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EU startet LNG-Importverbot gegen Russland – mitten in der Gaskrise

Von Telepolis — 24. April 2026 um 17:45
Ein großes LNG-Schiff liegt an einem Pier neben einer Industrieanlage.

Ein LNG-Tanker liegt vor einer Küstenanlage, während die EU ein Importverbot für russisches Flüssigerdgas verhängt.

(Bild: GreenOak / Shutterstock.com)

Ab Samstag dürfen keine kurzfristigen russischen LNG-Lieferungen mehr in die EU fließen. Der Zeitpunkt ist heikel.

Die Europäische Union setzt ihre nächste Sanktionsstufe gegen Russland um – ausgerechnet in einer Phase, in der die globalen Gasflüsse ohnehin unter Druck stehen.

Wie Bloomberg berichtet [1], verbietet die EU ab dem 25. April den Import von russischem Flüssigerdgas (LNG), das über kurzfristige Verträge mit weniger als einem Jahr Laufzeit gehandelt wird.

Der Kauf auf dem Spotmarkt ist bereits seit dem 18. März untersagt [2]. Lieferungen unter langfristigen Verträgen dürfen noch bis Jahresende laufen – ab dem 1. Januar 2027 greift dann ein vollständiges Importverbot [3].

Grundlage ist die Verordnung EU/2026/261, die der EU-Rat am 26. Januar verabschiedete und die seit dem 3. Februar in Kraft ist. Sie sieht einen stufenweisen Ausstieg aus sämtlichen russischen Gasimporten bis Ende 2027 vor. Bei einer erklärten Notlage [4] kann die EU-Kommission das Importverbot jedoch vorübergehend für bis zu vier Wochen aussetzen, wenn die Versorgungssicherheit in einem oder mehreren Mitgliedstaaten ernsthaft bedroht ist.

Für Pipeline-Gas gelten spätere Fristen: Kurzfristverträge werden ab dem 17. Juni 2026 gekappt, Langfristverträge laufen spätestens am 30. September 2027 aus.

Erster monatlicher Rückgang der LNG-Importe seit Anfang 2025

Das Timing des Importverbots fällt in eine ohnehin angespannte Marktlage. Laut einer separaten Bloomberg-Analyse [5] steuern Europas LNG-Importe im April auf den ersten monatlichen Rückgang seit über einem Jahr zu.

Das Datenanalyseunternehmen Kpler schätzt, dass die Gesamtvolumina im Vergleich zum Vorjahresmonat um rund drei Prozent sinken – bedingt durch Terminalwartungen und engere globale Lieferströme.

Russland war 2025 mit 14,7 Millionen Tonnen noch der zweitgrößte LNG-Lieferant der EU und deckte knapp 14 Prozent der europäischen LNG-Importe von insgesamt 106 Millionen Tonnen ab.

Im Januar 2026 erreichte der russische Anteil sogar einen Rekordwert von 18 Prozent – die USA und Russland lieferten zusammen rund 80 Prozent [6] des europäischen Flüssiggases. Deutschland bezog im selben Monat sein gesamtes LNG aus amerikanischen Quellen, während Frankreich und Belgien teilweise mehr als 40 Prozent aus Russland importierten.

Hormuz-Blockade verschärft die Lage

Die Situation wird durch den Iran-Krieg zusätzlich verschärft. Seit Ende Februar 2026 blockiert der Iran die Straße von Hormuz und schneidet damit rund 20 Prozent der weltweiten Öllieferungen und ein Fünftel der globalen LNG-Lieferungen vom Markt ab.

Die Gaspreise in der EU zogen nach Angaben von S&P Global bereits um mehr als 30 Prozent an. Der TTF-Frontmonatspreis lag Mitte März bei 51,315 Euro pro Megawattstunde.

Die EU-Kommission hatte die Mitgliedstaaten deshalb bereits im März aufgerufen, die Einspeisephase für die Gasspeicher so früh wie möglich zu starten [7]. Energiekommissar Dan Jørgensen regte sogar an, das offizielle Füllziel bei angespannter Marktlage von 90 auf 80 Prozent abzusenken.

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) unterstrich den Ernst der Lage: „Energie ist längst nicht mehr nur eine wirtschaftliche Frage – sie ist eine zentrale sicherheitspolitische Dimension unserer Zeit.“

Milliarden-Strafen bei Verstößen

Um die Durchsetzung der Sanktionen sicherzustellen, sieht die Verordnung empfindliche Strafen vor. Unternehmen drohen Bußgelder von mindestens 40 Millionen Euro, 3,5 Prozent des weltweiten Jahresumsatzes oder bis zu 300 Prozent des Transaktionswerts – je nachdem, welcher Betrag am höchsten ausfällt. Für natürliche Personen liegt die Mindeststrafe bei 2,5 Millionen Euro.

Importeure müssen [8] zudem vorab detaillierte Vertragsinformationen bei den Behörden einreichen und die Herkunft des Gases nachweisen.

Nicht alle Mitgliedstaaten tragen den Kurs mit. Ungarn und die Slowakei stimmten gegen das Verbot. Der ungarische Außenminister Péter Szijjártó warnte, das Verbot russischer Öl- und Gaskäufe gehe „gegen die nationalen Interessen“ seines Landes, und drohte mit einer Klage.

Die Folgen des russischen LNG-Banns reichen weit über den Energiesektor hinaus. Europas Chemieindustrie kämpft bereits ums Überleben [9]: Ethylenkontrakte erreichten im April 2026 mit 1.595 Euro pro Tonne einen Rekordwert, BASF hob die Preise für Waschmittel-Inhaltsstoffe um 30 Prozent an.

Zwischen 2022 und 2025 gingen laut dem Branchenverband Cefic rund 9 Prozent der europäischen Chemie-Produktionskapazität verloren. Die angespannte wirtschaftliche Lage dürfte sich mit dem nun schrittweise greifenden Importverbot weiter verschärfen.


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Links in diesem Artikel:

  1. https://www.bloomberg.com/news/articles/2026-04-24/eu-starts-roll-out-of-russian-lng-import-ban-at-a-difficult-time
  2. https://www.spglobal.com/energy/en/news-research/latest-news/natural-gas/031826-eu-ban-on-russian-gas-lng-spot-imports-begins
  3. https://www.spglobal.com/energy/en/news-research/latest-news/lng/012626-eu-finalizes-ban-on-russian-gas-lng-by-2027
  4. https://www.consilium.europa.eu/en/press/press-releases/2026/01/26/russian-gas-imports-council-gives-final-greenlight-to-a-stepwise-ban/
  5. https://www.bloomberg.com/news/articles/2026-04-24/europe-s-lng-imports-set-for-first-monthly-drop-in-over-a-year
  6. https://www.heise.de/tp/article/Europas-LNG-Importe-USA-und-Russland-liefern-ueber-80-Prozent-11170713.html
  7. https://www.heise.de/news/Strategische-Reserve-EU-draengt-zum-fruehen-Fuellstart-der-Gasspeicher-11221686.html
  8. https://energy.ec.europa.eu/strategy/repowereu-phase-out-russian-energy-imports_en
  9. https://www.heise.de/tp/article/Europas-Chemieindustrie-kaempft-ums-Ueberleben-11259114.html

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Rente: Deutsche wünschen sich 78 Prozent ihres Nettos im Alter

Von Telepolis — 24. April 2026 um 16:40
Ein älteres Paar legt Münzen in eine Sparschwein.

(Bild: Lordn / Shutterstock.com)

Ein DIW-Gutachten zeigt: Erwerbstätige wollen im Schnitt 78 Prozent ihres Nettoeinkommens als Rente. Die gesetzliche Rente allein reicht dafür nicht.

Wie viel Geld benötigen die Deutschen im Ruhestand wirklich? Eine aktuelle Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) gibt eine klare Antwort: Beschäftigte streben im Schnitt 78 Prozent ihres heutigen Nettoeinkommens an. Zum bloßen Überleben genügen ihnen 58 Prozent – für ein gutes Leben im Alter reicht das aber den meisten nicht.

Damit bestätigt die Studie, was Rentenexperten zuvor schon empfohlen hatten: Um den Lebensstandard im Alter halten zu können, müssen die Altersbezüge etwa 70 bis 80 Prozent des letzten Nettogehalts [1] entsprechen.

Erstellt wurde die Studie [2] im Auftrag des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Und sie zeigt einmal mehr: Die gesetzliche Rente [3] allein wird nicht ausreichen, um den Lebensstandard halten zu können.

Echte Abwägungen statt abstrakter Prozentzahlen

Das Besondere an der Studie: Die Forscher fragten nicht einfach nach einer Wunschzahl. Sie legten mehr als 4.200 Beschäftigten zwischen 40 und 67 Jahren konkrete Szenarien vor. Dabei mussten die Teilnehmer abwägen – entweder heute mehr ausgeben oder später im Alter besser dastehen.

DIW-Abteilungsleiter Peter Haan beschreibt [4] den Ansatz so: "Jede Option hatte einen Preis". Mehr Geld im Ruhestand bedeute weniger Konsum in der Gegenwart.

Die gewünschten 78 Prozent seien daher keine Fantasiezahl, sondern das Resultat einer durchdachten Entscheidung. Egal, ob die Forscher mit einem oder drei Prozent Realzins rechneten – das Ergebnis veränderte sich kaum.

Große Spanne bei den Wünschen

Einen Wert, der für alle passt, gibt es nicht. Rund ein Drittel der Befragten gibt an, mit höchstens 50 Prozent des heutigen Einkommens auszukommen. Eine fast ebenso große Gruppe will mindestens genauso viel wie heute – also 100 Prozent oder mehr.

Ein klares Muster zeigt sich beim Einkommen: Wer weniger verdient, wünscht sich im Verhältnis eine höhere Absicherung.

Der Grund liegt auf der Hand – bei kleinen Gehältern fließt ein größerer Teil in Miete, Lebensmittel und andere Grundausgaben. Zwischen der niedrigsten und der höchsten Einkommensgruppe liegt der Unterschied bei etwa fünf Prozentpunkten.

Auch die Wohnsituation spielt eine Rolle. Wer zur Miete lebt, kalkuliert mit höheren Ausgaben im Ruhestand als Eigentümer. Denn die monatliche Miete fällt auch nach dem letzten Arbeitstag weiter an.

Pflege und Wohnkosten als größte Sorgen

Befragte, die mit Pflegebedarf oder steigenden Mieten im Alter rechnen, setzen ihre Zielmarke um zwei bis vier Prozentpunkte höher an.

Pflege und Wohnen erweisen sich damit als die zentralen Kostentreiber im Ruhestand.

Gerade für Menschen ohne Wohneigentum wächst der Abstand zwischen dem, was sie sich wünschen, und dem, was realistisch erreichbar scheint.

Skepsis trotz Vorsorge weit verbreitet

Die Studie legt einen tiefen Zweifel offen. Selbst Beschäftigte, die bereits privat oder betrieblich vorsorgen, sind wenig zuversichtlich: Nur etwa jeder Dritte aus dieser Gruppe rechnet damit, das eigene Ziel tatsächlich zu erreichen.

Wer gar nicht zusätzlich vorsorgt, schätzt die Aussichten noch düsterer ein – hier hält rund die Hälfte das Ziel für unerreichbar.

Gleichzeitig fehlt vielen Beschäftigten eine ergänzende Absicherung. Nach Angaben der Bundesregierung besitzen knapp 40 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten weder eine Betriebsrente noch einen Riester-Vertrag.

Trotzdem zeigen sich die Befragten offen für mehr Eigeninitiative: Rund zwei Drittel möchten stärker selbst für das Alter vorsorgen. Nur fünf Prozent lehnen das entschieden ab.

Reformvorschläge für die Rentenpolitik

Die Ergebnisse fallen in eine entscheidende Phase. Eine von der Bundesregierung eingesetzte Alterssicherungskommission (ASK) soll bis Mitte 2026 einen neuen Maßstab für die Gesamtversorgung im Alter erarbeiten.

Die bisherige Berechnung gilt als zu optimistisch, weil sie tatsächliche Vorsorgelücken nicht sichtbar macht.

Der GDV regt an, alle Beschäftigten automatisch in eine Betriebsrente aufzunehmen – mit der Freiheit, sich dagegen zu entscheiden. Kleine und mittlere Firmen sollen ein einfaches digitales Standardprodukt erhalten.

Zudem soll der Staat Geringverdiener gezielt stärker fördern. In den Niederlanden und Dänemark [5], wo die Betriebsrenten-Quote in Dänemark bei rund 90, in den Niederlanden sogar bei rund 97 Prozent liegt, fällt das Alterseinkommen insgesamt schließlich deutlich höher aus als hierzulande.


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Links in diesem Artikel:

  1. https://www.telepolis.de/article/Wie-gross-ist-die-Rentenluecke-in-Deutschland-wirklich-10629750.html
  2. https://www.gdv.de/resource/blob/198710/7dc01ed578234f7ef42d405112c4470f/diw-gutachten-zielersatzraten-in-der-alterssicherung-data.pdf
  3. https://www.telepolis.de/article/Gesetzliche-Rente-Rentensystem-Rentenpunkte-und-Vorsorge-einfach-erklaert-10621605.html
  4. https://www.gdv.de/gdv/medien/medieninformationen/gdv-stellungnahme-zur-alterssicherungskommission-198694
  5. https://www.heise.de/tp/article/Rente-Daenemark-schuetzt-vor-Armut-Deutschland-belohnt-Leistung-10747482.html

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Die Bundeswehr wird zur Massenarmee – mit allen Konsequenzen

Von Telepolis — 24. April 2026 um 14:00
Boris Pistorius an einem Rednerpult, im Hintergrund Kriegsgerät

Boris Pistorius (SPD) will die Bundeswehr zu einer Massenarmee machen, die alle anderen europäischen Truppen in den Schatten stellt

(Bild: Mahmoud Mahdi Photo/Shutterstock.com)

Pistorius macht Ernst: Deutschland soll das stärkste Militär Europas bekommen. Die Bundeswehr wird zur Massenarmee. Was das für die Zivilgesellschaft bedeutet.

Paukenschlag in Berlin: Als Verteidigungsminister Boris Pistorius am Dienstag gemeinsam mit [1] Generalinspekteur Carsten Breuer vor die Presse trat, verkündete er die erste Militärstrategie der Bundeswehr [2] überhaupt – und ließ die bisher groben Skizzen der Zeitenwende konkret werden.

Seine Kernaussage ist eine Kampfansage: Die Bundeswehr soll zur "stärksten konventionellen Armee Europas" ausgebaut [3] werden. Neben einem Grundsatzdokument wurde auch ein Fähigkeitsprofil vorgestellt [4], das erstmalig militärische Ziele bis ins Jahr 2039 definiert.

Pistorius, laut Umfragen seit Monaten beliebtester Politiker Deutschlands [5], genießt auch international hohes Ansehen: Die französische Le Monde porträtiert den Niedersachsen als den Mann, der "Deutschland für den Krieg bereit macht" [6] und als Freund der Rüstungskonzerne [7]. Doch sind seine Pläne wirklich neu, innovativ und rein defensiv?

Alt-bekannt Unbekannt

Pistorius' zentrale Parole ist tradiert: Bereits im Mai 2025 gab Bundeskanzler Friedrich Merz in seiner allerersten Regierungserklärung den Ton vor – die Bundeswehr solle zur "konventionell stärksten Armee Europas" [8] ausgebaut werden.

Die politische Debatte stand zu diesem Zeitpunkt bereits drei Jahre unter der Knute der Zeitenwende-Rhetorik [9], Multi-Milliarden-Militärkredite waren noch von der Ampel-Koalition durch den Bundestag gestimmt und militärische Belange später von der Schuldenbremse ausgenommen worden [10]. Insofern konkretisiert Pistorius lediglich einen bekannten Pfad.

Weite Teile bleiben zwar gesperrt, denn "potenzielle Gegner sollen natürlich nicht vorher wissen, wie die Bundeswehr auf konkrete Bedrohungssituationen reagiert", so das Verteidigungsministerium. [11] Pistorius selbst nannte süffisant einen weiteren Grund: Würde man die Dokumente vollständig veröffentlichen, könne man "Wladimir Putin auch in unseren E-Mail-Verteiler aufnehmen" [12].

Die auf der Seite des Bundesministeriums der Verteidigung einsehbaren Grundsatzdokumente umfassen daher primär Auszüge der Militärstrategie, das Fähigkeitsprofil, die Reservestrategie sowie den Personalaufwuchsplan.

Russland im Visier

Ausgehend vom Ziel der stärksten konventionellen Armee Europas wird Russland klar als Hauptbedrohung definiert [13]. Den Dokumenten liegt die Annahme zugrunde [14], dass Moskau einen großangelegten Offensivstoß Richtung EU-Europa vorsehe.

Russland, so die zentrale Hypothese, bereite sich – vermittelt durch den Ukraine-Krieg – auf eine militärische Konfrontation mit den Nato-Staaten vor. Vorerst läge [15] der russische Fokus noch auf gezielter Sabotage, Desinformationskampagnen und Cyberkrieg.

Die deutsche Gegenmacht soll in einem Drei-Phasen-Modell [16] erreicht werden: bis 2029 schnelle Einsatzfähigkeit, bis 2035 strukturierter Personalaufwuchs, bis 2039 technologische Dominanz.

Der Übergang von einer auf Friedensmissionen und Krisenmanagement ausgerichteten Doktrin hin zu einer Strategie, die Krieg als realistische Option darstellt [17], ist damit vollzogen. Die Ziele lassen nur einen Schluss zu: Die deutsche Armee soll in großen Gefechten langfristig bestehen können, sie wird eine konventionelle Massenarmee.

Kriegsvorbereitungen

Die Dokumente belegen, wovor Friedenskräfte seit Jahren warnen: Deutschland geht von einer vermeintlichen Spezialarmee auf eine kriegsfähige Großmachtarmee über. Unter dem Paradigma einer angeblichen "Gesamtverteidigung" verschwimmen die Grenzen zwischen Zivilem und Militärischem zusehends.

Was aus dem Grünbuch ZMZ 4.0 zur zivil-militärischen Zusammenarbeit [18] im Bereich der Gesundheit exemplarisch bekannt ist, wird nun auf alle gesellschaftlichen Bereiche übertragen [19]: Resilienz, Industrieumbau, Infrastruktursicherheit und gesellschaftliche Einschränkungen als logische Konsequenz eines Staates im Kriegsmodus. Die Wirtschaft wie das Zivile werden Teil eines überdehnten Sicherheitsbegriffs [20].

Unter der Annahme eines zunehmend "entgrenzten Krieges" sollen Automatisierung, KI und Bürokratieabbau für den notwendigen technologischen Fortschrittsschub sorgen [21] – dies sei eine zentrale Lehre aus dem Ukraine-Krieg. Im finanziellen Gießenkann-Prinzip und dem grassierenden Nepotismus bleibt der Erfolg fraglich.

Ansprüche und Widersprüche

Denn auch eine übergroße Mehrheit der Jugend sieht ihre Zukunft in keiner Kaserne – sie lehnt die Wehrpflicht ab [22]. Ein kleinerer Teil organisiert [23] sich bereits gegen die Wehrpflicht-Pläne.

Auf Basis der aktuellen Aufwuchszahlen [24] kann das freiwillige Modell kaum die Größenordnungen erbringen – Zwangsdienste drohen. Auch in der breiten Bevölkerung lehnen die Deutschen eine militärische Führungsrolle in Europa ab [25] – mit großen geografischen Unterschieden: 75 Prozent der Ostdeutschen, jedoch nur 58 Prozent im Westen sagen Nein.

Im Parlament zeigen sich die Linke sowie Teile einer wiedererwachten sozialdemokratischen Tendenz [26] innerhalb der SPD mit ernsten Gewissensbissen. Die CDU kritisiert Pistorius als "Minister der Ankündigungen", dem messbare Ziele fehlen [27]. Die AfD, mit überproportionalem Soldatenanteil [28] und tief verwurzeltem Militarismus, dürfte hingegen umschwenken. Das BSW könnte lokal-föderal Widerstand organisieren.

Außenpolitische Sprengkraft

Besorgniserregender noch als der Binnenwiderstand könnte die außenpolitische Sogwirkung sein: Das Sicherheitsdilemma [29] einer allseitigen Aufrüstung – Moskau wird auf die Pläne reagieren – könnte einem Himmelfahrtskommando gleichen.

Abschreckung als Lösung global-ordnungspolitischer Probleme ist eine gefährliche Chimäre. Streitbar ist, ob das vom Bmvg gezeichnete Bild einer Nato- oder EU-Einheit haltbar ist: Polen, das seinerseits bemüht ist, Berlin militärstrategisch den Rang abzulaufen [30], verspürt zwar Angst vor Russland, dürfte aber wenig Interesse an einer Unterordnung unter Berlin haben. Hier könnte Konflikt statt Kooperation – insbesondere durch die engen polnischen Beziehungen gen Washington im Vordergrund stehen.

Im Élysée-Palast läuten Daueralarme: Die Force de frappe [31] gilt als letztes Unterpfand gegenüber einem ökonomisch übermächtigen Berlin. Einzig die Selenskyj-Administration jubelt. Zünglein an der Waage könnte Washington sein: bislang bestand die Trump-Administration zwar auf Eigen-Verantwortungsübernahme [32], schob jedoch einem eskalativen Krieg mit Moskau einen Riegel vor.

Das US-Kalkül ist simpel: Kosten nein, freie Bahn gen Peking ja – doch dazu braucht es im besten Falle ein Auskommen mit Moskau und eine Lockerung des sino-russischen Bündnisses.

Ostland-Ritt 3.0?

Die Militärstrategie fußt – indirekt – auf einer langen Liste deutsch-militaristischer Planungen: ob Schlieffen-Plan oder Unternehmen Barbarossa, auch im Kalten Krieg stand der Feind östlich. Heute wird Russland erneut als Hauptgegner adressiert. Die Strategie-Struktur lässt nur einen Schluss zu: Vorbereitung auf einen großen konventionellen Massenkrieg gen Osten.

Die Dringlichkeit der Warnungen vor einem schon 2029 bevorstehenden russischen Angriff auf Europa [33] erscheint begrenzt faktenbasiert. Pistorius und Breuer legten keinerlei Belege vor, verschwiegen bewusst, dass Russland den Nato-Staaten militärisch um ein Vielfaches unterlegen ist und sich seit Jahren im Stellungskrieg um die Ukraine festbeißt.

