"Mit MLX können Benutzer LLMs auf dem Mac effizient erkunden und ausführen. Es ermöglicht Forschern, mit neuen Inferenz- oder Feinabstimmungstechniken zu experimentieren oder KI-Techniken in einer privaten Umgebung auf ihrer eigenen Hardware zu testen. MLX funktioniert mit allen Apple-Silicon-Systemen", so Apple.
Mit macOS 26.2 Beta, das derzeit getestet wird, kommt nun Unterstützung für eine latenzfreie Thunderbolt-5-Vernetzung sowie die besagten Neural Accelerators hinzu, die im 14-Zoll-MacBook Pro M5 integriert sind. Letztere sollen dabei helfen, bestimmte Machine-Learning-Workloads zu beschleunigen und auch die Ausführung der KI-Algorithmen (Inferenz) schneller zu machen.
Warten auf M5 Pro, M5 Max und M5 Ultra
Da es aktuell noch keine Maschinen mit M5 Pro, M5 Max oder gar M5 Ultra gibt und der M5 nur maximal 32 GByte RAM anspricht, dürften M4 Max oder M3 Ultra derzeit die bessere Wahl sein. Modelle, die in das RAM passen, sollen laut Apple jedoch eine deutlich schnellere "Time to First Token", also die benötigte Zeit zur Ausgabe des ersten Tokens, aufweisen. Sie liegen zwischen dem 3,3-Fachen (gpt-oss-20b-MXFP4-Q4) und dem 4-Fachen (Qwen3-8B-MLX-4bit).
Apple gibt in seinem Dokument auch Tipps dazu, wie man mit MLX arbeitet. Wer sich für weitere Details interessiert, findet auf Github das MLX-LM-Projekt [5] für den Aufruf diverser Modelle und Finetuning. Tipps und Tricks erhalten Interessierte in einer eigenen MLX Community auf Hugging Face [6]. In Tools wie LM Studio [7] findet man auch schnell MLX-Varianten bekannter Modelle.
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watchOS 26: Probleme mit der Aktionstaste bei der Apple Watch Ultra
Von Heise — 24. November 2025 um 13:46
Aktionstaste an der Apple Watch: Was tun, wenn sie streikt?
(Bild: Apple)
Apples Top-Uhr Apple Watch Ultra verfügt über einen frei belegbaren Zusatzdrücker. Seit watchOS 26 ist der aber nicht immer zuverlässig. So geht das Debugging.
Besitzer der Apple Watch Ultra aller drei Generationen melden Probleme mit der orangefarbenen Seitentaste [1] der Computeruhr. Nach Installation von watchOS 26 [2] kommt es vor, dass der Drücker nach Betätigung zwar angibt, er löse die gewünschte Funktion aus, doch es passiert nichts. Manchmal färbt sich der Bildschirm ein und eine Rückkehr zum App-Grid ist nur noch durch mehrfaches Betätigen der digitalen Krone möglich. Wartet man ab, erscheint eine Fehlermeldung, es sei nicht möglich, die Aktion auszuführen.
Was die Aktionstaste kann
Die Aktionstaste, auf Englisch auch Action Button genannt, ist ein links angebrachter, dritter Knopf, den es nur bei der Ultra gibt. Alle anderen Apple-Watch-Modelle besitzen jeweils nur eine digitale Krone (dreh- und drückbar) und eine Seitentaste, die beide auf der rechten Seite angebracht sind.
Die Idee hinter der Aktionstaste: Es soll darüber schnell möglich sein, wichtige Funktionen auszulösen, etwa die Stoppuhr oder den Trainingsmodus (ausgesucht wird zuvor das gewünschte Training). Mit einem zweiten Druck auf die Taste werden weitere App-Funktionen ausgelöst, zudem lassen sich über einen langen Druck auf die Taste weitere Features über den sogenannten Schnellwechsel [3] aufrufen. Dabei sind nahezu alle wichtigen watchOS-Funktionen belegbar.
Grafikfehler und Steckenbleiben
Normalerweise arbeitet die Aktionstaste sehr zuverlässig und kann sogar dazu verwendet werden, Automatisierungen über Kurzbefehle [4] loszutreten. Mit watchOS 26 waren neben besagten Problemen der Auslösung aber auch Grafikfehler hinzugekommen. So hakt das Interface beim erwähnten Schnellwechsel, der Auswahlrahmen kommt bei den Eingaben der digitalen Krone nicht hinterher. Da Apple üblicherweise performante Bedienschnittstellen auf den Markt bringt, wirkt dies äußerst unschön.
Aktuell gibt es weder für die Grafikfehler noch das Grundproblem des Steckenbleibens beim Auslösen der Aktionstaste Problemlösungen. Versagt die Aktionstaste, kann es grundsätzlich helfen, die Apple Watch neu zu starten [5]. Das dauert aber jeweils bis zu einigen Minuten. Danach sollte die Aktionstaste wieder arbeiten. Es kommt aber vor, dass sie sich später erneut verabschiedet. watchOS 26.1 kennt das Problem noch, ob es in watchOS 26.2 gelöst ist, bleibt abzuwarten.
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Links in diesem Artikel: [1] https://support.apple.com/de-de/guide/watch/apda005904ef/watchos [2] https://www.heise.de/ratgeber/watchOS-26-Das-ist-neu-auf-Apples-Uhren-und-so-setzen-Sie-es-ein-10653259.html [3] https://support.apple.com/de-de/guide/watch/apda005904ef/26/watchos/26#apdd2ab1bc2b [4] https://www.heise.de/news/Kurzbefehle-App-von-Apple-soll-kuenftig-natuerliche-Sprache-verstehen-10424308.html [5] https://support.apple.com/de-de/guide/watch/apd521a8a902/watchos [6] https://www.heise.de/Datenschutzerklaerung-der-Heise-Medien-GmbH-Co-KG-4860.html [7] https://www.heise.de/mac-and-i [8] mailto:bsc@heise.de
Milliardenklage wegen iCloud in UK: Apple-Anwälte versuchen es mit einem Kniff
Von Heise — 24. November 2025 um 13:19
iCloud: Ärger für Apple in Großbritannien.
(Bild: Apple)
Apple soll britische Konsumenten wegen der iCloud-Bepreisung entschädigen. Wäre da nicht ein Prozessfinanzierer: Gegen den geht der Konzern nun vor.
