Rue statt Rust: Genauso sicher, aber leichter zugänglich
Von Heise — 05. Januar 2026 um 15:30
(Bild: rodho/Shutterstock.com)
Die Programmiersprache Rue verbindet die Vorteile von Rust mit einer einfacheren Syntax. Den Compiler dazu entwickelt das KI-Modell Claude.
Rue, eine neue, kurz vor Weihnachten vorgestellte Programmiersprache, kombiniert Speichersicherheit mit guter Performance ohne Garbage Collector. Es handelt sich um eine Weiterentwicklung von Rust, die ein ähnliches Konzept verfolgt. Rue soll jedoch gerade für Einsteiger einfacher zugänglich sein. Eine Besonderheit ist, dass der KI-Assistent Claude den Compiler (x86-64 und ARM64) für Rue entwickelt.
Konzipiert wurde Rue [1] von Steve Klabnik, der bei Ruby on Rails und Rust maßgeblich mitgewirkt hat. Er versucht, das speichersichere Borrowing-Konzept von Rust zu vereinfachen, das vielen Rust-Neulingen schwer zu verstehen fällt.
Rue verwendet affine Typen mit veränderbarer Wertesemantik. Das heißt, Entwicklerinnen und Entwickler können affine Typen nur einmal verwenden. Der Blog zeigt ein Beispiel [2]:
struct FileHandle { fd: i32 }
fn example() {
let handle = FileHandle { fd: 42 };
use_handle(handle); // handle moves here
use_handle(handle); // ERROR: value already moved
}
Kopieren ist jedoch möglich, wenn man es ausdrücklich deklariert:
@copy
struct Point { x: i32, y: i32 }
fn example() {
let p = Point { x: 1, y: 2 };
use_point(p); // p is copied
use_point(p); // OK, p is still valid
}
Ein Wert, der konsumiert werden muss, lässt sich mit linear markieren:
linear struct DatabaseTransaction { conn_id: i32 }
fn example() {
let tx = DatabaseTransaction { conn_id: 1 };
// ERROR: linear value dropped without being consumed
}
Von Zig übernimmt Rue das Konzept von Ausdrücken, die bereits der Compiler auswertet, mit der Eigenschaft comptime. Auch Typen lassen sich so erzeugen:
fn Pair(comptime T: type) -> type {
struct { first: T, second: T }
}
fn main() -> i32 {
let IntPair = Pair(i32);
let p: IntPair = IntPair { first: 20, second: 22 };
p.first + p.second
}
Klabnik arbeitet für das Umsetzen seiner Ideen mit Claude. Er hatte zwar eine Vorstellung [3] davon, wie Rue aussehen soll, ihm fehlte aber die Erfahrung im Bauen von Compilern. Diese Arbeit übernimmt die künstliche Intelligenz: „And you know what? It worked.“ Der erste Versuch, ein Programm zu kompilieren, funktionierte noch nicht, aber nach einer Debugging-Runde lief es dann.
Die Rue-Website betont, dass es sich um ein Forschungsprojekt in seinen Anfängen handelt, das nicht fertig für echte Projekte ist. Wer mitmachen möchte, findet bei GitHub Gelegenheit [4].
URL dieses Artikels: https://www.heise.de/-11129365
Links in diesem Artikel: [1] https://rue-lang.dev/ [2] https://rue-lang.dev/blog/week-two-and-beyond/ [3] https://rue-lang.dev/blog/the-story-of-rue-so-far/ [4] https://github.com/rue-language/rue [5] mailto:who@heise.de
Die Produktwerker: Forecasting mit der Monte-Carlo-Simulation
Von Heise — 05. Januar 2026 um 10:06
(Bild: Die Produktwerker)
Thema dieser Podcastfolge ist die Monte-Carlo-Simulation. Mit ihr lassen sich wahrscheinliche Termine aus historischen Daten ableiten.
Die Monte-Carlo-Simulation hilft in der Produktentwicklung dabei, Prognosen realistischer zu machen. Nicht als harte Zusage, sondern als Blick auf Wahrscheinlichkeiten und damit auf das Risiko, das in komplexer Arbeit fast immer mitschwingt. Zeit also, sich tiefer damit auseinanderzusetzen, weshalb Dominique Winter in dieser Folge mit dem Flight Levels und Kanban Coach Felix Rink aus Köln spricht.
Fundierte Vorhersagen in der Produktentwicklung
Gemeinsam starten sie bei der Frage, wann etwas fertig ist und wie belastbar so eine Aussage eigentlich ist, wenn Teams in unsicheren Umfeldern arbeiten. Von dort geht es zur Idee hinter der Monte-Carlo-Simulation. Sie ist überraschend simpel. Vergangene Ergebnisse geben Hinweise darauf, wie sich Arbeit vermutlich auch künftig verteilen wird. Statt eine einzelne Zahl zu versprechen, entsteht eine Bandbreite. Fertigstellungen aus der Vergangenheit werden in vielen Durchläufen immer wieder neu kombiniert, bis ein Muster sichtbar wird. Manche Ergebnisse tauchen oft auf, andere sind selten.
Genau diese Verteilung ist in der Produktentwicklung hilfreich, weil Schwankungen zum Tagesgeschäft gehören. Schnell wird klar, dass es weniger um exakte Termine geht als um ein besseres Gefühl für Risiko. Die Simulation zeigt, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein bestimmter Arbeitsumfang in einem bestimmten Zeitraum wirklich erreichbar ist. Das verändert, wie über Planung gesprochen wird. Zusagen werden zu bewussten Entscheidungen über Risiko und nicht zu Versprechen, die später unter Druck verteidigt werden müssen. Für Product Owner ist das besonders wertvoll, weil Gespräche mit Stakeholdern dadurch sachlicher werden und Erwartungen besser eingeordnet werden können.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf den Daten. Entscheidend ist nicht, möglichst weit zurückzugehen, sondern eine Vergangenheit zu wählen, die der erwarteten Zukunft ähnelt. Kurze Zeiträume mit ausreichend vielen Datenpunkten liefern oft bessere Prognosen als lange Historien, in denen Sondereffekte alles verzerren. Auch eine feinere Betrachtung auf Tagesbasis kommt zur Sprache, weil sich Forecasts damit schneller aktualisieren lassen und Veränderungen im System früher auffallen.
Monte-Carlo-Simulation als laufendes Werkzeug
Spannend wird es dort, wo die Monte-Carlo-Simulation nicht als einmaliger Schritt verstanden wird, sondern als laufendes Werkzeug. Neue Erkenntnisse, zusätzliche Arbeit oder geänderte Rahmenbedingungen fließen direkt in den nächsten Forecast ein. So entsteht ein kontinuierlicher Abgleich zwischen Realität und Erwartung. Das unterstützt aktives Risikomanagement und hilft Teams, Prioritäten immer wieder neu auszurichten, ohne jedes Mal bei null anfangen zu müssen.
Am Ende geht der Blick über die klassische Fertigstellungsfrage hinaus. Überall dort, wo vergangenes Verhalten brauchbare Hinweise auf die Zukunft gibt, kann Monte Carlo helfen, Unsicherheit greifbar zu machen. In der Produktentwicklung ist das oft genau die Art von Pragmatismus, die fehlt. Nicht kompliziert, aber deutlich verlässlicher als Bauchgefühl.
Betriebssystem: Microsoft hat Telefonaktivierung für Windows entfernt
Von Oliver Nickel — 05. Januar 2026 um 16:53
Die Bandansage am Telefon verweist nur noch auf eine Webseite. Damit wird eine der wenigen Offline-Aktivierungen für Windows abgeschaltet.
Die Windows-Aktivierung mittels Telefon leitet nur noch auf eine Online-Aktivierung weiter.Bild:
Pixabay.com / Pixabay-Inhaltslizenz
Microsoft hat offenbar eine weitere Methode abgeschaltet, um Windows ohne eine Internetverbindung aktivieren zu können. Wenn User das Betriebssystem über die Telefonaktivierung freischalten wollen, hören sie stattdessen über eine Bandansage: "Der Support für die Aktivierung befindet sich jetzt online."
Es ist nicht mehr möglich, einen Windows-PC per Telefon zu aktivieren. Das gilt laut des Magazins Neowin für Windows 11, Windows 10 und für das lange nicht mehr unterstützte Windows 7. Der Autor Günter Born des Blogs Born City konnte das auch für den deutschsprachigen Raum überprüfen , nachdem es erste Berichte von US-Medien gab, dass Microsoft diese Aktivierungsmethode abgeschaltet hat.
Bei der Online-Produktaktivierung handelt es sich um eine simple Webseite, die User durch die Windows-Aktivierung führt. Dafür werden zwei Dinge benötigt: eine Internetverbindung, außerdem müssen sich User mit einem Microsoftkonto anmelden. Nicht jeder hat beides.
Support-Beitrag gibt Telefonaktivierung weiterhin an
Die Telefon-Hotline war eine der wenigen verbliebenen Methoden, um Windows offline zu aktivieren. Inoffiziell gibt es weitere Methoden, etwa indem während der Windows-Installation Schritte mittels Installationskonsole übersprungen werden.
Allerdings ist nicht einmal klar, dass die Telefonmethode deaktiviert wurde. In einem Blog-Post für die Windows-Aktivierung wird sie weiterhin aufgeführt . Laut des Posts können Nutzer das selbst mit Windows 11 nach wie vor ausführen. Dazu sollen sie die Run-Konsole öffnen und den Befehl Slui 4 ausführen. Dann wird der Aktivierungs-Wizard gestartet.
Anzeige: Samsung Galaxy S10 FE+ Tablet günstig wie nie bei Amazon
Von Erik Körner — 05. Januar 2026 um 16:42
Markentechnik zum Witzpreis: Amazon verkauft das Samsung Galaxy S10 FE+ Tablet mit Stift mit knapp 100 Euro Rekord-Rabatt.
Das Samsung Galaxy S10 FE+ Tablet mit Stift zum neuen Tiefstpreis im Amazon-AngebotBild:
Amazon.de/Samsung/Golem
In Deutschland liebt man Samsung-Produkte. Laut Statista verkauft hierzulande kein anderer Hersteller mehr Android-Smartphones. Und laut tvfindr gibt es in den meisten Haushalten Fernseher des Tech-Giganten aus Südkorea. Ähnlich sieht es bei Tablets aus: Viele der meistverkauften und am häufigsten empfohlenen Tablets sind von Samsung. Eines davon, das Samsung Galaxy S10 FE+ (8+128 GByte) ist samt Stift derzeit bei Amazon zu seinem bisher niedrigsten Preis mit knapp 100 Euro Rabatt erhältlich. Wegen der hohen Nachfrage empfehlen wir, schnell zu handeln.
Das bietet das Samsung Galaxy S10 FE+ Tablet
Das Samsung Galaxy S10 FE+ ist mit einem 13 Zoll großen IPS-Display ausgestattet. Der Bildschirm stellt Inhalte mit einer Auflösung bis zu 1800 x 2880 Pixel und flüssigen 90 Hz Bildwiederholrate dar. Als Prozessor dient dem Android-Tablet ein Exynos 1580 mit 8 Kernen. Laut Hersteller eignet sich die CPU für Browsing, Gaming, Kreativarbeiten; gepaart mit den 8 GByte RAM erlaubt sie müheloses Multitasking. Es stehen 128 GByte interner Speicher zur Verfügung, die per MicroSD-Karte auf bis zu 2 TByte erweitert werden können. Android 15 ist installiert.
Dem Samsung Galaxy S10 FE+ liegt ein Stift bei. Der S-Pen erlaubt es, bequem handschriftliche Notizen anzufertigen, Texte zu markieren und Passagen hervorzuheben oder Bildinhalte einzukreisen, um sie per Google zu finden – ohne Screenshots. Der smarte Stift eignet sich auch zum Zeichnen, das Samsung Galaxy S10 FE+ kann in ein Zeichentablet verwandelt werden.
Optisch erinnert das Gerät an die Konkurrenz von Apple. Das schlanke graue Gehäuse misst rund 300 x 195 x 6 mm, der Rahmen und die Rückseite bestehen aus Aluminium, die Vorderseite ist mit Glas überzogen. Zwei Kameras, eine 13-MP-Haupt- und eine 12-MP-Selfiekamera, erlauben Videoaufnahmen und -übertragungen in bis zu 4K bei 30 Bildern pro Sekunde. Für den sicheren Outdoor-Einsatz ist es gemäß IP68 vor Wasser und Staub geschützt.
Samsung bei Amazon: Galaxy-Tablets und mehr zum Sparpreis sichern
Das Samsung Galaxy S10 FE+ Tablet mit Stift ist bei Amazon um 18 Prozent reduziert. Die Variante mit 8+128 GByte Speicher kostet 470,80 Euro statt der unverbindlichen Preisempfehlung von 573,17 Euro. Der Rabatt gilt ausschließlich für die Farbe Silber.
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Samsung Galaxy S10 FE+ AI-Tablet, Android Tablet, 128 GB Speicher, 8 GB RAM, 33,28 cm/13,1" Display, Inkl. S Pen, Wi-Fi, Lange Akkulaufzeit, Gray, 36 Monate Herstellergarantie [Exklusiv auf Amazon]
Derzeit gibt es bei Amazon Angebote für weitere Samsung-Artikel, zum Beispiel für QLED-Fernseher, das Galaxy Tab S11 oder Armbänder für Galaxy Watches. Man spart bis zu 68 Prozent gegenüber der unverbindlichen Preisempfehlung. Hier geht es zur Übersicht aller reduzierten Produkte, stöbern lohnt sich.
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Tablets, Fernseher und mehr von Samsung bis zu 68 Prozent reduziert
Dieser Artikel enthält sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf der Produkte über diese Links erhält Golem eine kleine Provision. Das ändert nichts am Preis der Artikel.
Nach illegalem Spotify-Back-up: Anna´s Archive verliert .org-Domain
Von Mike Faust — 05. Januar 2026 um 16:33
Wie die Betreiber von Anna´s Archive betonen, hat die Sperrung nichts mit dem 300 Terabyte großen Back-up von Spotify zu tun.
Die Public Interest Registry verwaltet .org-Domains.Bild:
Public Interest Registry
Das Internetarchiv Anna´s Archive ist nicht mehr über die Hauptdomain annas-archive.org zu erreichen. Laut dem Newsportal Torrentfreak wurde der Status der Domain auf Serverhold gesetzt; das erfolge üblicherweise vonseiten der zuständigen Domainregistrierungsstelle.