Selbst innerrussische Stimmen warnen vor einem suizidalen Krieg mit Kern-Europa, auch ohne die USA wäre der EU-Nato-Rumpf-Staatenblock Moskau um ein Vielfaches überlegen – eine Ausdehnung des Krieges würde Putin politisch schwerlich überstehen können.

Was, wenn wir gerade deutschen Angriffsplanungen gehüllt ins defensive Gewand beiwohnen? Aus Prävention kann in geopolitisch aufgeladenen Zeiten schnell Aggression werden, sobald die operativen Möglichkeiten dafür vorhanden sind.


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Links in diesem Artikel:

  1. https://table.media/security/thema-des-tages/pistorius-plan-fuer-die-bundeswehr-das-sind-die-kritikpunkte-aus-dem-parlament
  2. https://www.tagesschau.de/inland/pistorius-militaerstrategie-deutschland-100.html
  3. https://nius.de/politik/strategiepapier-bundeswehr-soll-zur-staerksten-konventionelle-armee-europas-werden
  4. https://www.bmvg.de/de/grundlagendokumente-strategische-ausrichtung
  5. https://www.bild.de/politik/inland/beliebtester-politiker-bild-entschluesselt-das-pistorius-geheimnis-695bbcc9fb77630dac278265
  6. https://www.lemonde.fr/en/international/article/2026/04/23/boris-pistorius-the-man-preparing-germany-for-war_6752733_4.html
  7. https://www1.wdr.de/politik/militaerstrategie-bundeswehr-pistorius-folgen-fuer-nrw-100.html
  8. https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/friedrich-merz-will-konventionell-staerkste-armee-europas-was-heisst-das,UlFpIyl
  9. https://www.bundesregierung.de/resource/blob/975954/2008580/b7348ec7b88380164f7873453c7b6758/25-2-bk-reg-erkl--data.pdf?download=1
  10. https://soldat-und-technik.de/2025/03/streitkraefte/42910/verteidigungshaushalt/
  11. https://www.tagesspiegel.de/politik/bitte-veroffentlichen-sie-sie-nicht-pistorius-militarstrategie-bleibt-grossteils-geheim-15509574.html
  12. https://www.jungewelt.de/artikel/521384.milit%C3%A4rstrategie-der-bundeswehr-den-feind-markieren.html
  13. https://www.welt.de/newsticker/dpa_nt/afxline/topthemen/article69e87a124a467a672855fba1/pistorius-legt-erste-militaerstrategie-vor-mehr-bundeswehr.html
  14. https://de.euronews.com/2026/03/30/russland-bundeswehr-nato-verteidigung
  15. https://www.tz.de/politik/pistorius-stellt-deutsche-militaerstrategie-vor-truppenaufwuchs-reserve-und-digitalisierung-zr-94272850.html
  16. https://esut.de/2026/04/meldungen/70124/deutschland-auf-dem-weg-zur-staerksten-konventionellen-armee-europas/
  17. https://www.t-online.de/nachrichten/tagesanbruch/id_101224178/boris-pistorius-militaer-strategie-krieg-ist-jetzt-ein-konkretes-szenario.html
  18. https://zoes-bund.de/wp-content/uploads/2025/03/250306_Gruenbuch_ZMZ_digital.pdf
  19. https://www.infosperber.ch/politik/wie-sich-deutschland-auf-einen-krieg-vorbereitet/
  20. https://www.telepolis.de/article/Erweiterter-Sicherheitsbegriff-Wenn-alles-zur-Bedrohung-wird-11116586.html
  21. https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/bundeswehr-pistorius-strategie-verteidigung-100.html
  22. https://www.ndr.de/nachrichten/info/Mehrheit-der-Jugendlichen-gegen-Wehrpflicht,wehrdienst114.html
  23. https://www.telepolis.de/article/Schulstreik-statt-Wehrpflicht-Politik-gegen-unsere-Interessen-11103868.html
  24. https://www.das-parlament.de/inland/verteidigung/die-truppe-ist-zu-klein-und-zu-kopflastig
  25. https://www.rnd.de/politik/umfrage-deutsche-lehnen-militaerische-fuehrungsrolle-in-europa-ab-7YTTUT3HQNBQLBNO72AHS62UQI.html
  26. https://www.jungewelt.de/artikel/521154.kuba-unterst%C3%BCtzung-sozialdemokraten-solidarisch-mit-kuba.html
  27. https://www.thepioneer.de/originals/others/articles/verteidigungsfaehigkeit-reichen-pistorius-plaene-aus
  28. https://www.blaetter.de/ausgabe/2019/dezember/afd-wehrwille-und-heimatschutz
  29. https://www.telepolis.de/article/Aufruestung-Die-vergessene-Falle-des-Sicherheitsdilemmas-11119903.html
  30. https://www.telepolis.de/article/Polens-Ruestungs-Boom-Wie-Warschau-Berlin-den-Rang-ablaeuft-10616720.html
  31. https://www.welt.de/geschichte/article255619604/Force-de-Frappe-Frankreichs-Aufstieg-zur-Atommacht.html
  32. https://www.welt.de/newsticker/dpa_nt/infoline_nt/wirtschaft_nt/article69e645ee3e3ff2cce6594bf5/pistorius-deutschland-muss-mehr-fuer-europas-sicherheit-tun.html
  33. https://de.euronews.com/2026/03/30/russland-bundeswehr-nato-verteidigung

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Festkörperbatterien: Max-Planck-Forscher klären Ursache für Kurzschlüsse

Von Telepolis — 24. April 2026 um 11:00
Das Innere einer Lithium-Ionen-Batterie im Vergleich zu einer Festkörperbatterie.

(Bild: P. Mehta/Max-Planck-Institut für Nachhaltige Materialien GmbH)

Mechanischer Stress durch Lithium-Dendriten lässt keramische Elektrolyte brechen. Düsseldorfer Forscher widerlegen damit eine konkurrierende Theorie.

Festkörperbatterien gelten als vielversprechende Nachfolger der heutigen Lithium-Ionen-Akkus, wie sie in Smartphones oder Elektroautos stecken. Sie können mehr Energie auf kleinerem Raum speichern, sind leichter und gelten als sicherer.

Der Grund: Statt einer flüssigen, brennbaren Substanz im Inneren nutzen sie ein festes Material, das den Stromfluss zwischen den beiden Polen ermöglicht – den sogenannten Elektrolyten. Dieser feste Elektrolyt kann weder auslaufen noch Feuer fangen.

Doch ausgerechnet dieser Feststoff bereitet Forschern seit Jahren Kopfzerbrechen. Beim Aufladen bilden sich an einem der Pole (der Anode) winzige, baumartig verzweigte Lithium-Ästchen, sogenannte Dendriten.

Diese wachsen langsam durch das keramische Material hindurch und können am Ende einen Kurzschluss auslösen – die Batterie ist dann unbrauchbar.

Ein Team des Max-Planck-Instituts für nachhaltige Materialien (MPI-SusMat) in Düsseldorf hat in einer in Nature veröffentlichten Studie [1] jetzt herausgefunden, was bei diesem Vorgang genau passiert.

Bisher gab es zwei konkurrierende Erklärungen: Entweder drückt das wachsende Lithium-Ästchen so stark gegen die Keramik, bis sie wie Glas zerspringt. Oder es treten an winzigen Materialfugen Elektronen aus, die zusätzliches Lithium aus dem Elektrolyten "herauslocken“ und so den Kurzschluss begünstigen.

Das Team um die Erstautorin Yuwei Zhang konnte die zweite Theorie nun entkräften.

Weiches Metall durchdringt harte Keramik

Für ihre Versuche nutzten die Forscher eine spezielle Keramik mit dem Kürzel LLZTO, die sie hauchdünn auf etwa 0,15 Millimeter herunterschliffen.

Damit weder Luft, Feuchtigkeit noch der Elektronenstrahl ihres Mikroskops die Messungen verfälschen konnten, untersuchten sie die Proben in einer luftleeren Kammer bei extrem tiefen Temperaturen. Selbst der Transport zwischen den Geräten erfolgte in speziellen Schutzbehältern.

Unter dem Mikroskop zeigte sich: An den Spitzen der Lithium-Ästchen sammelte sich kein zusätzliches Lithium an – ein deutliches Zeichen, dass die Theorie der austretenden Elektronen nicht stimmen kann.

Stattdessen entdeckten die Wissenschaftler minimale Verdrehungen im Kristallgitter der Keramik nahe der Kontaktfläche. Diese Verdrehungen verraten: Das Material steht hier unter starkem Druck von allen Seiten.

Bei der Auswertung von rund 100 Kristallkörnern stellten sie zudem fest, dass 80 Prozent der Risse an den Grenzen zwischen den einzelnen Kristallkörnern entlangliefen, nur 20 Prozent direkt durch die Kristalle hindurch.

"Das weiche Lithium-Metall kann den steifen keramischen Elektrolyten durchdringen – wie ein beständiger Wasserstrahl, der Fels durchdringt", erklärte Zhang laut einer Pressemitteilung des MPI-SusMat [2]. "Wir haben berechnet, dass der hydrostatische Stress im Dendriten am Ende zum Sprödbruch des Festelektrolyten führt."

Drei Wege zur robusteren Batterie

Die Düsseldorfer Forscher bleiben nicht bei der Diagnose stehen, sondern schlagen drei mögliche Lösungen vor:

  • Erstens könnten Hersteller zähere Keramik-Materialien entwickeln, die dem Druck besser standhalten.
  • Zweitens ließen sich gezielt winzige Hohlräume in den Elektrolyten einbauen, die wie kleine Umleitungen wirken und das Wachstum der Lithium-Ästchen vom geraden Weg ablenken.
  • Und drittens könnte man die Lithium-Anode mit einer Schutzschicht versehen, damit sich solche Ästchen beim Laden gar nicht erst bilden.

Ob diese Ansätze auch in der Massenproduktion funktionieren, ist noch offen. Auf Anfrage von The Register [3] wollte sich das Max-Planck-Team nicht zu einem konkreten Zeitplan für weiterführende Tests äußern.

MIT-Studie ergänzt das Bild

Nur wenige Wochen zuvor hatte ein Team des renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) ebenfalls in Nature [4] Ergebnisse veröffentlicht, die das Bild abrunden.

Die Gruppe um Professor Yet-Ming Chiang machte eine überraschende Beobachtung: Schneller wachsende Lithium-Ästchen erzeugen weniger Druck auf das Material – obwohl man eigentlich das Gegenteil erwarten würde.

Mit einem hochauflösenden Mikroskop, das einzelne Atome sichtbar macht, fanden die MIT-Forscher Hinweise darauf, dass der Stromfluss selbst die Keramik zusätzlich brüchig werden lässt.

Erstautor Cole Fincher ordnete die Ergebnisse gegenüber The Register [5] ein:

"In unserer früheren Arbeit in Joule haben wir gezeigt, dass Dendritenwachstum ein mechanischer Bruchprozess ist. In unserer Nature-Veröffentlichung zeigen wir, dass Elektrochemie den Festelektrolyten schwächt und diesen Bruchprozess unterstützt."

Mechanischer Druck und chemische Vorgänge wirken also zusammen – die beiden Studien ergänzen einander.

Für Autohersteller und Elektronikkonzerne, die auf Festkörperbatterien setzen, liefern beide Arbeiten wichtige Bausteine. Bis solche Akkus tatsächlich in Serie gehen, dürften aber noch einige Jahre Forschungsarbeit nötig sein.


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https://www.heise.de/-11271095

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  1. https://www.nature.com/articles/s41586-026-10415-9
  2. https://techxplore.com/news/2026-04-solid-state-batteries-short-circuit.html
  3. https://www.theregister.com/2026/04/23/solid_state_batteries_energy_storage/
  4. https://www.nature.com/articles/s41586-026-10279-z
  5. https://www.theregister.com/2026/04/23/solid_state_batteries_energy_storage/

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DeepSeek V4: Der stille Systemwechsel von Nvidia zu Huawei

Von Telepolis — 24. April 2026 um 10:46
DeepSeek Logo auf einem Handy

DeepSeek hat sein neuestes Modell V4 veröffentlicht

(Bild: JarTee/Shutterstock.com)

DeepSeek hat sein neues KI-Modell V4 veröffentlicht – leistungsstärker, günstiger und erstmals auf Huawei-Chips. Was bedeutet das für Chinas KI-Souveränität?

Mehr als ein Jahr nach dem sogenannten "DeepSeek-Schock [1]" hat das in Hangzhou ansässige KI-Startup DeepSeek am Freitag sein neues Basismodell V4 in einer Vorschauversion veröffentlicht [2].

Das Open-Source-Modell erscheint in zwei Varianten: dem leistungsstärkeren V4-Pro mit 1,6 Billionen Parametern – dem bisher größten Modell des Unternehmens nach dieser Kennzahl – sowie dem kleineren und kostengünstigeren V4-Flash mit 284 Milliarden Parametern. Parameter sind Stellgrößen, die die Entscheidungsfähigkeit eines KI-Modells verfeinern.

Beide Versionen verfügen als herausragendes neues Merkmal über ein Kontextfenster von einer Million Token – das ist die Menge an Informationen, die das Modell gleichzeitig verarbeiten kann.

Zum Vergleich: Das bisherige Flaggschiffmodell von DeepSeek kam auf 128.000 Token. DeepSeek bezeichnete die Effizienz, mit der diese Kontextlänge erreicht wurde, auf der chinesischen Plattform WeChat als "weltführend" und sprach [3] von "drastisch gesenkten Rechen- und Speicherkosten".

Ausführliche technische Details zum neuen Modell stellte DeepSeek in einem Tech-Report vor [4].

Einschnitt für die Branche

Zhang Yi, Gründer des Technologieforschungsunternehmens iiMedia, bezeichnete die Veröffentlichung als "echten Wendepunkt für die Branche". Bislang sei die Verarbeitung langer Texte mit höheren Kosten und geringerer Geschwindigkeit verbunden gewesen. "Wenn die Unterstützung ultragroßer Kontexte zum Standard wird, dürfte die Langtext-Verarbeitung aus hochspezialisierten Forschungslabors in den kommerziellen Mainstream einziehen", sagte er [5] gegenüber der AFP.

Neil Shah, Vizepräsident für Forschung beim Analysehaus Counterpoint Research, nannte [6] V4 gegenüber dem US-Medium CNBC einen "ernsthaften Beweis" für DeepSeeks Stärke und verwies auf niedrigere Inferenzkosten als bei Vorgängermodellen. Als Inferenzkosten bezeichnet man die Rechen- und Finanzaufwendungen, die beim Betrieb eines trainierten KI-Modells entstehen.

Wei Sun, leitende KI-Analystin bei Counterpoint, ergänzte, das Benchmark-Profil von V4 deute auf "exzellente Agentenfähigkeiten zu deutlich niedrigeren Kosten" hin.

Eine Tabelle
Vom Hersteller veröffentlichte Benchmarkergebnisse
(Bild: DeepSeek [7])

DeepSeek selbst erklärte, das Modell sei für verbreitete KI-Agenten-Werkzeuge wie Claude Code, OpenClaw und CodeBuddy optimiert worden. Bei Benchmarks zum Weltwissen liege V4-Pro laut Unternehmensangaben deutlich vor anderen Open-Source-Modellen und werde lediglich von Googles geschlossenem Spitzenmodell Gemini-Pro-3.1 knapp übertroffen.

Huawei-Chips statt Nvidia

Besondere Aufmerksamkeit gilt der Frage, welche Chips das neue Modell antreiben. Dem US-Digitalmedium The Information zufolge [8] wird V4 auf den neuesten KI-Chips von Huawei laufen, für die es optimiert wurde.

In Vorbereitung auf den Launch sollen chinesische Technologiekonzerne wie Alibaba, ByteDance und Tencent Großbestellungen von Huaweis kommendem Chip in der Größenordnung von Hunderttausenden Einheiten aufgegeben haben, berichtete Reuters unter Berufung auf fünf mit dem Vorgang vertraute Personen.

Huawei bestätigte am Freitag, dass sein jüngster KI-Rechencluster, der auf Ascend-Prozessoren basiert, DeepSeeks V4 unterstützen kann. Unklar bleibt, in welchem Umfang Huawei-Chips beim Training eingesetzt wurden im Vergleich zu Nvidia-Chips.

Chinesische Entwickler sind durch US-Exportkontrollen vom direkten Kauf von Nvidias leistungsfähigsten KI-Chips ausgeschlossen. Peking drängt chinesische Technologieunternehmen laut Berichten dazu, auf heimische Alternativen umzusteigen.

Wei Sun von Counterpoint betonte, dass V4s Fähigkeit, nativ auf lokalen Chips zu laufen, weitreichende Folgen haben könnte: Es helfe Peking, mehr KI-Souveränität zu erlangen und die Abhängigkeit von Nvidia weiter zu verringern. "Das wird letztlich auch die globale KI-Entwicklung insgesamt beschleunigen", sagte sie. Nach der Ankündigung stiegen die Aktien chinesischer Auftragschiphersteller in Hongkong stark an: SMIC legte um 8,9 Prozent zu, Hua Hong Semiconductor sogar um 15,2 Prozent.

Reuters hatte zuvor berichtet, dass DeepSeek US-Chipherstellern sein neues Flaggschiffmodell nicht zur Leistungsoptimierung vorgelegt hatte – ein Bruch mit der üblichen Praxis vor größeren Modell-Updates. Stattdessen erhielten inländische Anbieter, darunter Huawei, frühzeitigen Zugang.

Kein zweiter "Sputnik-Moment", sondern Masseneinsatz

DeepSeek hatte im Januar 2025 mit seinem Reasoning-Modell R1 die globalen Technologiemärkte aufgerüttelt. Das Modell erreichte ähnliche Benchmarks wie führende US-Systeme, war aber laut Unternehmensangaben in nur zwei Monaten und für weniger als sechs Millionen Dollar entwickelt worden – unter Einsatz weniger leistungsstarker Nvidia-Chips. Das hatte Investoren aufgeschreckt und Fragen über den US-Vorsprung in der KI sowie über die milliardenschweren Ausgaben großer Technologiekonzerne für KI-Infrastruktur aufgeworfen.

Ob V4 einen ähnlichen Markteffekt haben wird, bezweifeln Analysten. Ivan Su, leitender Aktienanalyst bei Morningstar, sagte gegenüber CNBC, die Veröffentlichung werde den Markt wohl nicht im gleichen Ausmaß erschüttern, weil Investoren die Wettbewerbsfähigkeit und Kosteneffizienz chinesischer KI bereits eingepreist hätten.

Dennoch verwies er auf eine neue strategische Dimension: DeepSeek positioniere sich mit V4 erstmals explizit gegen andere chinesische Open-Source-Modelle als direkte Konkurrenten. "Diese Rahmung gab es bei R1 nicht, und allein das zeigt, wie stark sich der Wettbewerb im Inland verschärft hat", so Su.

Tatsächlich fielen nach der V4-Ankündigung die Aktien anderer chinesischer KI-Unternehmen in Hongkong: MiniMax und Zhipu verloren jeweils rund acht Prozent, Manycore Tech brach um neun Prozent ein.

In China selbst sind DeepSeeks Werkzeuge bereits breit im Einsatz: Kommunen, Gesundheitseinrichtungen, der Finanzsektor und andere Unternehmen haben die Modelle übernommen – begünstigt durch DeepSeeks Entscheidung, seine Systeme als Open Source zu veröffentlichen, was einen Gegensatz zu den proprietären Modellen westlicher Anbieter wie OpenAI darstellt.


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https://www.heise.de/-11271061

Links in diesem Artikel:

  1. https://www.heise.de/tp/article/DeepSeek-R1-Chinas-Antwort-auf-OpenAI-uebertrifft-alle-Erwartungen-10252384.html
  2. https://api-docs.deepseek.com/news/news260424
  3. https://x.com/bookwormengr/status/2047527303824236545
  4. https://huggingface.co/deepseek-ai/DeepSeek-V4-Pro/blob/main/DeepSeek_V4.pdf
  5. https://www.france24.com/en/technology/20260424-us-china-ai-race-intensifies-as-deepseek-releases-new-reduced-cost-model
  6. https://www.cnbc.com/2026/04/24/deepseek-v4-llm-preview-open-source-ai-competition-china.html
  7. https://api-docs.deepseek.com/news/news260424
  8. https://www.theinformation.com/articles/deepseeks-new-ai-model-will-victory-huawei

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Wal "Timmy" und der große Irrsinn: Wie eine Nation sich ablenken lässt

Von Telepolis — 24. April 2026 um 09:30
Walflosse beim Abtauchen

Symbolbild: Shutterstock.com

Ein emotionales Wal-Drama dominiert die Öffentlichkeit, während echte Krisen verblassen: Storytelling als mediale Ersatzrealität. Ein medienkritischer Kommentar

"Dieser Zustand ist für ganz Deutschland, für Menschen mit Empathie und Herz, unerträglich anzusehen". So wird in vielen Medien "die Unternehmerin Karin Walter-Mommert" zitiert (hier Märkische Allgemeine/Redaktionsnetzwerk Deutschland vom 17.4.2026).

Es geht dabei natürlich nicht um die Lage in – auch mittels deutscher Waffen – kriegszerstörten Gebieten, es geht selbstverständlich auch nicht um die von der Bundesregierung angedrohten Kürzungen im Sozial- und gerade insbesondere im Gesundheitsbereich. Oder um andere öffentlich-wichtige Themen.

Nein, seit Wochen soll die Deutschen vor allem ein Thema beschäftigen – wie wird es mit dem gestrandeten Buckelwal in der Wismarbucht weitergehen? Kann, soll, muss er gerettet werden? Oder hat man ihn in Ruhe (sterben) zu lassen? Das ist die Qual der Wal-Berichterstattung.

Ein Wal wird zur nationalen Obsession

Der sich zuständig fühlende, hier vor allem medienwirksam mitfühlende Umwelt- und Agrarminister von Mecklenburg-Vorpommern, Till Backhaus (SPD), ist seit 1998 und damit so lange wie niemand sonst bundesweit im Minister-Amt.

Daher spürt er wohl, wann und wie das ganz große Rad zu drehen ist: Backhaus schreibt mittlerweile dem Tier eine "Symbolkraft für ganz Deutschland, nein für Europa und die ganze Welt [1]" zu. Klar, hier wird Weltgeschichte geschrieben. Mindestens.