Die britische Verbraucherorganisation Which? [1] hatte Apple verklagt, weil der Konzern angeblich 40 Millionen britische Kunden in bezahlte iCloud+-Dienste gezwungen haben soll. Im Rahmen einer großen Sammelklage soll der iPhone-Konzern der Kundschaft nun zu 3 Milliarden britische Pfund zurückzahlen [2], da der Erwerb von iCloud+ einen "Zwang für Nutzer" darstelle. Es fehle an Alternativen anderer Anbieter, die den gleichen Funktionsumfang haben. Apple weist die Vorwürfe als nicht haltbar zurück und hat das sogenannte Competition Appeal Tribunal eingeschaltet. Dort wollen die Anwälte des Herstellers nun belegen, dass die Klage selbst auf tönernen Füßen [3] steht.
Angst ums Geld
Der Kniff der Apple-Anwälte: Sie gehen davon aus, dass der von Which? eingeschaltete Prozessfinanzierer nicht die Mittel hat, die Klage durchzuziehen beziehungsweise die eventuellen Ausschüttungen an die Sammelkläger vorzunehmen. Das Unternehmen namens Litigation Capital Management (LCM) musste wirtschaftliche Probleme einräumen. Die Aktie verlor über die vergangenen zwölf Monate fast 99 Prozent, aktuell soll LCM nur noch rund 12 Millionen Pfund wert sein.
Apples Anwälte ziehen in Zweifel, dass LCM in der Lage ist, den Prozess fortzuführen. Der Konzern fürchtet offenbar, Gelder zahlen zu müssen, die dann in einem möglichen Insolvenzverfahren des Prozessfinanzierers verloren gehen. Ob dies auch das Competition Appeal Tribunal so sieht, ist noch unklar. Eine entsprechende Entscheidung kann noch Monate dauern.
Kartellrechtklage
Die Organisation Which? glaubt, dass Apple mit seinem Speicherdienst gegen das britische Kartellrecht verstößt [4]. Nutzer von iPhone und iPad sollen daher entschädigt werden, sofern sie iCloud+ abonniert haben. Die Klage ist so formuliert, dass bei einer entsprechenden Entscheidung des Gerichts automatisch alle britischen Nutzer eine Entschädigung erhalten, sofern sie dem nicht widersprechen. Jeder Nutzer erhielte im Erfolgsfall rund 70 britische Pfund.
Apple bietet Nutzern nur 5 GByte kostenlosen iCloud-Speicher an – für heutige Verhältnisse viel zu wenig. Aus diesem Grund kaufen Nutzer oft iCloud+ dazu. In Großbritannien zahlt man dafür zwischen 0,99 und 54,99 Pfund pro Monat (50 GByte bis 12 TByte).
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Links in diesem Artikel: [1] https://www.which.co.uk/ [2] https://www.heise.de/news/iCloud-Rechtsstreit-um-Speicherplatz-Richter-gibt-Apple-recht-10501768.html [3] https://www.catribunal.org.uk/cases/16897724-consumers-association-which [4] https://www.heise.de/news/Vorwurf-iCloud-Zwang-Britische-Verbraucherschutzorganisation-verklagt-Apple-10035657.html [5] https://www.heise.de/Datenschutzerklaerung-der-Heise-Medien-GmbH-Co-KG-4860.html [6] https://www.heise.de/mac-and-i [7] mailto:bsc@heise.de
Illusionisten in Belém: Ratlos nach dem Konferenzrausch
Von Heiner Flassbeck — 24. November 2025 um 16:00
Heiner Flassbeck
Tage- und nächtelang verbeißen sich Teilnehmer in Texte – und glauben am Ende, die Welt zu retten. Doch die Realität sieht anders aus. Ein Kommentar.
Wer noch nie dabei war, kann es nicht nachvollziehen. Teilnehmer an solchen Marathon-Konferenzen wie der Klimakonferenz (COP 30) in Belém, Brasilien, geraten nach einigen Tagen in eine Art Konferenzrausch, der ihnen Dinge vorspiegelt, die es gar nicht gibt.
Die Teilnehmer verbeißen sich tage- und nächtelang in einen Text, von dem sie nach einiger Zeit glauben, es sei das wichtigste Stück Text, das jemals verfasst wurde.
Nicht weniger als die Rettung der Welt ist natürlich von einer globalen Mammut-Konferenz zu erwarten, von deren elementarer Wichtigkeit viele auch schon vor Beginn ihres Konferenz-Rauschs überzeugt waren.
Ich habe vergangenen Freitag ein Interview mit dem deutschen Staatssekretär im Umweltministerium [1], Jochen Flasbarth gesehen, das mich wirklich schockiert hat. Er sprach darüber, dass es bei dieser Konferenz wiederum einen heftigen Streit um das Schlusskommuniqué gibt, weil eine Gruppe von über 80 Ländern erneut versucht, gegen den Willen der Produzenten fossiler Energieträger den Ausstieg aus der fossilen Energie dort festzuschreiben.
Flasbarth war zwar nicht besonders optimistisch, aber er hoffte noch darauf, dass es einen "Dubai-Moment" geben könne, wie er das nannte, nämlich eine Formulierung, in der ein solcher Ausstieg wenigstens angesprochen wird.
Offensichtlich bezog er sich auf die COP 28, bei der es tatsächlich zum ersten Mal gelungen war, einen Satz in der Schlusserklärung unterzubringen, der diese kritische Frage erwähnte (wie hier [2] vor zwei Jahren erläutert).
Das Handelsblatt [3] schreibt [4] dazu, man hätte sich vor zwei Jahren auf einen grundsätzliche Abkehr von den fossilen Energieträgern geeinigt. Das ist grandioser Unsinn. Aus diesem Satz von vor zwei Jahren konnte man schon damals keinen Hoffnungsschimmer konstruieren, daraus heute eine grundsätzliche Abkehr abzulesen, ist nur mit Halluzinationen zu erklären.
Der Satz über den Ausstieg war damals belanglos und ist es heute noch viel mehr. Nichts ist in den zwei Jahren geschehen, was einen vernünftigen Menschen zu der Ansicht bringen könnte, man komme mit der schieren Existenz eines solchen Satzes auch nur einen Millimeter weiter.
Nun ist die Konferenz zu Ende und diesmal ist nicht einmal der eine Satz herausgekommen. Exakt nichts ist herausgekommen, was für die angestrebten Ziele wirklich relevant wäre. Wer jetzt nicht innehält und sich grundsätzlich fragt, wie es weitergehen soll, ist ein Narr.
Im August 2021 hatte der Generalsekretär der Vereinten Nationen, António Guterres, den damals erschienenen Report des IPCC mit den Worten begleitet: "This report must sound a death knell for coal and fossil fuels, before they destroy our planet" (dieser Report muss die Totenglocke für Kohle und fossile Brennstoffe läuten, bevor sie den Planeten zerstören).
Vier Jahre später wird Kohle, Gas und Öl gefördert, als wäre nichts geschehen, und die Konferenz erwähnt es nicht einmal. Wenn das kein vollständiges Scheitern einer Strategie ist, dann gibt es keines.
