mehr lautet, ob der Staat in die KI-Industrie eingreift – sondern wie tief. Und wer am Ende mehr Kontrolle gewinnt: die Konzerne, die den Staat einladen, oder der Staat, der die Einladung annimmt.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11319722

Links in diesem Artikel:

  1. https://www.wsj.com/tech/ai/u-s-officials-discuss-taking-financial-stakes-in-ai-industry-b654d41a
  2. https://www.whitehouse.gov/wp-content/uploads/2026/01/WHOSTP-2025-Wins.pdf
  3. https://www.heise.de/tp/article/Bernie-Sanders-will-50-Prozent-der-KI-Aktien-in-oeffentliche-Hand-bringen-11318656.html
  4. https://www.heise.de/news/Dienstag-Papst-thematisiert-KI-Trump-stoppt-wichtige-KI-Verordnung-11305752.html
  5. https://www.heise.de/news/Interne-Dokumente-US-Behoerden-beobachten-Anti-Tech-Extremismus-11311720.html
  6. https://www.heise.de/tp/article/Leo-XIV-zieht-rote-Linien-bei-kuenstlicher-Intelligenz-11297099.html

Copyright © 2026 Heise Medien

Adblock test (Why?)

✇ Telepolis

Ukraine bekommt Gripen: Warum Russland genauer hinschauen muss

Von Telepolis — 05. Juni 2026 um 11:00
Unterseite des JAS-39C Gripen-Jets in der Luft.

Saab JAS-39C Gripen. Foto: Oleg V. Belyakov - AirTeamImages / CC BY-SA 3.0 Deed

Schweden plant die Lieferung von Gripen-Kampfjets. Entscheidend könnte aber eine andere Waffe sein. Sie bedroht russische Bomber weit hinter der Front.

Die Ukraine könnte schon bald neue Kampfflugzeuge bekommen. Zwei Gripen-Kampfjets standen als Kulisse bereit, als Schwedens Ministerpräsident Ulf Kristersson und der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am 28. Mai auf dem Luftwaffenstützpunkt Uppsala vor die Kameras traten.

Schweden will der Ukraine bis zu 16 Gripen C/D aus eigenen Beständen überlassen; parallel soll Kiew den Kauf von bis zu 20 Gripen E/F zusagen. Erste Lieferungen [1] sollen Anfang 2027 erfolgen, die neuen E/F bis 2030.

Den Kaufpreis [2] von 2,5 Milliarden Euro will Kiew aus dem europäischen Ukraine-Unterstützungsdarlehen bestreiten. Selenskyj verwies auf das 90-Milliarden-Euro-Paket der EU als Finanzierungsquelle [3]. Die älteren Maschinen gibt Stockholm allerdings nur ab, wenn der Kaufvertrag für die neuen E/F tatsächlich zustande kommt.

Die geplante Bewaffnung

Verteidigungsminister Pål Jonson nannte die geplante Bewaffnung: IRIS-T, AMRAAM und die weitreichende Meteor-Rakete. Selenskyj erwartet ausdrücklich, dass die Gripen C/D mit Meteor geliefert werden.

Vorausgegangen war eine Absichtserklärung vom Oktober 2025, die beide in Linköping unterzeichnet hatten – damals noch über 100 bis 150 Gripen E. Den Kurs begründete Selenskyj persönlich mit Kosten, Wendigkeit und Bedienbarkeit: "Für unsere Armee sind Gripen die Priorität", zitierte ihn Flug Revue.

Saab wies darauf hin, dass für die E/F-Variante noch kein Vertrag unterzeichnet und keine Bestellung eingegangen sei – die Transaktion existiert bislang als Absichtserklärung.

Das Training ukrainischer Piloten und Techniker auf dem Gripen läuft bereits und soll im Herbst ausgeweitet werden.

Warum der Gripen: Konzept und Konstruktionsphilosophie

In den 1980er-Jahren stand für Schwedens Militärplaner eine Frage im Mittelpunkt: Wie kämpft man weiter, wenn der Gegner die eigenen Flugplätze in den ersten Kriegsstunden zerstört hat?

Die Antwort auf diese Bedrohung war das Bas-90-System [4] – kurz für Flygbassystem 90, Schwedens Konzept verteilter Luftwaffenbasen aus den 1980er Jahren: Kampfjets über das ganze Land verteilt, in Wäldern versteckt, startend von Straßenabschnitten, gewartet von kleinen Teams unter freiem Himmel. Diese Überlebensphilosophie steckt bis heute in jedem Detail des Jets.

Der Gripen E startet von Straßenabschnitten mit 500 Metern Länge und 16 Metern Breite und landet auf 600 Metern. Das Triebwerk lässt sich im Wald in einer Stunde wechseln, Wartungsklappen öffnen sich per Knopfdruck, auch mit Winterhandschuhen. Fünf Techniker können den Jet in weniger als 15 Minuten neu betanken und bewaffnen.

Jussi Halmetoja, ehemaliger schwedischer Luftwaffenmajor und heute Berater bei Saab, brachte den Unterschied zu anderen Westjets auf eine einprägsame Zahl: Während der Gripen in rund 15 Minuten wieder einsatzbereit sei, bräuchten F-16, Rafale und Eurofighter dafür dreimal so lang – 45 bis 60 Minuten, sagte er gegenüber dem ukrainischen Portal United24 Media [5]. Vom Alarmruf bis zum Start vergehen beim Gripen unter günstigen Bedingungen weniger als fünf Minuten.

Schwedischer Verteidigungsminister Pål Jonson [6] erklärte die Logik dahinter:

"Der Gripen wurde für ein Land gebaut, das möglicherweise zahlenmäßig unterlegen kämpfen muss, unter Druck und von verteilten Basen aus. Das macht ihn für die Ukraine hochrelevant."

Was Schweden im Kalten Krieg als Planspiel entwickelte, ist in der Ukraine seit 2022 gelebter Alltag. Russland greift die ukrainische Militärinfrastruktur systematisch mit Raketen, Marschflugkörpern und Drohnen an. Ein ukrainischer Mirage-Techniker schilderte gegenüber dem Fachportal The War Zone [7] die Realität:

"Gerade sind wir auf einem vorgeschobenen Feldflugplatz, unserem dritten in dieser Woche. Der Feind versucht ständig, unsere Flugzeuge und Ausrüstung zu zerstören."

Die ukrainische Luftwaffe hat unter diesen Bedingungen bereits mit F-16 und Mirage gelernt, von verteilten Standorten zu operieren. Der Gripen ist für genau dieses Konzept konstruiert.


Die Rakete als Kernfrage: Meteor

Was den möglichen Kauf strategisch interessant macht, ist eine Rakete: die Meteor, eine europäische Luft-Luft-Waffe der Firma MBDA, die mit keiner anderen westlichen Rakete vergleichbar ist.

Der entscheidende Unterschied liegt im Antrieb. Während herkömmliche Luft-Luft-Raketen einen Feststoffmotor haben, der nach dem Abschuss abbrennt und das Geschoss im Endanflug immer langsamer werden lässt, hat die Meteor ein Staustrahl-Triebwerk [8], das während des gesamten Fluges Schub erzeugt und gedrosselt werden kann.

Das bedeutet: Die Rakete behält ihre Energie bis kurz vor dem Einschlag – und ein ausweichendes Zielflugzeug hat deutlich weniger Chancen zu entkommen. Fachleute sprechen von einer besonders großen "No-Escape-Zone" – dem Bereich, aus dem kein Manöver mehr hilft.

Offizielle Reichweitenangaben [9] bleiben vage; in offenen Quellen kursieren Werte von deutlich über 100 Kilometern bis etwa 200 Kilometern. Entscheidend ist aber weniger die nominelle Maximalreichweite als die hohe Restenergie im Endanflug.

Zum Vergleich: Die modernste AMRAAM-Variante, die Ukraine derzeit mit ihren F-16 einsetzt, erreicht zwischen 120 und 160 Kilometern. Russlands R-37M-Rakete, die von Su-35 und MiG-31 abgefeuert wird, soll Ziele in bis zu 200 Kilometern Entfernung treffen können – und hat ukrainische Piloten seit Kriegsbeginn immer wieder gezwungen, tief zu fliegen und Umwege zu nehmen.

Genau hier liegt die operative Bedeutung der Meteor für die Ukraine. Russische Su-34-Kampfbomber feuern ihre Gleitbomben derzeit aus 60 bis 100 Kilometern hinter der Front ab, ohne in Reichweite ukrainischer Abwehrsysteme zu geraten, wie der ehemalige estnische Luftwaffenchef Jaak Tarien gegenüber dem estnischen öffentlich-rechtlichen Rundfunk ERR [10] erklärte.

Die Meteor könnte diese Rechnung verändern – indem sie die Trägerflugzeuge bedroht.

Verstärkt würde diese Fähigkeit durch die Kombination mit den zwei Saab-340-Frühwarnflugzeugen, die Schweden der Ukraine bereits übergeben hat. Diese Maschinen können russische Ziele orten, priorisieren und die Daten direkt an die Gripen-Piloten weiterleiten – und sogar Raketenlenkdaten während des Fluges übermitteln, sodass der Pilot sein eigenes Radar gar nicht einschalten muss. Seit März 2026 gibt es erste Hinweise, dass die Saab 340 bereits über der Ukraine im Einsatz ist.

Meteor steht bislang nur auf Schwedens Lieferliste. Andere europäische Betreiberländer verfügen zwar über eigene Bestände – Frankreich bestellte 200 Raketen, von denen 160 geliefert wurden, Spanien 100, Deutschland mehrere Hundert in verschiedenen Tranchen – doch die verfügbaren Mengen sind begrenzt, wie das ukrainische Fachmagazin Defense Express [11] berichtet. Hersteller MBDA hat angekündigt, die Produktion bis 2026 um rund 40 Prozent zu steigern. Direkte Nachbestellungen für die Ukraine oder Transfers über Partnerländer wären denkbar, gelten aber derzeit als offen.

Was der Gripen für die ukrainische Luftwaffe bedeutet

Die ukrainische Luftwaffe begann den Krieg im Februar 2022 mit rund 100 bis 120 einsatzbereiten Kampfflugzeugen – allesamt sowjetischer Bauart, sagte der ehemalige estnische Luftwaffenchef Jaak Tarien gegenüber ERR [12].

Russland habe seitdem rund 100 bis 110 davon abgeschossen. Dass die Ukraine trotzdem noch ungefähr gleich viele Maschinen im Einsatz habe, liege daran, dass sie aus Flugzeugfriedhöfen ausgemusterte Maschinen reaktiviert und Ersatzteile aus aller Welt zusammengesammelt habe.

Parallel dazu hat die Ukraine begonnen, ihre Flotte systematisch auf westliche Muster umzustellen. Nach Verlusten verfügt sie derzeit über bis zu 39 F-16 [13], geliefert von den Niederlanden und Dänemark. Norwegen hat sechs weitere zugesagt, Belgien bis zu 30 – manche Berichte sprechen sogar von einer Übergabe der gesamten belgischen F-16-Flotte von 53 Maschinen bis 2029. Frankreich hat sechs Mirage 2000-5 zugesagt, drei davon sind bereits geliefert, eine ging bereits verloren.

Realistisch könnte die Ukraine bis Anfang der 2030er-Jahre also zwischen 96 und 129 westliche Kampfflugzeuge im Dienst haben.

In diese Flotte fügen sich nun die Gripen ein. Das Fachportal Army Recognition [14] beschreibt die entstehende ukrainische Luftwaffe als potenziell eine der größten Konzentrationen westlicher Kampfflugzeuge in Europa – mit zwei verschiedenen Technologiegenerationen: Sowjetbestände, F-16 und Mirage 2000-5 stammen aus der späten Kalten-Kriegsära, Gripen E und Rafale F4 gehören einer späteren Generation an, die auf Sensorfusion, digitale Architektur und Vernetzung setzt.

Die wachsende Typenvielfalt bringt allerdings erhebliche logistische Herausforderungen mit sich. Jeder neue Typ bedeutet eigene Ersatzteile, eigene Ausbildung, eigene Bodencrew und eigene Waffenintegration. Für den Gripen müsste eine vergleichbare Infrastruktur erst aufgebaut werden.

Die entscheidende operative Frage

Der Gripen ist konzeptionell das passendste westliche Kampfflugzeug für die ukrainische Kriegsrealität – weil Überlebensfähigkeit am Boden, verteilte Operationen und hohe Einsatzrate unter den Bedingungen des russischen Raketenbeschusses mehr zählen als Spitzenleistung unter Idealbedingungen. Was Schweden im Kalten Krieg als Doktrin entwickelte, ist in der Ukraine seit 2022 militärische Notwendigkeit.

Die entscheidende operative Frage ist dabei weniger der Jet selbst als die Meteor-Rakete. Erst die Kombination aus Gripen, Meteor und den bereits im Einsatz befindlichen schwedischen Saab-340-Frühwarnflugzeugen könnte die russische Gleitbombenkampagne unter Druck setzen – nicht durch direkte Abwehr der Bomben, sondern durch Bedrohung der Trägerflugzeuge.

Der Vergleich mit Himars drängt sich auf: Auch der amerikanische Raketenwerfer hat 2022 den Krieg nicht entschieden, aber russische Kommandeure gezwungen, anders zu planen. Ein ähnlicher Zwang zur Taktikanpassung wäre vom Gripen im Luftkrieg denkbar.

Der Zeitplan bleibt das größte Problem. Die älteren C/D kommen frühestens Anfang 2027, die neuen E/F nicht vor 2030. Ob der Krieg dann noch läuft und in welcher Form, ist offen.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11319390

Links in diesem Artikel:

  1. https://www.twz.com/air/ukrainian-gripen-fighters-to-arrive-in-2027-long-range-meteor-missiles-claimed-to-be-included
  2. https://www.flugrevue.de/militaer/kiew-bekommt-saab-gripen-e-f-erstmal-keine-150-jets/
  3. https://www.pravda.com.ua/eng/news/2026/05/28/8036828/
  4. https://www.flightglobal.com/fixed-wing/2020/07/how-swedens-austere-basing-system-influenced-the-gripen/
  5. https://united24media.com/interview/airborne-within-five-minutes-what-gripen-jets-would-mean-for-ukraine-a-former-swedish-air-force-pilot-16919
  6. http://www.twz.com/air/ukrainian-gripen-fighters-to-arrive-in-2027-long-range-meteor-missiles-claimed-to-be-included
  7. https://www.twz.com/air/are-ukrainian-mirage-2000s-now-flying-air-to-ground-strike-missions
  8. https://www.twz.com/air/ukrainian-gripen-fighters-to-arrive-in-2027-long-range-meteor-missiles-claimed-to-be-included
  9. https://news.online.ua/en/meteor-missiles-on-gripen-fighters-are-capable-of-pushing-russian-aircraft-away-from-ukraines-borders-904573/
  10. https://news.err.ee/1610044153/former-air-force-chief-ukraine-s-new-gripen-jets-to-help-push-back-russian-bombers
  11. https://en.defence-ua.com/news/where_else_could_ukraine_obtain_meteor_missiles_for_gripen_beyond_swedens_deliveries_what_is_state_of_production-18662.html
  12. https://news.err.ee/1610044153/former-air-force-chief-ukraine-s-new-gripen-jets-to-help-push-back-russian-bombers
  13. https://english.nv.ua/nation/ukraine-could-receive-129-western-fighter-jets-by-2030-50612494.html
  14. https://www.armyrecognition.com/news/aerospace-news/2026/french-ambassador-ukraine-rafale-gripen-f16-mirage-fighter-jets

Copyright © 2026 Heise Medien

Adblock test (Why?)

✇ Telepolis

Drohnen treffen Nachschub: Krim kämpft mit Treibstoffmangel

Von Telepolis — 05. Juni 2026 um 10:00
Zapfsäulen mit Benzin

Zapfsäulen außer Betrieb

(Bild: ssv photo/Shutterstock.com)

Drohnenangriffe auf die Verkehrswege zur Krim führen zu Treibstoffengpässen. Während Benzin rationiert wird, wächst der Druck auf Russlands Versorgungslinien.

In der letzten Woche begannen auf der Halbinsel Krim erste Probleme mit Benzin und Diesel, nachdem die ukrainischen Streitkräfte großflächige Drohnenangriffe auf die Verkehrswege des Landkorridors zur Halbinsel geflogen hatten – darunter auf die Autobahn "Noworossija". Dabei gerieten auch Tanklastwagen ins Visier; es wurde über den Tod eines LKW-Fahrers berichtet [1].

Wie lange kann die Halbinsel diese Lage durchhalten – und was bedeutet die Situation für den weiteren Kriegsverlauf?

Unsichere Versorgungslage und Verkaufsbeschränkungen

Falls verfügbar, wird Benzin derzeit in Mengen von 20 Litern pro Person und Tag abgegeben. Der Gouverneur der Republik Krim Sergej Aksjonow, kündigte an, dass ab dem 31. Mai vorrangig kommunale und soziale Verkehrsmittel mit 95-Oktan-Benzin versorgt werden sollen. Als voraussichtlichen Zeitraum für die Normalisierung der aktuellen Lage nannte er 30 Tage.

Inzwischen wurden auf Telegram-Kanälen mit Krim-Bezug Fotos und Videos von Tanklastwagen veröffentlicht, die auf den Schnellstraßen der Halbinsel unterwegs waren.

Allerdings ist es inzwischen verboten worden, diese Art von LKWs zu dokumentieren, um Sicherheitsrisiken zu minimieren. Über Fotos und Videos könnten etwa in Echtzeit Standortdaten entsprechender Fahrzeuge abgefangen werden.

Die russische Regierung untersagte [2] zudem – zunächst bis Ende November – die Ausfuhr von Kerosin mit dem Ziel "eine zuverlässige und unterbrechungsfreie Versorgung des Binnenmarktes mit Treibstoff sicherzustellen".

Angriffe auf russische Energieinfrastruktur

Obwohl die Ukraine ihre Angriffe auf Teile der russischen Öl- und Kraftstoffinfrastruktur in den letzten Wochen fortsetzte, verfügt die Russische Föderation aktuell über ausreichend Treibstoff für die Eigenversorgung. Das eigentliche Problem besteht darin, dass die ukrainischen Streitkräfte ihre Angriffe auf den von Russland besetzten Landkorridor zur Krim verstärkt haben – vor allem auf die Straßen rund um Mariupol. Dabei werden etwa speziell per Drohnen Minen verlegt.