Und in der Tat: Es wird eine typische Medien-Geschichte erzählt. Es geht dabei beispielhaft nicht um öffentliche Wichtigkeit, sondern um das, was viele von uns ganz privat wichtig finden mögen. Unterhaltungs-Stoff, im Sinne von "Hast du das schon gehört?"

Die perfekte Mediengeschichte: Einfach, emotional, massentauglich

Solche Geschichten wirken in weiten Teilen der Gesellschaft tiefgreifend. Sie sind überschaubarer, greifbarer als Geopolitik oder Tarifverhandlungen, als Wehrdienstgesetz oder demografische Entwicklung – wir alle können und sollen hier mitreden. Sowohl Medienschaffende als auch Publikum.

Es liegt in der Natur solchen "Storytellings", dass es praktisch jede/-n von uns packt. Dazu haben wir fast alle eine besondere Meinung. Und wenn es die Auffassung ist, der ganze Stoff sei maßlos aufgebauscht und überbewertet.

Hier ist der Meinungsfreiheit wahrer Himmel: Wie bei öffentlich wichtigen Theman sonst kaum (noch), sind hier ganz verschiedene Positionen erlaubt, ja sogar erwünscht. Auch wenn die typischerweise noch folgenloser sind als sonstige erlaubte Meinungen.

Schauen wir auf den Wal. Oder genauer: Auf die mediale Inszenierung als eine besondere Geschichte, als ein Drama. Medienrealität ist nicht unbedingt eine Abbildung der Wirklichkeit, sondern sie wird geschaffen.

Konstruiert. Natürlich nicht willkürlich. Da wird kaum etwas dem (Regisseur) Zufall überlassen, Nein, es geht wie im Dreh- oder Lehrbuch um maximale Aufmerksamkeit. Dafür braucht es im Kern nur zwei Zutaten:

  • Eine bekannte Hauptfigur, am besten eine sympathische. Einen positiven Helden also.
  • Und 2.) eine klare, gerne auch spannende Herausforderung mit der wie auch immer vagen Aussicht auf eine Art "Happy End". Dann funktioniert eine solche Story geradezu märchenhaft.

Wir sehen es gerade: Dieses Wal-Drama scheint weit mehr Menschen viel stärker zu fesseln als irgendein Wahl-Drama in der Politik.

Wie Medien Realität bauen – und Gefühle lenken

Der Meeres-Säuger nahe der kleinen Insel "Walfisch" (kannst du dir nicht ausdenken, das Leben schreibt die besten Geschichten) ist aufmerksamkeits-ökonomisch eine Idealbesetzung. Wale sind vielen Menschen ziemlich sympathisch.

Das Tier bekommt medial einen Namen verpasst (oder auch zwei, "Timmy" bzw. "Hope"), was den Wiedererkennungswert enorm erhöht. Die Herausforderung ist so einfach wie existentiell: Inwiefern kann der Wal vielleicht doch noch überleben? Oder eben "würdevoll'" sterben?

Damit sind "wir" alle im Spiel. Was können wir tun? Was sollten wir lassen? Es geht ums Ganze: der langgediente Berufspolitiker Backhaus ist so oft vor den Kameras in Sachen "Wal-Rettung" zu sehen, dass man meinen könnte, es gehe um die Rettung der anstehenden Landtagswahl.

Warum wirkt dieses Wal-Drama so mächtig? Weil Menschen sich seit je Geschichten erzählen. Eine Hauptfigur versucht (mit Hilfe oder auch gegen Widerstände), eine Herausforderung zu meistern. Es wird extrem vereinfacht, es wird personalisiert und ganz stark mit Gefühlen gearbeitet. Geschichten sprechen unser Hirn, aber noch viel mehr unser Herz an.

Das macht sie oft so durchschlagend. Sei es der jüngst angeblich gerettete, zuvor offenbar abgeschossene US-Kampfjet-Pilot im Iran, oder hier, in der Ostsee, der "Krimi [2]" um das Leben (oder den Tod) von "Timmy" (alias "Hope"), dem bedauernswerten Buckelwal.

Krokodilstränen werden hier insofern von fast allen Beteiligten vergossen, so dass öffentlich durchaus wichtige Aspekte von Umweltschutz kaum diskutiert werden. Wie zum Beispiel, inwiefern nicht zuletzt Wale darunter leiden [3], dass Kapitalismus und Staatenkonkurrenz auch ihnen die Lebensräume zerstören.

Etwa durch Offshore-Energieanlagen, seien es konventionelle wie Ölplattformen oder auch neuartigere wie Windrad-Gebiete, durch Kreuzfahrtschiffe als gleichsam seegestützte Kreuzzüge der Gegenwart, durch Überfischung und nicht zuletzt durch zunehmende Militarisierung der Meere, über und unter Wasser.

Die verdrängte Realität hinter dem Wal-Drama

Wer einmal selbst in einiger Entfernung neben einem auch nur kleinen Motorboot geschwommen ist, bekommt eine Ahnung, wie ohrenbetäubend allein deren Unterwasser-Lärm ist. Immerhin wird ein Netzrest im Maul des Wismarbucht-Wales als offenbar menschengemachtes Problem gelegentlich erwähnt.

Das Erzählen von oft höchst emotionalen Geschichten in den Medien, also das "Storytelling", sorgt für Aufmerksamkeit, für Klicks und Quote. Und es verselbständigt sich dabei typischerweise nicht einfach nur von allein, sondern es wird systematisch zugespitzt und breitgetreten. Narrativität schlägt um in Narrativismus.

Also in übertriebenes, verselbständigtes Storytelling. Derart wirksame Medienrealität fungiert als Wirklichkeits-Ersatz. Lenkt von komplexeren, tatsächlich alle ernsthaft betreffenden Problemen und Entwicklungen höchst unterhaltsam ab.

Befeuert von Medienschaffenden, von politischen und sonstigen mächtigen Akteuren, befeuert auch durch uns Mediennutzende. Boulevard-Medien mit ihren "soft news" und Kampagnen machen das besonders häufig. Aber auch andere Medien, nicht zuletzt Leitmedien, surfen gerne auf solchen Wellen.

Der ZDF-Ticker [4] verspricht nicht weniger als "alle Entwicklungen im Live-Blog". Wofür sonst zahlen wir Rundfunkbeitrag?

Ironie dieser Geschichte: Alle Menschen sind gleich. Aber manche sind gleicher. Laut Medienberichten (u.a. MAZ/RND vom 18.April, S.28) finanziert neben der eingangs zitierten Unternehmerin Karin Walter-Mommert auch Media-Markt-Gründer Walter Gunz den "privaten Rettungsversuch" für den gestrandeten Wal.

Das muss man sich leisten können. Dann ist man ist so frei. Minister Backhaus wäscht seine Hände schon mal vorab in Unschuld, wie zu lesen ist: Die Verantwortung für jene geplante Rettungs-Aktion liege "komplett bei den Initiatoren".

Auf gut Deutsch: Wer genug Geld in die Wal-Schale werfen kann, mag auch an der Stelle, hier in der Wismarbucht, machen, was er oder sie will. Hauptsache, dem Staat entstehen keine Extra-Kosten.

Vielleicht ist es auch eine Art aktueller Ablasshandel: Politiker können auf- und abtauchen, wie es ihnen passt. Und ein paar Super-Reiche kaufen sich mal wieder ein gutes, reines Gewissen.

Man mag darüber rätseln, was genau Minister Backhaus gemeint haben dürfte, wenn er sagt: "Der nächste Wal kommt bestimmt [5]". Vielleicht so: Wer den nächsten Wal kommen sieht, braucht gerade keine andere Sau durchs mediale Dorf zu jagen.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11270795

Links in diesem Artikel:

  1. https://liveblog.zdf.de/wal-timmy-in-der-ostsee/192111/
  2. https://www.bild.de/regional/ostsee/buckelwal-timmy-wie-endet-der-krimi-um-den-gestrandeten-riesen-69e0ec5c04fccc11ef07a47f
  3. https://youtu.be/dRM2bjybaU0?is=bW2f7PxiDDeK9deE
  4. https://www.zdfheute.de/panorama/wal-timmy-ostsee-liveblog-100.html
  5. https://www.deutschlandfunk.de/minister-fordert-einsatz-des-havariekommandos-fuer-schiffsungluecke-102.html

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Alpha Centauri in 20 Jahren erreichbar – mit der Kraft des Lichts

Von Telepolis — 23. April 2026 um 15:00
Fünf Bilder zeigen ein Objekt, das sich nach oben bewegt, mit roten Pfeilen, die die Bewegung anzeigen.

Ein neu entwickelter Lichtantrieb ermöglicht eine 3D-Steuerung ohne Treibstoff oder Laserformung.

(Bild: Courtesy of Dr. Shoufeng Lan)

Forscher haben erstmals einen Lichtantrieb mit echter 3D-Steuerung entwickelt – ganz ohne Treibstoff und ohne den Laserstrahl zu formen.

Mit heutiger Raketentechnik würde eine Reise zum nächsten Sternensystem Alpha Centauri Hunderttausende Jahre dauern. Will die Menschheit ihren Vorbildern aus Star Trek, Star Wars oder ähnlichen Filmen nacheifern und durch das All reisen, wird sie wohl andere Antriebe erfinden müssen.

Und genau das versuchen Forscher der Texas A&M University: Sie haben einen Ansatz vorgestellt, bei dem Gegenstände mit Laser angehoben und in verschiedene Richtungen gelenkt werden können, ganz ohne physischen Kontakt.

Wie das Team um Shoufeng Lan, Direktor des Lab for Advanced Nanophotonics, in einer Mitteilung der Universität [1] erklärte, verhalte sich das Licht dabei "wie ein Tischtennisball, der von einem Tisch abprallt" und übertrage eine kleine, aber messbare Kraft auf das Objekt.

Die Ergebnisse veröffentlichte das Team in der Fachzeitschrift *Newton* unter dem Titel "Optical propulsion and levitation of metajets" [2].

Wie Interesting Engineering berichtet [3], handelt es sich dabei um die erste Demonstration vollständiger dreidimensionaler Manövrierbarkeit in einem optischen Antriebssystem.

Nanomuster statt geformter Laserstrahlen

Die Besonderheit des Systems liegt in den sogenannten Metasurfaces – ultradünnen Materialien, in die nanometerkleine Muster geätzt sind. Ähnlich wie eine Linse beeinflussen diese Strukturen das Verhalten des Lichts, das auf sie trifft.

Durch die präzise Gestaltung der Muster in Form, Ausrichtung und Platzierung kontrollierten die Wissenschaftler, wie Photonen ihren Impuls auf das Objekt übertragen.

Damit unterscheidet sich der Ansatz grundlegend von früheren Lichtsegel-Konzepten wie dem 2016 angekündigten Projekt Breakthrough Starshot. Dort sollte der Laserstrahl selbst geformt werden, um ein Segel anzutreiben.

Bei den Metajets hingegen steckt die Steuerung direkt im Material. Das ermöglicht nach Angaben der Forscher eine flexiblere Krafterzeugung und bessere Skalierbarkeit.

Hergestellt wurden die Metasurfaces mit Nanometer-Präzision an der AggieFab Nanofabrication Facility der Texas A&M. Die typischen Materialien für solche Strukturen umfassen Titandioxid (TiO₂) und Wolfram, die sich durch ihre optischen Resonanzeigenschaften auszeichnen.

Das Team hat die nur wenige Mikrometer großen Bauteile – dünner als ein menschliches Haar – in einer Flüssigkeitsumgebung getestet, um den Einfluss der Schwerkraft auszugleichen.

Skalierung als größte Herausforderung

Entscheidend für eine mögliche Anwendung in der Raumfahrt ist die Frage der Skalierbarkeit. Die erzeugte Kraft hängt von der Laserleistung ab, nicht von der Größe des Bauteils.

Theoretisch lassen sich die gleichen Prinzipien daher auch auf größere Systeme übertragen. Für ein Raumfahrzeug wären allerdings Laserleistungen im Megawatt-Bereich und darüber hinaus erforderlich.

Zum Vergleich: Breakthrough Starshot plante mit einem Array bodengestützter Laser bei rund 100 Megawatt Leistung – und scheiterte trotz einer anfänglichen Finanzierung von 100 Millionen US-Dollar – unter anderem durch Mark Zuckerberg – an Finanzierungsproblemen.

Dass treibstofffreier Lichtantrieb im Weltraum prinzipiell funktioniert, bewies 2019 die LightSail-2-Mission der Planetary Society.

Auch ein parallel laufendes ESA-Projekt mit lasergetriebenen Graphen-Aerogelen [4] zeigte kürzlich vielversprechende Ergebnisse: In Mikrogravitation erreichten die Aerogel-Würfel nach nur 30 Millisekunden Spitzengeschwindigkeiten von 1,7 Metern pro Sekunde – eine rund 50-fache Leistungssteigerung gegenüber Tests unter Erdschwerkraft.

Langer Weg zum Nachbarstern

Das Texas-A&M-Team sucht nun externe Finanzierung, um die Metajets unter Mikrogravitationsbedingungen im Weltraum zu testen.

Bis zu einer tatsächlichen interstellaren Mission – der 4,37 Lichtjahre weite Weg zu Alpha Centauri in rund 20 Jahren – liegt noch ein weiter Weg vor den Forschern. Doch die erstmals demonstrierte 3D-Steuerung durch materialbasierte Lichtpropulsion markiert einen bemerkenswerten Fortschritt gegenüber bisherigen Ansätzen.


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Links in diesem Artikel:

  1. https://news.engineering.tamu.edu/news/2026/04/21/light-powered-propulsion-expands-space-exploration-possibilities/
  2. https://www.cell.com/newton/fulltext/S2950-6360(26)00073-3
  3. https://interestingengineering.com/space/light-propulsion-metajets-alpha-centauri-travel
  4. https://www.heise.de/news/Wissenschaftler-testen-Lichtantrieb-fuer-Raumschiffe-11248666.html

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Pentagon zieht den Stecker: GPS-Programm OCX ist gescheitert

Von Telepolis — 23. April 2026 um 14:00
Künstlerische Darstellung von GPS-Satelliten

Künstlerische Darstellung von GPS-Satelliten: Das OCX-Programm wird eingestellt

(Bild: Elliptic Studio/Shutterstock.com)

16 Jahre, 6,27 Milliarden Dollar – und am Ende nichts. Das Pentagon hat das GPS-Modernisierungsprogramm OCX gestoppt. Wie geht es jetzt weiter für das System?

Das US-Kriegsministerium hat am 17. April 2026 das Programm für das sogenannte "Next-Generation Operational Control System" (OCX) für das GPS-Satellitennetz offiziell eingestellt.

Die Entscheidung traf Michael Duffey, der zuständige Beschaffungsverantwortliche des Pentagon, auf Empfehlung des amtierenden Beschaffungsverantwortlichen der Teilstreitkraft. Die US Space Force gab die Entscheidung am 21. April öffentlich bekannt [1].

Das OCX-Programm [2] war seit 2010 in Entwicklung. Damals vergab das Pentagon den Auftrag an den Rüstungskonzern Raytheon – heute RTX Corporation – mit einem geplanten Abschluss im Jahr 2016 und einem veranschlagten Budget von 3,7 Milliarden US-Dollar.

Tatsächlich kostete das Programm bis Januar 2026 rund 6,27 Milliarden Dollar. Die Prognosen für eine vollständige Fertigstellung lagen zuletzt bei fast 8 Milliarden – annähernd so viel wie eine gesamte Flotte von rund 30 neuen GPS-Satelliten. Das Programm war zehn Jahre hinter dem ursprünglichen Zeitplan.

Systemprobleme erwiesen sich als nicht lösbar

OCX sollte das bestehende Bodensteuerungssystem für die GPS-Satellitenkonstellation ersetzen und insbesondere die neueren GPS-III-Satelliten steuern, die seit 2018 ins All gebracht werden.

Diese Satelliten sind störungsresistenter und präziser als ihre Vorgänger, verfügen unter anderem über sogenannte "M-Code"-Signale – militärisch verschlüsselte Übertragungen, die schwerer zu stören oder zu manipulieren sind. Ohne OCX konnte die Space Force diese verbesserten Fähigkeiten der neun bereits im Orbit befindlichen GPS-III-Satelliten nie vollständig nutzen.

Im Juli 2025 hatte die US-Space Force das System nach mehrjährigen Werkstests vertragsgemäß von Raytheon übernommen und mit umfangreichen Integrationstests begonnen. Dabei sollten verbleibende Mängel aus den Werkstests behoben und die Funktionsfähigkeit im Verbund mit den übrigen GPS-Systemen – Satelliten, Bodenstationen und Nutzergeräten – sichergestellt werden. Die Tests offenbarten jedoch weitreichende Probleme.

"Leider traten während der Integrationstests von OCX mit dem breiteren GPS-System umfangreiche Systemprobleme auf", erklärte [3] Colonel Stephen Hobbs, Kommandeur von Mission Delta 31, der Einheit der Space Force, die die GPS-Konstellation betreibt. "

Trotz wiederholter gemeinsamer Bemühungen des gesamten Regierungs- und Auftragnehmerteams erwiesen sich die Herausforderungen bei der Inbetriebnahme des Systems in einem operativ relevanten Zeitrahmen als unüberwindbar. Wir entdeckten Probleme in einem breiten Spektrum von Fähigkeitsbereichen, die aktuelle militärische und zivile GPS-Fähigkeiten gefährdet hätten", so Hobbs.

Ein RTX-Sprecher erklärte dazu: "Raytheon hat das System 2025 übergeben und unterstützte die US Space Force weiterhin bei den Aktivitäten nach der Übergabe. Wir bleiben unseren Kunden verpflichtet und werden eng mit der Regierung an den nächsten Schritten arbeiten."

Altes System wird weiter ausgebaut

Statt weiter in OCX zu investieren, will die Space Force das bestehende Bodensteuerungssystem, den sogenannten "Architecture Evolution Plan" (AEP), weiter modernisieren. In den vergangenen zehn Jahren hatte die Space Force AEP bereits schrittweise verbessert – unter anderem, um erste Fähigkeiten der GPS-III-Satelliten nutzbar zu machen, die ursprünglich OCX erfordert hätten.

Lockheed Martin, der Hersteller der GPS-III- und der geplanten GPS-IIIF-Satelliten, hatte zudem mit seinem "GPS III COps"-Programm weitere Upgrades in die bestehende Architektur integriert, um den Nutzern Zugang zu den verschlüsselten M-Code-Signalen zu ermöglichen.

"Letztlich haben wir die verbleibenden Arbeiten an OCX analysiert und mit den aktuellen Fähigkeiten des bestehenden GPS-Steuerungssystems verglichen. Die Analyse ergab, dass weitere Investitionen in OCX nicht mehr die beste Lösung zum Schutz und zur Weiterentwicklung der GPS-Fähigkeiten sind. Stattdessen werden wir das bestehende Steuerungssystem weiter verbessern", sagte Hobbs.

Anfang April hatte die Space Force Lockheed Martin bereits einen Vertrag über 105 Millionen US-Dollar für Upgrades am AEP erteilt, um die Inbetriebnahme der kommenden GPS-IIIF-Satelliten zu unterstützen.

Der erste von 22 geplanten GPS-IIIF-Satelliten soll im kommenden Jahr ausgeliefert werden. Beobachter werten den Lockheed-Auftrag als Hinweis darauf, dass das Unternehmen bei der künftigen Entwicklung des Bodensteuerungssystems die Nase vorn hat.

Politischer Druck auf Rüstungskonzerne wächst

Die Einstellung des OCX-Programms geht mit steigendem Druck des US-Kriegsministeriums auf Rüstungsunternehmen einher, um Kosten- und Zeitpläne einzuhalten – es sei an dieser Stelle nur an das F-35-Programm erinnert [4].

US-Präsident Donald Trump hatte RTX im Januar in einem Beitrag auf Truth Social namentlich erwähnt und die Leistung des Konzerns bei wichtigen Rüstungsprogrammen kritisiert.

Tom Ainsworth, amtierender Beschaffungsverantwortlicher der Teilstreitkraft, betonte [5]: "Es ist wichtig, dass wir Beschaffungsprozesse überarbeiten und aktualisieren, um eine schnelle, schrittweise Bereitstellung von Fähigkeiten gegenüber komplexen ‚Alles-oder-nichts'-Systemlieferungen zu priorisieren. Das Kriegsministerium hat klar gemacht, dass wir Kampffähigkeiten schneller liefern müssen."

Das OCX-Programm war bereits 2016 fast eingestellt worden, nachdem Kosten- und Zeitplanziele deutlich überschritten worden waren. Damals entschied das Pentagon nach einer Neustrukturierung des Programms, weiterzumachen. Der Rechnungshof der USA, das Government Accountability Office, machte seinerzeit "schlechte Beschaffungsentscheidungen" und eine "anhaltend hohe Fehlerrate bei der Softwareentwicklung" für die Probleme verantwortlich. Wie sich nun zeigt, reichten die damaligen Korrekturen nicht aus.

Offen bleibt, wie es mit dem Teilprogramm OCX 3F weitergeht, für das RTX noch unter Vertrag steht. Berichte des obersten Waffenprüfers des Pentagon hatten bereits Bedenken geäußert, dass Verzögerungen bei OCX auf das Folgeprogramm durchschlagen könnten.


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https://www.heise.de/-11269294

Links in diesem Artikel:

  1. https://www.spaceforce.mil/News/Article-Display/Article/4465024/ussf-terminates-program-for-the-global-positioning-system-next-generation-opera/
  2. https://www.gps.gov/next-generation-operational-control-system-ocx
  3. https://www.bizjournals.com/denver/news/2026/04/21/6-27-billion-space-force-rtx-ocx-contract-canceled.html
  4. https://www.heise.de/tp/article/F-35-Zwei-Billionen-US-Dollar-fuer-ein-Flugzeug-das-nicht-fliegt-11157050.html
  5. https://arstechnica.com/space/2026/04/pentagon-pulls-the-plug-on-one-of-the-militarys-most-troubled-space-programs/

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Deutschlands Debatte ist kaputt – aber nicht wegen der Bürger

Von Telepolis — 23. April 2026 um 13:00
Spielfiguren, die für unterschiedliche Berufe stehen, vor einem Rednerpult mit deutscher Flagge. Der Redner ist ebenfalls eine Spielzeugfigur.