In einem Reddit-Beitrag teilten die Betreiber der Webseite mit, dass andere Domains weiterhin funktionieren. Es seien auch weitere Domains hinzugefügt worden. Eine solche Sperrung komme häufiger vor und man glaube nicht, dass dies mit dem kürzlich von Anna`s Archive durchgeführten Back-up von Spotify zusammenhänge, heißt es weiter.
.org-Domains nur selten von Sperrungen betroffen
Neben dem selbsterklärten Ziel, Bücher und Artikel für die breite Öffentlichkeit bereitzustellen, bietet Anna's Archive die vorhandene Bibliothek auch KI-Forschern zum Training ihrer Modelle an.
Wie Torrentfreak schreibt, kommt es allerdings nur selten vor, dass .org-Domains von Sperrungen betroffen sind, da die gemeinnützige Public Interest Registry (PIR), die diese Domains verwaltet, sich bislang immer weigerte, Domains freiwillig zu sperren.
Weitere Klage von Rechteinhabern
Dass annas-archive.org nun gesperrt wurde, lasse daher darauf schließen, dass die Maßnahme durch eine gerichtliche Anordnung gedeckt sei, heißt es weiter. Es sei möglich, dass Rechteinhaber auf das Spotify-Back-up mit einer einstweiligen Verfügung gegen die Webseite reagiert haben.
Es könne sich aber auch um eine Maßnahme handeln, die durch den aktuellen Rechtsstreit mit dem gemeinnützigen Bibliothekendienstleister Online Computer Library Center (OCLC) veranlasst wurde. Anna's Archive hatte Daten aus der WorldCat-Datenbank von OCLC heruntergeladen, was zu einer Klage von Rechteinhabern gegen das Internetarchiv führte.
Jetzt patchen! Attacken auf Adobe ColdFusion und Fortinet-Firewalls beobachtet
Von Heise — 05. Januar 2026 um 09:45
(Bild: Gorodenkoff/Shutterstock.com)
Derzeit haben es Angreifer auf eine fünf Jahre alte Sicherheitslücke in Fortinet-Firewalls abgesehen. Die Lücken in ColdFusion sind ebenfalls älter.
Aufgrund von zurzeit laufenden Attacken sollten Admins ihre Adobe-ColdFusion-Instanzen und ihre Fortinet-Firewalls auf den aktuellen Stand bringen. Die ausgenutzten Sicherheitslücken sind in beiden Fällen bereits seit mehreren Jahren bekannt, aber offensichtlich wurden die Sicherheitspatches bislang nicht flächendeckend installiert. Was Angreifer nach erfolgreichen Attacken konkret anstellen, ist derzeit nicht bekannt.
Unter bestimmten Bedienungen können Angreifer die Zwei-Faktor-Authentifizierung (2FA) umgehen und sich so Zugriff auf Instanzen verschaffen. In der Warnmeldung listen die Entwickler bedrohte Konfigurationen auf. Außerdem finden Admins dort Hinweise, an denen sie bereits erfolgreich attackierte Systeme erkennen können. Dagegen sind die FortiOS-Versionen 6.0.10, 6.2.4 und 6.4.1 abgesichert.
In welchem Umfang die Angriffe ablaufen und wer dahintersteckt, ist derzeit unklar. Sicherheitsforscher von Shadowserver zeigen auf, dass derzeit noch mehr als 10.000 ungepatchte Instanzen über das Internet erreichbar sind.
Sicherheitslücken-Paket
Sicherheitsforscher von Greynoise haben in einem Beitrag [4] Attacken auf Adobe ColdFusion dokumentiert. Dabei setzen die Angreifer an verschiedenen Lücken an, die größtenteils aus 2023 stammen. Im schlimmsten Fall führen Angreifer ohne vorherige Authentifizierung Schadcode aus der Ferne aus.
In dem Beitrag finden Admins konkrete Hinweise wie IP-Adressen, an denen sie attackierte Instanzen erkennen können. Admins sollten sicherstellen, dass ColdFusion auf dem aktuellen Stand ist. Der Großteil der attackierten Systeme findet sich in den USA. In Deutschland haben die Sicherheitsforscher eigenen Angaben zufolge 100 Attacken dokumentiert.
Plex Media Server: Noch ungepatchte Zugriffsschwachstellen
Von Heise — 05. Januar 2026 um 08:20
(Bild: Sashkin/Shutterstock.com)
Im Plex Media Server klaffen Sicherheitslecks, durch die Angreifer sich unbefugt Zugriff verschaffen können. Updates stehen aus.
Im Plesk Media Server hatten die Entwickler im August eine Sicherheitslücke geschlossen. Kurz darauf gemeldete Zugriffssicherheitslecks haben sie offenbar jedoch noch nicht ausgebessert. Nutzerinnen und Nutzer sollten daher die Zugriffsmöglichkeiten sicherheitshalber einschränken.
In den am Wochenende veröffentlichten Schwachstellenmeldungen weist der Entwickler Luis Finke [1] darauf hin, dass die Authentifizierungsschwachstelle CVE-2025-34158 (CVSS 8.5, Risiko „hoch“) zwar mit Version 1.42.1 vom Plex Media Server im August geschlossen wurde [2]. Jedoch stehen flankierende Sicherheitslücken in der Zugriffstoken-Verwaltung weiterhin offen und stellen ein Risiko dar. Sie ermöglichen persistenten unautorisierten Zugriff, Rechteausweitung und erzeugen Probleme beim Zurückziehen kompromittierter Zugangsdaten.
Am schwersten wiegt demnach eine Lücke in Plex Media Server bis einschließlich der aktuellen Version 1.42.2.10156 vom September, durch die Angreifer sich mit einem temporären Zugangstoken durch einen Aufruf von „/myplex/account“ einen permanenten Zugangstoken verschaffen können (CVE-2025-69414 [3], CVSS 8.5, Risiko „hoch“). Ein ähnlicher Aufruf, jedoch mit einem Geräte-Token, prüft nicht korrekt, ob das Gerät überhaupt mit einem Konto verknüpft ist (CVE-2025-69415 [4], CVSS 7.1, Risiko „hoch“).
Schwachstellen im plex.tv-Backend
Zwei weitere Sicherheitslücken betreffen das plex.tv-Backend bis einschließlich der Version vom 31.12.2025. Ein nicht-Server-Geräte-Token kann andere Token aus „clients.plex.tv/devices.xml“ abgreifen, die für anderweitige Zugriffe vorgesehen sind (CVE-2025-69416 [5], CVSS 5.0, Risiko „mittel“). Selbiges gelingt über einen „shared_servers“-API-Endpunkt (CVE-2025-69417 [6], CVSS 5.0, Risiko „mittel“).
Da noch keine Aktualisierungen bereitstehen, die die teils hochriskanten Sicherheitslücken stopfen, sollten Plex-Nutzerinnen und -Nutzer die Zugriffe auf den Server auf vertrauenswürdige Adressen beschränken.
URL dieses Artikels: https://www.heise.de/-11128582
Links in diesem Artikel: [1] https://github.com/lufinkey/vulnerability-research/blob/main/CVE-2025-34158/README.md [2] https://www.heise.de/news/Plex-Mediaserver-Entwickler-raten-zu-zuegigem-Sicherheitsupdate-10538755.html [3] https://nvd.nist.gov/vuln/detail/CVE-2025-69414 [4] https://nvd.nist.gov/vuln/detail/CVE-2025-69415 [5] https://nvd.nist.gov/vuln/detail/CVE-2025-69416 [6] https://nvd.nist.gov/vuln/detail/CVE-2025-69417 [7] https://pro.heise.de/security/?LPID=45883_HS1L0001_33064_999_0&wt_mc=intern.fd.secuirtypro.Aktionsende25.disp.disp.disp [8] mailto:dmk@heise.de
Fettgewebe: Die unterschätzte Hormonfabrik des Körpers
Von Uwe Kerkow — 04. Januar 2026 um 21:39
Uwe Kerkow
Lichtmikroskopische Aufnahme von Fettzellen unter der Haut (rechte Bildhälfte). Foto: BioFoto, shutterstock
Fettgewebe produziert über 100 Hormone und steuert weit mehr als nur das Gewicht – es merkt sich sogar jede Diät.
Normalgewichtige Männer bestehen zu 15 bis 20 Prozent aus Fett, Frauen sogar zu etwa 30 Prozent. Das entspricht bei einem durchschnittlichen Erwachsenen rund 22 Kilogramm einer cremig-gelben Substanz - genug, um 446 Kerzen daraus zu gießen oder ein Schlafzimmer damit zu streichen.
Lange Zeit galt Körperfett nur als passiver Energiespeicher und unerwünschter Ballast. Doch diese Sichtweise ist grundlegend falsch, sagen Forscher heute. Das Fettgewebe ist das größte endokrine Organ [1] des menschlichen Körpers und arbeitet wie eine riesige Hormondrüse.
"Die Fettzellen eines körperlich aktiven, gesunden Menschen schützen vor Entzündungen und vor Infektionen. Sie tragen dazu bei, dass wir gesund bleiben", erklärt [2] Dietrich Rothenbacher, Epidemiologe am Deutschen Zentrum für Altersforschung in Heidelberg, gegenüber wissenschaft.de [3].
Fettgewebe: Mehr als nur ein Speicher
Das Fettgewebe ist weit komplexer als weithin angenommen. Wissenschaftler unterscheiden verschiedene Gewebearten [4]: Weißes Fettgewebe dient primär der Energiespeicherung. Braunes Fettgewebe, das vor allem bei Säuglingen vorkommt, kann durch die Verbrennung von Fettsäuren Wärme erzeugen. Beiges Fettgewebe kann nach körperlicher Anstrengung oder Kälteeinwirkung [5] von der Speicherung zur Wärmeproduktion wechseln.
Zusätzlich gibt es funktionale Unterschiede [6]: Speicherfett lagert Triglyzeride als Energieträger ein, während Baufett wichtige mechanische Eigenschaften hat – beispielsweise als Polster in der Fußsohle oder als Schutz für innere Organe.
Das Fettgewebe besteht jedoch nicht nur aus Fettzellen. Es enthält auch Immunzellen, Nervenfasern und Blutgefäße, die zu seiner überraschenden und lebenswichtigen Kommunikationsfähigkeit beitragen.
Die hormonelle Funktion des Fettgewebes
Fast jede Woche entdecken Wissenschaftler neue Substanzen, die das Fettgewebe produziert. Inzwischen sind über 100 Hormone und Botenstoffe bekannt, die Fettzellen in den Körper entsenden. Diese sogenannten Adipokine regulieren Hunger und Sättigung, den Blutzuckerspiegel [7] und sogar das Immunsystem.
Das bekannteste dieser Hormone ist Leptin. Es wird proportional zur Fettzellmasse ausgeschüttet und informiert das Gehirn über die vorhandenen Energiereserven. Sind die Fettspeicher gefüllt, steigt der Leptinspiegel und dämpft den Appetit. Bei Gewichtsverlust fällt er ab, was Hunger auslöst und den Energieverbrauch senkt.
Manche Botenstoffe werden ausschließlich vom Fettgewebe gebildet, beispielsweise Adiponektin, welches vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen [8] und Diabetes schützt. Das Fettgewebe kommuniziert aber nicht nur chemisch: Nervenfasern durchziehen das Gewebe und ermöglichen eine direkte, schnelle Verbindung zum Gehirn.
"Die Nervenversorgung im Fettgewebe ermöglicht eine bidirektionale und schnelle Kommunikation mit dem Gehirn", erklärt [9] Kristy Townsend, Neurowissenschaftlerin an der Ohio State University im New Scientist.
Funktion für die Fruchtbarkeit: Warum Fettgewebe unverzichtbar ist
Besonders für Frauen ist Körperfett überlebenswichtig. Damit die Menstruation einsetzt und Frauen Kinder gebären können, benötigen sie einen Körperfettanteil von mindestens 22 Prozent. Liegt er darunter, schaltet der Körper auf Sparflamme und stellt die Fortpflanzungsfunktion ein.
Verantwortlich dafür ist das Hormon Leptin, das in den Fettzellen gebildet wird und für die Reifung der Eizellen sorgt. "Ohne Leptin kann eine Frau nicht schwanger werden", betont Susanne Klaus, Energiestoffwechselexpertin am Deutschen Institut für Ernährungsforschung.
Bei stark untergewichtigen Frauen bleibt die Menstruation häufig aus, weil es ihnen an Körperfett und damit an Leptin mangelt. Auch Leistungssportlerinnen sind betroffen: Viele Weltklasse-Athletinnen und Balletttänzerinnen können aufgrund zu geringer Fettreserven nicht schwanger werden.
Traditionelle Kulturen haben diesen Zusammenhang schon lange erkannt. In vielen traditionellen Kulturen gelten wohlbeleibte Frauen als schön, da dickere Mädchen früher geschlechtsreif werden und somit Hoffnung auf baldigen Nachwuchs geben.
Wenn das Fettgewebe seine Funktion verliert
Problematisch wird es, wenn das Fettgewebe seine Funktion nicht mehr erfüllen kann. Entscheidend ist dabei nicht nur die Menge, sondern vor allem die Verteilung des Fetts im Körper.
Gefährlich ist insbesondere das viszerale Fett, das die inneren Organe umgibt. Dieses Bauchfett produziert vermehrt entzündungsfördernde Substanzen und ist mit einem erhöhten Risiko für Stoffwechselstörungen, Herz-Kreislauf-Probleme und bestimmte Tumorerkrankungen verbunden. Unterhautfett an Oberschenkeln oder Gesäß ist dagegen weitgehend harmlos.
Bei starkem Übergewicht [10] können sich die Fettzellen so stark vergrößern, dass ihre Blutversorgung nicht mehr ausreicht. Gestresst und unterversorgt setzen sie Entzündungsmoleküle als Notsignale frei und rufen Immunzellen herbei, um geschädigte Zellen abzubauen.
Diese eingewanderten Immunzellen verstärken die Entzündung, deren Auswirkungen weit über das Fettgewebe hinausreichen. Ihre chemischen Signale beeinträchtigen die Wirkung von Insulin und erhöhen so das Risiko für Diabetes. Sie stehen sogar im Zusammenhang mit kognitiven Veränderungen wie Gedächtnis- und Aufmerksamkeitsproblemen.
Das Gedächtnis des Fettgewebes: Der Jojo-Effekt
Besonders frustrierend für Abnehmwillige [11]: Das Fettgewebe scheint ein hartnäckiges Gedächtnis zu besitzen. Selbst nach erfolgreichem Gewichtsverlust kehren die Pfunde oft zurück – der berüchtigte Jojo-Effekt [12].