Laut Medienberichten schrieben [3] russische Militärkorrespondenten ferner von Angriffen mit Hornet-Drohnen auf die Straße Mariupol–Donezk. Bei diesen "Midstrikes" (auch "Middlestrikes") handelt es sich in der militärischen Berichterstattung um Drohnenangriffe im mittleren Bereich. Diese Drohnen halten die Verbindung zum Operator, um Ziele in 30 bis 200 Kilometern Entfernung visuell zu erfassen und präzise anzugreifen.

Auch in ukrainischen militärbezogenen Telegram-Kanälen tauchten ähnliche Berichte über sogenannte "Midstrikes" auf, in denen angegeben wird, dass ukrainische Streitkräfte Angriffe auf die zuvor relativ sicheren Straßen Mariupol–Taganrog und Mariupol–Wolnowacha geflogen haben.

Diese Situation hat die Kraftstofflieferungen auf die Halbinsel, die zum größten Teil über Land erfolgten, erheblich erschwert. Kraftstoff kann grundsätzlich mit Tanklastwagen über den Eisenbahnteil der Krim-Brücke transportiert werden. Doch nach vergangenen Angriffen und häufigen Angriffsversuchen auf die Brücke ist der Transport von Kraftstoff dort derzeit nur in Ausnahmefällen erlaubt.

Für Versorgungsengpässe sorgen ferner die Eisenbahnfähren "Konro Trader", "Avangard" und "Slavianin", die Berichten zufolge derzeit nicht in Betrieb sind. Eisenbahnfähren sind speziell für den Transport von Eisenbahnwagen auf Eisenbahnfährverbindungen konstruierte Schiffe.

Mit ihnen wurde Kraftstoff über die Straße von Kertsch transportiert – doch sie waren in den Jahren 2024 und 2026 aufgrund ihrer möglichen Nutzung für militärische Transporte Angriffen der ukrainischen Streitkräfte ausgesetzt.

Ausmaß und Lösungsansätze

Inwiefern die derzeitigen Angriffe zum kritischen Problem für die Versorgung der russischen Armee einerseits und für die Zivilbevölkerung der Halbinsel andererseits werden, wird sich zeigen. Gelingt es der Ukraine die Angriffe auf um ein Vielfaches zu verstärken, könnten ernsthafte Probleme entstehen.

Wie viele Angriffe auf die Straßen des Landkorridors gegenwärtig tatsächlich erfolgreich sind, bleibt unklar. Doch reicht allein die Bedrohung aus, dass Fahrer und Transportunternehmen sich weigern, auf den Straßen im entsprechenden Gebiet zu fahren.

Als mögliche Lösungen für die Kraftstoffprobleme auf der Krim gelten daher die Aufhebung der Beschränkungen für den Transport von Tanklastwagen sowie die Durchfahrt von Tanklastzügen über die Krim-Brücke, wobei die Versicherung für die Spediteure staatlicherseits übernommen werden müsste. Zudem könnte der Transport von Kraftstoff über den Landkorridor durch das Militär oder den Katastrophenschutz erfolgen, um private Unternehmen zu ersetzen.

Wettlauf der Drohnen-Technologien

Grundsätzlich ist anzumerken, dass Russland seinerseits schon vor längerer Zeit mit systematischen Angriffen auf die ukrainische operative Logistik begonnen hat. Seit mehreren Monaten erfolgt bereits eine Reihe von Angriffen auf Eisenbahnstrecken und Tankstellen in den Frontgebieten sowie Lastkraftwagen.

Für solche Angriffe setzen [4] das russische Militär verschiedene Mittel ein: darunter modernisierte FPV-Drohnen für Angriffe mit einer Reichweite von 30 bis 50 Kilometern, neueste Versionen des unbemannten Luftfahrzeugs "Lanzet" mit bis zu 80 Kilometern Reichweite sowie Drohnen des Typs "Italmas", die Schätzungen zufolge Angriffe aus einer Entfernung von bis zu 150 Kilometern realisieren können.

Somit sind die ukrainischen Aktivitäten im operativen Hinterland der russischen Streitkräfte im Grunde eine Reaktion auf ähnliche russische Aktionen. Es wird nun entscheidend, welche Seite in einer Reihe von Schlüsselparametern die Oberhand gewinnen wird; so bei der Fähigkeit, Angriffe zu skalieren, bei der Steigerung der Produktion oder der Beschaffung benötigter Drohnen, bei deren Qualität und Navigation, bei der genauen Zielaufklärung sowie bei der Entwicklung von Abwehrmaßnahmen.

Im Russland-Ukraine-Krieg haben die bisherigen Erfahrungen gezeigt, dass neue Entwicklungen, die regelmäßig als sogenannte "Game-Changer" interpretiert und präsentiert werden, meist relativ schnell verpuffen; etwa weil Gegenmaßnahmen entwickelt werden oder die andere Seite über ähnliche Fähigkeiten verfügt. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob Russland die Treibstoffversorgung der Krim umorganisieren kann, bevor die Engpässe ein kritisches Ausmaß erreichen.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11319414

Links in diesem Artikel:

  1. https://tass.com/emergencies/2139597
  2. http://government.ru/news/58885/
  3. https://ctrana.one/news/506313-poluchitsja-li-u-ukrainskikh-sil-narastit-udary-po-lohistike-v-tylu-rf.html
  4. https://ctrana.one/news/506520-itohi-1559-dnja-vojny-v-ukraine.html

Copyright © 2026 Heise Medien

Adblock test (Why?)

✇ Telepolis

Militärexperten in Medien: Was Zuschauer oft nicht erfahren

Von Telepolis — 04. Juni 2026 um 15:30
Carlo Masala spricht bei einer Veranstaltung in ein Mikrofon.

(Bild: Markus Wissmann / Shutterstock.com)

Britische Studie belegt systematisch fehlende Offenlegung bei Sicherheitsexperten. Auch in Deutschland bleiben relevante Verbindungen oft ungenannt.

Wenn ein ehemaliger General im Fernsehen höhere Verteidigungsausgaben fordert, sehen Zuschauer in der Einblendung meist nur Rang und früheren Posten. Dass derselbe Experte inzwischen Rüstungsfirmen berät oder in Aufsichtsräten von Sicherheitsunternehmen sitzt, erfahren sie häufig nicht.

Die britische Organisation Action on Armed Violence (AOAV) hat dieses Phänomen erstmals systematisch untersucht [1] – mit einem Ergebnis, das auch für deutsche Redaktionen unbequeme Fragen aufwirft.

AOAV identifizierte 33 hochrangige britische Ex-Offiziere, die zwischen 2015 und Mai 2026 kommerzielle Rollen in Rüstungs-, Sicherheits- oder Technologieunternehmen übernahmen und zugleich als Medienkommentatoren auftraten.

Bei 19 von ihnen – 58 Prozent – nannten die Medien mindestens einmal ausschließlich den militärischen Rang, ohne Beratungsverträge, Vorstandsmandate oder finanzielle Interessen zu erwähnen.

Die Studie spricht von einem "systemischen Versagen" der Redaktionen und betont: Die Informationen wären über LinkedIn, Firmenwebseiten oder öffentliche Register leicht auffindbar gewesen.

Konkrete Fälle aus Großbritannien

General Sir Nick Carter etwa, ehemaliger Chef des britischen Verteidigungsstabs, berät das israelische Finanzunternehmen Exigent Capital bei Wachstumsstrategien für Rüstungsfirmen und arbeitet für das KI-Start-up Helsing im Verteidigungsbereich.

In Telegraph, Independent und Daily Mail wurde er laut AOAV wiederholt nur als Ex-Militärchef zitiert – auch als er höhere Verteidigungsausgaben forderte.

General Sir Richard Barrons, Mitgründer der Sicherheitsberatung Universal Defence and Security Solutions, warnte in der Times, fehlende Investitionen würden die industrielle Basis "aushöhlen", und forderte 10 Milliarden Pfund jährlich mehr für Verteidigung. Seine Firma blieb unerwähnt.

Das deutsche Pendant: Thinktanks statt Rüstungskonzerne

In Deutschland verläuft die Verflechtung anders, aber strukturell ähnlich. Statt Ex-Generälen mit Industriemandaten dominieren hier Experten aus einem eng verzahnten Ökosystem staatlich finanzierter Thinktanks, Bundeswehr-Institutionen und Ministerien.

Nico Lange war von 2019 bis 2022 [2] Leiter des Leitungsstabs im Bundesverteidigungsministerium – also Teil der politischen Führung des Hauses. Heute arbeitet er als Senior Fellow der Münchner Sicherheitskonferenz und beim transatlantischen Thinktank CEPA.

In Talkshows erscheint er als "Sicherheitsexperte" oder "Militärexperte". Seine frühere Schlüsselrolle im Ministerium und seine institutionellen Anbindungen werden in Bauchbinden meist nur verkürzt oder gar nicht dargestellt.

Carlo Masala, einer der meistzitierten Militärexperten im deutschen Fernsehen, ist Professor an der Universität der Bundeswehr München – einer Hochschule, die vollständig vom Bundesverteidigungsministerium finanziert wird.

Er leitet dort zudem das Metis-Institut, das Beratungsleistungen für das Ministerium erbringt. In Einblendungen steht meist schlicht "Professor für Internationale Politik".

Die Stiftung Wissenschaft und Politik, deren Mitarbeiter wie Claudia Major regelmäßig als unabhängige Experten auftreten, erhält ihre institutionelle Finanzierung von 18,9 Millionen Euro vollständig aus dem Haushalt des Bundeskanzleramts. Im Stiftungsrat sitzt der Chef des Kanzleramts als stellvertretender Präsident.

Warum die Einordnung fehlt

Die Ursachen sind weniger in böser Absicht als in der Medienlogik zu suchen. Talkshows brauchen schnell verfügbare, zitierfähige Stimmen, und Bauchbinden bieten wenig Platz für komplexe institutionelle Biografien.

Der Drehtüreffekt zwischen Ministerien, Bundeswehr, Nato und Thinktanks sorgt dafür, dass dieselben Personen über Jahre als Standardkommentatoren eingeladen werden. Perspektiven aus der zivilen Friedens- und Konfliktforschung bleiben dabei vergleichsweise unterrepräsentiert.

Wie sich auch dadurch – parallel zur materiellen Aufrüstung – die sicherheitspolitische Sprache verschiebt, hat der Konfliktforscher Leo Ensel in einer Analyse [3] für Telepolis im Detail beschrieben.

AOAV empfiehlt für Großbritannien verpflichtende Offenlegung aller relevanten Funktionen und eine systematische Prüfung des beruflichen Hintergrunds von Experten als redaktionellen Standard.

Übertragen auf Deutschland hieße das: Wenn ein Experte Milliarden für Verteidigung fordert, sollten Zuschauer wissen, ob sein Arbeitgeber vom Verteidigungsministerium oder vom Bundeskanzleramt finanziert wird. Nicht weil das seine Expertise entwertet – sondern weil das Publikum die Information braucht, um die Einschätzung richtig einzuordnen.

Wie der britische Medienrechtler und Senior Lecturer Richard Danbury laut AOAV-Bericht formulierte: "Wenn man von einem Journalisten als Experte zitiert wird, sollte die Öffentlichkeit wissen, ob das, was man sagt, möglicherweise durch den eigenen Beruf beeinflusst ist".


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11318831

Links in diesem Artikel:

  1. https://aoav.org.uk/2026/military-experts-or-arms-industry-insiders-uk-media-fails-to-disclose-defence-sector-links-in-nearly-60-of-cases/
  2. https://cepa.org/author/nico-lange/
  3. https://www.heise.de/tp/article/Kriegstuechtig-bis-in-die-Sprache-Der-neue-Sound-der-Aufruestung-11288337.html

Copyright © 2026 Heise Medien

Adblock test (Why?)

✇ Telepolis

Libanon: Die israelisch-US-amerikanische Allianz bekommt Risse

Von Telepolis — 04. Juni 2026 um 14:00
Zerstörte Gebäude

Zerstörtes Wohnviertel in Beirut, März 2026

(Bild: mahdi313/Shutterstock.com)

Bomben, Besatzung, Beirut: Israels Blick gen Norden folgt einer Logik, die weit über den Libanon hinausgeht und nur durch Washington gestoppt werden kann.

Von Gaza bis tief in die Bekaa-Ebene: Die extrem rechte Netanjahu-Regierung zündelt an jedem verfügbaren Brandherd. Nachdem sich der Iran – durch eine kluge Widerstandsstrategie [1] – zumindest vorerst aus dem US-israelischen Würgegriff befreien konnte, rückt Tel Aviv nun gegen den Zedernstaat und die schiitisch-irantreue Hisbollah [2] vor.

"Wir treffen die Hisbollah mit voller Wucht", erklärte Benjamin Netanjahu kürzlich [3] bei einem seltenen Frontbesuch. Offizielles Ziel: die "Terror-Organisation" Hisbollah zu zerschlagen und einen Sicherheitskorridor am Litani-Fluss zu etablieren [4].

Die Fakten strafen die israelische Propagandamaschine jedoch Lügen: Die seit Monaten schwelende Bodenoffensive wurde seit Montag dieser Woche massiv ausgeweitet, dicht besiedelte – vor allem schiitisch bewohnte – Vororte Beiruts bombardiert, eine Massenflucht ausgelöst [5], hunderte Ziele angegriffen.

Tel Avivs wiederkehrende Beteuerung, man treffe ausschließlich terroristische Ziele, wirkt angesichts der zivilen Opferzahlen und der Zielauswahl – Pager-Angriffe [6], gezielte Tötungen der Führungsgeneration obendrein – noch unglaubwürdiger als zuvor. Während Washington offenbar Frieden am Golf möchte und den Blick gen Kuba wendet [7], schafft Israel Fakten – die neuste Ouvertüre eines Flächenbrandes?

Waffenruhe gescheitert, Verhandlungen ausgehöhlt

Eine durch die USA vermittelte Waffenruhe [8] entfaltet aktuell keinerlei Wirkung. Dies verwundert kaum: Die Hisbollah lehnt diese rundherum ab – und war zu den April-Verhandlungen in Washington erst gar nicht geladen worden.

Die offizielle libanesische Regierung besitzt weder die Macht, das Land zu schützen, noch die Hisbollah zu entwaffnen. Für Israel wiederum gibt es mindestens zwei Deutungsmuster: Die Waffenruhe vom 17. April wurde ohnehin nie ernsthaft eingehalten [9]; denkbar ist, dass Washington nun auch für umfangreichere Operationen grünes Licht gab.

Ebenso möglich, dass sich ein veritabler Konflikt zwischen Jerusalem und Washington abzeichnet – befeuert durch den Druck des US-Repräsentantenhauses, das für ein Ende der Iran-Kriegsführung stimmte [10] und die massiven, wirtschaftlichen Folgekosten der de facto proisraelischen US-Golfpolitik.

Zivile Opfer, passiver Westen

Die Opferzahlen sind entlarvend: Reuters verzeichnete [11] mehr als 3.500 Tote im Libanon seit März. Bis zum 29. Mai wurden laut UNICEF [12] 77 Kinder getötet oder verletzt. Anfang dieser Woche tötete Israel [13] mindestens acht weitere Menschen. Am Mittwochmorgen meldeten libanesische Behörden [14] fünf Tote und 48 Verletzte nach dem Beschuss eines Krankenhauses in Tibnin.

Die logische Fortsetzung einer Politik der verbrannten Erde: Die WHO dokumentierte [15] mehr als 190 Angriffe auf medizinische Einrichtungen innerhalb von zwölf Wochen. Parallel weitet Israel seinen Zugriff auf bis zu 70 Prozent [16] des zerstörten Gazastreifens aus – in dem noch über eine Million hungernde Palästinenser unter genozidaler Gewalt darben.

EU-Europa verbiegt [17] sich derweil in rhetorischer Schärfe ohne reale Konsequenzen. Die Außenminister Frankreichs, Deutschlands und Großbritanniens verurteilten [18] Israels Vorgehen zwar scharf – fürchten muss Tel Aviv wenig, die UNO ist Staffage.

Flucht- und Wendepunkte

Bis Wochenmitte stauten sich die Autoschlangen auf den Ausgangsstraßen aus dem Süd-Libanon – wieder einmal mussten Hunderttausende ihr Hab und Gut hinter sich lassen.

Für heute sechzigjährige Libanese Gewohnheit: Seit 1982 [19], der israelischen Vollinvasion, kehrte der Schrecken 1993, 1996, 2006 und 2023 zurück. Aktuell gibt Israel Evakuierungshinweise [20] für das gesamte Gebiet bis Beirut heraus.

Bezeichnend ist, dass die deutsche Entwicklungsministerin Reem Alabali-Radovan [21], selbst Kind irakischer Geflüchteter und auf dem Weg libanesische Binnenflüchtlinge zu besuchen, ihre Stippvisite noch im Anflug auf Beirut abbrechen musste [22].

Den israelischen Sicherheitsbehörden dürfte bekannt gewesen sein, dass ein Mitglied des Merz-Kabinett anreisen wollte – es hielt seinen Angriff deswegen nicht zurück. Ein Signal mit Ohrfeigen-Charakter: Berlin hat im Nahen Osten kein Gewicht. Todgefährliche Staatsräson.

Risse in der Zwangsehe

Weltpolitisch besonders bemerkenswert ist die mögliche Frontstellung zwischen der Netanjahu- und der Trump-Regierung, die sich am Libanon-Krieg manifestiert.

US-Präsident Donald Trump bestätigte am späten Mittwochabend in Bezug auf die Libanon-Eskalation, Netanjahu in einem Telefonat als "verrückt" bezeichnet [23] und ihm vorgeworfen zu haben, die Region zunehmend zu destabilisieren. Jede Trump-Äußerung verdient Skepsis – doch die öffentliche Lancierung belegt Druck, Spannung und Reaktion.

Die Risse in der sicherheitspolitischen Zwangsehe kommen nicht von ungefähr: Washington drängt [24]auf Deeskalation im Libanon, während Tel Aviv angreift [25]. Der Iran hat die Libanon-Front taktisch geschickt an Verhandlungen geknüpft [26]: Ohne Ruhe im Libanon keine offene Straße von Hormus. Nach unbestätigten Berichten hat Teheran seit Beginn der jüngsten Eskalation alle Verhandlungen suspendiert [27]. Für Trump, dessen Beliebtheitswerte bröckeln [28] und dessen Nimbus als Friedensstifter schwindet [29], ist das zudem innenpolitisch brenzlig.