Bild: Shutterstock.com

Vier getrennte Wissensräume blockieren Reformen – und KI könnte sie erstmals verbinden. Lesen Sie den Text ruhig auch als kleines Anschauungsstück.

Über den Zustand dieses Landes existieren vier voneinander getrennte Wissensräume.

Die Fachleute: viel Wissen, keine Zusammensicht

Im ersten Wissensraum sitzen die Fachleute. Ökonomen kennen die fiskalische Statik der Sozialversicherungen. Demografen kennen die Verwerfungen der Alterspyramide. Verwaltungswissenschaftler kennen die Engpässe der kommunalen Haushalte.

Arbeitsmarktforscher kennen die Verschiebungen zwischen Privatwirtschaft und öffentlichem Dienst. Ihre Befunde sind publiziert, belegt, belastbar – und arbeiten weitgehend nebeneinander her. Jede Disziplin prüft ihren Ausschnitt. Die Zusammensicht fehlt.

Die Bevölkerung: viel Erfahrung, keine politische Grammatik

Im zweiten Wissensraum lebt die Bevölkerung. Sie hat keine Zeitreihen und keine regressionsanalytischen Modelle, aber sie verfügt über etwas, was akademische Einzelbefunde nicht haben: das ungefilterte Erleben der Wirklichkeit.

Sie spürt, dass Reformversprechen nicht aufgehen. Sie sieht, dass der Staat in Bereichen wächst, in denen er schrumpfen könnte, und schrumpft in Bereichen, in denen er wachsen müsste. Sie weiß, dass etwas nicht stimmt. Was ihr fehlt, ist die belastbare Grammatik, um dieses Wissen in Politik umzusetzen.

Die Politik: intern rational, nach außen abgekoppelt

Im dritten Raum operiert die Politik. Sie hat ihr eigenes Wissen – über Koalitionsrücksichten, Wahlzyklen, die Machtarithmetik zwischen Ressorts, die roten Linien organisierter Verbände. Dieses Wissen ist real und in seinem Kontext hochentwickelt.

Es wird nur selten mit dem Wissen der Fachleute in Beziehung gesetzt und noch seltener mit dem Wahrnehmungswissen der Bevölkerung. Die Politik bewegt sich in einer Sprache, die bei den Fachleuten als unterkomplex und bei den Bürgern als distanziert erscheint – und die in ihrem eigenen Inneren hoch anschlussfähig ist, aber genau deshalb außerhalb wenig versteht und wenig verstanden wird.

Die Medien: Vermittler im Modus der Vereinfachung

Im vierten Raum schließlich die Medien, die zwischen diesen drei Ebenen vermitteln sollen – und dabei meist selbst auf die Logik der einfachen Erzählung verpflichtet sind, weil komplexe Zusammenhänge im Nachrichtengeschäft schlechter funktionieren als pointierte Konflikte.

Warum alle aneinander vorbeireden

Das Ergebnis ist eine Debattenstruktur, in der vier Wissensarten aneinander vorbeikommunizieren. Die Fachleute schreiben für Fachleute. Die Bevölkerung reagiert auf Zuspitzungen.

Die Politik reagiert auf Umfragen und Verbände. Die Medien reagieren auf Reichweite. Und in der Wahrnehmung entsteht der Eindruck, die Bevölkerung sei unrationaler geworden, weil sie auf Vereinfachungen mit Vereinfachungen antwortet.

Der umgekehrte Befund ist näher an der Wirklichkeit. Die Bevölkerung ist nicht irrational. Sie ist unterversorgt mit belegter Einordnung. Und sie wartet, bewusst oder unbewusst, auf Werkzeuge, die ihre Alltagswahrnehmung mit dem fachlichen Wissen verbinden, das öffentlich verfügbar, aber praktisch unzugänglich ist.

An genau diesem Punkt beginnt eine Möglichkeit, die es vor drei Jahren noch nicht gab.

KI als unterschätztes demokratisches Werkzeug

Seit dem Durchbruch der großen Sprachmodelle existiert ein Werkzeug, dessen demokratiepolitische Dimension in der öffentlichen Debatte unterbelichtet bleibt. KI wird diskutiert als Produktivitätshebel, als Arbeitsplatzrisiko, als Regulierungsproblem.

Was dabei übersehen wird: In einer Qualität, die bisher nicht erreichbar war, steht eine technische Möglichkeit zur Verfügung, die getrennten Wissensräume miteinander zu verbinden, ohne dass eine Disziplin die andere kolonisiert.

Das eigentliche Problem ist Zeit, nicht Wissen

Der Mechanismus ist einfacher, als er klingt. Fachliches Wissen ist öffentlich verfügbar – in Studien des Statistischen Bundesamtes, des Instituts der Deutschen Wirtschaft, des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, der Bundesbank, der OECD, des Internationalen Währungsfonds. Niemand liest das alles.

Niemand kann das alles lesen. Die Trennung zwischen fachlichem Wissen und öffentlicher Debatte ist nicht ideologisch, sondern kapazitär. Sie ist eine Folge der begrenzten menschlichen Zeit, nicht der begrenzten menschlichen Intelligenz. Genau an diesem Engpass setzt KI-gestützte Analyse an.

Was KI heute leisten kann

Sie kann Daten aus hunderten Quellen zusammenführen, Kombinationswirkungen berechnen, die isolierte Folgenabschätzungen strukturell verfehlen, Rückkopplungen modellieren, die in Ressortlogiken nicht auftauchen, und das Ergebnis in einer Sprache ausspielen, die lesbar ist, ohne dumm zu werden.

Das ist das, was ein interdisziplinäres Team von Ökonomen, Statistikern und Policy-Analysten in mehreren Monaten leisten könnte – nur dass es solche Teams außerhalb großer Think-Tanks kaum gibt und die Ergebnisse selten in die öffentliche Debatte durchsickern.

Wo ihre Grenzen liegen

Was sie nicht kann, gehört ebenso deutlich benannt. KI-Modelle haben eigene Biases aus ihren Trainingsdaten. Sie halluzinieren, wenn sie unter Druck geraten. Sie erzeugen eine Autoritativitäts-Illusion, weil sie in flüssiger Sprache antworten, ohne dass die Flüssigkeit ein Indikator für Wahrheit wäre.

Und sie sind verführerisch bequem – die Versuchung, das Modell entscheiden zu lassen, ist die erste Grenze, an der eine ernsthafte Methodik scheitern kann.

Wie sie sinnvoll genutzt werden muss

Die Konsequenz ist nicht der Verzicht, sondern die disziplinierte Nutzung. Jede belastbare KI-gestützte Analyse muss ihre Quellen offenlegen, ihre Rechenwege nachvollziehbar machen, ihre methodischen Grenzen benennen und ihre Ergebnisse für Widerspruch zugänglich halten. Die Ausgabe darf nicht das Ende der Debatte sein. Sie muss der Anfang sein.

Der eigentliche demokratische Gewinn

Darin liegt der demokratische Wert, den das Werkzeug haben kann. Nicht weil KI besser analysiert als Fachleute – sie tut es nicht.

Sondern weil sie ermöglicht, was Fachleute zeitlich nicht leisten können und was die Medienökonomie systematisch nicht belohnt: die Herstellung einer gemeinsamen Faktenbasis, auf der Bürger, Fachleute und politische Akteure wieder miteinander reden können, statt aneinander vorbei.

Drei Reformen – und ihre gemeinsame Wirkung

Im März 2026 hat Bundesfinanzminister Lars Klingbeil in einer Grundsatzrede bei der Bertelsmann-Stiftung die Abschaffung des Ehegattensplittings „in seiner heutigen Form" angekündigt. Wenige Tage später legte die FinanzKommission Gesundheit ein Maßnahmenpaket vor, das unter anderem die beitragsfreie Familienversicherung für erwachsene Ehepartner abschafft.

Parallel tritt das Rentenpaket II in Kraft, das die Rentenleistungen stabilisiert, ohne die Finanzierungsfrage strukturell zu lösen. Drei Reformen in einem Quartal, jede für sich als Modernisierung verkauft.

Die drei Maßnahmen werden in der politischen Kommunikation und in den offiziellen Folgenabschätzungen isoliert bewertet. Jede Maßnahme prüft ein Ressort. Jede Folgenabschätzung rechnet ihren Ausschnitt durch. Keine betrachtet, was passiert, wenn alle drei gleichzeitig auf denselben Haushalt treffen.

Genau hier setzt das Werkzeug an. Wenn man die drei Einzelmaßnahmen kombiniert berechnet, zeigt sich ein Bild, das in keiner Ressort-Rechnung auftaucht. Eine Alleinverdienerfamilie mit 85.000 Euro Bruttojahreseinkommen verliert nach Vollumsetzung rund 7.000 Euro netto pro Jahr – etwa acht Prozent des Bruttoeinkommens.

Für einen heute 30-Jährigen summieren sich die Auswirkungen über das Erwerbsleben, inklusive der veränderten Rentenrechnung, auf einen Verlust von 110.000 bis 200.000 Euro. Das sind keine spekulativen Werte. Es sind Ergebnisse einer kombinatorischen Durchrechnung, deren Einzelquellen jede für sich öffentlich verfügbar sind, deren Zusammenschau aber bisher nicht hergestellt wurde.

Das strukturelle Problem dahinter

Noch auffälliger wird das Bild im Kontext der eigentlichen fiskalischen Herausforderung. Die Beitragsbasis der Sozialversicherungen erodiert. Deutsche Akademiker wandern in Rekordzahlen aus. Die Schattenwirtschaft wächst schneller als die offizielle.

Die Industrie verliert Beschäftigte, der öffentliche Dienst gewinnt welche – mit dem entscheidenden Unterschied, dass ein erheblicher Teil der neuen Stellen Beamtenverhältnisse sind und damit keine Rentenversicherungsbeiträge erzeugt.

Das Versicherungssystem wird an seiner Substanz geschwächt, während die gleichen politischen Akteure seine Leistungsfähigkeit als Begründung für zusätzliche Belastungen der Bürger anführen.

Parallel liegt eine Reform auf dem Tisch, die die fiskalische Lage substantiell verbessern könnte. KI-gestützte Automatisierung regelbasierter Verwaltungstätigkeit – Steuerbescheide, Wohngeld, Bafög, Meldeverfahren – könnte nach realistischen Schätzungen hunderttausende Stellen freisetzen und zweistellige Milliardenbeträge an jährlichen Haushaltsausgaben einsparen.

Diese Reform wird nicht angegangen. Nicht, weil sie technisch schwierig wäre – sie ist es nicht mehr. Sondern weil die Betroffenen in den Strukturen sitzen, die die Reform beschließen müssten. Wer organisiert ist, gewinnt. Wer nicht organisiert ist, zahlt.

Der Befund aus dieser kombinatorischen Analyse ist nicht parteipolitisch. Er ist strukturell. Das politische System reformiert dort, wo es den geringsten organisierten Widerstand gibt, und lässt dort Strukturen unangetastet, wo der Widerstand organisiert ist. Das ist keine böse Absicht einzelner Akteure. Es ist die Logik eines Systems, das nach Anreizen funktioniert, und in dem die Anreize ungleich verteilt sind.

Das Muster deutscher Reformpolitik

Betrachtet man die Klingbeil-Reform nicht isoliert, sondern im Kontext einer Reihe vergleichbarer Reformen der letzten zehn Jahre, zeigt sich ein wiederkehrendes Muster. Es hat mit dieser Bundesregierung wenig zu tun und mit deutscher Reformpolitik viel.

Das Muster besteht aus drei Elementen, die sich gegenseitig stabilisieren. Reformen setzen an der Stelle an, an der der politische Widerstand am geringsten ist – nicht an der, an der der Hebel am größten wäre. Die Wirkung einer Reform wird in der Kommunikation vom eigentlichen Problem entkoppelt.

Was als Antwort auf die demografische Krise präsentiert wird, ist in Wahrheit eine Verschiebung der Lasten zwischen Bevölkerungsgruppen. Und die Gruppen, die die Lasten tragen, sind nicht die, die organisiert auftreten können. Die organisiert auftreten, werden geschont.

Warum die eigentlichen Probleme unbearbeitet bleiben

Dieser Mechanismus erklärt auch, warum die Erosion der Beitragsbasis nicht ernsthaft adressiert wird. Sie erodiert an mehreren Stellen gleichzeitig: durch Auswanderung qualifizierter Beitragszahler, durch Rückgang der Industriebeschäftigung, durch Verlagerung in den öffentlichen Dienst mit seinem hohen Beamtenanteil, durch wachsende Schattenwirtschaft, durch veränderte Erwerbsmuster bei Jüngeren.

Jede dieser Entwicklungen ist für sich genommen Teil öffentlicher Statistiken. Zusammen ergeben sie einen Befund, der politische Ressorts sprengt und in der parteiübergreifenden Kommunikation keinen Platz findet. Keine Partei hat einen Anreiz, ihn zu benennen – denn jede Benennung zieht unbequeme Konsequenzen nach sich, die mit organisierten Interessen kollidieren.

Der eigentliche Schaden für die Demokratie

An genau dieser Stelle entsteht der Schaden, den Scheinreformen in der Demokratie anrichten. Nicht dadurch, dass sie einzelne Bürger finanziell belasten – das tun viele Reformen, und das ist in Grenzen legitim. Sondern dadurch, dass sie die Diskrepanz zwischen Reformrhetorik und Reformwirkung systematisch vertiefen.

Wer sieht, dass das Problem woanders liegt als die Reform, die es adressieren soll, verliert nicht nur Vertrauen in die konkrete Reform. Er verliert Vertrauen in die Fähigkeit des Systems, seine eigenen Probleme überhaupt zu erkennen.

Das sind die eigentlichen demokratischen Kosten der strukturellen Selbstverschonung. Sie zerstört nicht die Finanzen. Sie zerstört die Plausibilität politischer Institutionen. Und wer die Plausibilität verliert, verliert seine Bürger – sie wandern physisch aus oder politisch an die Ränder.

Von der Diagnose zur Veränderung

Die Diagnose allein nützt wenig. Wer die strukturelle Schieflage beschreibt, ohne eine Vorstellung davon zu haben, wie sie zu verändern wäre, landet bei dem Zynismus, der in Deutschland längst kollektiv geübt wird: Kopfschütteln über die Politik, gefolgt von der Resignation, es sei ohnehin nichts zu machen.

Genau gegen diese Resignation richtet sich die Überlegung, mit der dieser Text angefangen hat. Wenn die Ursache der Schieflage nicht individuelle Boshaftigkeit ist, sondern die Struktur getrennter Wissensräume, dann liegt der Ansatzpunkt einer Veränderung nicht in moralischen Appellen, sondern in der Reparatur dieser Struktur.

Was braucht eine Debattenkultur, die besser ist als die, die wir haben?

Drei Voraussetzungen für eine bessere Debatte

Sie braucht drei Dinge. Eine Materialbasis, auf der sich Bürger, Fachleute und politische Akteure gemeinsam bewegen können – geteilte Befunde, die jederzeit nachprüfbar sind. Werkzeuge, die dieses Material erschließen, übersetzungsfähig zwischen Fachsprache und Alltagssprache, ohne die Komplexität zu zerkleinern. Und eine Kultur der Belegbarkeit, die Zuspitzung nicht ersetzt, aber in einen Rahmen stellt, der Widerspruch möglich macht.

Entscheidend dabei, was oft übersehen wird: Eine so hergestellte Faktenbasis ist kein einmaliges Produkt. Sie ist ein lebender Prozess. Eine erste Analyse wird kommentiert, widerlegt, ergänzt, präzisiert. Einwände werden nicht weggewischt, sondern in die nächste Version eingearbeitet. Fakten, die gegen die These sprechen, werden aufgenommen, nicht unterdrückt.

Das Ergebnis ist keine Wahrheit, die von oben verkündet wird, sondern ein Konsens, der durch Auseinandersetzung entsteht und seine Grundlage in nachprüfbaren Belegen hat.

Warum das mehr ist als Technik

Das unterscheidet eine lebende Debattengrundlage fundamental von dem, was der politische Betrieb derzeit liefert. Eine Expertenkommission, die 66 Empfehlungen zur Gesundheitspolitik vorlegt, produziert ein abgeschlossenes Dokument, in dem sich die Bevölkerung nicht wiederfindet und dessen Herleitung sie nicht nachvollziehen kann.

Das ist kein Debattenbeitrag, das ist ein Diktat mit akademischer Legitimation. Eine iterative, KI-gestützte Analyse arbeitet umgekehrt: Sie nimmt Einwände ernst, auch wenn sie aus dem Alltagswissen der Bürger kommen. Sie kann proaktiv antizipieren, welche Bedenken auftauchen werden, und ihnen faktisch begegnen – entweder durch Widerlegung oder durch Aufnahme. Wer seine Bedenken ernst genommen sieht, bleibt im Gespräch. Wer sich übergangen fühlt, wendet sich ab.

Die Demokratie entsteht nicht aus der Berechnung. Sie entsteht aus der Auseinandersetzung über das, was berechnet wurde, und über das, was dabei nicht berechenbar ist. Aber diese Auseinandersetzung braucht eine gemeinsame Faktenbasis, auf der sie überhaupt stattfinden kann.

Und diese Faktenbasis herzustellen ist in der gegenwärtigen Medien- und Politik-Struktur nicht vorgesehen.

Der Beitrag, den KI an dieser Stelle leisten kann, ist keine technologische Pointe. Er ist eine infrastrukturelle.

Eine andere Form der Debatte ist möglich

Am Anfang dieses Textes stand der Befund, dass vier Wissensräume in Deutschland weitgehend getrennt voneinander operieren. Am Ende steht die These, dass diese Trennung nicht naturgegeben ist, sondern Folge einer Debatteninfrastruktur, die unter anderen Bedingungen entstanden ist als denen, unter denen sie heute wirken muss.

Die Bedingungen haben sich geändert. Die Bevölkerung ist reformbereit – nicht im Sinne diffuser Zustimmung zu Schlagworten, sondern im Sinne konkreter Bereitschaft, unbequeme Wahrheiten zu hören, wenn sie belegt sind.

Wer das bestreitet, hat in den letzten Jahren in Deutschland nicht zugehört. Und zum ersten Mal existiert ein Werkzeug, das die Komplexität öffentlicher Streitfragen in eine Form bringen kann, in der sich Bürger, Fachleute und politische Akteure auf eine gemeinsame Grundlage beziehen können.

Die eigentliche Möglichkeit liegt nicht in einer einzelnen, besseren Analyse. Sie liegt in einem anderen Modus des öffentlichen Arbeitens an Problemen. Abgeschlossene Kommissionsberichte, die niemand liest, und polarisierte Schlagzeilen, die niemand fundieren kann, bilden bisher die zwei Pole der Debatte.

Dazwischen kann eine Arbeitsform entstehen, in der Analysen öffentlich ausgelegt, diskutiert, widerlegt, ergänzt und weiterentwickelt werden. In der Einwände nicht rhetorische Gegner sind, sondern Rohstoff für die nächste Fassung. In der Konsens nicht vorgegeben, sondern erarbeitet wird.

Was jetzt fehlt: Der Mut zur offenen Auseinandersetzung

Eine solche Arbeitsform hätte zwei Eigenschaften, die der heutigen Debatte fehlen. Sie wäre belegbar, weil jede Behauptung mit Quellen unterlegt ist, die jeder Interessierte selbst prüfen kann. Und sie wäre inklusiv, weil sie nicht nur die Ergebnisse, sondern auch den Weg zu ihnen öffentlich macht – mit Zweifeln, Alternativen und methodischen Grenzen.

Wer seine Bedenken in der Analyse wiederfindet, entweder aufgenommen oder faktisch widerlegt, fühlt sich nicht übergangen. Er fühlt sich gehört. Und wer sich gehört fühlt, bleibt im demokratischen Gespräch, statt auszusteigen.

Das ist nicht das Ende der Politik. Das ist die Voraussetzung dafür, dass politische Entscheidungen wieder auf breitem Boden getroffen werden können.

Die Werkzeuge sind da. Die Bevölkerung wartet. Was fehlt, ist der Mut, diese Werkzeuge nicht nur anzuwenden, sondern ihre Ergebnisse auch wirklich für Auseinandersetzung zu öffnen.

Dieser Text ist ein erster Versuch. Das zugrundeliegende Dokument ist offen für Widerspruch. Wer Einwände hat, belegt sie. Wer Belege hat, bringt sie ein. Das nächste Mal wird die Analyse besser sein – nicht weil KI besser geworden ist, sondern weil sie durch die Auseinandersetzung hindurchgegangen ist. Genau so sollte Debatte funktionieren.

Dieser Text ist mit KI-Unterstützung erarbeitet – weil genau das einer der Punkte ist, auf die der Artikel hinaus will.


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EU-Israel-Abkommen: Europa versagt beim Selbsttest

Von Telepolis — 23. April 2026 um 10:16

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Über eine Million EU-Bürger fordern Aussetzung des EU-Israel-Abkommens. Deutschland blockiert trotz klarer Belege für Menschenrechtsverstöße. Ein Gastbeitrag.
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Deutschlands einziges echtes Filmstudio bekommt einen neuen Chef

Von Telepolis — 23. April 2026 um 10:15
Profil eines Mannes mit Hut im Gegenlicht

Ein Erfolg der Degeto: "Babylon Berlin". Gereon Rath (Volker Bruch), fünfte und letzte Staffel. Bild: © Frédéric Batier/X Filme Creative Pool/ARD Degeto Film/SWR/WDR/Radio Bremen/Beta Film.

Christoph Pellander übernimmt ARD-Tochter Degeto – eine 400-Millionen-Maschine für Serien, Krimis und Eskapismus. Ein System zwischen Effizienz und Monotonie.

"Einer der besten Programmmacher in Deutschland" übernimmt nun im Mai die Leitung "einer der wichtigsten Gemeinschaftseinrichtungen" der ARD. Na hurra: Da jubelt [1] die für Programmbeschaffung zuständige ARD-Tochterfirma Degeto über ihren neuen Chef, Christoph Pellander.

Karrieren im geschlossenen Kreislauf

Woher die Degeto weiß, dass der 47-Jährige "einer der besten" ist?