Die Europäer als Speerspitze der Unvernunft
Besonders absurd verhalten sich auch hier die Europäer. Sie werfen sich moralisch in die Brust und treten den öl- und gasfördernden Ländern "mutig" entgegen.
In Belém versammelten sie einige Entwicklungsländer hinter sich ("über 80 Länder war die verbreitete Parole"), wenn es aber um ihre eigenen Interessen geht und um die Frage, wie viel finanzielle Kompensation man vor allem den ärmeren Ölländern wie Nigeria anbieten muss, um sie von weiterer Förderung abzuhalten, dann hört man von den Europäern nichts mehr.
Würde es gelingen, tatsächlich eine Ausstiegsstrategie für die fossilen Energieträger zu finden, die eine stetige und massive Verteuerung dieser Energieformen mit sich bringen müsste, dann wäre Umverteilung von reich zu arm im Inland und im internationalen Rahmen unvermeidlich.
Doch auch dazu hört man von der politischen Spitze in Europa nichts, denn das fürchtet sie wie der Teufel das Weihwasser. Im Gegenteil, wenn umverteilt wird, dann von arm zu reich, weil man ja die "Leistungsträger" fördern muss.
So ist alles, was positiv sein könnte, eine große europäische Lüge. Man quatscht über taffe Strategien (TAFF, nannte man in Belém das, was in Bezug auf Ausstieg angestrebt war), die andere umsetzen sollen, ist aber selbst nicht bereit, ins Risiko und ans Eingemachte zu gehen.
Man erwartet, dass Länder, die über Reserven an Öl, Kohle und Gas verfügen, diese nicht mehr ausbeuten, ist aber weder bereit, sie für die entgangenen Erträge zu entschädigen, noch ist man bereit, die Konsequenzen einer solchen taffen Strategie für die eigene Bevölkerung zu akzeptieren.
Wie geht es weiter?
Im Grunde geht es gar nicht weiter. Doch das will sich natürlich niemand eingestehen. Also werden wir weiter an tausend verschiedenen Ecken und Enden herumbasteln, um unser Gewissen zu beruhigen. Das hilft zwar nichts, man kann es aber dem dummen Wähler wunderbar als "unseren Beitrag" verkaufen.
Noch immer retten sich viele in die Floskel, "die Wissenschaft" sage uns doch, was wir machen müssen.
Die Klimawissenschaft aber sagt gar nichts. Sie hat keine Idee, wie man Länder mit völlig unterschiedlichen wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Voraussetzungen an einen Tisch bekommt, um darüber zu reden, wer, wann und mit welchen Entschädigungen der Konsumenten aus der fossilen Energie aussteigen kann.
Nur um diese eine Frage geht es. Dazu müsste man – unter kompetenter ökonomischer Moderation – eine Konferenz ins Leben rufen, die sich zehn Jahre Zeit gibt, um einen globalen Plan zu entwickeln, dem am Ende die meisten Produzenten und die Konsumenten zustimmen können.
Sisyphus ist dagegen nichts. Man muss dabei auch das noch viel größere Problem lösen, dass nämlich die nördlich-westliche Welt den Ländern im Süden und Osten bis heute keine ernsthafte Hilfestellung gibt, um Armut und Rückständigkeit zu überwinden, weil sie mit aller Gewalt an einem absurden neoliberalen Wirtschaftsmodell festhält.
Wer glaubt, er könne Zugeständnisse der sich entwickelnden Welt erwarten, wenn er selbst nichts tut, um diesem Teil der Welt wirklich zum Aufholen zu verhelfen, ist kein Narr, sondern ein Idiot.
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Links in diesem Artikel: [1] https://www.3sat.de/wissen/nano/251121-spezial-zur-cop30-in-brasilien-weltklimakonferenz-was-bringt-das-verhandeln-nano-102.html [2] https://www.telepolis.de/article/COP28-Warum-Klimadiplomatie-mehr-Realismus-benoetigt-9574121.html [3] https://www.handelsblatt.com/politik/international/erderwaermung-bremser-zu-stark-was-nun-auf-die-klimakonferenz-folgt/100176917.html [4] https://www.handelsblatt.com/politik/international/erderwaermung-bremser-zu-stark-was-nun-auf-die-klimakonferenz-folgt/100176917.html
Wehrpflicht: Kriegsdienst per Los ist nicht ungerecht
Von Timo Rieg — 24. November 2025 um 15:00
Timo Rieg
Keiner will Willkür. Jeder will Gerechtigkeit. Das Los verspricht beides zugleich. Welche Konflikte wirft es auf? Analyse und Kommentar.
Die seit 1. Juli 2011 ausgesetzte Wehrpflicht [1] soll wiederkommen – in veränderter Form. Nach viel Hin und Her haben sich die Regierungsparteien CDU/CSU und SPD geeinigt [2], das Gesetz soll im Dezember den Bundestag passieren.
Gegenüber dem vorherigen Gesetzentwurf [3] von Ende September gibt es nur marginale Änderungen. So müsste die Einführung des viel kritisierten Losverfahrens für den Fall, dass sich nicht genügend Freiwillige für die Bundeswehr finden, vom Parlament beschlossen werden.
"Wenn die Zahl der Freiwilligen nicht dem Bedarf der Bundeswehr entspricht, muss sich das Parlament erneut mit dem Wehrdienst befassen. Die Entscheidung, ob es ein Zufallsverfahren beziehungsweise Losverfahren geben soll, ist dann dem Bundestag vorbehalten.
Nach Anwendung aller Maßnahmen ist also gewissermaßen als Ultima Ratio ein Zufallsverfahren oder Losverfahren denkbar."
Da man viele Signale aus der Politik so verstehen kann, dass es mit relativ großer Wahrscheinlichkeit nicht bei einer rein freiwilligen Beteiligung an der Bundeswehr unter allen als tauglich Gemusterten bleiben wird, sondern die sogenannte "Bedarfswehrpflicht" zum Einsatz kommen wird, lohnt sich nochmal ein Blick auf das Losverfahren, das dann möglicherweise festgeschrieben wird.
Grund für alle Überlegungen dazu ist, dass die Bundeswehr zwar künftig mehr Personal haben möchte (bzw. von der Politik bekommen soll), aber nicht so viel, wie im besten Fall jeder Jahrgang zur Verfügung stellen kann.
Es geht also letztlich nur um die nicht für die Armee benötigten Männer. Denn wieder alle heranzuziehen, wäre sehr einfach möglich, indem die derzeit nur ausgesetzte allgemeine Wehrpflicht wieder eingesetzt wird.
Die zentrale Frage
Die Frage lautet also: Ist der Vorschlag, die benötigten Wehrdienstleistenden unter allen per Gesetz Wehrpflichtigen auszulosen, tatsächlich ungerecht? Gibt es bessere Alternativen?
