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Doktor Algorithmus: Was KI im Gesundheitswesen wirklich kann

Von Telepolis — 03. Mai 2026 um 14:00
Auschnitt Arztkittel mit Holzstäbchen, Stethoskop und Smartphone mit Chatbot auf dem Display mit

KI kann Ärzte in der Notaufnahme übertreffen – doch sobald Mensch und Maschine zusammenarbeiten, wird es überraschend problematisch.

Die Zeichen in der deutschen Gesundheitspolitik stehen auf Sparen. Der Gedanke liegt nahe, dafür die KI zu engagieren. OpenAI hat in diesem Zusammenhang, außerhalb des EWR [1], der Schweiz und Großbritanniens, ChatGPT Gesundheit [2] eingeführt.

ChatGPT Health ist inzwischen direkt nutzbar – ausgenommen sind lediglich der Europäische Wirtschaftsraum, die Schweiz und Großbritannien. Was können die Sprachmodelle wirklich leisten? Wo werden sie schon verwendet und was steht uns bevor?

Griechenland ist bei der KI-Einbindung schon einen Schritt weiter

In der vorigen April-Woche [3] gab es in Delphi beim 11. Internationalen Wirtschaftsforum zahlreiche Podien zur möglichen Nutzung der KI. Die gehypten Chatbots sind in aller Munde. Der griechische Gesundheitsminister Adonis Georgiadis referierte bei dieser Gelegenheit über einen interessanten, auf den ersten Blick sicheren Einsatz der KI.

Die elektronische Patientenakte (ePA) in Griechenland ist so gestaltet, dass sowohl den Patienten als auch den Ärzten sämtliche Informationen in einer datenbankähnlichen Form vorliegen. Dazu gehören auch die verschriebenen Medikamente. In Griechenland gilt schon länger als in Deutschland das elektronische Rezept.

Georgiadis erläuterte, dass künftig bei jeder Verschreibung eines Medikaments, auch bei Folgerezepten, eine KI-gestützte Überprüfung stattfinden wird. Die KI überprüft, ob sich die einzelnen Medikamente eines Patienten, die von einem oder mehreren Ärzten verschrieben wurden, untereinander verträglich sind. Ist das nicht der Fall, schlägt das System Alarm.

Alle Beteiligten werden darüber informiert, so dass auch die Apotheke als letzte Instanz vor der Medikamentenausgabe einen eventuellen Behandlungsfehler verhindern kann. Georgiadis betonte, dass dies eine von vielen Möglichkeiten sei, wie die KI künftig die Gesundheitsversorgung effizienter gestalten könnte.

Schon an dieser Aufgabe dürfte der KI-Einsatz im deutschen Gesundheitswesen scheitern. Bei einer Pressekonferenz am 13. April unter der Federführung des Science Media Centers Germany stellte die Moderatorin Helena Salamun die Frage, inwieweit ein Chatbot mit der ePA verknüpft werden könnte, und so zur Entlastung des Gesundheitswesens beitragen könne.

Dr. Felix Mühlensiepen von der Medizinischen Hochschule Brandenburg musste sie enttäuschen:

"Aktuell ist so, dass die ePA eigentlich eine Sammlung an PDFs ist. Je nachdem, wie viel da drin gespeichert wird, ist es relativ schwierig, auf die einzelnen Informationen zuzugreifen, sodass es sicherlich helfen würde bei der Anwendung oder Nutzung der ePA-Daten, dass man gezielt suchen kann, gegebenenfalls sogar auch Fragen stellen könnte. Das Ganze muss aber natürlich absolut datensicher sein. Ich glaube, es gibt da Überlegungen, in die Richtung etwas zu entwickeln."

Er wisse nicht, wie der aktuelle Stand der Entwicklung sei, fuhr er fort. Interessant war, dass auch er die Idee hatte, man könne eventuell "nachschauen, ob bestimmte Medikamente gegeben wurden".

Junior-Prof. Dr. Elena Link, Junior-Professorin für Wissenschaftskommunikation an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, ergänzte:

"Mir ist noch nichts bekannt, aber ich sehe daraus natürlich große Potenziale, das zur Weiterentwicklung der ePA zu nutzen und dann vielleicht den nächsten Schritt in Richtung dem tatsächlichen flächendeckenden Einsatz der ePA auch gehen zu können, wenn neue Möglichkeiten da noch integriert sind."

KI-Chatbots als Abhilfe bei Ärztemangel?

So blieb die Pressekonferenz, an der auch Prof. Dr. Kerstin Denecke von der Berner Fachhochschule (BFH) beteiligt war, ein sehr interessanter Austausch über künftige Möglichkeiten, Bedenken und Gefahren. Die Experten diskutierten über die Möglichkeit, dass Patienten Chatbots befragen können, wenn ein direkter Kontakt zu einem Mediziner nicht möglich ist.

Prof. Link erklärte, dass viele Chatbot nutzen würden, um sich medizinische Befunde besser erklären zu lassen. Dabei sah sie die Gefahr, dass für Menschen mit niedriger Gesundheitskompetenz "das Risiko wahrscheinlich höher [ist], dass man hier auch Schaden vielleicht erleidet durch KI-Gebrauch."

Prof. Link vermutet, dass die Chatbots eher von denjenigen genutzt würden, die vorher über Suchmaschinen die Informationen zu ihrer Gesundheit recherchiert hätten. Im Verlauf der Pressekonferenz kristallisierte sich wie erwartet heraus, dass die Nutzung der KI für Menschen mit geringeren Fähigkeiten zum Schreiben des passenden Prompts höhere Gefahren birgt als für KI-Affine.

Dr. Mühlensiepen äußerte dementsprechend die Gewissheit, dass Chatbots die Lücken im Gesundheitssystem nicht füllen könnten. "Chatbots ersetzen keine Ärzt:innen, auch keine Pfleger:innen und auch keine medizinischen Fachangestellten und so weiter. Aber sie helfen vielleicht dabei, Brücken zu bauen, wenn sie gut gemacht sind."

Schließlich stellt sich die Frage, wie Mediziner darauf reagieren, wenn ihre Patienten bereits mit einer Vordiagnose vom Chatbot in die Praxis spazieren. Dr. Mühlensiepen verwies auf eigene Studien, die ambivalente Reaktionen unter der Ärzteschaft aufzeigen würden. Es gäbe Ärzte, welche die Reflexion ihrer Patienten mit der eigenen Gesundheit goutieren würden.

Aber gleichzeitig würden auch sie Schwierigkeiten damit haben, die Quelle der jeweiligen Informationen zu erkennen und zu bewerten.

Als Zweitmeinung in der Notaufnahme hilfreich

An anderer Stelle sind die Chatbots hilfreich. Eine aktuelle Studie [4] im Fachmagazin Science zeigt, dass moderne Sprachmodelle (LLMs) Ärztinnen und Ärzten bei der Diagnosestellung nicht nur ebenbürtig, sondern in bestimmten Stresssituationen sogar überlegen sein können. Es geht um die Notaufnahme.

Dort zählt jede Sekunde. Genau hier, am ersten Kontaktpunkt zwischen Patient und Klinik, scheint die Künstliche Intelligenz ihre größte Stärke auszuspielen. Ein US-Forschungsteam untersuchte die Leistungsfähigkeit von der OpenAI-o1-Serie anhand komplexer Fallkataloge sowie unstrukturierter Realdaten aus einer Notfallambulanz.

Das Ergebnis: Die KI lieferte Diagnosen und Behandlungspläne, die in den meisten Fällen als mindestens so hilfreich wie die des Fachpersonals eingestuft wurden. Ihre Stärke hatten die KI-Modelle dabei in Triage-Situationen. Während menschliche Mediziner unter Zeitdruck und bei spärlicher Informationslage dazu neigen, sich vorschnell auf eine Verdachtsdiagnose festzulegen, bleibt die Maschine objektiv.

"Sprachmodelle sind situativen Einflüssen wie Müdigkeit oder emotionalen Interaktionen nicht in gleicher Weise ausgesetzt", erklärt Prof. Dr. Felix Nensa vom Universitätsklinikum Essen. Die KI könne Muster und seltene Diagnosen konsistenter berücksichtigen. Prof. Dr. Thomas Neumuth von der Universität Leipzig ergänzt, dass die KI "viele mögliche Erklärungen gleichzeitig im Kopf behalten" könne, was sie zu einem idealen Sicherheitsnetz mache.

Auf den ersten Blick paradox: Mensch plus Maschine schlechter?

Trotz der beeindruckenden Studienergebnisse gibt es eine überraschende Schwäche: In der Zusammenarbeit Mensch und Maschine hapert es. Frühere Untersuchungen legten nahe, dass Ärzte, die GPT-4 als Hilfsmittel nutzten, oft nicht besser abschnitten als ohne Unterstützung.

"Das deutet eher auf ein Workflow- und Vertrauensproblem hin als auf ein Modellproblem."

Felix Nensa

Experten sprechen von einem "Automation Bias" – entweder wird der KI blind vertraut oder ihre Vorschläge werden ignoriert.

Hürden für die Praxis: Technik, Recht und Ethik

Obwohl die Studie methodisch als sauber gilt, gibt es erhebliche Einschränkungen für eine Übertragung in die Praxis: Fragen der Ethik und der Rechtsgrundlagen müssen sorgfältig abgeklärt werden. Zudem spielt der menschliche Faktor auch bei den Ärzten eine Rolle.

Im echten Leben nutzen sie Augen, Ohren und gegebenenfalls weitere Sinne. Die untersuchten Modelle verarbeiteten lediglich Text, keine Röntgenbilder oder das Erscheinungsbild eines Patienten.

Noch bewegt sich der KI-Einsatz in einer juristischen Grauzone. Weder in der EU noch in den USA ist aktuell ein generatives Sprachmodell als Medizinprodukt für Diagnosen zugelassen.

Die Haftungsfrage bei Fehlern bleibt hier genauso ungeklärt wie bei der Beratung von Patienten. Die Experten sind sich einig: Die KI wird den Arzt nicht ersetzen, aber sie könnte als verpflichtende Zweitmeinung dienen, um menschliche Fehler zu reduzieren.

Bevor jedoch der "Kollege Algorithmus" flächendeckend Einzug hält, fordern Forscher klinische Studien unter Realbedingungen. Dann muss sich die KI bewähren und für kürzere Wartezeiten, geringere Sterblichkeit aber auch höhere Patientenzufriedenheit sorgen.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11277963

Links in diesem Artikel:

  1. https://help.openai.com/en/articles/20001036-what-is-chatgpt-health
  2. https://openai.com/de-DE/index/introducing-chatgpt-health/
  3. https://delphiforum.gr/
  4. http://www.science.org/doi/10.1126/science.adz4433?adobe_mc=MCMID%3D90743755600286926978723076040863778655%7CMCORGID%3D242B6472541199F70A4C98A6%2540AdobeOrg%7CTS%3D1777364810&adobe_mc=MCMID%3D90743755600286926978723076040863778655%7CMCORGID%3D242B6472541199F70A4C98A6%2540AdobeOrg%7CTS%3D1777364821

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Bye bye Timmy: Praktizierte Tierliebe im Anthropozän

Von Telepolis — 03. Mai 2026 um 12:26
Ein Buckelwal unter Wasser

Symbolbild (nicht Timmy): Shutterstock.com

Tierschutz zwischen Klimakrise und Ideologie: Ein Buckelwal, viele Deutungen – wie rechte Narrative, Aktivismus und ökologische Realität aufeinandertreffen.

In einem wenigstens muss man dem Schnitzelbomber recht geben:

"Das hier ist mehr als nur ein Wal!"

So heißt es in einem KI-generierten Ohrwurm bei Tiktok [1]. Das Spektakel um den verirrten Buckelwal provoziert Debatten, in Internet-Plattformen ebenso wie in den Feuilletons.

Bei manchen weckt das Schicksal des Tieres starke Emotionen, andere verweigern offensiv jede Empathie mit "Timmy" und halten die "Aktivisten" am Ostseestrand für, kurz gesagt, bescheuert.

Das hier ist mehr als nur ein Wal, offensichtlich. Das hier ist ein Symbol. Die Parabel entsteht im Livestream – aber wovon handelt sie?

Worum geht es?

Die Meinungen darüber gehen auseinander. Till Backhaus, der Umweltminister von Mecklenburg-Vorpommern, erklärte in einem Interview vor einigen Tagen:

"Es muss auch darum gehen, sich mit dem Thema insgesamt auseinanderzusetzen. Wie gehen wir mit unseren Meeren um, was ist mit der Verunreinigung?"

Bestimmt habe sich der Wal auch wegen des Klimawandels in die Ostsee verirrt, glaubt Backhaus. Und:

"Wir Menschen sind hier nur zu Gast. Unser Planet ist geschädigt. Ein Symbol ist dieser Wal."

Staatsversagen?

Für den Tiktok-Influencer und Möchtegern-Walretter Schnitzelbomber dagegen steht das Tierleid überhaupt nicht für ökologische Probleme, sondern für Staatsversagen. Denn der "fremdgedichten" Protestschlager geht folgendermaßen weiter:

"Das hier ist mehr als nur ein Wal

Das ist ein Bild von diesem Land

Zu viel Gerede, zu viel Macht

Und keiner, der Verantwortung hat"

In die Kritik am Zögern und Abwiegeln der Behörden und Biologen im Fall Timmy mischen sich faschistische Untertöne. Das siechende Tier identifizieren rechte Tierschützer mit dem kranken deutschen Volk, das sich angeblich ebenfalls nach Rettung sehnt, nach einem handlungsfähigen Natur-Führer, der Tieren bei Bedarf das Sterben verbietet und sie zügig in ihre Heimat remigriert.

"Wer sind die Nutznießer?"

Kann vielleicht Alice "Windräder der Schande" Weidel diese Rolle übernehmen? Das rechtsextreme Magazin Compact sagt: Ja.

Diese Wal-Beauftragten halten aber gar nichts von Umweltschutz, wenigstens nicht von Maßnahmen gegen die tieferen Ursachen der ökologischen Probleme. Ein "geschädigter Planet"? Angeblich nur ein Trick, um den Volksgenossen das Geld aus der Tasche zu ziehen:

"Rechte Helfer sind unerwünscht, also muss der gestrandete Wal Timmy sterben. Nun soll das Tier sogar geschlachtet werden – die Regierung tut nichts. Wer sind die Nutznießer?"

Compact, YouTube [2]

Das demagogische Argumentationsmuster ist sattsam bekannt: Wenn Tiere sterben, großflächig Wälder brennen oder Flüsse austrocknen, liegt das nicht etwa am "sogenannten" Klimawandel. Schuld sind die Behörden und die Öko-Aktivsten mit ihren kontraproduktiven Umweltschutzmaßnahmen.

Wale sterben, weil "die Ökoindustrie" sie schlachten will (so der Titel des Compact-Propagandavideos). Das gehört zu einem größeren, oft bemühten Motiv-Komplex, in dem sich libertäre und die völkische Kritik am Staat vermischen: Er soll das eigentliche Problem sein, wenigstens so lange eine "echte Elite" nicht an seiner Spitze steht, etwa kapitalistische Unternehmen.

Das Symbol "Timmy" lässt sich mithin für diverse politische Zwecke einsetzen. Aber unter der Oberfläche wird – implizit oder sogar unbewusst – das Verhältnis zwischen Mensch und Tier im Anthropozän verhandelt.

Wie weit reicht die Naturbeherrschung – und wer eigentlich muss gerettet werden?

"Anthropozän" - Wer hat das Sagen?

Für den Modebegriff Anthropozän gibt es eine präzise geowissenschaftliche Definition [3], die aber außer den Geowissenschaftlern selbst kaum jemanden interessiert. In der populären Debatte steht der Begriff für das Verschwinden einer unberührten, vom Menschen unabhängigen Natur – und das ist tatsächlich interessanter.

Natürlich waren Menschen immer Teil des Erdsystems und beeinflussten damit das Schicksal der anderen Gattungen, vor allem mit ihrer Landwirtschaft. Mit der großen Beschleunigung nach dem 2. Weltkrieg [4] haben sich allerdings die Größenverhältnisse verschoben.

Die "letzten Paradiese", wo einst die wilden Tiere unbeaufsichtigt wohnten, sind verschwunden. Überall auf dem Planeten finden sich Spuren der menschlichen Produktion, zum Beispiel in den Meeren und an den Polkappen die wachsenden Mengen winziger Plastikteilchen.

Der Stoffwechsel mit der Natur hat eine so große Intensität erreicht, dass die menschlichen Aktivitäten das Erdsystem und damit das Leben auf dem Planeten steuern. Denn der Energieumsatz und der damit verbundene Treibhauseffekt, die Emissionen aus der industriellen Produktion und die Landnutzung rühren an den großen Kreisläufen der Erde – Stickstoff, Kohlenstoff, Wasserstoff, die Strömungsmuster von Wind und Meer und weitere – und verändern so die Lage aller Lebensformen.

Was das mit "Timmy" zu tun hat?

Den Meeresbewohnern wie ihm machen zunehmend Meso- und Mikroplastik zu schaffen, die Versauerung und Erwärmung des Wassers, die dadurch ausgelöste Migration vieler Gattungen, die Nahrungsketten reißen lässt.

Ob der Transport des Buckelwals in die Nordsee zu einem happy end führt oder doch nur zur teuersten Seebestattung der Welt wird, die Retter bringen ihn in ein schwer geschädigtes Biotop.

Buckelwalen geht es noch verhältnismäßig gut. Die Populationen von Wanderfischen wie Aal und Stör sind fast zusammengebrochen. Jeden Tag, schätzen Biologen, sterben weltweit mindestens hundert Arten aus. Betroffen sind insbesondere Insekten und Amphibien, die bisher eine Schlüsselrolle in den Nahrungsketten und Biotopen spielten, aber kaum Sympathien wecken.

Entscheidend und oft vergessen ist, dass es sich bei Artensterben, Klimaerwärmung und Habitatverlusten um chaotische, unkontrollierte und auch nur schwer kontrollierbare Prozesse handelt, um Nebenfolgen der industriell-kapitalistischen Produktionsweise.

Im Anthropozän lenken zwar Energieumsatz, Landnutzung und Ressourcenverbrauch das Leben auf dem Planeten, aber niemand sitzt am Steuerrad! Von einer neuen Stufe der "Naturbeherrschung" zu sprechen, ist mindestens ungenau.

Ebenso gut ließe sich eine Person, die durch ein Gemüsebeet trampelt, als Herrscher des Gemüses bezeichnen. Das Anthropozän ist eine Katastrophe, auch für die Menschheit.

Die Folgen machen sich geltend in Form von Sturm, Hitze, Flut und Krankheit, durch nachlassende Bodenfruchtbarkeit, die Degradation von Biotopen und vieles mehr. Sie lassen sich nicht ohne weiteres bewältigen, schon gar nicht auf individueller Ebene.

Die gegebenen Möglichkeiten der Naturbeherrschung stoßen also an konkrete Grenzen, wobei diese natürlich auch von den strukturellen Zwängen in einem kapitalistischen Staatensystem gesetzt werden (nicht nur durch die geochemischen und biologische Verhältnisse).

So konfrontiert das Anthropozän uns Zeitgenossen mit einer kränkenden und beängstigenden Erfahrung: einer Gleichzeitigkeit von Macht und Ohnmacht, genauer gesagt mit individueller Machtlosigkeit, während kollektiv die Welt (durch Arbeit) tiefgreifend umgestaltet wird.

Was treibt die Retter an?

Dies ist der Hintergrund für das traurige Schauspiel am Ostseestrand. Bekanntlich ist ein Tod eine Tragödie, aber eine Million Tote nur Statistik. Das Aussterben ganzer Tier- und Pflanzengattungen überfordert die Empathie und Vorstellungskraft.

Von daher ließe sich wohlwollend annehmen, dass es sich beim Wirbel um den Wal um eine Ersatzhandlung handelt, psychologisch gesprochen um eine Verschiebung: Wird dieser eine Buckelwal gerettet, dann kann doch noch alles in Ordnung kommen! Vielleicht ist es gar nicht so schlimm?

Kein Wunder, dass er von den selbst ernannten Rettern "Hope" genannt wird. Wir fangen im Kleinen an, mögen sie sich denken. Wir setzen ein Zeichen der Hoffnung, wenn dieses Tier nicht stirbt.

Diese Fixierung trägt Elemente von Verleugnung in sich, von fingierter Selbstwirksamkeit, so wie beispielsweise der Kauf von (vermeintlichen) Bioprodukten. Das Missverhältnis ist grotesk zwischen der enorm teuren und aufwendigen Rettungsaktion, um ein Tier zu retten, und der Ignoranz und Blockade anderer Maßnahmen, um alle zu retten.

Dass ihre Geldgeber, abgesehen von der unbekannten Zahl kleinerer Spenden, mit Geschäften in der Automobilindustrie und der Haushaltselektronik reich wurden, gibt dem Spektakel eine besonders ironische Note.

"Wird schon nicht hundert Millionen kosten", dachte sich laut eigener Aussage Walter Gunz [5], solche Summen tut ihm offenbar nicht weh.

Immerhin, ließe sich einwenden, besteht die Chance, diesen einen Wal zu retten, während andere Interventionen fürs Tierwohl wie erwähnt fast aussichtslos erscheinen, wie die internationalen Abkommen zum Schutz der Meere und Biodiversität.

Aber niemand kann ernsthaft behaupten, dass diese Rettung für die anderen (weiterhin rettungsbedürftigen) Tiere einen Unterschied macht – für die Artgenossen des Buckelwals, für andere Walgattungen oder gar für die zahllosen anderen Meeresbewohner, die keinen Vornamen tragen.

Das Tier in die Nordsee zu schleppen, ist eine symbolische, geradezu kultische Handlung, selbst wenn er dort noch eine Weile überleben sollte.

Die Rettung dient vor allem eigenen psychischen Bedürfnissen, sie hat etwas Übergriffiges. "Timmy" / "Hope" ist für die Tierliebhaber eine Projektionsfläche – umso schlimmer, wenn das Tier sich nicht wehren oder fliehen kann.

Tiere als Phantasieprodukt

Die Beziehungen zu den Tieren waren niemals frei von Projektionen und Missverständnissen. Sie wurden gefürchtet, bewundert und verehrt, gehasst und verachtet. Der Wal verschluckt dich aus Versehen, der Wolf mit voller Absicht, deshalb gilt letzterer als böse.

Der Fuchs soll listig sein, der Spatz fröhlich und so weiter. Interessanterweise verweisen solche Tier-Zeichen in anderen Kulturen auf ganz andere Eigenschaften, was zu erheblicher Verwirrung führen kann. In China bringt die Eule Unglück, dafür ist das Kaninchen weise (!?), in Indien steht die Schlange für Fruchtbarkeit statt für Verschlagenheit ...

Eine gewisse Willkürlichkeit und einen Überschuss der Phantasie gab es also schon immer. Sie heftete sich naturgemäß eher an die wilden Tiere als an Nutztiere, weil der Lebensvollzug ersterer weniger gut beobachten ließ.

Aber erst in industriellen Gesellschaften wurde ein romantisches Naturverhältnis möglich, als der Sicherheitsabstand zur Natur und ihren Widrigkeiten groß genug wurde. Die Wildnis und ihre Bewohner wurden idealisiert; emotionale Bedürfnisse der Menschen begannen, die Wahrnehmung zu dominieren.

Die Tiere wurden immer stärker vermenschlicht und verniedlicht, bis zur flächendeckenden Anthropomorphisierung im Disney-Universum. Andere Gattungen wie die Wale dagegen werden mystifiziert, zu kitschigen Sinnbildern einer transzendentalen Weisheit.

Ein Kind mag den Tod eines gestorbenen Haustieres nicht akzeptieren, es weiter füttern und pflegen, den Leichnam heilen wollen. Solche Liebeszeichen sind schrecklich traurig und rührend. Das Kind hat aber - und das ist entscheidend - ein bestimmtes Lebewesen verloren, nicht ein austauschbares Exemplar einer Gattung.

Deshalb lehnt es den Trost der Eltern entrüstet ab, dass sie gleich nächste Woche ein neues kaufen werden, wenigstens sofern eine echte emotionale Bindung bestand. Denn in einem solchen Fall war das Tier nicht (nur) Projektionsfläche, sondern ein Gefährte.

Wenn Beziehungen zu bestimmten Tieren möglich sind, verflüchtigen sich unter Umständen auch die Vorurteile über Gattungseigenschaften. Dann zeigt sich nämlich, dass manche Hunde treulos sind, manche Hasen mutig, viele Eulen doof und manche Hamster schlau.

De te fabula narratur

Im Anthropozän geraten nur die planetaren Energie- und Stoffkreisläufe, sondern auch die Kategorien durcheinander. Wo fängt Natur an, wo hört sie auf? Die Nutztiere, die heute fast ausnahmslos der Fleischproduktion dienen, sind aus dem Blick fast völlig verschwunden.

Der Unterschied zwischen Haustier und Wildtier wird fragwürdig. Das Bedürfnis, wilden Tieren nahezukommen, ist so stark wie eh und je und wird von einer Tourismus-Branche mit einem fragwürdigen Wildnis-Spektakel bedient. In jede "Begegnung" mit den Tieren mischt sich etwas von der Destruktivität des gesellschaftlichen Naturverhältnisses.

Umweltpolitisch schädlich an der Naturromantik ist, dass sie Menschen und Gesellschaft außerhalb der Natur imaginiert. Sie sollen das Gegenteil sein, die Natur irgendwo anderswo. In Wirklichkeit gehören Gesellschaften der Natur an, sie bleiben auf die Selbstreproduktion der "natürlichen Lebensgrundlagen" angewiesen, auf Ökosystemleistungen, von denen beispielsweise Bodenfruchtbarkeit und Grundwasser abhängen. Der Mensch ist selbst nur ein Knoten im Netz des Lebens, auch wenn er gegenwärtig große Löcher hineinreißt.

Das Wal-Spektakel an der Ostsee ist ein merkwürdiges Beispiel für die Tierliebe im Anthropozän. Mit einer starken Sentimentalität wollen viele darauf bestehen, dass irgendwo – ganz tief drinnen und ganz weit weg – immer noch eine heile, sich selbst und unbeschadet reproduzierende Natur existiert.