Weil Pellander schon seit 2019 als Abteilungsleiter ihr Programm-Management leitet.

Ein System der Wiedererkennbarkeit

Die Wichtigkeit der Degeto zeigt sich in Zahlen: Für rund 400 Millionen Euro stellt sie "rund 100 fiktionale Spiel- bzw. Fernsehfilme und Serien" im Jahr her. Genauer handelt es sich, laut Sendeplatz-Profil [2], um "populäre deutsche und internationale Kinoerfolge", wie aktuell "Horst Schlämmer sucht das Glück" mit Hape Kerkeling.

Und um "spannende Krimireihen mit regionalem und internationalem Lokalkolorit" zwischen dem Saarland und Barcelona, wie sie donnerstags im ARD-Programm laufen, um "unterhaltsame Fernsehfilme in den Hauptgenres Komödie, Heimat- und Liebesfilm", die freitags laufen. Oder um "hochkarätige" sowie "aufwendige" Filme "mit Event-Anklang" oder sogar "mit ausgeprägtem Event-Charakter" und noch mehr "nationale und internationale" Krimis.

Mehrteiler, Reihen oder Serien?

Eigentlich egal, solange alles sich sowohl ungefähr 45-minütig fürs Internet wie als 90-Minüter fürs starre lineare Programmschema "konfektionieren" lässt.

Perlen im Serienrauschen

Dass im Jahr 2024 "über 1150 Titel" aus dem Degeto-Repertoire im Fernsehen und in Mediatheken liefen, hängt damit zusammen, dass die Degeto diesen Ausstoß seit Jahrzehnten Jahr für Jahr mindestens konstant erzeugt. Daher steht jede Menge Stoff für preiswerte Wiederholungen bereit.

Wer Christoph Pellander wohl will, kann ihm preisgekrönte, hoch gelobte Titel zuschreiben wie "Die Zweiflers", "Herrhausen – Herr des Geldes" oder "Oderbruch". Diese in der gleichnamigen brandenburgischen Region angesiedelte Serie entfaltete daher Wirkung, weil sie zunächst wie einer der dutzendweise hergestellten Regional-Thrilllerkrimis daherkam und sich erst im Verlauf als öffentlich-rechtliche Vampirserie entpuppte.

Wer Pellander nicht so wohl will, könnte Titel aufzählen wie "Die Toten am Meer", "Liebe braucht Meer", "Tirolerblut – Im kalten Wasser", "Morden im Norden - Weil du böse bist", "Wo die Stille tötet - Mord in der Wüste" und "Mordach – Jagd in den Bergen", die den Degeto-Kosmos geografisch wie stimmungsmäßig umreißen. Es sind eben immer sehr, sehr viele Produktionen.

Als Nachfolger für den bisherigem Abteilungsleiter-Posten wurde Karsten Günther von der Bavaria Fiction geholt – noch einer privatwirtschaftlich organisierten öffentlich-rechtlichen Tochter- oder eher Enkelfirma.

Bavaria Fiction gehört zur Hälfte der Bavaria (die wiederum zu gut einem Drittel der "Mediagroup" des WDR und zu jeweils gut 16 Prozent Tochterfirmen des SWR, des MDR und des Bayerischen Rundfunks gehört). Knapp zur anderen Hälfte gehört sie dem ZDF.

Wechselvolle Geschichte

Der Name "Degeto" entstammt einer Zeit, in der noch Akronyme en vogue waren. Gegründet wurde die "Deutsche Gesellschaft für Ton und Bild" als der Tonfilm sich durchsetzte und tönende "Kulturfilme" als Vorprogramm im Kino gefragt waren.

Vom Kulturfilm zur Institution

Eine von mehreren Firmen dieses Namens produzierte im zeitgenössischen "Kultur"-Gestus der Nazizeit. In der Datenbank filmportal.de [3] lassen sich im "Degeto-Schmalfilmsschrank" [4] noch Titel finden (nur die Titel) wie "Die Schlacht bei Charkow" (1942), "Die Helden von Narvik" (1940) und "Michelangelos Werke" I und II.

In der Nachkriegszeit wurde der Firmenmantel reaktiviert, zunächst vom Hessischen Rundfunk und bald für Gemeinschaftsaufgaben der ARD. Die komplexe, für schnelle Entscheidungen ungeeignete Struktur der Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland war eine aus Erfahrungen der Nazizeit gezogene Lehre ...

Die "Filmbeschaffung" wurde wichtig, als die zunächst konkurrenzlose ARD in begrenztem Rahmen Werbeeinnahmen erwirtschaften durfte. Je größer ihre Fernsehsender-Familie wurde und je mehr Konkurrenz auf dem ursprünglich allein bespielten Markt auftauchte – in den 1960ern das ZDF, in den 1980ern Privatfernsehen –, desto wichtiger und finanziell schwergewichtiger wurde die Degeto.

Aufstieg mit dem Fernsehen

Im Laufe der Jahrzehnte folgte sie ganz unterschiedlichen Strategien. In den 1980ern avancierte sie zur "Filmzentrale" der ARD, der es 1984 gelang, Rechte an weit über 1.000 Spielfilmen des Hollywood-Studios MGM zu kaufen, noch gar nicht gedrehten, aber auch "James Bond"-Filmen, die damals für höchste Einschaltquoten bürgten.

Das bedeutete einen Coup im Wettbewerb mit dem beinharten "Filmmogul" Leo Kirch, der beste Beziehungen zu Bundeskanzler Helmut Kohl besaß und als Zwischenhändler zunächst eher das ZDF, dann zunehmend seine eigenen Privatsender mit Filmrechten versorgte.

Der große Einkauf

Im neuen Jahrtausend stellten die damaligen Degeto-Chefs Jörn Klamroth und Hans-Wolfgang Jurgan den Ansatz, Abermillionen aus Rundfunkgebühren in die USA zu überweisen, infrage. Schließlich konnten Filme auch im Inland hergestellt werden. Eine durchaus gute Idee. (Hoffentlich kommen beim Thema Büro-Software die Bundes- und Länder-Behörden, die jährlich über eine Milliarde Euro an Microsoft überweisen, um ihre Abhängigkeit zu zementieren, bald auch darauf!).

Dass die Degeto damals verstärkt auf selbst beauftragte deutsche und deutschsprachige Fernsehfilme setzte, zahlt sich für die ARD bis heute mehrfach aus. Eine große Landschaft an TV-Produzenten entstand, die ja längst auch Auftragsproduktionen für Netflix, Amazon und Co herstellt.

Die Produktion kehrt zurück

Und die gewaltige Regionalisierung der Fernsehfiktion erhöht die Akteptanz der Öffentlich-Rechtlichen bei vielen Entscheidungsträgern. Solange nur jede zweite deutsche Ferienregion und jede dritte Mittelstadt als Schauplatz einer eigenen Regionalkrimi-Reihe bei Bekanntheitswerten und Tourismusförderung profitiert, wollen Vertreter der übrigen Regionen und Städte lieber auch eine Krimireihe, als dass sie gegen den Krimi-Irrsinn protestieren.

Allerdings führte der Kurswechsel zeitweise zu Kollateralschäden, die die Degeto besonders bekannt machten. Geschäftsführer Jurgan musste 2011 wegen "gravierender organisatorischer Mängel" [5] gehen. Er hatte das hohe Gesamtbudget überzogen. Zuvor schon hatten Fernsehkritik und Feuilleton, die seinerzeit noch publizistische Durchschlagskraft besaßen, die "Süßstoff-Offensive" der Degeto scharf kritisiert.

Also die Welle süßlicher Heimatfilme und plump romantischer Liebesfilme, für die etwa Schauspielerin Christine Neubauer ("Vollweib sucht Halbtagsmann", "Kleeblatt küsst Kaktus") und Ex-Skifahrer Hansi Hinterseer ("Da wo die Heimat ist") standen – und stehen.

Die Süßstoff-Ära

Denn zur Strategie gehörte und gehört nicht allein, auf Sendeplätzen wöchentlich ziemlich genau dasselbe zu liefern, freitagabends um 20.15 Uhr eben Eskapismus, sondern auch, einen laufend weiter wachsenden Fundus an Filmen anzuhäufen, die auf sämtlichen Kanälen weiterverwertet werden können.

Nach dem Jurgan-Skandal führten Managerinnen die Degeto dezent aus den bösen Schlagzeilen. Vor allem Christine Strobl, die von 2012 bis 2021 Geschäftsführerin war und anschließend in der komplexen Hierarchie zur Programmdirektorin der ARD aufstieg, trug dazu bei.

Ihre politischen Hintergründe – sie ist Tochter des CDU-Politikers Wolfgang Schäuble und Frau von Thomas Strobl, der die baden-württembergische CDU langfristig als Juniorpartner grüner Ministerpräsidenten etablierte – gerieten bald in den Hintergrund. Vor allem führte sie, unter zeitgemäß veränderten Vorzeichen, die Degetoisierung weiter.

Anpassung an den Zeitgeist

Nicht nur wurde 2015 die Frauenquote auch auf dem Regiestuhl eingeführt (Spiegel [6]). Im freitäglichen Eskapismus sind längst auch Patchwork-Familien, alle Hautfarben und queere Menschen gut vertreten.

Stolz äußert sich der noch aktive Degeto-Geschäftsführer Thomas Schreiber in eingangs verlinkten Pressemitteilung etwa über die "von People of Color hergestellte" Serie "Schwarze Früchte", die freilich nicht freitagabends lief, sondern vor allem für die Mediathek hergestellt wurde. Den Umstieg vom weiterhin bespielten linearen Fernsehen auf nonlinearen Abruf zu wuppen, haben sich längst alle Fernseh-Anbieter vorgenommen. Die Degeto ist vorn dabei.

Vom Fernsehen zur Mediathek

Über die Jahrzehnte lässt sich konstatieren, dass die Degeto den jeweils herrschenden politischen und gesellschaftlichen Zeitgeist so beiläufig wie breitflächig in ihre Produktionen integriert, dass das wirkt – einfach, weil sie so enorm viele Inhalte ausstößt.

Wenn es in der Kohl-Ära darum ging, Heimatgefühle wiederzubeleben, ging es in der Merkel-Ära und geht es in den Ären ihrer Nachfolger eben darum, Diversität aller Art in netter Form durchzusetzen.

Es kann sogar scheinen, dass die Degeto mit ihren Rundfunkbeitrags-Einnahmen wirtschaftlich erfolgreich, womöglich sogar: volkswirtschaftlich sinnvoll agiert. Immerhin werden die Filmbudgets quer durchs Land ausgegeben, weshalb eben auch auf Usedom und am Rennsteig Regionalkrimis entstehen.

Für "Babylon Berlin" ging die öffentlich-rechtliche Tochterfirma eine in Kreisen der (sehr zahlreichen) öffentlich-rechtlichen Anstaltenmanager zunächst umstrittene Junior-Partnerschaft mit der privaten Pay-TV-Plattform Sky ein – und trug so zum Beweis bei, dass deutsche Serien mit sehr deutschen Themen international mithalten können.

Ein seltener Erfolg

Dieses Jahr wird die Degeto "Babylon Berlin" allein (weil Sky schon vor dem Verkauf des deutschen Ablegers auf Investitionen in deutsche fiktionale Serien verzichtete) zu Ende bringen.

Ob Christoph Pellander im dynamischen, immer noch asymmetrischeren Wettbewerb mit den US-amerikanischen Konzernen ein paar sinnvolle Akzente setzten kann, zum Beispiel gegen die eklatante Genre-Einfalt, wird spannend zu beobachten sein. Die Degeto ist allein durch ihre Ausmaße das einzige echte deutsche Filmstudio in Deutschland.

Und das ZDF?

Okay, das einzige vielleicht doch nicht. Das ZDF, das im Kern viel straffer als die dezentrale ARD organisiert ist, unterhält ein dafür noch schwerer durchschaubares Netzwerk eigener Tochter- und Enkelfirmen, die gemeinsam mit vielen Auftragsproduzenten nicht nur ähnlich viele Filme und Serien wie die ARD und ihre Töchter produzieren, sondern auch auf maximal verwechselbare Weise ebenfalls aus Rundfunkbeitrags-Geld weitestgehend dieselben Stoffe, Genres und Themen behandeln.

Das bleibt ein Kernproblem des öffentlich-rechtlichen Systems.


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Links in diesem Artikel:

  1. https://www.degeto.de/christoph-pellander-wird-neuer-geschaeftsfuehrer-der-ard-degeto-film/
  2. https://www.degeto.de/sendeplaetze/
  3. https://www.filmportal.de/search?search_api_fulltext=degeto&_fp=26b962797489e3ec1a2b91e03819c995&f%5B0%5D=content_type%3Amovie
  4. https://www.filmportal.de/search?search_api_fulltext=Degeto-Schmalfilmschrank
  5. https://www.sueddeutsche.de/medien/degeto-chef-jurgan-muss-gehen-erst-millionen-verheizt-dann-vertrauen-verspielt-1.1221647
  6. https://www.spiegel.de/kultur/tv/ard-regisseurinnen-frauen-quote-bei-der-degeto-a-1042662.html

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Düngerpreise explodieren – Biobauern bleiben gelassen

Von Telepolis — 23. April 2026 um 08:00
Traktor mit Düngeanbau und Zapfsäule mit Europfeilen nach oben

Stickstoffdünger kostet bis zu 430 Euro pro Tonne – und treibt Bauern in die Enge. Biobauern dagegen verdienen fast doppelt so viel.

Seitdem mit der Straße von Hormus die wichtigsten Transportwege für Öl und Gas gesperrt sind, stiegen die globalen Düngemittelpreise [1] um etwa 25 Prozent. Im April überstiegen die Harnstoffpreise die Marke von 800 Euro je Tonne. Laut Bauernpräsident Joachim Rukwied hat sich Stickstoffdünger seit Jahresbeginn auf den Weltmärkten um 30 bis 40 Prozent verteuert [2].

Um Stickstoffdünger herzustellen, braucht es große Mengen an Erdgas. Die Hälfte des weltweit gehandelten Stickstoffdüngers stammt aus Fabriken rund um den Persischen Golf.

Zwar sind wegen der kürzlich verkündeten Waffenruhe die Öl- und Gaspreise wieder gesunken, doch wirkte sich dies kaum auf die Preise für Stickstoffdünger aus. Aufgrund der hohen Düngemittelpreise könnten die Erntemengen zurückgehen.

Nicht nur in Europa, auch für Landwirte in Indien oder Brasilien werden Düngemittel nun spürbar teurer und knapper. Mit einigen Monaten Verzögerung könnten sich auch die Lebensmittel verteuern. Experten sehen bereits die weltweite Ernährungssicherheit in Gefahr [3].

Konventionelle Landwirte zahlen beim Dünger drauf

Landwirte, die ihre Dünger im vergangenen Jahr im Herbst gekauft haben, können jetzt auf einen gewissen Vorrat zurückgreifen. Andere jedoch, die nicht vorgesorgt haben, müssen mit weniger Dünger auskommen, um die Kosten nicht weiter in die Höhe zu treiben. In jedem Fall müssen Landwirte Fruchtfolgen und Düngestrategien der neuen Situation anpassen.

Pflanzen brauchen Wasser, Sonnenlicht, Kohlendioxid – das liefert die Natur frei Haus. Die Nährstoffe, die Pflanzen ebenfalls benötigen, müssen dem Boden jedoch wieder zugeführt werden, denn mit dem Erntegut werden die Nährstoffe dem Boden entnommen. Konventionelle Landwirte düngen hauptsächlich mit Mineraldünger und ergänzend mit Gülle oder Gärresten.

Der konventionelle Erzeugerpreis für Brotweizen liegt bei etwa 170 Euro je Tonne. Um einen Ertrag von acht Tonnen je Hektar Winterweizen zu erhalten, werden im Schnitt 240 kg Stickstoff pro Hektar gedüngt.

Die Kosten für den Stickstoffdünger Kalkammonsalpeter (27 Prozent Stickstoff) lagen im März/April dieses Jahres bei bis zu 430 Euro je Tonne. Pro Hektar kostet der Dünger somit 382 Euro. Bei Abzug aller Kosten verbleiben dem konventionellen Landwirt 950 Euro je Hektar [4], rechnet das Online-Fachmagazin Agrarheute vor.

Biobauern, die mit organischen Düngern wirtschaften, sind im Vorteil

Demgegenüber erreicht ein Biobauer, der im Vorjahr Kleegras ohne Mineraldünger anbaut und im Herbst oder Frühjahr Stallmist ausbringt, einen Ertrag von vier Tonnen Weizen je Hektar. Gleichzeitig ist wegen des Kleegrasanteils in der Fruchtfolge der Anteil der Getreidefläche reduziert. Laut Agrarheute liegt der Bio-Weizen-Erzeugerpreis bei etwa 450 Euro je Tonne. Lagerung und Ausbringung von Mist und Gülle schlagen mit bis zu 150 Euro je Hektar zu Buche. Leguminosen treten als "Flächenkosten in der Fruchtfolge" auf.

Letztlich bleiben nach Abzug von rund 120 Euro je Hektar für Düngung dem Biobauern bis zu 1.700 Euro je Hektar – in Zeiten steigender Düngerpreise ein echter Vorteil.

Böden aufbauen mit organischem Dünger und Leguminosen

Im ökologischen Landbau wird auf chemisch-synthetische Stickstoffdünger verzichtet, weil sie bei der Herstellung viel Energie verbrauchen und das Grundwasser belasten. Zugelassen sind natürliche mineralische Düngemittel [5]: Gesteinsmehle, Kalke, Kaliumsulfat, Schwefel und Spurenelementdünger. Vor allem aber werden organische Dünger wie Mist oder Kompost auf den Acker gebracht.

Zwecks Stickstoffdüngung werden Leguminosen in weitgliedrigen Fruchtfolgen eingesät: Ackerbohnen, Erbsen, Linsen und Futterpflanzen wie Klee oder Luzerne. Deren Wurzeln leben in Symbiose mit Rhizobium-Bakterien, die den Stickstoff aus der Luft "sammeln". Bleiben die Leguminosen im Boden, ernährt der Stickstoff Kulturen wie Getreide, Mais oder Kartoffeln, die im Jahr darauf angebaut werden.

Allerdings reichert sich auf diesem Weg im Boden weniger Stickstoff an als durch Mineraldünger, weshalb die Erträge etwas geringer ausfallen. Dazu kommt, dass im Biolandbau mehr maschinelle Bodenbearbeitungs- und Pflegedurchgänge wie Unkrautregulierung (Hacken, Striegeln etc.) durchgeführt werden, was je nach Anzahl der Überfahrten und Technik Kosten für Dieselverbrauch, Arbeitszeit und Maschinenverschleiß in die Höhe treibt.

Wirtschaftsdünger sind nicht immer dort verfügbar, wo sie gebraucht werden

Nährstoffreichen tierischen Dünger gibt es auch in der konventionellen Nutztierhaltung. Insbesondere in Schweine- und Rinderhaltung fallen hohe Mengen an Gülle [6] an.

Allerdings ist sie nicht immer dort verfügbar, wo sie gebraucht wird – etwa auf viehlosen Ackerbaubetrieben. Da Gülle sehr viel Wasser enthält, ist ihr Transport zwar einfach, aber mühsam und damit teuer. Daher müsste, um ihr Potenzial zu nutzen, zumindest ein Teil des Wassers entfernt werden. Das wiederum ist kostenaufwändig. Und vor allem geht das nicht von jetzt auf gleich.

Dabei könnten deutsche Hersteller den inländischen Bedarf an Düngemitteln bei Vollauslastung zu 75 Prozent abdecken, erklärt Philipp Spinne, Geschäftsführer des Deutschen Raiffeisen Verbands. Immerhin gibt es in Deutschland insgesamt 14 Produktionsstätten, sieben davon produzieren Stickstoffdünger.

Den dafür benötigten Stickstoff beziehen die Hersteller unter anderem aus Marokko, Algerien und teilweise auch noch aus Russland.

Düngemittelproduktion mit erneuerbaren Energien steckt noch in den Kinderschuhen

Erste Pilotprojekte mit sogenanntem "Grünen Dünger" zeigen, dass eine Produktion mit erneuerbaren Energien, statt mit Erdgas möglich ist. Der Hersteller SKW Piesteritz nutzt Biomethan [7], um in einem Pilotprojekt grünen Dünger herzustellen. Der norwegische Düngemittelhersteller Yara [8], der auch in Deutschland produziert, eröffnete eine Anlage, die mit grünem Wasserstoff Ammoniak produziert.

Für die Firmen sind die Pilotprojekte Schritte in Richtung einer CO2-neutralerer Produktion. Anwendung finden sie aber noch kaum. Denn die Produktion von grünem Wasserstoff setzt große Mengen an erneuerbarer Energie [9] voraus, erklärt Martin Banse vom Thünen-Institut. Und Sonnenenergie ist in Nord- und Mitteleuropa nur begrenzt verfügbar. Wasserstoff in solchem Umfang müsse aus anderen Regionen importiert werden.

Sinkende Milchpreise setzen Milchviehhalter zusätzlich unter Druck

Auf dem Betrieb der Agrargenossenschaft in Mecklenburg-Vorpommern [10] stehen mehrere Tausend Tiere im modernen Melkstall, die täglich tausende Liter Milch geben. Ein rentabler Betrieb – auf den ersten Blick.

Doch seit der Milchpreis zuletzt von 53 Cent auf 43 Cent gefallen ist, kann von Gewinn keine Rede sein. Denn bei einer Kostenstruktur von rund 42 Cent bliebe aktuell nur ein Cent Gewinn, erklärt Vorstandsvorsitzender Michael Drews gegenüber dem NDR. Energie, Futter, Investitionen – alles sei in den vergangenen Jahren teurer geworden. Spielraum gäbe es kaum noch.

Der Preis für Milch, Getreide und Tiere entsteht an Börsen bzw. auf dem Weltmarkt, hauptsächlich durch Angebot und Nachfrage. Gibt es viel Angebot und wenig Nachfrage, fällt der Preis, egal wie hoch die Kosten für Energie und Futter sind. Und auch wenn Lebensmittelpreise in den Supermärkten steigen, bedeutet das nicht automatisch, dass mehr Geld bei den Höfen ankommt.

