Die US-Regierung ordnet die Abschaltung der KI-Modelle Claude Fable 5 und Claude Mythos 5 an.
(Bild: Nwz / Shutterstock.com)
Das US-Handelsministerium erzwingt per Exportkontrolle die weltweite Abschaltung der neuen KI-Modelle Claude Fable 5 und Claude Mythos 5 von Anthropic.
Drei Tage nach dem Start seiner bislang leistungsfähigsten KI-Modelle Claude Fable 5 und Claude Mythos 5 [1] muss Anthropic beide Systeme weltweit offline nehmen.
Das US-Handelsministerium hat dem Unternehmen am Abend des 12. Juni eine Exportkontrollverfügung zugestellt, die den Zugriff für sämtliche ausländische Staatsangehörige untersagt – unabhängig davon, ob diese sich in den USA aufhalten oder nicht.
Wie Anthropic in einem Statement [2] mitteilte, ging die Anordnung um 17:21 Uhr Ostküstenzeit ein. Da das Verbot nicht nur ausländische Endkunden, sondern ausdrücklich auch eigene Mitarbeiter ohne US-Staatsbürgerschaft einschließe, könne eine gezielte Filterung auf Accountebene nicht kurzfristig umgesetzt werden.
Anthropic habe sich deshalb entschieden, beide Modelle für sämtliche Nutzer zu deaktivieren. Alle übrigen Claude-Modelle bleiben verfügbar.
Die Verfügung stützt sich auf die Export-Administration-Regulations (EAR), die das Bureau of Industry and Security (BIS) verwaltet.
Traditionell zielen US-Exportkontrollen im KI-Bereich auf Hardware wie Hochleistungs-GPUs. Seit 2025 erweitert das BIS seinen Rahmen aber explizit um KI-Modellgewichte und fortgeschrittene Systeme.
Laut einem Bericht [3] von Axios stuft Handelsminister Howard Lutnick Claude Fable 5 und Claude Mythos 5 ähnlich ein wie kontrollierte Dual-Use-Güter. Für jeden Export oder Transfer sei eine individuelle Lizenz erforderlich. Bei Zuwiderhandlung drohen erhebliche zivil- und strafrechtliche Konsequenzen.
Dass Washington dabei ausgerechnet Anthropic trifft, überrascht: Das Unternehmen hatte vor dem Launch über Tausende Stunden hinweg Red-Team-Tests mit der US-Regierung, der britischen AISI und externen Organisationen durchgeführt.
Erst am selben Tag hatte Anthropic verdeckte Sicherheitseingriffe bei Fable 5 abgestellt [4] und mehr Transparenz versprochen.
Der konkrete Anlass für die Anordnung wirkt aus technischer Sicht bemerkenswert banal. Wie Anthropic erläutert, hat die Regierung bislang nur mündliche Hinweise auf einen sogenannten nichtuniversellen Jailbreak geliefert.
Die Methode bestehe im Wesentlichen darin, das Modell aufzufordern, eine bestimmte Codebasis zu lesen und vorhandene Softwarefehler zu beheben – also eine Tätigkeit, die in der Branche als automatisiertes Debugging bekannt ist.
Anthropic prüfte nach eigener Darstellung den Bericht, der der Regierung als Grundlage diente. Das Ergebnis: Die dabei gezeigten Fähigkeiten seien bei Konkurrenzmodellen weit verbreitet, darunter OpenAIs GPT-5.5 [5], und würden täglich von Sicherheitsfachleuten zur Verteidigung von IT-Systemen genutzt.
Kein universeller Jailbreak sei gefunden worden, der die Schutzmechanismen des Modells breit aushebeln könne. Die gemeldeten Befunde seien entweder harmlos oder geringfügig und böten keinen spezifischen Vorteil gegenüber dem ohnehin öffentlich Verfügbaren.
Unabhängige Stimmen aus der Security-Community sehen das offenbar ähnlich. In Fachforen und auf Social-Media-Plattformen äußern Entwickler und Sicherheitsforscher Unverständnis darüber, dass ausgerechnet automatisches Code-Audit als Anlass für eine Exportkontrolle dient, während andere Frontier-Modelle vergleichbare Funktionen bieten. Wer nachvollziehen will, was Claude Fable 5 im Praxistest tatsächlich leistet, findet eine Einordnung im heise-Plus-Test [6].
Anthropic formuliert seine Kritik ungewöhnlich deutlich. Die Entdeckung eines begrenzten potenziellen Jailbreaks solle kein Grund sein, ein kommerzielles Modell zurückzurufen, das bei Hunderten von Millionen Menschen im Einsatz sei.
Würde dieser Maßstab branchenweit gelten, kämen im Wesentlichen alle neuen Modelle sämtlicher Anbieter von Frontier-Modellen zum Erliegen.
Das Unternehmen betont zugleich, die Regierung solle unsichere Deployments grundsätzlich stoppen dürfen – aber nur im Rahmen eines gesetzlichen Verfahrens, das transparent, fair und auf technischen Fakten gegründet sei. Die aktuelle Maßnahme erfülle diese Kriterien nicht.
Für europäische Nutzer und Unternehmen wirft der Fall eine grundsätzliche Frage auf: Wenn US-Exportkontrollen Cloud-basierte KI-Modelle innerhalb weniger Stunden global abschalten können, wächst der Druck auf eigene europäische Alternativen.
Konkrete Hinweise auf ähnliche Verfügungen gegen andere Anbieter wie OpenAI, Google oder Meta sind bislang nicht bekannt. Allerdings erlaubt der regulatorische Rahmen des BIS strukturell, vergleichbare Auflagen künftig auch auf andere Frontier-Modelle anzuwenden.
Anthropic kündigte an, innerhalb von 24 Stunden weitere Details zu veröffentlichen. Das Unternehmen bezeichnete [7] die Maßnahme gegenüber AP News inzwischen als "Missverständnis" und strebt eine schnellstmögliche Wiederfreischaltung der Modelle an.
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Die Bundeswirtschaftsministerin wollte in Peking faire Bedingungen einfordern. Doch angesichts dramatischer Abhängigkeiten blieb nur Schweigen.
Katherina Reiche wollte den deutschen Kurs gegenüber China konsequenter gestalten. "Wir haben unsere Interessen in der Vergangenheit nicht klar genug benannt", erwähnte Reiche [1] vor ihrer Reise. Doch die Süddeutsche stellte schon am 28. Mai fest [2]:
"Die Ministerin folgt bei ihrer ersten China-Reise einer bewährten deutschen Strategie: staunen und schweigen."
Als Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche sich im Mai 2026 zu ihrer ersten offiziellen Wirtschaftsreise nach Fernost aufmachte, waren ihre Wirtschaftsbegleiter bemüht, die Reise als völlig unspektakulär darzustellen, weil sie ihre Ziele möglichst geräuschlos erreichen wollten.
Nur Reiche versuchte die politische Zuspitzung. Im Zentrum ihrer Gespräche in Peking und Kanton sollten die Forderung nach fairen Wettbewerbsbedingungen sowie die Bewältigung des Handelsungleichgewichts zwischen beiden Ländern stehen.
Das Problem [3] hinter dem zunehmenden Ungleichgewicht ist die Tatsache, dass die Nachfrage nach deutschen Produkten in China zurückgeht, während chinesische Produkte in Deutschland faktisch immer beliebter werden. Dies beruht weniger auf besonderer Beliebtheit von "Made in China", sondern eher auf der Entwicklung, dass viele deutsche Marken inzwischen, soweit sie überlebt haben, in China produzieren lassen.
Und manche Produktgruppen wie Medikamente und Smartphones kommen heute fast ausschließlich aus dem Reich der Mitte. Nur Samsung produziert noch in Südkorea und die ehemalige Siemens-Marke Gigaset fertigt zwar noch in Bocholt, ist jedoch vollständig im Besitz des Hongkonger Konzerns VTech.
Die deutschen Exporte nach China brachen im ersten Quartal um 12,5 Prozent auf 18 Milliarden Euro ein. Damit rutschte China auf Platz neun der wichtigsten Abnehmermärkte deutscher Waren. Da sich die strukturelle Nachfrageschwäche im chinesischen Binnenmarkt nicht schnell erholen dürfte, verschärft sich das Handelsungleichgewicht weiter.
Die Situation im deutschen Außenhandel mit China ist inzwischen so prekär, dass ein früher gerne zumindest gegenüber der Öffentlichkeit vorgebrachtes Thema wie die Menschenrechtsverstöße [4] in China schlicht nicht mehr existiert.
Deutschland muss inzwischen mehr auf seine Zukunft im Welthandel achten, da kann man sich solche Anwürfe nicht mehr leisten. Hatte die verflossene Ampel-Regierung im Juli 2023 noch eine China-Strategie [5] verabschiedet, die als Ziel formulierte, Abhängigkeiten in kritischen Bereichen zu verringern, haben sich die deutschen Abhängigkeiten von China unter schwarz-rot eher noch verstärkt.
Laut einer aktuellen Studie [6] der Friedrich-Naumann-Stiftung, ist Chinas Anteil an deutschen Importen bei wiederaufladbaren Lithium-Batterien zwischen 2023 und 2025 von 49,7 auf 66,5 Prozent gestiegen.
Bei Antibiotika kletterte der chinesische Anteil von 65,3 auf 72,9 Prozent, bei Vitaminen und Provitaminen von 71,3 auf 81,6 Prozent.
Und bei PV-Panels erreichte China laut der Stiftung einen neuen Höchstwert von 92,6 Prozent des gesamten Imports.
Bei strategisch wichtigen Seltenen Erden [7] wie Praseodym, Neodym und Samarium, wichtig für die Produktion von Elektromotoren, bleibt China praktisch der einzige Lieferant. Die Importmenge dieser Warengruppe stieg von 3,1 Tonnen im Jahr 2023 auf 13,0 Tonnen im Jahr 2025. China kann aufgrund seiner Monopolposition festlegen, welchem Unternehmen welche Menge der gesuchten Produkte zugeteilt wird.
Bei der Chinareise sollte es neben der Rohstofffrage vorrangig um die Handelsbeziehungen und künftigen Investitionsbedingungen für deutsche Firmen in der Volksrepublik gehen.
Ganz offensichtlich war schon die Reisevorbereitung etwas chaotisch, was für das reiseerprobte Wirtschaftsministerium sonst eher selten der Fall und deshalb eher ungewöhnlich ist.
Während Reiche ankündigte die deutschen Wirtschaftsinteressen [8] gegenüber der chinesischen Führungsriege in Peking und der südchinesischen Industriemetropole Guangzhou ruhig und lösungsorientiert angehen [9] zu wollen, kamen von den mitreisenden Vertretern der deutschen Wirtschaft gänzlich unterschiedliche Argumente.
So forderte der Maschinenbauverband VDMA, Reiche müsse unmissverständlich klarmachen, dass die Bundesregierung systematische Wettbewerbsverzerrungen nicht länger hinnehme, während Miguel López [10], Vorstandschef bei Thyssenkrupp postulierte:
"Wir sollten chinesische Unternehmen einladen, nach Europa zu kommen, in Europa zu produzieren."
Die Tatsache, dass es im Nachgang der China-Reise von Ministerin Reiche keine Pressemeldung aus dem Ministerium zu dem Vorgang gab, lässt sich wohl damit erklären, dass sich die beiden Seiten ihre Vorstellungen zwar gegenseitig artig vorgetragen haben, aber es zu keinen gemeinsamen Erklärungen kam.
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Seeschlacht des zweiten Englisch-niederländischen Krieges 1665
(Bild: National Maritime Museum London/Commons)
Zwei Republiken, ein Ozean – und kein Platz für beide: Wie die Niederlande und England drei Jahrzehnte lang um die Hegemonie auf den Weltmeeren kämpften.
In einem Zeitalter der Monarchien traten zwei Republiken in den Kampf um die Vorherrschaft auf den Ozeanen ein: die Vereinigten Niederlanden und die englisch-schottisch-irische Republik (Commonwealth).
Die Unabhängigkeit der Niederlande von Spanien, endgültig am 30. Januar 1648 in Münster als Bestandteil des Westfälischen Friedens festgehalten, und die Ausrufung der Republik am 19. Mai 1649 in London als Folge der Hinrichtung König Karls I., setzten expansive Energien frei, die unmittelbar darauf zu mehreren Kriegen um die Herrschaft auf den Meeren führten.
Zu Lande hatte Cromwells Streitmacht die Iren (1649–52) brutal niedergeworfen und die Schotten (1650/51) gefügig gemacht. Die Niederländer behaupteten sich gegen die überlegene spanische Militärmaschine, die seit 1566 jahrzehntelang versucht hatte die Unabhängigkeit der sieben nördlichen Provinzen Holland, Seeland, Friesland, Groningen, Overijssel, Geldern und Utrecht zu verhindern.
Thomas Hobbes, Zeitzeuge der englischen Revolution [1], hatte in seinem Spätwerk "Behemoth" als eine Ursache des Bürgerkriegs den Neid des englischen, besonders des Londoner Großbürgertums auf die Profite der Niederländer im Seehandel ausgemacht. Die Handels-, Finanz- und Manufakturkapitalisten auf der Insel sahen, wie die Niederländer hohe Gewinne mit dem Zwischenhandel aller möglichen Waren, mit dem Gewürz- und Sklavenhandel sowie der Ausbeutung der Kolonien machten.
Die Engländer begannen eine eigene koloniale Expansion. Im Jahre 1651 eigneten sie sich Surinam an und 1655 eroberten sie auf Initiative Cromwells das bis dahin spanische Jamaika. In Nordamerika starteten sie erste Versuche von Ansiedlungen. Aber die Niederländer waren meist schon da und ließen sich nicht so einfach aus den lukrativen Geschäften mit der kolonialen Ausbeutung verdrängen. Sie schienen den Briten gewachsen zu sein. Spaniens Militärmacht dagegen befand sich zu Lande und zur See auf dem absteigenden Ast.
So erließ Cromwell 1651 die sogenannte Navigationsakte (navigation act), nach der Waren nach England nur auf britischen Schiffen oder von solchen des Erzeugerlandes transportiert werden durften. Das gefährdete das niederländische Handelsmonopol zur See und war Auslöser von drei niederländisch-englischen Seekriegen, die die Engländer Dutch Wars und die Holländer Engelse Oorlogen nannten.
Zwischen 1652 und 54 versuchten die sieben vereinigten Provinzen der Niederlande die Rücknahme der Navigationsakte zu erreichen. Anfang März 1652 beschlossen sie ihre Flotte aufzurüsten. Die Engländer verfügten bereits seit den 1630ern über größere und besser bewaffnete Kriegsschiffe mit bis zu drei Batteriedecks und 100 Kanonen, die noch unter König Karl I. in Dienst gestellt worden waren. Die Republik der Engländer, Schotten und Iren, wie das Cromwellsche Staatswesen nun hieß, erbte diese modernen schweren Galeonen.
Durch die bessere Bewaffnung und das eingeübte taktische Verhalten im Gefecht blieben die Engländer in den Seeschlachten von Dover (1652) und Scheveningen (1653) den Niederländern überlegen. Ansonsten attackierten sich die Gegner mit Angriffen auf die jeweils feindlichen Handelskonvois, Hafenblockaden und Kaperüberfällen auf einzelne Handelsschiffe. Die Holländer erkannten ihre Defizite und akzeptierten im Frieden von Westminster 1654 die Navigationsakte.
Damit war die Konkurrenz zwischen den beiden aufstrebenden Mächten aber nicht verschwunden. Die Niederländer zogen die Lehren aus dem verlorenen 1. Seekrieg: sie bauten besser bewaffnete Schiffe und suchten sich Verbündete in den Dänen, die für den Ostseezugang wichtig waren, und den Franzosen, die gerade unter Ludwig XIV. Heer und Flotte aufrüsteten und in den kolonialen Wettlauf eintraten.
Derweil tat sich in Britannien Erstaunliches: mit dem Tod des Lordprotektors und Diktators Cromwell am 3. September 1658 geriet die junge Republik nach elfjähriger Existenz ins Wanken. Zuletzt rief man die Stuarts zurück. Karl II., der Sohn des geköpften Karls I. wurde König und die Monarchie erneut eingeführt – allerdings mit konstitutionellen Beschränkungen. So beschäftigt, dauerte es einige Jahre bis es wieder zum Konflikt kam.
König Karl II. versuchte seine innenpolitischen Einschränkungen, die ihm durch das Parlament auferlegt wurden, durch aggressive Außenpolitik auszugleichen. Die Navigationsakte erfuhr eine Verschärfung, die englischen Kolonien blieben fremden Schiffen und fremden Handel verschlossen. Der Bruder des Königs, der Herzog von York, eroberte 1664 die niederländischen Siedlungen der Kolonie Neu-Niederlande um Neu-Amsterdam an der Südspitze von Manhattan.
Sie bestanden seit 1625 und florierten gut. Mit der englischen Eroberung wurde ihr Hauptort in New York umbenannt. Durch die Erfolge seines Bruders animiert, erklärte König Karl II. im März 1665 den Niederlanden den Krieg. Den katholischen Bischof von Münster stachelte er durch Subsidien auf zu Lande in die Vereinigten Provinzen einzufallen.
Die Entscheidungen aber fielen in mehreren Seegefechten im Ärmelkanal. Die erste Schlacht Mitte Juni 1665 bei Lowestoft gewannen die Briten. Sie verfügten immer noch über die leistungsstärkere Artillerie und beherrschten die neuen Taktiken der Kiellinie und des Angriffs aus der Luvposition besser.
Einen Flottenverband von bis zu 100 Schiffen im Geschwader zu führen und dann alle Schiffe in einer Linie gleichmäßig angreifen zu lassen, bedurfte längerer Übung sowie seemännischer Erfahrung und Geschick. Hier hatten die Briten den Niederländern Einiges voraus. Auch in der Geschlossenheit der Führung lagen die Vorteile auf englischer Seite.
Die niederländischen Flotten bestanden aus den Kontingenten der sieben vereinigten Provinzen mit ihren jeweiligen Kommandeuren. Da gab es Reibungsverluste durch Kompetenzstreitigkeiten und Rivalitäten unter den Admirälen, in deren Folge es z. B. zur Niederlage im St. Jamesʼ Day Fight kam.
Aber an Geschick fehlte es den Niederländern nicht. Admiral de Ruyter, der ein Flaggschiff führte, das nicht zufällig "Die sieben Provinzen" hieß, machte die technisch-taktischen Vorteile der Engländer durch seine brillante Führung wett. In der Vier-Tage-Schlacht vom 11. bis 14. Juni 1666 vor der flandrischen Küste wurden die Engländer besiegt.
Die Reste ihrer stark angeschlagenen Flotte schleppten sich zurück in die Heimathäfen. Die Stimmung in England erreichte einen Tiefpunkt, als im selben Jahr London niederbrannte und die Pest im Lande wütete. Und dann erfolgte das Meisterstück der Holländer: Im Juni 1667 überfielen sie die in den Docks von Chatham in der Medwaymündung vor sich hin tümpelnden englischen Kriegsschiffe, verbrannten diese, raubten einige der besten Exemplare und brachten sie nach Amsterdam.
Eine schlimmere Demütigung hatte die Royal Navy noch nicht erlebt. Einen Monat später zeigten sich die Engländer bereit zum Frieden, der im nordbrabantischen Breda geschlossen wurde und wieder einen Kompromiss darstellte. Der navigation act wurde abgemildert.
Waren aus dem Heiligen Römischen Reich und den südlichen Niederlanden (auch spanische Niederlande genannt, heute im Wesentlichen Belgien und Luxemburg) durften auf niederländischen Schiffen nach England gebracht werden. Surinam und Poeloe Run (in Indonesien) fielen an die Niederlande. New York samt Umland blieb britisch. Welche Tragweite das später haben sollte, wusste damals keiner.