Ihr romantisches Bedürfnis lässt sich von Fakten nicht mehr irritieren. Achtung, das wird gleich ein bisschen weh tun: "Timmy" / "Hope" will eure Liebe überhaupt nicht!

Der Tierschutz als Ersatzhandlung, vielleicht auch als Instrument der Schuldabwehr, wird im Anthropozän anachronistisch. Aus zwei Gründen: Erstens verändern Artensterben und Klimakrise auch die Naturschutzzonen.

Im Fall der Meeresschutzgebiete wird das Wasser zu warm oder zu schmutzig, Nahrungsgrundlagen fehlen. In den Wildtier-Reservaten an Land müssen die Insassen immer häufiger gefüttert, getränkt und medizinisch behandelt werden. Was "Wildnis" darstellen soll, ist in Wirklichkeit ein Freiluft-Zoo.

Zweitens – und damit kommen wir erneut zur Frage der Naturbeherrschung – sind auch menschliche Tiere durch die ökologische Krise bedroht. Zu wohlmeinendem Paternalismus besteht von daher überhaupt kein Anlass.

Im Gegenteil, krampfhaft an der Rolle eines Beschützers festzuhalten, speist sich vermutlich ebenfalls aus einer Verschiebung. Die Psychoanalytikern Delaram Habibi-Kohlen [6] berichtet aus ihrer Forschung über die psychische Verarbeitung der ökologischen Krise folgendes:

"Alle interviewten Probanden sahen sich nicht selbst als Teil der Natur, sondern außerhalb von ihr stehend. 'Die Natur' wurde häufig entweder als gefährlich erlebt oder als eine Art gezähmtes Wellness-Reservat, in das man sich am Wochenende zurückziehen kann.

Eine Probandin erklärte zum Beispiel, dass die Umweltzerstörung besonders schlimm für die Tiere sei, denn die bräuchten ja die Natur. Die eigene Abhängigkeit wird hier so weit übersehen, d.h. abgespalten, dass sie noch nicht einmal mehr beunruhigt – jedenfalls nicht bewusst."

Anders gesagt, "Hope" muss leben, ob er will oder nicht, damit für uns noch Hoffnung besteht. Es ist schwer zu ertragen, wenn die eigenen Kräfte für eine Rettung nicht ausreichen - aber wer muss überhaupt gerettet werden?

Free Timmy - von den menschlichen Projektionen

An das bedauernswerte Tier heften sich Omnipotenzphantasien, Projektionen und Überidentifikationen. Wildtiere sind keine Haustiere. Viele Arten sterben gegenwärtig aus, andere können sich anpassen und besiedeln Kulturräume, Vorstädte oder Agrarlandschaften.

Es liegt im ureigensten Interesse der Menschheit, eine gewisse Artenvielfalt zu erhalten und sich Lebensräume zu teilen. Denn wir brauchen Mitbewohner auf dem Planeten - nicht nur die ganz Großen wie die Wale, sondern auch kleine wie Käfer und Bienen, die keine Vornamen tragen.


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Links in diesem Artikel:

  1. https://www.tiktok.com/@ralle942205/photo/7626036265317616928
  2. https://www.youtube.com/watch?v=EkfsIq_jMFo
  3. https://www.mpic.de/3865097/the-anthropocene
  4. https://www.bpb.de/themen/umwelt/anthropozaen/216918/texte-und-grafiken-zur-grossen-beschleunigung-the-great-acceleration/
  5. https://muenchen.t-online.de/region/muenchen/id_101215108/wal-timmy-media-markt-gruender-aus-muenchen-finanziert-bergung.html
  6. https://www.psychoanalyse-aktuell.de/artikel-/detail?tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Bnews%5D=134&cHash=14b90ede8de64839b2f268dd60266595

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Teilkrank arbeiten – der neue Druck auf Beschäftigte

Von Telepolis — 03. Mai 2026 um 10:00
Pflaster überklebt in verschiedenen Segmentierungen Sybol für Arbeit bestehend aus Hammer und Büroklammer

Kranke sollen künftig trotz Attest arbeiten – ein neuer Regierungsplan könnte Beschäftigte unter massiven Druck setzen.

Die Bundesregierung will "neue Härte" zeigen und arbeitet ihrer Pläne dazu konsequent ab – die Rechte geflüchteter Menschen werden eingeschränkt und die Ansprüche von Bürgergeldempfängern verschlechtert. Jetzt geraten Kranke ins Visier.

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) kritisiert, dass Deutsche mit durchschnittlich zehn Arztbesuchen pro Jahr einen "einsamen europäischen Rekord" aufstellen. Und er bemängelt, der Krankenstand ist hierzulande zu hoch [1].

Der Druck auf kranke Beschäftigte in den Betrieben steigt. So wird in vielen Unternehmen die Krankschreibung angezweifelt und kein Lohn gezahlt. Eigentlich hat die ärztliche Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung nach dem Entgeltfortzahlungsgesetz (§ 5 EFZG) einen sehr hohen Beweiswert. Der Arbeitgeber kann sich aber auf eine "Erschütterung des Beweiswerts der Bescheinigung" berufen.

Bundesarbeitsgericht: Kein Geld trotz Krankheit

Dies hat ihm das Bundesarbeitsgericht leicht gemacht. Damiano Valgolio von DKA Rechtsanwälte erläutert [2] auf der Homepage der IG Metall Berlin-Brandenburg Beispiele:

"Eine solche 'Erschütterung' kann es nach der Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichtes geben, wenn besondere Umstände vorliegen, die dafür sprechen, dass die Krankheit nur vorgeschoben wurde.

Das kann der Fall sein, wenn ein Arbeitnehmer, der vorher gesund war, direkt nach Ausspruch einer Kündigung für die gesamte Zeit der Kündigungsfrist krankgeschrieben wird. Oder wenn sich jemand für genau die Zeit krankschreiben lässt, für die vorher ein Urlaubsantrag abgelehnt worden ist."

Denn nach einer Entscheidung des höchsten deutschen Arbeitsgerichtes aus dem Jahre 2021 können Arbeitgeber die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) anzweifeln [3]. Es ging damals um einen konkreten Fall: Eine kaufmännische Angestellte kündigte das Arbeitsverhältnis und legte dem Unternehmen eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vor, die bis zum Ende der Kündigungsfrist gültig war.

Diese "passgenaue" Krankschreibung unmittelbar nach Eigenkündigung erschüttert den Beweiswert der AU, so das Gericht. Der Arbeitgeber durfte die Entgeltfortzahlung verweigern. Vielen Unternehmen war dies Anlass, generell Krankmeldungen in Frage zu stellen.

Das Landesarbeitsgericht Hannover hat in entschieden, dass der Beweiswert einer Krankschreibung [4] nicht automatisch erschüttert wird, wenn bestimmte formale Fehler vorliegen. Etwa, wenn der Arzt der Krankenkasse nicht ordnungsgemäß die Diagnose mitteilt, ist das für den Beweiswert gegenüber dem Unternehmen kein Problem.

Druck durch Krankenrückkehrgespräche

Trotzdem verunsichert die BAG-Entscheidung viele Beschäftigte. Auch weil in vielen Betrieben zunehmend wieder Krankenrückkehrgespräche geführt werden. Diese Gespräche, für die es keine gesetzlichen Vorgaben gibt, häufig genutzt, um Kranke unter Druck zu setzen. Ziel des Unternehmens ist es, den Krankenstand in der Belegschaft zu senken und damit Kosten zu sparen.

Es wird nicht nach Ursachen gesucht, für die der Betrieb verantwortlich ist, sondern der Einzelne aufgefordert, sein Verhalten zu ändern. Dies suggeriert Betroffenen, sie tragen Schuld an einer Krankheit. Neben der Einschüchterung von Beschäftigten dienen die Krankenrückkehrgespräche oft auch der Vorbereitung einer Kündigung.

Für Unternehmen bestehen aber auch Grenzen.

"Ein Arbeitgeber darf:

  • im Gespräch mit dem Beschäftigten die Situation erörtern – aber ohne Pflicht des Arbeitnehmers, medizinische Details preiszugeben.
  • bei berechtigten Zweifeln die Krankenkasse einschalten (z. B. zur Prüfung des Zusammenhangs mit vorherigen Diagnosen).
  • in einem Rechtsstreit darlegen, warum die AU zweifelhaft ist und die Fortzahlung verweigern bzw. zurückfordern.

Ein Arbeitgeber darf aber grundsätzlich nicht den Arbeitnehmer zwangsweise zu einer medizinischen Untersuchung verpflichten", gibt Arbeit und Lernen Detmold Beschäftigten Tipps für die Praxis [5].

Arbeitswissenschaftler halten es für falsch, Beschäftigte unter Druck zu setzen. "Denn steigende Fehlzeiten entstehen selten zufällig. Hinter ihnen liegen oft Überlastung, unklare Rollen, psychische Belastungen, Führungsdefizite oder eine Unternehmenskultur, in der Gesundheit zwar gewünscht, aber nicht systematisch gestaltet wird", betonen [6] Daniela Krämer, Dipl. Psychologin, und Andrea Ostermann-Brema, Arbeitspsychologin mit Fokus auf mentale Gesundheit am Arbeitsplatz.

Sie halten eine Suche nach den betrieblichen Ursachen für das Krankenwerden für entscheidend:

"Vor allem folgende Entwicklungen wie der Fachkräftemangel, steigende psychische Belastungen, veränderte Erwartungen an Arbeit, mehr Homeoffice und weniger Puffer in Teams erhöhen den Druck."

Teilkrankschreibung als neuer Plan der Regierung

Die Bundesregierung will eine neue Idee vorantreiben: Die Teilkrankschreibung. Hierzulande sind Arbeitnehmer entweder voll arbeitsfähig oder vollständig arbeitsunfähig. Das Bundesgesundheitsministerium will dies ändern und eine "Teilkrankschreibung" einführen, meldet [7] die Tagesschau.

Wer voraussichtlich mehr als vier Wochen krank ist, soll nun die Möglichkeit einer "teilweisen Arbeitsaufnahme" haben. Ärzte sollen gemeinsam mit dem Versicherten, der voraussichtlich mehr als vier Wochen krank ist, über eine "Teilarbeitsunfähigkeit" entscheiden. Das Unternehmen muss dann in jedem Einzelfall zustimmen.

"Die Begrenzung der Teilarbeitsfähigkeit wird auf feste Stufen von 25, 50 und 75 Prozent der regelmäßigen wöchentlichen Arbeitszeit festgelegt und soll der Standardisierung und Praktikabilität der Anwendung dienen, insbesondere im Hinblick auf die Entgeltabrechnung sowie die Berechnung eines etwaigen Teilkrankengeldes."

Nadine Tröbitscher, Apotheke Adhoc [8]

Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) ist beauftragt, Regelungen zur Arbeitsunfähigkeit zu erarbeiten, um die Teilarbeitsunfähigkeit zu ergänzen. Dazu sind auch Krankheitsbilder, die unter die Regelung fallen, zu benennen.

"Dazu gehören laut Entwurf beispielsweise psychische Erkrankungen wie depressive Episoden, Angststörungen oder Anpassungsstörungen, bei denen eine schrittweise Belastungssteigerung therapeutisch sinnvoll sein kann, Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems, insbesondere Wirbelsäulenerkrankungen, bei denen eine reduzierte Arbeitsbelastung zur Stabilisierung der Genesung beitragen kann, sowie onkologische Erkrankungen, insbesondere während oder nach belastenden Therapiephasen, in denen eine begrenzte Arbeitsfähigkeit bestehen kann."

Nadine Tröbitscher

Wer beobachtet, wie bei Krankenrückkehrgespräche von Unternehmensseite agiert wird, kann sich vorstellen, wie die "freiwillige Teil-Krankschreibung" in vielen Betrieben angegangen werden. Es wird befürchtet, dass Manager Druck auf Kranke ausüben, trotz Erkrankung teilweise zu arbeiten und so Krankheiten zu verschleppen oder "chronisch" werden zu lassen.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11275392

Links in diesem Artikel:

  1. https://www.tagesspiegel.de/politik/einsamer-europaischer-rekord-merz-moniert-eine-milliarde-arztbesuche-pro-jahr-in-deutschland-14336090.html
  2. https://www.igmetall-berlin.de/aktuelles/meldung/wann-reicht-eine-krankschreibung-nicht
  3. https://www.bundesarbeitsgericht.de/presse/erschuetterung-des-beweiswerts-einer-arbeitsunfaehigkeitsbescheinigung/
  4. https://lzk-bw.de/die-kammer/fuer-standesvertreter/urteilsdatenbank/urteil/news/arbeitsunfaehigkeitsbescheinigung-beweiswert
  5. https://www.aul-seminare.de/fact-or-fake-der-arbeitgeber-kann-die-arbeitsunfaehigkeit-anzweifeln-und-ueberpruefen/2026-02/
  6. https://www.haufe-akademie.de/blog/themen/gesundheit/fehlzeitenmanagement/
  7. https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/krankengeld-krankschreibungen-gesundheitsreform-100.html
  8. https://www.apotheke-adhoc.de/nachrichten/detail/politik/nur-ein-bisschen-krank-teilkrankengeld-kommt/

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Störungsmeldung vom 02.05.2026 17:00

Von heise online — 02. Mai 2026 um 17:00

Neue Störungsmeldung für Provider Deutsche Glasfaser

Details

Beginn
02.05.2026 17:00
Region
Kirchheimbolanden (06352)
Provider
Deutsche Glasfaser
Zugangsart
Kabel

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Mathematik: Quaternionen - und wo sie überall zu finden sind

Von Stefan Ruloff — 03. Mai 2026 um 09:00
Was moderne Videospiele, Animationsfilme, die ISS und Smartphones gemeinsam haben? Quaternionen! Wir erklären, was das ist.
Beim Multiplizieren ist die Reihenfolge egal? Nicht immer! (Bild: Maxis_Pictures/Pixabay)
Beim Multiplizieren ist die Reihenfolge egal? Nicht immer! Bild: Maxis_Pictures/Pixabay

Ob Tomb Raider, Mario Kart, medizinische Bildgebung, die ISS – sie alle müssen ständig Drehungen und Orientierungen im dreidimensionalen Raum berechnen. Dabei hat sich gezeigt, dass ein vierdimensionales Zahlensystem – die Quaternionen – dafür besonders geeignet ist.

Obwohl Quaternionen zunächst wie abstrakte Mathematik wirken, haben sie einen enormen Einfluss auf unsere technologische Welt. Ohne sie wären viele Entwicklungen der 3D-Grafik und Animation, insbesondere der Boom der 1990er Jahre, kaum möglich gewesen. Was nach Science-Fiction klingt, ist in Wirklichkeit ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie Mathematik unsere moderne Welt prägt.

Wie dreht man eigentlich mathematisch?

Jegliche Drehungen in einem Raum beliebiger Dimension erfolgen immer nach dem gleichen Schema: Man benötigt eine Raumachse, um die man drehen will, und einen Winkel, der angibt, um wie viel man drehen will. Im zweidimensionalen Raum mit nur einer Höhe und einer Länge erfolgt die Drehung immer um die Achse entlang der Breite, die senkrecht auf der Ebene steht.

Betrachtet man Objekte im dreidimensionalen Raum, stellen Höhe, Breite und Länge elementare Rotationsachsen dar. Eine Drehung um eine beliebige Achse im Raum kann dabei immer als eine Hintereinanderausführung dieser Elementardrehungen aufgefasst werden.

Mathematisch beschreibt man diese Elementardrehungen mithilfe von Drehmatrizen. Drehmatrizen sind lediglich eine Art von Tabellen mit gleich vielen Zeilen und Spalten, wobei die jeweilige Anzahl durch die Dimension des Raumes gegeben ist.

Die Rotation eines Objektes erfolgt, indem man es durch viele verbundene Punkte darstellt und die Koordinaten jedes Punktes mit den Drehmatrizen multipliziert. Die Multiplikation mit Matrizen ist lediglich eine Abfolge von Multiplikationen und Additionen von Zahlen nach einem bestimmten Schema.

Die Matrix und ihre Probleme

Multiplikationen und Additionen nach einem bestimmten Schema klingt nach einer einfachen Aufgabe für heutige Computer. Weshalb benutzt man dann also keine Drehmatrizen mehr, um Bewegungen durch den Computer zu beschreiben? Dazu schauen wir uns die Steuerung einer Videospielfigur in einer dreidimensionalen Welt an.

Um die Immersion einer realistischen Bewegung aufrechtzuerhalten, müssen Bewegungen kontinuierlich und nicht ruckartig verlaufen. Daher dreht man eine Figur nicht einmalig um einen festen Winkel, sondern unterteilt die Drehung in viele Mini-Drehungen.

Diese Minidrehungen bestehen nicht mehr aus ganzzahligen Drehwinkeln wie zum Beispiel 1°, 2° oder 3°, sondern aus Kommazahlen. Bei Kommazahlen ergeben sich immer Rundungsfehler, die fatale Konsequenzen haben, wenn sie nicht korrigiert werden: Eine Rotation um 9,25°, zuerst im Uhrzeigersinn und danach wieder zurück, würde das gedrehte Objekt nicht mehr in seine ursprüngliche Position zurückbringen, sondern leicht versetzt.

Diese kleinen Fehler summieren sich bei jeder Drehung und führen zu optischen Deformationen. Zur Korrektur dieser Fehler muss der Computer nach jeder noch so kleinen Drehung die Drehmatrizen anpassen, um die Abweichungen zu kompensieren. Das führt schnell zu einer erhöhten Rechenleistung des Computers.

Wenn die Rotation feststeckt, geht nichts mehr

Ein anderes nicht zu verhinderndes Problem ist der Gimbal Lock. Bei bestimmten Drehwinkeln fallen zwei der drei Rotationsachsen im dreidimensionalen Raum zusammen. Dadurch kann man das Objekt nur noch um zwei Achsen unabhängig drehen, was die Drehung des Objekts stark einschränkt und zu instabilen Bewegungen führt.

Wie kann man diese Probleme umgehen?

Bereits im 17. und 18. Jahrhundert überlegten sich Mathematiker, ob man Drehungen im zweidimensionalen Raum auf eine andere Art und Weise beschreiben kann. Dabei stießen sie auf eine verblüffende Symmetrie. Drehungen in der zweidimensionalen Ebene lassen sich mithilfe von zweidimensionalen Zahlen beschreiben: den komplexen Zahlen!

Genauso wie die Koordinaten eines Punktes in einem zweidimensionalen Koordinatensystem aus zwei Zahlen bestehen, ist eine komplexe Zahl nicht eine einzelne Zahl. Eine komplexe Zahl besteht aus zwei separaten Teilen, einem realen und einem imaginären Teil. Hierbei ist der reale Teil eine ganz normale Zahl, aber der imaginäre Teil enthält noch zusätzlich den Buchstaben i.

i steht für imaginär

Der Buchstabe i ist eine besondere Zahl mit der Eigenschaft, dass sie, mit sich selbst multipliziert, den Wert -1 ergibt. Da das Quadrat einer "gewöhnlichen" Zahl immer positiv ist, nennt man i die imaginäre Einheit. Gerade diese ungewöhnliche Eigenschaft erweist sich jedoch als äußerst nützlich.

Eine komplexe Zahl besteht aus zwei Teilen und lässt sich daher gut mit einem Punkt in einem zweidimensionalen Koordinatensystem vergleichen. Verbindet man diesen Punkt mit dem Ursprung, erhält man einen Pfeil. Auf dieselbe Weise kann man auch eine komplexe Zahl als Pfeil in einem zweidimensionalen Koordinatensystem darstellen.

Ähnlich wie bei dem Partyspiel Flaschendrehen, bei dem eine Flasche als Pfeil auf dem Boden liegt und gedreht wird, lassen sich auch komplexe Zahlen als Pfeile drehen. Mathematiker haben erkannt, dass eine solche Drehung besonders einfach ist: Man multipliziert die komplexe Zahl mit einer speziell gewählten anderen komplexen Zahl. Deren Realteil ist der Kosinus und deren Imaginärteil der Sinus des gewünschten Drehwinkels. Durch diese Multiplikation wird die komplexe Zahl um genau diesen Winkel gegen den Uhrzeigersinn gedreht.

Drehung der komplexen Zahl z0 (grüner Pfeil) um den Winkel 90° gegen den Uhrzeigersinn zu der neuen Zahl (roter Pfeil). Die Pfeile sind bis auf die Orientierung identisch. (Bild: Stefan Ruloff)
Bild 1/3: Drehung der komplexen Zahl z0 (grüner Pfeil) um den Winkel 90° gegen den Uhrzeigersinn zu der neuen Zahl (roter Pfeil). Die Pfeile sind bis auf die Orientierung identisch. (Bild: Stefan Ruloff)
Vertauschung der Reihenfolge der 90°-Rotationen im Uhrzeigersinn des Rubik's Cube führt zu unterschiedlichen Ausgangsorientierungen. (Bild: Stefan Ruloff)
Bild 2/3: Vertauschung der Reihenfolge der 90°-Rotationen im Uhrzeigersinn des Rubik's Cube führt zu unterschiedlichen Ausgangsorientierungen. (Bild: Stefan Ruloff)
Drehung des Vektors A um den Winkel φ zu dem Vektor B: Zuerst benötigt man die Rotationsachse, die senkrecht auf der grauen Kreisfläche steht, die die beiden Punkte A und B als Randpunkte enthält. Danach drehtman die Koordinaten des Vektors A um die Drehachse um den Winkel φ underhält die Koordinaten des Punktes B.  (Bild: Stefan Ruloff)
Bild 3/3: Drehung des Vektors A um den Winkel φ zu dem Vektor B: Zuerst benötigt man die Rotationsachse, die senkrecht auf der grauen Kreisfläche steht, die die beiden Punkte A und B als Randpunkte enthält. Danach drehtman die Koordinaten des Vektors A um die Drehachse um den Winkel φ underhält die Koordinaten des Punktes B. (Bild: Stefan Ruloff)

Aus zwei mach drei!

Diese elegante Darstellung von Drehungen in der Ebene faszinierte den irischen Mathematiker und Physiker Sir William Rowan Hamilton (1805-1865) Anfang des 19. Jahrhunderts so sehr, dass er versuchte, das Konzept auf den dreidimensionalen Raum zu übertragen.

Seine Idee war einfach: So, wie komplexe Zahlen Drehungen in zwei Dimensionen beschreiben, sollten "dreidimensionale Zahlen" Drehungen im Raum ermöglichen. Diese nannte er superkomplexe Zahlen. Dazu führte Hamilton eine zweite imaginäre Einheit j ein, die ähnliche Eigenschaften wie i besitzt. Damit stellte sich jedoch eine neue Frage: Wie verhalten sich diese beiden imaginären Einheiten bei der Multiplikation? Die Beantwortung dieser Frage war entscheidend, um Drehungen im dreidimensionalen Raum mathematisch beschreiben zu können.

Das Problem der Multiplikation von Tripeln

Um Rotationen mit Zahlentripeln zu beschreiben, musste zunächst geklärt werden, wie die Grundrechenarten auf diese Zahlen wirken. Addieren und Subtrahieren funktionierten noch wie bei komplexen Zahlen, doch die Multiplikation bereitete Hamilton großes Kopfzerbrechen.

Unabhängig vom Ansatz führte die Multiplikation der imaginären Einheiten i und j zweier Tripel nicht mehr zu einem Tripel. Das wäre so, als würde man die Zahlen 2 und 3 miteinander multiplizieren und erhielte statt 6 keine Zahl mehr, sondern etwas völlig anderes.

Das war ein ernstes Problem, denn ohne wohldefinierte Rechenregeln lassen sich keine Rotationen beschreiben. Dennoch gab Hamilton nicht auf und war überzeugt, eine Lösung zu finden.

Jahrelang zerbrach sich Hamilton den Kopf über das Problem, doch alle Versuche scheiterten. Die Frage beschäftigte ihn so sehr, dass selbst seine Kinder davon wussten und ihn scherzhaft fragten, ob er inzwischen "Drillinge multiplizieren" könne. Hamilton musste dies stets verneinen – mehr als Addieren und Subtrahieren war ihm nicht gelungen. Schließlich kam ihm eine verzweifelte, beinahe verrückte Idee: Was, wenn die Reihenfolge der Multiplikation eine Rolle spielt?

Das würde bedeuten, dass die Multiplikation von i und j nicht dasselbe ergibt wie die Multiplikation von j und i – ein Gedanke, der bei gewöhnlichen Zahlen undenkbar ist. Doch auch dieser Ansatz führte zunächst nicht zum gewünschten Erfolg.

Am 16. Oktober 1843 kam Hamilton während eines Spaziergangs über die Brougham Bridge in Dublin der entscheidende Gedanke. Hamilton erkannte, dass die Multiplikation von i und j eine neue imaginäre Einheit k ergibt, während die umgekehrte Multiplikationsreihenfolge -k ist, und dass auch hier die Multiplikation von k mit sich selbst wieder den Wert -1 ergibt. Diese Erkenntnis ritzte er sofort in das Mauerwerk der Brücke.

Der Ort wurde später zu einer Pilgerstätte für Mathematikerinnen und Mathematiker auf der ganzen Welt, die den sogenannten Hamilton Walk entlanggingen. Heute erinnert eine Gedenktafel an Hamiltons berühmte Entdeckung.

Hamiltons entscheidende Erkenntnis war, dass es keine direkte Entsprechung zwischen der Raumdimension und der Anzahl der Zahlkomponenten geben muss.

Mit Tripeln ließ sich das Problem nicht lösen, doch Vierlinge funktionierten. Seine sogenannten superkomplexen Zahlen erwiesen sich damit als hyperkomplexe Zahlen mit einem Realteil und drei imaginären Anteilen.

Die von Hamilton festgelegten Multiplikationsregeln der imaginären Einheiten machten es möglich, diese Vierlinge konsistent zu multiplizieren, und sie beseitigten die bisherigen Schwierigkeiten. In Anlehnung an das lateinische Wort quaternio für "Vierheit" nannte Hamilton diese Zahlen Quaternionen.