Wird der Druck zu groß, leiden Landwirte auch psychisch. So nimmt sich in Frankreich alle zwei Tage ein Landwirt das Leben [11], wie Statistiken zeigen. Für Deutschland gibt es solche Zahlen (noch) nicht, doch wird auch hier das landwirtschaftliche Sorgentelefon deutlich häufiger genutzt.

Lösungsansätze: Direktvermarktung und solidarische Landwirtschaft

Über den Produktverkauf ab Hof können sich Biobauern teilweise unabhängig machen. Auch das Modell der solidarischen Landwirtschaft [12] bietet einen Ausweg aus dem Weltmarktpreis-Dilemma: Mitglieder zahlen einen festen Betrag und teilen sich die Ernte.

Lebensmittel werden nicht mehr über den anonymen Markt vertrieben, sondern fließen in einen eigenen lokalen Wirtschaftskreislauf, der von den Verbrauchern mitorganisiert und direkt finanziert wird. Das schafft Planungssicherheit auf beiden Seiten.


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  1. https://www.telepolis.de/article/Erdoel-Schock-Wie-der-Iran-Krieg-Preise-und-Zinsen-treibt-11203608.html
  2. https://www.tagesschau.de/wirtschaft/bauernverband-spritpreise-100.html
  3. https://www.telepolis.de/article/Wenn-Geopolitik-und-Klima-gemeinsam-die-Ernte-vernichten-11255913.html
  4. https://www.agrarheute.com/management/duengen-immer-teurer-kommt-stunde-bio-landwirte-640179
  5. https://www.oekolandbau.de/bio-im-alltag/bio-wissen/was-bringen-bio-duenger-in-der-landwirtschaft/
  6. https://www.landwirtschaftskammer.de/landwirtschaft/ackerbau/duengung/guelle/duenger/guelleinhaltsstoffe.htm
  7. https://www.topagrar.com/energie/news/stx-und-skw-piesteritz-kooperieren-bei-produktion-von-gruenem-stickstoff-13553536.html
  8. https://www.yara.de/news-veranstaltungen/news/yara-terminal-brunsbuettel/
  9. https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/teurer-duenger-wie-der-irankrieg-bayerns-bauern-belastet,VF4g12R
  10. https://www.lgmv.de/bauen/landwirtschaftliches-bauen/koechelstorf-milchviehanlage/
  11. https://www.ndr.de/studio16/teurer-einkauf-warum-kommt-geld-nicht-bei-bauern-an,landwirtschaft-242.html
  12. https://www.solidarische-landwirtschaft.org/ueber-solawi/was-ist-solidarische-landwirtschaft/

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Druschba-Pipeline: Nächster Rückschlag für Deutschlands Energieversorgung

Von Telepolis — 22. April 2026 um 15:00
PCK Raffinerie in Schwedt bei Nacht

(Bild: PCK Raffinerie GmbH)

Kasachisches Öl deckt 20–30 Prozent des Bedarfs der Raffinerie Schwedt. Ab Mai könnte es fehlen – mit Folgen für Kerosin, Benzin und Diesel.

Sind bei der PCK-Ölraffinerie in Schwedt die Sorgen über Sanktionen vom Tisch, kündigt sich Ungemach bei der Anlieferung von Öl aus Kasachstan über die Druschba-Pipeline an. Wegen technischer Probleme könnten die Lieferungen ab Mai gestoppt werden.

Das bestätigte Kasachstans Energieminister Jerlan Akkenschenow laut dem kasachischen Nachrichtenportal [1] Ulysmedia.kz am 22. April:

"Von russischer Seite liegen zwar noch keine offiziellen Stellungnahmen vor, aber inoffiziellen Quellen zufolge stimmt dies. Im Mai haben wir über die Atyrau-Samara-Pipeline zur Druschba-Pipeline und weiter zur Raffinerie in Schwedt keinen Transit mehr."

Fehlende Kapazitäten

Als Grund dafür habe die russische Seite fehlende technische Kapazitäten angeführt, ohne dies konkreter auszuführen. "Höchstwahrscheinlich liegt es an den jüngsten Angriffen auf die russische Infrastruktur. Davon gehe ich aus", konstatierte Akkenschenow.

Der Transitstopp gelte derzeit nur für Mai. Zugleich habe die russische Seite für die nächsten drei Monate keine Transitmengen mehr vorgesehen, erklärte Akkenschenow und versicherte: Doch "sobald die Frage der technischen Machbarkeit geklärt ist, wird der Transit von kasachischem Öl wieder aufgenommen."

Geplante Exporte und Produktion

Die Ölexporte Kasachstans sollen zu anderen Bestimmungsorten, darunter zur Pipeline vom Kaspischen-Pipeline-Konsortium, wie gewohnt fortgesetzt werden.

Von einem Gesamtexportvolumen von 80 Millionen Tonnen war Akkenschenows Angaben nach geplant, in diesem Jahr rund drei Millionen Tonnen (rund 3,75 Prozent) über die Druschba-Pipeline zu transportieren.

Im vergangenen Jahr habe Kasachstan 2,1 Millionen Tonnen Öl über diese Route exportiert. Das Problem könnte für die Raffinerie in Schwedt gravierender sein als für Kasachstan selbst.

Kasachisches Öl decke etwa 20 bis 30 Prozent des Bedarfs der Raffinerie in Schwedt, erklärte der Energieminister und ergänzte, dass die Ölproduktion nicht sinken soll, da die Lieferungen lediglich über alternative Routen umgeleitet würden.

Die Ölraffinerie PCK in Schwedt verarbeitet seit 2023 kein russisches Öl mehr. Sie gehört zu 54 Prozent deutschen Töchtern des russischen Staatskonzerns Rosneft. Rosneft Deutschland steht unter der Treuhandschaft der deutschen Bundesnetzagentur, was die jüngste unbefristete Verlängerung der Sanktionsausnahme durch die USA ermöglichte.

Reaktionen in Brandenburg

Am 21. April hatte Reuters unter Berufung auf Quellen berichtet, dass Russland den Öltransit von Kasachstan nach Deutschland [2] durch sein Territorium ab dem 1. Mai vorübergehend aussetzen werde.

Hierzu bestätigte die Brandenburger Wirtschaftsministerin Martina Klement (CSU) gegenüber dem rbb, dass die Landesregierung im "engen Austausch" mit der PCK [3] sei. Der Betreiber prüfe alternative Versorgungswege.

Die uckermärkische Landrätin Karina Dörk von der CDU äußerte sich indes besorgt: "Für die PCK, aber insbesondere für die Versorgungssicherheit wäre das ein riesiges Problem". Rund 80 Prozent der Kerosinversorgung am Hauptstadtflughafen BER werde durch die PCK abgesichert. Außerdem beziehe Polen Benzin und Diesel von der PCK.

Sie bestätigte wie Energieminister Akkenschenow, dass gut 20 Prozent des in der PCK verarbeiteten Rohöls aus Kasachstan kämen, was eine hohe Auslastung ermögliche.

Bei einem Lieferstopp könnten nur noch rund 60 Prozent der Verarbeitungskapazität genutzt werden. Sie hoffe auf erfolgreiche Gespräche, um einen Lieferstopp noch abzuwenden.

Druschba-Einnahmen erhöhen

In Russland fordert Sergej Mironow, Vorsitzender der Partei "Gerechtes Russland" und Fraktionsvorsitzender in der Duma, eine härtere Gangart gegen die EU und Nato und schlug ein Verbot des Exports von angereichertem Uran, Titan, Palladium und Nickel in EU- und Nato-Staaten vor.

Ebenso fordert Mironow eine Verdopplung der Transitgebühren für Öl aus Kasachstan in die EU. Schließlich will Russland am europäischen Importbedarf kräftig mitverdienen.

Der ukrainische Pipelinebetreiber Ukrtransnafta informierte unterdessen Ungarns MOL-Gruppe, dass die Rohöllieferungen aus Belarus über die Druschba-Pipeline heute Mittag in der Ukraine begonnen hätten. Spätestens morgen könnten sie in Ungarn und der Slowakei [4] eintreffen.

Update: Zum bevorstehenden Transitstopp des nördlichen Leitungsstranges bestätigte Vizepremier Alexander Nowak gegenüber der russischen Nachrichtenagentur [5] Tass jetzt am Nachmittag: "Ab 1. Mai werden die Umfänge an kasachischem Öl, die zuvor über die Druschba-Pipeline nach Deutschland transportiert wurden, auf andere freie Logistikrouten umgeleitet. Dies ist mit den heutigen technischen Möglichkeiten verbunden“. Das russische Energieministerium und der russische Pipeline-Betreiber Transneft arbeiteten daran.


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  1. https://ulysmedia.kz/news/72211-eto-pravda-kazakhstan-podtverdil-prekrashchenie-tranzita-nefti-cherez-rossiiu/
  2. https://www.reuters.com/business/energy/russia-halt-kazakhstans-oil-flows-germany-via-druzhba-sources-say-2026-04-21/
  3. https://www.rbb24.de/wirtschaft/beitrag/2026/04/pck-schwedt-oel-drohender-lieferstopp-kasachstan-rosneft-russland.html
  4. https://molgroup.info/en/investor-relations/investor-news/crude-deliveries-through-the-druzhba-pipeline-received-in-ukraine
  5. https://tass.ru/ekonomika/27188279

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Rundfunkbeitrag: Gericht weist Klagen ab – Aufsicht bleibt umstritten

Von Telepolis — 22. April 2026 um 14:15
Hundert-Euro-Schein mit Rundfunksender

Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg bestätigt Beitragspflicht trotz Kritik an der Programmvielfalt. Die Frage nach wirksamer Kontrolle ist nicht geklärt.

Der Verwaltungsgerichtshof (VGH) Baden-Württemberg hat sieben Klagen gegen den Rundfunkbeitrag zurückgewiesen. Die Kläger hatten dem Südwestrundfunk vorgeworfen, durch einseitige Berichterstattung seinen verfassungsrechtlichen Auftrag zu verfehlen. Das Gericht sah die Vorwürfe jedoch nicht als ausreichend belegt an.

Das wirft auch ein Licht auf die oftmals als revolutionär eingestufte Grundsatzentscheidung des Bundesverwaltungsgerichts vom Herbst 2025, die den rechtlichen Rahmen zwischen Programmauftrag, Rundfunkbeitrag und der gerichtlichen Kontrolle verschob [1].

Die aktuellen Urteile vom 14. und 15. April 2026 [2] des Verwaltungsgerichtshofs (VGH) Baden-Württemberg betreffen Fälle, in denen Beitragszahler die Rechtmäßigkeit der Rundfunkbeitragspflicht grundsätzlich infrage stellten. Sie argumentierten, der öffentlich-rechtliche Rundfunk bevorzuge einseitig "linke" Parteien und "progressive" Positionen, etwa in der Berichterstattung zur Corona-Pandemie, zum Ukraine-Krieg oder zu Donald Trump.

Details zu den Positionen der Kläger vor dem VGH Baden-Württemberg werden von Legal Tribune Online [3] so wiedergegeben:

"Die Beiträge des ÖRR seien zudem teils falsch und würden die größte Opposition im Bundestag, die AfD, nicht angemessen berücksichtigen, hatte einer der Kläger gesagt. Ein weiterer hatte die Verletzung christlicher Grundwerte angeprangert, die durch Sex und Crime im ÖRR in den Schmutz gezogen würden. Auch werde der Islam hofiert, während das Christentum ins Lächerliche gezogen werde."

Gericht: Keine evidenten Defizite erkennbar

Der VGH Mannheim kam demgegenüber zu dem Ergebnis, dass "evidente und regelmäßige Defizite hinsichtlich der gegenständlichen Vielfalt und Ausgewogenheit des Gesamtprogramms" nicht feststellbar seien.

Der Rundfunk decke durch umfangreiche Angebote in Fernsehen, Hörfunk und Mediathek die Bereiche Information, Bildung, Kultur und Unterhaltung "jeweils in ihrer vollen Breite ab".

Die von den Klägern gerügten Defizite bei der politischen Meinungsbildung rechtfertigten für sich genommen keine abweichende Einschätzung, so das Gericht.

Es verwies auf die Verantwortung der Aufsichtsgremien der Rundfunkanstalten, die "am besten geeignet" seien, die meinungsmäßige Vielfalt und Ausgewogenheit des Gesamtprogramms zu gewährleisten. Zudem sei es Aufgabe des Gesetzgebers, die Frage der Meinungsvielfalt regelmäßig zu evaluieren.

Auch die Rüge der Kläger, der Rundfunk verschwende systematisch Geld und verletze die Grundsätze sparsamer Haushaltsführung, wies das Gericht ab. Diese Frage sei der Kontrolle der Verwaltungsgerichte im Rundfunkbeitragsverfahren entzogen.

Widerspruch zum Bundesverwaltungsgericht

Das Gericht folgte demnach der Linie des Urteils des Bundesverwaltungsgerichts (BVerwG) vom Oktober 2025. In einem entscheidenden Punkt stellte sich der VGH jedoch dagegen.

Dieses hatte in seinem Urteil vom 15. Oktober 2025 [4] festgelegt, dass Kläger gegen den Rundfunkbeitrag ein wissenschaftlichen Anforderungen genügendes Sachverständigengutachten vorlegen müssten, um die Beweisaufnahme des Gerichts auszulösen.

Der VGH folgte dieser Forderung ausdrücklich nicht. Er gab auf bemerkenswerte Weise einer realistischen Auffassung größeres Gewicht.

Ein solches Gutachten sei nämlich mit "ganz erheblichen Kosten verbunden", die Bürger sich nicht leisten könnten, stellte das Gericht fest.

Dies begegne "im Hinblick auf den grundgesetzlich garantierten Anspruch auf effektiven Rechtsschutz durchgreifenden Bedenken". Ein von der Rechtsordnung eröffneter Rechtsbehelf dürfe für den Bürger nicht ineffektiv ausgestaltet werden, und ein möglicher Erfolg dürfe nicht von der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit des Rundfunkbeitragspflichtigen abhängig gemacht werden.

Dieser Widerspruch wirft die Frage auf, wie künftige Verfahren ablaufen werden.

Das Mannheimer Gericht ließ keine Revision zu. Die Kläger können jedoch innerhalb eines Monats nach Zustellung des Urteils eine Nichtzulassungsbeschwerde beim Bundesverwaltungsgericht einreichen. Ob sie diesen Weg gehen, ist derzeit unklar.

Hohe Hürden für Klagen

Das Bundesverwaltungsgericht hatte in seinem Grundsatzurteil vom Oktober 2025 klargestellt, dass die Erhebung des Rundfunkbeitrags erst dann verfassungsrechtlich problematisch wird, wenn das Gesamtprogrammangebot der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten die Anforderungen an Vielfalt und Ausgewogenheit "über einen längeren Zeitraum gröblich verfehlt".

Diese hohen Hürden zeigten sich bereits bei über 100 gescheiterten Klagen vor dem Verwaltungsgericht Lüneburg [5]. Dort hatten sogenannte Beitragsblocker mit einem Formular aus dem Internet geklagt.

Das Gericht wies die Klagen ab, weil die pauschalen Vorwürfe nicht genügten, um eine vertiefte Beweisaufnahme zu rechtfertigen. Viele Kritikpunkte bezogen sich zudem auf Zeiträume, die nicht in den maßgeblichen Zwei-Jahres-Zeitraum der jeweiligen Beitragsbescheide fielen.

Kritisch gefragt wurde jedoch bereits an dieser Stelle, wie lebensnah die Festlegung auf einen Zwei-Jahres-Zeitraum ist und die Notwendigkeit, das gesamte Programmangebot zu betrachten, wenn politische Informationen und Berichterstattung zur Kritik stehen und nicht das Unterhaltungsangebot der öffentlich-rechtlichen Sender, die einen großen Teil ihres Angebots ausmachen?

Zweifel an der Aufsicht wachsen

Bereits im Juni 2024 hatte der ehemalige Bundesinnenminister (und mittlerweile verstorbene) liberale Politiker Gerhart Baum (FDP) auf einen Beschluss des Bundesverwaltungsgerichts vom 23. Mai 2024 [6] hingewiesen.

Darin hatte das Bundesverwaltungsgericht eine Revision – die zum maßgeblichen Urteil vom Oktober 2015 [7] führte – zugelassen, weil die Rechtssache "grundsätzliche Bedeutung" habe.

Behandelt wurde die grundsätzliche Frage, ob gegen die Beitragserhebung geltend gemacht werden könne, dass der Auftrag der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, ein der Vielfaltssicherung dienendes Programm anzubieten, strukturell verfehlt werde.

Gerhard Baum [8] sprach damals einen essentiellen Bereich der Kritik an den öffentlichen-rechtlichen Sender an:

"Schon die Vorinstanz hat Zweifel erkennen lassen, ob die Aufsicht über den öffentlichen Rundfunk, wie sie heute mit Aufsichtsgremien organisiert ist, ausreicht. Diese Zweifel sind jetzt durch die Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts deutlich gewachsen."

Neuer Medienrat als Lösung?

Mit dem Reformstaatsvertrag zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der Ende 2025 in Kraft trat, wurde ein neuer Medienrat [9] geschaffen. Dieser soll als staatsferne Instanz künftig alle zwei Jahre einen Bericht über das Angebot von ARD, ZDF und Deutschlandradio erstellen.

Sechs Expertinnen und Experten gehören dem Gremium an, darunter die Journalistik-Professorin Annika Sehl, die Politikwissenschaftlerin Jeanette Hofmann und der ehemalige Bundesverfassungsrichter Peter Müller.

Der Medienrat trat im Februar 2026 erstmals in Weimar zusammen. Seine Geschäftsstelle ist an der Bauhaus-Universität Weimar angesiedelt. Heike Raab, Koordinatorin der Rundfunkkommission und Staatssekretärin aus Rheinland-Pfalz, betonte: "Wir waren uns schnell einig, dass das staatsfern geschehen muss." Das dürfe nicht in den Staatskanzleien diskutiert werden.

Nathalie Wappler, Direktorin des Schweizer Radio und Fernsehens (SRF) und Mitglied des Medienrats, hob hervor, dass das Gremium nicht nur einzelne Rundfunkanstalten betrachte, sondern den öffentlich-rechtlichen Rundfunk im Gesamten.

Bis der Medienrat seine Arbeit vollständig aufnimmt und erste Berichte vorlegt, wird es jedoch noch dauern. Wie wirksam seine Erkenntnisse in der Praxis sein werden und ob sie tatsächlich zu Veränderungen führen, bleibt abzuwarten.

Offene Fragen zur Kontrolle

Die aktuellen Urteile zeigen: Die Frage nach der wirksamen Kontrolle des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist nicht abschließend geklärt. Der VGH Baden-Württemberg verweist auf die Aufsichtsgremien und den Gesetzgeber. Das Bundesverwaltungsgericht fordert hohe Nachweispflichten von Klägern.

Der neue Medienrat soll eine externe Perspektive einbringen – doch seine Wirksamkeit muss sich erst noch erweisen.

Für die Beitragszahler bleibt die Pflicht zur Zahlung bestehen. Der Rundfunkbeitrag von derzeit 18,36 Euro monatlich knüpft an die Wohnung an, nicht an Nutzungsverhalten oder politische Zufriedenheit. Wer die Zahlungspflicht mit Programmkritik zu Fall bringen will, steht vor extrem hohen rechtlichen Hürden – auch wenn das Bundesverwaltungsgericht grundsätzlich einen Weg dafür geöffnet hat.

Die Bestandsaufnahme des Medienfachmanns der FAZ, Michael Hanfeld [10], zur Situation der Kläger fällt hart und deutlich aus:

"Die Entscheidung des Verwaltungsgerichtshofs Baden-Württemberg zeigt, was die vermeintlich revolutionäre Grundsatzentscheidung des Bundesverwaltungsgerichts in der Praxis für Bürger, die gegen den Rundfunkbeitrag vor Gericht gehen, wert ist: nichts."


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  1. https://www.telepolis.de/article/Bayerin-gegen-ARD-ZDF-Eine-Klage-erzwingt-Vielfalt-Pruefung-10771557.html
  2. https://verwaltungsgerichtshof-baden-wuerttemberg.justiz-bw.de/pb/,Lde/26804890
  3. https://www.lto.de/recht/nachrichten/n/vgh-baden-wuerttemberg-mannheim-2s252325-klagen-rundfunkbeitrag-oerr-rundfunk
  4. https://www.bverwg.de/151025U6C5.24.0
  5. https://www.telepolis.de/article/Rundfunkbeitrag-vor-Gericht-Warum-ueber-100-Klagen-in-Lueneburg-scheiterten-11124040.html
  6. https://www.telepolis.de/article/Oeffentlich-rechtlicher-Rundfunk-Wie-verfassungskonform-ist-er-9759802.html
  7. https://www.bverwg.de/151025U6C5.24.0
  8. https://www.telepolis.de/article/Oeffentlich-rechtlicher-Rundfunk-Wie-verfassungskonform-ist-er-9759802.html
  9. https://www.zeit.de/news/2026-02/11/wie-der-medienrat-kuenftig-die-oeffentlich-rechtlichen-prueft
  10. https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien-und-film/medienpolitik/verwaltungsgerichtshof-weist-klagen-gegen-rundfunkbeitrag-ab-200753146.html

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Drohnen, Stillstand und ferne Hoffnung auf Frieden: Die Lage im Ukraine-Krieg

Von Telepolis — 22. April 2026 um 14:00
Ein ukrainischer Soldat mit einer Drohne in der Hand

Der Krieg wird zunehmend mit Drohnen geführt, mit brutalen Folgen für die Menschen

(Bild: seeasign/Shutterstock.com)

Neue Angriffe tief im Hinterland in Russland und der Ukraine. An der Front dominiert ein zermürbender Drohnenkrieg, während sich die Linien kaum verschieben.

In der Nacht zum Montag griffen sich Russland und die Ukraine erneut weit im Inland des jeweiligen Kriegsgegners an. Ein ukrainischer Drohnenangriff löste im russischen Schwarzmeerhafen Tuapse einen Brand aus und forderte mindestens ein Todesopfer. Russland wiederum führte Angriffe auf Ziele in der Region Kiew sowie auf Eisenbahninfrastruktur in der Stadt Charkiw durch [1].