Zum dritten Mal bekämpften sich Engländer und Niederländer zur See in den Jahren 1672-74. König Ludwig XIV. von Frankreich hatte sich inzwischen eine Flotte und ein mächtiges Landheer zugelegt. Durch Colberts Reformen verfügte er auch über genügend Geld um sich Verbündete zu kaufen.
Im Reich bezahlte er Katholiken, den Kurfürsten und Erzbischof von Köln und den Fürstbischof von Münster, für Angriffe auf die reformierten Niederlande. Zur See überzeugte er mit reichlich Subsidien den stets klammen König von England zum Mittun. Ziel des Sonnenkönigs war die Eroberung der südlichen Niederlande, woran er 1667/68 noch gescheitert war.
Zur See hielten die Holländer stand. Unter Führung des großartigen de Ruyter schlugen sie die Engländer mehrfach. Sogar New York gewannen sie 1673 vorübergehend zurück. Zu Lande jedoch gerieten sie in große Not. Sie durchlitten das sogenannte Rampjaar (niederländisch für Katastrophenjahr). Gegen die französischen Armeen erlitten sie Niederlagen. Ihr einziger Verbündeter, der Kurfürst von Brandenburg, mühte sich redlich, konnte aber nicht entscheidend helfen.
Erst als angesichts der französischen Erfolge die Habsburger in Österreich und Spanien auf Seiten der Niederlande eingriffen, dazu der Herzog von Lothringen, schied England aus und schloss im Februar 1674 separat Frieden mit den Niederländern. Ludwig XIV. eignete sich in den Friedensschlüssen von 1678/79 Grenzstreifen und Festungen in den südlichen Niederlanden an. Das Reich musste ihm Lothringen und die Freigrafschaft Burgund abtreten. Der Niederlande blieben furchtbare Verwüstungen ihres Landgebietes.
Obwohl die Niederländer auch im 3. Seekrieg mit England siegreich blieben, schwand von da an nach und nach ihre Machtstellung auf den Weltmeeren. In einer Seeschlacht gegen die Franzosen vor Sizilien im April 1676 verloren sie ihren besten Mann: Admiral de Ruyter wurde der rechte Fuß zerschossen, woran er eine Woche später starb.
Die Position der Republik der Vereinigten Niederlanden nahm Großbritannien ein. Dort hatte sich allerdings 1688 Glorreiches ereignet. Ein Niederländer, Wilhelm III. von Oranien, stürzte im Herbst den Stuartkönigs Jakob II. vom Thron und beendete dessen frankophile Politik. Von da an hatten sich die Briten mehr als ein Jahrhundert lang der Konkurrenz der Franzosen auf den Ozeanen zu erwehren.
Literatur:
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62 Euro zahlen deutsche Haushalte im Schnitt für digitale Dienste. Weil die Kosten steigen, verlieren Einzel-Abos an Reiz – und Bundles boomen.
Der deutsche Markt für digitale Abonnements verändert sich. Während die Ausgaben der Haushalte weiter steigen, verlieren klassische Einzelangebote an Attraktivität. Gefragt sind zunehmend Bündel aus mehreren Diensten.
So geht es den Kunden im Abomarkt derzeit weniger um den besten Einzeldienst, sondern mehr um das leistungsfähigste digitale Ökosystem, wie etwa aus der aktuellen BearingPoint Submix-Studie 2026 hervorgeht. Für die Studie wurden rund 7.500 Personen in Deutschland, Frankreich und dem Vereinigten Königreich befragt.
Die Fachseite Digitalfernsehen.de [1] fasst zentrale Ergebnisse der Studie zusammen. Demnach sind die monatlichen Haushaltsausgaben für digitale Abonnements in Deutschland auf durchschnittlich 62 Euro gestiegen – nach 55 Euro im Vorjahr. Gleichzeitig wächst der Anteil der Haushalte, die mehr als 100 Euro pro Monat für digitale Dienste ausgeben, von 15 auf 19 Prozent.
Fast jeder dritte Deutsche (28 Prozent) zahlt inzwischen für exklusive Inhalte von Content-Erstellern – ein deutlicher Anstieg gegenüber dem Vorjahr (23 Prozent). Ob YouTube, Instagram, TikTok oder Twitch: Die Bereitschaft wächst, digitale Inhalte direkt bei ihren Urhebern zu finanzieren.
Zugleich geben 27 Prozent der Befragten an, wegen ihres Social-Media-Konsums weniger Zeit für klassische Bezahlangebote aufzuwenden. Besonders betroffen sind laut Studie Streaming-Dienste wie Netflix oder Disney+, aber auch TV-Angebote über Internetverträge und Musik-Streaming.
Rückläufig entwickelt sich zudem der Markt für digitale Presse-Abonnements. Nur noch 14 Prozent der Haushalte verfügen über ein entsprechendes Angebot, nach 19 Prozent im Vorjahr. Als wichtigste Kündigungsgründe nennen die Befragten die Kosten und die wahrgenommene Qualität der Inhalte.
Parallel wächst die Nachfrage nach Bündelangeboten. Bereits 29 Prozent der Konsumenten nutzen sogenannte Bundles, also mehrere Dienste in einem Paket. Besonders gefragt sind Kombinationen aus Medienangeboten, Lieferdiensten, Mobilität oder Finanzdienstleistungen.
Begünstigt durch den Wegfall des Nebenkostenprivilegs legten TV-Dienste, die direkt über Internetverträge angeboten werden, deutlich zu. Auch Online-Gaming-Abonnements wachsen weiter und erreichen inzwischen 25 Prozent der Haushalte.
Der Trend zu Bundles passt zu einer Entwicklung, die sich auch international beobachten lässt: Viele Anbieter versuchen, Kunden nicht mehr nur mit einzelnen Inhalten, sondern mit umfassenden Angebotswelten an sich zu binden.
Trotz verschärfter Regeln gegen das Teilen von Zugängen bleibt Passwort-Sharing weit verbreitet.
Laut der Studie ist die Nutzung gemeinsamer Konten außerhalb des eigenen Haushalts bei mehreren großen Plattformen wieder angestiegen, darunter Netflix, Disney+ und YouTube Premium.
Auch werbefinanzierte Angebote gewinnen an Akzeptanz. Rund die Hälfte der Befragten akzeptiert Werbeeinblendungen, wenn dadurch die Kosten sinken.
Bemerkenswert hoch fällt zudem die Zustimmung zur Nutzung personenbezogener Daten für KI-gestützte Dienste aus. 71 Prozent der deutschen Befragten zeigen sich dafür grundsätzlich offen. 29 Prozent würden einer solchen Nutzung sogar zustimmen, ohne vorher ausdrücklich darüber informiert werden zu wollen.
Die Entwicklung beschränkt sich nicht auf Deutschland. Das Reuters Institute for the Study of Journalism an der Universität Oxford stellt in seinem Digital News Report 2025 fest, dass in 20 wohlhabenderen Ländern durchschnittlich lediglich 18 Prozent der Menschen für Online-Nachrichten bezahlen (ox.ac.uk [2]).
Gleichzeitig treiben große Medienunternehmen den Bündel-Trend voran. Anbieter wie die New York Times bauen ihre Angebote zu umfassenden Paketen aus, während Streaming-Dienste verstärkt auf werbefinanzierte Modelle setzen.
Auch außerhalb der Medienbranche gewinnen Abonnements an Bedeutung. Laut dem Zahlungsdienstleister Bango ist der Einzelhandel inzwischen die zweitgrößte Kategorie für bezahlte Abonnements geworden – noch vor Musik, Gaming, Sport und Nachrichten (bango.com [3]). Programme wie Amazon Prime oder Walmart+ zeigen, wie sich Bündelangebote aus Handel, Unterhaltung und digitalen Diensten zunehmend vermischen.
Hinter vielen dieser Entwicklungen steht ein gemeinsamer Trend: Aufmerksamkeit wird knapper. Verbraucher verwalten immer mehr digitale Dienste, während Plattformen und Medienunternehmen nach Wegen suchen, ihre Kunden langfristig zu binden.
Ob sich der Trend zu Bündelangeboten und vernetzten Plattformen dauerhaft durchsetzt oder ob es künftig wieder eine Gegenbewegung zu einfacheren Angeboten gibt, bleibt offen. Die aktuellen Daten sprechen jedoch dafür, dass die Zukunft digitaler Abonnements zunehmend in Bündeln, Plattformen und vernetzten Angebotswelten liegt.
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Zu Russland widersprechen sich zwei Nato-Generäle offen auf derselben Messe. Dahinter stecken Milliarden, Macht und ein leiser Abzug. Ein Leitartikel.
Auf derselben Messe, am selben Tag, in derselben Stadt – und doch in zwei verschiedenen Welten: Generalleutnant Christian Freuding, Inspekteur des Heeres, erklärte auf der ILA Berlin, Deutschland müsse bis 2029 kampfbereit sein.
Wenige Meter weiter sagte der Oberbefehlshaber der alliierten NATO-Streitkräfte in Europa (SACEUR), US-General Alexus Grynkewich, Russland "suche keinen Konflikt".
Dass hier zwei diametral entgegengesetzte Ansichten geäußert wurden, ist kein Missverständnis zwischen Verbündeten. Das ist das Symptom dafür, dass sich die Prioritäten auf dem geopolitischen Schachbrett verschieben, wobei Europa an Gewicht verliert und zur nachgeordneten Front wird.
Freuding betonte laut [1] Politico, 2029 sei "kein deutscher Zeitplan", sondern "von der Nato bestätigte Geheimdienstinformationen". Alle 32 Partner seien sich einig, dass Russland bis dahin in der Lage sein könnte, ein Bündnisland anzugreifen.
"Geschwindigkeit ist jetzt entscheidend", sagte er und forderte "Zwischenlösungen" für die marode Bundeswehr. Damit meint er, dass militärische Systeme bevorzugt werden sollen, die kurzfristig verfügbar sind, statt auf Großprogramme zu warten, mit denen man erst in etlichen Jahren rechnen kann.
Die Zeitmarke 2029 kommt Berlin gelegen. Das Sondervermögen von 100 Milliarden Euro ist weitgehend verplant, die Wehrpflichtdebatte stockt, und die Industrie braucht Planungssicherheit für neue Aufträge.
Ein konkretes, nahes Ablaufdatum für den Frieden erzeugt jenen politischen Druck, der Milliardenbudgets legitimiert und mehr Opferbereitschaft in der Gesellschaft und von Familien sichert.
Dass Berlin parallel das deutsch-französische Kampfjet-Projekt FCAS beerdigt hat [2] und nun die alleinige Führung in der europäischen Militär-Luftfahrt beansprucht, passt ins Bild: Wer Bedrohung predigt, kann Geld fordern – und industriepolitische Alleingänge rechtfertigen.
Dabei stellt sich die Frage, wie belastbar die Bedrohungsanalyse tatsächlich ist. Eine aktuelle Greenpeace-Studie [3] kommt zu dem Ergebnis, dass Europas Militärpotenzial Russlands Fähigkeiten bei weitem übersteigt – das Problem sei weniger der Mangel an Gesamtkapazität als die politische und industrielle Umsetzung.
Die Nato-Staaten sind den russischen Streitkräften finanziell und konventionell vielfach überlegen. Was fehlt, sind Munitionsvorräte, Ersatzteile, Logistikketten, durchhaltefähige Verbände und Soldaten, die bereit sind, ihr Leben für das Vaterland zu geben.
Grynkewich hingegen muss beruhigen – aus purem Eigeninteresse. Wie die Financial Times berichtet, bestätigte er erstmals [4] offiziell geplante Kürzungen im Nato-Kräftemodell.
Abgezogen werden sollen unter anderem eine US-Flugzeugträgerkampfgruppe, sämtliche U-Boote mit Marschflugkörpern, Poseidon-Seeaufklärer, Luftbetankungsflugzeuge sowie F-16- und F-15E-Kampfjets. Hinzu kommen 5.000 Soldaten, die bislang in Deutschland stationiert waren.
Würde Grynkewich die Bedrohung durch Russland genauso dramatisch einschätzen wie sein deutscher Kollege, müsste er den Abzug dieser Ressourcen als strategische Unterlassung erklären.
Die Beruhigungspille – "Russland sucht keinen Konflikt" – dient dazu, den Transfer nach Asien moralisch abzufedern. "Es handelt sich um eine Reihe von Luft- und Seestreitkräften, die wir in den USA im Falle eines Konflikts im Pazifik benötigen", sagte er nüchtern.
China ist für Washington also die Priorität, Europa nur noch der Nebenschauplatz.
Der eigentliche Befund ist unbequem für beide Seiten. Deutschland hat sich jahrzehntelang unter dem nuklearen und konventionellen Schutzschirm der USA eingerichtet – und steht nun vor einer physischen Lücke, die sich mit Rhetorik nicht füllen lässt.
Aber das weckt auch alte Ängste in Europa. Wie Telepolis bereits in einer Analyse zur Rückkehr der "Deutschen Frage" [5] zeigte, wächst jetzt Deutschlands militärische Rolle in Europa rasant – und die Nachbarn der Bundesrepublik fürchten wieder die deutsche Hegemonie, die den Kontinent schon zweimal in die Katastrophe führte.
Die Debatte um 2029 ist weniger eine exakte Kriegsprognose als ein Stresstest für Europas Abhängigkeit von Washington.
Die wahre Gefahr besteht nicht darin, dass russische Panzer morgen am Rhein stehen. Sie besteht darin, dass die europäische Politik unfähig scheint, sich einzugestehen, dass der amerikanische Schutzpatron bereits die Koffer packt.
Berlin rüstet nicht für den Sieg – es betreibt Schadensbegrenzung für ein gescheitertes transatlantisches Geschäftsmodell.
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Vom gefeierten Friedensnobelpreisträger zum harten Autokraten: Der dramatische Wandel des äthiopischen Regierungschefs.
Im Dezember 2019 spricht ein junger Mann in Stockholm über die Liebe. "Frieden ist eine Herzensangelegenheit", sagt er, "Frieden ist ein Werk der Liebe." Es ist die Dankesrede für den Friedensnobelpreis. Drei Jahre später sind in seinem Land mehr als 600.000 Menschen tot, über 120.000 Frauen vergewaltigt, fast zwei Millionen vertrieben. Sein Name: Abiy Ahmed, Ministerpräsident Äthiopiens.
Auch deutsche Medien feierten ihn damals: der charismatische Reformer, der einen jahrzehntelangen Konflikt beendet und sein Land zur Demokratie führen will. Wir haben ihn bejubelt. Wir haben uns geirrt.
Am 1. Juni dieses Jahres wurde in Äthiopien ein neues Parlament gewählt, das Ergebnis wird bis zum 11. Juni erwartet. Die Frage, die über diesen Wahlen schwebt, ist nicht, wer gewinnt – sondern: Wie wurde aus einem Friedensnobelpreisträger ein Kriegsherr?
Der Mann, der 2018 an die Macht kam, schien wie geschaffen für die Hoffnung. Geboren als Kind einer multiethnischen Ehe – der Vater Oromo, die Mutter Amhara –, einst Funker einer Armee-Einheit im Grenzkrieg gegen Eritrea, später Aufsteiger in der Regierungspartei EPRDF. 2018 wurde er deren Vorsitzender und Premierminister.
Sein Schlagwort: "Medemer", amharisch für "Zusammenkommen". Es war Buchtitel, Slogan und politisches Programm zugleich. Die Idee: Das tief gespaltene Land – über 80 Ethnien, mehr als 135 Millionen Einwohner – durch ein Gefühl nationaler Einheit zusammenhalten.
"In der Praxis geht es bei Medemer darum, das Beste aus unserer Vergangenheit zu nutzen, um eine neue Gesellschaft aufzubauen, die auf Toleranz, Verständnis und Höflichkeit beruht", erklärte Abiy Ahmed.
Auch Prinz Asfa-Wossen Asserate, in Deutschland lebender Großneffe des letzten äthiopischen Kaisers Haile Selassie, bestätigte: Viele Äthiopier unterstützten Abiy, weil sie sich von ihm eine bessere Zukunft versprachen.
Doch kaum ein Jahr nach Stockholm zeigte sich der Riss. Abiys Kompromissfähigkeit, in der Theorie das Herzstück von "Medemer", erwies sich in der Praxis als Schwäche. Statt die ethnischen Spannungen durch Aushandlung zu lösen, versuchte er sie von oben zu überdecken: Er wandelte die multiethnische EPRDF in eine "Prosperity Party" um, die sich demonstrativ als nicht-ethnisch verstand.
Der eigentliche Konflikt aber ließ sich nicht wegdefinieren. 2020 eskalierte er.
Die Corona-Pandemie diente Abiy als Begründung, die Parlamentswahl zu verschieben. Die mächtige Regionalregierung des Bundesstaats Tigray, geführt von der TPLF, akzeptierte das nicht und hielt im September 2020 eigene Wahlen ab – nach eigenen Angaben mit 98,2 Prozent Zustimmung. Addis Abeba erklärte sie für ungültig. Auf den Plakaten in Tigray war Abiy längst verschwunden; man sah nur noch das Gesicht seines verstorbenen Vorgängers Meles Zenawi.
Nach Überfällen auf Militärstützpunkte schickte Abiy Truppen nach Mekelle, die Hauptstadt Tigrays. Der Krieg begann.
Was folgte, gehört zu den blutigsten Konflikten des 21. Jahrhunderts – und blieb im Westen weitgehend unbeachtet. Eritreische Soldaten kämpften, plünderten und terrorisierten an Abiys Seite. Es geschah nicht nur Raub: Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International dokumentierten Erschießungen, Folter und systematische sexuelle Gewalt gegen Frauen und Mädchen.
Die Bilanz nach zwei Jahren Krieg: mehr als 600.000 Tote, über 120.000 vergewaltigte Frauen, fast zwei Millionen Vertriebene.
Der "Kamerad in Frieden" von 2019, Eritreas Diktator Isayas Afeworki, war zum Komplizen geworden. Vieles deutet darauf hin, dass Abiy sich mit ihm arrangierte, um seine innenpolitischen Gegner auszuschalten.
Der Grenzkrieg 1998–2000
Vom 6. Mai 1998 bis zum 18. Juni 2000 führten Äthiopien und Eritrea einen blutigen Grenzkrieg mit bis zu 150.000 Toten.
Die Wurzeln reichen weit zurück: Während Äthiopien im 19. Jahrhundert seine Unabhängigkeit bewahrte, wurde Eritrea italienische Kolonie – mit nie genau markierten Grenzen. Nach dem Zweiten Weltkrieg verwaltete Äthiopien das Gebiet, in den 1960er Jahren annektierte es Eritrea unter Kaiser Haile Selassie. Es entstand die Untergrundbewegung EPLF unter Isayas Afeworki.
In den 1970er Jahren verbündete sich die EPLF mit der tigrinischen TPLF gegen den sozialistischen Diktator Mengistu Haile Mariam. 1991 eroberten sie gemeinsam Addis Abeba; Meles Zenawi wurde Ministerpräsident und gewährte Eritrea 1993 die Unabhängigkeit. Doch wirtschaftliche Streitigkeiten führten zum Bruch – und schließlich zum Krieg.
Wie konnte der Mann von Stockholm zu diesem werden? Ein Schlüssel liegt womöglich in seinem Selbstverständnis. Abiy spricht häufig von "Visionen" und einer "dauerhaften Vision", die der Frieden brauche. Er gibt sich als Auserwählter – und wer einer höheren Bestimmung folgt, ist gegen Kritik immun.