Dabei sei vorangestellt, dass es hier nicht um den Sinn oder die demokratische Legitimation der Wehrpflicht an sich geht, so spannend und wichtig das auch ist.
Es geht nur um den Vorwurf, das Los entscheiden zu lassen, sei ungerecht und daher vielleicht auch gar nicht mit dem Grundgesetz vereinbar.
Auslosung wird längst praktiziert
Dabei sollte man zunächst zur Kenntnis nehmen, dass die Auslosung in Deutschland von staatlicher oder kommunaler Seite vielfältig praktiziert wird, etwa wenn der Mikrozensus [5] erhoben wird und die Ausgelosten verpflichtet sind, einen Fragebogen auszufüllen.
Oder: Wenn es mehr berechtigte Bewerber für eine Schule gibt als Plätze. Oder: Wenn in einem Ort keine Freiwillige Feuerwehr zustande kommt und eine Pflichtfeuerwehr [6] gegründet werden muss. (Schöffen bei Gericht werden allerdings in Deutschland, entgegen vielfältiger Erzählungen, normalerweise nicht per Los bestimmt [7].)
Eine Losentscheidung ist immer dann möglich (und meist auch die sinnvollste Form der Entscheidungsfindung), wenn es berechtigt egal sein kann, wen das Los trifft. Wenn also die eine zufällige Ziehung genauso gut oder schlecht wie eine andere wäre.
Was sind die Alternativen? Was ist gerecht?
Der Ausgeloste mag es je nachdem, worum es geht, als Glück oder Schaden empfinden, jedenfalls wird die Auslosung oft als ungerecht empfunden. Doch was sind die Alternativen?
Die erste ist natürlich, das Los sollte alle treffen – wozu man dann nicht mehr losen müsste. Das setzt aber nicht nur voraus, dass die Ressourcen für alle reichen, es stellt sich auch die Frage, ob im Falle einer mit der Auslosung verbundenen Belastung irgendetwas gewonnen wäre, also wenn alle belastet würden.
Die Antwort: Unmittelbar natürlich nicht! Wenn es allen schlecht geht, geht es mir nicht besser. Ob ich alleine in der Schule nachsitzen muss oder die gesamte Klasse dazu verdonnert wird, ändert an meiner persönlichen Einschränkung nichts.
Trifft das Los nicht mich alleine, sondern werden alle gleichermaßen zu einer Verpflichtung herangezogen, dann bin ich natürlich nicht mehr denen gegenüber benachteiligt. Aber im Endeffekt haben wir keine Verbesserung, sondern eine Verschlechterung der Lage.
Mir persönlich ist dies sehr präsent aus einem Anti-Kriegsfilm, den ich vermutlich in etwas zu frühen Jahren geschaut habe, und in dem aus einer Soldatengruppe per Los drei zur Bestrafung ermittelt wurden, für ein angebliches Fehlverhalten, das der gesamten Gruppe zugerechnet wurde.
Die "Bestrafung" bestand in ihrem Erschießen. Das fand ich nicht nur – natürlich – grausam, sondern zunächst auch extrem ungerecht. Per Los wurde über Leben und Tod entschieden.
Erst wenn es alle trifft, ist es gerecht?
Doch was wäre gewonnen, wenn alle Männer erschossen worden wären? Abgesehen vom "Nachteil" für das Militär selbst: Wäre es für die drei Soldaten besser, gerechter, angenehmer gewesen, wenn auch alle ihre Kumpanen ermordet [8] worden wären?
Eine ganz andere Frage ist, welche Kompensationen es für eine Auslosung braucht, sprich: Was die Nicht-Ausgelosten den gegen ihren Willen zu irgendwas Verpflichteten als Ausgleich zu geben haben? (Diese Frage wird später einmal vertieft werden.)
Derzeit wird man den relativ hohen Sold der Wehrdienstleistenden als Kompensation betrachten müssen. Und wenn hier auch nachzubessern sein sollte: Die Idee, erst wenn es alle trifft, ist es gerecht, muss man als absurd bezeichnen, als Ausdruck der Missgunst: Wenn es mir nicht gut geht, soll es anderen auch nicht gut gehen!
Alternative: Pflichtdienst für alle
Die etwas abgeschwächte Form der alle treffenden Wehrpflicht ist die Idee von einem sogenannten "Pflichtjahr" für alle (Männer), aus der Union heraus auch schon als "Deutschlandjahr [9]" vermarktet.
Hier gelten die zuvor benannten Gegenargumente, die sich so zusammenfassen lassen: Es wird nicht gerechter, wenn es für alle ungerecht zugeht.
Ein allgemeiner Arbeitszwang widerspricht nicht nur dem derzeitigen Grundgesetz (jederzeit änderbar mit einer Zwei-Drittel Mehrheit), es ist auch eine Diskussion ohne Substanz. Denn auch hier gilt: Es wird nicht gerechter, wenn man den Kreis der von Ungerechtigkeit Betroffenen erweitert!
Ein jeder mag Ideen haben, wie gut es für die Gesellschaft und auch den Einzelnen wäre, eine befristete Zeit "für das Gemeinwohl" arbeiten zu müssen. Aber das hat mit der Verteidigungsfähigkeit Deutschland schlicht nichts zu tun.
Hier sind Trittbrettfahrer unterwegs: All die als gemeinnützig anerkannten Organisationen, die sehr günstige Arbeitskräfte für sich wittern; oder Volkspädagogen, die unausgesprochen vermitteln, eine staatliche Schulpflichtzeit reiche nicht aus, um den irgendwo in Deutschland geborenen Menschen zu ordentlichen Gemeinschaftsmitgliedern zu machen.
Der Unsinn dieser Debatte zeigt sich, wenn man fragt, wer denn davon betroffen sein soll: Nur alle Jungs, weil die ja auch der Wehrpflicht unterliegen (wir rechtfertigen dann einen Grundrechtseingriff mit einem vorangegangenen)? Auch alle deutschen Mädels (von wegen Gleichberechtigung)? Auch Ausländer (die derzeit aus nachvollziehbaren Gründen nicht der deutschen Wehrplicht unterliegen)?
Alternative: Qualifikation
Insbesondere der amtierende Verteidigungsminister Boris Pistorius sprach sich bisher stets gegen die Auslosung von Wehrdienstleistenden aus.
"'Vereinfacht ausgedrückt wollen wir diejenigen bei der Auswahl für unsere modernisierte Ausbildung bevorzugen, die motiviert und geeignet sind', sagte er. 'Die Auswahl nach dem Zufallsprinzip hätte im ungünstigsten Fall den gegenteiligen Effekt.' Er könnte auch als Willkür empfunden werden, so Pistorius."