Ferdinand von Meyenn von der ETH Zürich vermutet, dass chemische Marker auf den Genen der Fettzellen dafür verantwortlich sind. Seine Experimente zeigen, dass Übergewicht dauerhafte epigenetische Veränderungen hinterlässt, die auch nach dem Abnehmen bestehen bleiben.
Auch Fettabsaugung ist keine Dauerlösung. Studien zeigen, dass das entfernte Fett oft an anderen, möglicherweise problematischeren Stellen wieder auftaucht. Wer Unterhautfett absaugen lässt, bekommt langfristig vielleicht mehr viszerales Fett – und ist dann schlechter dran als vorher.
Fettgewebe verstehen: Funktion statt Feind
Die neuen Erkenntnisse über das Fettgewebe fordern ein Umdenken. Statt Körperfett pauschal zu verteufeln, sollten wir es als das anerkennen, was es ist: ein lebenswichtiges Organ, das mit dem Rest des Körpers kommuniziert.
Das Ziel kann es daher nicht sein, Fett zu eliminieren, sondern es wieder in Harmonie mit dem Rest des Körpers zu bringen. Denn wenn es richtig funktioniert, hilft es dabei, den ganzen Körper gesund zu halten.
Dieser Artikel erschien auf Telepolis zuerst am 01. Dezember 2025.
URL dieses Artikels: https://www.heise.de/-11097587
Die gesetzlichen Krankenkassen bieten umfangreiche Krebsfrüherkennung kostenfrei an. Doch die Teilnahme ist gering – obwohl frühe Diagnosen Leben retten.
Nur jede zweite Frau über 20 Jahren und jeder fünfte Mann über 45 Jahren nutzt die kostenlosen Untersuchungen zur Krebsfrüherkennung, die von den gesetzlichen Krankenkassen angeboten werden. Diese Zahlen nennt [1] das Onko-Portal, ein Informationsdienst für Krebspatienten. Dabei können bei früher Entdeckung bei manchen Krebsarten neun von zehn Erkrankten geheilt werden.
Die geringe Nutzung der Vorsorgeangebote hat gravierende Folgen: In Deutschland erkranken jährlich etwa 4.500 Frauen an Gebärmutterhalskrebs und bei 1.500 Patientinnen nimmt sie einen tödlichen Verlauf. Bei Darm- oder Gebärmutterhalskrebs können bereits die Vorstufen einer bösartigen Gewebeveränderung entdeckt und entfernt werden, sodass sich Krebs gar nicht erst entwickeln kann.
Unwissen über kostenlose Leistungen
Ein wesentlicher Grund für die geringe Teilnahme ist mangelndes Wissen über die verfügbaren Leistungen. Eine Studie von 2015 zeigte, dass die Hälfte von gut 1.000 Befragten nicht wusste, dass das Hautkrebsscreening von den deutschen gesetzlichen Krankenkassen für alle Versicherten ab dem 35. Lebensjahr alle zwei Jahre übernommen wird.
Dabei sind die Erfolge der Früherkennung messbar: Das Brustkrebsscreening führt seit seiner Einführung 2005 zu einer Abnahme fortgeschrittener Tumorstadien. Die nach Alter berechnete Mortalitäten durch Krebserkrankungen gingen im letzten Jahrzehnt bei Männern um 17 Prozent und bei Frauen um elf Prozent zurück. Die größten Verbesserungen in den Überlebensraten gab es bei Brustkrebs, Darmkrebs und Prostatakrebs – alles Krebsarten mit etablierten Vorsorgeprogrammen.
Umfassendes Angebot ab der Lebensmitte
Das gesetzliche Vorsorgeprogramm [2] bietet verschiedene Untersuchungen je nach Alter und Geschlecht. Ab dem 35. Lebensjahr können sich Frauen und Männer alle zwei Jahre von einem Hautarzt oder speziell geschulten Allgemeinmediziner auf verdächtige Hautveränderungen untersuchen lassen. Dabei wird die Haut am gesamten Körper, einschließlich des Kopfes, kontrolliert.
Ebenfalls ab 35 Jahren steht alle drei Jahre ein allgemeiner Gesundheits-Check [3] zur Verfügung. Dieser umfasst eine Ganzkörperuntersuchung mit Blutdruckmessung, Blutproben zur Ermittlung der Blutzucker- und Cholesterinwerte sowie eine Urinuntersuchung. Doch nur 17 Prozent aller Frauen und Männer nutzen diese Möglichkeit.
Für Männer ab 45 Jahren gibt es jährlich eine Tastuntersuchung der Prostata vom Enddarm aus sowie eine Untersuchung der regionären Lymphknoten. Ab 65 Jahren haben Männer zusätzlich Anspruch auf eine einmalige Ultraschalluntersuchung zur Früherkennung von Bauchaortenaneurysmen.
Darmkrebs und geschlechtsspezifische Unterschiede
Bei der Darmkrebsfrüherkennung gibt es derzeit noch unterschiedliche Altersgrenzen für Männer und Frauen. Männer können bereits ab 50 Jahren zwischen einer Untersuchung ihres Stuhls und einer Darmspiegelung wählen. Frauen haben diese Wahlmöglichkeit erst ab 55 Jahren.
Das Bundesgesundheitsministerium kündigt jedoch eine Angleichung an: Demnächst sollen alle Versicherten ab 50 Jahren zwischen einer Früherkennungs-Darmspiegelung und einem Stuhlbluttest wählen können. Die Darmspiegelung hat den Vorteil, dass verdächtige Bereiche nicht nur entdeckt, sondern auch sofort entfernt werden können.
Für Frauen gibt es spezielle Programme [4] zur Brustkrebsfrüherkennung: Ab 30 Jahren jährlich eine Tastuntersuchung der Brust und der Achselhöhlen durch den Frauenarzt. Vom 50. bis zum 75. Lebensjahr werden Frauen alle zwei Jahre automatisch zur Mammographie eingeladen. Diese Röntgenuntersuchung der Brust gilt als die effektivste Methode für ein Brustkrebsscreening.
Kritische Stimmen und Risiken
Nicht alle Experten sehen die Früherkennung ausschließlich positiv. Problematisch sind vor allem falsche positive Befunde, die Patienten bis zur nachfolgenden Untersuchung mit großer psychischer Belastung allein lassen.
Eine Cochrane-Analyse [5] zum Brustkrebsscreening zeigt das Dilemma: Für jede Frau, die durch Früherkennung gerettet wurde, wurden zehn überdiagnostiziert und -therapiert. Überdiagnose bedeutet dabei das Entdecken von Gewebeveränderungen, die zwar der pathologischen Definition eines Tumors entsprechen, sich jedoch nicht zu einem lebensbedrohlichen Tumor entwickeln.
Aufklärung ist der Schlüssel
Experten plädieren für ein größeres Bewusstsein und Verantwortungsgefühl dem eigenen Körper gegenüber. Der Bedarf an gezielten Aufklärungsmaßnahmen scheint groß zu sein. Dies könnte in Form von erweiterten Einladungsverfahren oder Werbekampagnen umgesetzt werden.
Wichtig ist überdies, dass die Patienten bereits im Voraus einer Früherkennungsuntersuchung darüber nachdenken sollten, wie sie einen positiven Befund aufnehmen würden und darauf reagieren (können). Die Vor- und Nachteile der Vorsorgeuntersuchungen sollten abgewogen werden, um die Entscheidung für oder gegen die Untersuchungen bewusst und gezielt treffen zu können.
URL dieses Artikels: https://www.heise.de/-11128198
Links in diesem Artikel: [1] https://www.onko-portal.de/basis-informationen-krebs/vorsorge-und-frueherkennung/krebsfrueherkennung.html [2] https://www.bundesgesundheitsministerium.de/krebsfrueherkennung.html [3] https://www.krankenkassen.de/gesetzliche-krankenkassen/leistungen-gesetzliche-krankenkassen/gesetzlich-vorgeschriebene-leistungen/gesetzliche-krankenkassen-Vorsorgeuntersuchungen/ [4] https://www.onko-portal.de/basis-informationen-krebs/vorsorge-und-frueherkennung/krebsfrueherkennungsuntersuchungen-fuer-frauen.html [5] https://www.cochrane.org/de/evidence/CD001877_screening-breast-cancer-mammography
Neue Hauptversion Spring Shell 4.0 markiert Meilenstein
Von Heise — 04. Januar 2026 um 17:21
(Bild: LeManna / Shutterstock.com)
Das Release nutzt das Open-Source-Projekt JSpecify für Null Safety und gestaltet die Architektur modularer, um Anpassungen zu vereinfachen.
Das Spring-Team hat die neue Major-Version Spring Shell 4.0.0 veröffentlicht. Sie ist auf dem zentralen Maven-Repository Maven Central verfügbar, soll einen signifikanten Meilenstein für die Spring Shell bedeuten und ist mit den aktuellen Spring-Framework- und Spring-Boot-Versionen kompatibel. Updates gibt es unter anderem für die Architektur, Null Safety und das Erstellen von Befehlen.
Zudem bringt die neue Spring-Shell-Version ein überarbeitetes Befehlsmodell, um das Erstellen und Verwalten von Befehlen zu vereinfachen. Eine stärker modular aufgebaute Architektur soll der benutzerdefinierten Anpassung sowie Erweiterung der Shell zugutekommen. Die Dokumentation und Beispiele wurden ebenfalls aktualisiert, um insbesondere beim Einstieg in die Arbeit mit der Spring Shell zu helfen.
Migrationshinweise
Im Projekt-Wiki findet sich ein Migrationsguide [4]. Dabei ist zu beachten, dass Anwendungen vor der Migration auf Spring Shell 4 zunächst auf die neueste 3.4.x-Version aktualisiert werden sollten.
Zu den Moduländerungen zählt, dass das spring-shell-core-Modul nicht länger auf Spring Boot und JLine angewiesen ist. Die Module spring-shell-standard und spring-shell-standard-commands wurden in das spring-shell-core-Modul integriert.
In Spring Shell 3 als deprecated (veraltet) markierte APIs und Annotationen sind entfallen, darunter Legacy-Annotationen wie ShellComponent und ShellMethod.
Shell-Anwendungen mit Spring Shell entwickeln
Mit der Spring Shell [5] können Entwicklerinnen und Entwickler eine Spring-basierte Shell-Anwendung erstellen. Wie das Spring-Team ausführt, kann eine solche Kommandozeilenanwendung hilfreich sein, um mit der REST-API eines Projekts zu interagieren oder mit lokalen Dateninhalten zu arbeiten. Weitere Informationen – inklusive Beispielanwendungen und Tutorials – bietet das GitHub-Repository [6].
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Links in diesem Artikel: [1] https://spring.io/blog/2025/12/30/spring-shell-4-0-0-ga-released [2] https://www.heise.de/news/Spring-Framework-7-bringt-neues-Konzept-fuer-Null-Safety-und-setzt-auf-Java-25-11078318.html [3] https://www.heise.de/blog/Null-Problemo-Bessere-Null-Checks-in-Java-mit-JSpecify-9820606.html [4] https://github.com/spring-projects/spring-shell/wiki/v4-migration-guide [5] https://spring.io/projects/spring-shell [6] https://github.com/spring-projects/spring-shell [7] mailto:mai@heise.de
JavaScript Rising Stars 2025: KI-Plattform n8n springt auf Platz 1
Von Heise — 04. Januar 2026 um 16:13
(Bild: Elena11/Shutterstock.com)
Der herausragende Gewinner der neuen Studie ist n8n, ein Projekt für Workflow-Automatisierung mittels KI. Es erhielt 2025 über 100.000 GitHub-Sterne.
Die aktuelle Studie JavaScript Rising Stars 2025 ist erschienen. Sie misst die beliebtesten JavaScript-Projekte anhand der innerhalb des letzten Jahres neu hinzugekommenen Sterne auf GitHub. Mit großem Abstand führt diesmal n8n als Gesamtsieger, gefolgt von shadcn/ui und react-bits. In der Kategorie Frontend-Frameworks gewinnt React, während bei der Backend- und Full-Stack-Entwicklung Motia einen Paradigmenwechsel ankündigt.
n8n fährt herausragenden Sieg ein
In der Vorjahresstudie [3] noch auf Platz 5, macht n8n einen deutlichen Satz auf Platz 1 und fährt mit 112.400 neuen GitHub-Sternen den bisher deutlichsten Sieg ein: Wie die Studienmacher betonen, hat bisher kein anderes Projekt innerhalb eines Jahres eine so hohe Anzahl von Sternen erhalten – und in diesem Jahr handelt es sich bereits um die 10. Ausgabe der JavaScript Rising Stars.
Top 10 der JavaScript Rising Stars 2025: n8n ist der Gesamtsieger.
n8n dient der Automatisierung von Geschäftsprozessen mithilfe von KI-Agenten, bietet eine Drag-and-Drop-Oberfläche und ermöglicht die Anbindung an KI-Modelle unterschiedlicher Hersteller. Es entspringt dem im Jahr 2019 gegründeten Berliner Start-up n8n GmbH. Im Oktober 2025 wurde bekannt, dass das Unternehmen dank Nvidia als Investor eine Bewertung von 2,5 Milliarden US-Dollar [5] erreicht hat.
Den zweiten Platz in der Gesamtwertung heimst shadcn/ui ein, der Gewinner der beiden vorherigen Ausgaben [6]: 2025 erhielt dieses Set von UI-Komponenten, die in React geschrieben sind, 26.300 neue GitHub-Sterne. Der dritte Platz steht ebenfalls im Zeichen von React: react-bits, eine Sammlung animierter Komponenten für Hintergrundeffekte, Textanimationen und mehr erreichte 26.200 neue Sterne. react-bits ist ein shadcn/ui-Projekt und lässt sich aus dessen Registry beziehen.
Auf den vierten und fünften Plätzen finden sich Excalidraw, ein virtuelles Whiteboard für das Skizzieren von Diagrammen in handgezeichneter Optik, und die Postgres-Entwicklungsplattform Supabase als quelloffene Alternative zu Googles proprietärem Firebase.
Die beliebtesten Front- und Backend-Frameworks
React ist mit 11.000 neuen GitHub-Sternen wieder das beliebteste Frontend-Framework und stößt damit htmx vom Thron, das in der letzten Ausgabe den ersten Platz ergattert hatte. Dieses liegt nun abschlagen auf Platz 4, hinter Ripple und Svelte. Vue.js komplettiert die Top 5.
JavaScript Rising Stars 2025: Die Top 5 Frontend-Frameworks.