Abiy gehört dem "Mulu Wongel Believers Movement" an, einer Pfingstkirche, die in ganz Afrika rasant wächst und 4,5 Millionen Mitglieder in Äthiopien zählt. Pastoren solcher Kirchen zählen oft zu den engsten Beratern afrikanischer Staatschefs.
Der Journalist René Lefort formuliert es bei Ethiopia Insight zugespitzt: "Sein Glaube diktiert seine politischen Visionen und sein Handeln." Die offene Frage: Nutzt Abiy diesen Glauben, um seine Macht autokratisch auszubauen?
Sechs Jahre nach Stockholm sind rund 50 Millionen der 135 Millionen Äthiopier stimmberechtigt. Über 2.000 Kandidaten bewerben sich um 502 Mandate, 47 Parteien sind zugelassen. Auf dem Papier ein demokratischer Wettbewerb.
Die Realität ist eine andere. Gegen Oppositionelle wird seit Jahren hart durchgegriffen, Journalisten werden abgehört und verhaftet. Korrespondenten der Deutschen Welle wurde teils die Akkreditierung entzogen. Der Bundesstaat Tigray nimmt an der Wahl nicht teil.
Wie kann eine Regierung von "freien und fairen Wahlen" sprechen, wenn die Opposition verfolgt, die Presse behindert und eine ganze Region ausgeschlossen wird?
Viele Äthiopier befürchten, dass das Ergebnis längst feststeht. Und dennoch hoffen sie – auf Arbeit, auf eine Perspektive. Gerade junge Menschen sind oft arbeitslos, in ländlichen Gebieten herrschen Armut und Analphabetismus. Hinzu kommt, dass Treibstoff und Lebensmittel in den Städten knapp und teuer geworden sind.
Die Gefahren häufen sich. Der Friedensvertrag mit der TPLF von 2022 hat den Krieg beendet, nicht die Spannungen – die offiziell verbotene TPLF will die Kontrolle über Tigray zurück. Zugleich fordert Abiy einen Zugang zum Roten Meer, was den alten Konflikt mit Eritrea neu entfachen könnte. Damit wäre der Grund für seinen Nobelpreis endgültig Makulatur.
Inzwischen wirft Addis Abeba ausgerechnet dem einstigen "Kamerad in Frieden" vor, Rebellengruppen zu unterstützen. Ein Stellvertreterkrieg droht.
Die Risiken reichen über die Grenzen hinaus: ein schwelender Gebietsstreit mit dem Sudan; die Vereinigten Arabischen Emirate, die Äthiopien mit Drohnen beliefern und denen UN-Experten zugleich Unterstützung der sudanesischen RSF-Milizen vorwerfen; vor allem aber der Konflikt mit Ägypten um den Staudamm GERD am Blauen Nil – die Lebensader des Nildeltas.
Im schlimmsten Fall zerbricht das zweitbevölkerungsreichste Land Afrikas an seinen inneren und äußeren Konflikten. Unterdrückte Ethnien könnten zu Gewalt greifen, neue Massaker drohen. Selbst bei den Oromo, seiner eigenen und größten Bevölkerungsgruppe, hat Abiy kaum noch Rückhalt.
Was wurde aus "Medemer", der schönen Idee vom Zusammenkommen? Hängt Abiy Ahmeds Herz noch an der friedlichen Lösung von Konflikten? Oder folgt er nun dem Weg seiner Vorgänger – vom Hoffnungsträger zum Autokraten?
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KI-generierte Grafik.
Iran entwickelte sie. Russland perfektionierte sie. Jetzt kopieren Staaten rund um den Globus das erfolgreichste Drohnenkonzept der Gegenwart.
Über 900 Drohnen hat Saudi-Arabien nach Zählung der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu [1] allein in den ersten 41 Tagen des Irankrieges abgefangen. Dass sich Riad nun entschieden hat, dieselbe Waffe selbst zu produzieren, ist die folgerichtige Konsequenz aus einer militärischen Realität, die der Krieg unübersehbar gemacht hat.
Die iranische Shahed-136 hat sich als performantes, kostengünstiges und in großen Stückzahlen einsetzbares Mittel erwiesen, gegen das selbst hochgerüstete Luftabwehrsysteme an ihre Grenzen stoßen.
Das US-saudische Joint Venture SR2Vector [2]hat im Mai mit dem Bau einer Produktionsanlage in der Nähe von Riad begonnen. Entstehen soll die SkyWasp — eine Einwegdrohne mit einer Reichweite von 1.500 Kilometern, konstruktiv und operativ eng an der Shahed-136 orientiert.
Dabei ist Saudi-Arabien nur das jüngste Beispiel einer Entwicklung, die sich seit dem Ukraine-Krieg beschleunigt hat und inzwischen eine neue Qualität erreicht hat: Die Shahed-136 hat sich zur meist kopierten Drohnenplattform der Welt entwickelt.
Die Vereinigten Staaten setzten im Februar 2026 beim Auftakt ihrer Angriffe gegen den Iran erstmals ihre Lucas-Drohnen ein – ein offen als Reverse Engineering [3] der iranischen Shahed-136 entwickeltes System, das seit 2025 in Dienst ist.
Die Türkei präsentierte im Mai 2026 auf der Rüstungsmesse SAHA den Kuzgun – eine von STM entwickelte Langstrecken-Einwegdrohne mit einer Reichweite von über 1.000 Kilometern [4], die für Operationen und Tiefschläge gegen kritische Ziele hinter feindlichen Linien ausgelegt ist.
Taiwan stellte ebenfalls im Mai die „Papa Delta" vor – ein von Thunder Tiger Corp. [5] entwickeltes System, das für Langstreckenschläge gegen Ziele auf dem chinesischen Festland konzipiert wurde. Ukraine selbst präsentierte am 22. Mai den Behemoth, ebenfalls eine Shahed-inspirierte Drohne mit einer Reichweite von bis zu 300 Kilometern und einem 75-Kilogramm-Tandemgefechtskopf.
Die geografische Reichweite der Proliferation illustriert ein Vorfall aus Mali [6]: Im Mai 2026 schossen Rebellen im Norden des Landes erstmals eine russische Shahed-136 ab, die durch Russland unterstützte Truppen eingesetzt wurden.
Im Mai 2026 erreichte der Einsatz strategischer Drohnen gegen die Ukraine einen neuen Rekordwert: Nach Angaben des Analyseaccounts ShahedTracker [7] wurden allein in diesem Monat 8.150 Shahed-artige Einwegdrohnen abgefeuert – mehr als je zuvor in einem einzelnen Monat.
Die ukrainische Luftwaffe meldete eine Abfangquote von angeblich 92 Prozent, ein durchschnittlicher Angriff umfasste demnach 263 Drohnen. Dass nach dieser Rechnung dennoch 508 Drohnen ihre Ziele erreichten, verdeutlicht die schiere Wirkung der Masse: Selbst eine wahrscheinlich zunehmend hohe Abfangquote schützt nicht vor den Treffern, die durchkommen.
Es ist ein technisches Katz-und-Maus-Spiel: Russland hat auf die steigenden ukrainischen Abfangerfolge mit einer systematischen Weiterentwicklung der Geran-Familie reagiert.
Die Geran-2, die seit 2023 in russischer Lizenzproduktion hergestellt wird und die Basis des Langstrecken-Drohnenprogramms bildet, fliegt mit einem Kolbenmotor bei rund 180 km/h – eine Geschwindigkeit, die ukrainische Abfang-Drohnen zunehmend problemlos erreichen. Nach Angaben des Fachmagazins Hartpunkt [8] hat Russland deshalb die Geran-4 als direkte Gegenmaßnahme entwickelt.
Diese verfügt über eine vollständig neu konstruierte Zelle, nachdem sich die Struktur der Geran-3 – die lediglich den Rumpf der Geran-2 mit einem Strahltriebwerk kombinierte – bei Hochgeschwindigkeitsflügen als aerodynamisch unvorteilhaft erwiesen hatte.
Die neue Zelle ermöglicht aktives Manövrieren bei 300 bis 400 km/h, eine Höchstgeschwindigkeit [9] von bis zu 500 km/h und Flughöhen von bis zu 5.000 Metern. Die Drohne erreichte im Mai 2026 die Einsatzreife.
Der Geschwindigkeitsgewinn hat jedoch seinen Preis. Die Reichweite der Geran-4 beträgt nach GUR-Angaben maximal 450 Kilometer – gegenüber bis zu 2.500 Kilometern bei der propellergetriebenen Geran-2 ein Verlust von über 80 Prozent.
Damit ist die Geran-4 auf Ziele beschränkt, die von russischem Territorium aus innerhalb einer Eindringtiefe von rund 350 Kilometern liegen – was die ukrainische Hauptstadt Kyiv sowie zahlreiche Bevölkerungszentren im Osten des Landes einschließt, aber den strategischen Tiefschlag gegen westukrainische Infrastruktur erheblich erschwert.
Noch einen Schritt weiter geht die Geran-5 [10], die Russland am 9. Mai 2026 im Rahmen der Siegesfeierlichkeiten offiziell vorstellte. Mit sechs Metern Länge, 5,5 Metern Spannweite und einem Gefechtskopf von 90 Kilogramm – erweiterbar auf bis zu 130 Kilogramm – ist die Geran-5 deutlich größer als ihre Vorgänger.
Ihre Reichweite wird auf rund 1.000 Kilometer geschätzt, die Höchstgeschwindigkeit auf bis zu 800 km/h. Laut Flug Revue [11] soll die Geran-5 auch vom russischen Erdkampfflugzeug Su-25 aus gestartet werden können.
Die technische Weiterentwicklung der Geran-Familie geht mit einer ebenso konsequenten taktischen Evolution einher. Russland setzt die Shahed-artigen Drohnen längst nicht mehr nur als einfache Einwegmunition gegen feste Infrastrukturziele ein.
Neben dem bereits dokumentierten Einsatz von Mesh-Netzwerken, die einzelne Drohnen als Signalrelais für andere nutzen, hat Russland eine neue Doppelschlag-Taktik [12] eingeführt.
Dabei wird zunächst eine Drohne eingesetzt, um ukrainische Luftabwehrpositionen zur Reaktion zu zwingen und deren Standort zu identifizieren – eine zweite schlägt dann auf das so enttarnte Ziel ein. Darüber hinaus werden Shaheds inzwischen auch zum Minenlegen [13] eingesetzt: Jede so ausgerüstete Drohne kann acht Minen aus kreisförmigen Behältern unter den Tragflächen abwerfen.
Eine bisher kaum beachtete Einsatzvariante zeigte sich am 6. Juni 2026 im Schwarzen Meer: Russland setzte Geran-2-Drohnen erstmals gezielt gegen bewegliche Seeziele [14] ein und versenkte dabei zwei ukrainische Schnellboote vor der Küste Odessas.
Abfang-Drohnen waren nach ukrainischen Angaben [15] beim Großangriff vom 24. Mai 2026 für mehr als 40 Prozent aller abgeschossenen Shaheds verantwortlich. Wie der Kyiv Independent [16] berichtete, hat Ukraine in den vergangenen vier Monaten den Anteil der durch Abfang-Drohnen abgeschossenen Shaheds verdoppelt.
Anfang Mai gelang auch der erste bestätigte Abschuss [17] einer Geran-4. Die ukrainischen Unternehmen General Cherry und STRIX haben ihre Drohne „Bullet“ sogar mit einer Mini-Raketenstufe [18] ausgestattet, um noch schnellere Düsen-Shaheds einzuholen. Folgerichtig arbeitet Kyiv an kostengünstigen Abfang-Raketen.
Unterstützung kommt inzwischen auch aus Japan: Das Unternehmen Terra Drone hat seine Abfang-Drohne „Terra A1 [19]“ seit Mitte April in der Ukraine im Einsatz – zu einem Stückpreis von rund 2.500 US-Dollar.
Was Iran als kostengünstige Massenwaffe entwickelte, hat sich in vier Jahren zu einer globalen Blaupause entwickelt, die Staaten von den USA bis Taiwan, von der Türkei bis Saudi-Arabien als Vorlage nutzen. Russland hat die Plattform technisch weiterentwickelt und taktisch ausgeweitet – von der Infrastrukturwaffe zur Seekriegsdrohne, vom Einweggeschoss zum Aufklärungsrelais.
Die Ukraine hat im Gegenzug eine eigenständige Abwehrindustrie aufgebaut, die ihrerseits exportiert wird. Die Shahed und ihre Derivate verkörpern dabei den Kern eines tiefergehenden Paradigmenwechsels: von der Plattformkriegsführung zur Wirkmittelkriegsführung.
In der Plattformlogik, die westliche Streitkräfte über Jahrzehnte geprägt hat, investiert man in hochentwickelte, kostspielige Einzelsysteme – den Kampfjet, den Zerstörer, die Präzisionsrakete – und leitet daraus Überlegenheit ab.
Die Wirkmittellogik macht dieses Prinzip obsolet: Entscheidend ist nicht die Qualität der einzelnen Plattform, sondern die Fähigkeit, Wirkung in industriellen Stückzahlen zu erzeugen.
Eine Drohne, die 35.000 Dollar kostet und zu 92 Prozent abgeschossen wird, erfüllt ihren Zweck dennoch – weil die verbleibenden acht Prozent Treffer mehr Schaden anrichten, als die Abwehr kostet, und weil die Produktion schneller skaliert als die Gegenmaßnahmen.
Dass nun Staaten rund um den Globus dieselbe Schlussfolgerung ziehen und eigene Shahed-Varianten bauen, ist die logische Konsequenz einer militärischen Realität, die der Krieg in der Ukraine und der US-Angriff auf den Iran unübersehbar gemacht haben.
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Nicht Fakten, sondern Gefühle entscheiden heute über politischen Erfolg – und das bedroht die Grundlage der Demokratie.
Die Politik erlebt eine ausgesprochen paradoxe Entwicklung. Entscheidungsträger verfügen über so viele Daten [1], Studien und akademische Erkenntnisse wie nie zuvor.
Gleichwohl scheint der Einfluss empirischer Evidenz auf öffentliche Diskurse abzunehmen. Dafür nehmen Narrative einen höheren Stellenwert ein, also Erzählungen, die Komplexitäten in einfache Deutungsmuster übersetzen.
Ob es um Migration, Klimawandel, wirtschaftliche oder internationale Konflikte geht: Es entscheidet nicht die Stärke der Faktenlage über die politische Dynamik, sondern welche Geschichte Menschen beeinflusst. Politik wird zum Wettbewerb der Interpretationen.
Moderne Gesellschaften sind vielschichtig. Globale Lieferketten, digitale Vernetzung, geopolitische Konflikte und technologische Umbrüche erzeugen Zusammenhänge, die schwer zu überblicken sind. Angesichts dessen wächst die Nachfrage nach Orientierung [2].
Narrative erfüllen diese Funktion. Sie reduzieren Komplexität, schaffen Klarheit und ordnen Ereignisse verständlich ein. Sie beantworten wichtige Fragen wie: Wer trägt Verantwortung? Wer profitiert? Wer bedroht unsere Interessen? Und welche Lösungen erscheinen logisch?
Aus politischer Sicht sind Narrative unverzichtbar. Kein Wahlprogramm, keine Reform und keine außenpolitische Strategie kommen ohne eine wirkungsvolle Geschichte aus. Problematisch wird es, wenn Narrative nicht auf Fakten aufbauen, sondern danach ausgewählt werden, ob sie zur gewünschten Erzählung passen.
Die Digitalisierung hat diesen Trend erheblich beschleunigt. Soziale Medien belohnen Aufmerksamkeit anstelle der Genauigkeit. Algorithmen bevorzugen Inhalte, die starke Reaktionen auslösen [3]: Empörung, Angst, Zustimmung oder Begeisterung. Nüchterne Analysen haben signifikant schlechtere Chancen [4] als zugespitzte Botschaften.
Wer differenziert argumentiert, konkurriert mit Inhalten, die anspruchsvolle Sachverhalte auf knappe Schlagworte reduzieren.
Internetnutzer können heutzutage Informationsräume aufsuchen, die ihre Gesinnungen bestätigen. Darum entstehen parallele Wirklichkeiten. Ungleiche gesellschaftliche Gruppierungen beziehen ihr Wissen aus verschiedenen Informationsquellen und konstruieren widersprüchliche Annahmen, was überhaupt als Faktum gilt.
Die Konsequenz ist verheerend: Diskussionen drehen sich weniger um divergente Bewertungen derselben Realität als um konkurrierende Realitätsbeschreibungen.
Ersichtlich wird diese Veränderung im Umgang mit wissenschaftlicher Expertise. Forschung liefert selten absolute Gewissheiten. Wissenschaft arbeitet mit Wahrscheinlichkeiten, Unsicherheiten und fortlaufender Überprüfung.
Politik und Öffentlichkeit verlangen klare Antworten. Aussagen wie "Die Datenlage spricht mit hoher Wahrscheinlichkeit für diese Entwicklung" wirken ungenauer als eine eindeutige Behauptung.
So geraten analytische Erkenntnisse in eine Zwangslage. Studien werden selektiv zitiert sowie Forschungsergebnisse in bestehende Narrative eingeordnet. Zumeist bestimmt die politische Zugehörigkeit, welche wissenschaftlichen Quellen als glaubwürdig gelten.
Das verändert die Funktion von Expertise radikal. Wissenschaft dient folglich sekundär als Instrument der Erkenntnisgewinnung. Sie ist primär Ressource im politischen Meinungskampf.
Menschen treffen Urteile nicht allein auf dem Fundament rationaler Abwägungen. Emotionen sind ausschlaggebend [5] für die Wahrnehmung von Risiken, Chancen und Bedrohungen. Eine einzelne persönliche Geschichte kann größeren Effekt entfalten als umfangreiche Statistiken. Bilder, Symbole und emotionale Erfahrungen bleiben im Gedächtnis [6]. Tabellen und Wahrscheinlichkeitswerte meist nicht.
Politische Akteure wissen das. Wer Unterstützung mobilisieren möchte, muss sowohl Fakten als auch Emotionen ansprechen. Das erklärt, warum Narrative eine gewaltige Macht besitzen.
Hier liegt die Gefahr: Wenn emotionale Wirkung zum Maßstab politischer Kommunikation wird, werden empirische Befunde nebensächlich. Dann zählt nicht mehr, was nachweisbar ist, sondern was plausibel erscheint.
Demokratien leben vom offenen Streit über politische Prioritäten [7]. Dieser Streit setzt eine gemeinschaftliche Tatsachengrundlage voraus. Abweichende politische Lager müssen sich zumindest verständigen können, welche Fakten als Ausgangspunkt der Kontroverse gelten.
Wenn diese Basis erodiert, wird demokratische Verständigung aufwendiger. Kompromisse werden seltener, weil sich Auseinandersetzungen nicht ausschließlich um Interessen oder Werte drehen, sondern um die Realität selbst.
Hinzu kommt ein wachsender Vertrauensverlust gegenüber Institutionen. Medien, Wissenschaft, Gerichte sowie staatliche Behörden sehen sich mit dem Vorwurf konfrontiert, Teil konkurrierender Fraktionen zu sein. Ihre Autorität wird zunehmend skeptisch begutachtet.
Langfristig kann dies die Fähigkeit demokratischer Systeme schwächen, Herausforderungen zu bewältigen. Themen wie Klimapolitik, künstliche Intelligenz, demografischer Wandel oder internationale Sicherheit erfordern Prozesse, die auf belastbaren Informationen statt kurzfristigen Stimmungslagen beruhen.
Narrative [8] werden aus der Politik niemals verschwinden. Das sollten sie auch nicht. Gesellschaften benötigen gemeinsame Erzählungen, um Orientierung zu schaffen, politische Ziele zu formulieren und kollektives Handeln zu ermöglichen.