In der Nacht auf Donnerstag verschärfte das US-Repräsentantenhaus den Druck [30]: Mit 215 zu 208 Stimmen – darunter auch dutzende Republikaner – verabschiedete es eine Resolution, die Trump zur Einstellung militärischer Aktionen gegen den Iran auffordert. Seit Mitte April versucht [31] das Haus sukzessive, den außenpolitischen Handlungsspielraum der Trump-Administration einzuschränken.

Es geht ums Ganze

Mit der Einnahme der Beaufort-Burg [32] stehen israelische Truppen so tief im Libanon wie seit den 2000er-Jahren nicht mehr. Sofern Aufklärungsberichte stimmen und die IDF 28 Kilometer ins Landesinnere vorgedrungen ist, wäre der Stand aus den 80er Jahren erreicht. Für den Libanon geht es – nimmt man die Gaza- und Westjordanland-Erfahrungen ernst – um das staatliche Überleben und die Existenz hunderttausender Menschen.

Was Israel nach Stabilisierung einer Sicherheitszone von einem Durchmarsch auf Beirut abhalten soll, bleibt vollkommen offen. Die offizielle libanesische Armee ist kein ernsthafter Gegner für die IDF. Nur die Hisbollah-Hochburgen – das südliche Hinterland von Nabatiyeh und der Beiruter Vorort Dahiyeh – trennen die Besatzer noch von der Hauptstadt, erbitterten und verlustreicher Widerstand erwartbar.

Dass Verteidigungsminister Katz bereits im März die Okkupation des Südlibanon ankündigte [33] und Finanzminister Smotrich, glühender Anhänger von Groß-Israel [34], betont, der Krieg müsse mit einer Veränderung der Grenzen enden –"in Gaza, im Libanon, in Syrien und im Westjordanland" –, ist keine Entgleisung, sondern israelische Doktrin.

Wohl und Wehe

Stoppen könnte Tel Aviv einzig Washington. Derzeit scheint der innenpolitische Druck in den USA, kombiniert mit der harten iranischen Haltung, zu ersten spürbaren Rissen im Verhältnis zu führen. Sollte Trump den Frieden mit dem Iran über die Partnerschaft mit Israel stellen, könnte der Krieg im Libanon zu einer echten Wende werden – sicher ist dies, dank Lobby-Druck, Falken-Programmatik und militärischer Option, keineswegs.

Frankreich, Berlin und Brüssel haben dabei real keine Mitsprache. Die einstigen E3-Garantiemächte sind zu geopolitischen Geisterfahrern degradiert: Ergebnis einer historisch kurzsichtigen, imperial motivierten deutschen Staatsräsonpolitik im Dienste des israelischen Aggressorstaates. Wohl und Wehe der Region hängt vom Gleichgewicht zwischen Washington und Teheran ab.

Die libanesische Zivilgesellschaft bezahlt die anbiedernden Geschäfte ihrer unfähigen politischen Klasse mit Leib und Leben. Der expansive Faktor Israels nimmt eine gesamte Region in Geiselhaft – Zeit auch in Riad, Kairo oder Damaskus hellhörig zu werden.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11318105

Links in diesem Artikel:

  1. https://www.telepolis.de/article/Iran-Krieg-Der-Angriff-der-das-Regime-staerkte-11194913.html
  2. https://de.wikipedia.org/wiki/Hisbollah#:~:text=Die%20Hisbollah%20(arabisch%20%D8%AD%D8%B2%D8%A8%20%D8%A7%D9%84%D9%84%D9%87,Irans%20und%20durch%20eigene%20kriminelle
  3. https://www.tagesschau.de/ausland/asien/israel-hisbollah-angriffe-104.html
  4. https://www.telepolis.de/article/Libanon-Die-Falle-am-Litani-Fluss-schnappt-zu-11272907.html
  5. https://www.theguardian.com/world/2026/may/31/israel-pursuing-scorced-earth-policy-says-lebanon-pm-as-more-airstrikes-hit-countrys-south
  6. https://www.tagesschau.de/investigativ/ndr-wdr/israel-hisbollah-pager-100.html
  7. https://www.fr.de/politik/was-trump-wirklich-von-kuba-will-und-wie-er-es-erreichen-will-zr-94335091.html
  8. https://www.ksta.de/politik/israel-und-libanon-zaehes-ringen-um-waffenruhe-in-washington-hisbollah-lehnt-gespraeche-ab-1292416
  9. https://www.deutschlandfunk.de/waffenruhe-zwischen-israel-und-libanon-bruechig-100.html
  10. https://www.sueddeutsche.de/politik/news-liveblog-nahost-iran-usa-krieg-trump-senat-li.3487408
  11. https://www.reuters.com/world/middle-east/israel-strikes-near-beirut-intercepts-hostile-aircraft-2026-06-03/
  12. https://www.straitstimes.com/world/middle-east/on-average-11-children-killed-or-injured-every-24-hours-in-past-week-in-lebanon-says-un-childrens
  13. https://www.aljazeera.com/news/2026/6/2/israel-kills-five-in-attacks-on-lebanon-after-trump-announces-de-escalation
  14. https://today.lorientlejour.com/article/1508771/israeli-strikes-kill-5-and-injure-48-on-south-lebanon-according-to-health-ministry.html
  15. https://www.ungeneva.org/en/news-media/news/2026/06/119208/lebanon-hospital-strikes-impact-most-vulnerable-patients-warns-who
  16. https://www.dw.com/de/gazastreifen-israel-weitet-zugriff-immer-weiter-aus/a-77380941
  17. https://www.deutschlandfunk.de/libanon-reise-aus-sicherheitsgruenden-abgebrochen-entwicklungsministerin-alabali-radovan-wieder-in-b-100.html
  18. https://www.nau.ch/politik/international/aussenminister-verurteilen-israels-offensive-im-sudlibanon-67134175
  19. https://magazin.zenith.me/de/gesellschaft/israel-libanon-und-die-kriege-1982-und-2026
  20. https://www.tagesschau.de/ausland/libanon-israel-festung-100.html
  21. https://de.wikipedia.org/wiki/Reem_Alabali_Radovan
  22. https://table.media/security/analyse/alabali-radovan-bricht-libanonreise-wegen-israels-eskalation-ab
  23. https://www.axios.com/2026/06/03/trump-netanyahu-call-lebanon-iran-ny-post
  24. https://www.handelsblatt.com/politik/international/nahost-trump-will-libanon-konflikt-entschaerfen-iran-droht/100229648.html
  25. https://www.axios.com/2026/06/01/lebanon-ceasefire-rubio-beirut-attacks
  26. https://www.jns.org/news/u-s-news/iran-suspends-us-talks-over-israeli-operations-in-lebanon
  27. https://www.jns.org/news/u-s-news/iran-suspends-us-talks-over-israeli-operations-in-lebanon
  28. https://www.focus.de/politik/ausland/trumps-umfragewerte-brechen-ein-ploetzlich-wackelt-sogar-die-eigene-basis_2db50373-bc4c-4eb5-b286-112fd16b37f4.html
  29. https://www.rnd.de/politik/trump-scheitert-als-friedensstifter-kaempfe-in-gaza-und-im-libanon-gehen-weiter-QOHZ6SIXW5HKPCKRSKFCOPIXE4.html
  30. https://apnews.com/article/iran-war-powers-vote-house-9aaadea35f9523c818802286a6553536
  31. https://www.washingtonpost.com/politics/2026/04/16/house-iran-war-powers-vote//
  32. https://www.itv.com/news/2026-05-31/israeli-forces-seize-strategic-castle-in-deepest-push-into-lebanon-for-26-years
  33. https://www.jpost.com/israel-news/defense-news/article-891052
  34. https://palestinenexus.com/articles/greater-israel

Copyright © 2026 Heise Medien

Adblock test (Why?)

✇ Telepolis

Bernie Sanders will 50 Prozent der KI-Aktien in öffentliche Hand bringen

Von Telepolis — 04. Juni 2026 um 13:45
Bernie Sanders im Wahlkampf

(Bild: Joseph Sohm / shutterstock.com)

US-Senator plant Gesetz für 50-Prozent-Aktiensteuer auf OpenAI, Anthropic und xAI. Ein Staatsfonds soll Bürgern Dividenden zahlen.

Der unabhängige US-Senator Bernie Sanders will die Eigentumsfrage bei künstlicher Intelligenz grundlegend neu stellen.

Wie Sanders auf seiner Senatswebseite ankündigt [1], plant er in Kürze den "American A.I. Sovereign Wealth Fund Act" einzubringen. Der Gesetzentwurf sieht eine einmalige Steuer von 50 Prozent vor – nicht auf die Gewinne der großen KI-Unternehmen, sondern auf deren Aktien.

Betroffen wären unter anderem OpenAI, Anthropic und Elon Musks xAI.

Das Kernargument des Senators: KI-Modelle seien auf dem "kollektiven Wissen der Menschheit" trainiert worden – auf Büchern, Musik, Journalismus, wissenschaftlicher Forschung und Milliarden alltäglicher Gespräche. Dieses Wissen sei überwiegend ohne Erlaubnis, Anerkennung oder Vergütung in die Modelle eingeflossen.

Selbst OpenAI-Chef Sam Altman habe eingeräumt, dass KI auf den "kollektiven Erfahrungen […] und Erkenntnissen der Menschheit" aufbaue. Wenn eine öffentliche Ressource Wohlstand generiere, müsse die Öffentlichkeit daran teilhaben.

Norwegens Ölfonds als Blaupause

Der geplante Staatsfonds würde der US-Bundesregierung Stimmrechte und gleichberechtigte Vertretung in den Vorständen der betroffenen Unternehmen verschaffen. Damit könnte Washington Entscheidungen blockieren, die Bürgern schaden – so Sanders' Vorstellung.

Erlöse des Fonds sollen zunächst als direkte Zahlungen an die Bevölkerung fließen und später Gesundheitsversorgung, Bildung und Wohnraum finanzieren.

Als Vorbilder nennt Sanders den norwegischen Staatsfonds, der aus Öleinnahmen finanziert wurde und heute mehr als 2 Billionen Dollar wert ist, sowie Alaskas Permanent Fund, der seit Jahrzehnten jährliche Dividenden an Einwohner ausschüttet.

Pikant: Sogar die KI-Firmen selbst haben Ähnliches vorgeschlagen. OpenAI regte einen "öffentlichen Vermögensfonds" an, Anthropic listete als eine von mehreren Policy-Optionen [2] "nationale Staatsfonds mit Anteilen an KI".

Und Musk schrieb, ein "universelles hohes Einkommen durch Schecks der Bundesregierung" sei der beste Weg, KI-bedingte Arbeitslosigkeit zu bewältigen.

Verfassungsrechtliche Hürden und politische Realität

Politisch dürfte der Entwurf im polarisierten US-Kongress kaum eine Mehrheit finden. Eine erzwungene Übertragung von Unternehmensaktien an den Staat wäre nach dem Fifth Amendment der US-Verfassung sehr wahrscheinlich als Enteignung angreifbar – die sogenannte Takings Clause schützt ausdrücklich auch Finanzinteressen und Unternehmensanteile.

Ob eine einmalige 50-Prozent-Aktienabgabe als zulässige Steuer oder als verfassungswidrige Enteignung einzuordnen wäre, müssten am Ende wohl Gerichte klären.

Realistischer wären abgespeckte Varianten: Transparenzpflichten, Steuern auf KI-Gewinne oder ein öffentlicher Fonds aus regulären Haushaltsmitteln.

Doch Sanders geht es erkennbar um die Debatte selbst – um die Frage, wer die Technologie kontrolliert, die nach seiner Einschätzung "die Welt am tiefgreifendsten verändern" wird.

Globale Debatte um KI-Eigentum

Die Eigentumsfrage bei KI beschäftigt längst nicht nur den US-Senat. Aktivisten weltweit fordern demokratische Kontrolle über Tech-Konzerne [3] und stellen die Machtfrage immer offensiver.

Auch Papst Leo XIV. hat KI zur sozialen Frage des 21. Jahrhunderts erklärt [4] und in seiner Enzyklika "Magnifica Humanitas" gefordert, die Technologie müsse "entwaffnet werden". Zuvor hatte der Vatikan bereits eine interdikasterielle Kommission für künstliche Intelligenz [5] eingerichtet.

In der EU setzt man bislang auf Regulierung statt Verstaatlichung. Der AI Act mit seinen vier Risikostufen, die InvestAI-Initiative und das jüngst vorgestellte Tech-Souveränitätspaket [6] zielen auf Planbarkeit und strategische Autonomie.

Einen Staatsfonds nach Sanders' Vorbild gibt es in Europa nicht – doch die Frage, wie Bürger an KI-Gewinnen beteiligt werden können, wird auch hier drängender.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11318656

Links in diesem Artikel:

  1. https://www.sanders.senate.gov/op-eds/the-public-should-own-half-of-the-big-a-i-companies/
  2. https://www.anthropic.com/research/economic-policy-responses
  3. https://www.heise.de/tp/article/KI-enteignen-Wie-Aktivisten-die-Uebermacht-der-Tech-Konzerne-brechen-wollen-11303045.html
  4. https://www.heise.de/tp/article/Papst-Leo-XIV-KI-als-soziale-Frage-des-21-Jahrhunderts-11310913.html
  5. https://www.heise.de/tp/article/Leo-XIV-zieht-rote-Linien-bei-kuenstlicher-Intelligenz-11297099.html
  6. https://digital-strategy.ec.europa.eu/en/news/commission-proposes-tech-sovereignty-package-strengthen-europes-digital-autonomy-and-resilience

Copyright © 2026 Heise Medien

Adblock test (Why?)

✇ Telepolis

DDR5-RAM kostet fast 400 Euro: KI-Boom macht PC-Bau zum Luxushobby

Von Telepolis — 04. Juni 2026 um 11:00
Zwei DDR5-RAM-Module liegen nebeneinander auf dunklem Untergrund.

Die Preise für DDR5-RAM sind aufgrund der hohen Nachfrage durch KI-Anwendungen stark gestiegen.

(Bild: LariBat / Shutterstock.com)

32 GB Arbeitsspeicher für unter 100 Euro? Das war einmal. Die KI-Nachfrage treibt RAM-Preise auf das Vierfache – mit Folgen für den gesamten PC-Markt.

Wer 2025 einen Gaming-PC zusammenstellte, gab für 32 GB DDR5-RAM zwischen 70 und 100 Euro aus. Heute liegt der Einstiegspreis für dieselbe Kapazität in Deutschland bei rund 400 Euro [1] – mehr als vervierfacht binnen eines Jahres.

In den USA markiert laut Tom's Hardware [2] ein Kit von Silicon Power mit 374,97 US-Dollar den absoluten Tiefstpreis.

Beliebtere Kits von Corsair oder Crucial mit RGB-Beleuchtung liegen bereits jenseits der 400-Dollar-Marke. 64 GB kosten rund 680 US-Dollar.

Hinter dem Preisschock steht ein strukturelles Problem: KI-Rechenzentren verschlingen einen Großteil der globalen Speicherchip-Kapazität.

Analysten von Morgan Stanley beziffern den Preisanstieg bei bestimmten Speicherchips auf das Sechsfache innerhalb eines Jahres und warnen vor einer "Chipflation", die von Rechenzentren auf die gesamte Wirtschaft [3] übergreife.

Samsung, SK Hynix und Micron kontrollieren zusammen fast 90 Prozent der weltweiten DRAM-Produktion – und priorisieren margenstarke HBM-Chips für Nvidia und Co. gegenüber herkömmlichem DDR5 für Endverbraucher.

Speicher wird zum teuersten Bauteil im PC

Für den DACH-Raum rechnet Gartner damit, dass DRAM- und SSD-Preise bis Ende 2026 um bis zu 130 Prozent steigen. PCs sollen sich dadurch im Schnitt um 17 Prozent verteuern, Einsteigergeräte drohen ganz vom Markt zu verschwinden [4].

Speicherkomponenten machen laut den Marktforschern künftig 23 Prozent der Materialkosten eines Notebooks aus – statt bislang 16 Prozent. Ein typischer Gaming-PC der Mittelklasse, der 2025 noch für 1300 bis 1500 Euro zu haben war, dürfte 2026 eher bei 1500 bis 1800 Euro landen.

Die Folgen für den Selbstbau-Markt sind bereits spürbar. Marktführer Asus stellt sich darauf ein, in diesem Jahr statt über 15 Millionen nur noch rund 10 Millionen Mainboards abzusetzen. Bei MSI und Gigabyte wird jeweils ein Minus von 25 Prozent erwartet, ASRock könnte sogar 37 Prozent einbüßen [5]. AMD rechnet mit einem Einbruch des Gaming-Umsatzes um mehr als 20 Prozent.

Nicht nur RAM ist knapp – auch CPUs werden rar

Parallel zum Speichermangel verschärft sich ein zweiter Engpass: Der CPU-Mangel ist mittlerweile akuter als die Speicherkrise [6]. Intel kann Bestellungen für die bei OEMs beliebten Raptor-Lake-Prozessoren nicht mehr vollständig bedienen und drängt Hersteller Richtung teurerer Core-Ultra-300-Modelle.

Nikkei Asia zitiert einen PC-Hersteller, der von 100 bestellten CPUs nur 30 erhalten habe – darunter zehn teurere Modelle, die er faktisch abnehmen musste.

Auch TSMC-Chef C.C. Wei erklärte laut Bloomberg auf der Hauptversammlung in Hsinchu, sein Unternehmen werde die weltweite Chip-Nachfrage "noch lange nicht befriedigen" [7] können. Hyperscaler allein planen 2026 Investitionen von 725 Milliarden US-Dollar in KI-Infrastruktur.

Was Verbraucher jetzt tun können

Wer auf DDR4 als Ausweichstrategie setzt, gewinnt nur bedingt Zeit: 32 GB DDR4 kosten in Europa inzwischen 150 Euro aufwärts, bei schrumpfendem Angebot. Die Plattform steuert auf ihr Lebensende zu, sodass ein Neubau auf DDR4-Basis eher zur Sackgasse wird [8].

Als Kompromiss taugen 16 GB DDR5 noch für Büroarbeit und Streaming – wer seinen Rechner aber drei Jahre nutzen will, kommt um 32 GB kaum herum.