Auf die Reihenfolge kommt es an!

Vierdimensionale Zahlen lösten das zuvor unlösbare Multiplikationsproblem – allerdings zu einem Preis: Die Reihenfolge der Multiplikation zweier Quaternionen beeinflusst das Ergebnis. Multipliziert man eine Quaternion q1 mit einer anderen q2 , erhält man nicht dasselbe Resultat wie bei der umgekehrten Reihenfolge. Mathematisch ausgedrückt ist die Quaternionenmultiplikation nicht kommutativ.

Versteht man diese Multiplikation als Beschreibung von Drehungen im dreidimensionalen Raum – ähnlich wie komplexe Zahlen Drehungen in der Ebene darstellen -, erscheint diese Eigenschaft plötzlich ganz natürlich. Denn auch räumliche Drehungen sind nicht vertauschbar.

Das lässt sich leicht veranschaulichen: Dreht man sich in einem Ego-Shooter wie Call of Duty zunächst um 90° nach links und danach um 90° nach oben, erhält man eine andere Blickrichtung als bei umgekehrter Reihenfolge. Dasselbe gilt für das Drehen eines Gegenstands wie eines Rubik's Cube um verschiedene Achsen.

Drehung der komplexen Zahl z0 (grüner Pfeil) um den Winkel 90° gegen den Uhrzeigersinn zu der neuen Zahl (roter Pfeil). Die Pfeile sind bis auf die Orientierung identisch. (Bild: Stefan Ruloff)
Bild 1/3: Drehung der komplexen Zahl z0 (grüner Pfeil) um den Winkel 90° gegen den Uhrzeigersinn zu der neuen Zahl (roter Pfeil). Die Pfeile sind bis auf die Orientierung identisch. (Bild: Stefan Ruloff)
Vertauschung der Reihenfolge der 90°-Rotationen im Uhrzeigersinn des Rubik's Cube führt zu unterschiedlichen Ausgangsorientierungen. (Bild: Stefan Ruloff)
Bild 2/3: Vertauschung der Reihenfolge der 90°-Rotationen im Uhrzeigersinn des Rubik's Cube führt zu unterschiedlichen Ausgangsorientierungen. (Bild: Stefan Ruloff)
Drehung des Vektors A um den Winkel φ zu dem Vektor B: Zuerst benötigt man die Rotationsachse, die senkrecht auf der grauen Kreisfläche steht, die die beiden Punkte A und B als Randpunkte enthält. Danach drehtman die Koordinaten des Vektors A um die Drehachse um den Winkel φ underhält die Koordinaten des Punktes B.  (Bild: Stefan Ruloff)
Bild 3/3: Drehung des Vektors A um den Winkel φ zu dem Vektor B: Zuerst benötigt man die Rotationsachse, die senkrecht auf der grauen Kreisfläche steht, die die beiden Punkte A und B als Randpunkte enthält. Danach drehtman die Koordinaten des Vektors A um die Drehachse um den Winkel φ underhält die Koordinaten des Punktes B. (Bild: Stefan Ruloff)

Die Reihenfolge von Drehungen ist also entscheidend. Genau diese grundlegende Eigenschaft räumlicher Rotationen ist in Quaternionen bereits enthalten – und macht sie zu einem idealen Werkzeug für dier Beschreibung von Drehungen im dreidimensionalen Raum.

Warum benötigt man für räumliche Drehungen vierdimensionale Zahlen und nicht dreidimensionale? Ein Blick auf Drehungen in der Ebene hilft weiter. Im zweidimensionalen Raum gibt es nur zwei Drehrichtungen: im oder gegen den Uhrzeigersinn. Die Drehachse ist dabei eindeutig festgelegt und steht senkrecht zur Ebene – wie beim Flaschendrehen, bei dem die Flasche auf dem Boden um diese eine Achse gedreht wird.

Im dreidimensionalen Raum ist die Situation deutlich komplexer. Ein Objekt kann um beliebige Achsen mit beliebiger Orientierung gedreht werden. Um eine solche Drehung zu beschreiben, muss zunächst die Richtung der Drehachse festgelegt werden – dafür benötigt man bereits drei Zahlen. Zusätzlich kommt der Drehwinkel hinzu, der die eigentliche Rotation bestimmt. Diese Information liefert die vierte Komponente.

Betrachtet man Rotationen auf diese Weise, erscheint es ganz natürlich, dass man zur Beschreibung von Drehungen im dreidimensionalen Raum vierdimensionale Zahlen benötigt.

3D-Rotationen mit Quaternionen

Wie im zweidimensionalen Fall kann man auch im dreidimensionalen Raum einen Vektor durch Quaternionen darstellen. Die drei imaginären Einheiten i , j und k stehen dabei für die Raumachsen, der Realteil des Vektors wird auf Null gesetzt.

Um den Vektor um eine beliebige Achse um einen Winkel zu drehen, erstellt man zunächst eine Drehquaternion. Deren Realteil ist der Kosinus des halben Drehwinkels, der Imaginärteil der Sinus des halben Winkels multipliziert mit der Einheitsachse der Rotation.

Die Drehung erfolgt durch Multiplikation der Drehquaternion mit dem Vektor. Da die Drehquaternion nur den halben Winkel enthält, muss man das Ergebnis anschließend erneut mit der Drehquaternion in umgekehrter Drehrichtung multiplizieren.

Drehung der komplexen Zahl z0 (grüner Pfeil) um den Winkel 90° gegen den Uhrzeigersinn zu der neuen Zahl (roter Pfeil). Die Pfeile sind bis auf die Orientierung identisch. (Bild: Stefan Ruloff)
Bild 1/3: Drehung der komplexen Zahl z0 (grüner Pfeil) um den Winkel 90° gegen den Uhrzeigersinn zu der neuen Zahl (roter Pfeil). Die Pfeile sind bis auf die Orientierung identisch. (Bild: Stefan Ruloff)
Vertauschung der Reihenfolge der 90°-Rotationen im Uhrzeigersinn des Rubik's Cube führt zu unterschiedlichen Ausgangsorientierungen. (Bild: Stefan Ruloff)
Bild 2/3: Vertauschung der Reihenfolge der 90°-Rotationen im Uhrzeigersinn des Rubik's Cube führt zu unterschiedlichen Ausgangsorientierungen. (Bild: Stefan Ruloff)
Drehung des Vektors A um den Winkel φ zu dem Vektor B: Zuerst benötigt man die Rotationsachse, die senkrecht auf der grauen Kreisfläche steht, die die beiden Punkte A und B als Randpunkte enthält. Danach drehtman die Koordinaten des Vektors A um die Drehachse um den Winkel φ underhält die Koordinaten des Punktes B.  (Bild: Stefan Ruloff)
Bild 3/3: Drehung des Vektors A um den Winkel φ zu dem Vektor B: Zuerst benötigt man die Rotationsachse, die senkrecht auf der grauen Kreisfläche steht, die die beiden Punkte A und B als Randpunkte enthält. Danach drehtman die Koordinaten des Vektors A um die Drehachse um den Winkel φ underhält die Koordinaten des Punktes B. (Bild: Stefan Ruloff)

So lassen sich Rotationen elegant durchführen, ohne komplizierte Matrizen zu verwenden, und es genügen nur drei Quaternionenmultiplikationen.

Quaternionen sind einfach die besseren Dreher

Quaternionen bieten gegenüber Drehmatrizen viele Vorteile. Mit nur vier Zahlen statt neun Einträgen lassen sich Rotationen deutlich kompakter und effizienter berechnen, Rundungsfehler wirken sich geringer aus, und Probleme wie Gimbal Lock treten nicht auf. Besonders praktisch ist die Interpolation zwischen Drehungen, zum Beispiel mit Slerp (Sphärische lineare Interpolation), die gleichmäßige und präzise Bewegungen ermöglicht. All das spart enorm Rechenzeit und -leistung.

In der Praxis machte das Spiele wie Tomb Raider von 1996 auf der Playstation überhaupt erst möglich: Lara Croft konnte in alle Richtungen laufen, springen und klettern, während die Kamera automatisch korrekt mitdrehte – etwas, das mit Matrizen auf der schwachen 33-MHz-CPU kaum zu stemmen gewesen wäre.

Damit zeigen Quaternionen eindrucksvoll, wie abstrakte Mathematik mehr als 100 Jahre nach deren Entdeckung zu einem nicht mehr wegzudenkenden Werkzeug in unserer hoch technologisierten Welt geworden ist.

Stefan Ruloff ist Physiker, mit Studienschwerpunkt theoretische Physik. Er interessiert sich sowohl für die Geschichte der Mathematik und Physik als auch für aktuelle Themen und hat Freude am Vermitteln solcher Themen auch für Laien.

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Anzeige: IT-Jobs in Architektur, Infrastruktur und Produktmanagement

Von Golem Karrierewelt — 03. Mai 2026 um 07:00
Von KI-Architekturen über kommunale IT-Sicherheit bis ECM-Produktbetreuung: Zu besetzen sind sechs IT-Jobs mit Verantwortung und Tech-Fokus.
Bild: Golem

Digitale Services in Beratung, Wissenschaft und öffentlicher Verwaltung brauchen belastbare IT-Architekturen, sichere Infrastrukturen und sauber betriebene Standardanwendungen. Die folgenden Stellen richten sich an Fachkräfte, die Betriebssicherheit, Architekturentscheidungen und Modernisierungsvorhaben in unterschiedlichen Kontexten vorantreiben.

Im Golem Jobmarkt finden sich aktuelle Positionen in Forschungseinrichtungen, öffentlichen Institutionen und technologieorientierten Unternehmen.

Sechs neue IT-Positionen im Überblick

Die Auswahl aktueller Stellenangebote reicht von KI-getriebenen Enterprise-Zielarchitekturen über die Koordination konkreter KI-Pilotvorhaben bis hin zu einem Netzwerk- und Plattformbetrieb.

  • AI Architect (all genders) : BCG Platinion (Köln, hybrid) besetzt eine Stelle für die Entwicklung KI-getriebener Zielarchitekturen und den Aufbau AI-basierter Software Factories. Gesucht wird Praxis in LLM-/Agenten-Systemen, modernen Delivery-Ansätzen (DevSecOps, CI/CD, Platform Engineering) sowie im Design von Governance-, Evaluations- und Sicherheitsmechanismen für AI-generierte Systeme.
  • IT Project Coordinator (f/m/d) – Focus on Educational and Administrative AI Technologies : Die Universität Potsdam (Potsdam, hybrid) sucht eine Projektkoordination für AI-Technologien in Lehre, Studium und Verwaltung (befristet für drei Jahre). Im Mittelpunkt stehen Projektorganisation, Stakeholder-Management und Dokumentation sowie die Konzeption und pilotnahe Umsetzung AI-gestützter Szenarien – ergänzt um praxisorientierte Workshops inklusive Einordnung von Datenschutz, Ethik und regulatorischen Vorgaben.
  • Leitung des Sachgebiets Infrastruktur und Sicherheit (m/w/d) : Für die Stadt Elmshorn (Elmshorn, Homeoffice) ist eine Leitung zu besetzen, die den sicheren Betrieb der Basisdienste der Kommunalverwaltung verantwortet und ein Team (derzeit sechs Mitarbeitende) führt. Zu den Aufgaben zählen Netzwerk-, Server- und Cloud-Betrieb, IT-Sicherheitsmaßnahmen, Budgetverantwortung und die Weiterentwicklung der Infrastruktur unter Anforderungen wie BSI IT-Grundschutz, ISMS/ISO 27001 und NIS 2.
  • DMS-Spezialist/ Prozessgestalter (m/w/d) : Ebenfalls bei der Stadt Elmshorn (Elmshorn, Homeoffice) ist eine Position ausgeschrieben, die die Weiterentwicklung des Dokumentenmanagementsystems Enaio und die Einführung digitaler Akten in den Ämtern vorantreibt. Gefordert sind DMS-Konfiguration und -Anpassung, Workflow-Automatisierung, Schnittstellenarbeit zu Fachverfahren sowie die Bewertung neuer DMS-Ansätze – bis hin zu KI-gestützter Dokumentenverarbeitung und automatisierter Klassifizierung.
  • IT-Produktbetreuer:in / IT-Produktentwickler:in mit Schwerpunkt Standardanwendungen (w/m/d) : Die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bonn) sucht Expertise im IT-Produktmanagement rund um Standardanwendungen und Wissensmanagement inklusive Schnittstellen in die Anwendungslandschaft. Themen sind u. a. Change- und Release-Management, Root-Cause-Analysen (2nd/3rd Level), Dienstleistersteuerung sowie ECM-Erfahrung (z. B. OpenText) und Kenntnisse im SAP-Umfeld.
  • Teamleitung Communication Standard Services – CSS (m/w/d) : Das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung – UFZ (Leipzig) besetzt die Teamleitung für Communication Standard Services. Der Aufgabenrahmen umfasst Netzwerkbetrieb (LAN/WLAN, VPN, Firewalls), zentrale Dienste (DNS/DHCP/RADIUS), Verzeichnis- und Webdienste, Mail/Kalender, Cloudservices, SSO/2FA, VMware-Cluster sowie Architektur- und Sicherheitskonzepte inklusive Lifecycle- und Finanzplanung.

IT-Profis finden im Golem Jobmarkt eine spezialisierte Suchumgebung für IT-Fachkräfte – mit modernen Funktionen wie einem KI-gestützten Lebenslaufgenerator, einem Tool zur automatisierten Erstellung von Anschreiben sowie einem persönlichen Job-Alarm. Stellenausschreibungen lassen sich durch intelligente Filter nach Positionen im öffentlichen Sektor, Remote-Anteil, Fachgebiet oder Branche gezielt eingrenzen.

Bei Fragen zur Nutzung des Jobmarkts oder zu den Angeboten der Golem Karrierewelt steht dir das Team werktags zwischen 8 und 18 Uhr zur Verfügung – telefonisch, per E-Mail oder direkt über unseren KI-Chatbot Klara. Alle Informationen, Tools und Weiterbildungen sind zentral über die Golem Karrierewelt erreichbar.

Weiterbildung gefällig? In der Trainingssuche der Golem Karrierewelt findest du Onlineworkshops, E-Learnings und weitere Bildungsangebote zu sämtlichen aktuellen IT-Themen wie Security, künstlicher Intelligenz oder Cloud.

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Apple streicht kleinsten Mac mini aus dem Programm

Von Heise — 02. Mai 2026 um 15:08
Mac mini M4 mit Zubehör

(Bild: Apple)

Apples günstigster Mac mit 256-GByte-SSD wird nicht mehr angeboten. Damit steigt der Einstiegspreis für einen Desktop-Mac auf 949 Euro.

In den eigenen Online-Stores bietet Apple den bisher günstigsten Mac für den Schreibtisch nicht mehr an: Das Modell des Mac Mini mit M4-SoC, 16 GByte RAM und 256 GByte SSD-Kapazität kann nicht mehr bestellt werden. Das gilt auch für den deutschen Apple-Store, dort beginnen die Konfigurationen nun bei einer SSD mit 512 GByte.

Schon seit Wochen sind die Preise für den bisher günstigsten Mac mini mit der kleinen SSD deutlich gestiegen [1]. Konnte das Gerät vor allem im vergangenen Jahr häufig noch für rund 560 Euro gekauft werden, so kostet es nun um 650 Euro. Etliche Drittanbieter haben den kleinsten Mac noch vorrätig. Direkt bei Apple kostet das neue Einstiegsgerät [2] mit 512-GByte-SSD nun 949 Euro. Entdeckt hatte die Streichung des kleinsten Desktop-Macs zuerst Macrumours [3]. Das Medium verweist darauf, dass sich auch in den USA der Einstiegspreis stark erhöht hat: von 599 auf 799 US-Dollar. In den Vereinigten Staaten werden Preise in der Regel ohne die örtlich unterschiedliche Umsatzsteuer angegeben.

Bereits bei Vorstellung der jüngsten, sehr guten Quartalszahlen, machte Apple darauf aufmerksam [4], dass die schon länger existierenden Lieferprobleme [5] noch Monate anhalten werden. Vor allem Mac mini und Mac Studio sind davon betroffen. Nicht nur die globale Speicherkrise [6] macht Apple dafür verantwortlich, auch die eigenen M-SoCs können bei TSMC nicht so schnell hergestellt werden, wie Apple Geräte damit verkaufen könnte. Sprich: Die Nachfrage überschreitet derzeit deutlich das Angebot.

Neue M5-Macs kommen bald

Bereits in gut vier Wochen wird die Vorstellung neuer Macs erwartet. Am 8. Juni 2026 beginnt Apples Entwicklerkonferenz WWDC, wo nach unbestätigten Angaben unter anderem Mac mini und Mac Studio mit den aktuellen M5-Chips gezeigt werden sollen [7]. Häufig sind solche neuen Generationen direkt nach Vorstellung schnell ausverkauft, das Angebot erholt sich aber in der Regel schnell wieder. Ob das diesmal angesichts von Apples ungewöhnlich deutlichen Warnungen anders laufen könnte, ist bisher nicht klar abzusehen.


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  1. https://preisvergleich.heise.de/?phist=3342613&age=366&cs_id=1206858352&ccpid=hocid-newsticker
  2. https://www.apple.com/de/shop/buy-mac/mac-mini
  3. https://www.macrumors.com/2026/05/01/mac-mini-now-starts-at-799/
  4. https://www.heise.de/news/Apple-Quartalszahlen-Wieder-Rekorde-doch-Speicherkrise-schlaegt-durch-11279074.html
  5. https://www.heise.de/news/Mac-mini-und-Mac-Studio-vergriffen-Apple-gehen-manche-Macs-aus-11263965.html
  6. https://www.heise.de/hintergrund/Jetzt-kaufen-oder-warten-So-lange-koennte-die-Speicherkrise-anhalten-11192848.html
  7. https://www.heise.de/news/Mac-Studio-mit-M5-Ultra-im-kommenden-Jahr-11066303.html
  8. https://www.heise.de/newsletter/anmeldung.html?id=ki-update&wt_mc=intern.red.ho.ho_nl_ki.ho.markenbanner.markenbanner
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China testet mobilen 10-Megawatt-Kernreaktor auf einem Lkw

Von Telepolis — 02. Mai 2026 um 16:00
Ein gelber Lkw transportiert einen mobilen Kernreaktor zu einem Datenzentrum.

Symbolbild: Ein mobiler 10-Megawatt-Kernreaktor wird zu einem Datenzentrum transportiert.

(Bild: KI-erzeugt)

Chinesische Forscher entwickelten kompakten Nuklearreaktor auf Lkw, der jahrzehntelang ohne Brennstoffwechsel Strom liefern soll.

Ein Forscherteam der Chinesischen Akademie der Wissenschaften hat nach eigenen Angaben den weltweit ersten Prototyp eines 10-Megawatt-Kernreaktors gebaut, der auf einen Lkw montiert werden kann.

Das System soll mobilen Strom für KI-Rechenzentren, abgelegene Regionen und Schiffe liefern – und das über mehrere Jahrzehnte ohne Nachladen. Das Projekt befindet sich derzeit in der Testphase.

Wu Yican, Akademiemitglied und Chefwissenschaftler am Institute of Nuclear Energy Safety Technology (INEST) des Hefei Institute of Physical Science, bezeichnete den Prototyp gegenüber der chinesischen Science and Technology Daily [1] als "weltweit ersten integrierten Simulationsprototyp einer 10-Megawatt-Klasse für eine fahrzeugmontierte Kernenergie-Powerbank".

Die Technologie könne Menschen von der "Batterie-Angst" befreien, so Wu. Das Team arbeite seit mehreren Jahren an dem Projekt und suche nun nach Möglichkeiten für kommerzielle und industrielle Einsätze.

Kompakt, mobil und für Jahrzehnte ausgelegt

Die technischen Eckdaten klingen ambitioniert: 10 Megawatt elektrische Leistung auf einer Plattform, die sich per Lkw transportieren lässt. Das reicht laut den Forschern aus, um ein mittelgroßes KI-Datenzentrum mit Strom zu versorgen.

Die Betriebsdauer soll mehrere Jahrzehnte betragen, ohne dass der Reaktor nachgeladen werden muss.

Über den genauen Reaktortyp schweigen sich die Forscher bislang aus. Weder Kühlmittel noch Brennstoffart wurden öffentlich spezifiziert. Da Wu Yicans Institut bereits an blei-wismut-gekühlten Reaktoren der CLEAR-Baureihe forscht, liegt eine Verbindung zu dieser Technologie nahe – bestätigt ist das allerdings nicht.

Auch konkrete Angaben zu Gewicht und Abmessungen des Reaktors fehlen. Dass das System auf einen Lkw passen soll, ist bisher hauptsächlich ein Versprechen.

Sicherheit "von der Quelle her"

Wu betonte gegenüber der South China Morning Post [2], das System sei ein Vertreter einer neuen Generation von Kernenergie-Systemen mit den Eigenschaften "Ultra-Sicherheit, ultra-kompakte Bauweise und ultra-lange Betriebsdauer".

Die Sicherheit werde "von der Quelle her" gewährleistet – gemeint ist offenbar ein inhärent sicheres Design, bei dem physikalische Eigenschaften des Reaktors unkontrollierte Kettenreaktionen ausschließen sollen.

Das unterscheidet sich grundlegend von konventionellen Großreaktoren, die auf aktive Sicherheitssysteme wie Pumpen und Ventile angewiesen sind.

Künftige Energiesysteme müssten "zugänglich, flexibel und intelligent" sein, erklärte Wu. Das Anwendungsspektrum reiche von Mikrowatt-Nuklearbatterien für Herzschrittmacher bis zu Megawatt-Systemen für Ozean- und Weltraumforschung.

KI-Rechenzentren als Treiber

Als besonders relevantes Einsatzgebiet nannte Wu die Energieversorgung von KI-Rechenzentren. Kernkraft biete die stabile und belastbare Energiequelle, die der hohe Rechenbedarf künstlicher Intelligenz erfordere.

Gleichzeitig werde KI in der Nuklearforschung selbst eingesetzt und verändere dort die Forschungsparadigmen.

China betreibt nach Angaben der China Nuclear Energy Association derzeit 60 kommerzielle Reaktorblöcke [3], die im vergangenen Jahr insgesamt 467,7 Milliarden Kilowattstunden produzierten – etwa 4,82 Prozent des landesweiten Strombedarfs.

Damit liegt das Land bei der Kernenergie-Erzeugung weltweit auf Platz zwei hinter den USA.

Mit 35 Gigawatt in Bau befindlicher Kapazität dürfte China bis 2030 die weltweit größte installierte Nuklearkapazität erreichen.

Noch ein weiter Weg zur Zertifizierung

Das Projekt befindet sich nach Angaben des Teams weiterhin in der Testphase. Leistung und Sicherheit des Prototyps werden derzeit evaluiert, konkrete Zeitpläne für eine kommerzielle Zertifizierung oder gar Serienfertigung gibt es nicht.

Die regulatorischen Hürden für einen mobilen Kernreaktor dürften erheblich sein – auch in China. Ob das ehrgeizige Konzept den Sprung vom Laborprototyp in die praktische Anwendung schafft, bleibt abzuwarten.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11278474

Links in diesem Artikel:

  1. https://www.stdaily.com/web/gdxw/2026-04/24/content_507199.html
  2. https://www.scmp.com/news/china/science/article/3351721/china-testing-truck-mounted-nuclear-reactor-could-power-ai-data-centre
  3. https://global.chinadaily.com.cn/a/202604/17/WS69e25269a310d6866eb441ef.html

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Recycling braucht Regeln, nicht nur guten Willen

Von Telepolis — 02. Mai 2026 um 14:00
Rohstoffe auf durgehend rotem Pfeil und durch blauen Pfeilkreis unterbrochener Linie

Guter Wille allein reicht nicht: Warum Kreislaufwirtschaft klare Gesetze braucht – und wo Deutschland noch weit hinterherhinkt.

Einen durchschlagenden wirtschaftlichen Erfolg verzeichnet die Idee der Kreislaufwirtschaft in Deutschland schon seit Jahren im Bereich der Starterbatterien für Verbrenner.

Beim Kauf einer neuen Starterbatterie wird gemäß §10 des Batteriegesetzes (BattG) [1] ein Pfand von 7,50 Euro fällig, sofern keine alte Batterie abgegeben wird. Das Pfand wird bei Rückgabe der Altbatterie zurückerstattet, oft gegen Vorlage des Pfandgutscheins oder Kaufbelegs.

Da der Abbau von Bleierz den Bedarf an Blei nicht mehr decken konnte ist Sekundärblei, das durch Recycling von Altmaterialien, vor allem Autobatterien, gewonnen wird heute die wichtigste und preiswerteste Quelle für Blei.

Das Bleirecycling ist ein hocheffizienter Prozess, der oft über 95 Prozent des Metalls zurückgewinnt, ohne Qualitätsverlust im Vergleich zu Primärblei. Da Sekundärblei im Kreislauf geführt wird, ist es heute die wichtigste Bleiquelle in Europa.

Politik hängt an der linearen Wirtschaft

Einen vergleichbaren Weg sucht man jetzt auch für andere Stoffe, die künftig im Kreislauf geführt werden sollen. Bei Glas für die Produktion von Flaschen ist man da schon weit gekommen.

Beim Papierrecycling musste man mit der Umstellung von gedruckten Zeitungen auf digitale Medien, den Kreislauf modifizieren und die im Onlinehandel verstärkt anfallenden Verpackungsmaterialien als Rohstoff nutzen, was dazu geführt hat, dass Hygienepapier heute vielfach nicht mehr grau sondern braun gefärbt ist.

Hemmnisse für die Kreislaufwirtschaft bestehen somit bislang zumeist nicht bei der Industrie, sondern in der Politik.

Wenn sich beispielsweise Bayerns Wirtschafts- und Energieminister Hubert Aiwanger [2] lautstark gegen eine vorgebliche Green-Deal-Ideologie wendet, die er als Brüsseler Fehlsteuerung bezeichnet und von Politik und Gesellschaft erwartet, aus dem EU-Green-Deal einen Economic-Deal zu machen, für den die Wirtschaft Vorrang haben muss [3]: "Wirtschaftswachstum muss wieder Staatsziel werden."