Eine demokratische Öffentlichkeit kann verschiedene politische Visionen aushalten. Sie kann über Werte streiten, Interessen verhandeln und Prioritäten neu setzen. Schwieriger wird es, wenn der gemeinsame Ausgangspunkt überprüfbarer Tatsachen wegfällt.
Der Konflikt der Gegenwart geht nicht zwischen Fakten und Narrativen vonstatten. Er vollzieht sich zwischen Narrativen, die sich an der Wirklichkeit messen lassen, und solchen, die sich von ihr lösen. Die Zukunft demokratischer Entscheidungsprozesse ist abhängig davon, ob es gelingt, beide enger miteinander zu verknüpfen.
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Szene aus "Disclosure Day"
(Bild: Copyright: Universal Pictures Germany)
Spielbergs neuer Film trifft einen Nerv: UFOs sind längst kein Randthema mehr, inzwischen wird dazu geforscht. Ein Interview mit einem Kenner der Materie.
In "Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit" gelangt ein Whistleblower an die entscheidenden Beweise für eine jahrzehntelange Vertuschung außerirdischer Präsenz durch die US-Regierung.
Als er die Wahrheit veröffentlichen will, wird er von einer geheimen Organisation verfolgt. Es beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, um die größte Enthüllung der Menschheitsgeschichte herbeizuführen: die Offenlegung der Realität von UFOs und Außerirdischen auf der Erde.
Telepolis-Autor Andreas Müller ist Fachjournalist für Anomalistik und auf die Erforschung von UFOs spezialisierter Sachbuchautor. Zu Fragen zum Film stand er unserer Redaktion Rede und Antwort.
▶ Herr Müller, als Fachjournalist für Anomalistik, also für wissenschaftliche Grenzgebiete und Sachbuchautor befassen Sie sich bereits seit mehr als 30 Jahren mit rätselhaften Phänomenen aus wissenschaftlicher Perspektive. Sind UFOs, Aliens und Kornkreise nicht alles nur Schwindel, Unfug und eben keine Wissenschaft, sondern Pseudowissenschaft?
Müller: Das ist eine Frage des grundsätzlichen Ansatzes und Umgangs mit diesen Phänomenen. Es entsteht leicht der Eindruck, man könne sich diesen Phänomenen und Fragen entweder nur ablehnend-skeptisch oder blind-gläubig nähern. Ich sehe das anders: Ein wissenschaftlicher Ansatz sollte kritisch und ergebnisoffen sein.
Gerade Phänomene, die man – wie UFOs – offenbar fotografieren, filmen, mit Sensorinstrumenten detektieren und deren Daten auswerten kann; zu denen Augenzeugen berichten und befragt werden können, oder, die man – im Falle von Kornkreisen – sogar be- und untersuchen kann, liefern schließlich eine saubere Grundlage für wissenschaftliche Fragestellungen.
Nicht Glauben an eine romantische Idee, sondern Daten und Fakten sollten dann zu fundierten Ergebnissen, ganz gleich, welche das schlussendlich sind. Am Ende entscheiden also Methoden und Prozesse über die Qualität der Forschung, die sich auch daran messen lassen muss.
▶ Es gibt also mittlerweile seriöse Wissenschaft zu UFOs, bzw. wie es heute vermehrt heißt, UAPs?
Müller: Auch sogenannte seriöse Wissenschaftler haben sich eigentlich schon immer mit UFOs und UAPs befasst – oft nicht zum Vorteil für ihre Reputation. Aber das waren eher Ausnahmen.
Nachdem die Wissenschaft jahrzehntelang dieses Feld vernachlässigt, es im besten Fall wissenschaftlich engagierten Laien und Bürgerwissenschaftlern, im schlechtesten Fall Spekulationen und Verschwörungsnarrativen überlassen hat, entdeckt sie das UFO-Phänomen seit einigen Jahren neu.
Es gibt UAP-Forschungsinitiativen an der Harvard University (Prof. Avi Loebs ""), an der englischen Universität von Durham, bei der NASA und sogar mit federführend hier in Deutschland: Am "Interdisziplinären Forschungszentrum für Extraterrestrik" (IFEX) werden an der Universität Würzburg neben Raumfahrttechnologien auch UFOs/UAPs wissenschaftlich und ganz offiziell im Rahmen des Forschungskanons der Universität erforscht.
Ähnliche Einrichtungen gibt es an den Universitäten von Albany (USA) und im schwedischen Lund. Fachartikel zur UFO-Forschung erscheinen mittlerweile auch in renommierten internationalen Wissenschaftsjournalen wie "Nature", "Entropy", "Progress in Aerospace Science" oder "Montly Notices of the Royal Astronomical Society". In vielen Fällen, wie etwa am IFEX, arbeiten akademische Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen mit zivilen langjährigen UFO-Forschenden und Fachjournalisten zusammen.
▶ Zurück ins Kino. Spielberg greift in seinem neuen Film einen alten UFO-Verschwörungsmythos auf, laut dem die US-Regierungen schon seit rund 80 Jahren ihr Wissen über außerirdische Besucher auf der Erde, abgestürzte Raumschiffe und deren Besatzung streng geheim hält. Jüngst hat das Pentagon damit begonnen, seine UFO-Akten zu veröffentlichen. Einige davon waren bislang tatsächlich geheim und unveröffentlicht. Hat Spielberg also recht?
Müller: Dieser Mythos begann spätesten 1947 mit dem Absturzereignis nahe Roswell, das auch in "Disclosure Day" eine zentrale Rolle spielt. Es war die US Air Force selbst, die hier einen Verschwörungsmythos entstehen ließ, indem sie immer wieder wechselnde Erklärungen für das Ereignis präsentierte. Dass damals nahe Roswell etwas abgestürzt ist, geborgen und abtransportiert wurde, steht historisch nicht mehr im Zweifel. Die große Frage – bis heute – ist nur: was?
Die Air Force bezeichnete die bei Roswell geborgenen Trümmer zunächst selbst als "fliegende Scheibe", korrigierte dies jedoch noch am selben Tag und sprach von einem Wetterballon. Der Vorfall geriet zunächst in Vergessenheit, wurde Ende der 1970er Jahre jedoch durch Journalisten und Zeitzeugen wieder aufgegriffen. Diese berichteten von einem abgestürzten Fluggerät und teils auch von kleinen menschenähnlichen Wesen.
In den 1990er Jahren erklärte die Air Force die Trümmer schließlich mit einem geheimen Spionageballon (Project Mogul). Die Berichte über geborgene Leichen führte sie später auf 10 Jahre später Crashtest-Dummies zurück, deren Abwurf Zeugen in ihrer Erinnerung mit den Ereignissen von Roswell verwechselt hätten. Alle diese unterschiedlichen Erklärungen und Dementis führten bei vielen UFO-Interessierten verständlicherweise zu Zweifeln an den Aussagen der Air Force.
Das Problem bei Regierungseinrichtungen, Militär und Nachrichtendiensten als Informationsquellen ist, dass ihre Aufgabe gerade darin besteht, Informationen geheim zu halten. Die Offenlegung von Geheimnissen gehört daher nicht wirklich zu ihren Kernaufgaben.
Deshalb wartet die wissenschaftliche UFO-Forschung auch nicht auf die Freigabe von Regierungsakten. Vielmehr ist es das Ziel, eigene Daten zu generieren. Hierzu braucht man unklassifizierte Quellen und Instrumente, deren Ergebnisse man versteht, die vollständig und frei ausgewertet, transparent geteilt und kommuniziert werden können.
▶ Und was hat es dann mit der "Disclosure" auf sich, die nicht nur den Titel des neuen Films liefert, sondern auch von keinem Geringeren als Donald Trump selbst durch die aktuellen Akten-Tranchen in Aussicht gestellt wird?
Müller: Trump hat nicht nur die Offenlegung der US-UFO-Akten, sondern auch anderer "Themen, die die Amerikaner interessieren" versprochen. Diese Rede ist von noch ausstehenden Akten zu den Attentaten auf die Kennedys, Martin Luther King, Covid19 und 9/11. Interessanterweise gehören die Epstein-Files nicht dazu.
Trump will also ein weiteres Mal seinen Namen mit historisch Großem verbinden. Im Falle der UFO-Akten scheint er derzeit sogar Wort zu halten – schließlich wurden bereits zwei Tranchen an Akten veröffentlicht, auf die noch zahlreiche (angeblich Millionen) folgen sollen.
Ob der Inhalt dieser Akten auch den Anspruch an eine vollständige "UFO-Disclosure" sondern auch – wie im Film – eindeutige Beweise für die außerirdische Herkunft von UFOs und einen Kontakt der US-Regierung mit Aliens liefern werden, bleibt fraglich. Trumps bisherige UFO-Akten [1] der ersten beiden Tranchen erfüllen dieses Versprechen (noch) nicht und verfehlen leider auch wissenschaftliche Ansprüche.
▶ In "Disclosure Day" spielt ein Whistleblower die Hauptrolle. Gibt es UFO-Wistleblower auch im wirklichen Leben?
Müller: Ja, solche Fälle gab es schon immer und gibt es weiterhin. Dabei handelt es sich meist um aktuelle oder ehemalige Mitarbeiter von Regierung, Militär oder Geheimdiensten. Ein bekanntes Beispiel ist Capt. Robert Salas, der 1967 auf der Malmstrom Air Force Base für Atomraketen verantwortlich war und 1996 einen damaligen Vorfall schilderte, bei dem ein unbekanntes Flugobjekt angeblich zehn Interkontinentalraketen beeinflusst habe. Der Vorfall ist dokumentiert, wird jedoch von US Air Force und Pentagon konventionell erklärt.
Auch Whistleblower wie David Grusch erklärten unter Eid vor dem US-Kongress, sie hätten Hinweise auf geheime UFO-Programme gesehen, inklusive geborgener Objekte und angeblicher Biologika "nicht-menschlicher" Herkunft. Belege dafür sind bislang nicht öffentlich verifizierbar, es bleiben anekdotische Zeugenaussagen.
Offiziell veröffentlichte US-Militärvideos zeigen zudem Objekte mit ungewöhnlichen Flugmanövern (das Fehlen aerodynamischer Eigenschaften und erkennbarer Antriebe, extreme Beschleunigung, Schwebeflug usw.). Allerdings fehlen oft entscheidende Telemetrie-Daten, was eine unabhängige Analyse einschränkt. Eine belastbare Bewertung wäre nur mit vollständigen, unzensierten Datensätzen möglich. Auch hier braucht es einmal mehr unzensierte und unabhängig erlangte wissenschaftliche Daten.
▶ In Ihrem aktuell erschienenen Buch "UFO – Ein Sachbuch" beschreiben sie ausführlich "Daten, Fakten du Hintergründe zur Historie, Phänomenologie und wissenschaftlichen Erforschung von unidentifizierten Flugobjekten und anomalen Phänomenen im Luftraum" (so der Untertitel). In all dem sehen Sie selbst ein Plädoyer für eine wissenschaftliche Erforschung von UFOs und UAPs. Warum ist eine wissenschaftliche UAP-Forschung auch jenseits eines kuriosen Interesses für uns alle wichtig?
Müller: Die sachliche Erforschung von UFO-Phänomenen ist gesellschaftlich wichtig, weil viele Menschen Beobachtungen gemacht haben, die sie nicht erklären konnten. Zugleich wurde das Thema jahrzehntelang stigmatisiert, wodurch Zeugen oft schwiegen. Wo Wissenschaft und Medien verschließen oder belächeln, überlässt sie das Thema ins Spekulative und Verschwörungsnarrativen.
Wenn wir wirklich verstehen wollen, was hinter UFOs und UAP steckt, müssen wir diese Leerstelle ergebnisoffen und Fakten- und Datenbasiert wieder füllen. Ganz gleich, wohin uns das führt.
Gerade auch in Zeiten geopolitischer Krisen und Konflikte ist es nicht zuletzt auch aus Sicht der Flugsicherheit wichtig zu wissen, welche Objekte und Phänomene unseren Luftraum teilen. Selbst wenn nur eine Sichtung auf etwas wirklich Ungewöhnliches, vielleicht sogar Außerirdisches zurückgehen sollte, wären die wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen enorm. Deshalb sollten wir mögliche Szenarien zumindest gedanklich durchspielen.
Soziologen sprechen in diesem Zusammenhang von einem "ontologischen Schock": der Erschütterung grundlegender Vorstellungen über die Realität und den Platz des Menschen im Universum. Wissenschaft kann dazu beitragen, solche Fragen einzuordnen und zu diskutieren.
Um diese tiefgreifenden Fragen geht es auch in Spielbergs "Disclosure Day". Noch ist dieser "Tag der Wahrheit" nicht gekommen. Sich mit seinen möglichen Konsequenzen auseinanderzusetzen, kann jedoch zumindest nicht schaden.
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BYD investiert Milliarden in Europas schnellste Ladepunkte. In nur fünf Minuten sollen E-Autos voll sein – doch die Rekord-Power hat einen Haken.
Der chinesische Autobauer BYD macht Ernst damit, Europas Ladeinfrastruktur auf ein neues Level zu heben.
Wie BYD selbst [1] berichtet, will das Unternehmen knapp 2 Milliarden Euro investieren, um seine sogenannte Flash-Charging-Technologie auf dem Kontinent zu etablieren.
Bis Ende 2026 sollen [2] in Europa 3.000 Schnellladepunkte entstehen, davon 600 in Großbritannien. In China peilt BYD bereits bis Jahresende 20.000 Stationen an.
Die Ladestationen erreichen eine Spitzenleistung von 1.500 Kilowatt – also 1,5 Megawatt. Zum Vergleich: Teslas aktuelle V4-Supercharger kommen auf maximal 500 Kilowatt je Post; der Cybertruck lädt aber in der Praxis mit bis zu 325 Kilowat [3]t, andere Pkw-Modelle erreichen bis zu 250 Kilowatt. Das europäische Netzwerk IONITY rüstet gerade schrittweise auf bis zu 600 Kilowatt [4] auf.
Pro Station kalkuliert BYD mit Kosten von rund 580.000 Euro. Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und Großbritannien sollen laut The Verge [5] die ersten europäischen Märkte sein.
Stella Li, Vizepräsidentin (Executive Vice President) von BYD, bezeichnete das Schnellladen [6] gegenüber der Financial Times als die "letzte Hürde" für Verbraucher beim Umstieg auf Elektrofahrzeuge.
Die beworbenen Ladezeiten klingen ambitioniert: Kompatible Fahrzeuge sollen in fünf Minuten von 10 auf 70 Prozent [7] laden, in neun Minuten von 10 auf 97 Prozent. Selbst bei minus 30 Grad Celsius verspricht BYD einen Ladevorgang von 20 auf 97 Prozent in zwölf Minuten.
Allerdings setzt die volle Leistung BYDs neueste Blade-Battery-Generation voraus. Derzeit kann in Europa nur ein einziges Modell die Flash-Charger voll ausreizen: der Denza Z9GT, der zur Premiummarke Denza gehört und ab 115.000 Euro erhältlich ist.
Zwar können alle Fahrzeuge mit CCS2-Anschluss die Stationen nutzen, die Spitzenleistung bleibt aber BYD-Modellen vorbehalten. Wie genau die 1.500-kW-Technik über den in Europa genutzten CCS2-Standard implementiert wird, lässt der Hersteller bislang offen.
Damit die enormen Ladeleistungen nicht das europäische Stromnetz überlasten, setzt BYD auf lokale Batteriespeicher. Jede Station verfügt über Pufferbatterien, die nachts günstig aus dem Netz geladen werden und tagsüber die Energie an die Fahrzeuge abgeben.
"Wir werden mehr in Batteriespeicher investieren, das bedeutet also, dass wir das Netz nicht zusätzlich belasten", sagte Li der Financial Times. Pro Standort ist von zwei Batterien mit zusammen vier Megawattstunden Kapazität die Rede.
Die größte Hürde für den Ausbau sieht BYD nicht in der Technik, sondern in der Bürokratie. Bono Ge, Leiter des britischen BYD-Geschäfts, erklärte laut FT:
"Die Herausforderung liegt nicht in der Einrichtung. Es geht wirklich darum, wie schnell die Gemeinden ihre Genehmigung erteilen können. Wir können das sehr schnell umsetzen."
Ob Kooperationen mit bestehenden Netzbetreibern wie IONITY oder Fastned geplant sind, ist derzeit nicht bekannt – BYD positioniert das System als eigene Infrastruktur.
Der Vorstoß erinnert an Teslas Supercharger-Strategie, die dem US-Hersteller einst entscheidende Marktanteile sicherte. Tesla verfügt in Europa allerdings bereits über rund 20.000 Ladepunkte.
Der EU-Marktanteil von BYD stieg laut Branchenverband ACEA in den ersten vier Monaten 2026 von 0,8 auf 1,9 Prozent. In Großbritannien liegt der Hersteller mit 3,4 Prozent bereits vor Renault und Volvo Cars.
Langfristig will BYD die Flash-Charging-Batterietechnik auch in günstigere Modelle bringen.
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Spieler von Pokémon Go haben mit ihren Scans zur Entwicklung von Navigationssystemen beigetragen, die nun auch vom Militär genutzt werden.
(Bild: Stoyan Yotov / Shutterstock.com)
Niantic nutzte Pokémon-Go-Scans für ein visuelles Navigationssystem – jetzt setzt ein US-Rüstungskonzern die Technik ein.
Als der Niederländer Floris De Hingh seine Smartphone-Kamera durch das Wohnzimmer schwenkte, wollte er nur ein virtuelles Pokémon fangen. Heute stecken genau diese Bilddaten im Navigationsalgorithmus einer US-Militärdrohne, die ohne GPS-Signal durch Häuserschluchten fliegen soll.
De Hingh hatte zugestimmt – mit einem Fingertipp, den er für Teil eines Spiels hielt. "Ich habe einfach nur ein Spiel gespielt", sagte der 34-Jährige [1] gegenüber der niederländischen Zeitung Trouw. Er hatte sogar das Innere seiner Wohnung gescannt.
De Hingh ist einer von Hunderten Millionen Pokémon-Go-Nutzern, die seit 2021 sogenannte PokéStop-Scans anfertigten – kurze 360-Grad-Videos von Gebäuden, Straßen und Parks, aufgenommen für Belohnungen im Spiel.
Rund 30 Milliarden solcher Aufnahmen befinden sich mittlerweile im Besitz von Niantic Spatial, dem Technologie-Ableger des ursprünglichen Pokémon-Go-Entwicklers.
Daraus entstand ein Visual Positioning System (VPS), das Kamerapositionen zentimetergenau bestimmt, indem es Live-Bilder mit einem dreidimensionalen Weltmodell abgleicht. Bereits zwei erkennbare Referenzpunkte von wenigen Pixeln Breite genügen, um einen Standort zu fixieren – ganz ohne Satellitensignal.
Im Dezember 2025 gaben Niantic Spatial und der US-Rüstungskonzern Vantor, vormals Maxar Intelligence, eine Partnerschaft bekannt, die exakt dieses System für militärische Einsätze nutzbar machen soll.
Vantor ist kein Startup: Das Unternehmen hält einen 70-Millionen-Dollar-Folgeauftrag der US-Geheimdienstbehörde National Geospatial-Intelligence Agency und beliefert mehr als 1,2 Millionen Nutzer der US-Regierung [2] mit Content.
Erste Tests des integrierten Luft-Boden-Navigationssystems haben nach Vantors Angaben bereits Ergebnisse geliefert: Das System erzielte bis zu 70 Prozent weniger Positionierungsfehler und eine Genauigkeit von rund 1,5 Metern.