SK Hynix rechnet damit, dass Produktionsengpässe bis 2030 anhalten [9]. Neun US-Branchenverbände haben die US-Regierung bereits in einem offenen Brief [10] aufgefordert, gegenzusteuern. Eine schnelle Entspannung ist aber nicht in Sicht.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11318212

Links in diesem Artikel:

  1. https://finance.yahoo.com/news/ddr5-ram-prices-level-off-170050107.html
  2. https://www.tomshardware.com/pc-components/ddr5/32gb-of-ddr5-now-costs-usd375-minimum-ai-shortage-continues-to-squeeze-pc-building
  3. https://www.reuters.com/business/retail-consumer/ai-chipflation-spreading-data-centers-wider-economy-morgan-stanley-warns-2026-06-03/
  4. https://www.heise.de/news/Speicherknappheit-Marktforscher-erwarten-das-Ende-guenstiger-Notebooks-11191208.html
  5. https://www.heise.de/news/Einbruch-auf-ganzer-Linie-Mainboard-Hersteller-rechnen-mit-starkem-Rueckgang-11290387.html
  6. https://www.heise.de/news/PC-Hersteller-CPU-Mangel-bereits-akuter-als-Speichermangel-11300358.html
  7. https://www.bloomberg.com/news/articles/2026-06-04/tsmc-ceo-warns-chip-supply-won-t-meet-ai-fueled-demand-for-years
  8. https://www.heise.de/tp/article/RAM-Speicher-Warum-Smartphones-Konsolen-und-PCs-jetzt-noch-teurer-werden-11171329.html
  9. https://www.tomshardware.com/pc-components/dram/sk-group-chairman-says-memory-chip-shortage-will-last-until-2030
  10. https://www.ncta.com/news/cross-sector-trade-association-memory-chip-letter-to-treasury-and-commerce

Copyright © 2026 Heise Medien

Adblock test (Why?)

✇ Telepolis

Microsofts neuer Quantenchip: Tausendmal stabiler – aber Zweifel bleiben

Von Telepolis — 04. Juni 2026 um 10:00
Detailaufnahme des Majorana-2-Chips

Detailaufnahme des Majorana-2-Chips

(Bild:  John Brecher für Microsoft)

Microsoft hat seinen neuen Quantenchip Majorana 2 vorgestellt. Bis 2029 soll ein kommerziell nutzbarer Quantencomputer kommen – doch Experten bleiben skeptisch.

Microsoft hat auf seiner Build-Konferenz den Quantenchip Majorana 2 präsentiert [1] und dabei weitreichende Versprechen gemacht: Die sogenannten Qubits – die Grundbausteine eines Quantencomputers – sollen auf dem neuen Chip tausendmal stabiler sein als auf dem Vorgängermodell Majorana 1.

Ambitionierter Zeitplan

Konkret gibt Microsoft eine mittlere Qubit-Lebensdauer von 20 Sekunden an, in Einzelfällen sogar bis zu einer Minute. Zum Vergleich: Andere gängige Ansätze messen Qubit-Lebensdauern in Mikrosekunden, also millionstel Sekunden. Microsoft vergleicht den Unterschied mit einem Mobiltelefon, das statt täglich nur alle paar Jahre aufgeladen werden muss.

Auf dieser Grundlage hat das Unternehmen seine ursprüngliche Zeitplanung halbiert. "Wir werden 2029 eine Quantenmaschine haben, die kommerziell sinnvolle, lösbare Probleme angehen kann", sagte Zulfi Alam, Corporate Vice President von Microsoft Quantum.

Der aktuelle Chip verfügt jedoch lediglich über zwölf Qubits – für einen praxistauglichen Quantencomputer wären nach Einschätzung des Unternehmens Millionen davon nötig.

Neues Material, neue Architektur

Der entscheidende technische Unterschied zum Vorgänger liegt laut Microsoft im verwendeten Materialmix: Majorana 2 ersetzt den Supraleiter Aluminium durch Blei und kombiniert diesen mit einer aktiven Halbleiterregion aus Indiumarsenid und Indiumarsenidantimonid.

Diese Änderung soll zu einer robusteren sogenannten topologischen Phase führen – einem besonderen Zustand der Materie, der sich von den bekannten Aggregatzuständen fest, flüssig und gasförmig unterscheidet. Die topologische Lücke, die Qubits vor äußeren Störeinflüssen und Fehlern schützen soll, sei dabei mehr als doppelt so groß wie beim Vorgänger, so das Unternehmen.

Die Bauelemente bestehen aus sogenannten Tetrons – einem Typ topologischer Qubits aus zwei supraleitenden Nanodrähten.

An deren Enden befinden sich Majorana-Nullmoden, die Quanteninformation über die Parität – also die Geradzahligkeit oder Ungeradzahligkeit der Elektronenanzahl – robust speichern sollen. Grundlegende Rechenoperationen werden durch Messungen ausgeführt, bei denen jede Paritätsmessung entweder eine 0 oder eine 1 liefert.

Bei der Entwicklung habe Microsofts KI-Plattform Microsoft Discovery eine wesentliche Rolle gespielt, so das Unternehmen. KI-Agenten sollen dabei geholfen haben, Arbeitsabläufe zu verwalten, Messungen zu automatisieren und Fertigungsprozesse zu optimieren.

Das manuelle Einstellen der Hunderten von Parametern, die für die Erzeugung eines topologischen Zustands nötig sind, dauere sonst Wochen. Die entscheidende Idee, Aluminium durch Blei zu ersetzen, sei jedoch von menschlichen Wissenschaftlern gekommen, betonte Jason Zander, Executive Vice President von Microsoft Quantum and Discovery.

Externe Prüfung – aber keine unabhängige Begutachtung

Als externen Prüfstein verweist Microsoft auf seine Teilnahme am Quantenbenchmarking-Programm der US-Verteidigungsforschungsbehörde DARPA.

Das Unternehmen ist eines von nur zwei Unternehmen, die in die Abschlussphase des Programms aufgenommen wurden. Dort soll Microsoft einen fehlertoleranten Prototyp auf Basis topologischer Qubits entwickeln. Zander erklärte, das Unternehmen habe DARPA sämtliche Daten und Arbeitsunterlagen zugänglich gemacht, einschließlich vertraulicher kommerzieller Informationen.

Das parallel zur Ankündigung veröffentlichte [2] wissenschaftliche Paper "20 Second Parity Lifetime in an InAs–Pb Tetron Device" wurde jedoch noch nicht einem unabhängigen Peer-Review-Verfahren unterzogen – also der Prüfung durch unabhängige Fachleute, die in der Wissenschaft als Qualitätsstandard gilt. Mehrere Wissenschaftler, mit denen die BBC darüber gesprochen hatte [3], forderten mehr Informationen.

Paul Stevenson, Physikprofessor an der University of Surrey, bezeichnete Microsofts Zeitplan als plausibel – sofern die Forschungsergebnisse den Behauptungen standhalten.

"Microsoft scheint einen Sprung bei der Entwicklung leistungsfähiger topologischer Qubits gemacht zu haben", sagte er. "Wenn sie Erfolg haben, werden sie von einem Unternehmen ohne funktionierenden Quantencomputer zu einem ernsthaften Mitbewerber im Rennen um die nächste Generation fehlertoleranter Maschinen."

Belastete Forschungsgeschichte

Die Ankündigung steht vor dem Hintergrund einer schwierigen Vergangenheit. Microsoft arbeitet seit rund zwei Jahrzehnten an topologischen Qubits auf Basis von Majorana-Zuständen.

Ein 2018 im Fachjournal Nature veröffentlichtes Paper, in dem das Unternehmen erstmals Belege für einen Majorana-Zustand zu haben glaubte, musste 2021 zurückgezogen werden, nachdem die ursprüngliche Datenanalyse wissenschaftlichen Qualitätsstandards nicht genügt hatte.

Auch der Vorgänger Majorana 1, den Microsoft im Februar 2025 vorstellte, stieß auf geteilte Reaktionen in der Fachwelt. Henry Legg, Physiker an der University of St Andrews, sagte der BBC damals, Microsofts Quantenforschung habe sich "fest von der Wissenschaft entfernt und den Bereich des Glaubens betreten".

Der Kernstreit: Ob die gemessenen Signale eindeutige Belege für Majorana-Nullmoden sind oder ob sie sich durch konventionellere physikalische Effekte erklären lassen. Zander entgegnete: "Wir stehen hundertprozentig dazu. Wir setzen auf wissenschaftliche Strenge. Wir begrüßen die Debatte, die schon immer Teil der Physik war."

Rennen mit der Konkurrenz

Microsofts Ansatz unterscheidet sich grundlegend von dem seiner Mitbewerber. Während Google mit seinem Chip Willow und IBM mit Nighthawk auf eine wachsende Zahl supraleitender Qubits mit verbesserter Fehlerkorrektur setzen, soll Microsofts topologische Architektur von Grund auf geringere Fehlerraten aufweisen – und damit den Aufwand für Fehlerkorrektur drastisch reduzieren. Beide Konkurrenten streben ebenfalls 2029 als Zieldatum für fehlertolerantes Quantencomputing an.

Gelingt es Microsoft, einen skalierbaren Quantencomputer zu bauen, könnten damit laut Zander Probleme angegangen werden, für die herkömmliche Rechner Jahrzehnte bräuchten.

"Es geht nicht darum, Menschen zu ersetzen, sondern ihnen Werkzeuge zu geben, die ihnen helfen, diesen Prozess zu beschleunigen", sagte Zander. Ob dieser Anspruch einlösbar ist, werden die kommenden Jahre zeigen.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11317328

Links in diesem Artikel:

  1. https://news.microsoft.com/source/emea/2026/06/microsoft-stellt-majorana-2-vor/?lang=de
  2. https://quantum.scene7.com/is/content/quantum/Majorana-2-Tech-Paperpdf
  3. https://www.bbc.com/news/articles/cj4p7gyvp52o

Copyright © 2026 Heise Medien

Adblock test (Why?)

✇ Telepolis

Junge Frauen swipen politisch – und filtern rigoros

Von Telepolis — 04. Juni 2026 um 09:21
Ein Mann und eine Frau lachen und schauen sich an.

Junge Menschen nutzen Dating-Apps auch, um politische Übereinstimmungen zu finden.

(Bild: iona didishvili / Shutterstock.com)

Wer auf Dating-Apps politisch falsch tickt, hat keine Chance – schon das Parteilabel reicht, um vor dem ersten Wort aussortiert zu werden.

Wer auf Tinder, Bumble oder Hinge nach rechts oder links wischt, trifft eine Entscheidung in Sekundenbruchteilen. Foto, Beruf, ein paar Hobbys – und zunehmend auch die politische Haltung.

Dass diese eine Angabe im Profil über Zuneigung oder Ablehnung entscheidet, zeigt eine neue Studie der Universität zu Köln, die im Fachjournal [1] European Sociological Review erschienen ist.

Die Ergebnisse legen nahe: In Zeiten affektiver Polarisierung funktioniert das Parteilabel als Schnellfilter – nicht für politische Kompatibilität, sondern als Proxy für Werte, Charakter und Lebensstil.

Die Studienautoren Ansgar Hudde und Shannon Taflinger ließen 1.097 US-Amerikaner im Alter von 20 bis 33 Jahren fiktive Dating-Profile bewerten, die zufällig mit "Demokrat", "Republikaner" oder ohne Parteiangabe versehen waren.

Die zentrale Erkenntnis: Nicht die Vorliebe für Gleichgesinnte treibt die Partnerwahl – sondern die Ablehnung der politischen Gegenseite.

Demokraten bewerteten republikanische Profile deutlich schlechter als neutrale, machten aber kaum einen Unterschied zwischen parteilosen und demokratischen Profilen. Republikaner hingegen zeigten beides: einen Bonus für die eigene Seite und einen Malus für die andere.

Demokratische Frauen reagieren am stärksten

Der Effekt ist nicht gleichmäßig verteilt. Wie die Pressemitteilung der Universität zu Köln [2] zusammenfasst, ist die Ablehnung der gegnerischen Seite bei demokratischen Frauen rund viermal so stark ausgeprägt wie bei republikanischen Frauen oder Männern.

"Viele Demokraten suchen nicht unbedingt nach einem Parteigänger. Sie suchen nach 'nicht republikanisch'", fasst Taflinger die Asymmetrie zusammen [3].

Dass politische Angaben im Profil überhaupt so starke Reaktionen auslösen, erklären die Forscher über drei Mechanismen:

  • Nutzer schließen von der Parteizugehörigkeit auf Persönlichkeitseigenschaften wie Offenheit oder Empathie.
  • Sie leiten daraus ab, ob jemand einen ähnlichen Lebensstil pflegt.
  • Und sie antizipieren, ob Familie und Freunde eine solche Beziehung gutheißen würden.

"Steht in dem Profil die politische Ausrichtung, nutzen Menschen diese Information, um genau solche Fragen zu beantworten", so Taflinger.

Übertragbarkeit auf Deutschland – und ihre Grenzen

Methodisch handelt es sich um ein kontrolliertes Online-Experiment mit randomisierten Profilen – kein echtes Swipe-Verhalten mit Matching-Algorithmen.

Die Stichprobe umfasst ausschließlich 20- bis 33-Jährige und damit den Kern der aktiven App-Nutzerschaft, bildet aber weder ältere Singles noch queere Konstellationen oder ethnische Minderheiten gezielt ab.

Dennoch sehen Hudde und Taflinger Parallelen zu europäischen Gesellschaften. In Mehrparteiensystemen wie dem deutschen seien die Abstufungen feiner – Anhänger von SPD und Grünen fänden leichter zueinander als jene von SPD und AfD.

"Ein gemeinsames Merkmal vieler Länder ist eine weit verbreitete Ablehnung rechtsextremer Parteien und ihrer Anhänger, und dies könnte sich auch auf das Dating erstrecken", sagt Hudde.

Tatsächlich können Nutzer auf Plattformen wie Bumble ihre politische Haltung angeben, direkt neben Beruf und Beziehungswunsch. "Man kann Leute also aus politischen Gründen aussortieren, bevor man auch nur ein Wort miteinander redet", so Hudde.

Dass sich gerade bei jungen Erwachsenen eine politische Geschlechterkluft auftut, bestätigen auch Daten aus Deutschland: Junge Frauen wählen deutlich linker als junge Männer – ein Gap, der laut Hudde "in der Bundesrepublik noch nie so groß [war] wie heute".

Wie eine aktuelle Studie von Medienforscherin Maya Götz zeigt [4], treiben Social-Media-Algorithmen junge Männer zudem in antifeministische und rechts orientierte Inhalte, was diese Kluft weiter verschärfen dürfte.

Politische Daten als sensibles Gut

Brisant ist auch die datenschutzrechtliche Dimension: Politische Meinungen gehören nach der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) zu den besonderen Kategorien personenbezogener Daten [5]. Dating-Plattformen, die solche Angaben für Matching oder Filter nutzen, bewegen sich damit in einem regulatorisch sensiblen Bereich.

Gleichzeitig dürfte die Nachfrage nach politischen Filtern steigen – als Schutzfunktion gegen als inkompatibel empfundene Partner, aber auch mit dem Risiko, gesellschaftliche Filterblasen in den Beziehungsmarkt zu verlängern.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11318019

Links in diesem Artikel:

  1. https://academic.oup.com/esr/advance-article/doi/10.1093/esr/jcag020/8699052
  2. https://idw-online.de/de/news871898
  3. https://www.eurekalert.org/news-releases/1130721
  4. https://www.heise.de/tp/article/Soziale-Medien-treiben-junge-Maenner-immer-tiefer-in-extreme-Rollenbilder-11312641.html
  5. https://support.bumble.com/hc/de/articles/28530907109405-So-nutzt-Bumble-die-Informationen-in-deinem-Profil

Copyright © 2026 Heise Medien

Adblock test (Why?)

✇ Telepolis

UN-Sicherheitsrat: Deutschland scheitert an der eigenen Doppelmoral

Von Telepolis — 03. Juni 2026 um 19:20
Der UN-Sicherheitsrat tagt.

Symbolbild

(Bild: noamgalai / Shutterstock.com)

Sechs Mal gewählt, nun erstmals durchgefallen: Deutschland bekommt die Rechnung für seine widersprüchliche Außenpolitik präsentiert. Ein Leitartikel.

Sechsmal hatte sich die Bundesrepublik um einen nichtständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat beworben, sechsmal war sie gewählt worden. Diese Serie ist vorbei.

Bei der geheimen Abstimmung in der UN-Generalversammlung verfehlte Deutschland die nötige Zweidrittelmehrheit [1] der anwesenden und abstimmenden Mitgliedstaaten [2] – Österreich und Portugal setzten sich durch. Es ist eine Zäsur, die weit über eine verlorene Wahl hinausgeht.

Außenminister Johann Wadephul hatte eine ganze Woche in New York verbracht, Empfänge gegeben, Gespräche im Minutentakt geführt. Wie der Spiegel berichtet [3], gleicht solche Stimmenwerbung einem "Speeddating" – nur dass am Ende nicht genügend Interesse da war. Das Motto der deutschen Kampagne lautete "Respekt – Gerechtigkeit – Frieden". Genau daran hat die Welt Berlin gemessen.

Das Geld reicht nicht mehr

Deutschland ist nach den USA der zweitgrößte Beitragszahler im gesamten UN-System. Mehr als 50 Jahre lang galt das als Versicherungspolice für diplomatische Ambitionen.

Wer zahlt, wird gehört. Wer viel zahlt, bekommt seinen Sitz. So lautete die ungeschriebene Regel. Doch das Kalkül geht nicht mehr auf, wenn politische Glaubwürdigkeit fehlt.

Der Politikwissenschaftler Johannes Varwick von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg hatte gegenüber der [4] Deutschen Welle (DW) schon vor der Abstimmung gewarnt: "Es gibt viele strittige Themen." Er nannte den Israel-Gaza-Konflikt, den Krieg gegen den Iran und den Ukraine-Krieg als Beispiele. Zwar könne am Ende das finanzielle Argument den Ausschlag geben – offenbar tat es das diesmal nicht.

Hinzu kam ein strategisches Versäumnis früherer Bundesregierungen: Österreich hatte seine Kandidatur schon frühzeitig angekündigt, nämlich im Jahr 2011. Portugal folgte schließlich 2013, und Deutschland meldete sich erst 2019 offiziell an.

In der Welt der UN-Diplomatie, wo Stimmen oft über Jahre durch "Gegenseitigkeitsabsprachen" eingesammelt werden, ist das ein gravierender Nachteil. "Warum immer Deutschland, warum immer ein großes Land?" – dieses inoffizielle Argument der kleineren Mitbewerber, das vom Spiegel angeführt wurde, verfing offensichtlich.