Der aktuell im sogenannten Eckwertebeschluss zur Haushaltsplanung der Bundesregierung angedachte Schritt zu einer Plastiksteuer [4], was letztlich eine Abgabe auf nicht recycelte Kunststoff-Verpackungen sein wird, könnte hier hilfreich sein.

Denn bislang bezahlt der Steuerzahler unabhängig von seinem Konsumverhalten die 0,80 Euro/kg für nicht verwertete Kunststoff-Altverpackung direkt. Sie hat somit keinerlei Lenkungswirkung.

Bislang haben sich die Preissteigerungen für LNG und Mineralöl am Weltmarkt auf die Produktion von Kunststoffen, die auf Mineralöl zurückgehen, am Markt noch nicht ausgewirkt, letztlich könnten die Folgen sich ähnlich auswirken wie beim Blei der Starterbatterien.

Neue Vorstöße zur Kreislaufwirtschaft über eine erweiterte Herstellerverantwortung

Das häufig als Kreislaufwirtschaft gelobte Recycling von PET-Flaschen zu Textilien, ist jedoch alles andere als ein Beispiel für einen Führung im Kreislauf, denn das PET wird aus dem bestehenden Kreislauf in der Flaschenproduktion entzogen und kann bislang als Textil nicht recyclet werden.

Und genau beim Textilrecycling setzt jetzt auch das Eckpunktepapier [5] des Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMUKN) an, das die am 16. Oktober 2025 zur Änderung der Richtlinie 2008/98/EG in Kraft getretene Richtlinie 2025/1892 aufnimmt. Mit dieser wurde auf europäischer Ebene eine erweiterte Herstellerverantwortung (Extended Producer Responsibility / EPR) für Textilien eingeführt.

Dr.-Ing. Julia Hobohm, Geschäftsführerin der GRS Pro Textil [6] erklärt:

"Die Einführung einer erweiterten Herstellerverantwortung für Textilien ist ein wichtiger Schritt hin zu einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft. Entscheidend ist jedoch, dass die Umsetzung klar, effizient und europäisch harmonisiert erfolgt – ohne unnötige zusätzliche Belastungen für die Marktakteure."

Ein zentraler Kritikpunkt der GRS Pro Textil betrifft die im Eckpunktepapier vorgeschlagene Mindestdichte für Sammelcontainer. Diese greife zu kurz und könne punktuell zu ineffizienten Überkapazitäten führen, insbesondere bei mehreren Systemanbietern.

Stattdessen plädiert man für technologieoffene Lösungen, bei welchen neben Containern auch alternative Rücknahmesysteme wie In-Store-Lösungen, Paketrücksendungen oder haushaltsnahe Sammlungen gleichberechtigt berücksichtigt werden sollten.

Ein weiterer zentraler Punkt der Kritik ist die Ausgestaltung der Verwertungsquoten. Die im Eckpunktepapier vorgeschlagene pauschale Zusammenfassung unterschiedlicher Verwertungswege wird kritisch bewertet.

Stattdessen sei ein differenziertes, gestaffeltes Quotensystem erforderlich, das hochwertige Recyclingprozesse gezielt fördert. Wie die Kreislaufführung der Recyclate in einer Textilwirtschaft, die sich nur noch in geringen Teilen innerhalb der EU [7] abspielt, gelingen kann, ist bislang jedoch noch nicht geklärt.

Auch der BDE [8] (Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Kreislaufwirtschaft) sieht im Eckpunktepapier des BMUKN zur Einführung einer erweiterten Herstellerverantwortung (EPR) für Textilien einen Schritt in die richtige Richtung. Dr. Andreas Bruckschen, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des BDE in einer Pressemitteilung am 28. April [9]:

"Überhöhter Rohstoffverbrauch und negative Umweltfolgen durch Fast Fashion, aber auch eine immer schlechtere Marktlage im Bereich der Alttextilien erfordern dringend einen strengeren regulatorischen Rahmen. Die Einführung der EPR für Textilien in Deutschland ist daher überfällig und ein zentraler Hebel, um die strukturellen Defizite entlang der gesamten textilen Wertschöpfungskette zu adressieren."

Der Verband spricht sich für Rezyklateinsatzquoten und eine Förderung der Entwicklung von Sortierung und Recycling aus, um den Hochlauf des Faser-zu-Faser-Recyclings [10] zu beschleunigen.


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https://www.heise.de/-11276407

Links in diesem Artikel:

  1. https://www.batteriegesetz.de/umsetzung/kosten/
  2. https://www.stmwi.bayern.de/presse/pressemeldungen/160-2026/
  3. https://www.stmwi.bayern.de/presse/pressemeldungen/233-2025/
  4. https://www.verpackungsgesetz.com/kommt-nun-die-plastiksteuer-fuer-alle/
  5. https://www.bundesumweltministerium.de/download/eckpunktepapier-zur-einfuehrung-einer-erweiterten-herstellerverantwortung-fuer-textilien
  6. https://www.grs-pro.de/
  7. https://www.telepolis.de/article/Baumwollrecycling-Innovative-Technologien-fuer-nachhaltige-Textilwirtschaft-10235170.html
  8. https://www.bde.de/
  9. https://www.bde.de/presse/textil-herstellerverantwortung-bde-fordert-klare-regeln-im-wettbewerb/?print=1
  10. https://www.telepolis.de/article/Textilrecycling-Industrielle-Umsetzung-hinkt-Forschung-hinterher-11092531.html

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Assertion Libraries für Java: AssertJ versus Google Truth

Von Heise — 02. Mai 2026 um 09:36
Roter Filzstift auf Papier mit angekreuzten Kontrollkästchen

(Bild: hxdbzxy / Shutterstock.com)

Beim Formulieren von Assertions kommt JUnit schnell an Grenzen. Die Libraries AssertJ und Google Truth bieten neue Möglichkeiten und eine bessere Lesbarkeit.

Unit Tests sind ein fundamentales Element im Software Engineering. Sie garantieren die funktionale Korrektheit der Software und helfen dabei, potenzielle Fehler frühzeitig zu identifizieren. Assertions (Behauptungen) spielen dabei eine zentrale Rolle, indem sie sicherstellen, dass die erwarteten Bedingungen während der Testausführung erfüllt sind.

Unit Tests enthalten Assertions, die das verwendete Testframework zum Testzeitpunkt auf Einhaltung prüft. Ein einfaches Beispiel ist die Prüfung, ob der Rückgabewert einer bestimmten Methode true lautet. Falls eine Assertion nicht zutrifft, bricht der Test die Ausführung ab und gilt als fehlgeschlagen. Wenn alle Assertions eingehalten werden, führt das Testframework den Test bis zum Ende aus und dieser gilt als erfolgreich.

Ein Unit Test kann mehrere Assertions enthalten, wobei sie sich typischerweise am Ende der Testmethode befinden. In seltenen Fällen ist es möglich, dass Assertions in der Mitte des Testfalls geprüft werden, um die Einhaltung von Zwischenbedingungen für den Test sicherzustellen.

Assertion-APIs der Testframeworks haben Lücken

Für die Formulierung von Assertions in der jeweiligen Programmiersprache kommt in der Regel die API des Testframeworks zum Einsatz. So bietet etwa JUnit für Java einfache APIs an, um Assertions auszudrücken.

Sie reichen in der Regel für einfache Tests mit wenigen Assertions aus und haben den Vorteil, dass sie direkt im Testframework verfügbar sind. Daher muss man keine zusätzlichen Dependencies in das Softwareprojekt einbinden.

Ist das Projekt jedoch umfangreicher und sind die Tests aufwendiger, stoßen diese APIs an ihre Grenzen. Zunächst sind sie nicht auf Lesbarkeit und Verständlichkeit optimiert. Für kompliziertere Assertions müssen Entwicklerinnen und Entwickler viel Boilerplate-Code schreiben. Darüber hinaus sind die Fehlermeldungen bei nicht eingehaltenen Assertions eher kurz und abstrakt und lassen relevante Details zur Fehlersuche vermissen, beispielsweise über fehlende Elemente in einer Collection. Weiterhin ist die Assertion API von JUnit nicht erweiterbar, lässt sich also nicht um Assertions für die eigene Domänenlogik ergänzen.

Das folgende Listing zeigt ein Beispiel, das die Einschränkungen der JUnit Assertion API demonstriert.

  @Test
  public void testListComparison() {
    List<String> expectedList = Arrays.asList("Apple", "Banana", "Cherry");
    List<String> actualList = Arrays.asList("Apple", "Grape", "Cherry");

    assertEquals(expectedList, actualList, "Die Listen sollten gleich sein");
  }

Zunächst werden zwei Listen, die Strings enthalten, erzeugt. Der Aufruf der Methode assertEquals verlangt, dass die beiden Listen gleich sein sollen. Da die Listen unterschiedliche Elemente enthalten, schlägt der Test mit folgender Meldung fehl:

Die Listen sollten gleich sein ==> expected: <[Apple, Banana, Cherry]> but was: <[Apple, Grape, Cherry]>

Die Meldung verdeutlicht nicht, welche Elemente in den Listen unterschiedlich sind. In diesem stark vereinfachten Beispiel mag das für Developer leicht erkennbar sein, in der Praxis ergeben sich hingegen oft komplexere Fälle. Es wäre hilfreich, wenn die Meldung die konkrete Information enthält, welche Elemente unterschiedlich sind. In diesem Fall: die Strings Banana und Grape.

Eine weitere Assertion könnte darin bestehen, dass ein konkretes Element exakt einmal in einer Liste vorkommt. Mit der API von JUnit lässt sich diese Anforderung nicht unmittelbar umsetzen. Entwickler müssen den dafür notwendigen Code selbst schreiben. Assertion Libraries wie AssertJ oder Google Truth besitzen solche Einschränkungen nicht. Die APIs der beiden Libraries sind auf Lesbarkeit und Verständlichkeit optimiert. Ihre Assertions lesen sich in der Regel wie natürliche Sprache. Insbesondere lassen sich mehrere Assertions in einem Ausdruck verketten, was Boilerplate-Code verringert.

Fehlermeldungen bei verletzten Assertions sind bedeutend detaillierter, und erleichtern die Fehlersuche. Daneben gibt es umfangreiche spezialisierte APIs für die Standardtypen in Java, etwa Strings, Listen oder Exceptions.

AssertJ bietet umfangreiche Assertion APIs

AssertJ ist eine quelloffene Java-Bibliothek mit einer umfangreichen Menge an Assertions und hilfreichen Fehlermeldungen. Sie hat vor allem das Ziel, die Lesbarkeit von Testcode zu verbessern. AssertJ Core ist der Kern von AssertJ, daneben gibt es weitere AssertJ-Module für Bibliotheken wie Guava.

Die Library lässt sich als org.assertj:assertj-core über Maven und Gradle in ein Java-Projekt einbinden. Ein Projekt mit Spring Boot verwaltet die AssertJ-Version automatisch. Falls es notwendig ist, lässt sich die AssertJ-Version mit der Property assertj.version überschreiben.

AssertJ bietet eine große Auswahl an verschiedenen Assertion APIs für eine Vielzahl an Java-Standardtypen [2], darunter gängige Typen wie String, List oder Predicate und primitive Typen wie int oder char. Diese APIs sind auf den jeweiligen Typen spezialisiert und bieten Methoden an, die dabei helfen, das Schreiben von Boilerplate-Code zu vermeiden. Es folgt eine Übersicht:

String-APIs:

  • isNotBlank: String ist kein Leerstring
  • contains: String enthält einen Substring
  • hasSize: String hat eine bestimmte Länge
  • isUpperCase: String umfasst nur Großbuchstaben

Listen-/Iterable-APIs:

  • contains: Liste enthält Elemente in beliebiger Reihenfolge
  • containsOnly: Liste enthält nur bestimmte Elemente in beliebiger Reihenfolge
  • containsExactly: Liste enthält nur bestimmte Elemente in gegebener Reihenfolge

Die Vielfalt an Assertions deckt somit viele Anwendungsfälle ab.

Entwicklerinnen und Entwickler können Assertions mit zusätzlicher Semantik versehen, indem sie eine textuelle Beschreibung beim Aufruf mitgeben. Diese ist wiederum Teil der Fehlermeldung, sofern die Assertions nicht eingehalten werden. Über eine Konfiguration lässt sich steuern, ob diese Beschreibungen direkt auf der Standardkonsole ausgegeben oder durch eine eigene Logik in einem sogenannten Description Consumer konsumiert werden sollen, um sie beispielsweise in einer Datei zu speichern.

Der Einstiegspunkt für Developer sind die Assertions-Klasse und die darin enthaltenen Methoden assertThat(…). Die Namensgebung assertThat(…) zeigt, dass Wert auf die Intuitivität und Lesbarkeit der Assertions gelegt wird. Die Assertions lesen sich dadurch wie natürliche Sprache. Zunächst wird assertThat als statischer Import deklariert:

import static org.assertj.core.api.Assertions.assertThat;

Als Nächstes kann man in einer Testmethode assertThat(foo). schreiben, wobei foo sich auf den Wert oder das Objekt bezieht, auf dem die Assertion beruht. Je nachdem, was foo für einen Typ hat, bieten IDEs bei richtig konfigurierter Codevervollständigung die passenden Assertion-APIs an. Übergibt man beispielsweise ein Objekt vom Typ LocalDate als Argument, erhält man Empfehlungen wie hasMonth oder isAfter. Daraus ergibt sich etwa folgende Zusammenstellung der Assertion:

assertThat(date).isNotNull().hasMonth(Month.of(1)).isAfter(beginDate);

Die Assertion lässt sich nun in natürlicher Sprache so lesen: „Stelle sicher, dass date nicht null ist, den Monat 1 (Januar) hat und nach einem anderen Datum beginDate fällt“. Die Verkettung der Methodenaufrufe vermeidet Boilerplate-Code und erhöht die Lesbarkeit. Sobald eine der Assertions fehlschlägt, werden die nachfolgenden nicht mehr überprüft.

Wenn Entwickler alle Assertions prüfen lassen möchten, bevor ein Test abbricht, verwenden sie SoftAssertions [3]. Dafür erzeugen sie ein Objekt vom Typ SoftAssertions, rufen darauf die gewünschten Assertion-Methoden auf und lösen am Ende mit assertAll die finale Überprüfung aus. AssertJ stellt anschließend eine Übersicht aller fehlgeschlagenen Assertions zusammen. Dieser Ansatz eignet sich besonders für komplexe Testfälle, da er einen direkten Überblick über alle Fehler liefert und verhindert, dass der Test nach jeder Fehlerbehebung erneut gestartet werden muss.

Darüber hinaus lässt sich AssertJ um Assertions für die eigene Anwendungsdomäne erweitern. Das Schreiben von Custom Assertions [4] erlaubt das Entwickeln von Assertion-Methoden, die auf das eigene Datenmodell zugeschnitten sind. Im Falle einer Terminverwaltungssoftware könnte man sich etwa folgende Assertions überlegen:

  • assertThat(appointment).isDue()
  • assertThat(appointment).isCancelled()

Appointment wäre eine Klasse aus dem eigenen Domänenmodell und isDue sowie isCancelled wären selbst entwickelte Assertion-Methoden. Dieses Vorgehen erhöht die Lesbarkeit sowie die Verständlichkeit von Unit Tests, indem sich die eigene Anwendungsdomäne aus dem Produktivcode auch in den Tests widerspiegelt. Um eine Custom Assertion umzusetzen, müssen Entwicklerinnen und Entwickler eine neue Klasse von der abstrakten Klasse AbstractAssert ableiten, einen Konstruktor und eine statische assertThat-Methode und weiterhin alle erforderlichen Assertion-Methoden (wie isDue, isCancelled usw.) implementieren.

Google Truth setzt auf nachvollziehbare und übersichtliche APIs

Eine weitere Assertion Library für Java ist Google Truth, entwickelt und gewartet von Googles Guava-Team. Sie kommt in der Mehrheit aller Tests in der Google-Codebasis zum Einsatz. Der inhaltliche Fokus liegt auf lesbaren Assertions und Fehlermeldungen. Truth unterstützt viele Java-Standardtypen [5] und Typen aus der Guava-Library. Die Einbindung von Truth in Maven- oder Gradle-Projekte erfolgt über das Artefakt com.google.truth:truth.

Um Truth in einem Test einzusetzen, braucht es zunächst die Methode assertThat, bereitgestellt über einen statischen Import:

import static com.google.common.truth.Truth.assertThat;

Ähnlich wie bei AssertJ lässt sich ein Objekt als Argument an assertThat übergeben, woraufhin sich des Typen des Arguments entsprechende Assertion-APIs ergeben. Ein einfaches Beispiel aus der Truth-Dokumentation ist der Check, ob ein String mit einem bestimmten Teilstring beginnt:

String string = "awesome";
assertThat(string).startsWith("awe");

Um den Fehlermeldungen bei verletzten Assertions mehr Semantik zu verleihen, können Entwicklerinnen und Entwickler eine passende Beschreibung mitgeben. Dazu importieren sie die Methode assertWithMessage und rufen sie auf:

import static com.google.common.truth.Truth.assertWithMessage;

assertWithMessage("Without me, it's just aweso")
    .that(string)
    .contains("me");

Auch Truth erlaubt das Erweitern um eigene Custom Assertions. Im Truth-Datenmodell schreibt man dafür ein eigenes Custom Subject [6]. Die eigene Subject-Klasse muss von der Klasse Subject abgeleitet sein. Zusätzlich braucht es eine statische Hilfsmethode und einen Konstruktor. Außerdem mussen spezifische Assertion-Methoden ergänzt werden. Die Truth-Dokumentation verweist auf das Referenzbeispiel des EmployeeSubject [7].

Bei umfangreichen Tests mit vielen Assertions, bei denen eine vollständige Überprüfung aller Assertions hilfreich ist, kommt in Truth die Klasse Expect zum Einsatz, initialisiert über eine JUnit-Rule-Annotation:

@Rule public final Expect expect = Expect.create();

Auf dem Objekt Expect kann man dann ähnlich wie bei assertThat ein Argument übergeben und passende Assertions formulieren. Leider zeigt sich, dass dieser Ansatz nur bis JUnit 4 unterstützt wird. Ab JUnit 5 ist die Rule-Annotation nicht mehr möglich [8] und Truth bietet bisher (Stand April 2026 [9]) keine alternative Implementierung dafür an. Da im September 2025 JUnit 6 [10] erschienen ist, ist die Verwendung von JUnit 4 nicht zu empfehlen. Folglich lässt sich Expect nicht mehr sinnvoll einsetzen.

AssertJ oder Google Truth verwenden?

Da die beiden Libraries AssertJ und Google Truth ähnliche Ziele verfolgen und ähnliche Lösungsansätze bieten, stellt sich die Frage, welche in einem konkreten Projekt zum Einsatz kommen soll. Das Entwicklerteam hinter Truth hat eine umfassende Übersicht über den Vergleich der beiden Bibliotheken [11] zusammengestellt.

Zunächst sind sich die Bibliotheken in vielen Aspekten sehr ähnlich. Beide beheben die am Anfang des Artikels erläuterten Nachteile der JUnit Assertion API und sind auf Lesbarkeit, Verständlichkeit und hilfreiche Fehlermeldungen optimiert. Ein bedeutender Unterschied besteht hingegen im Umfang der angebotenen APIs. Truth hat das Ziel, nur genau einen Weg anzubieten, eine bestimmte Testbedingung auszudrücken. Deshalb umfasst die Bibliothek weniger Assertions als AssertJ und unterstützt weniger Standardtypen aus dem Java-Ökosystem. Ein Entscheidungskriterium ergibt sich aus der Frage, welche Typen in den eigenen Tests dominieren. Zeigt sich hier, dass Truth diese nicht unterstützt, hat AssertJ sicher einen großen Vorteil.

Die Fehlermeldungen, die Truth bei nicht eingehaltenen Assertions ausgibt, sind etwas übersichtlicher und enthalten weniger technische Details. Insgesamt sind die Fehlermeldungen beider Libraries aber sinnvoll und bedeutend nützlicher als die von JUnit.

Hinsichtlich des Supports für Android gibt es bei AssertJ die Einschränkung, dass aktuelle AssertJ-Versionen ab 3.0.0 nicht funktionieren und es die SoftAssertions nicht unterstützt. Mit Guava können beide Bibliotheken umgehen, Truth direkt und AssertJ über ein spezielles Modul. Custom Assertions sind in beiden Libraries möglich. Die konkrete Implementierung unterscheidet sich, da Abhängigkeiten zu den internen Konzepten der Libraries bestehen. Diese Unterschiede sind in der Regel vernachlässigbar.

Dass das Pendant zu SoftAssertions aus AssertJ in Truth, Expect, nur bis JUnit 4 unterstützt wird, stellt eine bedeutende Einschränkung dar. Dieser Punkt sollte kein alleiniges Entscheidungskriterium sein, ist aber relevant. Wer komplexe und umfangreiche Tests in seiner Codebasis hat und auf die komplette Überprüfung aller Assertions angewiesen ist, sollte diesen Aspekt berücksichtigen.

AssertJ erlaubt, mehrere Assertions auf demselben Objekt oder Wert miteinander zu verketten. Das erfordert weniger Code und erhöht die Lesbarkeit. Truth hingegen erlaubt diese Verkettung nur bei wenigen Typen, etwa bei Exceptions.

Vergleich der Libraries anhand eines praktischen Beispiels

Eine Beispielanwendung demonstriert die vorgestellten Libraries. Für diesen Zweck kommt der Maven Quickstart Archetype zum Einsatz [12]. Dazu generiert man mit folgendem Befehl im Terminal ein neues Maven-Projekt:

mvn archetype:generate -DarchetypeGroupId=org.apache.maven.archetypes -DarchetypeArtifactId=maven-archetype-quickstart -DarchetypeVersion=1.5

Maven fragt dabei unter anderem nach der Group ID, der Artifact ID und der Version des Projekts. Hier genügen beliebige Werte. Danach wechselt man im Terminal in den Projektordner und baut das Projekt einmal komplett mit mvn clean install.

Als Nächstes sucht man bei Maven Central, welche Versionen von AssertJ Core [13] und Google Truth [14] aktuell sind und fügt die jeweils neuesten Versionen beider Libraries als Dependencies in der Datei pom.xml hinzu:

<dependencies>
  <dependency>
    <groupId>org.assertj</groupId>
    <artifactId>assertj-core</artifactId>
    <version>3.27.7</version>
    <scope>test</scope>
  </dependency>
 
   <dependency>
    <groupId>com.google.truth</groupId>
    <artifactId>truth</artifactId>
    <version>1.4.5</version>
    <scope>test</scope>
  </dependency>
</dependencies>

Die Klasse Book repräsentiert ein Buch im Kontext einer Buchhandlungssoftware und dient als Anschauungsbeispiel für die Unit Tests, bei denen die beiden Bibliotheken zum Einsatz kommen:

public class Book {
  private final String title;
  private final int numberOfPages;
  private final String author;

  public Book(String author, int numberOfPages, String title) {
    this.author = author;
    this.numberOfPages = numberOfPages;
    this.title = title;
  }

  public String getTitle() {
    return title;
  }

  public int getNumberOfPages() {
    return numberOfPages;
  }

  public String getAuthor() {
    return author;
  }

  public void order() {
    throw new UnsupportedOperationException();
  }
}

Book hat mit dem Titel, dem Autor und der Seitenzahl drei einfache Felder mit zugehörigen Getter-Methoden und einem einfachen Konstruktor. Die Methode order ist zu diesem Zeitpunkt zu Demonstrationszwecken noch nicht implementiert und gibt eine UnsupportedOperationException aus.

In jeder der nachfolgenden Testklassen wird weiterhin ein privates statisches Klassenfeld instanziiert, auf welches dann in den Tests zurückgegriffen wird:

private static final Book BOOK = new Book("John Doe", 399, "Secret of Life");

In einer neuen Testklasse AssertJTest ist als erstes die der statischen Methode assertThat zu importieren:

import static org.assertj.core.api.Assertions.assertThat;

Zunächst demonstriert die Methode testStringAssertions ausgewählte APIs von AssertJ in Bezug auf Strings:

@Test
public void testStringAssertions() {
 assertThat(BOOK.getTitle())
 .isNotNull()
 .isNotBlank()
 .startsWith("Secret")
 .endsWith("Life")
 .contains("of")
  .hasSize(14);
}

Der Buchtitel wird an assertThat übergeben und anschließend geprüft, dass er weder null noch leer ist, mit dem String Secret beginnt und mit dem String Life endet sowie den String of enthält und die Länge 14 hat. Dies ist nur eine Teilmenge aus den APIs, die AssertJ für Strings bereithält.

Auch in der Klasse TruthTest importiert man zuerst die assertThat-Methode:

import static com.google.common.truth.Truth.assertThat;

Die Testmethode testStringAssertions demonstriert die APIs von Truth:

@Test
public void testStringAssertions() {
 final var title = BOOK.getTitle();

 assertThat(title).isNotEmpty();
 assertThat(title).startsWith(("Secret"));
 assertThat(title).endsWith("Life");
 assertThat(title).contains("of");
 assertThat(title).hasLength(14);
}

Zunächst fällt auf, dass Truth in diesem Fall keine Verkettung von Assertions zulässt. Der Grund liegt unter anderem darin, dass die Truth-Entwickler das Risiko für Verwirrung sehen [15]. Darüber hinaus haben die APIs zum Überprüfen der Länge (hasLength) und eines Leerstrings (isNotEmpty) andere Namen als bei AssertJ (hasSize und isNotBlank).

Testen von korrektem Exception Handling

Ein häufiger Anwendungsfall innerhalb von Unit Tests besteht darin, dass ein bestimmter Ausdruck eine bestimmte Exception wirft. Es lässt sich auch explizit prüfen, dass keine Exception verworfen wird. Da eine nicht behandelte Exception aber zum Fehlschlagen des Tests führen würde, ist das nicht unbedingt notwendig.