Ähnliche Angriffe hatte es bereits vier Tage zuvor gegeben. Dabei traf die Ukraine ein Öllager in Tuapse, während herabfallende Trümmerteile auf Wohnhäuser den Tod zweier Kinder verursachten. Russland seinerseits griff [2] in mehreren Wellen die Ukraine an und setzte dabei mehr als 700 Drohnen und Raketen ein, wobei mindestens 18 Menschen ums Leben gekommen sein sollen.

Frontlinie weitgehend festgefahren

Unterdessen ist die Lage an der Frontlinie weitgehend festgefahren. Entlang der rund 1.200 Kilometer langen Front verschiebt sich das Geschehen täglich nur um wenige hundert Meter bis maximal einige Kilometer. Das Kampfgeschehen ist geprägt von einem ständigen Hin und Her kleinerer Vorstöße, die jedoch meist durch massiven Drohneneinsatz der jeweils anderen Seite abgefangen werden.

So hat sich über die gesamte Front hinweg eine Art Pattsituation entwickelt. Zwischen den gegnerischen Linien erstreckt sich eine Art "Grauzone" von etwa 20 bis 50 Kilometern, in der Bewegungen kaum möglich sind.

Ein "entarteter" Abnutzungskrieg

Der erhebliche Einsatz von Drohnen gilt als zentraler Grund für diese Entwicklung. Er macht es Soldaten nahezu unmöglich, sich unentdeckt zu bewegen oder zurückzuziehen. Jede Bewegung wird erkannt und das menschliche Ziel entsprechend bekämpft.

Der österreichische Historiker und Bundesheer-Oberst Markus Reisner bezeichnet diese Entwicklung als "Entartung des Krieges". "Der Drohnenkampf hat den Krieg nicht präziser und sauberer gemacht, sondern er hat ihn völlig entartet", sagte er kürzlich gegenüber [3] ntv.

Reisner beschreibt eine Situation, in der russische Soldaten bei Vorstößen oft in den sicheren Tod gehen und dennoch kaum Geländegewinne erzielen. Gleichzeitig können ukrainische Kräfte kaum Positionen zurückerobern, da sie sich dafür exponieren müssten. Viele Soldaten verharren daher in Bunkern, Erd- oder Kellerlöchern – sofern sie diese überhaupt erreicht haben.

Dort harren sie teils monatelang unter schlechten hygienischen Bedingungen aus, oft zu zweit oder zu dritt. Diese Isolation stellt eine enorme psychische Belastung dar. Sobald sie ihre Unterstände verlassen, sind sie unmittelbarer Gefahr ausgesetzt. Selbst das Entzünden eines Feuers ist unmöglich, da Rauch sofort entdeckt würde. In den Wintermonaten kommt es dadurch auch zu Erfrierungen. Versorgt, mit Munition beliefert oder gar geborgen werden die Soldaten durch den Einsatz von Robotern [4].

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte [5] kürzlich, dass es den ukrainischen Streitkräften erstmals gelungen sei, eine russische Stellung ausschließlich mithilfe von Robotersystemen einzunehmen. Details zu Zeitpunkt und Ort nannte er nicht. Insgesamt sprach er von rund 22.000 Einsätzen solcher Systeme in den vergangenen drei Monaten.

Ob dies längerfristig einen entscheidenden Vorteil bringt, bleibt jedoch fraglich. Bei dieser Art der Kriegsführung ist die Masse an verfügbaren Ressourcen entscheidend. Der extrem hohe Materialeinsatz bei gleichzeitig geringen Fortschritten verstärkt den Charakter dieses Konflikts als fortlaufenden Abnutzungskrieg weiter.

Bewegungen an einzelnen Frontabschnitten

Trotz des generellen Stillstands kommt es lokal zu Bewegungen. So gab es in den vergangenen Wochen und Monaten Veränderungen am Frontabschnitt um die Kleinstadt Huljajpole in der Region Saporischschja. Russische Truppen waren dort im Zuge einer Offensive, die bereits im vergangenen Jahr begann, vorgerückt, mussten sich jedoch später teilweise wieder zurückziehen.

Eine Rolle spielte [6] dabei offenbar auch die Einschränkung der Nutzung des Satellitennetzwerks Starlink für russische Kräfte Anfang Februar, wodurch die Ukraine den Vorstoß weitgehend abfangen konnte.

Im Donbass hält die Ukraine weiterhin den sogenannten "Festungsgürtel" (um die Städte Slowjansk, Kramatorsk, Druschkiwka und Kostjantyniwka), der für Russland von strategischer Bedeutung ist. Besonders betroffen ist derzeit das Gebiet um die Stadt Konstjantyniwka, wo sich die Kämpfe zunehmend in den urbanen Raum verlagert haben.

Denn die zu dieser Jahreszeit noch nicht vollständig geschlossene Vegetation zwingt die Einheiten, sich statt unter Blätterdächern in den Trümmern zerstörter Siedlungen zu verbergen.

Russische Angriffe erfolgen dort aus mehreren Richtungen und zielen vor allem darauf ab, die Versorgung ukrainischer Einheiten abzuschneiden – unterstützt durch intensiven Drohneneinsatz bei langsamen Vorwärtsbewegungen.

Signale in Richtung Verhandlungen?

In Bezug auf den Donbass erklärte [7] Dmitrij Peskow, Pressesprecher des russischen Präsidenten, vor wenigen Tagen, es gehe nur noch um "wenige Kilometer". Russland müsse noch etwa 17 bis 18 Prozent der Region Donezk "befreien", das würde bedeuten, dass Russland die Verwaltungsgrenzen erreiche. "Und [dies] würde zu einer Einstellung der Kampfhandlungen führen", so Peskow.

Bereits Anfang April hatte Moskau erneut gefordert [8], dass sich ukrainische Truppen aus dem von Russland nicht kontrollierten Teil der Region zurückziehen sollen, um zu beenden, was als "heiße Phase" des Krieges bezeichnet wird – eine Forderung, die Kiew entschieden zurückweist. Zuvor hatte das russische Verteidigungsministerium die vollständige Kontrolle über die Region Lugansk gemeldet [9], die bereits seit Längerem weitgehend unter russischer Kontrolle stand.

Beobachter werten die Aussagen aus Moskau als mögliches Signal, dass Russland von seinen Maximalzielen, welche die Einnahme der Regionen Cherson und Saporischschja einschließen, abrücken könnte. Gleichzeitig betonte Außenminister Sergej Lawrow auf dem diplomatischen Forum in Antalya, dass Verhandlungen mit der Ukraine derzeit nicht oberste Priorität hätten [10], Russland jedoch grundsätzlich gesprächsbereit sei.

Auch international bleibt die Lage angespannt. Zuletzt hatte US-Präsident Trump zunehmend Kritik an Selenskyj geübt und ihm vorgeworfen, dass er allein einem Kriegsende im Wege stehe. Die US-Administration stellte [11] zudem im letzten Jahr die Militärhilfe an Kiew weitgehend ein. Zudem hat die Lösung der Ukraine-Frage durch den eigenen Angriffskrieg auf den Iran und andere geopolitische Erwägungen aus US-Sicht weiter an Priorität verloren.

Selenskyj selbst setzt [12] im Krieg gegen Russland inzwischen auf europäische Staaten. Ranghohe Politiker aus der Nato, Großbritannien, der EU sowie einzelnen EU-Ländern äußerten zuletzt weiterhin die Überzeugung eines Sieges der Ukraine und unterstützten das Land weiterhin militärisch. Bundeskanzler Friedrich Merz versprach [13] sogar Hilfe bei der Rekrutierung von ukrainischen Staatsbürgern für den Einsatz an der Front.

Die Signale für eine Wiederaufnahme der Verhandlungen bleiben verhalten und die Hoffnung auf Frieden trüb.


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  1. https://www.aljazeera.com/news/2026/4/20/kyiv-claims-to-hit-russian-landing-ships-as-both-sides-trade-deadly-attacks
  2. https://www.bbc.com/news/articles/cm29plylqnvo
  3. https://www.n-tv.de/politik/Fuer-die-Soldaten-ist-das-die-Hoelle-id30709489.html
  4. https://www.berliner-zeitung.de/article/roboter-bluten-nicht-ukraine-schickt-maschinen-statt-soldaten-an-die-front-10031509
  5. https://www.tagesspiegel.de/internationales/ukraine-invasion-tag-1512-robotersysteme-nehmen-erstmals-russische-stellung-ein-15479885.html
  6. https://www.fr.de/politik/starlink-aus-fuer-russland-bringt-putin-nachteil-an-der-front-zr-94169658.html
  7. https://tass.ru/politika/27081305
  8. https://www.reuters.com/world/europe/kremlin-asked-about-its-donbas-demands-says-ukraine-should-have-pulled-out-2026-04-01/
  9. https://www.reuters.com/business/aerospace-defense/russia-says-its-troops-have-taken-full-control-luhansk-region-eastern-ukraine-2026-04-01/?utm_source=chatgpt.com
  10. https://f.aa.com.tr/en/eurasia/russia-positively-sees-possibility-of-resuming-ukraine-peace-talks-in-istanbul-lavrov/3910801
  11. https://kyivindependent.com/us-military-aid-to-ukraine-dropped-99-in-2025-report-finds/?utm_source=chatgpt.com
  12. https://www.theatlantic.com/ideas/2026/04/ukraine-trump-us-oil-russia/686854/
  13. https://www.fr.de/hintergrund/merz-und-selenskyj-vereinbaren-strategische-partnerschaft-mit-der-ukraine-94261857.html

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Schwarzfahren kostet Freiheit – Steuerbetrug nur Milliarden

Von Telepolis — 22. April 2026 um 08:00
Bus vor Gefängnis

MVG-Bus vor der JVA München. Bild: TP

Zwei Vergehen, zwei Welten: Was die Union bei Schwarzfahrern fordert, gilt für Milliarden-Betrüger offenbar nicht.

Bundesjustizministerin Stefanie Hubig will Schwarzfahren entkriminalisieren und vom Straftatbestand zur Ordnungswidrigkeit zurückstufen. Die Union lehnt das vehement ab – ist aber in anderen Fällen bei Gesetzesverstößen Tätern sehr nachlässig gegenüber.

Wer derzeit wegen Schwarzfahrens zu einer Geldstrafe verurteilt wird, diese aber nicht zahlen will oder kann, riskiert eine Ersatzfreiheitsstrafe. Bei fehlender Zahlung muss der Betroffene ins Gefängnis. Dabei entsprechen zwei Tagessätze einem Tag Haft.

Die Bundesjustizministerin will dies ändern: Der Tatbestand des "Erschleichens von Leistungen" soll neu bewertet werden [1]:

"Aus meiner Sicht sprechen gute Gründe für eine Entkriminalisierung. Die Verfahren binden viele Ressourcen in der Justiz, die an anderer Stelle sinnvoller eingesetzt werden könnten."

Stefanie Hubig

Ähnlich schätzt dies auch das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen (KfN) ein. Eine echte Entkriminalisierung könnte zu einer erheblichen Entlastung von Polizei und Justiz führen.

Schwarzfahren trifft vor allem die Ärmsten

Betroffen von der jetzigen Gesetzesregelung sind meist arme Menschen. Oft spielen Obdachlosigkeit, psychische und andere gesundheitliche Probleme sowie Suchterkrankungen eine Rolle.

"Diese Menschen sind in den allermeisten Fällen einfach nicht in der Lage, der Geldstrafe durch Zahlung oder durch gemeinnützige Arbeit nachzukommen. Sie landen dann – letztlich wegen der Erschleichung einer Beförderungsleistung im Gegenwert von meist unter fünf Euro – hinter Gittern. Und dies wohlwissend, dass der Grundgedanke des Strafvollzugs – die Resozialisierung – bei ihnen in den allermeisten Fällen schon aufgrund der eher kurzen Ersatzfreiheitsstrafen nicht greift."

Claudia Schilling (SPD), Bremer Justizsenatorin [2]

Der "Freiheitsfonds [3]" ist eine Initiative zur Abschaffung des Straftatbestands der Beförderungserschleichung und seit Jahren aktiv. Die Aktivisten schätzen, dass rund 9.000 Menschen jährlich eine Ersatzfreiheitsstrafe wegen Schwarzfahrens verbüßen müssen. Eine offizielle Statistik dazu gibt es nicht.

"Der Straftatbestand wurde 1935 von den Nazis eingeführt. Bis heute werden dadurch Menschen fürs Fahren ohne Ticket häufig härter bestraft als z.B. Menschen, die angetrunken Auto fahren. Geldstrafe oder bis zu einem Jahr Freiheitsentzug sieht das Strafrecht für die Lappalie vor."

Freiheitsfonds

Beobachter gehen davon aus, dass die Zahl dieser Strafen aufgrund steigender Armut zunimmt.

"Erschleichen von Leistungen ist ein Delikt der Armen. Gerade Menschen mit wenig Geld nutzen überwiegend den öffentlichen Nahverkehr", sagt der Duisburger Richter Hendrik Thome [4] gegenüber der Zeitung nd: "Wer arm ist, kann das erhöhte Beförderungsentgelt von 60 Euro häufig nicht bezahlen und wird deshalb schneller angezeigt". Melden sich Betroffene im Strafverfahren nicht rechtzeitig zurück, wird das Verfahren oft per Strafbefehl geahndet.

Beim Schwarzfahren handele es sich keineswegs um eine Lappalie, betont dagegen die rechtspolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Susanne Hierl. "Vor diesem Hintergrund lehnen wir eine Abschaffung des § 265a StGB entschieden ab. Stattdessen gilt es, den öffentlichen Nah- und Fernverkehr konsequent zu schützen", sagt Hierl [5] gegenüber Legal Tribune Online. Wer wiederholt ohne gültigen Fahrschein unterwegs ist, so die CSU-Politikerin, schade damit nicht nur den Verkehrsbetrieben:

"Solches Verhalten untergräbt die Solidargemeinschaft, die den öffentlichen Verkehr trägt, und verursacht erhebliche wirtschaftliche Schäden."

Milde bei Milliardenbetrug – Härte bei Bagatellen

Diese Härte gegen Gesetzesverstösse ist bei anderen Themen nicht erkennbar, etwa bei Straftaten durch Cum-Ex-Steuerverschiebereien. Jährlich entgehen dem Staat durch Steuerhinterziehung Milliarden. Kanzleien Vermögender erarbeiten Konzepte für diese Betrugsmaschen.

Bei Cum-Ex lassen sich Aktienbesitzer nur einmal gezahlte Kapitalertragsteuer mehrfach vom Staat erstatten. Durch ein komplexes Hin- und Her-Schieben von Aktien wurde mehrfache Steuerabführung vorgetäuscht.

Gegen diese und ähnliche Aktivitäten ging jahrelang Oberstaatsanwältin Anne Brorhilker vor. Sie bemängelt fehlende Unterstützung, beendete die Arbeit als Cum-Ex-Chefermittlerin. Sie ist jetzt bei der Bürgerbewegung "Finanzwende" aktiv und kritisiert strukturelle Probleme.

"Behörden leiden an vielen strukturellen Defiziten. Sie haben zu wenig Personal, das dazu noch häufig rotiert, wodurch die nötige Fachexpertise nicht aufgebaut werden kann."

Anne Brorhilker [6]

Die reichen Steuerhinterzieher arbeiten bei solchen Konstrukten mit hochspezialisierten Teams von Anwälten, die mit vielen Tricks arbeiten. "Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen. Das ist Gift für das Vertrauen in den Rechtsstaat", bemängelt Brorhilker. Der Allgemeinheit entgehen so Milliarden:

"Geht es um große Schadensummen, ist ganz klar: Hier schlagen vor allem professionell aufgestellte Tätergruppen zu – darunter große Banken und Unternehmen. Bei Betrügereien durch Umsatzsteuerkarusselle oder Cum-Ex und Cum-Cum, wurde mit beiden Händen in die Staatskassen gegriffen."

Bis heute fehlt eine entschlossene Strategie auf Staatsebene dagegen.


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Links in diesem Artikel:
[1] https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/schwarzfahren-bald-keine-straftat-mehr-stimmen-sie-ab,schwarzfahren-114.html
[2] https://www.weser-kurier.de/bremen/politik/bremer-justizsenatorin-unterstuetzt-vorstoss-zu-schwarzfahren-doc85cyswgztrt1ju84kiy7
[3] https://www.freiheitsfonds.de/
[4] https://www.nd-aktuell.de/artikel/1195758.ersatzfreiheitsstrafe-wenn-schwarzfahren-ins-gefaengnis-fuehrt.html
[5] https://www.lto.de/recht/hintergruende/h/schwarzfahren-entkriminalisierung-265a-stgb-hubig-koalition
[6] https://www.gmx.net/magazine/politik/sicht-ehrlichen-steuerzahler-miserabler-zustand-42066166

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Die Straße von Malakka: Das vergessene Nadelöhr

Von Telepolis — 22. April 2026 um 06:00
Karte der Straße von Malakka

Karte der Straße von Malakka

(Bild: Commons)

Millionen Tonnen Waren passieren täglich die Straße von Malakka – doch kaum jemand kennt dieses Nadelöhr. Was, wenn es plötzlich gesperrt würde?

Alles schaut derzeit auf die Straße von Hormus [1]. Viel größer ist allerdings das Risiko [2] in der Straße von Malakka, die zwischen Indonesien im Westen sowie Malaysia und Singapur im Osten liegende Meerenge. Zwischen Singapur und den umliegenden indonesischen Riau-Inseln ist dieser Schifffahrtsweg ein Flaschenhals von nur wenigen Kilometern Breite.

In dieser Gegend greifen jährlich mehrere Dutzend Male Piraten internationale Frachtschiffe an, zumeist von indonesischer Seite ausgehend. Bisweilen werden selbst Tanker gekapert, doch für die unzähligen riesigen Handelsschiffe der großen internationalen Reedereien gelten inzwischen nicht mehr als Sicherheitsproblem, das für die Versicherung der Frachter eine Bedeutung hätte.

US-amerikanische Gefahr für China und Europa

Aufgrund des hohen Schiffsverkehrsaufkommens für Import, Export und Energiezufuhr in den asiatischen Staaten, allen voran China, hat die Straße von Malakka große strategische Bedeutung. Sicherheitspolitisch stehen China und Europa hier vor dem "Malakka-Dilemma", da die USA in einem Konfliktfall diese Lebensader für Chinas Wirtschaft und Energie leicht blockieren könnten.

Jedoch sind neben China auch andere asiatische Staaten wie Indien, Japan, Südkorea und die ASEAN-Mitglieder, aber auch Europa wirtschaftlich auf die freie Passierbarkeit der Straße von Malakka angewiesen. Die Straße von Malakka wird daher metaphorisch auch die "Aorta des Indo-Pazifischen Raums" genannt.

Praktisch der gesamte maritime Handel zwischen Europa und Ost- und Südostasien führt durch die Straße von Malakka. Zentral ist dabei der Hafen von Singapur, der nach dem Hafen von Shanghai zweitgrößte Warenumschlagplatz der Welt.

Die ehemals britische Kolonie Singapur ist der heute der weltweit führende Transshipment-Hub [3] und verbindet jährlich über 600 Häfen in 123 Ländern. Mit einem Rekordaufkommen von rund 41,66 Millionen TEU [4] im Jahr 2025 fungiert der Hafen als zentraler Umschlagplatz, an dem Waren von einem Schiff auf ein anderes verladen werden. Der Betrieb wird hauptsächlich von PSA Singapore [5] und Jurong Port [6] gesteuert, wobei derzeit eine massive Konsolidierung in den neuen Tuas-Mega-Hafen [7] erfolgt.

In unmittelbarer Nachbarschaft liegen die malaysischen Häfen Port Klang [8] oder Port Kelang und Tanjung Pelepas [9] sowie der Hafen von Tanjung Priok [10], der in Nord-Jakarta liegt und wird von der indonesischen Staatsgesellschaft PT Pelindo betrieben wird.

Schiffe auf dem Weg nach China passieren zudem den vietnamesischen Hafen von Ho Chi Minh City. Er ist einer der wichtigsten Seehäfen Vietnams und der einzige, der Post-Panamax-Schiffe [11] abfertigen kann. Post-Panamax-Schiffe sind Schiffe, die aufgrund ihrer Abmessungen die ursprünglichen Schleusen des Panamakanals nicht passieren konnten.

Kleine Abstecher von der Straße von Malakka führen zum Hafen von Laem Chabang [12] im Golf von Thailand und zum philippinischen Hafen von Manila. Nicht für alle dieser Umschlagplätze gibt es wechselseitige Direktverbindungen mit Containerschiffen nach Deutschland.

Welche Alternativen zur Straße von Malakka gäbe es?

Geopolitisch spielt die Straße von Malakka traditionell eine überragende Rolle. Im internationalen Krisenfall wäre sie militärisch so einfach zu blockieren wie die Straße von Hormus oder das Tor der Tränen/Bab al-Mandab. In diesem Falle würden die globalen Lieferketten fast aller Industrien von und nach China unmittelbar zusammenbrechen.

Geplante oder bestehende alternative Handelsrouten hätten deutliche Nachteile. Der am häufigsten diskutierte alternative Weg wäre eine etwa 90 Kilometer lange Landbrücke zwischen der Andamanensee und dem Golf von Thailand.

Im südöstlich der Straße von Malakka gelegenen indonesischen Archipel gäbe es einige alternative Handelswege zwischen dem Indischen Ozean und dem Südchinesischen Meer, darunter die Straße von Sunda, zwischen den indonesischen Hauptinseln Sumatra und Java. Sie ist allerdings für große Handelsschiffe zu flach. Hier liegen zudem die noch aktiven Überreste des einstigen Supervulkans Krakatau.

Die tiefere, zwischen den kleineren Inseln Bali und Lombok gelegene Straße von Lombok wäre gegenüber der Straße von Malakka ein Umweg von bis zu 1.000 Seemeilen, was mehr als einer Woche zusätzlicher Fahrzeit entspräche. Diese Durchfahrt ließe sich zudem ebenfalls leicht blockieren.

Eine wenig befahrene Handelsroute ist die Straße von Ombai. Sie führt nördlich der Insel Timor durch die kleinen Sundainseln in die Bandasee und wäre gegenüber dem Weg durch die Straße von Lombok eine um weitere Hunderte Seemeilen längere Route.