Völkerrecht à la carte

Der eigentliche Grund für die Niederlage liegt tiefer. Zahlreiche Staaten – vor allem in Afrika, der arabischen Welt und Lateinamerika – nehmen Berlin eine Außenpolitik übel, die Völkerrecht hochselektiv anwendet.

Wer Russlands Krieg gegen die Ukraine als eklatanten Rechtsbruch verurteilt, aber israelische Militäroperationen in Gaza, im Libanon und gegen den Iran nur mit Zurückhaltung kommentiert, der verliert an Überzeugungskraft.

Wie der Verfassungsblog 2024 dokumentierte [5], vertrat Deutschland im Rohingya-Verfahren vor dem Internationalen Gerichtshof eine weitreichende Auslegung des Völkermordtatbestands – argumentierte aber im Gaza-Fall, es könne "keine genozidiale Absicht" in Israels Handeln erkennen.

Beide Positionen gleichzeitig zu vertreten, passt, wie Varwick formulierte, "irgendwie nicht zusammen". Namibia warf Deutschland sogar vor, "das Äquivalent eines Holocausts in Gaza" zu unterstützen.

Das German Institute of Development and Sustainability (IDOS) [6] spitzt es zu: Anstatt Verstöße gegen das Völkerrecht zu billigen, solle Deutschland Waffenverkäufe einstellen, die laufende Kriege befeuern.

Auch Bundeskanzler Friedrich Merz' Weigerung, die US-israelischen Angriffe auf den Iran oder das amerikanische Vorgehen in Venezuela klar als völkerrechtswidrig einzustufen, fügt sich in ein Muster, das im Globalen Süden als Vasallentreue wahrgenommen wird.

Portugal und Österreich spielten ihre Vorteile aus

Beide Konkurrenten konnten punkten, wo Deutschland verwundbar war. Österreich ist kein Nato-Mitglied und wird von Vetomächten wie Russland und China als neutraler wahrgenommen.

Portugal pflegt durch die lusophone Gemeinschaft historisch enge Beziehungen zu afrikanischen und lateinamerikanischen Staaten – also genau jenen Regionen, die Deutschland den Rücken kehrten.

Dass beide Länder jahrelangen Vorlauf bei der Stimmenwerbung hatten, tat sein Übriges.

Eine Ohrfeige mit Ansage

Die Niederlage trifft nicht nur Wadephul persönlich, der die Kampagne zum eigenen Prestigeprojekt gemacht hatte. Sie entlarvt die gesamte außenpolitische Strategie der Bundesregierung.

Wie die Tagesschau analysiert [7], galt die Wahl auch als "Gradmesser dafür, wie Deutschland international wahrgenommen wird". Das Ergebnis ist eindeutig – und verheerend.

Ob Deutschland in acht Jahren einen neuen Anlauf wagt, ist offen. Klar ist: Ohne eine grundlegende Neujustierung der Nahostpolitik, ohne konsistente Anwendung des Völkerrechts gegenüber allen Akteuren und ohne ein Ende der reflexhaften Gefolgschaft gegenüber Washington wird es kaum gelingen, verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen. Geld allein kauft keinen Sitz mehr.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11317735

Links in diesem Artikel:

  1. https://www.tagesschau.de/ausland/amerika/un-sicherheitsrat-bewerbung-100.html
  2. https://www.un.org/en/about-us/un-charter/full-text
  3. https://www.spiegel.de/politik/deutschland/uno-sicherheitsrat-wenn-deutschland-heute-scheitert-ist-es-auch-wadephuls-verantwortung-a-49f90135-ac60-4b2e-a419-3b9f0ecdfe45
  4. https://www.dw.com/en/unpacking-germanys-campaign-for-a-un-security-council-seat/a-77386458
  5. https://verfassungsblog.de/measuring-with-double-legal-standards-germanys-intervention-in-support-of-israel-before-the-icj/
  6. https://www.idos-research.de/fileadmin/user_upload/pdfs/publikationen/aktuelle_kolumne/2025/German_Institute_of_Development_and_Sustainability_EN_El-Haddad_Aboushady_24.06.2025_2_A.pdf
  7. https://www.tagesschau.de/ausland/amerika/deutschland-sitz-un-sicherheitsrat-100.html

Copyright © 2026 Heise Medien

Adblock test (Why?)

✇ Telepolis

KI schlägt Jura-Professoren – und die merken es nicht mal

Von Telepolis — 03. Juni 2026 um 16:40
Ein Mann sitzt an einem Schreibtisch und legt einen Finger auf seine Lippen.

(Bild: syedfahadghazanfar / Shutterstock.com)

Rechtsprofessoren bevorzugen in Blindtests KI-Antworten gegenüber denen ihrer Kollegen. Eine Stanford-Studie liefert unbequeme Zahlen.

Wer an einer US-amerikanischen Law School eine knifflige Frage zum Vertragsrecht stellt, bekommt von einer KI offenbar die bessere Antwort als von seinem Professor.

Das legt zumindest eine neue Studie der Stanford Law School nahe, die für Unruhe in der juristischen Ausbildung sorgen dürfte.

Denn die Pointe ist nicht, dass Maschinen Fakten schneller nachschlagen, sondern: Selbst dort, wo es keine eindeutig richtige Antwort gibt – wo Abwägung, Argumentation und Urteilsvermögen gefragt sind –, ziehen 16 Rechtsprofessoren die maschinell erzeugten Antworten den Texten ihrer Kolleginnen und Kollegen vor.

Die Studie mit dem Titel "Law Professors Prefer AI Over Peer Answers [1]" stammt von einem Team um Stanford-Professor Julian Nyarko und Forscher von Yale, NYU und der University of Chicago.

In fast 3.000 verblindeten Paarvergleichen bewerteten die teilnehmenden Professorinnen und Professoren jeweils zwei anonymisierte Antworten auf dieselbe Frage – ohne zu wissen, ob Mensch oder Maschine dahintersteckte.

Die KI gewann rund 75 Prozent dieser Duelle. Getestet wurden Googles Gemini 2.5 Pro und NotebookLM – die Evaluation fand im August 2025 statt –, letzteres mit Zugriff auf das gemeinsam verwendete Lehrbuch.

Weniger schädlich als der Kollege

Besonders brisant: Nur 3,5 Prozent der KI-Antworten stuften die Gutachter als pädagogisch problematisch ein. Bei den Antworten menschlicher Dozenten lag dieser Wert bei 12 Prozent – mehr als dreimal so hoch.

"Wir waren ehrlich gesagt überrascht von der Tragweite der Ergebnisse", sagte Nyarko [2]. Die Fragen hätten die Synthese komplexen Materials, die Anwendung auf neue Situationen und die verständliche Erläuterung juristischer Konzepte erfordert.

Bisherige KI-Benchmarks im Bildungsbereich setzten meist auf Multiple-Choice-Tests mit klaren Richtig-oder-Falsch-Antworten. Das Besondere an der Stanford-Studie: Sie misst nicht Trefferquoten, sondern Expertenpräferenzen in einem Fach, das von Mehrdeutigkeit lebt.

Sarath Sanga, Mitautor und Professor an der Yale Law School, formulierte es so:

"In den meisten Bereichen, in denen KI getestet wird, gibt es eine richtige Antwort. Im Rechtswesen ist das oft nicht der Fall. Zwei gegensätzliche Argumente können beide gut sein. Wir wollten wissen, ob KI den impliziten professionellen Standard erfüllen kann, nach dem Anwälte die Argumente ihrer Kollegen bewerten. In diesem Fall lautete die Antwort ja."

Die Kehrseite: Halluzinationen und Denkfaulheit

So eindrucksvoll die Zahlen wirken – sie erzählen nicht die ganze Geschichte. Die Studie misst ausschließlich, welche Antworten Experten bevorzugen. Ob Studierende dadurch etwa mehr lernen, wurde nicht untersucht.

Nyarko selbst warnt auch deshalb vor voreiligen Schlüssen und plädiert gegen eine "pauschale Einführung von KI-Tutoren".

Gute Gründe für Vorsicht liefert die Praxis. Das Berliner Kammergericht rügte erst kürzlich Anwälte [3], die in einem Familienrechtsstreit ein nicht existierendes BGH-Urteil zitierten – offenbar ein Produkt von KI-Halluzinationen.

Und eine Studie der University of Pennsylvania belegt [4], dass Nutzer selbst falsche KI-Antworten in rund 73 bis 80 Prozent der Fälle ungeprüft übernehmen und dabei subjektiv sogar selbstsicherer werden.

Für angehende Juristen, die kritisches Denken trainieren sollen, ist das ein heikles Szenario.

Deutsche Justiz experimentiert bereits

Während die akademische Debatte läuft, rüstet die deutsche Justiz digital auf [5]: KI-Systeme wie "Aleks" und "Jano" kommen in mehreren Bundesländern bereits zur Anonymisierung von Urteilen zum Einsatz. Ob diese Systeme dabei wirklich besser arbeiten als Menschen [6], ist allerdings noch Gegenstand der Forschung.

An deutschen Jurafakultäten fehlen bislang bundesweit einheitliche Regeln für KI in der Lehre. Gleichwohl wird KI fürs Lernen im Jura-Studium [7] immer wichtiger.

Einzelne Hochschulen fordern zudem Dokumentationspflichten und ergänzende mündliche Prüfungen. Die Staatsexamina setzen weiterhin auf überwachte Klausuren ohne KI-Zugang.

Doch der Druck wächst: Wenn Maschinen juristische Kurzantworten liefern, die Experten bevorzugen, muss sich die Ausbildung fragen, worauf sie eigentlich noch vorbereitet.

Nyarko bringt es auf den Punkt: Die Diskussion solle sich verschieben – weg von der Frage, ob KI qualitativ hochwertige Antworten liefern könne, hin zu der Frage, wie man sie verantwortungsvoll einsetze.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11317469

Links in diesem Artikel:

  1. https://law.stanford.edu/wp-content/uploads/2026/06/salinas_et_al.pdf
  2. https://law.stanford.edu/press/ai-outperforms-law-professors-in-stanford-law-study/
  3. https://www.heise.de/news/Rechtsverkehr-Berliner-Kammergericht-ruegt-Anwaelte-wegen-KI-Halluzinationen-11286549.html
  4. https://www.heise.de/tp/article/Jetzt-belegt-KI-macht-uns-denkfaul-und-manipulierbar-11246004.html
  5. https://www.heise.de/news/Kuenstliche-Intelligenz-bei-Gericht-Wie-die-Justiz-digital-aufruestet-11305468.html
  6. https://www.heise.de/hintergrund/KI-Anonymisierung-bei-Urteilen-nur-sinnvoll-wenn-sie-Menschen-uebertrifft-11153620.html
  7. https://www.heise.de/tp/article/KI-im-Jurastudium-Wer-sich-verweigert-verliert-den-Anschluss-10868325.html

Copyright © 2026 Heise Medien

Adblock test (Why?)

✇ Telepolis

Unterseekabel: Bewaffnete Unterwasser-Drohnen sollen ab 2027 patrouillieren

Von Telepolis — 03. Juni 2026 um 14:45
Ein orangefarbenes Unterwasserfahrzeug mit Propeller und Flossen auf einer schwarzen Unterlage.

Eine Unterwasserdrohne, wie sie zum Schutz von Unterseekabeln eingesetzt werden soll.

(Bild: Allora Empire Art / Shutterstock.com)

USA, Großbritannien und Australien reagieren auf vermeintliche russische Kabelsabotage – mit Drohnen, die nicht nur überwachen, sondern auch angreifen können.

Der Meeresboden wird zum Schlachtfeld – und zwar nicht irgendwann, sondern jetzt.

Vor diesem Hintergrund haben die Verteidigungsminister der USA, Großbritanniens und Australiens bei einem Treffen in Singapur das erste Vorzeigeprojekt ihrer AUKUS-Partnerschaft verkündet: bewaffnete Unterwasserdrohnen, die Seekabel und Pipelines schützen sollen.

Dieser Plan ist demnach eine direkte Reaktion auf eine Bedrohungslage, die sich in den vergangenen 18 Monaten drastisch zugespitzt hat.

Rund 570 aktive Unterseekabel transportieren bis zu 99 Prozent des interkontinentalen Datenverkehrs. Jede Banküberweisung, jeder Clouddienst, jeder Börsenhandel in Millisekunden – all das läuft über den Meeresboden.

Satelliten können dieses Volumen nicht annähernd ersetzen. Wer also diese Kabel kontrolliert oder kappt, trifft die moderne Zivilisation an ihrer empfindlichsten Stelle.

Australiens Verteidigungsminister Richard Marles brachte es laut [1] CNN auf den Punkt: Man habe eine Serie von Angriffen auf Unterwasserinfrastruktur "in historisch beispiellosem Ausmaß" erlebt.

Russische U-Boote kartieren britische Kabelrouten

Im April 2026 spürten Royal Navy und Royal Air Force drei russische U-Boote im Nordatlantik auf. Wie die britische Telekommunikationsministerin Liz Lloyd in einer Rede am RUSI [2] erklärte, vermaßen Spezialschiffe gezielt britische Kabelrouten – "damit sie diese im Konfliktfall leichter sabotieren können".

Bei den Aktionen der russischen Direktion für Tiefseeforschung (GUGI) diente wohl ein Angriffs-U-Boot der Akula-Klasse dabei offenbar als Ablenkungsmanöver, damit die russischen Spezialschiffe in Ruhe die Kabel vermessen konnten, wie The Register berichtet [3].

Drohnen mit Sensoren und Waffensystemen ab 2027

Die im Rahmen von AUKUS Säule II entwickelten unbemannten Unterwasserfahrzeuge (UUVs) sollen ab 2027 ausgeliefert werden.

Laut der gemeinsamen Erklärung der Verteidigungsminister [4] geht es nicht nur um passive Überwachung: Die Drohnen erhalten Aufklärungs-, Überwachungs- und Angriffsfähigkeiten, sollen die U-Boot-Jagd stärken und in umkämpften Küstengewässern operieren.

Der britische Verteidigungsminister John Healey sprach von "hochmodernen Sensoren und Waffensystemen für Unterwasserdrohnen". Parallel treibt die Royal Navy ihr Programm "Atlantic Bastion" voran – eine hybride Streitmacht aus bemannten und autonomen Schiffen, bislang mit 14 Millionen Pfund aus kombinierter Förderung [5] durch Verteidigungsministerium und Industrie für Testphase und Entwicklung ausgestattet.

Die Vorfälle häufen sich dabei nicht nur im Atlantik. In der Ostsee wurden seit dem russischen Überfall auf die Ukraine wiederholt Kabel beschädigt – Lettland meldete erst Anfang Januar 2026 ein beschädigtes Glasfaserkabel [6] vor Liepaja, wenige Tage nachdem eine finnische Eingreiftruppe ein verdächtiges Schiff im finnischen Meerbusen geentert hatte [7].

Iran greift nach dem Datenhahn

Doch die Bedrohung kommt nicht nur aus Russland. Durch die Straße von Hormus verlaufen mehrere zentrale Unterseekabel, über die Clouddienste, Finanztransaktionen und globaler Datenverkehr laufen.

Der Iran nutzt seine Kontrolle über die Meerenge zunehmend als Druckmittel: Wie Telepolis berichtete, greift Teheran nach den Datenkabeln im Persischen Golf [8] und fordert Lizenzgebühren von Google, Meta und Microsoft.

Europas Verwundbarkeit geht dabei über militärische Bedrohungen hinaus. Wie ein EU-Expertenbericht warnte [9], kontrollieren US-Hyperscaler bereits 90 Prozent der transatlantischen Kabelkapazität.

Das European Policy Center schlug deshalb einen Zehn-Punkte-Plan vor [10] – von EU-Förderfonds bis zur Einstufung von Seekabeln als Dienst von allgemeinem wirtschaftlichem Interesse.

Großbritannien will derweil nicht nur militärisch, sondern auch strafrechtlich aufrüsten. Lloyd kündigte eine Konsultation zu härteren Strafen für Kabelsabotage an und will Betreiber zu Sicherheitsstandards verpflichten. Ob Bußgelder einen russischen U-Boot-Kommandanten abschrecken, steht auf einem anderen Blatt.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11317192

Links in diesem Artikel:

  1. https://edition.cnn.com/2026/05/31/world/aukus-seabed-cables-defense-intl
  2. https://www.gov.uk/government/speeches/plan-to-toughen-protections-for-subsea-internet-cables-liz-lloyds-speech-at-rusi
  3. https://www.theregister.com/networks/2026/06/01/putin-sends-submarines-to-survey-britains-subsea-cables-uk-deploys-royal-navy-mobilizes-parliamentary-draftsmen/5248978
  4. https://www.minister.defence.gov.au/statements/2026-05-30/joint-statement-aukus-defence-ministers-meeting
  5. https://www.gov.uk/government/news/uk-unveils-new-undersea-warfare-technology-to-counter-threat-from-russia
  6. https://www.heise.de/news/Lettland-meldet-beschaedigtes-Unterseekabel-11129507.html
  7. https://www.heise.de/news/Unterseekabel-beschaedigt-Finnische-Eingreiftruppe-geht-auf-verdaechtiges-Schiff-11126841.html
  8. https://www.heise.de/tp/article/Iran-greift-nach-den-Datenkabeln-im-Persischen-Golf-11290647.html
  9. https://www.heise.de/news/Seekabel-EU-warnt-vor-Abhaengigkeit-von-US-Hyperscalern-10824923.html
  10. https://www.heise.de/news/Think-Tank-legt-Zehn-Punkte-Plan-fuer-europaeische-Seekabel-Strategie-vor-10980065.html

Copyright © 2026 Heise Medien

Adblock test (Why?)

✇ Telepolis

Der Streit um die Medienblase: Wie links sind Deutschlands Journalisten?

Von Telepolis — 03. Juni 2026 um 09:00
Journalistin mit Notizblock und Mikrophonen

Bild: Shutterstock.com

Links-grüne Schlagseite? Die Datenlage ist eindeutig – schwieriger ist die Antwort auf die Frage, welche Folgen das tatsächlich hat. Eine Einordnung.

Ist es nur eine Verschwörungstheorie, Journalisten neigten überproportional zu grünen und linken Parteien? In einem Podcast wurde dies erneut behauptet. Die Fakten sind aber eindeutig anders. Ein Problem müsste das dennoch nicht sein, wenn solide gearbeitet wird.