In der Klasse AssertJTest sind die folgenden statischen Importe nötig:

import static org.assertj.core.api.Assertions.assertThatExceptionOfType;
import static org.assertj.core.api.Assertions.assertThatNoException;
import static org.assertj.core.api.Assertions.assertThatIndexOutOfBoundsException;

Diese Methoden kommen in der folgenden Testmethode zum Einsatz:

@Test
public void testThrowable() {
 assertThatExceptionOfType(UnsupportedOperationException.class)
           .isThrownBy(BOOK::order);
 assertThatNoException().isThrownBy(BOOK::getAuthor);

 final var books = List.of(BOOK, BOOK, BOOK);
 assertThatIndexOutOfBoundsException().isThrownBy(() -> books.get(3));

Die APIs von AssertJ sind offensichtlich auf Lesbarkeit optimiert und der natürlichen Sprache sehr ähnlich. „Assert That Exception of Type UnsupportedOperationException is thrown by BOOK::order“ ist ein vollständiger, verständlicher Satz, der die erste Assertion beschreibt. Analog funktioniert assertThatNoException(), wobei dessen Benutzung optional ist, da eine Exception den Test fehlschlagen lassen würde. Für eine kleine Auswahl an häufig vorkommenden Exception-Typen gibt es spezielle APIs, etwa assertThatIndexOutOfBoundsException für eine IndexOutOfBoundsException, bei der auf einen nicht vorhandenen Index in einer Datenstruktur wie einer Liste zugegriffen wird.

In allen Fällen übergibt man einen Lambda-Ausdruck oder eine Methodenreferenz an die AssertJ-Methode. Diese prüft dann intern, ob eine Exception geworfen wird, und je nachdem, was die Assertion erwartet, schlägt der Test fehl oder nicht. Im Gegensatz zu AssertJ muss die Exception bei Truth selbst behandelt werden. Hier können Programmierer die Assertion erst auf dem Exception-Objekt formulieren:

@Test
public void testThrowable() {
  final var cause = new IllegalAccessError("Illegal Access");
  final var exception = new IllegalArgumentException("Illegal Argument", cause);

  assertThat(exception).hasMessageThat().isEqualTo("Illegal Argument");
  assertThat(exception).hasCauseThat().isInstanceOf(IllegalAccessError.class);
}

In diesem Beispiel wird eine IllegalArgumentException instanziiert, die einen IllegalAccessError als Cause hat. Mit assertThat und dem Objekt exception als Argument können Entwicklerinnen und Entwickler nun auf die Message zugreifen und die Ursache (Cause) der Exception Assertions ausdrücken. Hier zeigt sich, dass die Ausdrucksfähigkeit und die Vielseitigkeit der APIs bei Truth deutlich geringer ist als bei AssertJ.

Möglichkeiten zur Erweiterung

Während AssertJ eine Vielzahl von lesbaren und anpassbaren Assertions bietet, um die Lesbarkeit des Testcodes zu erhöhen, setzt Google Truth auf klare und verständliche APIs bei geringerem Funktionsumfang. Beide Bibliotheken bieten Möglichkeiten zur Erweiterung durch Custom Assertions. Jedoch hat AssertJ den Vorteil, eine größere Auswahl an Typen und eine flexiblere Handhabung von Assertions zu unterstützen.

Projektanforderung als entscheidendes Kriterium

Beide Bibliotheken erweitern die Möglichkeiten gegenüber der JUnit-API und sorgen so für besser lesbaren Testcode sowie präzisere Fehlermeldungen. AssertJ bietet einen großen, typenspezifischen API-Katalog, ausdrucksstarke Methodenverkettung und einfache Erweiterbarkeit durch Custom Assertions. Dadurch eignet sich AssertJ besonders gut für größere und heterogene Codebasen.

Google Truth setzt hingegen auf einen konservativeren Ansatz: Die API bleibt übersichtlich und unterstützt weniger Standardtypen. Dadurch passt Truth gut zu schlankeren oder stark standardisierten Projekten. Die Wahl richtet sich nach den konkreten Projektanforderungen. Entscheidende Kriterien sind die in Tests dominierenden Datentypen, der Bedarf an domänenspezifischen Assertions, die Präferenz für Ausdrucksstärke gegenüber Minimalismus sowie Zielplattform und JUnit-Version. In umfangreichen, stark typisierten Projekten erweist sich AssertJ häufig als geeigneter. In kompakten Codebasen stellt Google Truth eine pragmatische Alternative dar.


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https://www.heise.de/-11260088

Links in diesem Artikel:

  1. https://testing.bettercode.eu/?wt_mc=intern.academy.dpunkt.konf_dpunkt_bcc_testing.empfehlung-ho.link.link&LPID=34320
  2. https://assertj.github.io/doc/#assertj-core-supported-types
  3. https://assertj.github.io/doc/#assertj-core-soft-assertions
  4. https://assertj.github.io/doc/#assertj-core-custom-assertions
  5. https://truth.dev/known_types
  6. https://truth.dev/extension
  7. https://github.com/google/truth/blob/master/core/src/test/java/com/google/common/truth/extension/EmployeeSubject.java
  8. https://docs.junit.org/5.0.0/user-guide/#migrating-from-junit4-rule-support
  9. https://github.com/google/truth/issues/893
  10. https://docs.junit.org/6.0.2/release-notes.html#v6.0.0
  11. https://truth.dev/comparison
  12. https://maven.apache.org/archetypes/maven-archetype-quickstart/
  13. https://mvnrepository.com/artifact/org.assertj/assertj-core
  14. https://mvnrepository.com/artifact/com.google.truth/truth
  15. https://github.com/google/truth/issues/884
  16. mailto:mdo@ix.de

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Developer-Häppchen fürs Wochenende – kleinere News der Woche

Von Heise — 02. Mai 2026 um 09:15
Mexikanische Häppchen

(Bild: Natalia Klenova / Shutterstock.com)

Kleine, aber interessante Meldungshäppchen vom News-Buffet zu Apache Camel, pnpm, npm, Firestore, Python, Ghostty, Arduino App Lab und SkiaSharp.

In unserem leckeren Häppchen-Überblick servieren wir alles, was es zwar nicht in die News geschafft hat, wir aber dennoch für spannend halten:

  • Eine neue Supply-Chain-Attacke zielt offenbar auf npm-Pakete mit SAP-Bezug [1] ab. Der Credentials stehlende Malware-Angriff trägt die Selbstbezeichnung „mini Shai-Hulud [2]“. Betroffen sind die Pakete mbt@1.2.48, @cap-js/db-service@2.10.1, @cap-js/postgres@2.2.2 und @cap-js/sqlite@2.2.2. Inzwischen haben die Maintainer neue Versionen ohne die Malware veröffentlicht.
  • Die Apache Software Foundation hat Apache Camel 4.20.0 [3] veröffentlicht. Das Release erweitert die freie Routing- und Konvertierungsengine für Java um eine Azure‑Storage‑Blob‑Komponente, mit der sich Blob‑Snapshots erstellen und abrufen lassen.
  • Das April‑2026‑Release der Python Environments Extension für Visual Studio Code [4] verbessert das Handling von Python-Umgebungen. Außerdem haben sich Startgeschwindigkeit und Zuverlässigkeit der Erweiterung erhöht und Paketlisten‑Updates erfolgen nun automatisch.
  • Google hat seiner NoSQL‑Datenbank Firestore [5] neue Funktionen spendiert. Mit dabei sind eine native Volltextsuche, Geodaten-Abfragen sowie Subqueries für verbesserte Join-Operationen. Zudem können mit dem neuen DML-Tool Updates und Deletes direkt in Firestore erfolgen.
  • Das Paketverwaltungsprogramm für Python-Pakete, pip [8], liegt jetzt in Version 26.1 vor. Highlights sind Dependency‑Cooldowns, eine experimentelle Unterstützung für standardisierte Lockfiles (pylock.toml) und Verbesserungen am Resolver von 2020, um den alten Resolver langfristig ablösen zu können. Mit pip 26.1 endet auch die Unterstützung für Python 3.9.
  • Der JavaScript-Paketmanager pnpm 11.0 [9] führt strengere Sicherheitsregeln ein: Der in Version 10 eingeführte Supply-Chain-Schutz minimumReleaseAge [10] ist nun standardmäßig aktiv. Damit lässt sich die Installation neu veröffentlichter Paketversionen verzögern. Die Angabe erfolgt in Minuten, zum Beispiel minimumReleaseAge: 1440 für eine Verzögerung um einen Tag. Wie das pnpm-Team ausführt, würden die meisten bösartigen Releases innerhalb einer Stunde entdeckt und entfernt.
  • Die erste Preview für SkiaSharp 4.0 [11] ist erschienen. Dabei handelt es sich laut Microsoft um einen Meilenstein, der auf zwei Jahren Arbeit beruht. SkiaSharp ist eine Cross-Platform-2D-Grafik-API für .NET-Plattformen, basierend auf Googles Skia-Graphics-Bibliothek.
  • Das neue Release Arduino App Lab 0.7 [12] führt Custom Bricks ein. Das sind modulare Softwarekomponenten, um Funktionen in Projekten bereitzustellen. Entwicklerinnen und Entwickler können Bricks erstellen und über verschiedene Apps hinweg wiederverwenden, wodurch App Lab zu einer erweiterbaren Plattform wird.
  • Ghostty verlässt GitHub [13]: Das hat Mitchell Hashimoto, Entwickler des Terminal-Emulators, auf seinem Blog bekannt gegeben. Der Hintergrund sind zunehmende GitHub-Ausfälle. Weitere Details zum Ghostty-Umzug und dessen neue Heimat will er noch mitteilen. Auf GitHub soll ein read-only Mirror bestehen bleiben.

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  1. https://socket.dev/blog/sap-cap-npm-packages-supply-chain-attack
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  3. https://camel.apache.org/releases/release-4.20.0/
  4. https://devblogs.microsoft.com/python/python-in-visual-studio-code-april-2026-release/
  5. https://firebase.blog/posts/2026/04/firestore-pipelines-ga
  6. https://www.mastering-gitops.de/?wt_mc=intern.academy.dpunkt.konf_dpunkt_clc_gitops.empfehlung-ho.link.link&LPID=34675
  7. https://www.mastering-gitops.de/tickets.php?wt_mc=intern.academy.dpunkt.konf_dpunkt_clc_gitops.empfehlung-ho.link.link&LPID=34675
  8. https://pip.pypa.io/en/stable/news/#v26-1
  9. https://pnpm.io/blog/releases/11.0
  10. https://pnpm.io/settings#minimumreleaseage
  11. https://devblogs.microsoft.com/dotnet/welcome-to-skia-sharp-40-preview1/
  12. https://blog.arduino.cc/2026/04/29/arduino-app-lab-0-7-custom-bricks-are-here/
  13. https://mitchellh.com/writing/ghostty-leaving-github
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Wie uns das Smartphone in den Bann zieht | c’t uplink

Von Heise — 02. Mai 2026 um 15:00

Wo fängt eine Smartphone-Sucht an und wie funktionieren Dark Patterns und Social-Media-Algorithmen? Diese Fragen klären wir in c’t uplink.

Nur noch ein Video, nur noch ein Post – und schon ist eine Stunde vergangen. Social-Media-Plattformen, Online-Shops und Spiele wollen uns möglichst lange am Bildschirm halten. Über die Suchtfalle Smartphone dreht sich diese Folge von c't uplink. Mit welchen Tricks die Anbieter die Aufmerksamkeit der Nutzerinnen und Nutzer einfangen – und was man dagegen tun kann, darüber diskutieren die c’t Redakteure Andrea Trinkwalder, Jo Bager und Holger Bleich mit Moderator Keywan Tonekaboni.

Holger Bleich erklärt, ab wann die Wissenschaft von problematischer Nutzung spricht und warum Jugendliche besonders anfällig sind. Andrea Trinkwalder hat sich den Empfehlungsalgorithmus von TikTok genauer angesehen: Warum spielt die App in Echtzeit so treffsicher Videos aus? Und welche Rolle spielt neben der Belohnung auch gezieltes Enttäuschen der Erwartung? Die sogenannten Dark Patterns – jene Designtricks in Shops, Spielen und Apps, die uns zum Kauf drängen oder im Abo-Hamsterrad halten – nimmt Jo Bager auseinander.

Die Runde diskutiert außerdem, was die EU mit dem Digital Services Act erreichen kann, warum die Verfahren so quälend lange dauern und ob ein Social-Media-Verbot für Jugendliche tatsächlich die Lösung ist. Aber die Vier aus der c’t Redaktion geben auch praktische Tipps, wie man die Tricks und Fallen umschifft oder abmildert.

Zu Gast im Studio: Andrea Trinkwalder, Jo Bager und Holger Bleich
Host: Keywan Tonekaboni
Produktion: Tobias Reimer

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Pannenstatistik 2026: Elektroautos sind laut ADAC zuverlässiger als Verbrenner

Von Nils Matthiesen — 02. Mai 2026 um 13:30
Der ADAC hat seine Pannenstatistik 2026 veröffentlicht. Elektrofahrzeuge schneiden dabei deutlich besser ab als solche mit klassischem Antrieb.
Elektroautos haben laut ADAC seltener eine Panne. (Bild: ADAC)
Elektroautos haben laut ADAC seltener eine Panne. Bild: ADAC

Der ADAC hat seine Pannenstatistik 2026 veröffentlicht. Die Auswertung von 158 Fahrzeugmodellen von 27 Herstellern belegt, dass Elektroautos bei gleichem Alter seltener von Pannen betroffen sind als Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor.

Laut der Studie ist die Häufigkeit von Pannen bei fünf Jahre alten Elektroautos um 40 Prozent geringer als bei gleich alten Verbrennern. Dieser Trend kristallisierte sich bereits im Vorjahr heraus. Als wesentlichen Grund nannte der Automobilclub die geringere Anzahl an verschleißanfälligen Bauteilen in elektrischen Antrieben.

Die statistische Grundlage bildet die Pannenkennziffer (PKZ), welche die registrierten Pannen pro 1.000 Fahrzeuge im vergangenen Jahr wiedergibt. Bei zwei Jahre alten Elektroautos verzeichnete die ADAC-Straßenwacht 2,1 Pannen, während entsprechende Verbrenner auf 5,8 Pannen kamen.

Bei fünf Jahre alten Fahrzeugen liegt die PKZ für Elektroautos bei 10,3 und für Verbrenner bei 17,4. Trotz zunehmender Elektronikintegration steigt die Zuverlässigkeit moderner Fahrzeuge insgesamt an. So sank die Pannenwahrscheinlichkeit bei fünf Jahre alten Autos von 3,6 Prozent im Jahr 2015 auf 2,1 Prozent im Jahr 2025.

Bordnetz und Starterbatterie als Schwachpunkte

Die häufigste Pannenquelle bleibt unabhängig von der Antriebsart die 12-Volt-Starterbatterie. Bei Elektroautos sind Probleme mit dem Bordnetz ein relevantes Thema, da sie komplexere Systeme nutzen. Der ADAC führt dies unter anderem auf eine häufige App-Nutzung zurück, welche die Fahrzeuge "aufweckt" und dadurch die Kapazitäten der 12-Volt-Batterie stärker belastet als von Herstellern kalkuliert.

Mit über 45 Prozent waren Probleme mit der Starterbatterie die häufigste Pannenursache.
Bild 1/1: Mit über 45 Prozent waren Probleme mit der Starterbatterie die häufigste Pannenursache.

Dennoch ist die Starterbatterie bei Elektroautos insgesamt seltener für Ausfälle verantwortlich als bei Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor. Besonders zuverlässig zeigten sich Modelle der Marken VW, BMW, Mercedes sowie weitere Marken des Volkswagen-Konzerns, Mitsubishi und Tesla ab. Das Durchschnittsalter der in der Statistik erfassten Fahrzeuge stieg dabei von acht Jahren im Jahr 2014 auf elf Jahre im Jahr 2025.

Auffälligkeiten bei Toyota und Hyundai

Einige Modelle weisen spezifische Defizite auf. So fallen Fahrzeuge von Toyota seit drei Jahren durch eine schlechtere Bewertung auf, wobei die Pannenursache hier primär defekte Starterbatterien sind.

In der Mittelklasse wird zudem der Hyundai Ioniq 5 negativ bewertet. Grund ist ein Problem mit der Integrated Charging Control Unit (ICCU). Der Hersteller hat deswegen bereits Rückruf- und Serviceaktionen gestartet.

Der ADAC betonte jedoch, dass die Vergleichbarkeit zwischen den Antriebsarten noch eingeschränkt sei. Das Durchschnittsalter aller Pkw in Deutschland liegt laut Kraftfahrt-Bundesamt bei über zehn Jahren, während die meisten in der Statistik berücksichtigten Elektroautos deutlich jünger sind. Langzeitdaten für ältere Elektrofahrzeuge müssen daher abgewartet werden.

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Verteidigungsministerium: Pentagon schließt KI-Abkommen mit Nvidia und Microsoft

Von Nils Matthiesen — 02. Mai 2026 um 13:00
Das US-Vereidigungsministerium weitet seine KI -Infrastruktur aus und setzt künftig auf Technik von von Nvidia , Microsoft und Amazon .
Pentagon setzt auf KI. (Bild: Mandel NGAN / AFP via Getty Images)
Pentagon setzt auf KI. Bild: Mandel NGAN / AFP via Getty Images

Das US-Verteidigungsministerium hat Vereinbarungen mit mehreren führenden Technologieunternehmen unterzeichnet, um den Einsatz künstlicher Intelligenz innerhalb der Streitkräfte massiv auszuweiten. Wie das Pentagon mitteilte , wurden Verträge mit Nvidia, Microsoft, Amazon Web Services (AWS) und Reflection AI geschlossen.

Diese Kooperationen erlauben es dem Militär, KI-Modelle und entsprechende Hardware in seinen klassifizierten Netzwerken für den "rechtmäßigen operativen Einsatz" zu implementieren. Laut offizieller Stellungnahme des Ministeriums soll dies den Wandel des US-Militärs hin zu einer "AI-first fighting force" beschleunigen.

Ziel sei es, die Entscheidungsfähigkeit der Soldaten in allen Domänen der Kriegsführung zu stärken und einen "Entscheidungsvorsprung" ( "decision superiority" ) zu sichern, hieß es.

KI in hochgesicherten Umgebungen

Die Integration der Technologie erfolgt in hochgesicherten Umgebungen der Stufen Impact Level 6 (IL6) und Impact Level 7 (IL7). Diese Klassifizierungen sind für Daten reserviert, die als kritisch für die nationale Sicherheit eingestuft werden, und erfordern strenge physische Zugangskontrollen sowie kontinuierliche Audits.

Die neuen Partner ergänzen bereits bestehende Vereinbarungen, die das Pentagon bereits mit Google, SpaceX und OpenAI getroffen hat. Das Ministerium erklärte, dass der Zugriff auf eine vielfältige Suite von KI-Kapazitäten aus dem "resilienten amerikanischen Technologie-Stack" notwendig sei, um die Nation gegen Bedrohungen zu schützen.

Abkehr von Anthropic und Fokus auf Flexibilität

Hintergrund der Diversifizierung ist auch ein anhaltender Rechtsstreit mit dem KI-Unternehmen Anthropic . Das Pentagon strebt eine uneingeschränkte Nutzung von Anthropic-Tools an, während der Anbieter auf Sicherheitsvorkehrungen besteht. Diese sollen verhindern, dass die Technologie für inländische Massenüberwachung oder autonome Waffen eingesetzt wird.

Infolge dieses Konflikts stufte das Ministerium Anthropic zwischenzeitlich als "Lieferkettenrisiko" ein. Dagegen erwirkte das Unternehmen im März eine einstweilige Verfügung .

Das Pentagon verfolgt nun dezidiert eine Architektur, die eine Abhängigkeit von einzelnen Unternehmen verhindern soll. Durch die Verteilung auf viele Anbieter will die Joint Force langfristige Flexibilität wahren.

Aktuell nutzen bereits über 1,3 Millionen Mitarbeiter des Ministeriums die sichere Plattform GenAI.mil . Diese bietet Zugang zu großen Sprachmodellen für nicht-klassifizierte Aufgaben wie Forschung, Dokumentenerstellung und Datenanalyse. Mit den neuen Verträgen wird diese Kapazität auf die obersten Geheimhaltungsstufen ausgeweitet.

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Datenschutz bei KI: OpenAI verwendet Nutzerdaten für gezielte Werbung

Von Nils Matthiesen — 02. Mai 2026 um 12:30
OpenAI passt seine Datenschutzregeln in den USA an: Nutzerdaten fließen in personalisierte Werbung auf Drittplattformen wie Instagram .
OpenAI schaltet in den USA personalisierte Werbung. (Bild: Andrew Neel / Pexels)
OpenAI schaltet in den USA personalisierte Werbung. Bild: Andrew Neel / Pexels

OpenAI hat seine Datenschutzrichtlinien in den USA aktualisiert, um gezieltes Marketing auf Drittplattformen zu ermöglichen. Wie das Unternehmen in einer E-Mail an seine Nutzer mitteilte, kommen künftig Cookies zum Einsatz, um OpenAI-Produkte und -Dienste auf anderen Webseiten zu bewerben.

Die Änderung betrifft primär die Vermarktung von Diensten wie ChatGPT außerhalb der eigenen Plattform. Laut OpenAI-Sprecherin Taya Christianson bleibt die Vertraulichkeit der Chatinhalte dabei gewahrt; Konversationen oder private Inhalte sollen demnach nicht mit Marketingpartnern geteilt werden.

Vielmehr nutzt das Unternehmen begrenzte Identifikatoren wie Cookie-IDs, Geräte-IDs oder E-Mail-Adressen, um die Relevanz von Werbemaßnahmen zu erhöhen und deren Effektivität zu messen. Damit will OpenAI prüfen, ob Nutzer nach dem Kontakt mit einer Anzeige bestimmte Aktionen ausführen, etwa die Anmeldung für das KI-Werkzeug Codex.

Diese Form der Datenverarbeitung wird in der neuen Richtlinie explizit als "Targeted Advertising" oder "Cross-Context Behavioral Advertising" eingestuft. In der vorherigen Fassung seiner Datenschutzrichtlinien für die USA erklärte das Unternehmen noch, es nutze personenbezogene Daten nicht für derartige Zwecke.

Opt-out und Marktstrategie

Die Analyse der neuen Bestimmungen zeigt, dass die Marketing-Einstellungen bei kostenlosen Nutzerkonten in den USA standardmäßig aktiviert sind. In Stichproben des Magazins Wired waren diese Optionen bei Gratis-Accounts auf Ein gesetzt, während sie bei Plus- und Enterprise-Abos deaktiviert waren.

Anwender können der Datennutzung in den Kontoeinstellungen unter dem Punkt Marketing Privacy widersprechen. Für nicht angemeldete Besucher steht ein Link zu den Datenschutzoptionen auf der Webseite zur Verfügung.

Parallel zur externen Werbung weitet OpenAI sein Werbenetzwerk innerhalb von ChatGPT aus. Ein formales Werbe-Testprogramm für eingeloggte, erwachsene Nutzer in den USA mit Free- und Go-Tarifen startete am 9. Februar 2026. Das Unternehmen strebt für das Jahr 2026 ein internes Werbeumsatzziel von 2,4 Milliarden US-Dollar an.

Die beschriebene Situation mit automatisch aktivem Tracking und der Möglichkeit zum Opt-out gilt spezifisch für den US-Markt. In Deutschland gelten höhere Hürden wie aktive Einwilligung, Recht auf Widerruf und strenge Zweckbindung.

OpenAI plant zwar die EU-Expansion seiner Werbedienste, muss dabei aber ein rechtskonformes Einwilligungsmodell aufbauen. Ob und wie gut das gelingt, bleibt abzuwarten und dürfte unter Beobachtung europäischer Datenschutzbehörden stehen.

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Störungsmeldung vom 02.05.2026 11:45

Von heise online — 02. Mai 2026 um 11:45

Neue Störungsmeldung für Provider 1&1

Details

Beginn
02.05.2026 11:45
Region
Hannover (0511)
Provider
1&1
Zugangsart
VDSL

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Kapitalismus und Krieg: Warum Frieden systemfremd wirkt

Von Telepolis — 02. Mai 2026 um 12:00
Panzer mit Münzen mit

Zwischen Wachstumszwang, Profitinteressen und autoritären Tendenzen – eine kritische Perspektive auf Ukraine-Krieg und globale Aufrüstung

Marx/ Engels lehrten uns, dass der Kapitalismus ein System ist, das prioritär durch die private Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel gekennzeichnet ist. Also: Fabriken und Banken sind in Privatbesitz. Betriebliche Entscheidungen sind daran orientiert, ob sie einen Mehrwert erzielen, der als Profit von den Besitzenden abgezweigt werden kann.

Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen werden zu einer Ware, die sich allerdings selbst vermarkten und einen Tauschwert erzielen muss. Der Staat hat in diesem Zusammenhang primär die Aufgabe, diese Produktionsverhältnisse abzusichern und die Interessen der unterschiedlichen Kapitalfraktionen auszutarieren.

Profitlogik, Staat und neoliberale Umverteilung

Hierbei versuchte die Konstruktion neoliberaler Ideologien, die staatlichen Leistungen für die ärmeren Schichten einer Gesellschaft zu minimieren, Schutzmechanismen ärmerer Gesellschaften zu zerstören und gleichzeitig aber staatliche Ressourcen an die kapitalistischen Oligarchien zu transferieren.

Diejenigen, die Subventionsabbau forderten, nahmen also selbst diese Subventionen in Anspruch. Elon Musk ist hier ein aktuelles Beispiel hierfür, der aktiv behilflich war, Staatsausgaben zu verringern und gleichzeitig Subventionen für SpaceX durchsetzte.

Das Kapital war und ist beständig auf der Suche nach neuen Verwertungsmöglichkeiten. Dies erfordert einerseits die Notwendigkeit permanenten innergesellschaftlichen Wirtschaftswachstums und andererseits die beständige Erschließung neuer globaler Absatzmärkte. Dies geht nicht nur zulasten der Menschen, sondern vernichtet und zerstört auch die Ökologie dieses Planeten.