Das technische Prinzip dahinter ist so elegant wie beunruhigend. Während GPS auf Satellitensignale angewiesen ist, die in Städten, Tunneln oder Kriegsgebieten gestört sein können, sich fälschen oder komplett blockieren lassen, orientiert sich VPS rein visuell.
Niantics Boden-Modul gleicht Kamerafeeds mit seinem 3D-Modell ab, Vantors Raptor-Software erledigt dasselbe in der Luft. Zusammen sollen Drohne und Bodenpersonal in Echtzeit identische Koordinaten teilen – ohne jede Satellitenverbindung.
In der gemeinsamen Pressemitteilung benennen die Unternehmen "Nichtverfügbarkeit, Spoofing, Interferenzen und Störsignale" von GPS als zentrale Schwachstelle. Autonome Drohnen, Fahrzeuge und AR-Brillen sollen auf dem System laufen.
Der ethische Kern des Falls liegt in einer juristischen Klausel, die kaum ein Spieler gelesen haben dürfte. Wer die Scan-Funktion aktivierte, gewährte Niantic eine "übertragbare, unterlizenzierbare Lizenz" für das Material – eine Formulierung, die den Weiterverkauf an beliebige Dritte einschließt.
Iris Muis, Expertin für Datenethik an der Universität Utrecht, brachte das Dilemma gegenüber Trouw auf den Punkt: Ein Nutzer könne sich schlicht nicht vorstellen, wie seine Daten in fünf Jahren verwendet werden. Wer 2021 einem Spiel zustimmte, erteilte keine Einwilligung für ein Rüstungsprogramm im Jahr 2026.
Jeroen van den Hoven, Professor für Ethik und Technologie an der TU Delft, wurde demnach noch deutlicher: "Die Menschen, die dachten, sie würden ein Spiel spielen, wurden eindeutig hinters Licht geführt." Manche Verantwortliche im Unternehmen hätten womöglich längst gewusst, welche zukünftigen Anwendungen möglich seien.
Auf die direkte Frage von Trouw, ob das militärische System auf Pokémon-Go-Daten zurückgreift, erklärte Vantor, man werde die Spieldaten nicht nutzen. Ob das einzusetzende Modell aber bereits damit trainiert wurde, wollte das Unternehmen laut Bericht aber nicht beantworten.
Niantic Spatial räumte in einer früheren Stellungnahme ein, die Scans hätten eine "frühe Version" des Navigationsmodells trainiert. Zur Verteidigungspartnerschaft habe man "derzeit keine neuen Informationen zu teilen".
Van den Hoven hält diese Lücke für den eigentlichen Skandal. KI-Modelle beginnen mit einem Datensatz und nehmen dann immer mehr Daten auf, bis die ursprünglichen Beiträge zu Mustern verschwimmen.
"Ohne die riesige Anzahl an Scans all dieser Spieler wäre die Entwicklung dieses Systems niemals so schnell vorangekommen", sagte er . Sobald ein Scan im Modell steckt, lässt er sich praktisch nicht mehr nachweisen – die Leugnung wird komfortabel unwiderlegbar.
Der militärische Dreh erscheint weniger überraschend, wenn man die Firmengeschichte kennt. Niantic ging aus Keyhole hervor, einem Geodaten-Unternehmen, das 2003 Finanzmittel von In-Q-Tel erhielt – dem Venture-Arm der CIA.
Keyholes Dienste unterstützten laut einer In-Q-Tel-Pressemitteilung US-Truppen im Irakkrieg.
Google kaufte Keyhole 2004, CEO John Hanke baute Google Maps und Street View auf, gründete 2010 Niantic Labs und gliederte es 2015 aus.
2025 spaltete sich die Struktur erneut: Die Spiele-Sparte ging für 3,5 Milliarden Dollar an Scopely, das der Savvy Games Group gehört [3], einem Unternehmen des saudischen Public Investment Fund (PIF). Die militärisch verwertbare Kartentechnologie blieb unter Hanke bei Niantic Spatial. Die Spiele gingen also an einen Staatsfonds; die Karte ging dagegen an die Rüstungsindustrie.
Pokémon Go steht dabei nicht allein. Metas Smart-Brillen scannen permanent die Umgebung, Apples AR-Hardware modelliert Innenräume, Waymos Robotaxis rekonstruieren detaillierte Straßenlayouts.
Der britische Spieledesigner Adrian Hon rät Spielern inzwischen, keine Scans mehr zu machen und auf kleinere Spiele auszuweichen, bei denen ein Datenweiterverkauf unwahrscheinlicher sei .
Van den Hoven fordert darüber hinaus, dass Europa ein eigenes VPS-Äquivalent entwickelt, um nicht von fremden Navigationssystemen abhängig zu werden.
De Hingh, der Pokémon Go längst aufgegeben hat, nannte die Enthüllung einen "enormen Augenöffner": "Ein Spiel muss ein Spiel bleiben."
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Quelloffene technologische Souveränität mit US-Dateiformaten? LibreOffice übt Kritik
(Bild: Shutterstock AI/Shutterstock.com)
Wurmfortsatz proprietärer Anbieter? Das europäische Softwareprojekt Euro-Office steht kurz nach seinem Debüt unter Beschuss. Ein Überblick.
Nur wenige Stunden nach dem Release von Euro-Office 1.0 [1] veröffentlichte Italo Vignoli, Gründungsmitglied der Document Foundation, am Montag einen offenen Brief [2], in dem er zentrale Behauptungen des Projekts zurückweist. Euro-Office werde als "erste quelloffene, in Europa entwickelte Office-Suite" vermarktet – eine Aussage, die Vignoli als schlicht falsch bezeichnet.
Diese Rolle komme OpenOffice.org [3] zu, das im Jahr 2001 auf Basis des Quellcodes von StarOffice entstanden sei, gefolgt von LibreOffice im Jahr 2010. Euro-Office sei damit nicht die erste, sondern die jüngste europäische Office-Suite. Doch die Kritik zielt auch auf den Kern des Projekts.
Euro-Office [4] ist ein sogenannter Fork – also eine Abspaltung – der quelloffenen Suite OnlyOffice [5]. Das Projekt wurde im April von den deutschen Unternehmen Nextcloud und Ionos gemeinsam mit weiteren europäischen Partnern ins Leben gerufen, darunter Eurostack, XWiki, OpenProject, Soverin, Abilian, BTactic, Open-Xchange und Office.eu.
Ziel ist es, Unternehmen, Behörden und Organisationen eine europäisch kontrollierte Alternative zu Diensten wie Microsoft Office oder Google Docs zu bieten, mit der Nutzer gemeinsam Dokumente, Tabellen und Präsentationen erstellen und bearbeiten können. Damit soll Europa technologisch stärker souverän werden.
Technisch wurde OnlyOffice als Basis gewählt, weil Nextcloud und Ionos dessen Architektur und Codebasis gegenüber LibreOffice und dessen Browservariante Collabora als moderner einschätzen. Kurz nach der Projektankündigung hatte OnlyOffice noch Lizenzverletzungen vorgeworfen – ein Streit, der laut Karlitschek inzwischen beigelegt sei: Entsprechende Quell- und Markenhinweise seien ergänzt worden.
Der Kern der Kritik von Vignoli und der Document Foundation richtet sich gegen das Dateiformat, das Euro-Office standardmäßig verwendet.
Euro-Office setzt auf das Office Open XML-Format (OOXML) – ein proprietäres Format, das ausschließlich von Microsoft entwickelt und kontrolliert wird. Echte digitale Souveränität, so Vignoli, setze jedoch die Nutzung des Open Document Format (ODF) voraus, eines ISO-zertifizierten offenen Standards, der sicherstelle, dass Nutzer die volle Kontrolle über ihre eigenen Inhalte behalten.
Euro-Office stärke damit Microsofts Strategie gegen die digitale Souveränität Europas, anstatt ihr entgegenzuwirken. Vignoli erinnerte zudem daran, dass viele der heutigen Verfechter digitaler Souveränität 2006, als der offene ODF-Standard angekündigt wurde, noch geschwiegen hätten – und der Document Foundation damals teils mit herablassendem Lächeln begegnet seien.
Ein Sprecher von Euro-Office entgegnete [6] gegenüber dem Fachmedium The Register: "Wir stimmen darin überein, dass proprietäre Dateiformate ein ernstes Hindernis für die digitale Souveränität darstellen. Deshalb müssen wir Nutzern helfen, die an diesen Formaten festhalten, und ihnen ermöglichen, mit einer offenen Office-Plattform zu arbeiten." Euro-Office werde die Entwicklung auf eine verbesserte ODF-Unterstützung konzentrieren: "Letztlich sollte ODF der Standard sein – nicht OOXML. Darauf werden wir hinarbeiten."
Neben dem Formatstreit gibt es weitere Einwände. Das Technologieportal TechRadar berichtet [7] unter Berufung auf eine Analyse von Cybernews, dass bis zu 99 Prozent des Quellcodes von Euro-Office auf Entwickler zurückzuführen sei, die in russischen Zeitzonen arbeiten – eine direkte Folge der Herkunft aus dem OnlyOffice-Projekt, dessen ursprünglicher Entwickler in Russland ansässig ist.
Zudem soll Euro-Office weiterhin ausgewählte Code-Änderungen aus dem vorgelagerten OnlyOffice-Projekt übernehmen, was eine fortbestehende Abhängigkeit von russischen Softwareentwicklern nahelegt. Kritiker sehen darin ein Sicherheitsrisiko, das den Souveränitätsanspruch des Projekts grundsätzlich in Frage stellt.
LibreOffice selbst hatte Ende Mai einen Strategiewechsel angekündigt: Die freie Office-Suite soll sich künftig stärker in Richtung Webbrowser, Smartphones und kollaboratives Arbeiten weiterentwickeln – und tritt damit in direkte Konkurrenz zu Euro-Office.
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Die Reallöhne sinken in den USA, während vor allem der Energiesektor für Preissprünge sorgt
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Die US-Inflation erreicht den höchsten Stand seit drei Jahren. Der Iran-Krieg treibt die Energiepreise – mit Folgeeffekt. Doch das könnte erst der Anfang sein.
Die US-Inflation ist im Mai auf 4,2 Prozent im Jahresvergleich gestiegen [1], wie das Bureau of Labor Statistics (BLS) des US-Arbeitsministeriums mitteilte. Gegenüber dem Vormonat legten die Verbraucherpreise um 0,5 Prozent zu, nach einem Anstieg von 0,6 Prozent im April. Damit verzeichnen die USA die stärkste Preissteigerungsrate seit drei Jahren. Der Hauptgrund ist ein massiver Anstieg der Energiepreise, der zu 60 Prozent für den monatlichen Anstieg verantwortlich ist.
Benzinpreise stiegen im Mai um 7 Prozent gegenüber dem Vormonat und liegen damit mehr als 40 Prozent über dem Niveau des Vorjahres. Laut dem amerikanischen Automobilverband AAA kostet eine Gallone Benzin derzeit 4,15 US-Dollar (umgerechnet rund 1,10 Euro pro Liter).
Zum Vergleich: Am 28. Februar, als die USA und Israel den Iran angriffen, lag der Preis noch bei 2,98 US-Dollar pro Gallone. Rohöl der Sorte Brent stieg am Mittwoch um 1,45 US-Dollar auf 92,90 US-Dollar pro Barrel, WTI-Rohöl kletterte um 1,80 US-Dollar auf 90 US-Dollar.
Während die Preise steigen, stagnieren die Löhne. Die inflationsbereinigten Reallöhne sanken im Mai um 0,1 Prozent – bereits der zweite Rückgang in Folge. CNN berichtete [2], dass der Rückgang sich im Jahresvergleich sogar auf 0,7 Prozent ausgeweitet hat, nach einem Minus von 0,3 Prozent im April.
"Amerikaner werden finanziell durch die Inflation in die Zange genommen", sagte Heather Long, Chefökonomin bei Navy Federal Credit Union. "Es sind keine schlechten Stimmungswerte mehr; es gibt echten finanziellen Druck, vor allem für Haushalte der Mittel- und Unterschicht."
Alex Jaquez, ehemaliges Mitglied des Nationalen Wirtschaftsrats unter Präsident Joe Biden, erklärte [3] gegenüber Al Jazeera: "Die hohen Preise sind gekommen, um zu bleiben. Der CPI-Wert dieses Monats bietet arbeitenden Familien keine Entlastung."
Präsident Donald Trump reagierte auf die Daten ungewöhnlich gelassen. Auf die Frage, ob die Inflationszahlen seiner Partei vor den Zwischenwahlen im November schaden könnten, entgegnete er: "Ich liebe die Inflation." Er fügte hinzu, er habe einen Plan genehmigt, Öltanker durch die Straße von Hormus zu schleusen, um den Preisanstieg abzufedern – allerdings ohne weitere Details zu nennen.
Trump zeigte sich überzeugt, dass die Preise nach dem Krieg wieder fallen würden. Im vergangenen Monat hatte er erklärt, die finanzielle Lage der Amerikaner sei für ihn kein maßgeblicher Faktor: "Ich denke nicht an die finanzielle Situation der Amerikaner. Ich denke an eine Sache: Wir können Iran nicht erlauben, eine Atomwaffe zu haben."
Der Preisschock ist unmittelbar mit dem militärischen Konflikt zwischen den USA, Israel und Iran verknüpft. Das US-Zentralkommando hatte nach eigenen Angaben in der Nacht zum Donnerstag Angriffe auf "mehrere Ziele in Iran" gestartet und diese als Selbstverteidigung bezeichnet, nachdem ein Apache-Kampfhubschrauber abgeschossen worden war.
Iran reagierte: Die Islamische Revolutionsgarde (IRGC) meldete Gegenschläge auf US-Stützpunkte in Kuwait, Bahrain und Jordanien. Iranische Medien berichteten von Angriffen auf die Hafenstadt Bandar Abbas, die Insel Qeshm sowie die Ortschaften Sirik, Minab und Karaj westlich von Teheran.
Die Angriffe stellen die weitreichendste Eskalation seit Beginn des brüchigen Waffenstillstands im April dar. Irans Militär ordnete laut lokalen Medienberichten die vollständige Schließung der Straße von Hormus für alle Schiffe an – einschließlich Öltanker und Handelsschiffe.
Diane Swonk, Chefökonomin bei KPMG, erklärte gegenüber CNN, dass die vollen Auswirkungen des Krieges auf die Lebensmittelpreise noch nicht eingepreist seien: "Die Düngemittel-, Dieselkosten, reduzierten Ernteerträge und die potenziellen Auswirkungen eines El-Niño-Phänomens – nichts davon schlägt durch, bis es in die Herbsternte und ins Jahr 2027 geht."
Sie warnte zudem vor weiteren Preistreibern: Zölle, steigende Energie- und Verpackungskosten sowie der Strombedarf des KI-Booms.
Die Inflationsdaten erhöhen den Druck auf die US-Notenbank Federal Reserve, die kommende Woche ihre erste Sitzung unter dem neuen Vorsitzenden Kevin Warsh abhält.
Warsh hatte im vergangenen Monat Jerome Powell als Fed-Chef abgelöst. Das Marktbeobachtungsinstrument CME Fed Watch geht mit einer Wahrscheinlichkeit von 96 Prozent davon aus, dass die Zinsen im Juni unverändert bei 3,5 bis 3,75 Prozent bleiben. Für Oktober wird jedoch bereits eine Wahrscheinlichkeit von rund 38 Prozent für eine Zinserhöhung um einen Viertelprozentpunkt auf 3,75 bis 4 Prozent ausgewiesen. Goldman Sachs erwartet Zinssenkungen frühestens Mitte bis Ende 2027.
An den Finanzmärkten reagierten Aktien und Gold negativ: Der S&P 500 verlor rund 1 Prozent, der Dow Jones fiel um 1,3 Prozent, der Nasdaq um 1,4 Prozent. Der Goldpreis sank um 2,6 Prozent auf 4.151,86 US-Dollar je Unze – den niedrigsten Stand seit dem 23. März. "Wir reden über die Möglichkeit von Zinserhöhungen, und das drückt den Goldpreis", erklärte Aleksandar Tomic, Associate Dean an der Boston University.
Die aktuellen Inflationsdaten sind kein vorübergehendes Phänomen, sondern das Ergebnis mehrerer sich überlagernder Schocks: ein laufender Krieg, der eine der wichtigsten Ölrouten der Welt blockiert, fünf Jahre kumulierter Preissteigerungen und strukturelle Faktoren wie der Energiebedarf durch KI-Infrastruktur.
Selbst wenn ein Waffenstillstand oder ein Abkommen mit Iran erzielt würde, rechnen Experten damit, dass es Monate dauern würde, bis die Ölversorgung wieder normalisiert ist – mit anhaltenden Störungen bis ins Jahr 2027.
Ökonom Sung Won Sohn von der Loyola Marymount University wies darauf hin, dass die Preissteigerungen bislang vor allem auf Energie konzentriert seien und sich noch nicht breit durch die Wirtschaft zögen. Doch genau dieses Szenario wird umso wahrscheinlicher, je länger der Krieg dauert.
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Die Rentenkommission erwägt ein Pflicht-Splitting der Ansprüche. Ein Rechenbeispiel zeigt, wie hoch die finanziellen Einbußen im Alter ausfallen.
Der Vorschlag klingt nach Gleichberechtigung, er ist aber ein Kürzungsprogramm: Die von der Bundesregierung eingesetzte Rentenkommission erwägt, die Witwenrente in ihrer bisherigen Form abzuschaffen.
An ihre Stelle soll eine Regelung treten, die an die Vermögensaufteilung im Fall einer Scheidung erinnert: Die in der Ehe erworbenen Entgeltpunkte sollen hälftig aufgeteilt werden. Dieser Vorschlag klingt fair, aber bei genauerem Hinsehen entpuppt er sich als das Gegenteil: Denn vor allem Frauen, die ohnehin schon niedrigere Renten als Männer erhalten, hätten mit erheblichen finanziellen Einbußen zu rechnen.
Aktuell zahlt die Rentenversicherung rund 5,4 Millionen Hinterbliebenenrenten. Der durchschnittliche Zahlbetrag von Altersrenten für Frauen liegt bei 955 Euro. Kommt eine Witwenrente hinzu, steigt die monatliche Rente auf 1721 Euro, legt der SoVD in seiner Stellungnahme [1] an die Rentenkommission dar.
Für Millionen Frauen im Land ist die Witwenrente damit ein Schutzwall gegen Altersarmut, aber genau den will die Kommission jetzt schleifen.
Ein konkretes Rechenbeispiel, das wir von web.de entlehnt haben [2], macht die Dimension der Kürzung greifbar:
Er hat 60 Entgeltpunkte erworben, davon 40 während der Ehe. Sie kommt auf 20 Entgeltpunkte, 10 davon aus den Ehejahren. Ohne Splitting erhält er bei einem aktuellen Rentenwert von 40,79 Euro (gültig bis 30. Juni 2026; ab 1. Juli 2026: 42,52 Euro je Entgeltpunkt) pro Entgeltpunkt eine monatliche Bruttorente von 2.447 Euro, sie bekommt 816 Euro. Solange beide leben, verteilt das Splitting die Summe lediglich anders: Er erhält 1.836 Euro, sie 1.428 Euro. Die Gesamtrente bleibt nahezu identisch.
Der entscheidende Unterschied zeigt sich erst im Todesfall. Stirbt der Mann zuerst, hätte die Witwe nach geltendem Recht Anspruch auf ihre eigene Rente von 816 Euro plus eine Witwenrente von 1.346 Euro – insgesamt 2.162 Euro monatlich.