Mit ihrer Aussage, es seien keineswegs die meisten Journalisten in Deutschland politisch links eingestellt, hat die ehemalige Vize-Chefin [1]des Spiegel ein altes Dauerthema einem großen Zuhörerkreis in Erinnerung gerufen.

Denn Amann war Gast im Podcast "Ungeskriptet" von Benjamin "Ben" Berndt, nachdem dieser rund einen Monat zuvor ein viereinhalbstündiges Gespräch mit Björn Höcke gebracht hatte, dem Vorsitzenden der AfD-Fraktion im Thüringer Landtag. Das Gespräch mit Amann hat allein auf YouTube bisher über eine Million Aufrufe. Der Talk mit Höcke kommt dort auf 5,8 Millionen.

Im Podcast mit Amann geht es viel um journalistisches Selbstverständnis und die Abgrenzung zu anderen Formaten. Berndt versteht sich mit seinem Angebot gerade nicht als Journalist, wird allerdings von zahlreichen Zuhörern und Zuschauern als Journalist wahrgenommen, wie Amann sagt.

Amann, die seit Januar 2026 Chefredakteurin Digital der Funke-Zentralredaktion ist, betonte mehrfach die ihrer Ansicht nach wichtige Aufgabe journalistischer Einordnung. Bevormunden wolle sie damit gerade niemanden, viel mehr Sachverhalte im nötigen Kontext darstellen.

Beim Spiegel war Amann, von Judka Strittmatter in der Berliner Zeitung "als schnellzüngige Abwatscherin 'Falschdenkender' [2]" bezeichnet, unter anderem für Berichterstattung über die AfD und die CDU zuständig. Nach ihrer eigenen Einschätzung ist sie dabei mit den Vertretern dieser Parteien stets fair umgegangen. Die eigene politische Überzeugung sollte also der professionellen Arbeit nicht im Wege stehen.

Doch Ben Berndt sieht im deutschen Journalismus eine Schlagseite.

"Wenn man sich anguckt, wie – empirisch – Journalisten wählen, dann gibt es einen ganz klaren Versatz links-grün. Ganz, ganz klar."

Benjamin Berndt [3]

Darauf interveniert Amann:

"Darf ich da nur ganz kurz, es tut mir leid, aber das wird immer wieder gesagt. Es gab einmal bei Volontären beim - ich glaube - Bayerischen Rundfunk, bei einem Teil der ARD oder vielleicht auch bei der ganzen ARD, (das) weiß ich nicht mehr, da haben nur die Volontärinnen und Volontäre eine Wahl durchgeführt.
Was wäre, wenn jetzt Bundestagswahl wäre, so eine Pseudowahl. Und da war eine klare Mehrheit (für) Rot-Grün.
Diese Studie wird immer wieder herangezogen, um zu sagen, die Journalisten wählen ja alle in überwältigender Mehrheit Rot-Grün.
Und ich sage dir: Guck dir doch mal die Medienlandschaft an. Das größte Verlagshaus in Europa, eines der größten der Welt, ist Axel Springer. Links? Nee! Also wer dominiert denn den Medienmarkt?
(Die) Neue Zürcher Zeitung hat eine große Leserschaft in Deutschland. Links? I don't think so.
FAZ, wo ich angefangen habe (...)"

Melanie Amann

Berndt verzichtet hier auf eine "Einordnung" – vielleicht hatte er für seine Aussage auch keine Unterlagen parat. Denn der Befund zur Linkslastigkeit ist seit vielen Jahren über verschiedene Studien hin konstant.

Die von Amann vage referierte Volontärsbefragung stammt aus dem Jahre 2020, durchgeführt von den ehemaligen ARD-Volontären Lynn Kraemer, Daniel Tautz und Nils Hagemann. Sie hatten damals 183 Journalisten in Ausbildung bei der ARD zu verschiedenen Diversitäts-Merkmalen befragt. Geantwortet hatten 86.

Das Ergebnis zur Parteien-Präferenz beschreiben sie so:

"Wenn bei der nächsten Bundestagswahl nur die öffentlich-rechtlichen Volontär*innen wählen könnten, würden sich die Machtverhältnisse deutlich verschieben: Die Grünen könnten alleine regieren, auf die Linke würde knapp ein Viertel der Stimmen entfallen. Die SPD würde als drittstärkste Partei im Bundestag sitzen, während die CDU nicht einmal über die Fünf-Prozent-Hürde käme."

Aus: "Wie divers ist der ARD-Nachwuchs? [4]"

In Zahlen: 57,1 Prozent der Volontäre votieren für die Grünen, 23,4 Prozent für die Linkspartei, 11,7 Prozent für die SPD, 2,6 Prozent für die Union und 1,3 Prozent für die FDP.

Zum Vergleich: Nach einer Befragung von Infratest dimap vom Mai 2020 unter 18- bis 39-Jährigen lag die Zustimmung zur Union bei etwa 33 Prozent, die Grünen kamen auf 27 Prozent, die SPD auf 13, die Linke auf 9, die AfD auf 8 und die FDP auf 6 Prozent.

Dortmunder Studie und SOEP

Aber auch außerhalb der jungen Gruppe entspricht die Parteien-Präferenz von Journalisten nicht dem Bevölkerungsschnitt. In der Studie "Journalismus & Demokratie [5]", für die im Jahr 2024 525 Journalisten befragt wurden, kamen die Grünen auf einen Zustimmungswert von 41 Prozent, die SPD auf 16, CDU/CSU auf acht Prozent und die Linke auf sechs.

23 Prozent gaben an, keiner Partei zuzuneigen – wo immer sie dann ihr Wahlkreuz setzen, denn das Nichtwählen [6] ist im Journalismus besonders verpönt.

Auch eine Auswertung von Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) aus dem Jahr 2023 stellt in Übereinstimmung mit anderer Forschungsliteratur fest:

"Journalistinnen und Journalisten neigen der Union deutlich weniger zu als alle Vergleichsgruppen und demgegenüber deutlich mehr den Grünen."

Katja Schmidt, Tanjev Schultz und Gert Wagner, journalistik.online [7]

Parteineigung muss keinen Einfluss haben

In der Diskussion um diesen Unterschied zwischen Journalisten und Gesamtbevölkerung wird immer wieder zweierlei betont: Zum einen seien solche "Verzerrungen" nicht ungewöhnlich, weil sich Berufsgruppen eben oft weit überproportional aus bestimmten Milieus heraus bilden.

Zum anderen komme es auf die persönliche politische Einstellung gar nicht an, solange Journalisten ihren Job nach den Regeln der Kunst machten. Dazu gehört dann etwa: alle Seiten anzuhören, Positionen in Nachrichtenformaten kommentarlos zu referieren, nichts wegzulassen, was der eigenen Meinung widersprechen könnte.

Doch der Einfluss persönlicher Einstellungen kann schon viel früher greifen. Was wird überhaupt thematisiert, womit möchte sich ein Journalist beschäftigen, wo sieht er ein Problem, zu dem er – ergebnisoffen – recherchieren möchte?

Die meisten Journalisten werden bestätigen können, dass schon ein einziges Telefonat mit einem überraschend freundlichen, auf einen persönlich sympathisch wirkenden Pressesprecher kurz vor Abschluss einer Recherche den bis dahin gedachten Dreh einer Geschichte ändern kann.

Was die Parteien-Präferenzen betrifft, lässt sich zumindest eine systematische Verzerrung feststellen bei denen, die im Journalismus – mit was – zu Wort kommen dürfen.

Wer wird in Talk-Shows eingeladen?

Eindrücklich war hier etwa eine Auswertung zu den Talk-Show-Gästen in der Corona-Pandemie. Thorsten Faas und Mona Krewel haben die Sendungen von Maybrit Illner, Anne Will und Hart aber Fair im Zeitraum von Januar 2020 bis Juli 2021 ausgewertet. Mehr als 600 Gästepositionen mit 308 verschiedenen Gästen gab es dabei.

Darunter waren 67 verschiedene Politiker, die zum Teil – wie Karl Lauterbach – zig-fach eingeladen waren. Entsprechend hatten SPD-Vertreter 87 Auftritte, CDU/CSU-Politiker 79, FDP-ler 32, Grüne 23 und Linken-Politiker sieben.

Nur in einer verunglückten Fußnote taucht die Partei AfD auf. Dass sie keinen einzigen Vertreter in den untersuchten Sendungen hatte, wird mit keinem Wort thematisiert, obwohl sie damals die größte Oppositionspartei im Bundestag war.

Im Fazit der Studie heißt es:

"Ein kontroverser Punkt rund um die Pandemie war und ist die Frage, ob und wie mit Meinungsvielfalt umzugehen ist: Sollten Medien in Pandemiezeiten vor allem dazu beitragen, dass Maßnahmen unterstützt werden – im Sinne einer Public Health Agency? Oder sollten Medien und gerade Talkshows ein Raum sein, in dem Maßnahmen kontrovers diskutiert werden?
Zunächst einmal ist dazu festzuhalten, dass Bewertungen der Maßnahmen in den Talkshows sehr präsent sind. Was die Richtung der Bewertungen betrifft, so fallen 68 Prozent davon positiv aus, zehn Prozent ambivalent, 22 Prozent negativ.
An dieser Stelle wird auch das Zusammenwirken von Gästeauswahl und Bewertungen sehr deutlich: Positive Bewertungen werden nämlich vor allem von Seiten der Politik (75 Prozent positive Bewertungen) und der Wissenschaft (72 Prozent positive Bewertungen) abgegeben; deutlich skeptischer äußern sich dagegen Journalist*innen (50 Prozent) und Bürger*innen (48 Prozent)."

Aus: "Corona-Sprechstunde [8]" (Seite 11-12)

Die Verteilung der Gästepositionen auf Parteien spiegelt nun nicht die statistisch erfasste Vorliebe deutscher Journalisten wider.

Aber dass sich unter mehr als 600 Gästen kein einziger AfD-Politiker fand, korreliert zumindest mit den Ergebnissen verschiedener Journalisten-Befragungen.

Auch in der oben zitierten Auswertung des SOEP wird die Partei mit keinem Wort erwähnt. Die Erstautorin schrieb auf Anfrage im Januar 2024 dazu:

"Die AfD fehlt, da - wie Sie richtig vermutet haben - die Fallzahl unter den Journalist*innen, die der Partei zuneigt, zu gering ist, um eine valide Analyse durchführen zu können.Sie finden sich aber auch nicht unter "Sonstige" wieder. Auch die Fallzahl für die Kategorie "Sonstige" ist verschwindend gering. Daher ist es auch nicht erkenntniserweiternd, dies weiter zu analysieren... "

Katja Schmidt


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11316370

Links in diesem Artikel:

  1. https://kress.de/news/beitrag/151048-machtkampf-entschieden-melanie-amann-verlaesst-den-spiegel.html
  2. https://www.berliner-zeitung.de/article/jetzt-war-melanie-amman-bei-podcast-hasadeur-ben-berndt-zu-gast-nimmt-sie-ihn-wegen-hoecke-auseinander-10037591
  3. https://youtu.be/Ec_LvceM65g?si=RgTc0xr4pR0-NFye&t=3089
  4. https://www.journalist.de/werkstatt/werkstatt-detail/wie-divers-ist-der-ard-nachwuchs/
  5. https://www.journalismusstudie.fb15.tu-dortmund.de/die-befragungen/journalistinnen-2024/
  6. https://www.telepolis.de/article/Aus-sehr-gutem-Grund-Nichtwaehler-3834637.html?seite=all
  7. https://journalistik.online/ausgabe-3-4-2023/wie-blicken-journalistinnen-und-journalisten-auf-die-welt/
  8. https://rudolf-augstein-stiftung.de/wp-content/uploads/2021/11/studie-corona-sprechstunde-faas-rudolf-augstein-stiftung.pdf

Copyright © 2026 Heise Medien

Adblock test (Why?)

✇ Telepolis

Waldzustand 2026: Warum viele Bäume weiter geschwächt sind

Von Telepolis — 03. Juni 2026 um 08:00
Notfallkoffer zwischen Laub

Nur jeder fünfte Baum ist noch gesund. Was hinter den erschreckenden Zahlen steckt – und ob der Wald sich selbst retten kann.

Von den zurückliegenden trockenen Jahren hat sich der deutsche Wald noch lange nicht erholt. Dürreperioden, Stürme und Überflutungen wechseln sich ab. Hunderttausende Hektar Wald gingen auf diese Weise bereits verloren. Dazu kommt: Vom Sauerland bis zum Harz stehen tausende abgestorbene Nadelbäume.

Nur jeder fünfte Baum ist vollständig gesund. Zu diesem Ergebnis kommt die kürzlich veröffentlichte Waldzustandserhebung [1]. Als gesund bewertet werden gerade mal ein Viertel aller Fichten, 13 Prozent der Kiefern, 21 Prozent aller Buchen sowie 13 Prozent aller Eichen.

Rund ein Drittel der Landesfläche Deutschlands – 11,5 Millionen Hektar – ist mit Wald bedeckt. Die häufigsten Baumarten in den meist gemischten Wäldern sind Fichte (21 Prozent) und Kiefer (22 Prozent), gefolgt von Buche (17 Prozent) und Eiche (12 Prozent).

Bei der Erhebung wurden 38 Baumarten erfasst. Drei Viertel davon entfallen auf die vier Hauptbaumarten Fichte, Kiefer, Buche und Eiche (Stiel- und Trauben-Eiche wurden zusammengefasst). Alle übrigen Baumarten wurden unter der Bezeichnung "andere Nadelbäume" oder "andere Laubbäume" ausgewertet. Überdurchschnittlich betroffen sind ältere Bäume im Alter von mehr als 60 Jahren.

Zustand der Kronen vor allem bei älteren Laubbäumen ist besorgniserregend

In einem gesunden Wald wäre der Himmel durch das Blätterdach nicht zu sehen. Doch in vielen Wäldern lichtet sich das Blätterdach immer mehr. Demnach hat sich der Kronenzustand – wichtiger Zeiger für die Vitalität von Waldbäumen – gegenüber dem Vorjahr kaum verändert.

Überdurchschnittlich betroffen sind ältere Bäume über 60 Jahre. Der Anteil der Bäume mit deutlicher Kronenverlichtung [2] liegt hier bei 44 Prozent, bei denen unter 60 Jahren dagegen nur bei 17 Prozent. Zwar ist die mittlere Kronenverlichtung bei der Buche nicht mehr ganz so stark, bei der Eiche ist sie dafür etwas mehr ausgeprägt.

Der Erhebung zufolge hat sich die Fruchtbildung dafür bei der Buche deutlich reduziert. Im Vergleich mit anderen Hauptbaumarten sind auch bei der Eiche deutlich häufiger lichtere Kronen zu beobachten.

Geschwächte Eichen leiden stärker unter Käferbefall

Viele Eichen wurden in mehreren trockenen Sommern stark geschwächt, sodass sie sich nicht mehr gegen die Schädlinge wehren konnten und langsam absterben. Eichenprachtkäfer, aber auch Pilzbefall setzen den deutschen Eichen stark zu. Die Larven des Eichenprachtkäfers [3] etwa fressen sich unter die Rinde und überwintern dort ein bis zwei Jahre.

Stürme und der damit einhergehende Befall von Borkenkäfern richten verheerende Schäden an. Ist ein Baum etwa vom Eichenprachtkäfer befallen, kommen oft andere Käfer, wie der Eichenbock – oder der Eichenkernkäfer: Dieser frisst sich bis ins Kernholz, sodass das Holz stark entwertet wird. Als durchschnittlich älteste Baumart ist die Eiche ohnehin besonders anfällig für Schäden durch Insekten oder Krankheiten [4].

Wenn der Wald seine Selbstheilungskräfte aktiviert

Im Darmstädter Westwald recken sich zahlreiche abgestorbene Bäume in den Himmel. Oft stehen sie inmitten lichter, grasbewachsener Flächen. Unter den Dürrejahren 2018 und 2019 hat der Wald mit seinem sandigen Boden besonders gelitten. Allerdings erholt er sich schneller als gedacht, findet Katja Wehner von der TU Darmstadt. Die Expertin für Bodenorganismen beobachtet im Rahmen eines Forschungsprojekts alle Veränderungen [5] im Wald.

Sieben Jahre nach den ersten starken Schäden sei dichter Unterwuchs nachgekommen, mit teilweise bis zu vier Meter hohen Bäumen, erklärt Nico Blüthgen. Für den Ökologen wiederholt sich in diesem Wald, was er auch im ecuadorianischen Regenwald beobachten [6] konnte: Der Wald regeneriert sich von alleine. Oft ist es besser, der Mensch hält sich raus.

Im Wald kehrt langsam das Leben zurück

2020 beschloss die Stadt, den Westwald aus der Nutzung zu nehmen und sich selbst zu überlassen. Seitdem wird kein Holz mehr entnommen, auch kein Totholz. Nur die Wege werden weiterhin gesichert. Die Mortalitätsrate – der Wert, der angibt, wie viele Bäume innerhalb eines Jahres absterben – ist seitdem deutlich gesunken. Der Anteil der toten Bäume am gesamten Westwald hat sich reduziert von 14 auf 7,7 Prozent.

Der Durchschnitt bei hessischen Wäldern liegt bei 0,3 Prozent. Zwar bleibe der Wald damit weiterhin stark geschädigt, betont die Wissenschaftlerin. Doch als sie im Wald anfing zu forschen, habe es deutlich schlimmer ausgesehen. Und auch tote Bäume sind Nahrungsquelle und Wohnraum – etwa für Schwarzspechte.

Der Darmstädter Westwald kühlt nicht nur das aufgeheizte Stadtklima herunter, er schützt die Stadt auch vor den Westwinden, die viel Sand aufwirbeln. Der Boden speichert Regenwasser. Bleibt der Wald sich selbst überlassen, liefert er wertvolle Erkenntnisse darüber, welche Bäume und Pflanzen sich unter den neuen Bedingungen langfristig durchsetzen. Darüber hinaus bieten naturnahe und artenreiche Wälder Lebensraum für Luchs, Waldkauz, Hase und Reh.

Spät blühende Traubenkirsche hat sich gut ins Ökosystem integriert

Ein künftiger Westwald wird sich deutlich von dem vergangenen unterscheiden. So hat sich die spät blühende Traubenkirsche [7] stark ausgebreitet. Dieser Baum, der ursprünglich aus Nordamerika stammt, kommt gut mit sandigen Böden und steigender Trockenheit zurecht.