Wachstumszwang, Globalisierung und soziale Spaltung

Der Zwang und die dem Kapitalismus innewohnende Dynamik, ständig zu wachsen und immer höhere Profite zu erzielen, führen zur Aufzehrung des Planeten und vernichten Schritt für Schritt, aber auch mit Kipppunkten die Existenzbedingungen auf der Erde.

Marx/Engels (1848/1983, 27) haben bereits weitsichtig in der Mitte des 19. Jahrhunderts analysiert, wie sich der Prozess der Globalisierung im Kapitalismus vollzieht – hier ihr berühmtes und noch immer aktuelles Zitat aus dem Kommunistischen Manifest:

"Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel. Überall muß sie sich einnisten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen. Die Bourgeoisie hat durch die Exploitation des Weltmarkts Produktion und Konsumtion kosmopolitisch gestaltet."

Kapitalismus bedeutet die Verankerung ökonomischer Gier in den Tiefenstrukturen einer Gesellschaft. Dies äußert sich in einem extremen Reichtumsgefälle mit einer kleinen Gruppe immer vermögender werdender Multimillionäre und -milliardäre und einer zunehmend größeren Schicht verarmender Menschen.

Die marxistische Verelendungstheorie lässt sich nicht nur auf das Reichtumsgefälle zwischen reichen Staaten des Globalen Nordens und den von globaler Ausbeutung betroffenen Staaten des globalen Südens beziehen, sondern findet sich nun auch in den reicheren Staaten wieder.

Der Kapitalismus weitete sich im Rahmen seines historischen Siegeszuges weltweit aus. Er drang nicht nur von Europa ausgehend in alle geografischen Gebiete der Erde vor, sondern er dringt auch hegemonial in die inneren Räume des menschlichen Zusammenlebens ein – so Elmar Altvater (2006, 22):

"Die Mikro- und Nanostrukturen des Lebens werden in Wert gesetzt und dabei so manipuliert, dass die Verwandlung in Ware und ihre Verwertung in Geldform herauskommen. Private Rückzugsräume sind vor Sachzwängen von Geld und Kapital nicht sicher. Formen des sozialen Zusammenlebens werden mehr und mehr vertragsförmig gestaltet und dadurch der Logik von monetärer Marktäquivalenz unterworfen.

Kapitalistische Inwertsetzung ist ein allumfassendes und dennoch im Binnenraum des Planeten begrenztes und begrenzendes Prinzip, dessen Regeln zu befolgen sind, als ob es sich um Gebote Gottes handele."

Im sich immer weiter entwickelnden und variierenden Kapitalismus entwickeln sich weltweit Zonen, in denen die Finanzoligarchien hinter bewachten Mauern wohnen, Steuern weitgehend hinterziehen und sich den gesellschaftlichen Pflichten eines Gemeinwesens verweigern. Das vom in Kanada geborenen Historiker Quinn Slobodian (2023, 12) als Crack-up-Kapitalismus (übersetzt: Zersplitterungskapitalismus) bezeichnete System wird von ihm wie folgt beschrieben:

"Innerhalb der nationalen Container findet man ungewöhnliche Rechtsräume, anormale Territorien und eigentümliche Zuständigkeitsbereiche. Da sind Stadtstaaten, Steueroasen, Enklaven, Freihäfen, Technologieparks, Zollfreibezirke und Innovationszentren. Die Welt der Nationalstaaten ist übersät mit Zonen – und deren Einfluss auf die Politik der Gegenwart beginnen wir erst zu verstehen."

Der kapitalistische Kampf um die Ressourcen

Die Privatisierung öffentlicher Gelder, die destruktive Investition in Waffen und Militär, die fehlende Kaufkraft verarmter Bevölkerungsteile, geopolitische Rivalitäten sowie die Endlichkeit der Ressourcen der Erde und die Kämpfe hierum führen zu ökonomischen Krisen, die auf unterschiedliche Weisen bewältigt werden. Öko-imperiale Spannungen sind – so die Politikwissenschaftler Ulrich Brand und Markus Wissen (2024, 128):

"Spannungen zwischen Staaten und Staatenverbünden, die aus dem Zugriff des Kapitalismus auf ein 'Außen' resultieren, das in der ökologischen Krise zunehmend verfügbar und unkämpfter wird. Diese öko-imperialen Spannungen werden zu einem Strukturmoment internationaler Politik, sind also nicht nur vorübergehend, sondern dauerhaft vorhanden."

Autoritäre Krisenlösungen und der Weg in den Krieg

Insbesondere die extreme politische Rechte nutzt die Krisenhaftigkeit des Kapitalismus aus, um autoritäre Krisenlösungen zu versprechen und letztendlich noch einmal das Reichtumsgefälle zu verschärfen, wenn sie denn die Macht hierzu erhält.

Menschenrechte werden ausgeschaltet, das Völkerrecht wird gebrochen. Der Kampf um Ressourcen, wie Öl, Gas und seltene Erden, und die damit verbundenen Milliardengewinne bestimmen die internationale Politik und führen zu Kriegen und Massenfluchten.

Derzeit kämpfen die größten Fossildealer – USA, Russland und Iran – im Interesse ihrer Ökonomie und des Finanzkapitals um die globalen Ressourcen. Sie kämpfen auch gegen eine aufkommende Kapitalfraktion und auch gegen genossenschaftliche Initiativen, die mit Hilfe regenerativer Energieversorgung das globale Energieproblem lösen wollen.

Rohstoffe, Machtblöcke und die neue Energiefrage

Diese Kritik bezieht sich nicht nur auf die Verhältnisse des Globalen Nordens, sondern ebenfalls auf den kapitalistischen Entwicklungspfad in den Ländern des Globalen Südens – so der Politikwissenschaftler und Aktivist Alexander Behr (2022, 29):

"Auch in vielen anderen Ländern des Globalen Südens ist ein brutaler Klassenkampf im Gange. Die nationale Bourgeoisie bedient die Interessen transnationaler Konzerne. Kurzfristig kann sie sich dabei zwar auf eine wachsende Mittelschicht stützen, die ihre imperiale Lebensweise absichern will.

Doch der hegemoniale Entwicklungspfad – ob staatsinterventionistisch wie in China oder neoliberal wie in Brasilien – ist zutiefst zerstörerisch und wird Ressourcenkonflikte in Zukunft weiter verstärken. Er gefährdet damit letztlich die Versorgungssicherheit aller Menschen."

Hierbei ist anzumerken, dass ein Kampf um die Sonnenenergie nicht zu Kriegen führt. Die Energie der Sonne ist für uns Menschen grenzenlos nutzbar. Der Kampf um fossile Energien und seltene Erden ist ein Kampf um begrenzte und in Zukunft knapper werdende Ressourcen. Der friedensökologisch orientierte Journalist und Autor Franz Alt schreibt daher in seinem Artikel "Sonne und Wind brauchen nicht die Meerenge von Hormus [1]":

"Eine der entscheidendsten Zukunftsfragen heißt: Krieg um Öl oder Frieden durch die Sonne? Der Irak-Krieg, der Afghanistan-Krieg, der Krieg um Venezuela und jetzt der Iran-Krieg: All diese Kriege waren oder sind Kriege um die fossilen Rohstoffe. Sonne und Wind jedoch sind Geschenke des Himmels. Sie sind Friedensenergien."

Hierbei darf natürlich nicht vergessen werden, dass auch grüne Rohstoffe, die man für die Produktion der Batterien von Elektroautos benötigt (z.B. Lithium oder Kobalt) bereits umkämpft sind – unabhängig davon, ob die Elektroautos mit Sonnenenergien aufgetankt werden.

Autoritärer Kapitalismus

Autoritär gelenkte kapitalistische Systeme haben kein Problem damit, andere Staaten zu überfallen, um das eigene Wirtschaftswachstum sowie die Renditen und Privilegien für ihre besitzenden Schichten zu sichern und zu erweitern.

In Staaten, deren Handlungsspielraum für Öffentlichkeiten noch vom Anspruch demokratischer Verfassungen bestimmt sind, findet hingegen eine innergesellschaftliche Auseinandersetzung statt.

Hier geht es um die Frage, ob Völkerrecht und Menschenrechte zu achten sind oder eine Interessendurchsetzung mit militärischen Mitteln angezeigt ist. Gesellschaften mit einem demokratischen Selbstanspruch neigen allerdings derzeit angesichts einzelner Staaten, die als Bedrohung erfahren werden, hin zu einer Militarisierung und autoritärer werdenden Strukturen. Der russische Angriffskrieg in der Ukraine ist hier beispielsweise ein Trigger.

Demokratie unter Druck: Militarisierung als neue Normalität

Hierbei scheint sich die Rüstungsökonomie aufgrund der geopolitischen Tendenzen gegen die eher am Frieden interessierten kapitalistischen Kreise hinsichtlich des Einsatzes öffentlicher, staatlicher Mittel durchzusetzen.

Dies bedeutet, dass eine Industrie und deren Anteilseigner sich derzeit durchsetzen, deren Produkte zur Zerstörung, also nicht für konstruktive Investitionen, verwendet werden.

Hingegen wird versucht, der ökologisch orientierten Industrie sowie der sozialen Unterstützung unterprivilegierter Gesellschaftsschichten die öffentlichen Gelder zu entziehen, um Waffen und Kriegspersonal zu finanzieren.

Hierzu wird, etwa in Deutschland, eine horrende als Sondervermögen getarnte Staatsverschuldung in Kauf genommen. Dies bedeutet, dass auch zukünftigen Generationen die Gelder entzogen werden, die für die Reparatur des Zerstörten und für den Neuaufbau alternativer Gesellschaften notwendig wären. Es handelt sich hierbei um eine gigantische Privatisierung öffentlicher Gelder.

Rüstungsökonomie: Wenn Zerstörung zum Geschäftsmodell wird

Die in den USA geborene und dann nach Kanada ausgewanderte Autorin Naomi Klein (2023) spricht über den Katastrophen-Kapitalismus und dessen Profite maximierender Schockstrategie. Naturkatastrophen, militärische Auseinandersetzungen oder massive Wirtschaftskrisen würden im Kapitalismus bewusst ausgenutzt, um für ökonomische Umverteilungen zu sorgen und Renditen zu erhöhen. Demokratische Strukturen und Entwicklung würden brutal unterdrückt, wenn die Ausnutzung von Katastrophen behindert werden würde.

Katastrophen, KI und die neue Macht der Tech-Eliten

Insbesondere die Verbindung aus Kapitalismus und autoritär-repressiver Gesellschaftsstruktur ist eine hochgefährliche systemische Verbindung.

Hierbei dient die Weiterentwicklung der Produktionsmittel in eine digitale und durch Künstliche Intelligenz bestimmte Richtung sowohl der Profitsteigerung als auch der Überwachung und Manipulation der eigenen Bevölkerung sowie der Effizienzsteigerung in Kriegen eingesetzter Waffensysteme – so der griechische Ökonom und Politiker Yannis Varouvakis [2] (2025):

"Die Auswirkungen sind atemberaubend: allgegenwärtige Überwachung, automatisiertes Targeting auf den Schlachtfeldern, makroökonomische Instabilität (da Cloud-Renten die Gesamtnachfrage zerstören), das Ende der Demokratie selbst als Ideal (bejubelt von Peter Thiel) und der Tod der Universitäten, ersetzt durch personalisierte KI-Erweiterungen."

Trump, Thiel, Musk und Vance u.a. sind Beispiele der kapitalistischen Rechten, die mit radikalen Mitteln versuchen, den Sozialstaat auszuhebeln und eine extrem rücksichtslose Form des Kapitalismus zu installieren.

Hiermit versuchen sie, den Jahrhunderte währenden Kampf der ausgebeuteten und entfremdet lebenden und arbeitenden Menschen gegen die menschenfeindliche Macht des entfesselten Kapitalismus zu revidieren und aufzuheben.

Kapitalismus, Krieg und Frieden: Warum das System auf dem Prüfstand steht

Kriege sind – neben geopolitischen Machtambitionen – primär Ressourcenkriege im Interesse hiervon profitierender Kapitalbesitzer und spekulierender Kriegsgewinnler. Je repressiver die gesellschaftliche Struktur eines Staates ist, desto leichter fällt es seiner herrschenden Elite bzw. den kapitalistischen Oligarchien, Kriege zu legitimieren und innergesellschaftlich durchzusetzen.

Der Tod von Menschen – auch von Zivilbevölkerung – die Zerstörung von mühsam aufgebauter Infrastruktur sowie der Ökozid, die Zerstörung der Natur als Kampfmittel, spielen für diese Systeme keine handlungsbegrenzende Rolle.

Kritische Friedensforschung [3] versucht diesen Zusammenhang analytisch herauszuarbeiten und bewusst zu machen. Gleichzeitig sollte es auch ihre Aufgabe sein, Schritt für Schritt zu realisierende Perspektiven zu entwickeln, wie innergesellschaftlich Demokratie in einem erweiterten Sinne zu stärken ist und international Völkerverständigung und Zusammenarbeit gelingen kann.

Hierbei darf das Thema "Kapitalismus" nicht übergangen werden. Alle Systeme – so auch der Kapitalismus – sind daraufhin zu hinterfragen, inwieweit ihre Struktur Herrschaftsüberschüsse aufweist, die über ein legitimes Gewaltmonopol des Staates hinausgehen.

Herrschaft ohne rechtsstaatliche und demokratische Kontrolle führt zur innerstaatlichen Repression und zur Zerstörung des zwischenstaatlichen Friedens und internationaler Friedensordnungen. Staaten, wie Russland, die USA oder die Türkei, sind aktuelle kapitalistische Beispiele hierfür – auch wenn sie in unterschiedlicher Weise autoritär sind.

Der Frieden hingegen benötigt ein Gesellschaftssystem, das in seiner Wirtschaftsweise solidarisch und ökologisch zugleich ist und mit Rechtsstaatlichkeit, Völker- und Menschenrechten sowie Demokratie Ernst macht. Dieses System kann im Kapitalismus beginnen, wird aber erst in einer anderen Gesellschaftsformation zur Entfaltung kommen können, die nicht mehr als kapitalistische Gesellschaft bezeichnet werden kann.

Literatur

Altvater, Elmar (2006): Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen. Eine radikale Kapitalismuskritik. Münster: Verlag Westfälisches Dampfboot.

Behr, Alexander (2022): Globale Solidarität. Wie wir die imperiale Lebensweise überwinden und die sozial-ökologische Transformation umsetzen. München: oekom verlag.

Brand, Ulrich/ Markus Wissen (2024): Kapitalismus am Limit. München: oekom verlag.

Klein, Naomi (2023): Die Schockstrategie. Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus. Hamburg: Hoffmann und Campe Verlag.

Marx, Karl/Engels, Friedrich (1848/1983): Manifest der Kommunistischen Partei. Stuttgart: Reclam.

Slobodian, Quinn (2023): Kapitalismus ohne Demokratie. Wie Marktradikale die Welt in Mikronationen, Privatstädte und Steueroasen zerlegen wollen. Berlin: Suhrkamp Verlag.

Klaus Moegling, Prof. Dr. habil., Politikwissenschaftler und Soziologe, er lehrte an verschiedenen Universitäten und Institutionen der Lehrerbildung, zuletzt an der Universität Kassel als apl. Professor im Fb Gesellschaftswissenschaften, er engagierte sich in der Friedens- und Umweltbewegung sowie in Bildungsinitiativen (Webseite [4]). Er ist Autor des im open Access [5] veröffentlichten Buches "Neuordnung. Eine friedliche und nachhaltig entwickelte Welt ist (noch) möglich".


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  1. https://www.sonnenseite.com/de/franz-alt/kommentare-interviews/sonne-und-wind-brauchen-nicht-die-meerenge-von-hormus/
  2. https://www.yanisvaroufakis.eu/2025/04/15/neoliberalism-is-dead-say-hello-to-techlordism/
  3. https://unipub.uni-graz.at/limina/download/pdf/12889863
  4. https://www.klaus-moegling.de/ueber-mich/
  5. https://www.klaus-moegling.de/aktuelle-auflage-neuordnung/

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Warum Linke bereit sind, Noam Chomsky in die Epstein-Hölle zu verbannen

Von Telepolis — 02. Mai 2026 um 10:00
Noam Chomsky

Noam Chomsky 2010 in Istanbul. Bild: 4.murat / Shutterstock.com

Engste Weggefährten lassen den 97-jährigen Chomsky fallen – dabei hält die Empörung über seine Epstein-Kontakte einer Faktenprüfung kaum stand.

Die Veröffentlichung privater E-Mails und Fotos Noam Chomskys aus den Epstein-Files hat Empörung bei Linken und Progressiven ausgelöst. Der Unrast-Verlag, der eine Reihe von Chomskys Büchern in deutscher Übersetzung verlegt, hat sie aufgrund von dessen privatem Kontakt zu Epstein aus dem Programm genommen: [1]

"Als linker Verlag … ist Chomsky für uns als Autor nicht mehr tragbar. … Wir wollen Täter und ihre Unterstützer:innen weder schützen, noch ihnen eine Plattform oder ein Einkommen bieten."

Videointerviews mit Chomsky sind im Netz gelöscht worden. Enge Freunde, Kollegen und Co-Autoren wie der ehemalige New York Times-Journalist Chris Hedges, der Historiker und Aktivist Vijay Prashad oder Jeffrey St. Clair von Counterpunch zeigen sich schockiert, äußern Abscheu und haben sich von Chomsky in öffentlichen Statements distanziert, während sie erklären, dass die Aufdeckungen sein intellektuelles Erbe schwer beschädigt haben.

Wie konnte es soweit kommen?

Es geht um persönliche Mails von Noam Chomsky und seiner Frau Valéria an Jeffrey Epstein, gemeinsame Abendessen, Epsteins Hilfe bei der Klärung eines Finanzdisputs mit Chomskys Kindern und zwei Fotos, die Chomsky mit Jeffrey Epstein in seinem Privatflugzeug und mit Trump-Stratege Steve Bannon zeigen.

In einer Antwort auf eine Anfrage Epsteins schätzte Chomsky ihn für ein Opfer der Cancel Culture ein und riet ihm, nur auf direkte Anfragen zu reagieren. Das war im Februar 2019, also einige Monate vor der Verhaftung Epsteins im Juli.

Leitmedien in den USA und Europa haben die "Chomsky-Epstein-Freundschaft" seit der Publikation einiger ausgewählter Epstein-Dokumenten im Dezember letzten Jahres in den Fokus genommen. Sie benutzten die privaten E-Mails, um daraus den Sturz des "wohl bedeutendsten lebenden Intellektuellen der Gegenwart", wie es die New York Times einmal formulierte [2], des Vordenkers progressiver Bewegungen und unermüdlichen Aktivisten in die Epstein-Hölle zu inszenieren.

Mediale Diskreditierung: Vom Vordenker zur "Epstein-Klasse"

Der Guardian, der seit vielen Jahren versucht, Chomsky zu diskreditieren, ordnete ihn umgehend der "Epstein-Klasse" ein. Unter dem Titel "Banalität des Bösen" schilderte die britische Tageszeitung [3], wie "Epsteins mächtige Freunde ihn normalisierten", darunter Noam Chomsky.

Normalisieren kann man jedoch nur, wenn man vom Bösen weiß. Und vom Normalisieren profitiert das Böse in der Öffentlichkeit, nicht in privater Korrespondenz. Dass beide Voraussetzungen im Fall Chomskys zutreffen, wird unterstellt.

Die Diskreditierung Chomskys in den Mainstreammedien war zu erwarten. Seine seit Jahrzehnten vorgetragene Kritik an der Art, wie die Mächtigen insbesondere im US-geführten Westen mit Hilfe der intellektuellen Klasse eine Katastrophenpolitik gegen die Menschheit betreiben, die Entlarvung von Machtkontrolle in über hundert Büchern sowie unzähligen Artikeln und Interviews, stellt einen unangenehmen Spiegel dar, in den die, die an der Katastrophenpolitik teilnehmen und davon profitieren, nicht hineinschauen wollen.

Die gezielte Veröffentlichung von einigen Epstein-Dokumenten durch das von Trump kontrollierte US-Justizministeriums ist insofern ein Geschenk für das Establishment gewesen. Man musste nur das Foto, das Chomsky und Epstein im Privatjet zeigt, abdrucken, eine skandalträchtige Überschrift darüber setzen und einige E-Mail-Aussagen aus dem Zusammenhang reißen – im Handumdrehen erschien Chomsky als Hofintellektueller eines verbrecherischen Pädophilen.

Wenn Weggefährten zu Anklägern werden

All das war wie gesagt absehbar. Überraschend, unverständlich und in seiner Wirkung verheerend sind jedoch die Reaktionen in progressiv-linken Kreisen. Vijay Prashad, der zwei Bücher mit ihm, darunter eines seiner letzten über Kuba, veröffentlicht hat, und ihn als seinen Mentor bezeichnet, verfasste ein Statement [4] auf Counterpunch:

"Es gibt nichts, was für ihn spricht. Als die Fotos und E-Mails auftauchten, war ich sofort angewidert von Epsteins Pädophilie und damit auch von Noams Freundschaft zu ihm. Meiner Ansicht nach gibt es dafür keine Rechtfertigung, keinen Kontext, der dieses skandalöse Verhalten erklären könnte. […] Warum verkehrt man so ungezwungen mit einer Person dieser Gesinnung? Warum spendet man einem Pädophilen Trost und Rat für seine Verbrechen? Ich für meinen Teil bin entsetzt und schockiert."

Der Guardian nahm die Empörung des Chomsky-Freunds dankend auf und berichtete ausführlich [5] über den Widerruf von Prashad.

Chris Hedges, langjähriger Kollege und intellektueller Freund Chomskys, ging noch weiter [6]. Er diskreditierte die Erklärung von Chomskys Frau Valéria als Vertuschungstaktik – Chomsky erlitt 2023 im Alter von 94 Jahren einen schweren Schlaganfall und kann sich seitdem nicht mehr äußern.

Valéria betonte in dem Statement, dass Chomskys offenherzige Art sowie Epsteins manipulative Methoden zu Fehleinschätzungen geführt hätten, die beide bedauern. Man habe aber nichts von den Taten gewusst, auch nie etwas Unangemessenes von Epstein oder anderen bemerkt, versichert Valéria. Hedges wischte die Erklärung in seinem Kommentar beiseite und stellte fest:

"Ich kann Ihnen versichern, dass er keineswegs so passiv oder leichtgläubig ist, wie seine Frau behauptet. Er wusste von Epsteins Kindesmissbrauch. Sie alle wussten davon. Und wie andere in Epsteins Umfeld war es ihm egal."

Es bleibt Hedges Geheimnis, wie er zu seiner Schlussfolgerung kommt. Niemand, einschließlich des US-Justizministeriums, behauptet [7], dass Chomsky von dem Kindesmissbrauch gewusst hat. Ganz abgesehen davon, dass es eine Unterstellung ist, die abwegig ist angesichts von Chomskys Persönlichkeit und Dekaden umspannendem, von Wahrheit und Humanität geprägtem Lebenswerk.

Auf dem linken multimedialen Kanal Zeteo von Mehdi Hasan, der ein großes Publikum erreicht, unterhielten sich [8] die kanadische Bestsellerautorin und progressive Stimme Naomi Klein und der ehemalige MSNBC-Moderator und Guardian-Kolumnist Hasan über Chomskys Freundschaft mit Epstein.

Hasan verurteilte Chomskys Umgang mit Epstein, der ihn deprimiere. Leute wie Chomsky hätten gewusst oder wissen müssen von den Missbräuchen Epsteins. Chomsky sei korrumpiert worden von Macht und Reichtum. "Ich glaube, das wird Chomskys Vermächtnis extrem negativ beeinflussen, ganz gleich, was man von ihm hält."

Naomi Klein zeigt sich ebenfalls enttäuscht und empört, auch wenn sie darauf verwies, dass Chomsky mit jedem spreche, was an sich legitim sei, so Klein. Aber das sei zu unterscheiden von der Entscheidung, sich zu Abendessen oder einem Flug im Privatflugzeug einladen zu lassen. Dafür gebe es keine Rechtfertigung.

Außerdem sei bekannt gewesen, dass Epstein wegen eines sexuellen Delikts in der Vergangenheit verurteilt und mit Gefängnis bestraft worden sei. Wenn man sexuellen Missbrauch als Thema ernst nehme, dann treffe man sich nicht mit solchen Leuten.

Der deutschsprachige Raum: Vom "Idol" zum Abtrünnigen

Man könnte ein Reihe von intellektuellen Weggefährten und Linken in den USA und Europa auflisten, die Chomsky wie eine heiße Kartoffel fallen ließen. Meinungsbildende kritische Medien und alternative Plattformen wiederholten dabei, was in den Mainstreammedien oder von linken Meinungsführer:innen über den "Epstein-Chomsky-Skandal" berichtet wurde und folgten der Vorverurteilung.

In Großbritannien sendete z.B. die linke Medienplattform Novara Media ein Gespräch [9] mit den beiden Frontmännern Michael Walker und Aaron Bastani mit der Überschrift: "Was hat sich Chomsky dabei gedacht?"

Der Tenor des Gesprächs ist von Unverständnis, scharfer Kritik und Unterstellungen geprägt. Für Bastani steht fest: Die E-Mails zeigten, dass Chomsky mit den Eliten auf Kuschelkurs gewesen sei, während er gleichzeitig ihre Machenschaften in der Öffentlichkeit kritisiere.

"Ich denke, er wurde vom Glamour verführt, das ist nichts Neues. Es gibt eine treffende Aussage von Yanis Varoufakis dazu: 'Sobald man Businessklasse fliegt, glaubt man, es stehe einem zu'. […] Es ist beunruhigend, dass ein intelligenter Mann, der sich so für linke und progressive Anliegen eingesetzt hat, mit jemandem wie Epstein verkehrte. Das trägt dazu bei, die Linke insgesamt in Misskredit zu bringen. Wenn dieser Mann keine Prinzipien hat, wer von uns hat sie dann noch?"