Würden aber die Rentenpunkte [3] gesplittet, blieben ihr dagegen nur 1.428 Euro. Das sind 734 Euro weniger jeden Monat, denn nach dem Splitting erlischt ja der Anspruch auf Hinterbliebenenrente vollständig.
Der politische Kontext macht die Stoßrichtung deutlich: Kanzler Friedrich Merz nannte die gesetzliche Rente zuletzt offen nur noch eine "Basisabsicherung" [4] und drängt massiv darauf, privat vorzusorgen.
Die Rentenkommission unter Leitung von Constanze Janda und Frank-Jürgen Weise steht unter erheblichem Druck, Sparvorschläge für ein Rentensystem vorzulegen [5], das ohnehin vor massiven Finanzierungsproblemen steht. Die Witwenrente abzuschaffen zugunsten eines Pflicht-Splittings würde vermutlich Milliarden einsparen – auf Kosten derer, die ohnehin am wenigsten haben.
Sarah Vollath, rentenpolitische Sprecherin der Linken im Bundestag, nennt den Vorschlag einen "massiven Angriff auf die soziale Absicherung im Alter". Besonders betroffen seien Frauen, die im Durchschnitt weniger verdienten, häufiger in Teilzeit arbeiteten und den Großteil unbezahlter Sorgearbeit übernähmen.
"Hier muss man klar mit einer Verschlechterung der Alterssicherung von Frauen rechnen", warnt Vollath [6].
An der Misere ändert es auch nichts, dass Frauen etwa bei der Anrechnung von Kindererziehungszeiten [7] im Vorteil sind. Im Rentenrecht werden diese Zeiten nämlich automatisch der Mutter zugeordnet und Väter gehen selbst bei geteilter Betreuung leer aus.
Dennoch haben Frauen eine niedrigere Rente zu erwarten, da sie immer noch viel öfter in Teilzeit arbeiten als Männer. Und diese Lücken in der Rentenbiografie werden dann auch nicht durch die Kinderziehungszeiten kompensiert.
Die soziale Schieflage bei den Rentnern ist schon heute nicht mehr zu übersehen: Jeder fünfte Rentner gilt als armutsgefährdet [8], und gut 5,1 Millionen Babyboomern droht eine Rente unter 800 Euro [9].
Die Zahl der Senioren in Grundsicherung stieg innerhalb von fünf Jahren um rund 34 Prozent. In diese Lage hinein die Witwenrente zu streichen, verschärft das Problem – anstatt es zu lösen.
Zwar bietet das Splitting zwei Vorteile: Die Ansprüche bleiben auch bei erneuter Heirat bestehen, und Hinzuverdienste werden nicht angerechnet. Doch diese Argumente verfangen nur bei einer Minderheit.
Für die große Mehrheit der Hinterbliebenen gilt: Die Witwenrente ist finanziell überlegen. Wer heute noch darauf vertraut, dass die Ehe im Alter verlässlich vor Armut schützt, sollte genau hinschauen, welche Pläne die Kommission in den nächsten Wochen vorlegt.
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Leere Akkus, volle Parkplätze: Wer kein Eigenheim hat, steht beim Laden oft im Regen, und das Problem wächst rasant. Aber es gibt Lösungen.
Hohe Kraftstoffpreise und neue Fördermaßnahmen pushen die Elektromobilität in Deutschland. Allein im April 2026 wurden in Deutschland 64.350 neue Elektroautos [1] zugelassen. Das entspricht einem Plus von 41,3 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat.
Privatkunden setzen inzwischen in gleichem Maße auf Elektromobilität wie bisher bereits Flottenkunden. Bevorzugt werden bei dieser Entwicklung Eigenheimbesitzer in den grünen Speckgürteln um die Metropolen, die sich eigene Wallboxen zum exklusiven Laden ihrer Fahrzeuge installieren können.
Wer keine eigene Lademöglichkeit auf seinem Grundstück besitzt, ist auf öffentliche Ladepunkte angewiesen. Davon gibt es inzwischen zwar eine wachsende Zahl. Doch als gewaltiges Problem der öffentlichen Ladeinfrastruktur stellt sich die Fehlbelegung der Ladepunkte als einfache Parkplätze heraus.
Deutschland hat zuletzt die Marke von 200.000 öffentlichen Ladepunkten überschritten. Das Ladesäulenregister [2] der Bundesnetzagentur enthält 149.002 Normalladepunkte und 51.253 Schnellladepunkte, die am 1. April 2026 in Betrieb waren.
Dennoch kommen heute rechnerisch bereits rund zehn Elektrofahrzeuge auf einen öffentlichen Ladepunkt, in Ballungsräumen oft sogar deutlich mehr.
Durch die Fehlbelegungen geraten die öffentlichen Ladeplätze zunehmend unter Druck. Dies trifft in erster Linie auf die Städte zu, wo immer mehr Fahrzeuge um die verfügbaren Ladepunkte konkurrieren. Hatte man mit den kostenpflichtigen Anwohnerstellplätzen eine Lösung für das reine Abstellproblem gefunden, funktioniert dies beim Laden nicht.
Als Folge treffen immer mehr E-Autos auf blockierte Ladeplätze. Jetzt sind Kommunen und Betreiber der Ladeinfrastruktur gefragt, Lösungen zu finden: Ladeplätze sollen möglichst selten blockiert, stets zum Laden verfügbar und effizient genutzt werden – nicht stundenlang von voll geladenen Fahrzeugen belegt bleiben. Andere Fahrer finden dann keinen Ladeplatz mehr.
Ähnlich wie bei der Optimierung der Stromverteilnetze könnte man auch bei der Bewirtschaftung der Ladepunkte zu einer verstärkten Digitalisierung übergehen. Viele Betreiber wissen heute gar nicht, wie ihre Ladeflächen tatsächlich genutzt werden.
Eine Digitalisierung könnte sowohl die Verfügbarkeit der Ladepunkte als auch die nach Tageszeit gestaffelten Tarife transparent bereitstellen und Ladezeitüberschreitungen gezielt sanktionieren.
Die EnBW, die eines der umfangreichsten Ladenetze mit Zugang zu über 900.000 Ladepunkten [3] in Europa betreibt, erhebt an Ladesäulen im HyperNetz eine Blockiergebühr [4], um Dauerparken zu verhindern. Diese greift nach einer ununterbrochenen Anschlussdauer von vier Stunden.
Von der Parkraumbewirtschaftung der Supermarktparkplätze kommend bieten Firmen wie Avantpark [5] digitale Systeme an, die per Kennzeichenerkennung die Ein- und Ausfahrten bei den Ladebuchten erfassen und diese Daten in Echtzeit bereitstellen. Betreiber sehen so Auslastung, Parkdauer und Nutzung einzelner Ladeplätze unmittelbar.
Ohne digitale Steuerung, so ist der Anbieter überzeugt, wird sich der steigende Druck auf öffentliche Ladeflächen langfristig kaum bewältigen lassen.
Besonders betroffen von dem Dilemma sind hoch frequentierte Standorte in Innenstädten, bei Supermärkten und Einkaufszentren oder in Parkhäusern. Dort treffen kurze Ladezyklen auf lange Standzeiten, was zu einer sinkenden Verfügbarkeit für nachfolgende Nachfrager führt.
Zudem wissen viele Ladepunktbetreiber nicht, wie ihr Angebot genutzt wird, weil es an zeitnahen Informationen zur Auslastung fehlt. Damit haben weder die betroffenen Kommunen noch die Betreiber der Ladeinfrastruktur eine Übersicht, wie ihr Angebot angenommen wird und wie häufig Ladeplätze zweckwidrig genutzt werden oder zu welchen Zeiten es regelmäßig zu Engpässen kommt.
"Ohne belastbare Echtzeitdaten lassen sich Ladeplätze langfristig kaum sinnvoll organisieren."
Mario Feghali, Director Sales & Marketing bei Avantpark Deutschland
Datensicherheit in der Ladeinfrastruktur ist essenziell, da Ladepunkte vernetzte Knotenpunkte zwischen Verkehr und kritischen Energienetzen sind. Sie umfasst den Schutz der Ladekommunikation, Authentifizierung und Benutzerdaten vor Cyberangriffen und Manipulationen, für die laut Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) strengere Sicherheitsvorgaben gelten.
Das BSI hat die IT-Sicherheit der öffentlichen Ladeinfrastruktur untersucht und im Frühjahr 2026 einen Bericht [6] dazu veröffentlicht.
Die öffentlichen Ladepunkte in Deutschland geraten offensichtlich zunehmend ins Visier von Cyberkriminellen. Von manipulierten QR-Codes über Schwachstellen im Open Charge Point Protocol (OCPP [7]) bis zur Destabilisierung des Stromnetzes reichen die Gefahren.
Cyberkriminelle überkleben beim QR-Code-Phishing oder Quishing [8] die QR-Codes auf den Säulen mit Fälschungen, um Kunden auf manipulierte, aber täuschend echt aussehende, Websites zu locken und Login- oder Bezahldaten abzugreifen.
Gegen Phishing hilft sowohl die eigene Plausibilitätskontrolle des Nutzers als auch ein durchdachtes Produktdesign. Wenn beispielsweise der QR-Code nicht auf der Säule aufgedruckt ist, sondern in einem eigene Digitaldisplay erscheint, ist ein Überkleben mit einem gefälschten Code ausgeschlossen.
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Deutschland strebt die alleinige Führung bei der Entwicklung eines neuen europäischen Kampfflugzeugs an.
(Bild: VanderWolf Images / Shutterstock.com)
Das Mega-Projekt FCAS ist tot: Deutschland bricht mit Frankreich und greift mit Milliarden-Macht nach der Führung in der europäischen Luftfahrt.
Rund 730 Milliarden Euro und ein gebrochenes Versprechen an Paris: Deutschland bläst das gemeinsame europäische Super-Kampfflugzeug ab, um die Führung im Luftraum im Alleingang zu übernehmen.
Nachdem das deutsch-französische Prestigeprojekt FCAS Anfang Juni endgültig gescheitert [1] ist, legt Berlin nun eine neue Luftfahrtstrategie vor, die unmissverständlich einen Führungsanspruch formuliert – und die bisherige Partnerschaft mit Paris faktisch für beendet erklärt.
In dem Strategieentwurf, den die [2] Financial Times (FT) zitiert, heißt es wörtlich, die deutsche Industrie besitze die Expertise, ein solches Programm "im europäischen oder internationalen Rahmen zu leiten oder eine wesentliche Rolle bei dessen Gestaltung zu spielen".
Noch deutlicher wird eine zweite Passage: Die Beteiligung der deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie müsse dem finanziellen Beitrag Deutschlands "sowohl qualitativ als auch quantitativ" entsprechen.
Angesichts geplanter Verteidigungsausgaben von rund 730 Milliarden Euro bis 2030 ist das ein unmissverständliches Signal.
Das 2017 von Emmanuel Macron und Angela Merkel gestartete FCAS-Programm – veranschlagt auf rund 100 Milliarden Euro – sollte ab etwa 2040 Rafale und Eurofighter ablösen. Doch die industriellen Gräben zwischen Dassault Aviation und Airbus erwiesen sich als unüberbrückbar.
Im Kern ging es um Designhoheit, Arbeitsanteile und geistiges Eigentum. Laut einem Bericht von [3] Reuters aus dem Jahr 2025 soll Dassault zeitweise rund 80 Prozent der Arbeitspakete beim Kernkampfjet beansprucht haben – ein Anteil, den Berlin als unvereinbar mit einer gleichberechtigten Partnerschaft zurückwies.
Hinzu kamen unterschiedliche Einsatzanforderungen: Frankreich bestand auf Nuklearfähigkeit und Trägerbetrieb, Anforderungen, die für die Bundeswehr irrelevant sind.
Am 8. Juni bestätigten Regierungsquellen beider Seiten das Aus für den bemannten Kampfjet. Europas strategische Autonomie [4] steht damit vor einer Zerreißprobe.
Bereits einen Tag nach dem offiziellen Scheitern reichte Airbus laut [5] Reuters ein Positionspapier bei der Bundesregierung ein. Der Konzern wirbt damit [6] für ein neues, von ihm geführtes Kampfjetprogramm der sechsten Generation und versucht, deutsche Unternehmen wie MTU Aero Engines für Triebwerke, Hensoldt für Sensorik und Radar, Diehl und MBDA für Bewaffnung sowie Rohde & Schwarz für Kommunikation in ein Konsortium einzubinden.
Spanien, das 2019 dem FCAS beigetreten war, könnte sich dem neuen Bündnis anschließen.
Alternativ nennt die Strategie einen möglichen Beitritt zum britisch-italienisch-japanischen Programm GCAP oder eine Kooperation mit Saab. Alle Optionen eint der Grundsatz: Deutschland will nicht mehr Juniorpartner sein. Das Dokument betont, ein "starker industrieller Kern mit eigenen Fähigkeiten bei Bau und Wartung komplexer Luftfahrtsysteme" sei entscheidend für Souveränität.
Der deutsche Kurswechsel trifft einen Nerv. Die Debatte über Deutschlands wachsende Militärmacht [7] und alte Ängste vor Hegemonie bekommen durch das FCAS-Aus neue Nahrung.
Berlin macht sich mit dem größten europäischen Rüstungsbudget seit dem Kalten Krieg zum Spitzenreiter einer Aufrüstungswelle – und beansprucht nun auch bei der prestigeträchtigsten Waffengattung die Führung.
Ob ein neues Konsortium tatsächlich bis Anfang der 2040er-Jahre einen einsatzfähigen Jet liefern kann, gilt als extrem ambitioniert. Belastbare Zahlen zu Jobs und Wertschöpfung fehlen bislang völlig.
Paris betont zwar weiterhin, die deutsch-französische Kooperation in der Verteidigung bleibe grundsätzlich unverzichtbar. An gemeinsamen Drohnensystemen und einer vernetzten Gefechtsarchitektur wollen beide Seiten weiterarbeiten.
Doch beim Herzstück – dem bemannten Kampfjet der nächsten Generation – gehen die ehemaligen Partner jetzt getrennte Wege.
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Ein Mann trainiert im Fitnessstudio mit einer Langhantel.
(Bild: BGStock72 / Shutterstock.com)
Mehr Training bringt keinen Vorteil mehr – ab einer bestimmten Schwelle ist das Risiko für frühen Tod laut Harvard-Studie nicht weiter senkbar.
Wer zwischen 90 und 120 Minuten pro Woche Hanteln stemmt, Kniebeugen macht oder Liegestütze absolviert, senkt sein Risiko für einen vorzeitigen Tod messbar. Das zeigt eine Langzeitstudie der Harvard T.H. Chan School of Public Health, die Daten von 147.374 Erwachsenen über bis zu 30 Jahre ausgewertet hat.
Veröffentlicht wurden die Ergebnisse [1] Anfang Juni im British Journal of Sports Medicine.
Die Kernbotschaft dürfte vor allem diejenigen interessieren, die sich bislang weder ins Fitnessstudio trauen noch Zeit für ausgedehnte Sportprogramme finden: Schon moderate Mengen an Krafttraining reichen offenbar aus – und mehr als zwei Stunden pro Woche bringen keinen zusätzlichen Überlebensvorteil.
Das Forscherteam um Yiwen Zhang und Edward Giovannucci wertete drei große US-Kohortenstudien aus: die Health Professionals Follow-up Study, die Nurses' Health Study und deren Nachfolgestudien.
Die Teilnehmer – allesamt Angehörige von Gesundheitsberufen – gaben in regelmäßigen Fragebögen an, wie viel Zeit sie wöchentlich mit Krafttraining und Ausdauersport verbrachten.
Während des Beobachtungszeitraums von bis zu drei Jahrzehnten dokumentierten die Forscher 35.798 Todesfälle.
Die Ergebnisse sind bemerkenswert konkret: Wer im Schnitt 90 bis 119 Minuten Krafttraining pro Woche absolvierte, wies gegenüber Personen ohne jedes Muskeltraining ein um 13 Prozent geringeres Risiko auf, an irgendeiner Ursache zu sterben (Hazard Ratio 0,87).
Das Risiko für einen Tod durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen sank um 19 Prozent, das für neurologische Todesursachen wie Alzheimer sogar um 27 Prozent.
Oberhalb von 120 Minuten pro Woche flachte die Kurve ab. Mehr Training bedeutete statistisch gesehen keine weitere Risikosenkung.
Die Forscher sprechen von einem Plateau-Effekt – ein Befund, der gerade für vielbeschäftigte Menschen in der zweiten Lebenshälfte relevant sein dürfte: Zwei Stunden reichen, mehr ist aus Sicht der Lebensverlängerung offenbar unnötig.
Noch deutlicher fielen die Ergebnisse aus, wenn Krafttraining mit regelmäßiger Ausdauerbewegung kombiniert wurde.
Die niedrigsten Sterberisiken beobachteten die Forscher bei Personen, die wöchentlich 30 bis 44 sogenannte MET-Stunden (metabolisches Äquivalent) an Ausdauertraining absolvierten und zusätzlich 60 bis 119 Minuten Kraftübungen machten.
Diese Gruppe wies ein um rund 45 Prozent geringeres Sterberisiko auf als weitgehend inaktive Vergleichspersonen.
Was 30 MET-Stunden in der Praxis bedeuten, lässt sich grob übersetzen: Etwa zehn Stunden zügiges Spazierengehen pro Woche – also gut 80 Minuten am Tag. Wer intensivere Aktivitäten wie Joggen oder Radfahren einbaut, kommt mit weniger Zeitaufwand auf den gleichen Wert.
Wie die Harvard-Forscher betonen [2], sei Ausdauertraining für die Sterblichkeitsreduktion insgesamt sogar noch wirkungsvoller als Krafttraining allein.
Für die Einordnung ist wichtig: Die Teilnehmer der Harvard-Kohorten sind überdurchschnittlich gesundheitsbewusst. 74 Prozent erreichten bereits die empfohlenen 150 Minuten moderater Ausdauerbewegung pro Woche, 46 Prozent betrieben regelmäßig Krafttraining.
In der deutschen Allgemeinbevölkerung liegen diese Werte deutlich niedriger. Das bedeutet: Wer hierzulande von nahezu keiner Aktivität auf den ermittelten Sweet Spot wechselt, dürfte absolut betrachtet sogar stärker profitieren, weil das Ausgangsrisiko höher ist.
Um die relativen Prozentwerte greifbar zu machen: Bei einem typischen Zehnjahres-Sterberisiko von 10 Prozent für eine 55-jährige Person entspricht die beobachtete Risikosenkung von 13 Prozent einer absoluten Reduktion auf 8,7 Prozent – eine Größenordnung, die mit der Wirkung mancher Präventionsmedikamente vergleichbar ist.
Bei der Kombination mit Ausdauertraining und einem Ausgangsrisiko von 15 Prozent sinkt der Wert rechnerisch auf rund 8 Prozent.
Studien-Mitautor Giovannucci betonte laut Everyday Health [3], dass "kleine Mengen dennoch einen Unterschied machen" könnten. Es sei wichtiger, schrittweise eine Routine aufzubauen, als zu versuchen, auf einmal viel zu tun.
Experten verweisen darauf, dass sich Krafttraining problemlos zu Hause mit Widerstandsbändern, Hanteln oder schlicht gefüllten Wasserflaschen absolvieren lässt.
Für Menschen mit Vorerkrankungen wie Bluthochdruck oder Arthrose gilt: Moderates Krafttraining mit langsam ausgeführten Bewegungen und niedriger Last empfehlen sowohl die American Heart Association als auch europäische kardiologische Leitlinien ausdrücklich – solange der Blutdruck kontrolliert ist und auf hochintensive Pressübungen verzichtet wird.