So hatte sich auch der frühere Verteidigungsminister Rupert Scholz geäußert [11]. Auch er empfindet das Losverfahren als äußerst ungerecht und will stattdessen, dass der Reihe nach die nach der Musterung Qualifiziertesten Dienst tun müssen.
Doch was ist das anderes als eine Lotterie? Nämlich eine Lotterie der Biologie, der Vererbung? Kann, darf, muss es mir nun zum Nachteil gereichen, wenn ich körperlich und geistig von Ärzten für die Bundeswehr als besonders tauglich eingestuft werde?
Lassen wir einmal außer Acht, dass sich die Fitness in die eine wie die andere Richtung absichtlich beeinflussen [12] lässt (denn das wirft nur Fragen an das Prozedere auf, stellt aber die Idee der Losung keineswegs infrage).
Dann ist die Eignung zum Dienst in einer Armee ebenso schicksalsabhängig wie eine Auslosung, nur dass diese Auslosung vermutlich etwas früher stattfand, ob nun bei der Zeugung, dem Aufwuchs, der Erziehung oder beim weiteren Berufs- und Lebensweg.
Gerechtigkeitsfrage: Ausländer zur Bundeswehr?
Eher randständig wird bei der Idee einer Auslosung Wehrdienstleistender auch diskutiert, ob sich diese Pflicht auf deutsche Staatsbürger beschränken kann, was sie tut, auch wenn das nur selten klar benannt wird. Selbst amtlich heißt es:
"Für alle Männer, die ab dem 1. Januar 2008 geboren wurden, wird die Musterung wieder zur Pflicht."
Zunächst einmal bringt die Staatsbürgerschaft zwangsläufig neben Rechten (wie dem Wahlrecht) auch Pflichten mit sich. Denn der Staatsbürger gehört nun einmal zu diesem Konstrukt, solang er ein solcher Staatsbürger ist. Und das Grundgesetz unterscheidet selbst in seinem Grundrechtekatalog oft zwischen allen Menschen und den Staatsbürgern (so steht das Versammlungsrecht laut GG Art. 8 [15] nur allen Deutschen zu).
Zudem unterliegen Ausländer in Deutschland ggf. dem Wehrdienst ihres Landes. Dass dieser Wehrdienst in vielen Fällen entfällt, ist auch im deutschen Recht für Deutsche im Ausland vorgesehen [16] und daher keine Besonderheit, auch wenn es unterschiedliche Möglichkeiten für die Entpflichtung gibt, wie etwa den Freikauf [17].
Fazit
Ungeachtet der Frage, ob eine Wehrpflicht überhaupt notwendig ist, und erst recht, ob sie demokratisch zu legitimieren ist, stellt die Auslosung der dann tatsächlich zum Wehrdienst Verpflichteten die beste unter den derzeit verhandelten Möglichkeiten dar.
Das Los ist gerade nicht "willkürlich" (also abhängig von den Launen eines Herrschers, einer Behörde oder gar nur einzelner Mitarbeiter einer solchen), sondern völlig blind gegenüber Bestechungsversuchen, Schmeicheleien und Tricks, gegenüber Schönheit, Rhetorik oder anderen Künsten des potentiell Betroffenen.
Die derzeit möglichen Beeinflussungsmöglichkeiten (z.B. Änderung des Geschlechtseintrags, der körperlichen Fitness etc.) diskreditieren das Losverfahren ebenso wenig wie alle Fragen, die den Pool der Auszulosenden betreffen. Das sind jeweils eigene Debatten.
Als nicht nur ehemaliger, sondern bis heute überzeugter Kriegsdienstverweigerer meine ich: Das Los ist in diesem Fall die gerechteste Lösung. Und dass der positiv Gemusterte, zum Wehrdienst Einberufene. aber dann diesen Militärdienst Verweigernde einen "Ersatzdienst" leisten muss, gehört dazu.
Dass ich mir eine Politik wünsche, die mehr auf Diplomatie setzt, als die Konfrontation herbeizubeschwören, steht auf einem anderen Blatt.
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Europa reagiert auf den US-Friedensplan. Geht es der EU um einen besseren Frieden oder die Sabotage der Diplomatie? Ein Gastbeitrag.
Ein vertrautes und entmutigendes Muster zeigt sich in den europäischen Hauptstädten, nachdem die Trump-Administration einen 28-Punkte-Friedensplan [1] präsentiert hat.
Wie schon nach dem Gipfeltreffen [2] zwischen Donald Trump und Wladimir Putin im vergangenen August in Alaska zollen europäische Staats- und Regierungschefs Trumps Bemühungen zur Beendigung des Krieges öffentlich Lippenbekenntnisse, während sie gleichzeitig jede Initiative sabotieren, die von ihren maximalistischen und unerreichbaren Zielen einer vollständigen russischen Kapitulation in der Ukraine abweicht.
Es scheint nicht ihr Ziel zu sein, einen besseren Frieden auszuhandeln, sondern den amerikanischen Vorschlag so weit auszuhöhlen, bis er für Moskau unannehmbar wird. Damit wäre die Rückkehr zum Ausgangszustand eines langwierigen, endlosen Krieges gesichert, obwohl genau diese Dynamik angesichts der aktuellen Lage auf dem Schlachtfeld Russland begünstigt und die Ukraine weiter ausbluten lässt.
Die europäische Reaktion auf Trumps Vorschlag war rasch und aufschlussreich. Laut einem Bloomberg-Bericht [4] haben sich Keir Starmer, Friedrich Merz und Emmanuel Macron, die Regierungschefs Großbritanniens, Deutschlands und Frankreichs, eilig Selenskyj angeschlossen und zentrale Elemente des Trump-Plans zurückgewiesen. Berlin ist dabei unter den drei großen EU-Staaten zum führenden Hardliner geworden und arbeitet offenbar an einem Gegenvorschlag, der weit stärker an der ukrainischen Position ausgerichtet ist.
Simple Formeln aus Brüssel
Unterdessen skizzierte [5] die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas die große Strategie des Blocks zur Erreichung von Frieden in einer verheerend simplen Formel: Erstens Russland schwächen, zweitens die Ukraine unterstützen. Das ist alles.
Vergeblich sucht man hier nach einem diplomatischen Ausweg, einer Vision für eine zukünftige europäische Sicherheitsordnung oder auch nur nach einer grundlegenden Anerkennung der notwendigen Kompromisse, um das Töten zu beenden. Denn dies ist kein Friedensplan. Es ist ein reines Tugendsignal, das sich in einen dauerhaften Konflikt auf dem Boden übersetzt – mit weiterer Zerstörung der Ukraine und wachsenden Risiken einer Eskalation und Ausweitung des Krieges in Europa.