Unter den Backend- und Full-Stack-Frameworks tritt ein Newcomer als Sieger hervor: Motia. Mit 13.800 neuen Sternen auf Platz 1 in dieser Kategorie, steht Motia laut den Studienmachern für einen Paradigmenwechsel. Wo im Backend-Engineering traditionell separate Frameworks erforderlich waren – etwa für APIs, Queues, Workflows und KI-Agenten –, soll Motia [8] nun das Backend in einem einzigen Framework vereinheitlichen. Die weiteren Ränge der beliebtesten Backend- und Full-Stack-Frameworks nehmen Payload, Next.js, Astro und Hono ein.
JavaScript Rising Stars 2025: Die Top 5 Backend- und Full-Stack-Frameworks.
Die in diesem Jahr bereits zum zehnten Mal durchgeführte Studie JavaScript Rising Stars [10] misst die Anzahl der Sterne, die JavaScript-Projekte auf GitHub im Verlauf eines Jahres erhalten haben. Dabei fließen allerdings lediglich die Projekte in die Bewertung ein, die in der kuratierten Liste Best of JS [11] zu finden sind. Dort sind derzeit 2145 Projekte gelistet. Interessierte können ein neues Projekt vorschlagen [12].
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Body Scan 2: Neue Waage von Withings misst über 60 Biomarker
Von Tobias Költzsch — 05. Januar 2026 um 02:00
Die neue Version von Withings' smarter Waage misst mehr Gesundheitsparameter und soll unter anderem das Herz und die Arterien besser überwachen.
Die neue Body Scan 2 von WithingsBild:
Withings
Der Hersteller für Gesundheitstechnologie und Wearables Withings hat auf der Elektronikmesse CES 2026 eine neue Waage vorgestellt: die Body Scan 2. Sie ermittelt nicht nur wie ihr Vorgängermodell das Gewicht, sondern misst auch eine Reihe von Gesundheitsparametern. Während die erste Body Scan über 40 Biomarker ermittelt, sind es bei der Body Scan 2 über 60.
Durch die Messungen soll die Waage in Zusammenarbeit mit einer KI-Auswertung frühzeitig Gesundheitsrisiken des Herz-Kreislauf-Systems erkennen. Neu bei der Body Scan 2 ist etwa die Verbindung aus Impedanzkardiografie und einem Sechs-Kanal-EKG.
Dadurch soll die Pumpkraft des Herzens und letztlich die Versorgung der Organe bestimmt werden. Auch Vorhofflimmern soll dadurch erkannt werden. Die Body Scan 2 soll zudem das Bluthochdruckrisiko ermitteln können. Dafür wird ein laut Withings "klinisch validiertes KI-Modell" verwendet.
Messung der Arterien
Über die Messung der Pulswellengeschwindigkeit misst die Body Scan 2 die Steifigkeit der Arterien. Steife Arterien können Vorboten verschiedener Herz-Kreislauf-Erkrankungen sein, die durch eine Umstellung der Ernährung oder des Lebenswandels vermieden werden können.
Bild 1/2: Die Body Scan 2 von Withings (Bild: Withings)
Bild 2/2: Die Body Scan 2 von Withings (Bild: Withings)
Die Stoffwechseleffizienz soll mithilfe einer Ultrahochfrequenz-Bioimpedanzspektroskopie ermittelt werden. Alle Nutzerdaten werden an die Withings-App weitergeleitet und dort ausgewertet und dargestellt. Die Waage hat zudem ein kleines Display im Handgriff.
Wie die erste Body Scan besteht auch das neue Modell aus der Basiseinheit, die wie eine herkömmliche Waage aussieht. Aus dieser Einheit lässt sich der Handgriff ziehen, über den zahlreiche weitere Parameter gemessen werden. Um alle Parameter ermitteln zu können, müssen Nutzer sich auf die Waage stellen und den Handgriff festhalten.
Die Messung dauert Withings zufolge 90 Sekunden. Über zwei Tasten am Griff können Nutzer während der Messung verschiedene Fragen zu ihrem Lebensstil beantworten, die bei der Auswertung berücksichtigt werden. Die Withings-App gibt Nutzern am Ende Tipps, um bestimmte Risiken zu verringern.
Veröffentlichung im zweiten Quartal
Die Body Scan 2 soll voraussichtlich im zweiten Quartal 2026 auf den Markt kommen und 500 Euro kosten. Wie beim Vorgänger dürfte für die vollständige Nutzung aller Auswertungen ein Abo von Withings+ notwendig sein; bei der ersten Body Scan gibt es das Abo einen Monat lang kostenlos dazu, danach kostet es 100 Euro im Jahr.
Laut Bandansage steht der Dienst „derzeit“ nicht zur Verfügung, es wird auf Microsofts Support-Website verwiesen.
Neuer Ärger mit der Zwangsaktivierung: Windows lässt sich derzeit nicht telefonisch aktivieren. Wer es doch probiert, hört eine Bandansage. Die verkündet, dass der Anruf „derzeit“ nicht bearbeitet werden kann, und verweist auf support.microsoft.com [1], also Microsofts allgemeine Support-Startseite.
Ob die telefonische Aktivierung nur momentan gestört ist oder ob Microsoft dauerhaft den Stecker gezogen hat, ist unklar. Eine Anleitung zum Aufruf der telefonischen Aktivierung ist weiterhin online verfügbar [2]. Auch in Windows stecken die nötigen Dialoge noch drin.
Aktivierung, was soll das?
Doch was hat es mit der Aktivierung eigentlich auf sich? Es ist eine Art Kopierschutz. Die Annahme, Sie hätten Windows (also die Software) gekauft, ist ebenso verständlich wie leider auch falsch. Was Sie erworben haben, ist bloß eine Lizenz, also ein Nutzungsrecht. Das ist bei Windows wie bei jeder anderen Software auch: Damit Sie sie verwenden dürfen, muss Ihnen der Rechteinhaber das erlauben. Er darf im Rahmen der Gesetze frei entscheiden, was Sie das kosten soll und was Sie mit der Software anfangen dürfen. Die Bandbreite reicht von „macht damit, was ihr wollt“ (Public Domain) über „nutzen, aber nicht verändern“ (Freeware) bis hin zu kommerziellen Lizenzen mit umfangreichem Kleingedruckten. Zu letzteren gehören die dauerhaft gültigen Windows-Lizenzen, die Microsoft erst herausrückt, nachdem Sie zu den Milliardengewinnen des Konzerns beigetragen haben.
Die Aktivierung soll sicherstellen, dass Sie sich an der Kasse nicht vorbeischummeln. Die Installation nimmt Kontakt mit Microsofts Servern auf und erst, wenn die ihr Okay geben, schaltet Windows dauerhaft den vollständigen Funktionsumfang frei. Mitunter verlangt Windows eine erneute Aktivierung, etwa nach dem Tausch des Mainboards oder dem Umzug auf einen neuen PC. Und manchmal aus unerfindlichen Gründen auch einfach nur so.
Wichtiger Bestandteil des Aktivierungsprozesses ist der Installationsschlüssel. Das ist eine Zeichenfolge, die aus fünf durch Bindestriche getrennten Blöcken zu je fünf Zeichen besteht, was ungefähr so aussieht: 1ABCD-E2FGH-IJ3KL-MNO4P-QRST5. Ohne Schlüssel lässt sich Windows nicht installieren und erst recht nicht aktivieren. In jeder Windows-Installation steckt ein solcher Schlüssel, und zwar selbst dann, wenn Sie selbst keinen eingegeben haben. Während der Aktivierung wird geprüft, ob der Schlüssel zur Version und Edition der Installation passt, aktivierbar ist (es gibt auch „generische“, bei denen das nicht der Fall ist) und nicht unerlaubt mehrfach verwendet wurde.
Online …
Das Aktivieren per Internet ist heutzutage das Standardverfahren: Schlüssel eingeben, auf Aktivieren klicken, dann nimmt Windows Kontakt mit Microsofts Aktivierungsservern auf und erledigt den Rest.
Eine Online-Aktivierung hat meist auch dann stattgefunden, wenn Sie sich selbst mit dem Aktivieren gar nicht befassen mussten. Das ist der Fall bei PCs großer PC-Hersteller, die bereits ab Werk mit einer Windows-Vorinstallation ausgestattet sind. Auf solchen Computern steckt ein zur Vorinstallation passender Schlüssel bereits in der Hardware, genauer in der Firmware des Mainboards und dort in der ACPI-Tabelle „MSDM“. Wenn Windows auf einem solchen PC feststellt, dass es nicht aktiviert ist, sucht es an dieser Stelle nach einem passenden Schlüssel. Wird es fündig, verwendet es ihn und aktiviert sich damit automatisch. Eine Onlineverbindung ist dennoch erforderlich, denn auch bei dieser Form der Aktivierung nimmt Windows mit Microsofts Servern Kontakt auf.
… oder telefonisch
Die telefonische Aktivierung ist für den Fall gedacht, dass ein PC etwa aus Sicherheitsgründen nicht ans Internet angeschlossen ist und das auch unbedingt so bleiben muss. Dass Microsoft dieses Angebot allenfalls noch widerwillig macht, ist daran erkennbar, wie sehr der nötige Dialog mittlerweile versteckt ist. Unter Windows 11 öffnen Sie mit der Tastenkombination Windows+i die Einstellungen und wählen unter „System“ den Menüpunkt „Aktivierung“. Windows wird feststellen, dass kein Internetanschluss verfügbar ist. Wählen Sie „Product Key ändern“, tippen Sie einen gültigen Installationsschlüssel ein und klicken Sie auf „Jetzt aktivieren“. Das endet erwartungsgemäß mit einer Fehlermeldung, die Sie wegklicken können. Erst jetzt ist in den Einstellungen unter System/Aktivierung der Punkt „Per Telefon aktivieren“ sichtbar.
Der Aktivierungsdialog lässt sich zwar noch aufrufen, doch das nutzt nichts mehr: Beim Anruf der Nummer kommt nur eine Bandansage.
Wählen Sie aus der Länderliste Ihr Heimatland, doch Achtung: Die chaotisch anmutende Liste ist grob nach den englischsprachigen Landesnamen sortiert. Deutschland beispielsweise finden Sie unter G für Germany, Österreich unter A wie Austria, die Schweiz fehlte ganz in der Liste auf unserem Testrechner.
Nach der Auswahl des Landes wird die Telefonnummer angezeigt (für Deutschland: 0800/284 82 83). Wenn Sie die wählen, sollte Sie nun eigentlich ein Roboter automatisch durch die Aktivierung führen (bei Fehleingaben konnten Sie sogar bislang mit einem Mitarbeiter sprechen). Doch stattdessen kommt nun eine Bandsage, die sich je nach gewählter Telefonnummer zwar unterscheidet, aber stets nur aufs Internet verweist.
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Links in diesem Artikel: [1] https://support.microsoft.com/ [2] https://support.microsoft.com/de-de/windows/produktaktivierung-f%C3%BCr-windows-online-und-supporttelefonnummern-35f6a805-1259-88b4-f5e9-b52cccef91a0 [3] mailto:axv@ct.de
Neue Militärbündnisse spalten die Region – doch dahinter stecken wirtschaftliche Gründe, die Brüssel unterschätzt hat.
Die Balkan-Region wird erneut zum Spielball: Ökonomische Abhängigkeiten und militärische Loyalitäten verbinden sich mit historischen Pfadabhängigkeiten auf neue Weise. Während Kroatien in Berlin Leopard-Panzer [1]zukaufte [2], schlossen sich Ungarn und Serbien im Angesicht einer kroatisch-albanisch-kosovarischen Annäherung militärisch enger zusammen [3].
Jene Militärallianzen sind letztlich Ausdruck tieferliegender ökonomischer Disparitäten. Ist die EU-Integration gescheitert?
Zwei Seiten einer Medaille
Während die Brüsseler Bürokratie die Sanktionen gegen das Kosovo aufhebt [4], blockiert Budapest zeitgleich EU-Absichtserklärungen, die eine Erweiterung des Staatenbündnisses deklarieren sollten [5]. Diese einzelne Episode belegt eindrücklich, dass von der oft beschworenen Einigkeit keine Rede sein kann.
Zwar ist die Europäische Union mit rund 83 Milliarden Euro Umsatz im Warenhandel (2024) der größte Faktor im Westbalkan [6], doch besitzt die Region traditionell enge Verbindungen zu Russland, zur Türkei sowie spätestens seit der BRI-Offerte [7] auch zur Volksrepublik China [8].
Die Tür, die die Europäische Union mit hoher Jugendarbeitslosigkeit, Armutsmigration in die EU und einseitig-positiven wirtschaftlichen Abhängigkeiten öffnete, wird genutzt. Im "europäischen Vorhof [9]" betreibt Russland eine Politik, die, ergänzt um Infrastruktur-Kreditangebote [10] aus China, eine Alternative darstellt. So verblieben Belgrad [11] und die prorussische bosnische Republik Srpska nach 2022 aufseiten Moskaus.
Teile und herrsche
Dabei sind die Lebensverhältnisse zwischen dem serbischen Niš und der kroatischen Hauptstadt Zagreb kaum vergleichbar. Brüssel hat die unterschiedliche Behandlung Kroatiens mit entsprechenden Auswirkungen in das ethnische Gemisch der umkämpften Region eingebracht.
Nach der langwierigen Aufnahme Kroatiens [12] in die EU im Jahr 2013 – die eine dauerhafte Westbindung eines ehemaligen Teils Jugoslawiens bedeutete – bot die Union ihre ökonomischen Skaleneffekte für die kroatische Wirtschaft an.
Zwar sollte Kroatien auch heute nicht als Land, in dem Milch und Honig fließen, missverstanden werden – immerhin schrumpfte die Bevölkerung des Landes [13] seit 2011 um bedenkliche zehn Prozent [14], doch kletterte das BIP pro Kopf von 61 Prozent auf über 77 Prozent des EU-Durchschnitts.
Für die positive Wahrnehmung der EU-Mitgliedschaft war ein deutlicher Rückgang der Arbeitslosigkeit von zwischenzeitlich 17 auf unter vier Prozent sicherlich förderlich [15]. Dieser wurde jedoch durch EU-Exporte, Fördergelder und eine vertiefte Integration in das Schengen-Euro-System ermöglicht.
Diese Konstellation mag erklären, warum sich Serbien Moskau annähert: Brüssel bietet schlichtweg kaum Attraktivität an. Für Ungarn trägt jenes Konzept nicht. Schließlich ist Budapest bereits seit 2003 Mitglied der EU und profitiert von umverteilten Subventionen. Dennoch ist eine strategisch-autonome Ausrichtung der ungarischen Eliten erkennbar.
Dies speist sich aus einem Dreiklang: Neben den engen und nach wie vor bestehenden ungarischen Energieverbindungen gen Moskau [18] spielen die ideologische Haltung der regierenden Partei, die sich durch Nationalismus, Sozialkonservativismus und Staatskontrolle auszeichnet und stark von liberalen EU-Werten abweicht, sowie die Strukturprobleme der ungarischen Wirtschaft selbst eine Rolle.