Dass die Studienteilnehmer ihre Aktivität per Fragebogen selbst dokumentierten, ist eine methodische Einschränkung. Systematische Vergleichsstudien zeigen, dass Menschen ihre aktive Zeit tendenziell überschätzen.
Wer also realistisch betrachtet zweimal 30 Minuten gezieltes Training pro Woche schafft, könnte bereits im wirksamen Bereich liegen.
Die Harvard-Daten fügen sich in ein wachsendes Mosaik aus Studien zur Prävention im mittleren Lebensalter. Telepolis berichtete bereits über Forschungsergebnisse, die zeigen, wie Schlaf das biologische Alter einzelner Organe beeinflusst [4] – mit einem idealen Fenster von 6,4 bis 7,8 Stunden pro Nacht.
Und auch die Epigenetik liefert Argumente für einen aktiven Lebensstil: Wie ein weiterer Telepolis-Beitrag zur epigenetischen Vererbung [5] zusammenfasst, können sich Sport und Ernährung über microRNA-Profile in Keimzellen sogar auf die Gesundheit der nächsten Generation auswirken.
Für die Gesundheitspolitik im DACH-Raum stellt sich die Frage, ob die konkreten Studiendaten endlich in strukturierte Präventionsprogramme münden.
Krafttraining wird in Anamnesebögen und Bonusprogrammen der Kassen bisher kaum systematisch erfasst – anders als Blutdruck oder Blutzucker. Dabei ließe sich ein einfaches Rezept formulieren: zweimal pro Woche 30 bis 45 Minuten, acht Grundübungen, zwei Sätze.
Der Zeitaufwand wäre jedenfalls geringer als für die meisten Fernsehserien.
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"Sanktionen haben für wenige gut vernetzte Akteure neue Geschäftsmöglichkeiten geschaffen – die Mehrheit der Bevölkerung hat dagegen die Kosten getragen."
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Der Iran steht unter Beschuss – von außen und innen. Was Sanktionen und Krieg mit einer Gesellschaft machen und was Europa dabei vergisst. Ein Interview.
Wirtschaftssanktionen, Luftangriffe, eine Seeblockade – der Iran steht seit Anfang 2026 unter einem Druck, der in seiner Gleichzeitigkeit beispiellos ist. Doch was bedeutet das für die iranische Gesellschaft?
Mohammad Reza Farzanegan, Professor für Wirtschaft des Nahen und Mittleren Ostens an der Philipps-Universität Marburg, ordnet im Gespräch mit Telepolis ein, wie Jahrzehnte westlicher Sanktionspolitik den Iran geformt haben und warum der Übergang vom Sanktionsregime zum offenen Krieg mehr als nur eine Eskalation bedeutet.
▶ Der Iran wurde jahrzehntelang von den USA und der EU sanktioniert. Seit Anfang 2026 befinden sich USA und Israel im offenen Krieg mit Iran. Inwieweit kann man die jetzige Situation des Iran als Belagerungszustand bezeichnen und worin unterscheidet er sich von der Vorkriegssituation?
Farzanegan: Die Kriegsbedingungen beginnen aus meiner Sicht nicht erst am 28. Februar 2026. Bereits im Juni 2025 griff Israel iranische Militär- und Nuklearziele an. Kurz darauf bombardierten auch die USA zentrale iranische Nuklearanlagen. Danach folgte Ende September 2025 die Reaktivierung der UN-Sanktionen und die Wiedereinführung europäischer restriktiver Maßnahmen.
Damit unterscheidet sich die Lage 2025 und 2026 deutlich von früheren Jahren. Vorher stand vor allem der Versuch im Vordergrund, durch wirtschaftliche Sanktionen das Verhalten der iranischen Führung zu verändern. Diese Sanktionen beschränkten Ölexporte, Banktransaktionen, Investitionen, Handel, Technologiezugang und internationale Finanzbeziehungen. Die militärische Eskalation zeigt jedoch, dass diese Strategie weder eine dauerhafte diplomatische Lösung geschaffen noch eine Ausweitung des Konflikts verhindert hat.
Hinzu kommt eine innenpolitische Dimension. Präsident Trump erklärte im April 2026 selbst, die USA hätten versucht, Waffen an iranische Protestierende beziehungsweise oppositionelle Gruppen zu liefern. Nach seiner Darstellung erreichten diese Waffen die vorgesehenen Empfänger jedoch nicht.
Kurdische Gruppen bestritten später, solche Waffen erhalten zu haben. Trotzdem zeigt diese Aussage, dass der Druck auf Iran nicht mehr nur über Sanktionen und Diplomatie lief, sondern auch mit der offenen Unterstützung bewaffneter Oppositionsteile verbunden wurde.
Seit 2026 ist außerdem eine neue Ebene des Drucks hinzugekommen. Neben Sanktionen und direkten militärischen Angriffen gibt es nun auch eine durch US-Streitkräfte erzwungene Seeblockade gegen Schiffe, die iranische Häfen verlassen oder anlaufen. Diese Blockade betrifft vor allem den Handel über die südlichen Häfen am Persischen Golf und am Golf von Oman. Sie erhöht Versicherungs- und Transportkosten, unterbricht Lieferketten und schafft massive Unsicherheit für den gesamten Außenhandel.
Der Unterschied zur Vorkriegssituation liegt daher in der Gleichzeitigkeit von Sanktionen, Krieg, innenpolitischer Destabilisierung und logistischer Blockade. Vor dem Krieg erzeugten Sanktionen eine chronische wirtschaftliche Krise. Die heutige Situation verschärft diese Krise zu einer akuten Versorgungs- und Handelskrise. Das betrifft nicht nur Öl und Industrie, sondern auch Importe von Nahrungsmitteln, Medikamenten, medizinischen Vorprodukten und anderen Gütern, auf die die Bevölkerung angewiesen ist.
▶ Die Wirtschaftssanktionen wurden auch damit gerechtfertigt, dass man damit eine Militarisierung des Iran und einen Krieg in der Region verhindern wolle. Wie haben sich die Sanktionen real auf die iranischen Militärausgaben ausgewirkt?
Farzanegan: In zwei meiner Studien [2], die in Defence and Peace Economics erschienen [3] sind, zeige ich, dass Sanktionen gegen Iran die gemessenen Militärausgaben des Landes gesenkt haben.
Der Einkommenseffekt der Sanktionen war stärker als der Sicherheitseffekt. Mit anderen Worten: Obwohl Sanktionen die Bedrohungswahrnehmung erhöhten, reduzierten sie zugleich die fiskalischen und wirtschaftlichen Ressourcen, aus denen Militärausgaben finanziert werden konnten. Im Vergleich zu einem Szenario ohne Sanktionen gab Iran daher weniger für das Militär aus.
Gleichzeitig haben Sanktionen Iran weitgehend vom internationalen Markt für konventionelle Waffen abgeschnitten. Das hat die konventionelle Modernisierung der Streitkräfte erschwert, vor allem bei moderner Luftwaffe, Luftverteidigung, Marineausrüstung und Hochtechnologie. Diese Schwäche wurde im Krieg besonders bei der iranischen Luftverteidigung sichtbar.
Sanktionen hatten jedoch auch einen Anpassungseffekt. Iran investierte stärker in militärische Fähigkeiten, die mit heimischen Ressourcen und niedrigerem Kostenaufwand entwickelt werden konnten. Dazu gehören vor allem Drohnen, ballistische Raketen und asymmetrische Verteidigungsstrategien. In diesen Bereichen war Iran weniger abhängig von direkten Waffenimporten. Hinzu kommt, dass Iran über eine große, technisch gut ausgebildete Bevölkerung verfügt, was der einheimischen Rüstungsindustrie einen gewissen Vorteil verschafft.
Die iranische Verteidigungsstrategie unter Sanktionen zielte zudem darauf, potenzielle Angriffe möglichst vor Erreichen des iranischen Territoriums abzuschrecken oder abzufangen. Deshalb spielten regionale Netzwerke, Abschreckung durch Raketen und Drohnen sowie kostengünstige asymmetrische Instrumente eine zentrale Rolle.
Im regionalen Vergleich bleiben Irans Militärausgaben als Anteil am Bruttoinlandsprodukt eher moderat. Nach Daten von Weltbank und SIPRI lagen sie 2024 bei rund zwei Prozent des BIP. Das ist deutlich niedriger als in mehreren anderen Ländern der Region, etwa Saudi-Arabien oder Israel.
Unabhängig von der offiziellen Begründung haben Sanktionen damit die konventionellen militärischen Fähigkeiten Irans geschwächt und die erwarteten Kosten späterer militärischer Druckausübung gesenkt. Das bedeutet nicht, dass Sanktionen allein einen Krieg verursachen. Sie können aber die militärische Verwundbarkeit eines Landes erhöhen, wenn sie über längere Zeit den Zugang zu moderner Ausrüstung, Ersatzteilen, Finanzierung und Technologie begrenzen.
▶ Welche Auswirkungen hatten die Sanktionen auf die Entwicklung der iranischen Mittelschicht? Würden Sie die Beobachtung teilen, dass sich durch die Sanktionen eine Sozialschicht aus Zwischenhändlern gebildet hat, welche von Schmuggel, Korruption und Aufrechterhaltung des Status Quo profitiert?
Farzanegan: In einer gemeinsamen Studie mit Nader Habibi, die im European Journal of Political Economy erschienen ist [4], zeigen wir, dass die Wirtschaftssanktionen die iranische Mittelschicht deutlich verkleinert haben. Zwischen 2012 und 2019 ist der Anteil der Mittelschicht an der Bevölkerung stark zurückgegangen. Nach unseren Berechnungen lag der Verlust je nach Methode bei etwa 12 bis 17 Prozentpunkten.
Für 2019 zeigen unsere Ergebnisse: Ohne Sanktionen hätte die iranische Mittelschicht etwa 80 Prozent der Bevölkerung ausmachen können. Tatsächlich lag ihr Anteil nur bei ungefähr 50 bis 55 Prozent. Das bedeutet, dass ein großer Teil der Mittelschicht durch Sanktionen verloren gegangen ist.
Diese Entwicklung sieht man auch in Umfragen [5]. Im World Values Survey bezeichneten sich 2005 noch deutlich mehr Iranerinnen und Iraner als Teil der Mittelschicht als im Jahr 2020. Viele Menschen sind in niedrigere Einkommensgruppen abgestiegen. Andere haben das Land verlassen oder versuchen, dies zu tun.
Ja, ich teile auch die Beobachtung, dass Sanktionen eine kleine Gruppe von Profiteuren geschaffen haben [6]. Wenn normale Handelswege, Banken und Zahlungswege blockiert werden, entstehen Umwege. Dann werden Zwischenhändler, Tarnfirmen, Schmuggelnetzwerke und informelle Kontakte wichtiger. Davon profitieren vor allem Personen und Firmen, die gute politische Verbindungen haben und der Regierung helfen können, Sanktionen zu umgehen.
Ein bekanntes Beispiel ist Babak Zanjani, der mit dem Verkauf sanktionierten iranischen Öls in Verbindung gebracht wurde und später in Iran wegen Korruption und Veruntreuung verurteilt wurde.
Kurz gesagt: Sanktionen haben für wenige gut vernetzte Akteure neue Geschäftsmöglichkeiten [7] geschaffen. Die Mehrheit der Bevölkerung hat dagegen die Kosten getragen: sinkende Realeinkommen, Arbeitsplatzverluste, Unsicherheit und sozialen Abstieg. Besonders schwer wiegt, dass die Mittelschicht normalerweise eine wichtige Rolle für Bildung, Konsum, Investitionen und gesellschaftliche Reformen spielt.
Genau diese Gruppe wurde durch Sanktionen stark geschwächt. Der verbleibende Teil der Mittelschicht steht heute zusätzlich unter dem Druck von Krieg, Internetunterbrechungen, Repression und weiterer wirtschaftlicher Unsicherheit.
▶ Deutsche Medien und Politiker machen einen Widerspruch zwischen der Beendigung des Krieges und der Bekämpfung der iranischen Regierung auf. Sehen Sie das auch so – oder sehen Sie politische Alternativen?
Farzanegan: Ich sehe diesen Widerspruch nicht. Man kann die Beendigung des Krieges fordern und gleichzeitig politische Repression und Menschenrechtsverletzungen kritisieren. Krieg, Blockade und breite wirtschaftliche Isolation stärken in der Regel nicht die demokratischen Kräfte in einer Gesellschaft. Sie schwächen vor allem die Bevölkerung, die Mittelschicht, unabhängige Wissenschaftler, kleine Unternehmen und die Zivilgesellschaft.
Deutschland und andere wichtige EU-Länder sollten deshalb stärker auf Diplomatie und eine schrittweise wirtschaftliche Reintegration Irans setzen. Der JCPOA war in dieser Hinsicht ein richtiger Schritt. Er verband Begrenzungen des iranischen Nuklearprogramms mit der Aussicht auf Sanktionsabbau und wirtschaftliche Öffnung. Das Abkommen war nicht perfekt, aber es schuf einen politischen Rahmen, in dem Konflikte verhandelt und wirtschaftliche Anreize gesetzt werden konnten.
Die Alternative aus Isolation, militärischem Druck und einem fragilen Zustand zwischen Krieg und Frieden führt aus meiner Sicht zu schlechteren Ergebnissen. Sie erhöht Unsicherheit, stärkt radikale Kräfte, schwächt die Mittelschicht und macht Kompromisse schwieriger. Ein dauerhaft instabiler Iran liegt auch nicht im Interesse Deutschlands, Europas oder der USA.
Iran ist ein Land mit mehr als 90 Millionen Einwohnern. Eine weitere Destabilisierung oder gar ein Bürgerkrieg hätte Folgen weit über Iran hinaus. Es könnte zu massiven Fluchtbewegungen, Unterbrechungen von Energie- und Handelswegen und neuer Instabilität in Nachbarländern kommen. Die Erfahrungen mit Syrien haben gezeigt, dass solche Krisen nicht regional begrenzt bleiben. Die politischen, humanitären und wirtschaftlichen Kosten würden auch Europa erreichen.
Deshalb sollten Deutschland und andere wichtige EU-Länder nicht in einer passiven Beobachterrolle bleiben. Sie sollten aktiv an einem Waffenstillstand, einer diplomatischen Lösung und real funktionierenden humanitären und wirtschaftlichen Kanälen arbeiten. Druck auf verantwortliche Akteure kann gezielt bleiben. Eine breite Isolation eines ganzen Landes ist dagegen politisch kurzsichtig [8] und kann langfristig jene gesellschaftlichen Gruppen schwächen, die für Reformen wichtig wären.
▶ Wie können iranische Wissenschaftler und zivilgesellschaftliche Akteure in der aktuellen Lage unterstützt werden?
Farzanegan: Diese Frage haben Reza Majdzadeh und ich in unserem kürzlich in Science veröffentlichten Beitrag [9] behandelt. Unsere zentrale Botschaft ist, dass iranische Wissenschaftler heute unter einer mehrfachen Belastung stehen: langjährige Sanktionen, Krieg, beschädigte Forschungsinfrastruktur, Internetabschaltungen, Zahlungsprobleme, Visa-Hürden und innenpolitischer Druck wirken gleichzeitig.
Wichtig ist dabei: Deutschland und andere wichtige europäische Länder sollten iranische Universitäten nicht mit der iranischen Regierung gleichsetzen. Natürlich gibt es in Iran politische Kontrolle, Einschränkungen und Sicherheitsrisiken. Aber ein pauschaler Abbruch akademischer Zusammenarbeit trifft vor allem Studierende, junge Forschende und die langfristige Entwicklung von Humankapital. Er schwächt genau jene Gruppen, die für wissenschaftliche Offenheit, gesellschaftliche Reformen und internationale Verständigung wichtig sind.
Auch für Deutschland wäre eine solche Abkopplung problematisch. Direkter akademischer Austausch ermöglicht einen besseren, weniger verzerrten Blick auf Iran. Wenn dieser Austausch abbricht, verlieren deutsche Universitäten, Medien und politische Entscheidungsträger wichtige direkte Informationskanäle. Dann gewinnen häufig jene Stimmen an Einfluss, die Iran nur aus der Distanz beschreiben und dabei eigene politische Interessen oder ein einseitiges Bild vermitteln.
Seit Beginn des Krieges sind Schulen und Universitäten immer wieder geschlossen oder in den Online-Betrieb verlagert worden. Diese Lösung funktioniert jedoch nur begrenzt, weil Internetzugang, Stromversorgung und digitale Plattformen unzuverlässig sind. Für viele Studierende bedeutet das faktisch ein verlorenes Semester. Besonders betroffen sind Studierende aus ärmeren Familien und aus kleineren Städten.
Auch die Forschung selbst ist direkt betroffen. In unserem Science-Beitrag nennen wir Beispiele für beschädigte Bildungs- und Forschungseinrichtungen, darunter das Pasteur-Institut in Teheran und Dateninfrastruktur an der Sharif University of Technology. Internetabschaltungen erschweren zudem wissenschaftliche Korrespondenz, internationale Kooperationen, die Teilnahme an Konferenzen und einfache redaktionelle Abläufe mit Fachzeitschriften.
Zwischen 2016 und 2022 hatten wir mit Unterstützung des DAAD gute gemeinsame Projekte mit iranischen Universitäten. Solche Kooperationen hielten wissenschaftliche Kontakte offen und banden junge Forschende ein. Seit 2022 sind solche Projekte wegen politischer Spannungen, Sanktionen, Zahlungsproblemen und nun auch des Krieges kaum noch realisierbar.
Unterstützung sollte deshalb konkret sein. Erstens braucht es einen humanitären Korridor für Wissenschaft: Zugang zu Fachzeitschriften, Datenbanken, Online-Seminaren, Konferenzen und internationalen Netzwerken. Zweitens sollten Verlage, Universitäten, Bibliotheken und Fachgesellschaften zeitlich befristeten kostenlosen oder günstigen Zugang zu wissenschaftlichen Ressourcen ermöglichen.
Drittens müssen rechtssichere Zahlungswege für legitime akademische Zwecke geschaffen werden, etwa für Publikationsgebühren, Konferenzteilnahmen und Mitgliedschaften.
Viertens sollten Deutschland und andere wichtige europäische Länder Notfallstipendien, Gastaufenthalte, Remote Fellowships und schnelle Visa-Verfahren für gefährdete Forschende und Studierende anbieten. Fünftens sollten akademische Kooperationen nicht pauschal beendet, sondern sorgfältig geprüft und dort ermöglicht werden, wo sie Studierenden, Forschung und gesellschaftlichem Austausch dienen.
Für zivilgesellschaftliche Akteure gilt Ähnliches. Sie brauchen sichere Kommunikationskanäle, Schutz, Sichtbarkeit und flexible Fördermöglichkeiten. Eine Politik, die Iran pauschal isoliert, schwächt oft genau jene Menschen, die für Bildung, Reformen und gesellschaftliche Offenheit wichtig sind. Unterstützung bedeutet daher offene wissenschaftliche Türen, funktionierende digitale und finanzielle Kanäle und Schutzprogramme für gefährdete Personen.
Benjamin Roth sprach mit Mohammad Reza Farzanegan. Farzanegan ist Professor am Centrum für Nah- und Mittteloststudien (CNMS) der Philipps-Universität Marburg im Fachgebiet Wirtschaft des Nahen und Mittleren Ostens.
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Die utopische Gerechtigkeit des Fußballs: Vor einer WM der Überraschungen; WM Blog – Folge 01.
"Vor allem im Alkoholdunst gedieh die Dolchstoß-Legende. Die Deutsche Botschaft befreite nahezu 400 Schlachtenbummler (Jargon: Schlabus) aus mexikanischen Arrestzellen, ließ etwa 100 zur Ausnüchterung in Hospitäler einliefern und beglich mehr als 500 unbezahlte Wirtshausrechnungen."