Keine Kapitulationserklärung
Doch die reflexhafte Ablehnung des Trump-Plans als "Kapitulation" ist fehlgeleitet. Wie der Russland-Experte Mark Galeotti argumentiert [6], ist der Plan zwar "schlecht formuliert und unvollständig", aber "keineswegs ein einfacher Aufruf zur ukrainischen Kapitulation" und "als Ausgangspunkt für etwas, das das Töten stoppen könnte, hat er ein gewisses Potenzial".
Bei einer ernsthaften Prüfung zeigt sich eine Struktur, die auf einen stabilen, wenn auch unvollkommenen Frieden abzielt: eine 600.000 Mann starke ukrainische Armee, die dem entspricht, was Analysten für tragfähig halten, eine Feinabstimmung zu den besetzten Gebieten im Donbas und auf der Krim, die eine erzwungene rechtliche Anerkennung der russischen Souveränität vermeidet, sowie ein Mechanismus zur Umleitung von 100 Milliarden US-Dollar eingefrorener russischer Vermögenswerte [7] für den Wiederaufbau der Ukraine.
Die territoriale Frage dürfte die schwierigste Verhandlungshürde werden. Demgegenüber sollte die Forderung, dass die Ukraine auf eine Nato-Mitgliedschaft verzichtet, kein Dealbreaker sein. Jene europäischen Staats- und Regierungschefs, die Trumps Plan nun ablehnen, wissen genau, dass die Ukraine der Nato nicht beitreten wird – unter anderem, weil sie selbst keinerlei Bereitschaft gezeigt hat, direkt für das Bündnis zu kämpfen. Welchen Sinn hat es also, den Krieg zu verlängern, indem man auf etwas besteht, von dem beide Seiten – die bestehenden Nato-Mitglieder wie auch die Ukraine – wissen, dass es nicht geschehen wird?
Minderheitenrechte stoßen auf Widerstand
Zudem sollen die Bestimmungen im Trump-Plan zum Schutz der Minderheiten- und Religionsrechte verschiedener Gruppen in der Ukraine auf Widerstand gestoßen sein. Doch der Plan legt fest, dass die Maßstäbe für die Umsetzung solcher Rechte auf EU-Rahmenwerken basieren sollen und nicht auf einseitigen russischen Vorgaben. Der Schutz von Minderheitenrechten ist außerdem eine langfristige Investition in die Sicherheit der Ukraine und sollte von jenen begrüßt werden, die behaupten, ihre Unterstützer zu sein.
Entscheidend ist, dass sich diese mögliche diplomatische Öffnung nicht aus einer Position russischer Schwäche ergibt. Putin hat ausdrücklich erklärt [8], dass die "aktuelle Dynamik an der Front zur Erreichung der russischen Ziele auf militärischem Wege führt".
Zugleich bestätigte er in einem entscheidenden Moment, dass Russland den 28-Punkte-Plan der USA erhalten hat und bereit ist, auf dieser Grundlage zu verhandeln. Putin erkannte an, dass der Plan eine Grundlage für eine endgültige Regelung sein könne. Dies ist kein Zeichen dafür, dass der Kreml Diplomatie von vornherein ablehnt, sondern dass er ihre Möglichkeiten prüft.
Europas riskantes Spiel
Europa steht nun vor einer harten Entscheidung. Es kann seinen bisherigen Kurs fortsetzen, den Plan verhöhnen, Kiew ermutigen, toxische Bedingungen einzubauen, eigene unvernünftige Gegenvorschläge machen und hoffen, dass der Plan in Washington selbst scheitert.
Doch dieses Spiel ist extrem riskant. Was, wenn es Trump – mit einer Mischung aus Druck und Überzeugung – gelingt, den durch große Korruptionsskandale [9] in seinem Umfeld offensichtlich geschwächten Präsidenten Selenskyj zu überzeugen, dass die Annahme des Plans die am wenigsten schlechte Option für die Ukraine ist? Wenn Kiew zustimmt und Moskau sich darauf einlässt, riskiert Europa, vollständig von der Einigung ausgeschlossen zu werden, die den größten Krieg auf seinem Kontinent seit Jahrzehnten beenden würde.
Da Europa keine glaubwürdige Alternative außer mehr Krieg angeboten hat, würde sein Einfluss verpuffen und es wäre gezwungen, die Bedingungen eines Abkommens zu akzeptieren, an dessen Ausgestaltung es nicht beteiligt war.
Offenbar, um dieses Szenario zu vermeiden, sprach [10] Merz am Freitag mit Trump – ein "gutes Gespräch", wie er es charakterisierte; allerdings nannte er keine Details, da das Gespräch vertraulich war.
Es bleibt abzuwarten, was daraus entsteht. Für den weiteren Weg ist jedoch entscheidend, sich in Erinnerung zu rufen, dass jeder realistische Plan schmerzhafte Kompromisse erfordern wird. Eine dauerhafte Regelung wird unmöglich bleiben, solange zentrale Akteure in Europa nicht bereit sind, über eine Strategie hinauszugehen, die ausschließlich aus der Schwächung der einen und der Bewaffnung der anderen Seite besteht.
Indem Europa daran arbeitet, die einzige ernsthafte Verhandlungsmöglichkeit auszuhöhlen, schützt es die Ukraine nicht, sondern verurteilt sie zu weiterem Blutvergießen und sich selbst zur strategischen Bedeutungslosigkeit. Im Moment ist die Alternative zu Trumps fehlerhaftem, aber realistischem Plan kein besserer Deal, sondern nur endloser Krieg. Und Europa wird die Folgen allein tragen müssen.
Eldar Mamedov ist ein in Brüssel ansässiger außenpolitischer Experte und Non-Resident Fellow am Quincy Institute.
Dieser Text erschien zuerst bei unserem Partnerportal Responsible Statecraft auf Englisch [11].
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Kehrtwende: Google will JPEG XL in Chrome zurückbringen
Von Heise — 24. November 2025 um 15:17
(Bild: heise medien)
Drei Jahre nach der Entfernung will Google JPEG XL wieder in Chrome integrieren. Zuvor hatten unter anderem Safari und Firefox ihre Positionen geändert.
Google will die Unterstützung für das Bildformat JPEG XL zurück in Chrome bringen. Wie Rick Byers im Namen der Chrome Architecture Technology Leads (ATLs) in der Chromium-Mailingliste [1] schreibt, würde man jetzt Beiträge zur Integration eines performanten und speichersicheren JPEG-XL-Decoders in Chromium begrüßen. Voraussetzung für die standardmäßige Aktivierung sei eine Zusage zur langfristigen Wartung sowie die Erfüllung der üblichen Launch-Kriterien.