Letzteres erscheint erklärungsbedürftig: Im ungarischen Diskurs ist die dominante, deutsche Stellung im Profitsystem der Union – im Unterschied zum deutschen Diskurs – omnipräsent. Niedrige heimische Wertschöpfungsquoten [19], gepaart mit eingefrorenen EU-Mitteln (aufgrund von Rechtsstreitigkeiten um Rechtsstaatlichkeit [20]) und Konkurrenznachteilen gegenüber der deutschen Exportwirtschaft ohne die Chance auf einen Zollschutz lassen die Kritik der ungarischen Polit-Elite ökonomisch fundiert erscheinen.
Im Unterschied zu Kroatien, welches mit seinem aktuellen Platz zufriedener zu sein scheint, wollen die ungarischen Eliten mehr.
EU-Erweiterung auf US-Gebiet
In den medialen Debatten stehen in der Regel nur die diskutierten EU-Mitgliedschaften der Ukraine und Moldaus im Fokus, da sie aufgrund des Kriegs in der Ukraine geografisch zentral erscheinen.
Doch auch die leise geführten Verhandlungen um eine Erweiterung um Kosovo und Albanien sind beachtenswert. Das Kosovo ist ein von den USA unterstütztes Miniaturland, dessen Existenz auf Nato-Partnerprogrammen basiert.
Auch Albanien ist ein EU-Beitrittskandidat, jedoch bereits Nato-Mitglied. Die Eliten des Landes verfolgen in ihrer Mehrzahl eine dem Westen und der EU zugewandte Außenpolitik, die stark an eine EU-Nato-Integration gebunden ist, da diese aus ihrer Sicht wirtschaftliche Stabilität, sicherheitspolitischen Schutz und eine klare Absage an russisch-chinesische Offerten garantiert.
Insbesondere Washington wird in den kommenden fünf Jahren planmäßig seine militärische Präsenz im Kosovo und in Albanien ausbauen [21] und den Aufbau einer eigenen kosovarischen Armee forcieren.
Beide Maßnahmen zementieren langfristig – notfalls unter Einsatz militärischer Gewalt – die Bindung an den Westen, die in beiden Staaten aufgrund der herrschenden Armut kaum ökonomisch untermauert wurde.
Russische Gretchenfrage
Hinter den strategischen Überlegungen des Westens steht das entscheidende Ziel der Eindämmung russischer militärischer und ökonomischer Einflüsse. Ob und wie sich dies durch das amerikanische Friedensangebot in der Ukraine zuungunsten der EU verschieben mag, muss die Zeit zeigen.
Aktuell entstehen ökonomische Frontstellungen, die sich zu militärischen Blockkonfrontationen ausbauen: Ungarn, Serbien und Russland einerseits sowie Kroatien, Albanien, der Kosovo und Deutschland sowie die USA andererseits. Während die eine Achse gegen Russland gerichtete Sanktionen ablehnt und weiterhin an wirtschaftlichen (Energie-)Beziehungen festhalten möchte, strebt die andere Seite ein Decoupling an.
Während Brüssel eine vertiefte EU-Integration anstrebt, ohne dabei attraktive wirtschaftliche Angebote vorlegen zu können, erhalten Budapest und Belgrad sich politische, kulturelle, diplomatische und wirtschaftliche Kanäle nach Moskau.
Als Konfliktpotenzial dienen neben dem Kosovo hauptsächlich die Zuspitzungen um die Republik Srpska, die vorangetriebenen militärischen Abkommen (wie die "Joint Declaration on Defense Cooperation" zwischen Albanien, Kroatien und dem Kosovo) sowie ethnische Spannungen.
Quo vadis, EU?
Wenn Serbien und vor allem Ungarn (die Haltung der Slowakei ist fraglich) ihre geopolitisch eigenständigen Wege fortsetzen, könnte dies zu einer stärkeren wirtschaftlichen Fragmentierung im Osten Europas führen.
Dies würde Integrationsimpulse abschwächen und vermehrt politische Spannungen sowie Zentrifugalkräfte (vergleichbar mit dem Brexit) heraufbeschwören. Insgesamt ist eine wirtschaftliche Angleichung als Kernidee eines friedlichen Zusammenlebens in Europa – mit Ausnahme von Kroatien – an strukturellen Hindernissen und divergierenden Interessen gescheitert.
Eine Symbiose aus ökonomischer Attraktivität und sicherheitspolitischem Angebot in einem gemeinsamen europäischen Haus muss angesichts von Herausforderungen wie ungleicher Exportüberschüsse, mangelnder Ausgleichshilfen, wirtschaftlicher Schwierigkeiten, ausbleibender Finanzhilfen, Strukturschwächen und stockender Reformdialoge in Kombination mit einer schwerfälligen Bürokratie eine Chimäre bleiben.
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Bio und Fair: Warum nachhaltiger Kaffee die bessere Wahl ist
Von Susanne Aigner — 04. Januar 2026 um 13:20
Susanne Aigner
Klassische Kaffeesorten könnten bald verschwinden. Doch es gibt Alternativen, die Klima und Geschmack gleichermaßen zugutekommen.
Kaffee ist für viele Menschen nicht aus dem Alltag wegzudenken. Eine Tasse Kaffee hilft uns morgens wach zu werden. Mit Kaffee geht es weiter am Arbeitsplatz und nach dem Mittagessen. Laut dem Deutschen Kaffeeverband wurden 2024 hierzulande im Schnitt 163 Liter pro Kopf [1] getrunken. Das entspricht einem Pro-Kopf-Konsum von etwa 2,2 Tassen pro Tag.
Koffein ist eine stickstoffhaltige Verbindung, die auch in Teeblättern und Kakaobohnen enthalten ist. Über den Magen-Darm-Trakt in den Blutkreislauf aufgenommen, wirkt es etwa 15 bis 30 Minuten nach der Aufnahme [2]. Unter anderem führt es dazu, dass der Körper mehr Urin produziert.
Koffein wirkt zwar anregend, doch nicht bei allen Menschen gleich stark. Daher ist es schwierig, eine allgemeine Empfehlung für den Kaffeekonsum zu geben, zumal eine Tasse zwischen 30 und 175 Milligramm Koffein enthalten kann.
Als obere Grenze für den täglichen Koffein-Konsum gelten 400 Milligramm [3] – das entspricht etwa vier bis fünf Tassen Kaffee. Schwangere und Stillende allerdings sollten nicht mehr als 200 Milligramm Koffein pro Tag zu sich nehmen. Kinder und Jugendliche sollten nicht mehr als drei Milligramm Koffein pro Kilogramm Körpergewicht aufnehmen.
Einer Studie [4] von 2020 zufolge schadet der moderate Kaffeekonsum bis maximal sechs Tassen Filterkaffee am Tag keineswegs.
Vorsicht bei konzentriertem Koffeinpulver!
Kaffee scheint dem Herzen selbst bei erhöhtem Konsum nicht zu schaden, wie eine britische Studie [5] nachwies. Dafür kann er wegen einer Vielzahl von bioaktiven Substanzen vor Lebererkrankungen schützen, darüber hinaus vor bestimmten Krebsarten wie Prostatakrebs, Leber-, Nieren- und Hautkrebs.
Bei Darmkrebs scheint zusätzlich entkoffeinierter Kaffee das Risiko einer fortschreitenden Erkrankung zu verringern. Hoch konzentriertes Koffeinpulver jedoch kann bereits in geringen Mengen schwere Vergiftungen hervorrufen [6], warnt das Bundesinstitut für Risikobewertung. Manche Sportler nehmen das frei verkäufliche Produkt zwecks Leistungssteigerung [7] ein.
Acrylamid im Kaffee erhöht das Krebsrisiko
Die Bohnen enthalten zudem Acrylamid, ein Nebenprodukt des Röstvorgangs. Laut der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) kann der chemische Stoff das Krebsrisiko bei Verbrauchern und Verbraucherinnen erhöhen. Ein weiterer Schadstoff in geröstetem Kaffee ist Furan, der langfristig die Leber schädigen kann. Hohe Furandosen erzeugten in Tierversuchen sogar Krebs.
In einem Test mit verschiedenen Kaffeesorten bewertete Öko-Test die Acrylamid-Gehalte in dreizehn Produkten als "erhöht". Für den Test [8] hatte das Team 20 Produkte mit gemahlenem Kaffee absatzstarker Marken aus (Bio-)Supermärkten und Discountern gekauft.
Deutsche Kaffeetrinker bevorzugen gemahlenen Filterkaffee
Denn der bietet – verglichen mit direkt aufgebrühtem Bohnenextrakt – gesundheitliche Vorteile. So haben einer schwedischen Studie [9] zufolge Menschen, die pro Tag zwei bis drei Tassen Filterkaffee trinken, ein um 60 Prozent niedrigeres Risiko für Diabetes Typ 2 [10] als jene, die weniger als eine Tasse Filterkaffee tranken.
Wer spät am Abend Kaffee trinkt, dessen Gehirn bleibt auch im Schlaf aktiver
Um ihren Schlaf nicht zu gefährden, sollten besonders empfindliche Menschen nicht zu spät Kaffee trinken. In einer neueren Studie untersuchten Wissenschaftler die Gehirnströme von 40 Erwachsenen, die jeweils drei und eine Stunde vor dem Schlafengehen Koffein-Kapseln eingenommen hatten. Besonders aktiv waren die Gehirne der jüngeren Generation.
Bei älteren Menschen hingegen fiel die Koffeinwirkung geringer aus. Der wach machende Effekt zeigt sich überhaupt nur, wenn vorher ein Schlafdefizit vorlag, betont der Neurowissenschaftler David Elmenhorst vom Forschungszentrum Jülich. Bei Personen, die über einen längeren Zeitraum ausreichend schlafen, zeige Koffein in nur wenigen Studien überhaupt eine Wirkung [13].
Cold Brew Coffee – besser als eine heiße Tasse Kaffee im Sommer?
Mit kaltem Wasser aufgegosser Kaffee ist eine beliebte Alternative zu Eiskaffee. Er lässt sich ohne Energieaufwand herstellen und macht genauso wach wie heißer Kaffee [14]. Angeblich soll er mehr Antioxidantien, weniger Säuren und weniger unerwünschte Bitterstoffe im Vergleich zu normalem Kaffee enthalten. Dabei wird das Kaffeepulver über mehrere Stunden oder Tage in kaltes Wasser gegeben. So werden andere Röststoffe aus dem Kaffee herausgelöst als beim heißen Aufkochen.
Allerdings belegte eine Studie [15] bereits 2018, dass kalt gebrühter Kaffee nur unwesentlich weniger Säure enthält. Bei den Antioxidantien, die für die günstige gesundheitliche Wirkung verantwortlich sein sollen, schneidet dieser sogar schlechter ab als heiß zubereiteter Filterkaffee.
Treiber für Kaffeepreise: Logistikprobleme, hohe Nachfrage und Klimawandel
Um fast ein Viertel teurer [16] war der Kaffee im vergangenen August im Vergleich zum Vorjahr. Für diesen Preisanstieg kamen in diesem Jahr mehrere Faktoren zusammen: Zum einen nimmt die Nachfrage nach Kaffee [17] weltweit stetig zu. Zum Anderen gab es in den vergangenen Monaten teilweise Probleme mit hohen Transportkosten und Hafenstaus.
Kaffee wird vor allem entlang des Äquators im sogenannten Kaffeegürtel [18] angebaut. Denn da herrscht feucht-tropisches und subtropisches Klima. Bio-Bohnen stammen aus Peru, Nicaragua, Brasilien, Honduras, Costa Rica, El Salvador, Tansania, Äthiopien, Uganda, Kolumbien, Mexiko, Papua Neu Guinea sowie aus Kerala. Allesamt Länder in Äquator-Nähe.
Die Folgen des Klimawandels sind in den Anbaugebieten deutlich zu spüren: Trockenphasen, Frost, Stürme und Überschwemmungen fördern Pflanzenkrankheiten, Bodenerosion und die Auswaschung von Nährstoffen ins Grundwasser.
Von den 124 bisher bekannten Kaffeearten, die wild vorkommen, werden aktuell nur zwei Arten in großem Stil kommerziell genutzt: Coffea Arabica, ein Hochlandkaffee, der mild und zugleich aromatisch schmeckt und etwas weniger Koffein enthält als die zweite Sorte – Coffea Robusta.
Anbau gelingt nur noch mit anpassungsfähigen Sorten
Coffea Arabica reagiert besonders sensibel auf Veränderungen bei der Temperatur und der Luftfeuchtigkeit. So grassierte im vergangenen Jahr in Brasilien eine starke Dürre [19], ähnlich wie in Ostafrika, während sich in Vietnam die Regenzeiten verschoben. Werde der Kaffee überall gleichzeitig geerntet, habe dies starke Auswirkungen auf den Preis, betont der Agrarwissenschaftler Christoph Gornott vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.
Coffea Robusta hingegen ist zwar weniger empfindlich, doch allein schmeckt die Sorte zu herb. Schon jetzt ist der Anbau in verschiedenen Regionen Brasiliens und Äthiopiens bedroht. Weite Teile der Anbauflächen könnten dort bis 2050 für den Kaffeeanbau nicht mehr nutzbar [20] sein.
Die hochwüchsige Art Liberica wird zwar bisher selten angebaut [21], doch sie ist resistent gegenüber Nematoden, die die Wurzeln schädigen, und zugleich immun gegenüber Kaffeerost, der häufig zu Ernteausfällen in Mittelamerika führt. Mit all diesen Eigenschaften würde sie mit dem Klimawandel vermutlich besser zurechtkommen.
Verzicht auf synthetischen Dünger und Pestizide nützt Klima und Umwelt
Im Anbau werden pro Tasse Kaffee ungefähr 140 Liter Wasser verbraucht. Zumeist werden erhebliche Mengen an Dünger und Pestizide eingesetzt. Oft wird Regenwald für Plantagen gerodet. Beim Genuss von Filterkaffee verursacht jede Tasse bereits ohne Milch zwischen 50 und 100 Gramm Kohlendioxid [22].
Laut einer Studie [23] von 2020 können weniger Dünger und Pestizide und nachhaltigere Transportwege die Kohlendioxidemissionen bei der Kaffee-Produktion um 77 Prozent reduzieren. In Ostafrika etwa gibt es häufig kleinbäuerliche Strukturen, die innerhalb von bestehenden Wäldern Kaffeebäume anpflanzten und den Kaffee dann verkauften.