Thai-Kanal keine Option

Die Idee eines Thai-Kanals ist schon alt. Bereits im 17. Jahrhundert entstanden Pläne, Thailands Halbinsel an ihrer schmalsten Stelle für den Schiffsverkehr zu durchbrechen. Doch auch die jüngsten Pläne für den Bau eines Kanals scheiterten an zu hohen Kosten und am thailändischen Verfassungsgrundsatz, dass das Thai Königreich nicht teilbar ist.

Erfolgreicher schien zuletzt die Idee, statt des Kanals eine Landbrücke zu bauen. Thailands Regierung warb 2024 in Peking um chinesische Investoren, damit sie das Projekt bis 2030 umsetzen. Alternativ könnten auch die Staaten am Persischen Golf Teile der Finanzierung übernehmen.

Die angedachte Landbrücke ist rund 90 Kilometer lang. Sie soll den Hafen Chumphon am Golf von Thailand mit dem Hafen Ranong an der Andamanensee und damit den Pazifischen mit dem Indischen Ozean verbinden. Containertransporte zwischen Asien und Europa könnten so die Straße von Malakka vermeiden und mögliche Seeblockaden durch USA umgehen. Preiswerter als der Seetransport ist der Landweg nicht, aber möglicherweise die einzige verbleibende Verbindung zwischen Ost-/Südost-Asien und Europa.


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[1] https://www.telepolis.de/thema/Stra%C3%9Fe-von-Hormus
[2] https://www.19fortyfive.com/2026/04/forget-hormuz-the-strait-of-malacca-moves-3500000000000-in-goods-a-year-close-it-and-watch-the-global-economy-crash/
[3] https://www.lufapak.de/lexikon/transshipment/#:~:text=Der%20Transshipment-Prozess%20beginnt%20mit,ihrem%20Ursprungsort%20zum%20Zielort%20geschehen.
[4] https://www.lis.eu/lexikon/teu/#:~:text=TEU%20in%20der%20Logistik:%20Definition%2C%20Bedeutung%20und,Einheit%20zur%20Z%C3%A4hlung%20dieser%20genormten%20ISO-Containern%20verwendet.
[5] https://www.singaporepsa.com/
[6] https://www.jp.com.sg/
[7] https://www.mpa.gov.sg/maritime-singapore/port-of-the-future
[8] https://www.pka.gov.my/index.php/en/
[9] https://www.ptp.com.my/
[10] https://www.seabaycargo.com/seaport/detail/Tanjung-Priok_Indonesia_IDTPR.html
[11] https://www.inboundlogistics.com/articles/post-panamax-ships/
[12] https://hutchisonports.co.th/laem-chabang-port/

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Gesetzliche Rente: Nur noch Basis – und dann?

Von Telepolis — 21. April 2026 um 18:05
Ein Mann legt eine Münze in eine Sparschwein, eine Frau steht dahinter.

(Bild: Lordn / Shutterstock.com)

Merz nennt die gesetzliche Rente nur noch Basisschutz – und löst damit den heftigsten Koalitionsstreit seit Regierungsstart aus.

Die gesetzliche Rente [1] ist nicht das Lieblingsthema von Bundeskanzler Friedrich Merz. Und das hat er beim Jahresempfang des Bundesverbandes deutscher Banken unter Beweis gestellt – und einmal mehr einen heftigen Streit in der Koalition ausgelöst.

Der CDU-Politiker sagte laut Deutscher Presse-Agentur (dpa):

"Die gesetzliche Rentenversicherung allein wird allenfalls noch die Basisabsicherung sein für das Alter. Sie wird nicht mehr ausreichen, um den Lebensstandard zu sichern."

Stattdessen forderte er, dass die Altersvorsorge kapitalgedeckte Elemente der betrieblichen und privaten Vorsorge "in weit größerem Umfang" als bisher ausweise. Und dann wandte er sich direkt an die anwesenden Banker: "Hier kommen Sie ins Spiel".

SPD droht mit "erbittertem Widerstand"

Der Koalitionspartner reagierte scharf. SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf erklärte im Spiegel:

"Wenn der Bundeskanzler die gesetzliche Rente auf eine 'Basisrente' herunter rasieren will, wird er auf den erbitterten Widerstand der Sozialdemokratie treffen."

Für mehr als die Hälfte der Menschen in Deutschland sei die gesetzliche Rente die einzige Alterssicherung. Im Osten des Landes gelte das sogar für drei Viertel aller Ruheständler.

SPD-Fraktionsvize Dagmar Schmidt betonte laut dpa: "Auf die gesetzliche Rente muss Verlass sein." Wer Verunsicherung schüre, handle verantwortungslos.

SPD-Politiker Dirk Wiese plädierte dafür, den Kreis der Einzahler zu erweitern – etwa um Bundestagsabgeordnete – und verwies auf Vorbilder in Österreich und den Niederlanden.

Gewerkschaften und Sozialverbände warnen

Auch außerhalb der Koalition fiel die Kritik heftig aus.

DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel nannte es laut dpa "an Dreistigkeit nicht zu überbieten", die gesetzliche Rente zum Basisanspruch kleinzureden. VdK-Präsidentin Verena Bentele warnte vor einem "gefährlichen Paradigmenwechsel".

Grünen-Fraktionsvize Andreas Audretsch forderte den Kanzler auf, "für grundlegende Reformen zu werben, nicht für einen Abriss des ganzen Rentensystems".

BSW-Gründerin Sahra Wagenknecht bezeichnete Merz' Pläne als [2] "Anschlag auf die ostdeutschen Rentner". Sie forderte auch eine Volksabstimmung zwischen dem "Modell Merz" und dem "Modell Österreich" – dort liegt die durchschnittliche Rente rund 800 Euro höher als in Deutschland.

Warum das Rentensystem unter Druck steht

Hinter der Debatte steckt ein reales Problem. Die geburtenstarken Babyboomer-Jahrgänge gehen in den Ruhestand. Jüngere Generationen können sie zahlenmäßig nicht ersetzen.

Das Rentenniveau – also das Verhältnis der Rente zum Durchschnittseinkommen – liegt aktuell bei 48 Prozent. Gesetzlich garantiert ist dieser Wert aber nur bis 2031.

Ab 2032 sinkt er laut Alexander Gunkel, Vorsitzender des Bundesvorstandes der Deutschen Rentenversicherung Bund, dauerhaft darunter. Bei schlechter Wirtschaftslage droht ein Absinken auf 46,1 Prozent.

Der aktuelle Beitragssatz von 18,6 Prozent des Bruttoeinkommens reicht schon heute nicht aus. Der Bund schießt jährlich Milliarden zu.

Gleichzeitig stieg die Zahl der Rentner in Grundsicherung [3] innerhalb von fünf Jahren um rund ein Drittel auf über 755.000. Frauen trifft es besonders hart: Jede fünfte über 65 gilt als armutsgefährdet.

Was die geplante Rentenreform bringen soll

Die schwarz-rote Koalition arbeitet an einer großen Rentenreform. Eine Expertenkommission verhandelt seit Januar hinter verschlossenen Türen. Im Sommer 2026 sollen Vorschläge vorliegen, zum 1. Januar 2027 soll die Reform greifen.

Im Koalitionsvertrag steht das Konzept eines "Gesamtversorgungsniveaus", das alle drei Säulen – gesetzliche, betriebliche und private Vorsorge – zusammenfasst.

Ein konkreter Baustein existiert bereits: Der Bundestag hat einen Nachfolger für die als zu teuer geltende Riester-Rente beschlossen. Ab Januar 2027 sollen neue staatlich geförderte Vorsorgeprodukte mit niedrigeren Kosten und höherer Rendite zur Verfügung stehen.

Was das für Beitragszahler heißt

Laut dem jüngsten Alterssicherungsbericht macht die gesetzliche Rente 69 Prozent aller Leistungen an über 65-Jährige aus. Betriebsrenten kommen nur auf 7 Prozent, private Vorsorge auf 17 Prozent.

Experten empfehlen jedoch 70 bis 80 Prozent des letzten Nettogehalts [4], um den Lebensstandard im Alter zu halten.

Die Kluft zwischen diesen Zahlen zeigt: Ohne zusätzliche Vorsorge droht vielen Beitragszahlern eine spürbare Lücke im Alter.

Ob die geplante Reform den Spagat zwischen stabilen Beiträgen und ausreichender Absicherung schafft, bleibt offen. In zweieinhalb Monaten will die Koalition liefern.


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Links in diesem Artikel:
[1] https://www.telepolis.de/article/Gesetzliche-Rente-Rentensystem-Rentenpunkte-und-Vorsorge-einfach-erklaert-10621605.html
[2] https://www.stern.de/politik/deutschland/rentenreform--ostdeutscher-rentenaufstand-gegen-friedrich-merz-37328918.html
[3] https://www.telepolis.de/article/Rente-reicht-nicht-Immer-mehr-Senioren-auf-Sozialhilfe-angewiesen-11143006.html
[4] https://www.telepolis.de/article/Wie-gross-ist-die-Rentenluecke-in-Deutschland-wirklich-10629750.html

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Frieden oder Krieg: Die Uhr tickt am Persischen Golf

Von Telepolis — 21. April 2026 um 17:00
Zwei Fahnen, USA und Iran, sind durch einen Riss getrennt. Im Hintergrund Container.

Die Spannungen zwischen den USA und dem Iran nehmen zu, während der Waffenstillstand am Persischen Golf ausläuft.

(Bild: RUMANA FERDOUSI / Shutterstock.com)

Der Waffenstillstand läuft ab – Trump nennt eine Verlängerung "sehr unwahrscheinlich". Jetzt reagieren auch die Ölmärkte.

Der Konflikt könnte wieder aufflammen und wieder könnten die Waffen sprechen am Persisischen Golf. In einem Interview mit Bloomberg [1]bezeichnete Trump eine Verlängerung des zweiwöchigen Waffenstillstands als "sehr unwahrscheinlich".

Die Feuerpause, die nach knapp 40 Tagen Kampfhandlungen am 8. April in Kraft getreten war, läuft am Mittwochabend Washingtoner Ortszeit aus.

Wie es weitergeht, wenn es bis dahin kein Abkommen geben sollte, das den US-Forderungen entspricht, ist weiterhin unklar. Trump war zuletzt wieder einmal mit widersprüchlichen Aussagen aufgefallen. Bloomberg wertet dies als ein strategisches Vorgehen: Die eigentliche US-Position soll verschleiert werden, um einen Vorteil bei den Verhandlungen zu haben.

Allerdings könnte auch Trump einen neuen Waffengang bevorzugen und damit seine Drohungen wahr machen, die er noch Anfang April der Regierung in Teheran entgegengeschleudert hatte.

In sozialen Medien hatte er etwa einen "Power Plant Day" und einen "Bridge Day" für den Iran angekündigt [2]. Wörtlich drohte er damit, dass "jede Brücke im Iran bis morgen Nacht um Mitternacht zerstört" und "jedes Kraftwerk im Iran außer Betrieb" sein werde. Das gesamte Land könne "in einer einzigen Nacht ausgeschaltet werden", so Trump weiter.

Die gezielte Zerstörung ziviler Infrastruktur wie Stromversorgung und Verkehrswege gilt nach den Genfer Konventionen als Verstoß gegen das humanitäre Völkerrecht, da sie die Zivilbevölkerung unmittelbar trifft.

Widersprüchliche Signale aus Teheran

Ob es vor Ablauf der Frist noch zu Verhandlungen kommt, bleibt indessen unklar. Wie das Wall Street Journal berichtet [3], hat der Iran regionalen Vermittlern mitgeteilt, am Dienstag eine Delegation nach Islamabad zu einer zweiten Gesprächsrunde entsenden zu wollen.

Gleichzeitig erklärte aber der Sprecher des iranischen Außenministeriums, Esmaeil Baqaei, es gebe zum jetzigen Zeitpunkt "keine Pläne für die nächste Verhandlungsrunde". Man glaube nicht an "Fristen oder Ultimaten", um Irans nationale Interessen zu sichern.

Irans Präsident Masoud Pezeshkian verwies demnach auf ein "tiefes, historisches Misstrauen" gegenüber der US-Regierung. "Iraner unterwerfen sich keiner Gewalt", sagte er.

Außenminister Abbas Araghtschi kritisierte die US-Drohungen scharf: "Die Provokationen, die Drohrhetorik und die anhaltenden Verstöße der USA gegen die Waffenruhe, insbesondere die Angriffe auf iranische Handelsschiffe, sind ein erhebliches Hindernis für eine Fortsetzung des diplomatischen Prozesses", wie der Stern berichtet [4].

Pakistan als Vermittler unter Druck

Pakistan hat sich als neutraler Gastgeber für die indirekten Gespräche zwischen Washington und Teheran etabliert. Bereits die erste Gesprächsrunde vom 11. und 12. April fand in Islamabad statt.

Für die US-Seite sollen Vizepräsident JD Vance, Sondergesandter Steve Witkoff und Trumps Schwiegersohn Jared Kushner nach Pakistan reisen.

Derweil zeigt sich das iranische Militär kampfbereit. Die Revolutionsgarden hätten "neue Ziele für eine Rückkehr zum Krieg identifiziert", meldete die ihnen nahestehende Nachrichtenagentur Tasnim.

Parlamentspräsident Mohammed Bagher Ghalibaf erklärte [5], man habe sich in den vergangenen zwei Wochen darauf vorbereitet, "neue Trümpfe auf dem Schlachtfeld auszuspielen".

Ölpreise reagieren nervös

Die Drohungen und die Blockade der Straße von Hormus, die von den USA und auch vom Iran mit jeweils entgegengesetzten Interessen durchgesetzt wird, schlagen sich unmittelbar an den Rohstoffmärkten nieder.

Der Ölpreis der Sorte Brent stieg um 5,6 Prozent auf 95,48 US-Dollar pro Barrel [6], die US-Referenzsorte WTI schloss am Montag bei 89,61 Dollar – ein Tagesplus von 6,9 Prozent. Der US-Benzinpreis liegt mittlerweile bei 4,09 US-Dollar pro Gallone [7], ein Anstieg von 38 Prozent seit Kriegsbeginn.

Über die strategisch wichtige Meerenge am Persischen Golf läuft rund ein Fünftel des globalen Öltransports.

Die Sprecherin des Weißen Hauses, Karoline Leavitt, erklärte im [8] Sender Fox News, die USA stünden "so kurz wie nie zuvor" vor einem "wirklich guten Abkommen" – im Gegensatz zum Atomabkommen von 2015 unter Obama.

Sollte es dennoch nicht dazu kommen, habe der Präsident "mehrere Optionen, von denen er ohne zu zögern Gebrauch machen wird".


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Links in diesem Artikel:
[1] https://www.bloomberg.com/news/articles/2026-04-20/trump-says-iran-truce-extension-unlikely-hormuz-to-stay-blocked
[2] https://time.com/article/2026/04/05/trump-power-plants-iran-hormuz/
[3] https://www.wsj.com/world/middle-east/iran-to-attend-pakistan-peace-talks-2cba73c8
[4] https://www.tickaroo.com/e/GCPtI9v4pbLyjdnU
[5] https://www.tickaroo.com/e/GCPujArkAonAFG4k
[6] https://apnews.com/article/stocks-markets-oil-iran-trump-6786cc283bc5b7cb78a3a9b7b5c2b1ac
[7] https://gasprices.aaa.com/drivers-see-small-break-as-gas-prices-tick-lower/
[8] https://www.tickaroo.com/e/GCPvvFZRQO5nkQzx

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Alkohol: Wir erinnern uns an den Rausch, nicht an das Verlangen

Von Telepolis — 21. April 2026 um 15:00
Geschäftsmann, der ängstlich aussieht, während er bei der Arbeit eine Hüftflasche aus seiner Jacke nimmt, und dabei Alkoholsucht am Arbeitsplatz versteckt.

(Bild: Melnikov Dmitriy / Shutterstock.com)

Unser Gehirn verdrängt das Verlangen nach Alkohol – und das macht Suchtdiagnosen unzuverlässiger als bisher gedacht.

Wer nach seinem Trinkverhalten der vergangenen Monate gefragt wird, erinnert sich in erster Linie an Ereignisse, die herausstechen: einen Unfall, einen Streit, verpasste Vorlesungen.

Subtilere Symptome einer Alkoholkonsumstörung (Alcohol Use Disorder, AUD) – etwa das schleichende Verlangen nach Alkohol oder eine wachsende Toleranz – verschwinden dagegen häufig aus dem Gedächtnis. Das ist das zentrale Ergebnis einer kürzlich in "Clinical Psychological Science" veröffentlichten Studie [1] der University of Washington.

Für Kliniken und Suchtberatungen ist das ein Problem: Retrospektive Selbstberichte, bei denen Patienten ihr Verhalten über die vergangenen sechs bis zwölf Monate einschätzen, gelten seit Jahrzehnten als Standardwerkzeug in Diagnostik und Forschung.

Doch wie die Studie zeigt, erfassen sie nur einen Teil des tatsächlichen Geschehens. "Uns fehlt die Hälfte des Bildes", betonte Kevin King [2], Professor für Psychologie an der University of Washington und Co-Autor der Studie.

496 Teilnehmer, fünf Smartphone-Abfragen pro Tag

Das Forscherteam um Erstautorin Dani Kang, Assistenzprofessorin für Psychiatrie an der University of Washington, untersuchte 496 junge Erwachsene zwischen 18 und 22 Jahren im US-Bundesstaat Washington.

Alle gaben an, mindestens einmal pro Woche Alkohol oder Cannabis zu konsumieren.

Die Teilnehmer füllten zu Studienbeginn und nach sechs Monaten klassische retrospektive Fragebögen aus. Parallel dazu erhielten sie über einen Zeitraum von acht Wochen fünfmal täglich kurze Umfragen auf ihr Smartphone – eine Methode, die in der Forschung als Ecological Momentary Assessment (EMA) bezeichnet wird.

Die Echtzeit-Befragungen konzentrierten sich auf sieben AUD-Symptome: riskanten Konsum, soziale und berufliche Probleme, Vernachlässigung von Pflichten, Verlangen (Craving), Toleranz, über die eigene Absicht hinausgehenden Konsum sowie Zeitaufwand für den Erwerb und die Nutzung von Alkohol.

Die Messungen erfolgten gezielt an verlängerten Wochenenden von Donnerstag bis Sonntag, wenn der Substanzkonsum unter jungen Erwachsenen typischerweise am höchsten liegt. Die Compliance-Rate der Teilnehmer lag bei knapp 62 Prozent; 78 Prozent hatten mindestens einen Trinktag im Erfassungszeitraum.

Ereignisse bleiben im Gedächtnis, Gefühle nicht

Die Ergebnisse zeigten eine deutliche Kluft: Bei konkreten, ereignisbasierten Symptomen wie riskantem Konsum, sozialen Problemen oder dem Versäumen von Pflichten stimmten Echtzeit-Daten und spätere Rückblicke gut überein.

Bei subjektiven Erfahrungen wie Craving oder Toleranzveränderungen war die Übereinstimmung dagegen schwach bis nicht signifikant.

"Man kann wohl sagen, dass Menschen sich besser daran erinnern, was ihnen widerfahren ist, als daran, wie sie sich dabei gefühlt haben", so King.

Bemerkenswert ist zudem, dass die täglichen Symptomwerte das Trinkverhalten der Teilnehmer sechs Monate später besser vorhersagten als die retrospektiven Berichte allein.

Echtzeit-Daten könnten demnach Muster sichtbar machen, die auf ein längerfristiges Risiko hindeuten – noch bevor Betroffene selbst diese Muster erkennen.

Grenzen der Studie und technische Perspektiven

Die Forscher weisen auf eine wesentliche Einschränkung hin: Der überwiegende Teil der erfassten Trinktage ging mit gleichzeitigem Cannabiskonsum einher. Ob bestimmte Symptome allein durch Alkohol oder durch den kombinierten Konsum beider Substanzen verursacht wurden, lasse sich daher nicht eindeutig trennen.

Künftige Analysen sollen diesen Faktor berücksichtigen, erklärte Kang.

Zur geschlechtsspezifischen Auswertung macht die Studie keine detaillierten Angaben.

Für die klinische Praxis ergibt sich aus den Ergebnissen keine Entweder-oder-Entscheidung. "Echtzeit- und retrospektive Erhebungen sind nicht austauschbar, weil sie unterschiedliche Stärken haben", betonte King.

"Echtzeit-Messungen zeigen uns, wie jemand die Welt im Moment erlebt. Retrospektive Erhebungen sind eine Mischung aus aggregierten Momenten und der Art, wie Menschen diese bewerten oder einordnen."

Biosensoren und GPS als nächster Schritt

Das Forscherteam arbeitet bereits an der Erweiterung des Ansatzes: Transdermale Alkohol-Biosensoren, die den Alkoholgehalt im Schweiß messen, und GPS-Tracking sollen künftig Verhaltens- und Umgebungsdaten in Echtzeit liefern.

Bisherige Untersuchungen solcher Sensoren zeigen vielversprechende Genauigkeitswerte – etwa eine Fläche unter der ROC-Kurve (AUROC) von 0,966 für die Erkennung von Alkoholkonsum. Allerdings traten je nach Sensormodell Fehlfunktionsraten zwischen je nach Sensor und Gerätegeneration zwischen 2 und 38 Prozent auf.

Die Implementierung solcher Systeme in der klinischen Routine dürfte allerdings Fragen aufwerfen – gerade in Europa. Smartphone-Apps, die fünfmal täglich sensible Gesundheitsdaten erfassen, oder Wearables mit Geolokalisierung unterliegen strengen Datenschutzanforderungen.

In Deutschland wäre die Verarbeitung solcher Daten als besondere Kategorie personenbezogener Daten nach Artikel 9 der DSGVO an enge Voraussetzungen geknüpft: ausdrückliche Einwilligung, Pseudonymisierung, Zweckbindung und klare Löschfristen.

"Wenn man nur einen Hammer hat, sieht alles wie ein Nagel aus", sagte King. "Wir müssen diese Werkzeuge weiterentwickeln und verfeinern, damit wir sie weniger grob einsetzen können."

Angesichts der Tatsache, dass nach Daten der American Psychiatric Association in den USA weniger als zehn Prozent der Betroffenen mit AUD behandelt werden, könnten präzisere Diagnosewerkzeuge einen erheblichen Unterschied machen.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11266038

Links in diesem Artikel:
[1] https://doi.org/10.1177/21677026261420146
[2] https://www.psychologicalscience.org/news/2026-apr-young-adults-alcohol.html

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