Die Ankündigung markiert nichts Geringeres als eine komplette Kehrtwende. Ende 2022 hatte Google die experimentelle JPEG-XL-Implementierung aus Chrome und Chromium mit der Begründung entfernt [2], es gebe nicht genug Interesse im gesamten Ökosystem an dem Bildformat. Die Entscheidung stieß damals auf massive Kritik von Entwicklern und Nutzern. Jon Sneyers, Mitentwickler von JPEG XL, vermutete hinter dem Schritt einen internen Konflikt zwischen JPEG-XL-Befürwortern und Vertretern der konkurrierenden Google-Formate AVIF und WebP.
Seitdem hat sich die Situation jedoch grundlegend verändert. Apple hat den Support für JPEG XL in Safari – mit Einschränkungen – integriert; Firefox hat in der Nightly-Version eine experimentelle Unterstützung implementiert und erwägt eine Integration in die Hauptversion, sobald ein Rust-basierter Decoder verfügbar ist. Zudem zeigen Developer-Signale wie Bug-Upvotes, Vorschläge für das Interop-Projekt und Umfragedaten weiterhin starkes Interesse am Format. Ein weiterer wichtiger Meilenstein war die jüngste Ankündigung der PDF Association [3], JPEG XL als bevorzugtes Bildformat in die PDF-Spezifikation aufzunehmen – besonders für HDR-Inhalte.
Rust-Implementierung als speichersichere Alternative
In der vergangenen Woche wurde bereits ein entsprechender Request [4] für die Integration von JPEG-XL-Support in Chromium/Blink eingereicht, der auch Unterstützung für JPEG-XL-Animationen vorsieht. Dieser nutzt zunächst die etablierte libjxl-Bibliothek. Für den von Google geforderten speichersicheren Decoder könnte jedoch ebenfalls die in Rust geschriebene Implementierung jxl-rs [5] zum Einsatz kommen.
JPEG XL wurde als Nachfolger des betagten JPEG-Formats entwickelt und basiert auf einer Kombination aus dem Free Lossless Image Format (FLIF) und Googles PIK-Projekt. Die vollständige ISO-Standardisierung erfolgte im Oktober 2021. Das Format punktet mit Unterstützung für High Dynamic Range, erweiterte Farbräume, ultra-hochauflösende Bilder mit über einer Milliarde Pixeln sowie bis zu 4099 Kanäle mit jeweils 32 Bit pro Kanal.
Auch das ursprüngliche Issue-Ticket [6] zur JPEG-XL-Dekodierung wurde wieder geöffnet. Ob und wann JPEG XL tatsächlich standardmäßig in Chrome landet, hängt nun von der Community und den eingereichten Implementierungen ab.
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Links in diesem Artikel: [1] https://groups.google.com/a/chromium.org/g/blink-dev/c/WjCKcBw219k/m/NmOyvMCCBAAJ [2] https://www.heise.de/news/Drei-Fragen-und-Antworten-Google-schiesst-JPEG-XL-ab-und-das-voellig-zu-unrecht-7329110.html [3] https://www.heise.de/news/PDF-Association-will-JPEG-XL-unterstuetzen-zweite-Chance-fuer-das-Format-11073342.html [4] https://chromium-review.googlesource.com/c/chromium/src/+/7170439 [5] https://github.com/libjxl/jxl-rs [6] https://issues.chromium.org/issues/40168998 [7] https://www.heise.de/ix [8] mailto:fo@heise.de
Shai-Hulud 2: Neue Version des NPM-Wurms greift auch Low-Code-Plattformen an
Von Heise — 24. November 2025 um 14:51
(Bild: amgun/ Shutterstock.com)
Die Angreifer haben aus ihren Fehlern gelernt und nun eine aggressivere Version des Wurms entwickelt. Der hat bereits über 27.000 Zugangsdaten geklaut.
Ein neuer Wurm befällt massenhaft NPM-Pakete und greift Zugangsdaten ab. Der Code des Schädlings enthält den Bezeichner "SHA1HULUD", Sicherheitsanalysten bezeichnen ihn daher als "Shai-Hulud 2.0". Unklar ist jedoch, ob tatsächlich dieselben Angreifer beide Versionen auf das npm-Ökosystem ansetzten oder es sich um Trittbrettfahrer handelt. So oder so: Die Schadsoftware-Entwickler haben aus der ersten Angriffswelle gelernt und Flaschenhälse beseitigt. Die Aufräumarbeiten laufen, Entwickler und Nutzer sollten auf der Hut sein.
Über 425 npm-Pakete mit über 100 Millionen monatlichen Downloads sind am Montagnachmittag infiziert, darunter prominente Namen: Pakete zum Thema ENS-Domains (Ethereum Name Service), verschiedene API-, Low- und No-Code-Plattformen wie Zapier und Postman. Zuerst betroffen waren offenbar die Pakete "go-template" und verschiedene Repositories unterhalb "AsyncAPI", sie wurden zwischen dem 21. und 23. November hochgeladen, also an einem Wochenende.
Die Schadsoftware durchsucht die übernommenen Repositories nach Zugangsdaten und publiziert diese unter dem Konto des Opfers auf Github. Deren Bezeichnung lautet "Sha1-Hulud: the Second Coming", was die Auffindbarkeit erleichtert. So umgehen die Entwickler einen zentralen Flaschenhals des letzten Wurm-Ausbruchs: [1] Damals kam eine Webhook-Plattform zum Einsatz, die den missbräuchlich genutzten Endpunkt kurzerhand sperrte. Github ist unterdessen eifrig dabei, betroffene Repositories zu entfernen, kämpft aber offenbar gegen Windmühlen: Die Angriffskampagne läuft weiter und es werden stetig neue Codeverzeichnisse erstellt: Gegen 14:30 am Montagnachmittag waren es über 27.800.
Die Struktur der von Sha1-Hulud angelegten Repositories ist immer gleich - in den json-Dateien finden sich geheime Zugangsdaten des infizierten Nutzers.
Kurz vor Torschluss verwurmte Workflows
Mehrere Github-Workflows sorgen für das Abgreifen von Zugangsdaten und die Installation einer Backdoor auf infizierten Maschinen. Diese kann durch die Diskussions-Funktion in den infizierten Repositories gesteuert werden – sozusagen ein selbst-gehosteter Command&Control-Server (C&C). Ein zweiter Workflow mit dem irreführenden Namen "Code Formatter" sucht nach Secrets des angegriffenen Github-Kontos und lädt diese im JSON-Format hoch. Offenbar unterstützt Sha1-Hulud Linux, Windows und macOS mit angepasstem Schadcode.