Bio-Kaffee in Mischkultur dient der Vielfalt und schützt vor Erosion
Viele Bio-Kaffeeplantagen liegen über tausend Meter hoch. Hier reifen die Kaffeekirschen länger als in tieferen Regionen und sind vielfältiger im Geschmack. Die Pflanzen wachsen gemeinsam mit Bananen, Zitrusfrüchten, Mangos und Avocados. Im Schatten der Bäume bleiben die Kaffeekirschen vor Hitze und Starkregen geschützt. Mit dem Laub werden die Bäume gedüngt. Das wirkt Bodenerosion und Austrocknung entgegen. Die ausgereiften Kaffeekirschen werden von Hand geerntet und sorgfältig verarbeitet.
In seltenen Fällen wird auch Kaffee aus Wildsammlung genutzt. Jedes Land und jede Region bringt einen ganz eigenen Geschmack hervor. Kaffeespezialitäten mit Bohnen aus einer einzigen Region werden als "Single-Origin" bezeichnet. Meist kommt ein Blend – eine Mischung aus Bohnen verschiedener Herkunftsländer – in die Tüte.
Wo "Bio" draufsteht, ist meist auch "Fair" drin
Bio-Röstereien kaufen ihre rohen Kaffeebohnen zu fairen Preisen direkt bei einzelnen Bauern oder von Bio-Kooperativen, in denen sich viele Kaffeebauern zusammenschließen. Diese erhalten einen festen Preis für die Kaffee-Ernte.
Dieser liegt überwiegend über dem Weltmarktpreis. Zudem erhalten sie einen Bio-Aufschlag für den Anbau ohne Pestizide und synthetische Düngemittel. Die Zusammenarbeit ist immer auf langfristige Handelsbeziehungen angelegt.
Wer die Anbau-Kooperativen direkt unterstützen will, schließt sich in einer Gemeinschaft an, die den Kaffee direkt bei den Kaffee-Anbauern bestellt, wie zum Beispiel Teikei [29]: Die Initiative lässt die Kaffeebohnen mit dem Segelboot direkt aus Mexiko nach Hamburg transportieren, wo sie von Freiwilligen ausgeladen werden.
Mithilfe des Segelschiffs werden Verschmutzungen der Ozeane durch Schweröl und Lärm vermieden. Ein Ziel ist unter anderem, die Emissionen entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu reduzieren.
Der Artikel erschien auf Telepolis zuerst am 01. Oktober 2025.
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Existenzielle Gefahren: Warum Europa eine neue Friedenspolitik braucht
Von Rolf Bader — 04. Januar 2026 um 13:00
Rolf Bader
Europa braucht Rohstoffe aus dem Süden – doch die bisherige Strategie zur Sicherung des Zugangs könnte in die Katastrophe führen.
Ausgangspunkt der Überlegungen sind die existenziellen Gefahren, der sich die Menschheit heute ausgesetzt sieht. Anzuführen wären im Einzelnen:
Weltweit besitzen die Atomwaffenstaaten knapp 12300 Atomwaffen. Es gibt keine Gewähr dafür, dass diese Waffen bei einem Versagen der Abschreckung nicht zum Einsatz kommen werden.
Der unbegrenzte Rüstungswettlauf, der Kriege in diesem totalen Zerstörungsausmaß erst möglich macht, der lebenswichtige Ressourcen aufbraucht und der die Volkswirtschaften stark belastet.
Die grenzenlose, expansive Machtpolitik, die einen allgemeinen Atomkrieg auslösen könnte.
Die weltweite Umweltzerstörung und der grenzenlose Raubbau an der Natur.
Die Ressourcenabhängigkeit der westlichen Industriestaaten, die militärische Interventions- und Expansionspolitik erfordert.
Die ungleiche Verteilung von Lebenschancen zwischen Staaten des Südens und dem Norden ist Ursache von Spannungen und gewaltsamen Konflikten. Ungleiche Handelsströme und wachsender Protektionismus sind die Indizien der schwelenden Strukturkrise der heutigen Weltwirtschaft.
Gerade bei der globalen Betrachtung der Friedensfrage wird deutlich, dass Militär nicht im eigentlichen Sinn verteidigungspolitisch sondern machtpolitisch eingesetzt wird.[1] Es geht in erster Linie um die Wahrung oder Durchsetzung eigener Interessen. Dies wird besonders deutlich bei den bestehenden wirtschaftspolitischen Abhängigkeiten der westlichen Industriestaaten von Rohstoffen aus den Ländern des Südens.
Der materielle Wohlstand in den Industrieländern wäre undenkbar ohne die ungestörte Zulieferung wichtiger Rohstoffe. Der ungehinderte Zugang zu den Rohstoffquellen bildet die Grundlage für den unbegrenzten Konsum und den Wohlstand in den reichen Industrieländern.
Europa wäre heute nicht mehr in der Lage, längere Zeit ohne die lebenswichtigen mineralischen Rohstoffe wie Mangan, Chrom oder Kobalt, nebst den ebenso wichtigen Erdölimporten aus den Opec-Ländern, auszukommen. Bei einer Störung dieser Rohstoffzuführung müsste schon nach kurzer Zeit mit erheblichen Konsequenzen für die eigene Wirtschaft gerechnet werden. Massenarbeitslosigkeit, ja sogar Stillstand in den tragenden Produktionszweigen wären zu erwarten.
Es ist in naher Zukunft nicht von einer Änderung der wirtschafts-politischen Abhängigkeiten auszugehen
Der heutige Wirtschaftskreislauf wird sich erst nach einer weltweiten Erschöpfung wichtiger Rohstoffe wieder regionalisieren müssen. Die Wiederverwertbarkeit von Rohstoffen und die Erschließung alternativer Energien sind noch längst nicht soweit fortgeschritten, als dass in den nächsten Dekaden mit einer stärkeren europäischen Regionalisierung der Rohstoffwiederverwertung gerechnet werden könnte. Auch mit einer Änderung unseres auf kontinuierlichem Wachstum ausgerichteten Wirtschaftsverhaltens ist nicht zu rechnen.
Mit welcher Strategie wäre folglich der freie Warenaustausch auf den Märkten Europas und der Welt sowie der störungsfreie Zugang zu den Rohstoffquellen zu sichern?
Durch wachsende militärische Präsenz und durch die Androhung militärischer Gewalt oder durch das Bemühen um politische Kooperation mit den Ländern, die uns den Zugang zu ihren Rohstoffen ermöglichen?
Durch verstärkten Rüstungsexport in die Länder des "Globalen Südens" oder durch eine Entwicklungsförderung, die zu mehr sozialer Gerechtigkeit führt?
Europas Chancen für Kooperation mit dem "Globalen Süden"
Gegenüber dem militärischen Kräftemessen könnte sich Europa abgrenzen und als Vorreiter andere Wege beschreiten. Allein die Wirtschaftskraft reicht aus, um über eine verstärkte Kooperation eigene Interessen einbringen zu können. Eine solche Kooperation wäre auf ein weltweites militärisches Engagement nicht angewiesen. Hier bedürfte es gemeinsamer europäischer Initiativen, die von der Bundesrepublik gefördert und initiiert werden sollten.
Schritte zu einer verstärkten wirtschaftlichen Zusammenarbeit, ausgerichtet an der Gleichwertigkeit der Handelspartner, sollten von Deutschland angebahnt werden.
Auf jeden Fall wäre es für Europa wichtig, sich nicht am konfrontativen Machtkonflikt zwischen den USA, China und Russland zu beteiligen.
Vielmehr sollte ein eigenes Profil einer kooperativen Weltpolitik zum Tragen kommen. Maßstab dieser von Europa ausgehenden friedlichen Weltpolitik wäre das Kriterium der politischen Stabilität, d.h. die Herstellung und Wahrung stabiler wirtschaftlicher und sozialer Verhältnisse in allen Regionen der Erde. Europa könnte zur Abwendung objektiv vorhandener Gefahren beitragen. Eine elementare Aufgabe wäre dabei, in Kooperation mit dem "Globalen Süden" die Zerstörung unserer gemeinsamen Lebensgrundlagen abzuwenden.
Die heutigen Umweltprobleme sind weitestgehend auf eine grenzenlose Industrialisierung und auf eine zur individuellen Gewinnmaximierung entartete Wachstumspolitik der Industrieländer zurückzuführen. Umweltkosten sind in der gewinnorientierten Preiskalkulation prinzipiell nicht enthalten, da die entstehenden Umweltschäden auf Kosten der Allgemeinheit entsorgt werden.[2]
Der größte Teil der Umweltprobleme des Globalen Südens, sind auf die Folgen des Klimawandels zurückzuführen. Verursacher ist überwiegend der Globale Norden. Um den Klimawandel eindämmen zu können, müsste eine weltweite Dekarbonisierung erreicht werden. Eine Mammutaufgabe, die die Staatenwelt nur gemeinsam lösen kann. Die Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels des Pariser Klimaabkommens wäre dringend notwendig, wird aber wohl nicht realisierbar sein.
Strukturen der Weltwirtschaft und die Dominanz des Nordens
Die ungleiche Verteilung von Lebenschancen zwischen Staaten des Nordens und des Südens ist Ursache von Spannungen und gewaltsamen Konflikten. Ungleiche Handelsströme und wachsender Protektionismus sind die Indizien einer schwelenden Strukturkrise der heutigen Weltwirtschaft.
In dieser Situation sollte Europa verstärkt auf Kooperation und wirtschaftspolitische Zusammenarbeit setzen. Der Abbau des Handelsprotektionismus sollte dabei Zielrichtung sein, um die Exportmöglichkeiten der Länder des Südens zu verbessern. Auch hier wird deutlich, welche wichtigen Impulse Europa geben könnte, um mehr Gerechtigkeit im Welthandel anzustreben.
Marshall-Plan für gleiche und gerechte Lebenschancen
Diese Initiative könnte von der Europäischen Union ausgehen. Es würde sich sehr schnell zeigen, dass zwischen Nord und Süd stärkere wirtschaftliche und politischen Bindungen entstünden Ein »Marshall-Plan« hätte zum Ziel, zu einer dauerhaften und tragfähigen Kooperation beizutragen. Es ginge hierbei nicht um Wachstum um jeden Preis sondern um eine Wirtschaftsweise, die die gesellschaftliche, kulturelle, soziale und regionale Lebenswelt miteinbezöge.
Nicht eine Kopie westeuropäischen Wachstums getragen von Großtechnologie und grenzenloser Industrialisierung wäre das Ziel, sondern eine Entwicklung, die im Einklang mit der Umwelt die Industrie und die regionale Landwirtschaft gleichermaßen fördert. Dieser Steuerungsprozess wäre auch in den Industrieländern des Nordens notwendig.
Es droht eine weltweite Hunger- und Schuldenkrise
Der aktuelle Welthungerindex weist aus, dass über 730 Millionen Menschen weltweit an Hunger leiden. Besonders betroffen sei in Afrika die Region südlich der Sahara. Bewaffnete Konflikte erhöhten das Risiko für Hungerkrisen. 148 Millionen Kinder litten an Wachstumsverzögerung, 45 Millionen an Auszehrung und fast 5 Millionen Kinder sterben vor dem 5. Lebensjahr, so die Zahlen der Welthungerhilfe.
Ein großes Problem ist die wachsende Schuldenkrise, die die ärmsten Länder belaste. Deshalb ist es eine vordringliche Aufgabe, eine kurzfristige Liquidität wiederherzustellen. Die Länder des globalen Südens sind nach wie vor in den Entscheidungsgremien der Wirtschafts- und Finanzinstitutionen unterrepräsentiert, für die Finanzierung nachhaltiger Entwicklung fehlen Billionen. NGOs und die Zivilgesellschaft fordern deshalb die Aussetzung des Schuldendienstes für die ärmsten Länder des Südens.
Der Marshall-Plan könnte die kurzfristige Liquidität wieder herstellen und darüber hinaus zu einer Reduzierung bzw. Aussetzung des Schuldendienstes beitragen. Das wäre eine Verpflichtung und Verantwortung, der sich die Staaten der EU aus der Bürde ihrer kolonialen Vergangenheit stellen müssten. Auch Deutschland wäre gefordert, sich gebührend einzubringen. Ein Marshall-Plan für Afrika würde auch das verlorengegangene Ansehen des Westens im Globalen Süden wieder stärken.
Bei Vereinbarungen mit Afrika sollte Europa nicht einseitig seine wirtschaftlichen Interessen durchsetzen, sondern als Partner auftreten. Afrikas Bemühungen um mehr Mitsprache in der UNO, im Besonderen für einen ständigen Sitz im Sicherheitsrat unterstützen.[3]
Weltweiter Hilfsappell der Vereinten Nationen
In einem weltweiten Hilfsappell haben die Vereinten Nationen die 193 Mitgliedsstaaten der UNO aufgerufen, ihren Beitrag zur Rettung von Millionen Menschenleben zu leisten. In 2026 würden 28 Milliarden Euro benötigt, um 135 Millionen Menschen in unmittelbarer Not zu versorgen. UN-Nothilfekoordinator Tom Fletcher appellierte [1] an die Weltgemeinschaft, sich solidarisch zu zeigen und sich an der dringend gebotenen Hilfe für Millionen notleidender Menschen, vor allem Frauen und Kinder zu beteiligen.
Es drohe eine Flüchtlingskatastrophe [2], wenn die dringend notwendige Hilfe in 2026 ausbleibe, so der UN-Nothilfekoordinator in New York.
"Wir fordern nur etwas mehr als ein Prozent dessen, was die Welt derzeit für Waffen und Verteidigung ausgibt", so der UN-Koordinator Tom Fletscher in New York. Die Welt solle weniger für Verteidigung und mehr für humanitäre Hilfe ausgeben.
USA kürzen humanitäre Hilfe dramatisch!
Ganz aktuell meldete CBS-News, dass die USA Zusagen für humanitäre Hilfe [3] der Vereinten Nationen erheblich kürzen werden. Anstelle der jährlichen 17 Milliarden US-Dollar würden nur noch 2 Milliarden finanziert. Die Regierung von Präsident Trump forderte die Vereinten Nationen auf, sich in einer Zeit neuer finanzieller Realitäten anzupassen und zu schrumpfen. Das Geld sei ein kleiner Bruchteil dessen, was die USA in der Vergangenheit beigetragen hätten.
Ein eindringliches Signal an die Staaten Europas, Verantwortung zu übernehmen und Hilfsgelder in größerem Umfang als bisher bereitzustellen. Wenn notwendig, Haushaltsmittel umzuschichten und dafür zu sorgen, dass die Vereinten Nationen in die Lage versetzt werden, Millionen notleidender Menschen im Globalen Süden, vor allem in Afrika helfen zu können.