Vielerorts wird er entfernt, unter anderem mit dem Argument, er sei nicht heimisch und trage nicht zur Biodiversität bei und verdränge andere Arten. Fraßschäden an den Blättern zeigen jedoch, dass die Insekten den Baum annehmen. Die Blüten werden von Hummeln besucht, die Früchte von Vögeln gefressen.

Im Schatten der Traubenkirsche entwickeln sich heimische Arten wie etwa Bergahorn, Spitzahorn oder Linde. Auch Insekten wie Mistkäfer und Milben siedeln am Boden und im Totholz. Ob die spät blühende Traubenkirsche oder die neuen Milbenarten in 30 Jahren immer noch im Westwald leben, oder ob sie nur als Starthilfe für andere Arten dienen und welche Tiere und Pflanzen sich am Ende durchsetzen, können die Wissenschaftler noch nicht sagen.

Wie sich ein Wald entwickelt und ob er sich selbst regenerieren kann, hängt von den Standortbedingungen und vom Grad der Schädigung ab. Bei stark geschädigten Wäldern hilft oft nur noch gezielte Aufforstung.

Können nicht heimische Baumarten deutsche Wälder retten?

Die Buche erträgt Trockenheit nur bedingt. Und die Fichte ist für trockene Standorte gänzlich ungeeignet. Pflaumeichen und Esskastanien aus Südeuropa hingegen wachsen auch hierzulande. Sie könnten das Artenspektrum im Wald erweitern.

Das Waldlabor in Köln [8] pflanzt und untersucht nichtheimische Gehölze. Das heißt nicht, heimische Arten zu ersetzen, betont Förster Michael Hundt im Interview [9] mit der ARD. Trockenheitsresistente Arten sollen nur den heimischen Arten beigemischt werden.

Optimal wäre eine Mischung aus hochwachsenden Bäumen wie Spitz- und Feldahorn, Sandbirke, Wald- und Schwarzkiefer, Edelkastanie, Traubeneiche und Walnuss [10]. Diese Arten garantieren einen vitalen und gesunden Bestand, bei dem sich Schädlinge nicht dauerhaft durchsetzen können und große Schäden anrichten.

Überdies wachsen Kirsche, Flaumeiche, Hainbuche, Winterlinde, Hängebirke und Elsbeere besonders gut auf trockenen bis sehr trockenen Böden. Ferner eignen sich Weißtanne und Douglasie [11]für mäßig trockene Waldstandorte.

Nur gesunde Waldökosysteme können im Klimawandel bestehen

Knapp 80 Prozent der geschützten natürlichen Lebensräume in Europa sind geschädigt. Obwohl es im vergangenen Sommer viel Regen gab, reichte die Niederschlagsmenge nicht aus, um die Schäden der vergangenen Dürrejahre auszugleichen [12].

Nun soll ein neues Gesetz bedrohte Ökosysteme wie Moore, Wälder und Auen wieder zu einem gesunden Zustand verhelfen. Die aktuelle EU-Verordnung zur Wiederherstellung der Natur [13] könnte dafür den politischen Rahmen bieten.

Im April haben Bund und Länder den Entwurf für den Nationalen Wiederherstellungsplan [14] vorgelegt. Bis September muss der Plan fertiggestellt und bei der EU-Kommission eingereicht werden. Vor allem kommt es darauf an, was davon anschließend praktisch umgesetzt wird.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11313514

Links in diesem Artikel:

  1. https://www.tagesschau.de/tagesschau_20_uhr/video-1587218.html
  2. https://www.bmleh.de/DE/themen/wald/wald-in-deutschland/waldzustandserhebung.html
  3. https://www.waldwissen.net/de/waldwirtschaft/schadensmanagement/insekten/eichenprachtkaefer-und-eichensterben
  4. https://www.bmleh.de/DE/themen/wald/wald-in-deutschland/waldzustandserhebung.html
  5. https://www.tagesschau.de/inland/regional/hessen/hr-darmstadt-wie-sich-ein-ausgetrockneter-wald-selbst-heilt-100.html
  6. https://www.hessenschau.de/gesellschaft/der-forscher-aus-darmstadt-der-in-den-urwald-ging-und-mit-einer-guten-nachricht-herauskam-v1,regenwald-forschung-darmstadt-100.html
  7. https://www.waldwissen.net/de/waldwirtschaft/waldbau/kurzportrait-spaetbluehende-traubenkirsche
  8. https://www.koeln-waldlabor.de/
  9. https://www.tagesschau.de/tagesschau_20_uhr/video-1587218.html
  10. https://www.die-forstpflanze.de/forstpflanzen-fuer-trockene-standorte
  11. https://www.waldwissen.net/de/waldwirtschaft/schadensmanagement/trockenheit/baumartenwahl-bei-zunehmender-sommertrockenheit
  12. https://www.nabu.de/news/2026/05/waldzustandsbericht.html?utm_source=newsletter&utm_medium=email&utm_campaign=260521-NABU-News
  13. https://www.nabu.de/natur-und-landschaft/naturschutz/europa/33254.html
  14. https://www.nabu.de/news/2026/04/37148.html

Copyright © 2026 Heise Medien

Adblock test (Why?)

✇ Telepolis

Explosion der New-Glenn-Rakete: Rückschlag für das Nasa-Mondprogramm

Von Telepolis — 03. Juni 2026 um 06:00
Fertigungshalle mit Blue-Origin-Logo

Fertigungshalle von Blue Origin in der Nähe des Kennedy-Space-Centers in Florida

(Bild: The Bold Bureau/Shutterstock.com)

Zwei Tage nach Milliardenverträgen explodiert Blue Origins New Glenn. Nun droht dem US-Mondprogramm eine massive zeitliche Verschiebung.

Die Explosion der New-Glenn-Rakete [1] von Blue Origin am 28. Mai 2026 während eines Triebwerkstests am Startplatz Cape Canaveral hat weitreichende Folgen – für das Unternehmen selbst, für Nasa Artemis-Mondprogramm und für den US-amerikanischen Raumfahrtsektor insgesamt.

Die Rakete explodierte bei einem sogenannten Static-Fire-Test – einem Bodentest, bei dem die Triebwerke gezündet werden, ohne dass die Rakete abheben soll – während der Vorbereitungen für den vierten Flug (NG-4), der Anfang Juni 48 Amazon-Satelliten in eine niedrige Erdumlaufbahn bringen sollte.

Fotos des Startplatzes vom 29. Mai zeigen schwere Schäden: Ein Blitzschutzturm kollabierte, der Transportmast der Rakete wurde zerstört, und der Hauptstartturm wies verbogene Metallträger auf.

Blue Origins Geschäftsführer Dave Limp erklärte [2] am 30. Mai in einem Post in sozialen Medien: "Wir haben wieder teilweisen Zugang zu Launch Complex 36 und untersuchen aktiv die Anomalie beim Heißbrand. Wir werden den Startplatz bald räumen und haben einen guten Wiederaufbauplan." Details zu diesem Plan nannte er nicht.

Kein Startplatz, kein Zeitplan

Das unmittelbarste Problem: Blue Origin verfügt über keinen alternativen Startplatz für die New Glenn. Ein benachbarter Platz, LC-36B, sowie ein weiterer am Vandenberg Space Force Base in Kalifornien befinden sich erst in frühen Planungsphasen. Branchenkenner gehen davon aus, dass der Wiederaufbau mindestens ein Jahr dauern wird.

Als Vergleich dient ein ähnlicher Vorfall bei SpaceX: Als 2016 eine Falcon-9-Rakete am Startplatz SLC-40 explodierte, dauerte der Wiederaufbau 15 Monate.

Kiko Donchev, Vizepräsident für Starts bei SpaceX, beschrieb in einem Post vom 31. Mai die Komplexität solcher Aufräumarbeiten: "In den ersten Tagen und Wochen arbeitet man mit dem Skalpell, nicht mit dem Bagger" – um sowohl Beweise für die Unfalluntersuchung zu sichern als auch unbeschädigte Bauteile zu retten.

Frühe Hinweise deuten laut [3] dem Fachportal Ars Technica darauf hin, dass die Ursache im mittleren Triebwerk des Boosters liegt. Sollte sich das bestätigen, hätte dies auch Konsequenzen für das BE-4-Triebwerk, das ebenfalls in der Vulcan-Rakete der United Launch Alliance (ULA) eingesetzt wird – einem Träger, der derzeit ebenfalls nach einer Anomalie am Boden steht.

US-Mondprogramm unter Druck

Besonders schwer wiegt der Ausfall für das Nasa-Artemis-Programm, das Menschen zurück auf den Mond bringen soll – auch im Rennen mit China, das eigene bemannte Mondmissionen und ebenfalls den Aufbau einer bemannten Basis anstrebt.

Nur zwei Tage vor der Explosion hatte die Nasa Blue Origin Verträge in Höhe von 280,4 Millionen US-Dollar für zwei Missionen des Mondlanders Blue Moon Mark 1 vergeben. Der Lander, der bis zu drei Tonnen auf die Mondoberfläche liefern kann, soll auf einer einzigen New-Glenn-Rakete starten. Er ist für vier geplante Nasa-Missionen vorgesehen, darunter die Lieferung von Mondfahrzeugen der Unternehmen Astrolab und Lunar Outpost im Jahr 2028.

Nasa-Administrator Jared Isaacman besichtigte den Startplatz am Tag nach der Explosion aus der Luft und traf sich mit Unternehmensvertretern sowie Firmengründer Jeff Bezos. "Die Nasa ist entschlossen, dem Blue-Team bei der Erholung zu helfen, den Mondlander weiterzuentwickeln und New Glenn so schnell wie möglich wieder startklar zu machen", schrieb Isaacman am 29. Mai.

Die Artemis-III-Mission, die 2027 stattfinden soll und bei der das Orion-Raumschiff im niedrigen Erdorbit mit einem oder beiden Mondlandern – Blue Moon von Blue Origin und Starship von SpaceX – zusammentreffen soll, ist nun erheblich gefährdet.

Laut Ars Technica ist es nahezu ausgeschlossen, dass ein Blue-Moon-Lander innerhalb der nächsten 18 Monate einsatzbereit sein wird. Die Nasa müsste dann entscheiden, ob sie auf Blue Origin wartet oder die Mission allein mit dem SpaceX-Starship durchführt.

Auch die für 2028 geplante Artemis-IV-Mission zur Mondlandung ist betroffen. Mehrere hochrangige Nasa-Beamte hatten zuletzt eine abgespeckte Version des größeren Mark-2-Landers – der keine Betankung im Weltraum erfordert – als bevorzugte Option für Artemis IV betrachtet. Durch den Unfall wächst nun die Abhängigkeit der Nasa von SpaceX und dessen Starship erheblich.

Breite Folgen für die Raumfahrtbranche

Die Explosion trifft auch kommerzielle Kunden hart. Die New Glenn stand für 24 Starts unter Vertrag mit Amazon, wobei jeder Start mindestens 48 Satelliten für das Amazon-Leo-Breitbandnetz transportieren sollte – mehr als ein Drittel der geplanten Gesamtkonstellation von 3.232 Satelliten. Das Projekt liegt bereits hinter dem Zeitplan.

Das Unternehmen AST SpaceMobile, das seine Satelliten für direkten Mobilfunkempfang ebenfalls auf New-Glenn-Raketen starten wollte – bis zu acht pro Flug gegenüber drei auf einer Falcon 9 –, hat sich bislang nicht öffentlich geäußert. Die Aktie des Unternehmens fiel am 29. Mai um fast 15 Prozent.

Da SpaceX mit seinen Falcon-9- und Falcon-Heavy-Raketen nun als einziger US-Anbieter für mittlere und schwere Nutzlasten verbleibt, verschärft sich ein ohnehin angespannter Markt. Eric Romo, Präsident des Unternehmens Impulse Space, warnte auf der Ascend-Konferenz am 20. Mai – noch vor der Explosion – vor einem "schwierigen Zeitraum 2029 und 2030".

Er widersprach zudem der weit verbreiteten Annahme, dass Starship kurzfristig die Startpreise senken werde: SpaceX werde das Starship zunächst primär für eigene Zwecke nutzen, etwa für Starlink-Satelliten und das Nasa Mondprogramm. "Es ist schwer vorstellbar, dass es kurzfristig einen großen Anteil am kommerziellen Raumfahrtmarkt einnimmt", so Romo.

Im Unterschied zu SpaceX, das beim Starship auf ein iteratives Entwicklungsmodell mit bewusst akzeptierten Fehlschlägen setzt, verfolgte Blue Origin mit der New Glenn einen traditionelleren Ansatz. Die erste Stufe hatte in den ersten drei Flügen nahezu fehlerlos funktioniert und galt als ausgereifte Konstruktion – was den Verlust umso schwerer wiegt.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11313656

Links in diesem Artikel:

  1. https://www.heise.de/news/Gewaltige-Explosion-zerstoert-Schwerlastrakete-New-Glenn-von-Blue-Origin-11310763.html
  2. https://x.com/davill/status/2060760334869188846/history
  3. https://arstechnica.com/space/2026/05/heres-why-the-failure-of-blue-origins-new-glenn-rocket-is-so-catastrophic/

Copyright © 2026 Heise Medien

Adblock test (Why?)

✇ Telepolis

Nationalismus überwunden? Was die CDU-Geschichte über Merz' These verrät

Von Telepolis — 02. Juni 2026 um 18:05
Friedrich Merz gestikuliert während einer Rede.

(Bild: penofoto / Shutterstock.com)

Merz beruft sich auf Adenauer, um die AfD abzuwehren. Doch die Union pflegte über Jahrzehnte genau das Deutschtum, das sie der AfD vorwirft. Ein Leitartikel.

Bundeskanzler Friedrich Merz steht mit dem Rücken zur Wand. Die Umfragen sind desaströs, die AfD liegt laut Insa bei 29 Prozent, der CDU/CSU-Block nur noch bei 22. In der CDU-Spitze kursieren Gerüchte über eine mögliche Ablösung [1], NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst wird als Alternative gehandelt.

In dieser Lage greift Merz zur großen Geschichtskeule, um für seine Linie und für die Brandmauer gegen die AfD zu werben: Die CDU habe mit Konrad Adenauer "die Ära des Nationalismus" hinter sich gelassen, erklärte er in Arnsberg [2]. Eine Zusammenarbeit mit der AfD sei deshalb "ausgeschlossen".

Das klingt entschlossen. Nur stimmt die Erzählung so nicht. Wer die Geschichte der CDU auch nur oberflächlich kennt, stößt auf Jahrzehnte nationalistischer Rhetorik, ethnisch grundierter Politik und personeller Kontinuitäten zur NSDAP.

Merz' historisches Argument hat ein Fundament aus Sand.

Adenauers Westbindung und Globkes Rassegesetze

Natürlich vollzog Adenauer einen realpolitischen Bruch: Westbindung statt Schaukelpolitik, Nato statt deutscher Sonderweg, europäische Integration statt Revanchismus. Programmatisch war das ein gewaltiger Schritt. Doch Merz verschweigt die andere Seite dieser Gründungsgeschichte.

Adenauers engster Mitarbeiter im Kanzleramt war Hans Globke – ein Jurist, der im NS-Staat die Kommentare zu den Nürnberger Rassegesetzen mitverfasst hatte. Das sogenannte 131er-Gesetz von 1951 ermöglichte Hunderttausenden "entnazifizierten" Beamten die Rückkehr in den Staatsdienst.

Späterer Kanzler Kurt Georg Kiesinger war seit 1933 NSDAP-Mitglied, Bundesminister Theodor Oberländer war ebenfalls NS-Funktionär gewesen.

Wie tief diese Kontinuitäten in der Bundesrepublik reichten, zeigt eine aktuelle Studie zum Bundesverfassungsgericht [3]: Von den ersten 24 Richtern in Karlsruhe waren mindestens drei ehemalige NSDAP-Mitglieder und fünf SA-Mitglieder.

Der prominenteste Fall unter ihnen: Willi Geiger, als NS-Staatsanwalt mitverantwortlich für Todesurteile an Sondergerichten, urteilte danach als Verfassungsrichter über Grundrechte. "Überwindung des Nationalismus" sieht anders aus.

Weder das Rechtswesen noch der Staatsapparat der BRD wurden gründlich umgebaut und von ehemaligen NS-Anhängern befreit.

"Kinder statt Inder" und das Boot, das angeblich voll war

Wer die 1990er Jahre politisch erlebt hat, erinnert sich an die Asyldebatten, in denen CDU-Politiker Formulierungen wählten, die heute der AfD zugeschrieben würden.

CDU-Generalsekretär Volker Rühe startete 1991 eine Kampagne gegen Flüchtlinge, die Günter Grass ihn als [4] "Skinhead mit Schlips und Kragen" betiteln ließ. CSU-Mann Edmund Stoiber erklärte sinngemäß, wer Ausländer "ungeregelt zuziehen" lasse, importiere Kriminalität. Theo Waigel schwadronierte 1989 noch davon, das Deutsche Reich bestehe in den Grenzen von 1937 fort.

Wie Telepolis dokumentierte [5], ist die Liste prominenter CDU- und CSU-Politiker mit deutschtümelnden Positionen lang.

Die Kampagne "Kinder statt Inder" von CDU-Kandidat Jürgen Rüttgers im Jahr 2000 markierte einen weiteren Tiefpunkt. Als die rot-grüne Bundesregierung eine Green Card für 10.000 IT-Fachkräfte (mit Option auf Ausweitung auf 20.000) plante, polemisierte Rüttgers: "Statt Inder an die Computer müssen unsere Kinder an die Computer."

SPD, Grüne, Kirchen und Wirtschaftsverbände verurteilten den Vorstoß als rassistisch. Die IT-Branche warnte vor Schaden am Standort Deutschland. Rüttgers verlor die NRW-Wahl deutlich – doch seine Partei hat diese Episode wohl nie systematisch aufgearbeitet.

Der ethnische Volksbegriff: Heuchelei mit Tradition

Besonders brisant wird die Diskrepanz beim Vorwurf des "ethnisch-abstammungsmäßigen Volksverständnisses", den der Verfassungsschutz gegen die AfD erhebt. Denn exakt dieses Verständnis ist im Bundesvertriebenengesetz bis heute verankert.

Dort heißt es: Deutscher Volkszugehöriger ist, "wer sich in seiner Heimat zum deutschen Volkstum bekannt hat, sofern dieses Bekenntnis durch bestimmte Merkmale wie Abstammung, Sprache, Erziehung, Kultur bestätigt wird".