Auch Glenn Greenwald – bekannt geworden durch die Snowden-Enthüllung, während er viele Auftritte mit Chomsky teilte, bis er politisch andere Wege ging – verbreitete [10] über seinen Kanal System Update die Ansicht, dass Chomsky Epsteins Einfluss, prachtvollen Inszenierungen und Dinner-Einladungen erlegen sei.

Im deutschsprachigen Raum ein ähnliches Bild. Der Journalist Emran Feroz, der 2018 ein Interviewbuch mit Noam Chomsky verfasste (das 2021 neu aufgelegt wurde) verabschiedete sich in einem Artikel [11] im Freitag von seinem "Idol" Chomsky. Darin machte der im Exil lebende Afghane deutlich, dass er schon immer von einigen politischen Ansichten Chomskys abgestoßen gewesen sei.

Nun, durch die Lektüre der Epstein-Dokumente (vermutlich aber wohl durch die weltweite Kritik) scheint er zu dem Schluss gekommen zu sein, dass es an der Zeit sei, seine wahren Ansichten zu teilen:

"Doch je intensiver man sich mit dem Fall Epstein beschäftigt, desto klarer wird, dass sein problematischer Charakter und seine düsteren Machenschaften deutlich früher erkennbar waren, als manche heute behaupten. Dasselbe ist leider auch bei Chomsky und seinen eigenen politischen Positionen der Fall.

Viele einstige Bewunderer:innen, etwa der britische Journalist George Monbiot, brachen mit dem 'Professor' schon vor Jahren, etwa als ihnen dessen Genozidleugnung im Fall von Srebrenica bewusst wurde. Ähnlich fatal positionierte sich Chomsky auch im Fall von Kambodscha, wo er die massenmordende Rote Khmer toll fand, oder in Ruanda."

Eine Aneinanderreihung von faktenfreien Diffamierungen – ohne Belege, weil es keine dafür gibt. Wo leugnet Chomsky Genozide – selbst Monbiot behauptet das so nicht [12]? Wo findet der "Professor" (warum die Anführungsstriche?) Massenmord toll?

Was erstaunlich ist, dass Feroz ein Interview-Buch mit Chomsky verfasste, aber mit keinem Wort dessen angebliche Genozidleugnung und Anhängerschaft für die massenmordenden Roten Khmer erwähnte. Was sagt das über die journalistische Professionalität von Feroz und seinen jetzigen Widerruf?

Die mediale Hysterie, in der Epstein zum Urbösen erhoben worden ist, hat einen Sog erzeugt, in dem die Unschuldsvermutung nichts mehr gilt. Allein der Name Epstein versetzt in Schockstarre. Wer mit dem Bösen in Berührung kommt, wird ebenfalls schuldig, egal, was die Umstände hergeben.

Was die E-Mails wirklich zeigen: Kontext statt Skandal

Einige haben sich die Mühe gemacht, durch die E-Mails zu gehen, Kontexte zu liefern und zu erklären, was hinter der mutmaßlichen "Freundschaft" steckt, darunter der Yale-Professor Greg Grandin [13], der Kapitalismuskritiker Michael Albert [14], der Direktor von Films For Action, Tim Hjersted [15], und die langjährige Assistentin von Chomsky, Bev Stohl [16].

Epstein suchte danach 2015 den Kontakt zum damals 87-jährigen Linguisten und Theoretiker, was sich aus akademischen Interessen ergab. Er förderte das Massachusetts Institute of Technology (MIT), wo Chomsky arbeitete, und versammelte Harvard-Wissenschaftler auf von ihm gesponserten Konferenzen. Dutzende von Forschern, hunderte von Personen in akademischen Zirkeln standen mit Epstein in Kontakt, akzeptierten seine Finanzierung, während die Harvard Universität ihm ein eigenes Büro einrichtete [17].

Zudem bot Epstein Chomsky und Valéria an, bei einem Familiendisput über finanzielle Angelegenheiten organisatorisch zu helfen, was den z.T. freundschaftlichen Ton erklärt.

Chomsky wusste von der Verurteilung Epsteins und seiner 13-monatigen Haftstrafe wegen eines Sexualstrafdelikts. Epstein hatte sich 2008 vor einem Gericht in Florida für schuldig bekannt, eine Minderjährige zur Prostitution angeworben und vermittelt zu haben. Alles andere – dass es sich um einen "Sweetheart Deal" einer korrumpierten Staatsanwaltschaft handelte und Epstein eine Missbrauchspyramide errichtete – war der Öffentlichkeit nicht bekannt.

Fakt ist: Epstein war zu der Zeit, als es zu sporadischen Kontakten mit Chomsky kam, nicht der gesellschaftlich Aussätzige, der er heute ist. Für Chomsky wie viele Wissenschaftler war die Haftstrafe von 2008 auch kein Grund, ihn zu meiden. Chomsky hält es auch für falsch [18], jemanden zu ächten, der seine Schuld durch Strafe an die Gesellschaft bezahlt hat.

Chomsky vertritt die, von Bewegungen erkämpfte Rehabilitationshaltung des modernen Strafsystems (im Gegensatz zum religiösen Sündenbegriff): Jeder Mensch verdient eine zweite Chance. Das Ziel ist die Reintegration in die Gemeinschaft. Chomsky hat auch nie behauptet, dass Intellektuelle nicht mit Mächtigen und Entscheidern sprechen oder einen Cordon Sanitaire um jeden errichten sollten, der Verbrechen begangen hat.

Der Vorwurf, Chomsky hätte aber von Epsteins Missbrauchsverbrechen wissen müssen, ist ebenso abwegig. Wussten etwa die Kritiker Chomskys, die Medien, das Establishment und die linken Kommentatoren schon vor Ende 2018, als der Miami Herald seine Aufdeckungen veröffentlichte, von dem System Epstein – und haben sie die Missbräuche angeprangert und Empörung gerufen?

Nein. Die Mainstreammedien, die New York Times (Chomskys zentrale Informationsquelle), die Washington Post usw., folgten dem Informationsstand des Gerichts bei Epsteins Verhaftung 2008 und berichteten ansonsten praktisch nicht über ihn [19]. Und was ist mit den linken, progressiven, Medien? Vor 2019 gab es so gut wie keine Berichterstattung über Epstein.

Das hatte seinen Grund. Epstein verstand es, mit viel Geld und Einflussmacht das dysfunktionale US-Justizsystem zu korrumpieren [20] (insbesondere den Staatsanwalt Alexander Acosta in Florida, der später Arbeitsminister unter Trump werden sollte). Die Folge war, dass die Aussagen von Opfern, die auf massenhaften Missbrauch hindeuteten (heute geht man von potenziell hunderten Opfern aus), in der Öffentlichkeit unter den Teppich gekehrt wurden.

Zudem war der Hochstapler und Betrüger Epstein ein ausgezeichneter Manipulator (der gestandenen CEOs der Wall-Street-Finanzindustrie und US-Industriemagnaten auf diese Weise viel Geld entwendete [21]) und konnte mit Hilfe von Hackern [22] das Internet von Verdächtigungen rund um seine Person reinigen.

Was vom Chomsky-Skandal bei Prüfung übrig bleibt ist eine Mail-Antwort Chomskys auf eine Frage Epsteins Ende Februar 2019. Der wollte wissen, was er ihm raten würde angesichts der Anschuldigungen, die in dem Artikel des Miami Herald Ende 2018 erhoben wurden. Chomsky riet ihm, den Mediensturm vorbeiziehen zu lassen und nur auf direkte Anfragen zu antworten. Dabei berichtete er [23] von seinen eigenen Erfahrungen mit Kampagnen, auf die er nicht reagiere:

"Eine Google-Suche liefert unzählige hysterische Anschuldigungen aller Art, darunter sogar Gruppen, die sich darauf spezialisiert haben, mich zu diffamieren […] scharfe Angriffe, viele davon von Wichtigtuern aller Art."

Chomskys Haltung zu MeToo und Cancel Culture

Anschließend verwies er auf die MeToo-Bewegung und "die Hysterie, die sich rund um den Missbrauch von Frauen entwickelt hat und mittlerweile so weit gegangen ist, dass schon das bloße Hinterfragen einer Anschuldigung ein Verbrechen schlimmer als Mord ist."

Diese Mail wird von der Kritiker aus dem Mainstream bis zum linken Lager als Beleg angeführt, dass Chomsky wohl wissend um die Missbrauchsanschuldigungen Epstein verteidigte. Zudem habe er die MeToo-Bewegung als hysterisch abgewertet, was eine frauenfeindliche Haltung offenbare.

Doch Chomsky kritisierte in der Mail keineswegs die MeToo-Bewegung, sondern die Cancel Culture, die Beschuldigte ohne Belege vorverurteile (wobei der Assange-Fall [24] oder die Kölner Silvesternacht [25] zeigen, dass mächtige Institutionen Missbrauchsvorwürfe ebenfalls als Diffamierungsinstrumente einzusetzen).

Chomskys Haltung zu sexualisierter Gewalt und MeToo ist dabei eindeutig, worauf Tim Hjersted [26] hinweist. Auf die Frage eines Interviewers, wie die Bedingungen im Pornografie-Geschäft verbessert werden sollten, antwortete er [27] z.B.:

"Genau wie bei Kindesmissbrauch geht es nicht darum, den Missbrauch zu 'verbessern', sondern ihn zu beenden. Angenommen, es gibt ein hungerndes Kind in den Slums, und man sagt: 'Na gut, ich gebe dir zu essen, wenn du dich von mir missbrauchen lässt' […] ist das ein Argument? Die Antwort darauf lautet: Man muss die Umstände beseitigen, unter denen das Kind hungert, und dasselbe gilt auch hier. Beseitige die Umstände, unter denen Frauen keine anständigen Jobs bekommen können, und dulde kein missbräuchliches und destruktives Verhalten."

Zur MeToo-Bewegung erklärte [28] Chomsky, dass sie "aus einem realen, schwerwiegenden und tiefgreifenden Problem der sozialen Pathologie hervorgeht", und die Bewegung "dieses Problem aufgedeckt und ins Bewusstsein gerückt hat", wobei er davor warnte, "Vorwürfe als bewiesene Taten zu behandeln". Um von Chomskys Kritik an der Cancel Culture und seine Haltung zu MeToo zu erfahren, braucht man also nicht die Epstein-Files.

Heute wissen wir, dass Chomskys Annahme bis zur Verhaftung, dass Epstein ein Opfer der Cancel Culture geworden sei, falsch war. Aber diese Fehleinschätzung ist nicht Ausdruck von Frauenfeindlichkeit und Ignoranz von Missbrauch.

Sie ist das Resultat manipulativer Beeinflussung von Epstein, der Chomsky mit Informationen und Argumenten gefüttert hatte, die ihn als Opfer erscheinen ließen [29] – so dass Chomsky die Vorwürfe schließlich durch seine eigene Erfahrungsbrille als Kampagne betrachtete. Zudem war Chomsky im zwischenmenschlichen Austausch bereit, Epstein zu glauben, da er ihm vertraute. Von dieser Offenheit haben Zehntausende profitiert, mit denen er unvoreingenommen über alle möglichen Themen kommunizierte.

Letztlich ist es ähnlich absurd, zu behaupten, dass Chomsky den Massenmissbrauch von Minderjährigen akzeptierte, weil er Epstein und der Elitenclique erlegen war, wie zu meinen, dass Karl Marx ein Schössling des Kapitals gewesen sei, weil er sich von dem Kapitalisten und Betreiber einer Textilfabrik in Manchester, Friedrich Engels, finanzieren ließ.

Sicherlich kann man kritisieren, dass Chomsky den Bericht des Miami Herald Ende 2018 nicht ernst nahm und Epsteins Version folgte, wobei Chomsky eines von vielen Opfern von Epsteins Manipulationskunst geworden ist (zu den Manipulationskünsten siehe u.a. die Dokumentarfilmserie "Jeffrey Epstein: Filthy Rich [30]").

Auch hätte Chomsky Epsteins Verbrechen später ausdrücklich kritisieren können, als er vom Wall Street Journal (WSJ) im Jahr 2023 befragt wurde [31]. Aber das ist Optik, die nie Chomskys Stärke war, da er dieser Art von moralischer Signalgebung kritisch gegenüberstand. Er lehnte es auch ab, Menschen statt Taten zu verurteilen.

Aber dass er die Taten verurteilte, sobald er davon erfuhr, kann nicht bezweifelt werden. In einem Austausch nach der WSJ-Artikel antwortete er [32] auf die Frage, ob er Epstein verurteile:

"Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals eine Erklärung abgegeben zu haben, in der ich jemanden verurteilt habe, nicht einmal den schlimmsten Mörder. Wenn die Frage aufkommt, verurteile ich die Verbrechen – obwohl ich normalerweise nur ungern auf einen fahrenden Zug aufspringe und mich der Masse anschließe. Nixon war ein Monster, aber als es in Mode kam, ihn zu verurteilen, habe ich mich dem nicht angeschlossen.

In den Jahren 2015–2016 wurde er [Epstein] aus guten Gründen nicht gemieden. Er hatte Verbrechen begangen, seine Strafe verbüßt und kehrte vorurteilslos wieder in die normale Gesellschaft zurück. Das ist die vorherrschende Norm, insbesondere auf der Linken, die schon immer auf Resozialisierung gesetzt hat.

Aber auch weit darüber hinaus. Er nahm regelmäßig an Treffen teil, beteiligte sich usw., ohne dass dies besonders beachtet wurde. Nach seiner Inhaftierung gab es eine riesige Flut sehr schwerwiegender Anschuldigungen. Das ist eine andere Sache."

Eine Fehleinschätzung – aber kein Skandal

Am Ende bleibt nichts Skandalöses im Fall Chomsky-Epstein übrig, vielleicht einige Fehleinschätzungen aus Leichtgläubigkeit. Für die Linken und Progressiven ist der Chomsky-Skandal jedoch ein Desaster. Heldenhaft Empörung zu äußern, anstatt durch die faktische und moralische Komplexität zu navigieren, ist kein gutes Zeichen für den Versuch, eine starke Opposition gegen die Agenda der Mächtigen aufzubauen.

Es ist nur schwer verständlich, warum derart viele, die für eine bessere Welt kämpfen, auf die von den Mainstreammedien geschaffene Erzählung von "Gut gegen Böse" hereingefallen sind – in der allein schon der Kontakt schuldig macht. Chomsky wurde von heute auf morgen in den moralischen Abgrund gestoßen. Es erinnert an die Bibelstelle vom Jünger Petrus, der Jesus in der Nacht seiner Verhaftung dreimal verleugnete.

Was können mögliche Gründe für das Verhalten sein? Einige von denen, die Chomsky kennen bzw. nahestehen, wollten scheinbar durch Distanzierung ihr moralisches Image schützen.

Anderen ging es darum, Schäden von der Linken durch Chomskys "Prinzipienlosigkeit" und Epstein-Nähe abzuwenden. Und dann sind da diejenigen, die die Gelegenheit nutzten, mit Chomsky abzurechnen, den sie wegen seiner undogmatischen Kritik nie für links hielten. Wieder andere wissen schlicht nicht, wer Chomsky ist und was er geleistet hat – und heulen mit den Empörungswölfen.

All das ist sehr einfach, da Chomsky, 97, darauf nicht mehr antworten kann. Es darf bezweifelt werden, ob all die scharfen Kritiker ihn derart verurteilt hätten, wenn er sich selbst hätte verteidigen können.

Strategisches Versagen der Linken

Die Art, wie man auf den Chomsky-Epstein-Skandal reagierte, offenbart auch strategische Fehler. Man sprang auf den Hysterie-Zug auf, weil man meinte, in Epstein die kapitalistische Eliten-Verruchtheit zu erkennen.

Tatsächlich lief man nur einem Medienskandal hinterher, dem es nicht um Missbrauch oder politische Veränderung geht, sondern der von Sex-and-Crime-Skandalisierung sowie Promi-Sensationslust angetrieben wird und wenig bis gar nichts über die drängenden politischen und gesellschaftlichen Krisen aussagt, sondern diese vielmehr aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt. Nur zum Vergleich: "Jeffrey Epstein" erzielt über 57 Millionen Treffer bei der Google-Suche, während "Climate Crisis" knapp 16 Millionen Treffer erbringt.

Auch wurde man Opfer der eklatanten Schlagseite der Epstein-Veröffentlichungen. Die Art, wie Schwärzungen vorgenommen wurden, während bei der selektiven Freigabe der Dokumente auf die liberalen und linken Eliten (Demokraten, Elite-Universitäten, Wissenschaft usw.) fokussiert wurde, zeigt, dass die Trump-Regierung und das US-Justizministerium die Publikation bewusst als Diffamierungsinstrument einsetzten.

Doch statt das zum Thema zu machen und sich dagegen zu wehren, erfüllte man die kühnsten Träume der rechten Stimmungsmacher, in dem Linke und Progressive sich schwächten – durch eine moralische Hexenjagd auf ein "Idol", das angeblich mit dem pädophilen Elitennetzwerker kuschelte.

Privatsphäre als verratenes Prinzip

Dabei wurden Prinzipien über Bord geworfen. Denn die Verurteilung von Chomsky wegen seines Epstein-Kontakts ist nur möglich geworden durch den flagranten Bruch seiner Privatsphäre durch den Staat. Die Privatsphäre ist ein hoher Wert, der als Grundlage individueller Freiheit geschützt werden muss, was nicht zuletzt die Snowden-Enthüllungen gezeigt haben.

Die Kritiker von Chomskys privaten E-Mails teilen diese Grundhaltung auch, scheinen sie nun aber vergessen zu haben. Siehe zum Beispiel Vijay Prashad, der zusammen mit vielen Intellektuellen, darunter Chomsky, den schwedischen Datenschutzaktivisten Ola Bini verteidigte [33], der einmal sagte:

"Ich glaube fest an das Recht auf Privatsphäre. Ohne Privatsphäre können wir keine Handlungsfähigkeit haben, und ohne Handlungsfähigkeit sind wir Sklaven. Deshalb habe ich mein Leben diesem Kampf gewidmet. Überwachung ist eine Bedrohung für uns alle, wir müssen sie stoppen."

Oder nehmen wir Glenn Greenwald. Vor dem Hintergrund des NSA-Skandals erklärte er in einem TED-Talk [34], dass er jedem, der sich keine Sorgen um Eingriffe in die Privatsphäre mache, weil er nichts zu verbergen habe, sage, dass die Person ihm alle Passworte seiner Mailaccounts geben solle. Er werde dann selektiv Inhalte daraus veröffentlichen. Bisher habe sich niemand bei ihm gemeldet, so Greenwald lakonisch.

Nun durchforsten Linke und Progressive ohne Skrupel Chomskys private E-Mails, reißen sie aus dem Zusammenhang, urteilen harsch, was ihnen missfällt, als wären es öffentliche, offizielle Erklärungen, die sein politisches und intellektuelles Vermächtnis jahrzehntelanger Arbeit und Aktivismus definieren. Kein Wort über das Freiheit garantierende Recht der Privatsphäre.

Dabei lässt sich die Verletzung der Privatsphäre Chomskys und auch vieler anderer im Epstein-Fall nicht rechtfertigen. Denn es geht dabei nicht um die strafrechtliche Aufklärung von Verbrechen [35]. Warum hat man also Chomskys Privatsphäre nicht geschützt, zumindest seinen Namen geschwärzt? Soweit ich sehe, ist diese Sichtweise in Bezug auf die Epstein-Akten so gut wie nicht vorhanden. Im Gegenteil, die wahllose Veröffentlichung wird als Sieg der Wahrheit über den Sumpf der Korruption unter den Eliten gefeiert.

Ein Schaden, der über Chomsky hinausreicht

Ich befürchte, dass die "Epstein-Chomsky-Affäre" weitaus größeren Schaden anrichten könnte als die anderen Chomsky-Skandale, einschließlich den um den französischen Literaturwissenschaftler Robert Faurisson – als man Chomsky mit einer Schmutzkampagne zum Holocaust-Leugner machte, weil er es wagte [36], das Recht auf Meinungsfreiheit auch für Ansichten zu unterstützen, die man für falsch oder verwerflich hält.

Im Unterschied zum Epstein-Skandal war Chomsky aber dabei nicht persönlich involviert, auch nicht bei den Roten Khmer um Pol Pot, den serbischen Kriegsverbrechern, der Pandemie oder der demokratischen Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton, die Chomsky im Vergleich zu Donald Trump als kleineres Wahlübel ansah.

Die Verdächtigung, dass Chomsky mit den Eliten unter einer Decke steckt, vielleicht den sexuellen Missbrauch von Minderjährigen akzeptierte oder gar selbst daran beteiligt war, geht jedoch tiefer als die absurden Anschuldigungen, er sei antisemitisch, ein Leugner des Holocausts und von Völkermord, ein Clinton-Fan oder ein Covid-Faschist.

Die Linke hat insgesamt versagt und Chomsky in der Schmutzkampagne allein gelassen, ja verraten. Wobei nicht bekannt ist, wie diejenigen jenseits der medialen Kommentierungen und Social-Media-Kanäle denken, die Chomsky kennen, seine Bücher gelesen und von ihm profitiert haben.

Sicherlich würde Chomsky sagen, dass sein Ruf keine besondere Rolle spielt, sondern es darum geht, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Das ist sicherlich richtig. Aber es wäre traurig, denjenigen, die von Chomsky zu kritischem Denken inspiriert wurden, oder zukünftigen Generationen, die an politischer Analyse und Aktivismus interessiert sind, das Gefühl zu geben, dass sie mit ihrer Ansicht, Chomsky sei durch den Skandal nicht diskreditiert, allein dastehen und sie aufgrund dieser Isolation besser Abstand zu seinem Werk halten sollten.


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Links in diesem Artikel:

  1. https://unrast-verlag.de/2026/02/pressemitteilung-chomsky-epstein/
  2. https://www.nytimes.com/1979/02/25/archives/the-chomsky-problem-chomsky.html
  3. https://www.theguardian.com/us-news/2025/nov/16/jeffrey-epstein-powerful-friends
  4. https://www.counterpunch.org/2026/02/03/on-the-emails-between-jeffrey-epstein-and-noam-chomsky/
  5. https://www.theguardian.com/us-news/2026/feb/04/jeffrey-epstein-files-noam-chomsky
  6. https://scheerpost.com/2026/02/09/chris-hedges-noam-chomsky-jeffrey-epstein-and-the-politics-of-betrayal/
  7. https://epsteinweb.org/noam-chomsky/
  8. https://zeteo.com/p/naomi-klein-epstein-files-bannon
  9. https://www.youtube.com/watch?v=bFvEajDgEcA
  10. https://www.youtube.com/watch?v=xgEUAM1s6vc
  11. https://www.freitag.de/autoren/emran-feroz/noam-chomsky-und-die-epstein-akte-wenn-moralische-autoritaet-zerbricht
  12. https://www.monbiot.com/2012/05/21/2181/
  13. https://www.thenation.com/article/society/noam-chomsky-jeffrey-epstein-emails/
  14. https://znetwork.org/znetarticle/a-few-hopefully-non-redundant-ruminations-on-epstein-chomsky-and-us/
  15. https://www.filmsforaction.org/articles/chomsky-and-epstein-what-the-evidence-shows/
  16. https://znetwork.org/znetarticle/im-no-longer-waiting-for-the-storm-to-pass/
  17. https://www.harvardmagazine.com/university-news/martin-nowak-harvard-administrative-leave-epstein
  18. https://countercurrents.org/2026/02/chomsky-and-epstein-what-the-evidence-shows/
  19. https://www.reddit.com/r/chomsky/comments/1pxxqj3/what_was_known_of_epsteins_prison_sentence_and/
  20. https://www.miamiherald.com/news/politics-government/article314546750.html
  21. https://www.nytimes.com/2025/12/16/magazine/jeffrey-epstein-money-scams-investigation.html
  22. https://www.forbes.com/sites/the-wiretap/2026/02/10/jeffrey-epstein-manipulated-google-search/
  23. https://substackcdn.com/image/fetch/$s_!uBfY!,f_auto,q_auto:good,fl_progressive:steep/https%3A%2F%2Fsubstack-post-media.s3.amazonaws.com%2Fpublic%2Fimages%2F720b2afd-c1bf-4550-a5db-f1b6c472bc7d_1170x1015.jpeg
  24. https://www.aljazeera.com/news/2019/11/19/julian-assange-rape-investigation-dropped-in-sweden
  25. https://www.kontext-tv.de/de/sendungen/medien-ausser-kontrolle-wie-deutsche-gegen-fluechtlinge-mobilisiert-werden
  26. https://www.filmsforaction.org/articles/chomsky-and-epstein-what-the-evidence-shows/
  27. https://youtu.be/SNlRoaFTHuE
  28. https://znetwork.org/znetarticle/social-media-indias-aadhaar-system-metoo-and-the-left-today/
  29. https://roysreport.com/wp-content/uploads/2026/02/Epstein-files-Noam-Chompsky-emails.pdf
  30. https://www.netflix.com/tudum/articles/jeffrey-epstein-filthy-rich-documentary-news
  31. https://www.wsj.com/us-news/jeffrey-epstein-calendar-cia-director-goldman-sachs-noam-chomsky-c9f6a3ff
  32. https://www.reddit.com/r/chomsky/comments/138li4r/chomsky_on_the_more_recent_allegations_against/
  33. https://www.nationofchange.org/2019/04/24/open-letter-from-noam-chomsky-arundhati-roy-dave-eggers-pamela-anderson-and-many-more-on-behalf-of-imprisoned-tech-privacy-activist-ola-bini/
  34. https://www.ted.com/talks/glenn_greenwald_why_privacy_matters
  35. https://epsteinweb.org/noam-chomsky/
  36. https://chomsky.info/19801011/

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Elisabeth und Maria: Verwandt, verfeindet, unversöhnlich

Von Telepolis — 02. Mai 2026 um 08:00
Eine Frau in herrschaftlicher Kleidung, Kupferstich in Schwarz-Weiß

Elisabeth I. in einer späteren Illustration von Schillers Drama Maria Stuart

(Bild: Friedrich Schiller Archiv/Commons)

Zwei Königinnen, eine Insel – und ein unerbittlicher Machtkampf. Eine Besichtigung des elisabethanischen Zeitalters in Großbritannien. (Teil 1 von 5)

Königinnen, die wirklich selbst regierten, sind eher selten. Dass zwei, die miteinander verwandt waren, zur gleichen Zeit auf ein und derselben Insel herrschten und sich bis zum Tod der einen bekämpften, ist einzigartig. Die eine heiratete nie und wurde zur Virgin Queen.