Atomwaffen: Rüstungskontrolle und Abrüstung gehören wieder auf die Agenda
Die Strategie der atomaren Abschreckung ist weder politisch noch technisch stabil ist. Die Folgen dieser Strategie sind Krisenanfälligkeit, Konfrontation, und Ressourcenverschwendung. Auf der politischen Handlungsebene ist der Preis dieser Sicherheit eine ständige gefährliche Grenzsituation, deren Überschreiten katastrophale Folgen für die Menschheit hätte.
Der INF-Vertrag zwischen den USA und Russland ist gekündigt, obwohl er auf unbeschränkte Dauer geschlossen wurde. Gekündigt sind auch die Verträge der beiden Staaten über die Begrenzung der Raketenabwehr (ABM) und über den "Offenen Himmel" (Open Skies). Der New-Start-Vertrag über die strategischen Atom-Potentiale läuft Anfang 2026 aus.
Der umfassende Atomteststoppvertrag (CTBT) ist noch nicht in Kraft getreten. Rüstungskontrollverhandlungen sind ausgesetzt und finden zwischen den Atomwaffenstaaten aktuell nicht statt.
Weltweit besitzen die Atomwaffenstaaten knapp 13.000 Atomwaffen. Es gibt keine Gewähr dafür, dass diese Waffen bei einem Versagen der Abschreckung nicht zum Einsatz kämen. Wir stehen heute in einer politischen Grenzsituation, bei der wir uns keine entscheidenden Fehler mehr leisten dürfen. Bei einem Versagen kämen Zerstörungspotentiale zum Einsatz, die das Leben auf unserer Erde auslöschen würden. Es stellt sich die berechtigte Frage, wann unsere Gnadenfrist abgelaufen ist.
Ein Atomkrieg könne nicht gewonnen werden und dürfe niemals geführt werden. Das Zitat stammt nicht aus der Friedensbewegung sondern aus einer gemeinsamen Erklärung der Atomwaffenstaaten USA, Russland, China, Großbritannien und Frankreich vom Januar 2022.
Der Atomwaffensperrvertrag fordert Abrüstung
Der Vertrag trat 1970 in Kraft und regelt die Nichtverbreitung von Atomwaffen. Gründerstaaten waren die USA, die Sowjetunion und Großbritannien. 1992 kamen China und Frankreich hinzu. Derzeit haben 193 Staaten den Vertrag unterzeichnet. Die Atomwaffenstaaten Indien, Pakistan, Israel und Nord Korea (einseitiger Rücktritt 2003) gehören dem Vertrag nicht (mehr) an.
Der Vertrag verpflichtet die Unterzeichnerstaaten, über die vollständige Abschaffung ihrer Atomwaffen zu verhandeln. Im Gegenzug verzichten die Unterzeichnerstaaten, die nicht im Besitz von Atomwaffen sind, auf deren Erwerb. Der NPT gilt als einer der wichtigsten Rüstungskontrollverträge.[4]
Deshalb wäre es notwendig, den Rüstungskontrollprozess wieder anzustoßen und die Atomwaffenstaaten zur Verhandlungsbereitschaft zu bewegen. Es wäre Aufgabe des Generalsekretärs der Vereinten Nationen, dies initiativ zu befördern.
Der Atomwaffenverbotsvertrag der Vereinten Nationen (AVV)
Der Vertrag trat am 22.01.2021 in Kraft. Inzwischen haben ihn weltweit 70 Staaten ratifiziert. Der Vertrag untersagt allen Unterzeichnerstaaten, Atomwaffen zu entwickeln, herzustellen, zu lagern und zu testen. Auch die Weiterverbreitung von Atomtechnologie ist verboten. Die Androhung und der Einsatz von Atomwaffen schließen sich damit aus.
Der Atomwaffenverbotsvertrag der Vereinten Nationen weist den Weg zu einer atomwaffenfreien Welt. Biologische Waffen sind seit 1975, chemische Waffen seit 1997 völkerrechtlich verboten. Das gilt nun endlich auch für Atomwaffen. Der Verbotsvertrag wird in den kommenden Jahren immer mehr an Gewicht gewinnen und weltweit Staaten zur Unterzeichnung veranlassen.
Diese Entwicklung wird sich auch nicht über Einflussnahme der Atomwaffenstaaten aufhalten lassen. Vielmehr wird der Druck auf diese wachsen, endlich die im Atomwaffensperrvertrag eingegangenen Verpflichtungen einzulösen.
Eine neue Friedensordnung für Europa
Auf dem Sondergipfel der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit (KSZE) wurde am 21. November 1990 die Charta von Paris verabschiedet und unterzeichnet. Das Ziel des Dokuments war und ist die Schaffung einer neuen Friedensordnung in Europa nach dem Ende des Kalten Krieges und der Teilung Europas. Diese Charta gilt es wiederzubeleben und mit diplomatischem Geschick zu unterfüttern.
Das Fundament und das Dach der neuen Friedensordnung für Europa wäre die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), die aus der ehemaligen KSZE hervorging. Sie ist leider seit 1995 wegen der Dominanz der Nato weitgehend unwirksam geworden. Mit einer Wiederbelebung der OSZE ließe sich eine dauerhafte Friedensordnung für Europa einrichten.
Das Fundament könnte das Konzept der "Gemeinsamen Sicherheit der Palme-Kommission von 1982, das der Ausgangspunkt für die erfolgreiche Entspannungspolitik von Willy Brandt und Egon Bahr war, dienen. Vielleicht gelingt es in 2026, den verlustreichen Ukraine-Krieg zu beenden und eine Friedenslösung herbeizuführen, die tragfähig wäre und Gespräche über Rüstungskontrolle anbahnen könnte.
In seiner Weihnachtsbotschaft geißelte Papst Leo XIV. mit deutlichen Worten die Sinnlosigkeit von Kriegen und beklagte das Schicksal junger Menschen, die zum Kriegsdienst gezwungen würden und an der Front die Sinnlosigkeit dessen erkennen, was von ihnen verlangt würde. Auch die Lügen, von denen die großspurigen Reden derer, die sie in den Tod schicken würden, trieften. Des Weiteren wies der Papst auf die wirtschaftliche Ungleichheit in der Welt und auf die ausbeuterischen Tendenz eines ungezügelten Kapitalismus und die fortschreitende Zerstörung des Planeten Erde hin.[5]
Initiative der EU für einen Friedensrat der UNO
"Den Bedürfnissen des Globalen Südens käme ein Instrument entgegen, das bereits mehrere Organisationen der Friedens- und Konfliktforschung und das jährliche Friedensgutachten angeregt haben: Ein UN-Friedensrat.
Er könnte helfen, Blockaden des Sicherheitsrats zu brechen. Staat militärisch für Frieden und Sicherheit zu sorgen, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, wäre sein Ziel, Gewalt frühzeitig zu verhindern: durch Konfliktanalyse, Mediation, Einbindung regionaler Akteure unnd Förderung ziviler Lösungen", so der Vorschlag des ehemaligen UN-Botschafters Martin Kobler.[6]
Im Globalen Süden träfe diese Idee auf offene Ohren, weil ein Friedensrat regionale Perspektiven und zivilgesellschaftliche Stimmen stärker einbezöge und Prävention statt Intervention priorisiere. Die Europäische Union solle sich verstärkt für diese Idee eines Friedensrates bei den Vereinten Nationen einsetzen. Die derzeitige Präsidentin der UN-Generalversammlung, die ehemalige deutsche Außenministerin Annalena Baerbock, könnte diesen Vorschlag in die Generalversammlung einbringen und einen Beschluss auf den Weg bringen.
Der Friedensnobelpreis als Mahnung und Vision
2012 wurde die Europäische Union mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Die EU und ihre Vorgänger hätten über sechs Jahrzehnte zur Förderung von Frieden und Versöhnung beigetragen. Seit 1945 sei diese Versöhnung Wirklichkeit geworden.
"Das Norwegische Nobelkomitee wünscht den Blick auf das zu lenken, was es als wichtigste Errungenschaft der EU sieht: den erfolgreichen Kampf für Frieden und Versöhnung und für Demokratie sowie die Menschenrechte; die stabilisierende Rolle der EU bei der Verwandlung Europas von einem Kontinent der Kriege zu einem des Friedens", so das norwegische Nobelkomitee [4] in seiner Begründung.
Die EU hätte die Chance, auf dieser Grundlage eine Vision für eine Zukunft zu entwickeln. Wenn sie es schafft, nicht in ihre alte Geschichte zurückzukehren[7]:
"Landkrieg um Territorium, Nationalismus, Aufrüstung. Deutschland will wieder Militärgerät im großen Stil produzieren und Armeedienst schmackhaft machen oder zur Pflicht erheben. Dafür mag es angesichts der russischen Aggression Gründe geben. Aber auch hier steht eine gestrige Welt wieder auf."
Daniel Marwecki
Literatur
[1] C.F. von Weizsäcker, "Wege in der Gefahr", München 1976, S. 140 - 152
[2] Stephan Lessenich, "Neben uns die Sintflut. Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis", Berlin 20163]
[3] Martin Kobler, Weltenbeben, EuropaVerlag 2025, S. 284
[4] Jakob Knape, Der Nichtverbreitungsvertrag, IPPNW-Forum Sept. 2024, S. 29
[5] Süddeutsche Zeitung v. 27./28.12.2025
[6] s. Nr. 3, S. 108/109
[7] Daniel Marwecki, "Die Welt nach dem Westen", Ch.Links Verlag 2025, S. 254
Rolf Bader, geb. 1950, Diplom-Pädagoge, ehem. Offizier der Bundeswehr, ehem. Geschäftsführer der Deutschen Sektion der Internationalen Ärzte:innen für die Verhütung des Atomkrieges/Ärzte:innen in sozialer Verantwortung e.V. (IPPNW).
URL dieses Artikels: https://www.heise.de/-11127493
Links in diesem Artikel: [1] https://news.un.org/en/story/2025/06/1164421 [2] https://www.heise.de/tp/article/Humanitaere-Hilfe-Die-Welt-brennt-Deutschland-kuerzt-10488927.html [3] http://www.cbsnews.com/news/us-un-humanitarian-aid-funding-slahs/ [4] https://www.tagesschau.de/ausland/friedensnobelpreis-eu-ts-102.html
Fingerabdrücke und Gesichtsbilder: USA wollen Zugriff auf Millionen europäischer Polizeidaten
Von Matthias Monroy — 04. Januar 2026 um 15:20
Die USA fordern direkten Zugriff auf europäische Polizeidatenbanken mit Biometriedaten – nicht nur von Reisenden. Die EU-Kommission soll verhandeln.
Die USA wollen Zugriff auf Biometriedaten. Betroffen wären alle Personen, deren Daten im Zuständigkeitsbereich von Grenz- und Polizeibehörden der USA verarbeitet werdenBild:
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Die US-Regierung verlangt von allen Teilnehmern ihres Visa-Waiver-Programms den Abschluss einer Enhanced Border Security Partnership. Das Programm ermöglicht Bürgern aus derzeit mehr als 40 Ländern, darunter 24 der 27 EU-Mitgliedstaaten, eine visafreie Einreise in die USA für bis zu 90 Tage. Künftig soll diese Erleichterung jedoch an weitreichende neue Bedingungen geknüpft werden: Die USA fordern direkten Zugriff auf nationale Polizeidatenbanken mit biometrischen Informationen wie Fingerabdrücken und Gesichtsbildern.
Betroffen wären nicht nur Reisende, sondern grundsätzlich alle Personen, deren Daten im Zuständigkeitsbereich von Grenz- und Polizeibehörden der USA verarbeitet werden – von Passkontrollen bis hin zu Abschiebungs- und Aufenthaltsbeendigungsverfahren. Weigern sich Staaten, diese "Grenzpartnerschaft" einzugehen, sollen sie aus dem Visa-Waiver -Programm ausgeschlossen werden.
Es soll Grundlinien für die US-Datenabfrage festlegen, während die konkreten technischen, rechtlichen und organisatorischen Details anschließend in bilateralen Umsetzungsabkommen mit den USA und einzelnen Mitgliedstaaten geregelt werden müssten. Wie das mit EU-Datenschutzrecht in Einklang zu bringen ist, ist noch unklar.
Direkter Datenzugang ist ein Novum
Die Forderung der USA ist in dieser Form beispiellos. Selbst innerhalb der Europäischen Union existiert kein System, das Polizeien anderer Mitgliedstaaten einen unmittelbaren Zugriff auf nationale Datenbanken erlaubt.
Der Austausch vertraulicher Informationen erfolgt bislang nach dem sogenannten Treffer/Kein-Treffer-Prinzip: Zunächst wird lediglich abgefragt, ob ein Datensatz vorhanden ist; erst danach kann unter engen rechtlichen Voraussetzungen eine Übermittlung beantragt werden. Dieses Verfahren gilt etwa im Rahmen des Prüm-Vertrags , der bislang Fingerabdrücke und DNA-Profile umfasst und derzeit auch auf Gesichtsbilder ausgeweitet wird.
Die EBSP würde dieses Prinzip grundlegend verändern. Demnach sollen US-Behörden automatisierten Zugriff auf biometrische Daten sowie auf polizeiliche Informationen zur Migrations- und Kriminalhistorie erhalten. In Deutschland allein könnten davon Gesichtsbilder von fast 6 Millionen Menschen sowie Fingerabdrücke in ähnlicher Größenordnung betroffen sein, die im polizeilichen Informationssystem Inpol gespeichert sind.
Dabei handelt es sich nicht ausschließlich um Strafverfolgungsdaten von polizeilichen Verdächtigen. Etwa die Hälfte der erfassten Personen sind erkennungsdienstlich behandelte Asylsuchende oder ausreisepflichtige Personen.
Bislang schloss nach öffentlich bestätigten Informationen bereits Bahrain ein solches Abkommen ab. Laut Angaben des US-Heimatschutzministeriums umfasst es den "automatisierten" Austausch biometrischer Daten zur Bekämpfung von Terrorismus, organisierter Kriminalität sowie Drogen- und Migrantenschmuggel.
Wie ein solches Konstrukt mit dem europäischen Datenschutzrecht vereinbar sein soll, ist unklar. Bestehende Regelungen wie das EU-US-Polizeirahmenabkommen greifen nicht, da dieses ausschließlich klassische Strafverfolgung betrifft, nicht für Grenzbelange gilt und keinen direkten Datenbankzugriff vorsieht. Auch die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) stellt hohe Anforderungen an Zweckbindung, Verhältnismäßigkeit und Rechtsschutz.