Auf dieser Grundlage kamen in den 1990er Jahren rund zwei Millionen Spätaussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland – nicht wegen eines deutschen Passes, sondern wegen ihrer deutschen "Volkszugehörigkeit".

Auch dieses Kapitel hat Telepolis dokumentiert und gezeigt, dass dieses Verständnis bis heute die Förderung des Deutschtums im Ausland bestimmt. Das Bundesinnenministerium fördert [6] über die Stiftung Verbundenheit mit den Deutschen im Ausland die "ethnokulturelle Identität" deutscher Minderheiten weltweit mit Millionenbeträgen. Allein in der Amtszeit von Innenministerin Nancy Faeser flossen rund 64 Millionen Euro.

Die Stiftung selbst steht in einer Linie mit dem 1908 so benannten Verein für das Deutschtum im Ausland (VDA; Vorläufer: Allgemeiner Deutscher Schulverein, gegr. 1881), einem Sammelbecken völkischer Nationalisten. Stiftungsratschef Hartmut Koschyk (CSU) war zuvor VDA-Vorsitzender, Generalsekretär des Bundes der Vertriebenen und stimmte 1991 im Bundestag gegen die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie als endgültige deutsch-polnische Grenze.

Im Inland verurteilt die Bundesregierung den ethnischen Volksbegriff als rechtsextrem. Im Ausland finanziert sie ihn. Dieser Widerspruch ist unaufgelöst.

Merz' NSDAP-Vergleich und das Wesen des modernen Rechtsextremismus

Wenn Merz vor einer "Rückkehr in die Zeit vor Adenauer" warnt und dabei explizit die Machtergreifung 1933 bemüht, stellt er die AfD rhetorisch in eine Linie mit der NSDAP. Konkret sagte Merz:

"Zu diesen dunklen Stunden unserer Geschichte gehörte die Vorgeschichte eines naiven Glaubens daran, man könne doch mit denen mal zusammenarbeiten, sie in einer Regierung einrahmen."

Eine solche Gleichsetzung ist politisch bequem, historisch aber fragwürdig. Die NSDAP kommunizierte offen eliminatorischen Antisemitismus, Revancheforderungen für den Ersten Weltkrieg und das Ziel, die Arbeiterbewegung physisch zu vernichten. Nichts davon findet sich in AfD-Programmen.

Und diese Gleichsetzung von AfD und NSDAP zeigt, dass Merz überhaupt nicht weiß, was den modernen Rechtsextremismus tatsächlich kennzeichnet: nicht der klassische Rassismus, sondern ein autoritärer Liberalismus [7], der politische Freiheiten beschneidet, während der Markt unangetastet bleibt.

Viktor Orbáns Ungarn war ein Modell dafür – Medienfreiheit und Gewaltenteilung werden ausgehöhlt, die kapitalistische Eigentumsordnung blieb intakt. Carl Schmitts Formel von 1932 hallt nach: starker Staat und gesunde Wirtschaft.

Dass Merz gleichzeitig tiefgreifende Sozialreformen ankündigt – Gesundheitskosten, Rentensystem, Steuern – und dabei betont, es gebe keinen "Big Bang", der alles auf einmal löst, passt in dieses Muster.

Die politische Abgrenzung nach rechts dient auch dazu, den sozialen Umbau nach neoliberalem Muster gegen Kritik zu immunisieren.

Eine Aufarbeitung, die aussteht

Es gibt gute Gründe, nicht mit der AfD zusammenzuarbeiten – deren Pläne etwa für eine Säuberung des Beamtenapparats in Sachsen-Anhalt [8] sind alarmierend genug. Doch Merz' Argument, seine Partei habe den Nationalismus hinter sich gelassen, hält der Überprüfung nicht stand.

Die CDU hat Angela Merkels Modernisierung wie einen Glücksfall hingenommen, ohne die eigene Geschichte je systematisch aufzuarbeiten. Von "Kinder statt Inder" bis zur millionenschweren Deutschtumsförderung zieht sich eine Linie, die Merz lieber nicht erwähnt.

Wer der AfD den ethnischen Volksbegriff vorwirft, aber denselben Begriff im Bundesvertriebenengesetz stehen lässt und im Ausland aktiv fördert, hat ein Glaubwürdigkeitsproblem.

Merz' Adenauer-Mythos funktioniert als Sonntagsrede. Als historisches Argument ist er hohl.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11315958

Links in diesem Artikel:

  1. https://www.heise.de/tp/article/Kanzlersturz-in-der-CDU-Merz-kaempft-gegen-die-eigene-Partei-11310659.html
  2. https://www.onvista.de/news/2026/05-28-merz-lehre-aus-ns-zeit-verbietet-zusammenarbeit-der-cdu-mit-der-afd-0-20-26516135
  3. https://www.heise.de/tp/article/NS-Richter-in-Karlsruhe-Jetzt-muessen-auch-die-Urteile-auf-den-Pruefstand-11303981.html
  4. https://taz.de/Unterm-Strich/%211689272/
  5. https://www.heise.de/tp/article/Wenn-die-AfD-rechtsextrem-ist-was-war-dann-die-CDU-10370682.html
  6. https://www.heise.de/tp/article/Gleich-und-gleicher-Wenn-der-deutsche-Pass-nicht-reicht-10474002.html
  7. https://www.heise.de/tp/article/Orbans-Ungarn-Illiberal-oder-zutiefst-liberal-11253276.html
  8. https://www.bloomberg.com/news/articles/2026-05-27/german-far-right-plots-purge-of-civil-service-in-eastern-state

Copyright © 2026 Heise Medien

Adblock test (Why?)

✇ Telepolis

Warum der Plan zur Entwaffnung der Hamas zum Scheitern verurteilt ist

Von Telepolis — 02. Juni 2026 um 14:00
Hamas-Kämpfer in Uniform

Die USA ignorieren die Lehren aus früheren, erfolgreichen Friedensbemühungen, meint unser Gastautor.

(Bild: Anas-Mohammed/Shutterstock.com)

Israels Verbündete drängen auf die Entwaffnung der Hamas – doch die Praxis zeigt, dass der Plan nicht funktioniert. Unser Gastautor kennt die Gründe dafür.

Am 13. Oktober des vergangenen Jahres, kurz nach der Unterzeichnung eines Waffenstillstands zwischen Israel und der Hamas, wandte sich Präsident Donald Trump an eine Versammlung von Staats- und Regierungschefs in Scharm El-Scheich, Ägypten. "Endlich haben wir Frieden im Nahen Osten", verkündete [1] Trump und sonnte sich im weltweiten Lob.

Der ursprüngliche Plan zum Frieden in Gaza

Auch wenn diese Aussage übertrieben gewesen sein mag, gab es damals tatsächlich Grund zu Optimismus. Die USA hatten gerade ein Abkommen zwischen Israel und der Hamas vermittelt [2]. Palästinensische Gefangene sollten freigelassen, israelische Geiseln nach Hause zurückgebracht und das massenhafte Töten in Gaza beendet werden.

Jared Hillel
Unser Gastautor Jared Hillel
(Bild: RS [3])

Phase 1 des Plans sah außerdem die vollständige Zulassung humanitärer Hilfe sowie einen Rückzug israelischer Streitkräfte bis zu einer vereinbarten "gelben Linie" vor. Mit der Überwachung des Prozesses wurde das "Board of Peace" (BoP) betraut, ein von den USA geführtes internationales Gremium.

Israel setzte seinen Teil von Phase 1 jedoch nie vollständig um, sondern entschied sich, die Angriffe auf das Gebiet fortzusetzen und den Zufluss von Hilfsgütern nach Gaza einzuschränken. Dennoch kündigten die USA am 16. Januar den Beginn von Phase 2 an. Diese sollte die Entwaffnung der Hamas und einen weiteren israelischen Rückzug umfassen, begleitet vom Eintreffen einer internationalen Stabilisierungsstreitkraft und einer Übergangsverwaltung.

Theorie und Praxis

Doch mehr als vier Monate später ist nichts davon geschehen. Im März legte der Leiter des BoP, Nikolay Mladenov, einen Plan vor, der in fünf Stufen innerhalb von acht Monaten die Entwaffnung der Hamas vorsah. Die Gruppe lehnte den Vorschlag ab [4], verwies auf fortgesetzte Verstöße gegen den Waffenstillstand und forderte einen vollständigen israelischen Rückzug.

Israel, die USA und ein Großteil der internationalen Gemeinschaft nutzten diese Ablehnung, um die Hamas als alleiniges Hindernis für den Frieden darzustellen und der militanten Gruppe die Blockade der zweiten Phase anzulasten. So politisch bequem dieses Narrativ auch sein mag: Ein Blick auf frühere Abkommen zeigt, dass dem aktuellen Vorschlag mehrere Elemente fehlen, die für einen dauerhaften Frieden notwendig wären.

Voreingenommener Vermittler

Historisch gesehen ist einer der wichtigsten Faktoren bei Friedensregelungen ein neutraler Vermittler. Thomas Leahy, Dozent an der Cardiff University, erklärt, dass eine solche Rolle von Beginn an entscheidend ist, um faire Verhandlungen zu ermöglichen.

In Nordirland führte selbst nach dem Waffenstillstand von 1994 zwischen der Irisch-Republikanischen Armee und der britischen Regierung ein Mangel an geeigneter Vermittlung zu zwei Jahren Stillstand. Leahy merkt an, dass die irische Regierung "die Initiative ergriff, eine dritte Partei einzubinden, weil die Gespräche nicht vorankamen".

Diese dritte Partei war der US-Senator George Mitchell, der während der Verhandlungen den Vorsitz übernahm und noch vor Beginn der formellen Mehrparteiengespräche im Jahr 1996 die sogenannten Mitchell-Prinzipien einführte. Diese sechs Grundsätze verpflichteten alle Seiten, politische Konflikte ausschließlich mit friedlichen Mitteln zu lösen.

Zwar übernimmt das Board of Peace in Gaza diese Rolle einer dritten Partei, doch hat es sich bislang als alles andere als neutral erwiesen. Trotz seiner internationalen Besetzung wird es von den USA dominiert, mit Trump als selbsternanntem Vorsitzenden – eine Position, die er möglicherweise lebenslang innehaben könnte [5].

In Nordirland bestanden die Vermittlungsinstanzen aus Staaten ohne historische oder aktuelle Eigeninteressen in der Region. In Gaza hingegen wird der Vermittler maßgeblich von den USA geprägt, die nicht nur Israels wichtigster finanzieller Unterstützer, sondern auch sein größter Waffenlieferant sind.

Die Voreingenommenheit des Board of Peace zeigt sich besonders deutlich bei der Durchsetzung des Waffenstillstands.

Laut [6] dem Gesundheitsministerium in Gaza wurden seit Beginn der Waffenruhe über 900 Palästinenser von israelischen Streitkräften getötet. Hilfsorganisationen berichten zudem, dass die von Israel vollständig kontrollierten Hilfslieferungen unzureichend sind, was zu Unterernährung und einer zunehmenden Rattenplage führt. Auch der Hamas werden Verstöße vorgeworfen: Sie soll vier israelische Soldaten getötet haben.

Das Board of Peace hat diese Verstöße jedoch nicht gleich behandelt. Die Organisation hat deutlich schärfere Warnungen an die Hamas gerichtet als an die israelische Regierung, obwohl die Zahl der Verstöße ungleich ist.

In einem durchgesickerten Memo [7] erklärte Mladenov ausdrücklich, er werde Israel nicht an die Waffenstillstandsbedingungen binden, falls die Hamas das Entwaffnungsangebot ablehne. Indem Israel faktisch straflos weiter töten kann und gleichzeitig mit der Aufkündigung der Waffenruhe gedroht wird, steht Mladenovs Strategie im direkten Widerspruch zu dem erfolgreichen Ansatz Mitchells.

Falsche Reihenfolge

Ebenso problematisch ist die Reihenfolge der Forderungen.

Der Plan verlangt zunächst, dass die Hamas sämtliche Waffen abgibt und ihr Tunnelsystem zerstört. Danach sollen die Kämpfer ihre Gewehre und Waffen übergeben. Erst dann würde sich die israelische Armee vollständig aus dem Gazastreifen zurückziehen und der Wiederaufbau könnte beginnen. Auffällig ist, dass der Zwölf-Punkte-Plan [8] die Frage eines palästinensischen Staates mit keinem Wort erwähnt.

In Nordirland hingegen legte die IRA ihre Waffen erst Jahre nach dem Abkommen nieder, nachdem konkrete politische Fortschritte – darunter eine Machtteilungsvereinbarung – erreicht worden waren. Ähnlich verhielt es sich mit der FARC in Kolumbien, die im Gegenzug für die Abgabe ihrer Waffen eine begrenzte Amnestie und garantierte Parlamentssitze erhielt.

"Entwaffnung ist selten der Anfang von Frieden", sagt Alpaslan Özerdem, Dekan der Carter School for Peace and Conflict Resolution an der George Mason University. Er nennt eine Reihe von Schritten, die in der Regel vorher notwendig sind: "Konsolidierung des Waffenstillstands, Rückzugsregelungen, Sicherheitsgarantien, Überwachung durch Dritte, humanitärer Zugang und Wiederaufbau."

Die Hamas hat wiederholt erklärt, dass sie bereit sei, ihre Waffen niederzulegen, wenn im Gegenzug ein palästinensischer Staat auf Basis der Grenzen von vor 1967 geschaffen würde. Israel hat ein solches Angebot jedoch mehrfach abgelehnt. Tatsächlich ist die israelische Armee seit dem Waffenstillstand tiefer in Gaza vorgedrungen und kontrolliert inzwischen 60 Prozent des Gebiets statt der ursprünglich vereinbarten 53 Prozent.

Solange die israelische Regierung die zentrale Forderung der Hamas ignoriert, erscheint ein von beiden Seiten akzeptierter langfristiger Frieden schwer vorstellbar. Laut Özerdem "entwaffnen sich bewaffnete Gruppen in der Regel nicht einfach unter Druck; sie tun es, wenn sie einen realistischen Weg zu Sicherheit, politischer Teilhabe, sozialer Reintegration und Würde sehen".

Entwaffnung oder einseitige Kapitulation?

Da der aktuelle Plan nichts davon bietet, wirkt die Forderung nach Entwaffnung eher wie eine einseitige Kapitulation.

Für Leahy ist Israel nicht in der Position, eine solche Forderung zu stellen. "Das kann nur funktionieren, wenn die Gruppe besiegt ist und diese Niederlage akzeptiert", sagt er. "Ich denke, es ist ziemlich klar, dass die Hamas das nicht tut."

Trotz der falschen Abfolge, fehlender Zugeständnisse und eines offenbar parteiischen Garanten bestehen Israel und seine Verbündeten darauf, dass die Hamas den Friedensprozess sabotiert. Ironischerweise könnte genau dieses Vorgehen zu weiterem Chaos führen, denn missglückte Entwaffnungsabkommen haben in der Vergangenheit häufig zur Bildung von Splittergruppen oder zu erneuter Aufrüstung geführt.

Ein besonders drastisches Beispiel aus jüngerer Zeit findet sich im Irak: Nachdem die USA Saddam Hussein gestürzt hatten, wurde die irakische Armee rasch aufgelöst – ohne dass es einen Plan zur Wiedereingliederung gab. Hunderttausende bewaffnete Männer standen plötzlich ohne Einkommen da; viele von ihnen bildeten später den Kern der Kämpfer des IS.

Für Özerdem besteht das größte Risiko darin, dass Entwaffnung als Kapitulation statt als Übergang wahrgenommen wird. "Wenn eine bewaffnete Gruppe ihre Waffen aufgibt, bevor glaubwürdige Garantien bestehen, könnte sie politische Marginalisierung, Verhaftungen, Vergeltungsangriffe oder den Verlust von Verhandlungsmacht befürchten."

Vielleicht ist die Blockade sogar das eigentliche Ziel. Israels Premierminister Benjamin Netanjahu hat wiederholt betont [9], er sei bereit, "jederzeit" in den Krieg in Gaza zurückzukehren. Der zutiefst fehlerhafte Entwaffnungsprozess liefert ihm eine weitere Rechtfertigung dafür und bewahrt ihn davor, Zugeständnisse zu machen, die ihm politisch schaden könnten.

Das Board of Peace beschwört weiterhin die Idee eines wohlhabenden, ja futuristischen Gaza. Doch bei einem solchen Friedensprozess könnte sein bleibendstes Vermächtnis darin bestehen, den fortgesetzten Krieg zu legitimieren.

Jared Hillel ist freier Journalist mit Sitz in Jerusalem. Zuvor arbeitete er unter anderem für Reuters und CBC/Radio-Canada.

Dieser Text erschien zuerst bei unserem Partnerportal Responsible Statecraft [10] auf Englisch.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11315265

Links in diesem Artikel:

  1. https://responsiblestatecraft.org/tag/donald-trump/
  2. https://www.reuters.com/world/gaza-live-trump-says-israel-hamas-agree-first-phase-plan-end-war-2025-10-08/
  3. https://responsiblestatecraft.org/hamas-disarmament-gaza/
  4. https://www.bbc.com/news/articles/cn4vvxxg8lgo
  5. https://abcnews.com/International/trump-potentially-chair-board-peace-life-1-billion/story?id=129400459
  6. https://www.aljazeera.com/news/2026/5/30/palestinian-doctor-killed-three-people-injured-in-israeli-attack-on-gaza
  7. https://www.timesofisrael.com/board-of-peace-wont-hold-israelwhto-truce-terms-if-hamas-doesnt-okay-disarmament-offer/
  8. https://docs.google.com/document/d/1swuG9IMsx0kn3wvhpNajf7BDptc64NRWVeR_fRLW20Q/edit?tab=t.0#:~:text=https%3A//www.reuters.com/world/middle%2Deast/hamas%2Ddisarmament%2Dplan%2Dsees%2Dgazas%2Dtunnels%2Ddestroyed%2Darms%2Dgiven%2Dup%2Dstages%2Dtext%2D2026%2D03%2D27/
  9. https://www.timesofisrael.com/liveblog_entry/netanyahu-israel-ready-to-return-at-any-moment-to-gaza-fighting-demands-full-demilitarization-in-south-syria/
  10. https://responsiblestatecraft.org/hamas-disarmament-gaza/

Copyright © 2026 Heise Medien

Adblock test (Why?)

❌