Die andere heiratete dreimal und mit jeder Ehe ging es weiter bergab. Die eine war gemäßigt evangelisch die andere streng katholisch. Die eine gab sich englisch, was damals für hinterwäldlerisch gehalten wurde, die andere frankophil, was chic war. Elisabeth galt als herb, ihre Bildnisse wirken maskenhaft und künstlich, Maria wird als sehr schön beschrieben.

Ölgemälde Maria Stuarts
Darstellung Maria Stuarts aus dem 17. Jahrhundert
(Bild: Blairs Museum/Commons [1])

Elisabeth herrschte als Königin von England und Irland und beanspruchte die französische Krone und die Herrschaft über Schottland. Maria trug zeitweilig die französische und schottische Krone und beanspruchte die englische und irische. Das alles geschah auf den britischen Inseln und regte schon die Zeitgenossen auf und an. Und es beschäftigt bis heute das Interesse und die Phantasie des historisch aufgeweckten Publikums.

Das ganze Zeitalter hat einen hohen Unterhaltungswert und ist populär über Großbritannien hinaus. Im Film, in der Literatur und auf der Theaterbühne kann man dies besichtigen. Dass die Epoche nach der englischen Queen benannt wurde, zeigt schon, wer den Wettstreit der Königinnen gewonnen hat.

Vielen gelten die Herrschaftsjahre Königin Elisabeths I. als Goldene Ära, die beste Zeit, die England je hatte. Hier mischt sich der Mythos von Merry Old England in die historische Realität. Goldene Zeitalter gab es in der Frühen Neuzeit auch noch anderswo: im 16. Jahrhundert im spanischen Weltreich und im 17. Jahrhundert in den Niederlanden.

Blut, Schmutz und Gewalt

Von außen besehen, scheint alles bestens gewesen zu sein. Karl Marx, der im Londoner Exil lebte und tief in die Poren der englischen Geschichte schaute, schätzte das ganz anders ein.

Er sah in diesen Jahrzehnten den Grundstein für die Entstehung des Kapitalismus in England. Im Abschnitt über die ursprüngliche Akkumulation des Kapitals schreibt er in den 1860ern: "Wenn das Geld mit natürlichen Blutflecken auf einer Backe zur Welt kommt, so das Kapital von Kopf bis Zeh, aus allen Poren, blut- und schmutztriefend." (Kapital 1 Kap. 24).

Er bezieht sich dabei auf die gewaltsame Vertreibung der Bauern von ihrem Land, die sogenannten Einhegungen, die zu deren Verarmung und Verelendung führte. Die von den feudalen Bindungen und ihrem Land "befreiten" Bauern mussten ihre Arbeitskraft in den Manufakturen anbieten, da sie ihren Lebensunterhalt nicht mehr in der Landwirtschaft verdienen konnten.

Auf dem Gegenpol wurde Reichtum und Grundbesitz angehäuft, die als Kapital verwertet werden konnten. Das Ganze ging weniger mit Bürgerfleiß und puritanischer Sparsamkeit einher, als mit kolonialen Eroberungen, Sklaverei, Gewalt, Piraterie und Raub. Religiöser Fanatismus brutalisierte die Auseinandersetzungen auf der Insel noch.

Zwischen den Extremen

Königin Elisabeth wusste von diesen strukturellen Zusammenhängen nichts, aber sie spürte die Auswirkungen. Die wachsende Zahl der entwurzelten Bauern, die als Bettler und Landstreicher umherzogen, wurde unter den Tudors mit harten gesetzlichen Vorgehen belegt. Die verbliebenen Bauern sollten durch königliche Maßnahmen geschützt werden.

Die religiösen Differenzen zwischen Katholiken und Protestanten verschiedener Radikalität erforderten von der Krone beständiges auf Kompromisse gerichtetes Austarieren der Verhältnisse. Seit König Heinrich VIII. war der englische König, die Königin das Oberhaupt der anglikanischen Kirche. Heinrichs Lordkanzler Thomas Cromwell hatte seinem Herrn durch die Aufhebung der Klöster Ländereien und Schätze zugespielt, mit deren Weitergabe hochadlige Anhänger korrumpiert wurden.

England und Wales im Spätmittelalter
(Bild: Commons [2])

Der Papst blieb seitdem außen vor, mischte sich aber immer wieder in die englischen Angelegenheiten ein. Im Jahre 1570 griff Pius V. zu seiner schärfsten Waffe: Er bannte Elisabeth mit der Bulle Regnans in Excelsis und löste ihre Untertanen von der Treupflicht der Königin gegenüber. Die Piraterie der englischen Seeräuber, die vor allem die spanischen Edelmetallflotten angriffen, spülte Geld in die ewig klammen Kassen des Hofes.

Die katholische Hauptmacht Spanien, unterstützt von der Kurie, sah in Maria Stuart und den einheimischen englischen Katholiken die Verbündeten, die verhasste Elisabeth zu stürzen. Diese wiederum hatte in den Niederlanden, die im Aufstand gegen die spanische Krone verharrten, und den schottischen Calvinisten natürliche Bundesgenossen. Es lief auf einen großen Showdown hinaus.

Die kurze Blüte des Hauses Tudor

Die Maiden Queen Elisabeth I. heiratete nie, um ihre politische Unabhängigkeit zu wahren, und stilisierte sich als "mit ihrer Nation verheiratet". Dass mag kurzfristig außen- und innenpolitisch klug gewesen sein, auf lange Sicht führte es in die Katastrophe für das Königtum. Mit Elisabeth, die unverheiratet ohne Nachkommen blieb, starben die Tudors bereits in der dritten Generation als Herrscher aus. Mit Heinrich VII. (1485–1509), ihrem Großvater, waren sie an die Macht gekommen.

Er besiegte Richard III. und beendete die Rosenkriege zwischen den Häusern York und Lancaster. Ihr Vater, der frauenmörderische Heinrich VIII. (1509–47), hinterließ immerhin noch drei Nachkommen, die nacheinander als Eduard VI. (1547–53), Maria (1553–58) und Elisabeth I. (1558–1603) regierten.

Handschriftlicher Brief Elisabeths an ihren Bruder Eduard VI.
(Bild: Commons [3])

Elisabeths älterer Bruder, Eduard VI., der bereits 16-jährig starb, und ihre ältere Schwester Maria blieben kinderlos. Als Elisabeths Herrschaft 1603 endete, kam es mangels Tudorerben zum Dynastiewechsel zu den schottischen Stuarts, den Nachkommen der 1587 wegen Hochverrats hingerichteten Maria. Marias Sohn Jakob, bereits seit 1567 schottischer König, wurde 1603 Elisabeths Nachfolger als König von England und Irland.

Die absolutistische Politik seines Nachfolgers, seines Sohnes Karl, führte zur englischen Revolution, in deren Verlauf er 1649 den Kopf verlor. Seitdem war es mit der Macht wirklich selbst regierender Könige in England vorbei.

Maria Stuart – wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe

Es fing alles ganz harmlos an. Im Jahr ihrer Geburt 1542 wurde sie Königin von Schottland, weil ihr Vater früh verstarb. Im sechsten Lebensjahr kam sie nach Frankreich, wo sie 1558 mit dem Thronfolger Franz II. vermählt wurde. Im Jahr darauf stieg dieser Franz zum König von Frankreich auf und sie zur Königin.

Als Franzens Leben bereits 1560 endete, ging sie im Folgejahr nicht ganz freiwillig als 18-jährige Witwe zurück nach Schottland. Jetzt begannen die Probleme: Die Königin war katholisch, Schottland gespalten – es gab eine starke Fraktion calvinistischer Protestanten, das Verhältnis zu England und seiner evangelischen Herrscherin schwierig. Blieb Elisabeth von England unverheiratet und ohne Nachkommen, musste die Krone Maria Stuart zufallen, denn ihre Großmutter war eine Tudor.

Wenn es nach dem Papst, dem König von Spanien und den einheimischen Katholiken ging, war sie sogar die rechtmäßige Königin von England, denn diese sahen Elisabeth als illegitime Ketzerkönigin an.

Maria heiratet und heiratet und …

Maria wäre eine gute Partie, deshalb bewarben sich Kronenträger und Fürsten aus halb Europa um ihre Hand – vergeblich, sie verliebte sich in ihren Cousin Henry Stuart, einen katholischen Lord. Sie heirateten im Juli 1565. Die schottischen Protestanten und Elisabeth von England ärgerten sich sehr.

Binnen eines Jahres zerstritt sich das Paar. Henry Stuart erwies sich als Nichtsnutz. Im März 1566 drang er mit einigen Mitverschwörern in die Gemächer der schwangeren Königin ein und ermordete vor ihren Augen deren Sekretär David Rizzio, den sie verdächtigten, der Geliebte der Königin zu sein. Im Folgejahr wurde David Stuart, der sich Marias Zorn zugezogen hatte, umgebracht.

Den mutmaßlichen Mörder, James Hepburn, den vierten Earl of Bothwell, heiratete sie als nächstes. Das war selbst für ihre Anhänger zu viel. Es kam zum Aufstand und es fand sich keiner, der für sie ins Feld ziehen wollte. So musste Maria Stuart am 24. Juli 1567 zugunsten ihres einjährigen Sohnes, des späteren Jakob VI., abdanken. Als sie im Mai 1568 aus ihrer Haft floh und einen Aufstand anzettelte, erlitt sie eine Niederlage.

Flucht nach England

Maria floh nach England und bat Elisabeth I. um Hilfe gegen die schottischen "Rebellen". Dass die protestantische Königin von England einer Katholikin wieder auf den Thron Schottlands, dessen Regierung protestantisch und gerade mal Englandfreundlich war, verhalf, gehörte zu den weiteren Fehleinschätzungen Marias.

Sie blieb 19 Jahre in Haft und als sie anfing, gegen Elisabeth zu intrigieren, forderten Kronrat und Parlament von England vehement Marias Tod. Elisabeth sträubte sich lange – sie wollte weder am Tod einer gekrönten Königin schuld sein, noch Maria zur katholischen Märtyrerin machen. Es dauerte noch bis zum 8. Februar 1587, dann hatte das Drama ein Ende.

Literatur:

  • Ulrich Suerbaum, Das elisabethanische Zeitalter (2014).

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  3. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Elizabeth_I,_autograph_letter.jpg

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Ratten der Lüfte? Warum Stadttauben mehr Respekt verdienen

Von Telepolis — 01. Mai 2026 um 16:00
Zwei Tauben

Bild: Sheila Fitzgerald / Shutterstock.com

Stadttauben gelten als Plage – doch sie sind intelligent, geschichtsreich und ihr schlechtes Image hat einen überraschenden Grund.

Sie hinterlassen Dreck auf Dächern, auf Gebäuden und in Fußgängerzonen – in vielen Städten sind zu viele Tauben häufig Grund für Ärger. Generell gilt eine Taubenzahl von einem Prozent der Einwohnerzahl einer Stadt als innenstadtverträglich.

Doch muss jede Kommune selbst entscheiden, wie sie mit ihren Tauben umgeht. In manchen Städten versucht man, Stadttauben durch Tötungsaktionen wie Abschuss, Einfangen und anschließendes Enthaupten, Genickbruch oder Vergiften zu reduzieren oder auszurotten.

Bekannt wurde der Fall in Limburg, wo Hunderte Tauben in der Innenstadt durch einen Falkner per Genickbruch [1] getötet werden sollten. Dagegen hatte sich die städtische Initiative "Stoppt das Taubentöten [2]" gewehrt. Nach heftiger Kritik durch Tierschutzorganisationen wurde das Vorhaben schließlich gestoppt.

Der Versuch von Tierschützern, einen Teil der Tauben auf einem Gnadenhof [3] unterzubringen, scheiterte. Doch ein früherer Erlass zur Tötung von Stadttauben als "verwilderte Haustiere" durch das Hessische Umweltministerium wurde schließlich am Ende wieder aufgehoben.

Greifvögel sollen Tauben an den Kragen

Eine "strategische Ansiedlung von Greif- beziehungsweise Raubvögeln [4]" soll nun das Limburger Tauben-Problem lösen. Die Junge Union Limburg hatte dazu einen Antrag zu dieser Initiative im Ortsbeirat gestellt. Die Ansiedlung der seltenen Wanderfalken in einem neuen Jagdrevier wäre zugleich eine aktive Artenschutzmaßnahme, so das Argument.

Herbert Friedrich installiert und betreut die Nistkästen. Der Vogelschutzbeauftragte im Kreis Limburg-Weilburg bezweifelt, ob sich darin überhaupt Wanderfalken einnisten. Tatsächlich könnten die Kästen auch von anderen Vögeln genutzt werden.

Ein Wanderfalke, der seine Jungen aufzieht, könnte zwar theoretisch alle zwei Tage eine Taube fressen, doch auf seinem Speiseplan stehen auch andere Tiere. Und was ist, wenn der Greifvogel lieber außerhalb der Stadt jagt? Um den Tauben das frei zugängliche Futterangebot zu entziehen, würde Friedrich lieber das Wegwerfen von Essensresten verbieten.

Auch die Aktivisten des Stadttauben-Projektes Limburg [5]hegen starke Zweifel, ob eine Ansiedlung von Greifvögeln den Taubenbestand reduzieren kann. Der einzig nachhaltige Weg, um die Population und Kotbelastung zu verringern, seien Taubenhäuser, glauben die ehrenamtlichen Taubenschützer.

Beizjagden – ein "blutiges Spektakel"

Werden Greifvögel auf Tauben losgelassen, müsse man auch mit ansehen, wie ein Sperber oder Falke eine Stadttaube in der Luft zerfetzt. Das sei nichts für schwache Nerven, geben die Tierschützer der Wildvogelhilfe zu Bedenken. Infolge solcher Tötungsaktionen verenden Tauben qualvoll und verhungern elternlose Jungtiere. Deren verwesende Tierleichen könnten dann tatsächlich die Gesundheit gefährden.

Zudem werden eingesetzte Greifvögel als Jungtiere aus Nestern in freier Wildbahn entnommen. Diese Methode sei aus Natur- und Tierschutzgründen abzulehnen [6]. Auch Vergiftungsaktionen wie zum Beispiel durch Blausäure oder Alpha-Chloralose [7] kommen nicht in Betracht, denn sie gefährden neben anderen Vogelarten auch Katzen und Hunde.

Initiative Taubenliebe Osnabrück: Verletzte Tiere gesund pflegen

Rahel Logemann ist einmal in der Woche in der Stadt unterwegs, um die Tauben auf Haare und Fäden an den Füßen sowie nach anderen Verletzungen zu kontrollieren. Denn die Haare an den Füßen ziehen sich immer fester und können schlimmstenfalls dazu führen, dass die Tiere ihre Zehen verlieren.

Um die Tiere anzulocken, werden Sonnenblumenkerne gestreut. Sie gehört zu den rund 20 Aktiven der Initiative Taubenliebe Osnabrück [8], die sich um kranke und verletzte Tiere kümmern, gegen das schlechte Image kämpfen und aufklären wollen.

Rund 250 Tauben leben in der Stadt. Kranke Tiere nimmt die Tierschützerin mit nach Hause, füttert sie und lässt sie vom Tierarzt untersuchen. Dafür hat sie einen Sachkundenachweis. Es gebe zu wenig Menschen, die sich für Tauben einsetzen, klagt sie. Ihr Wunsch ist es, dass die Tiere in der Stadt wahrgenommen und respektiert werden – und dass nicht nach ihnen getreten wird.

Auch die Initiative in Osnabrück setzt sich aktuell für betreute Taubenhäuser ein, denn hier könnten die Tiere besser betreut und artgerecht gefüttert werden und hauptsächlich hier ihren Kot ablegen.

Damit sich die Tauben nicht weiter vermehren, tauschen die Tierschützer in einem alten Wehrturm die im frühen Entwicklungsstadium befindlichen Eier gegen Attrappen aus. Dies wäre in einem betreuten Taubenschlag deutlich einfacher.

Tauben-Alarm in Frankfurt

Ob in Unterführungen, auf Bahnhöfen, in der Fußgängerzone – die gesamte Innenstadt ist von Tauben bevölkert. Ihre Zahl wird auf 8.000 bis 15.000 geschätzt. Mit Eiertauschen und Fütterungsverbot versucht die Stadt seit Jahren, die Population in den Griff zu bekommen.

Nun prüft sie die Möglichkeit einer Vasektomie (Sterilisation): Über einen minimalen Eingriff durch den Tierarzt wird der Samenleiter der männlichen Tiere durchtrennt. Eine Sterilisation sei organisatorisch nicht leicht umzusetzen, räumt der Stadttaubenmanager Dominik Legrum ein. Doch wegen der Monogamie von Tauben habe sie das Potenzial, ein Brutpaar dauerhaft aus dem Reproduktionskreislauf herauszunehmen.

In Frankfurt gibt es bislang ein betreutes Taubenhaus, in dem sich die Tiere zum Brüten ansiedeln können. Die meisten Stadttauben leben derzeit frei unter Brücken, auf Balkonen etc, ihre Population ist deshalb weitestgehend unkontrolliert.

Langfristig soll es ein Netz betreuter Taubenhäuser geben, mit ausreichend Nahrung und Nistplätzen. Gleichzeitig könne man die Zahl der Tauben durch das so genannte Eiertauschen reduzieren. Auf ähnliche Strategien setzen die Städte Darmstadt und Kassel.

Wiesbaden: Zu viel Nachwuchs, zu wenig Futter

Ein ähnliches Vorhaben plant auch Wiesbaden [9]. Fünf Tierärzte sollen die Sterilisierung durchführen. Dafür müssen die männlichen Tiere eingefangen und operiert werden. Nach einem Tag in einer Voliere sollen die Täuber dann wieder ausgesetzt werden.

Einer aktuellen Zählung zufolge gibt es in der Stadt rund 6.000 der Vögel. Bisher habe die Stadt mit Eiertauschen durch Gipsattrappen versucht, doch das reiche nicht aus. Angesichts der wachsenden Population brauche es mittlerweile rund 30 Taubenschläge. Dazu kommt der Futtermangel. Zusätzlich zum Taubenkot fänden sich immer öfter Kadaver verhungerter Tiere auf den Straßen.

Eine gesunde Population braucht artgerechtes Futter

In den meisten Kommunen ist es bei Strafe verboten, Stadttauben zu füttern. Allerdings lässt sich das "Taubenproblem" durch ein Fütterungsverbot allein nicht in den Griff bekommen. Denn die Brutaktivität hänge keinesfalls vom Nahrungsangebot ab, betonen Experten. Stadttauben wie Haustauben sind ganzjährig fortpflanzungsbereit. Das erhöhte Brutverhalten allerdings sei durch zuchtbedingte genetische Veränderungen verursacht.

Hungrige Tauben müssen auf das zurückgreifen, was sie finden. Das kann auch vom Menschen Erbrochenes sein, etwas, was für Stadttauben höchst ungesund und sie eher krank macht. Wer auf gesunde Tauben in der Stadt Wert lege, müsse den Tieren gesundes und artgerechtes Futter zur Verfügung stellen, fordert die Wildvogelhilfe [10]. Am besten gelinge das an festen Futterplätzen oder in betreuten Schlägen, die regelmäßig gereinigt werden.

Gnadenhof Frankfurt-Oberrad: Zuflucht für verletzte und kranke Stadttauben

Auf dem Gnadenhof in Frankfurt-Oberrad [11] bekommen flugunfähige Stadttauben eine neue Chance. Auf dem 4.500 Quadratmeter großen Gelände eines ehemaligen Kleintierzuchtvereins werden bis zu 800 Tiere artgerecht gepflegt. Finanziert wird das Projekt fast ausschließlich durch Spenden.

Zum einen sollen ältere Tauben einen Ort haben, wo sie in Würde alt werden können. Zum Anderen werden kranke Tiere aufgepäppelt und in offene Volieren gesetzt, erläutert Taubenexpertin Gudrun Stürmer das Konzept [12]. Das Taubenprojekt begann etwa vor 40 Jahren, als sie eine verletzte Taube am Hauptbahnhof fand. 2023 bekam die heutige 71-jährige Taubenschützerin den Deutschen Tierschutzpreis für ihr Lebenswerk [13].

Verletzte oder kranke Tauben können direkt zum Hof gebracht werden. Wenn das nicht möglich ist, genügt ein Anruf, und sie werden abgeholt. Die Tauben leben in geschlossenen oder offenen Volieren. Aktuell entsteht auch eine neue Krankenstation.

Vielseitig, intelligent, mit außergewöhnlichem Orientierungssinn

Tauben finden immer wieder zielsicher nach Hause [14]. Zwar haben viele Zugvögel einen Magnetkompass – sie orientieren sich am Magnetfeld der Erde, an der Sonne, Geräuschen. Zusätzlich fliegen Tauben entlang von Straßen und Bahnlinien. Und sie nutzen Gerüche. So sollen Brieftauben eine innere Geruchskarte erstellen, auf Basis der sie umgebenden Umweltdüfte. So navigieren sie bis zu tausende Kilometer zu ihrem Heimatschlag zurück.

Tauben erkennen Menschen. Sie können einfache Zahlen voneinander unterscheiden und merken sich alle möglichen Arten von Mustern [15]. Sie können sich nicht nur Bilder merken, sondern ordnen diese auch den entsprechenden Stilrichtungen [16] zu.

Sie haben mehrere Dinge im Blick und können verschiedene Aufgaben nebeneinander ausführen. Ähnlich wie Schweine [17]und Krähen [18] verfügen sie über ein "Selbst-Bewusstsein". Das beweist, der sogenannte Spiegeltest: Tauben, die mit einem Farbpunkt versehen und vor einen Spiegel gestellt wurden, versuchten, den farbigen Fleck zu entfernen [19].

Tauben zählen zu den ersten Haustieren des Menschen

Zwei- bis achtmal im Jahr können Tauben Nachwuchs zeugen, in der Regel pro Brut nur zwei Eier. Als Nesthocker bleibt der Nachwuchs bis zu 36 Tage im Taubennest. Taubeneltern füttern ihre Küken mit einer nährstoffreichen Milch: Die sogenannte Kropfmilch soll eiweiß- und mineralstoffreicher sein als Kuhmilch und lässt die Jungvögel nach dem Schlupf schnell und kräftig heranwachsen. Um sie zu trinken, stecken die Küken ihren Schnabel in den Kropf der Eltern.

Bereits 5000 v. Chr. wurde die Felsentaube, von welcher die Stadttaube abstammt, in Ägypten und Mesopotamien domestiziert. Sie versorgte die Menschen mit Fleisch, Eiern und kehrte immer wieder zuverlässig zu ihrem Taubenschlag zurück.

Etwa 2500 v. Chr. wurden die ersten Brieftauben gezüchtet. Die Schweizer Armee hatte noch bis 1994 Brieftauben im Dienst. Ihr Kot diente zudem als nährstoffreicher Dünger. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wuchsen die Taubenpopulationen in den Städten an – und wurden schließlich als "Plage" wahrgenommen.


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https://www.heise.de/-11277714

Links in diesem Artikel:

  1. https://www.telepolis.de/article/Tauben-unerwuenscht-Limburg-will-Voegeln-das-Genick-brechen-9783663.html
  2. https://www.hessenschau.de/politik/tauben-toeten-in-limburg-ein-schlimmer-tag-fuer-das-tierrecht-v1,tauben-limburg-buergerentscheid-100.html
  3. https://www.hessenschau.de/panorama/limburg-will-tauben-doch-nicht-toeten--stadt-unterstuetzt-gnadenhof-plaene-v6,tauben-limburg-gnadenhof-100.html
  4. https://www.hessenschau.de/panorama/wanderfalken-sollen-tauben-problem-in-limburg-loesen--nabu-experte-skeptisch-v1,tauben-limburg-falke-100.html
  5. https://stadttaubenlimburg.wordpress.com/
  6. https://wp.wildvogelhilfe.org/vogelwissen/sonderbeitraege/stadttauben-infosammlung/kommunen-und-das-taubenproblem/
  7. https://tierheim-nea.de/alpha-chloralose/
  8. https://www.ardmediathek.de/video/hallo-niedersachsen/initiative-taubenliebe-setzt-sich-fuer-die-voegel-ein/ndr/Y3JpZDovL25kci5kZS9kNmMxNDY5NS00YjJjLTRhZmMtOWM5NS01NGU0ZGI5NjgzZmU
  9. https://www.hessenschau.de/gesellschaft/wiesbaden-will-tauben-sterilisieren-lassen-v1,tauben-wiesbaden-104.html
  10. https://wp.wildvogelhilfe.org/vogelwissen/sonderbeitraege/stadttauben-infosammlung/kommunen-und-das-taubenproblem/
  11. https://stadttaubenprojekt.de/gnadenhof-oberrad/
  12. https://www.welt.de/regionales/hessen/article69c10392f9a4badb241d1cfc/wie-ein-verein-alten-und-kranken-tauben-hilft.html
  13. https://www.welt.de/regionales/hessen/article69c10392f9a4badb241d1cfc/wie-ein-verein-alten-und-kranken-tauben-hilft.html
  14. https://www.krautundrueben.de/ratten-der-luefte-spannende-fakten-ueber-tauben-2703
  15. https://www.swr.de/swr1/rp/tauben-sind-schlaue-voegel-professor-onur-guentuerkuen-im-swr1-interview-100.html
  16. https://steady.page/de/jasminschreiber/posts/69303e3a-2068-4c93-86f2-bda3fac34342
  17. https://www.welt.de/debatte/kolumnen/zippert_zappt/article6057678/Kolumne-Zippert-zappt-Selbstbewusste-Schweine.html
  18. https://www.petbook.de/wildtiere/kraehen-bewusstsein
  19. https://verhalten.wordpress.com/2015/11/15/tauben-erkennen-sich-selbst-im-spiegel/

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