Auch der Europäische Datenschutzbeauftragte Wojciech Wiewiórowski beschäftigte sich im Sommer mit der US-Forderung – und sieht darin offenbar kein grundsätzliches Problem. In einer Stellungnahme fordert Wiewiórowski aber eine umfassende Folgenabschätzung, eine strikte Beschränkung auf Grenz- und Einreisevorgänge, den Ausschluss von Massenzugriffen sowie effektive Transparenz- und Rechtsschutzmechanismen. Ob diese Anforderungen in den Verhandlungen durchgesetzt werden können, ist offen.
Insbesondere die Einwanderungsbehörde ICE nutzt biometrische Daten bei brutalen Razzien, Festnahmen und Abschiebungen. Unter Trump wird dieser Apparat weiter ausgebaut. Der direkte Zugriff auf europäische Polizeidaten könnte diese Praxis verstärken – gegenüber Asylsuchenden und Migrantinnen und Migranten, deren biometrische Daten in europäischen Systemen gespeichert sind, aber auch gegenüber politischen Gegnern wie etwa der europäischen Antifa-Bewegung.
Die EU-Mitgliedstaaten müssen nun entscheiden, ob und unter welchen Bedingungen sie das Rahmenabkommen unterzeichnen wollen, um den visafreien Reiseverkehr im Rahmen des Visa-Waiver-Programms fortzuführen. Die von den USA gesetzte Frist endet am 31. Dezember 2026.
Tesla zeigt erstmals detailliert, wie der elektrische Semi-Lkw mit einer Rekordleistung von 1,2 Megawatt lädt.
Tesla Semi am SuperchargerBild:
Tesla/X
Über Jahre hinweg blieb unklar, wie schnell der Tesla Semi tatsächlich laden kann. Obwohl Unternehmen wie Pepsico bereits Fahrzeuge im Einsatz haben, fehlten konkrete Daten zur Ladeleistung. Tesla hatte versprochen, dass der Lkw in 30 Minuten 70 Prozent seiner Reichweite nachladen können soll, wie Electrek berichtet .
Bei einer geschätzten Batteriekapazität von 800 bis 900 kWh und einer Reichweite von 500 Meilen (ungefähr 800 Kilometer) erfordert dies deutlich höhere Leistungswerte als bei herkömmlichen Elektroautos. Die aktuellen Supercharger für Pkw liefern in Nordamerika typischerweise 250 kW oder 350 kW.
Das vom offiziellen Tesla-Semi-Account veröffentlichte Video zeigt Ingenieure, die eine Ladesitzung überwachen. Die Anzeige steigt dabei auf einen Spitzenwert von 1.206 kW. Diese Leistung entspricht den Angaben, die Tesla für seine neuen V4-Ladestationen gemacht hat.
Technische Herausforderungen der Hochleistungsladung
Die V4-Ladestationen sind für Fahrzeugarchitekturen zwischen 400 und 1.000 Volt ausgelegt. Während sie für Pkw wie den Cybertruck bis zu 500 kW liefern können, erreichen sie beim Semi die 1,2 MW. Das Video lässt allerdings offen, bei welchem Ladestand diese Leistung erreicht wird.
Die eigentliche Herausforderung liegt darin, diese hohe Leistung ohne Überhitzung des Akkus oder der Kabel aufrechtzuerhalten. Das flüssigkeitsgekühlte Ladekabel und der Stecker scheinen diese Aufgabe zu bewältigen. Bei 1,2 MW werden pro Minute etwa 20 kWh Energie übertragen.
Ausgehend von einer Akkukapazität von rund 850 kWh wäre theoretisch eine Ladung von 10 auf 80 Prozent in weniger als 45 Minuten möglich. Dies setzt voraus, dass die Ladekurve nicht zu stark abflacht.
Serienproduktion ab 2026 geplant
Tesla bereitet derzeit die Serienproduktion des Semi in der Gigafactory Nevada vor. Der Produktionsstart ist für die erste Jahreshälfte 2026 geplant, die Hochlaufphase soll in der zweiten Jahreshälfte folgen.
Die Skepsis gegenüber elektrischen Lkw liegt weniger auf der Antriebsleistung als auf den Standzeiten. Diesel-Lkw können in etwa 15 Minuten betankt werden. Elektrische Fahrzeuge mit mehreren Stunden Ladezeit würden für viele Logistikunternehmen wirtschaftlich nicht funktionieren.
Mit 1,2 MW Ladeleistung könnte sich diese Rechnung ändern. Fahrer in den USA müssen nach acht Stunden Fahrt eine 30-minütige Pause einlegen. In dieser Zeit ließen sich bei entsprechender Ladeleistung mehrere hundert Kilometer Reichweite nachladen. Dazu müsste es allerdings viele Ladestationen mit entsprechender Leistung geben.
Retrogaming: SN-Operator bringt SNES-Spiele auf PC, Mac und Linux
Von David Wagner — 04. Januar 2026 um 14:12
Alte SNES-Cartridges überprüfen, sichern und spielen. Das verspricht Epilogues SN Operator, ein USB-C-Hub für Super-Nintendo -Module.
Auch die Module des Super Famicom nimmt das SN Operator auf.Bild:
Epilogue
Mit dem GB Operator hat Epilogue schon ein erstes Gerät auf dem Markt, das Gameboy-Module unterstützt. Jetzt folgt das SN Operator , das praktisch dieselben Funktionen wie der kleine Bruder bietet, aber Cartridges vom SNES oder Super Famicom aufnimmt. Diese lassen sich dann per Software-Emulation auf dem Computer spielen.
USB-Dockingstation für SNES-Cartrdiges
Das Gerät besteht aus einer Platine, dem Modulschacht und transparentem Plastik, was einen gewissen Retrocharme verleiht. Eine eingesteckte Cartridge wird hier nicht per Hardware emuliert, sondern die Spieldateien darauf für Software zugänglich gemacht. Dafür hat Epilogue den eigenen Emulator Playback im Angebot, den es für Windows, Linux und Mac gibt. Andere Emulatoren sollen ebenfalls unterstützt werden.
Das SN Operator unterstützt alle Module des SNES und Super Famicom, auch die später erschienenen Cartridges mit Erweiterungschips. Das Gerät spielt PAL- und NTSC-Module ab.
Savegames speichern, auch ohne Batterie
Außerdem ist es mit Playback und dem SN Operator möglich, Spielstände auszulesen und zu sichern. Diese wurden früher auf dem SNES direkt auf dem Modul gespeichert. Die dafür eingebauten Batterien sind in vielen Fällen allerdings inzwischen ausgefallen. Auch die Spieldateien lassen sich direkt auf dem Rechner speichern und damit digital archivieren oder für spätere Emulation verwenden.
Playback ist auch für das Steam Deck im Desktop-Modus verfügbar. Hier lässt sich das SN Operator per USB-C an den Handheld anschließen, um SNES-Spiele direkt darauf spielen zu können.
Sammlung auf Echtheit überprüfen
Ein Feature ist spezifisch auf Sammler zugeschnitten. Das SN Operator bietet eine eingebaute Echtheitsüberprüfung der eingesteckten Module. So sollen sich Fälschungen in der eigenen Sammlung leicht erkennen lassen.
Das SN Operator kostet 71,39 US-Dollar, was etwa 61 Euro entspricht. Dazu kommen Steuern und Versandkosten. Epilogue lieferte das Gerät auch nach Deutschland, allerdings war das Gerät schon kurz nach Verkaufsstart am 30. Dezember bereits nicht mehr lieferbar. Interessierte können sich eine Benachrichtigung zusenden lassen, wenn das SN Operator wieder verfügbar ist.
Können uns die Regeln längst vergessener Brettspiele Einblicke in antike Denkweisen geben? Warum spielen wir? Und gibt es eine Evolution menschlichen Spielens?
Seit Jahrtausenden spielen Menschen auf Brettern und mit Würfeln und Spielfiguren. Die Rekonstruktion der Regeln vergessener Brettspiele kann uns tief in die Gedankenwelt unserer Vorfahren eintauchen lassen.
Vor einigen Jahren entdeckten [1] Archäologen bei der Ausgrabung des 5000 Jahre alten Grabhügels von Basur Höyük im Südosten der Türkei einen Schatz von 49 winzigen Steinfiguren: Schweine, Hunde, Pyramiden und Säulen, alle kunstvoll geschnitzt und bemalt.
Wie der New Scientistberichtet [2], ist es bisher allerdings nur in wenigen Fällen gelungen, die Spielregeln antiker Brettspiele zu rekonstruieren und so Einblicke in das Leben der Menschen zu bekommen, die damit gespielt haben.
Die Steinfiguren sehen zwar wie Spielfiguren aus, aber die Forscher versuchen immer noch, herauszufinden, wie man damit gespielt haben könnte. Ein Grund, warum die Figuren aus Basur Höyük vielleicht für immer ein Rätsel bleiben werden, ist, dass kein dazugehöriges Spielbrett gefunden wurde.
Brettspiele der Jungsteinzeit
Über Senet [3], ein Spiel, das die Ägypter bereits vor 5500 Jahren spielten, wissen wir dagegen bedeutend mehr – dank Brettern, die in verschiedenen Gräbern ausgegraben wurden, sowie religiösen Texten, die indirekt auf das Spiel Bezug nehmen.
Senet bestand aus 30 Feldern, die in drei Reihen angeordnet waren. Zwei Spieler versuchten mit Hilfe von Wurfstäben als Würfel, ihre Figuren ins Ziel zu bringen. Dabei setzten sie wohl auch Blockadestrategien ein, die an Backgammon erinnern.
Laut Peter Piccione vom College of Charleston in South Carolina zeigt [4] Senet, wie die alten Ägypter über das Jenseits dachten. Im Laufe seiner 3000-jährigen Geschichte als Ägyptens Lieblingsspiel wurde das Spiel zunehmend mit religiösen Vorstellungen verknüpft.
Das Urteil der Götter beeinflussen
Auf Spielbrettern aus jüngerer Zeit repräsentierte jedes Feld verschiedene Stationen auf der Reise ins Jenseits, was darauf hindeutet, dass das Spiel auch eine rituelle Aktivität war Piccione argumentiert sogar, dass die Spielweise von Senet zeigt, dass die Ägypter glaubten, das Urteil der Götter über ihre Seelen noch zu Lebzeiten beeinflussen zu können.
Auch der Kontext, in dem antike Brettspiele gespielt wurden, kann aufschlussreich sein. Wenn etwa zwei Gruppen von Menschen verschiedene Sprachen sprechen, sind Brettspiele ein hervorragendes Mittel, um sie einander näherzubringen. Und öffentlich gespielte Brettspiele brachten Menschen zusammen, die sonst nichts miteinander zu tun hätten.
Spiele könnten also schon seit dem Neolithikum das soziale Miteinander erleichtert haben. Doch sind sich sicher, dass Brettspiele viel älter sind, als die Archäologen belegen können. Denn sie wurden größtenteils aus vergänglichen Materialien wie Holz hergestellt. Und auch heute noch spielen Menschen nötigenfalls auf Brettern, die sie in den Boden gekratzt haben.
Vieldimensionaler sozialer Nutzen
Was also macht Brettspiele besonders? Sie haben keinen wirtschaftlichen Nutzen. Und doch hält ihre Faszination bis heute an.
Anthropologen denken, dass es mit unserer Fähigkeit zu tun hat, unsere Aufmerksamkeit gemeinsam auf etwas ganz Bestimmtes auszurichten. Die Freude darüber, dass auch die anderen mit dem gleichen Gegenstand beschäftigt sind, tut ein Übriges und schafft überdies Gemeinsamkeit.
Ein weiterer zentraler sozialer Aspekt des Brettspiels erwächst aus der Möglichkeit, dass wir Menschen uns beim Spiel in sicherer und abstrakter Weise mit anderen messen, das Gegenüber durch dessen Spielverhalten kennenlernen und uns dabei auch noch selbst testen können. Geistestraining und Konzentrationsübungen sind weitere bedeutende Aspekte [5].
„Beim Spiel kann man einen Menschen in einer Stunde besser kennenlernen als im Gespräch in einem Jahr“, soll der griechische Philosoph Platon gesagt haben. Schließlich bieten Brettspiele eine Ablenkung vom Alltäglichen, eine Möglichkeit zum Zeitvertreib.
Die Evolution menschlicher Spiele
Trotz großer Unterschiede zwischen den Kulturkreisen gibt es eine Evolution menschlicher Spiele hin zu mehr Denksport, Komplexität und kognitiver Herausforderung. Dieser Trend wird angetrieben durch Bildung, Technologie und ein verändertes gesellschaftliches Ideal. „Komplexe Gesellschaften benötigen komplexe Spiele“, schreibt [6] das Institut für Ludologie der Fachhochschule für angewandte Wissenschaften in Berlin.
Doch diese Entwicklung verlaufe nicht "weg vom Glücksspiel", sondern parallel dazu. Denn die menschliche Liebe zum Zufall und zum schnellen Gewinn ist zu tief verwurzelt, um einfach zu verschwinden. Die Spielelandschaft wurde im Laufe der Jahrtausende immer vielfältiger. Sie bietet ganz selbstverständlich sowohl die schnelle Befriedigung des Glücksspiels als auch die des tief versunkenen Denkens.
Datenbanken für historische Spiele
Ludii [7] ist ein Spielsystem und gleichzeitig eine Bibliothek für Spiele der Universität Maastricht. Ludii wurde zum Spielen, Bewerten und Entwerfen von Spielen entwickelt, darunter Brett-, Karten- und Würfelspiele aber auch mathematische Spiele und mehr … Die Website bietet auch eine kostenlose Spiele-App zum Download.
Das britische Games Board [8] wird von einer Gruppe von Spielehistorikern betrieben. Die Interessen unserer Mitglieder umfassen ein breites Spektrum an Spielthemen, von Spielkarten über alte Brettspiele bis zu Ludo und Tischtennis.
URL dieses Artikels: https://www.heise.de/-11127885
Links in diesem Artikel: [1] https://www.middleeasteye.net/discover/turkey-ancient-board-games-bronze-age-anatolia [2] https://www.newscientist.com/article/mg23231041-200-how-the-rules-of-long-lost-board-games-take-us-inside-ancient-minds/ [3] https://de.wikipedia.org/wiki/Senet [4] https://www.researchgate.net/publication/265434911_In_Search_of_the_Meaning_of_Senet [5] https://www.gamespot.com/articles/new-study-reveals-the-main-reasons-people-want-to-play-games/1100-6523551/ [6] https://www.ludologie.de/spielforschung/spielwissenschaften [7] https://ludii.games/library.php [8] https://www.gamesboard.org.uk/