Der Spiegel, 22.06.1970; Bericht von der WM in Mexiko
Soll man die WM boykottieren? Wir kennen diese Frage. Wir kennen Sie von der WM vor vier Jahren in Katar. Wir kennen sie von der WM vor acht Jahren in Russland.
Und auch diesmal, im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft in Mexiko, Kanada und den USA als Hauptgastgeber, wird sie gestellt – obwohl sie nicht interessanter wird, je öfter sie gestellt wird. Und obwohl wir die Antwort längst kennen, und sie auch diesmal dieselbe sein wird.
Warum sollte man die WM boykottieren? Die Gründe sind so vieldimensional wie einfältig. Immer wieder werden die gleichen Argumente genannt.
Erstens: Die WM ist eine Gelddruckmaschine. Die WM ist ein Triumph für Trump und big business. Ein Triumph für die Korruption im Fußball und ein Triumph für die Geschäftemacherei. Die WM-Endrunde ist ein Prestigeprojekt von Gianni Infantino, dem Präsidenten des Weltfußballverbands (Fifa).
Zweitens: Ein US-Präsident, der mit seinen Kriegen gerade die Welt ins Chaos stürzt, benutzt die Rolle als Fußballgastgeber zur Ablenkung von seinem schmutzigen Treiben – und die Fifa rollt ihm dazu den roten Teppich aus.
Drittens: Es kann keine WM-Euphorie aufkommen. Denn die hohen Preise haben nichts mehr mit dem Volkssport Fußball zu tun; das Auseinanderziehen der WM auf drei Länder macht es den Fans zusätzlich schwer und entfremdet den Sport. In den USA ist Fußball ohnehin kein Volkssport dort.
Viertens: Die umstrittene Aufstockung der WM auf 48 Mannschaften und 104 Spiele.
Die Fußball-Weltmeisterschaft ist das wohl größte Sportereignis der Welt. Aber seine wirtschaftlichen und managementbezogenen Aspekte sind unterbelichtet.
Zur Macht der Fifa gehört, dass sie von den Ausrichterstaaten ihrer Turniere Exklusivität für ihre ständigen Partner und Sponsoren verlangt. Das bedeutet, dass in Stadien, in Bannmeilen und sogenannten "Fanzonen" nur Produkte von Fifa-Partnern und Sponsoren verkauft und beworben werden dürfen.
Stadien sind zwar kommunales Eigentum; sie sind aber während einer WM quasi exterritoriales Gebiet.
Andererseits fordert die Fifa von den Ausrichterländern, keine Einreise-Visa zu verweigern, aber genau das passiert gerade. Die Fifa begibt sich auf den Weg dazu, ein eigener Staat zu werden. Sie benimmt sich bereits, als ob sie einer wäre.
Mit Fifa-Chef Infantino und US-Präsident Trump treffen also keineswegs Herr und Knecht aufeinander, sondern zwei machtvolle Akteure, die voneinander profitieren und die das auch wollen.
Als die Sportart mit der weltweit größten Medienpräsenz ist Fußball zu einem unvergleichlichen Instrument von Macht und Einfluss geworden.
Als Akteure der Globalisierung begleiten Fußballverbände und Institutionen wie die Fifa den Alltag von Milliarden Menschen auf der ganzen Welt – ebenso wie Staats- und Regierungschefs, die bei internationalen Gipfeltreffen Seite an Seite mit dem Präsidenten der Fifa posieren.
Doch hinter den lächelnden Gesichtern und den Rekordgewinnen, die bei jedem Wettbewerb erzielt werden, verbirgt sich eine andere, zweite Wirklichkeit: die Realität einer Sportart, die von Korruption, politischen Einflussnahmen und kriminellen Netzwerken durchsetzt ist.
Dieses Bild zeichneten 2015 die höchsten US-amerikanischen Behörden und das FBI im Rahmen der größten Justizoperation, die jemals gegen die Führungsriege des Spiels durchgeführt wurde. Dennoch ist die Fifa achteinhalb Jahre nach diesem "Fifagate", das dieses System eigentlich "stoppen" sollte, stärker denn je.
In einer bisher unveröffentlichte Untersuchung über die Spitzenfunktionäre des Weltfußballs und ihre Verbindungen zur schwersten Form der organisierten Kriminalität präsentierte der Journalist Romain Molina (siehe Literatur am Ende des Textes) einen Einblick in die Machtstrukturen im Weltfußball.
Kurz vor der WM sah sich Fifa-Boss Gianni Infantino mit schweren Vorwürfen und Ermittlungen konfrontiert [1]. Der ehemalige UEFA-Präsident Michel Platini holte zum juristischen Gegenschlag aus und hat in Frankreich Strafanzeige gegen den Fifa-Präsidenten sowie fünf weitere frühere Schweizer Justiz- und Fußballfunktionäre eingereicht.
Das teilte ein Sprecher Platinis wenige Tage vor dem Beginn der WM in den USA, Kanada und Mexiko mit, wie die Nachrichtenagentur AP berichtete. Nach Ansicht von Platini habe es eine Verschwörung gegeben, um seine Wahl zum Fifa-Präsidenten vor über zehn Jahren zu verhindern.
Der ehemalige französische Nationalspieler wirft den Beschuldigten demnach unter anderem falsche Anschuldigungen und unzulässige Einflussnahme vor. Neben der Strafanzeige wollen Platinis Anwälte auch eine Zivilklage gegen die Fifa auf Schadenersatz einreichen. Ähnliche Vorwürfe hatte Platini bereits 2022 gegenüber den Schweizer Behörden erhoben.
Infantino wurde 2016 zum Präsidenten des Weltverbands gewählt. Zuvor hatte er als Generalsekretär der Europäischen Fußball-Union UEFA unter dem damaligen Präsidenten Platini gearbeitet. Der Franzose galt lange als Favorit auf die Nachfolge des damaligen Fifa-Präsidenten Sepp Blatter.
Platini und Blatter gerieten jedoch 2015 wegen einer Zahlung von zwei Millionen Schweizer Franken an Platini ins Visier der Schweizer Justiz. Beide wurden in einem Verfahren wegen mutmaßlichen Betrugs zulasten der Fifa angeklagt, jedoch im vergangenen Jahr in einem Berufungsverfahren rechtskräftig freigesprochen.
Seit seinem Amtsantritt vor zehn Jahren trieb Infantino die Erweiterung des Teilnehmerfelds voran. 2017 beschloss die Fifa die Aufstockung von 32 auf 48 Teams. Offiziell verkauft sie den Schritt als Öffnung des Turniers: mehr globale Teilhabe.
Besonders Verbände aus Afrika, Asien und Ozeanien profitieren von den zusätzlichen Startplätzen. Und die kleinen Nationen frohlocken. Sie erhalten endlich die Chance, sich der Fussballwelt zu zeigen.
Kritiker sehen in der Expansion vor allem ein Geschäftsmodell: mehr Spiele, mehr TV-Inhalte, mehr Tickets, mehr Sponsoring – und damit mehr Einnahmen. Sportlich steht der Vorwurf der Verwässerung durch die abnehmende Qualität der teilnehmenden Teams im Raum. Zudem verschärft das 104-Spiele-Turnier die Debatte über die Belastung der Spieler in einem ohnehin überfüllten Kalender.
Trotz alldem gibt es auch kein fantastischeres sportliches Welt-Fußballereignis als die Fußball-WM und umstrittene Politiker oder Geldgeber haben dem Fußball noch nie geschadet.
Man kann die WM genießen, ohne ins nationalistische Fußballfieber hineinzutaumeln. Man darf auch als Deutscher für Argentinien, für Spanien oder für die Niederlande sein.
Es geht immer noch um einen spannenden Sport.
Zwar ist die Skepsis gegenüber dem Fußball und Weltmeisterschaften im moralinsauren Deutschland deutlich weiter verbreitet als in vielen anderen Ländern.
Das WM-Finale 2022, eines der mitreißendsten Spiele in der Geschichte der Weltmeisterschaften wurde in der Bundesrepublik signifikant weniger an den Fernsehbildschirmen gesehen, als in der übrigen EU – weil die Deutschen offenbar empfindlicher für die Diskussionen rund um Moral und um Arbeitsbedingungen Katar und rund um die Regenbogenbinde und die Fifa-Unmoral sind.
Aber Fußball ist nicht nur das, sondern jenseits seiner Verbände ein schönes Spiel und auch immer das Gegenteil zu den herrschenden Verhältnissen. Hier ist die Welt grenzenlos, hier ist Migration ausdrücklich erwünscht, Einwanderung ausländischer Arbeitskräfte wird leicht gemacht und gefördert, ebenso die Integration von neu ankommenden Fremden und ihren Angehörigen. Gegen Famiiennachzug hat auch keiner etwas einzuwenden.
Hier ist das Publikum klassenlos und noch der kleinste Fußballarbeiter ein Großverdiener. Es herrschen geradezu utopische Gerechtigkeitsmodelle, denn während die Gesellschaft eher nach dem Modell einer "ewigen Tabelle [2]" funktioniert, kann man im Fußball Punktekonten nicht vererben, und wie jedes Jahr alle Vereine in der Liga fangen auch die Nationalmannschaften bei jedem Turnier wieder bei null an.
Wer diesmal Weltmeister wird, steht sowieso schon fest: die Niederlande. Das behauptet der deutsche ÖkonomJoachim Klement, dessen mathematisch-statistisches Modell [3] sich zu einem sehr verlässlichen Orakel entwickelt hat: 2014, 2018 und 2022 prophezeite der Professor stets korrekt dem kommenden Weltmeister.
In diesem Jahr ergibt sein Modell die Niederlande. Klement berechnet dabei jedes Spiel. Und eine Überraschung hat sich inzwischen sogar als nicht ganz so unwahrscheinlich herausgestellt: Denn Klement tippt darauf, dass Mitfavorit Brasilien von Außenseiter Japan aus dem Turnier geworfen wird.
Tatsächlich besiegten die Japaner gerade Brasilien in einem spektakulären Testspiel [4] nach 0:2 Rückstand noch mit 3:2!
Ein Modell von Goldman Sachs sieht allerdings Europameister Spanien vorn: Dort kickt mit Barcelons Teenie-Genie Lamine Yamal, einem der größten Talente im Weltfußball, sowie mit Pedri und Rodri eine neue Goldene Generation, die zudem im Unterschied zu fast allen Konkurrenten mit einer klaren Spielidee aufwarten kann.
Die US-amerikanische Bank analysierte knapp 20.000 internationale Pflichtspiele, ergänzte Faktoren wie Offensivstärke, Momentum, Turniererfahrung und simulierte den Turnierverlauf nicht weniger als 50.000 Mal um Wahrscheinlichkeiten zu ermitteln. Im Ergebnis hat Spanien über 25 Prozent Siegchance, deutlich dahinter folgen Frankreich und Argentinien.
Das gleiche Ergebnis [5], aber mit deutlich geringerer Wahrscheinlichkeit, errechnete auch ein Forschungsteam der Fakultät Statistik der TU Dortmund [6] und der Universität Innsbruck [7]. Mittels eines hybriden Machine-Learning-Modells kommt man hier auf Spanien mit einer Wahrscheinlichkeit von 14,5 Prozent gewinnen.
Knapp dahinter folgen Frankreich und England (mit je 12,4 Prozent), dann Deutschland (11,2). Die Prognose stützt sich auf Kombination zahlreicher Informationen. Diese werden mittels Maschinellen Lernens mit diversen weiteren verfügbaren Daten in einem statistischen Modell kombiniert.
Der mächtigste Faktor aber ist der Zufall. Im Fußball ist viel eher als in anderen Sportarten alles möglich. Auch Curacao kann gewinnen. Oder Algerien. Oder Japan. Oder Mexiko. Und das ist gut so.
Meistens aber gewinnen die Deutschen oder die Franzosen, die Spanier oder die Brasilianer. Die anderen müssen sich hinten anstellen. Im Fußball gibt der Klügere nicht nach, das Spiel ist kein Schauplatz der Gleichheit, sondern einer der Macht.
Was man sich jenseits aller Statistiken wünscht, ist daher die Ausnahme von der Regel. Also unbedingt eine Begegnung zwischen den USA und dem Iran – bei dem sicher ein Großteil der weltweiten Fußballfans aufseiten des Underdogs ist.
Also: Soll man die WM jetzt boykottieren?
Natürlich nicht. Und natürlich werden dies die allermeisten auch nicht tun.
Weiterführende Literatur
Miguel Delaney: Spielball der Milliardäre: Eine investigative Recherche im Machtzentrum des Fußballs; Verlag Die Werkstatt 2025
Gunter Gebauer: Sport in der Gesellschaft des Spektakels; St. Augustin 2002
Ezekiel Goggin, Sean Hannan: The Business of the Fifa World Cup; London 2022
Thomas Kistner: Fifa Mafia. Die schmutzigen Geschäfte mit dem Weltfußball; München, 2012
Romain Molina: L'industrie du football T1 : Fifa, Criminalité, Politique; Paris 2023
Romain Molina: L'industrie du football T2 : Macron, l'Afrique, la Fifa; Paris 2024
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Fast 80 Prozent der Firmen steuern Mitarbeiter bereits per Algorithmus. Doch die Technologie birgt eine ungeahnte Gefahr für den Büroalltag.
Medienberichte über Künstliche Intelligenz (KI) sind häufig geprägt von der Sorge um Arbeitsplätze. Studien sollen ermitteln, welche Berufe noch zukunftsfähig sind. Selten werden die Arbeitsbedingungen thematisiert. Diese verändern sich jedoch tiefgreifend, findet Nazrul Islam [1], Lehrstuhlinhaber für Betriebswirtschaft an der University of East London:
"Es zeichnet sich eine neue Kluft ab: zwischen Arbeitnehmern, die KI bei der Arbeit nutzen, und solchen, die von ihr gesteuert werden."
Der Wissenschaftler nimmt eine enorme Spaltung bei den Berufen wahr. Für manche kann KI dazu beitragen, die tägliche Arbeit von Routineaufgaben zu befreien. KI fungiert häufig als Assistenzsystem. KI-unterstützte Software analysiert Kundendaten und bereitet diese übersichtlich auf. Intelligente Textassistenten helfen beim Verfassen von Protokollen oder Berichten.
Bei anderen Beschäftigtengruppen wird das Arbeitsleben zunehmend von KI-gestützten Kontrollsystemen geprägt. Das sogenannte "algorithmische Management" ist mehr als der Einsatz datengestützter Algorithmen zur Übermittlung von Managementanweisungen und zur Steuerung von Arbeitsprozessen.
Inzwischen ist dieses algorithmische Management auch bei Büroarbeit üblich. In Bereichen mit Kundenkontakt haben die Angestellten keinen Einfluss mehr auf die Entscheidung, welche Arbeitsvorgänge sie übernehmen. Stattdessen wird die eingehende Arbeit automatisiert durch Algorithmen in persönliche Arbeitskörbe verteilt und gesteuert.
"Für viele andere ist KI jedoch kein Assistent. Sie ist ein Chef. Sie kommt in Planungs- und Überwachungstools, Routenoptimierungssoftware und automatisierten Leistungs-Dashboards zum Einsatz – allesamt Systeme, die entscheiden, wer welche Schicht bekommt, wie lange eine Aufgabe dauern soll und ob jemand seine maximale Leistungsfähigkeit ausschöpft."
Nazrul Islam
"Bei der algorithmischen Steuerung werden Arbeitsverteilung und Bezahlung auf eine Weise festgelegt, die in der Regel intransparent und oft diskriminierend ist", kritisiert der Europäische Gewerkschaftsbund (EGB). Werden so Gehälter ermittelt und die Daten Lohnmodelle genutzt, mangelt es an Transparenz:
"Um diese Probleme anzugehen, ist es unerlässlich, dass Arbeitnehmer und Gewerkschaften über den Algorithmus verhandeln."
Dem EGB zufolge arbeiten inzwischen 79 Prozent der europäischen Konzerne [2] damit.
Die Entwicklung beobachtet Nazrul Islam seit zehn Jahren. Beispiele gibt es reichlich. Mit einer Software zur Personaleinsatzplanung sollen Schwankungen beim Personalbedarf errechenbar sein. Ausgehend von Vergangenheitsdaten wird ein Forecast zur Planung errechnet. Auswertungen beziehen sich auf die Arbeitsmenge, prognostizierte Planumsätze oder Kundenfrequenz-Messungen. Der Druck auf die Beschäftigten ist enorm.
Inzwischen werden Softwareentwickler überwacht und unter Druck gesetzt, damit sie KI einzusetzen, um die Produktivität zu steigern. Die Folgen werden dabei kaum bedacht. Wenn Menschen zunehmend KI-Systeme zur Programmierung nutzen, verringern sich die Kompetenzen, um Software zu erzeugen.
Software-Unternehmen werden so nicht mehr über ausreichende Fachkräfte mit erforderlichen Programmierfähigkeiten verfügen. Auch wenn Fehlfunktionen von automatisch erzeugter Software festgestellt werden, wird es in Zukunft schwieriger werden, solche Fehler zu beheben. Dieses Risiko wird als "cognitive rust belt [3]" bezeichnet.
Aber nicht nur der KI-Einsatz, sondern auch die Datenerfassung sorgt für Probleme. "Künstliche Intelligenz ist weder künstlich noch intelligent", sagt die US-amerikanische KI-Forscherin Kate Crawford [4].
Ohne Daten kann KI nicht eingesetzt werden, die Überprüfung dieser Daten muss immer noch durch Menschen erfolgen. "Damit ChatGPT nicht zusammenhanglos daherredet, sondern die gewünschten Dinge sagt, muss es mit den richtigen Daten gefüttert werden", schreibt Sven Hilbig [5], Digitalexperte bei Brot für die Welt.
Diese Aufgabe übernimmt das "neue Proletariat des Digitalzeitalters", Menschen in Ländern des Globalen Südens. Viele Datenarbeiter in Indien oder Kenia erhalten keine festen Arbeitsverträge, haben unsichere Einkommen und verdienen oft weniger als zwei Dollar pro Stunde, während sie für Konzerne arbeiten, die Milliarden umsetzen [6].
"Der Erfolg von KI-Tools beruht allerdings nicht nur darauf, dass diese oft gut wissen, was sie antworten müssen, sondern auch darauf, dass sie wissen, was sie nicht sagen dürfen: nichts Anstößiges, nichts Verletzendes, nichts Gewalttätiges. […]
Dafür müssen sie tausende Seiten mit all den Dingen lesen, die die Nutzer:innen nicht zu Gesicht bekommen sollen: Kindesmissbrauch, Folter, Vergewaltigungen und Hinrichtungen. Für die Datenarbeiter*innen ist die Arbeit sehr belastend, mitunter sogar traumatisch. Eine angemessene psychologische Betreuung von Arbeitgeberseite aus gibt es nicht."
Sven Hilbig
Ideen für die Beschaffung von KI-Trainingsdaten sind weitreichend. Meta will sämtliche Tastaturanschläge und Mausbewegungen seiner Angestellten aufzeichnen. Bei der "Model Capability Initiative" (MCI) soll eine Software, die der Konzern auf den Dienstlaptops seiner Beschäftigten in den USA installiert hat, Daten für KI sammeln.
Dagegen gibt es massive Proteste. "Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der Menschen – ob Angestellte oder nicht – für ihre Trainingsdaten ausgebeutet werden.", schreibt ein Softwareentwickler in einem internen Post, den laut Der Standard fast 20.000 Arbeitende gelesen haben [7]. Mit einer Petition will die Belegschaft die Überwachung stoppen.
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