Der Angriff kommt nur wenige Tage vor einer weitreichenden Sicherheitsänderung bei npm [2]: Die Betreiber des Ökosystems hatten angekündigt, "classic tokens" zur Authentifizierung von Paketverwaltern abzuschaffen. Die Änderung tritt am 9. Dezember in Kraft – zuvor wollten die Entwickler von Sha1-Hulud wohl noch einmal zuschlagen.
Betroffene Pakete
Die volle Liste der betroffenen Pakete, wie sie Wiz, Koi [3] und Aikido [4] übereinstimmend am frühen Montagnachmittag berichten, finden Sie hier:
Die Spezialisten von Wiz [5] sind bei der Zuordnung des Wurms zu einer Angreifergruppe oder -nation vorsichtig: Noch könne man eine Attribution nicht bestätigen. Viele Methoden des aktuellen Ausbruchs seien ähnlich zum vorigen Shai-Hulud-Wurm, doch es gebe auch Unterschiede.
Sha1-Hulud erkennen und stoppen
Um Infektionen zu erkennen und zu stoppen, sollten Organisationen zunächst ihre gesamte Entwicklungs-Infrastruktur auf verdächtige Anzeichen überprüfen – besonders auf bekannte infizierte Pakete. Die gehören umgehend entsorgt, automatische Paketupdates zunächst deaktiviert und bei Verdacht einer Infektion sollten Admins alle Zugangsdaten rotieren. Das gilt für Entwicklungsplattformen wie Github und npm, aber auch Zugänge zu Hyperscalern wie GCP, AWS und Azure.
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Links in diesem Artikel: [1] https://www.heise.de/news/Neuer-NPM-Grossangriff-Selbst-vermehrende-Malware-infiziert-Dutzende-Pakete-10651111.html [2] https://www.heise.de/news/Nach-npm-Grossangriff-Github-verschaerft-Sicherheitsmassnahmen-10668152.html [3] https://www.koi.ai/incident/live-updates-sha1-hulud-the-second-coming-hundred-npm-packages-compromised [4] https://www.aikido.dev/blog/shai-hulud-strikes-again-hitting-zapier-ensdomains [5] https://www.wiz.io/blog/shai-hulud-2-0-ongoing-supply-chain-attack [6] https://aktionen.heise.de/heise-security-pro?LPID=39555_HS1L0001_27416_999_0&wt_mc=disp.fd.security-pro.security_pro24.disp.disp.disp [7] mailto:cku@heise.de
Microsoft integriert erstmals KI-Funktionen direkt in SQL Server. Die neue Version bringt zudem JSON-Support und ändert das Lizenzmodell.
Microsoft hat auf seiner Entwicklerkonferenz Ignite die allgemeine Verfügbarkeit von SQL Server 2025 bekanntgegeben. Die wichtigste Neuerung: Die Datenbanksoftware integriert erstmals KI-Funktionen direkt in die Engine. Entwickler können damit Vektorsuche, semantische Abfragen und Retrieval Augmented Generation (RAG) direkt über T-SQL nutzen.
Die KI-Integration unterstützt mehrere Backend-Dienste: Neben Microsofts eigenem Azure OpenAI Service und Microsoft Foundry lassen sich auch OpenAI-Modelle sowie das Open-Source-Framework Ollama direkt anbinden. Modellwechsel sollen ohne Code-Änderungen möglich sein. Für Entwickler stehen zudem Bindings für LangChain und Semantic Kernel bereit.
Zu den weiteren Neuerungen gehören native JSON-Unterstützung, REST-APIs sowie reguläre Ausdrücke und Fuzzy String Matching. Ein neues Change Event Streaming ermöglicht ereignisgesteuerte Architekturen ohne den Overhead klassischer Change Data Capture-Mechanismen. Das SQL Server Management Studio (SSMS) liegt in Version 22 vor und erhält KI-Assistenz sowie ARM64-Support. Ein neuer Python-Treiber namens mssql-python ergänzt die Toolchain.
Änderungen bei Editionen und Lizenzen
Microsoft passt das Produktportfolio deutlich an: Die Standard-Edition unterstützt nun bis zu 32 Cores und 256 GByte RAM, der Resource Governor ist jetzt enthalten. Eine neue Standard-Developer-Edition soll realistischere Entwicklungs- und Testumgebungen ermöglichen. Die Express-Edition wächst auf maximal 50 GByte pro Datenbank, die Advanced-Variante wird integriert.
Die Web-Edition wird hingegen eingestellt – SQL Server 2022 bleibt die letzte Version mit dieser Lizenz. Der Power BI Report Server ist künftig in allen Editionen außer Express enthalten. Für Linux-Umgebungen bringt SQL Server 2025 TLS 1.3, signierte Container-Images sowie Unterstützung für RHEL 10 [1] und Ubuntu 24.04 [2]. Die tempdb-Datenbank lässt sich nun auf tmpfs ablegen, zudem gibt es eine VS-Code-Integration für lokale Container-Deployments.
Bei der Performance und Sicherheit verspricht Microsoft Verbesserungen durch Entra Managed Identities für eine modernere Authentifizierung, optimiertes Locking für höhere Parallelität, Tempdb-Governance gegen ausufernde Queries sowie stabilere Query-Performance durch optionale Parameter Plan Optimization. Die Always-On-Verfügbarkeit wurde überarbeitet und soll schnellere Failover ermöglichen. Für hybride Szenarien sorgt die Integration mit Azure Arc für einheitliche Verwaltung über On-Premises-, Cloud- und Hybrid-Umgebungen hinweg.
28-Punkte-Plan der Trump-Regierung und geostrategische Interessen: Spekulationen über Urheberschaft. Europa lehnt ab. Verhandlungen in Genf.
Der deutsche Kanzler ist skeptisch: "Ich bin noch nicht davon überzeugt, dass die von Präsident Trump gewünschten Lösungen in den nächsten Tagen gefunden werden“, wird Friedrich Merz von Le Monde [1] zitiert. Demnach zeigte sich der deutsche Regierungschef auf dem G20-Gipfel in Südafrika "skeptisch" angesichts der derzeitigen Meinungsverschiedenheiten.
Auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ging auf Abstand zum 28-Punkte-Plan der Trump-Regierung: "Jeder glaubwürdige und dauerhafte Friedensplan muss in erster Linie den Massakern und dem Krieg ein Ende setzen, ohne jedoch den Keim für einen zukünftigen Konflikt zu legen" (AFP [2]).
EU im Abseits
Die zentrale Rolle der Europäischen Union (EU) in jedem Friedensplan müsse "vollständig anerkannt" werden, signalisiert von der Leyen Richtung Washington und ans europäische Publikum gerichtet. Doch welches konkrete politische Gewicht ihre Äußerungen haben, liegt im Ungewissen.
Die Europäer versuchen mit allen Mitteln, nicht von den Verhandlungen über den von US-Präsident Donald Trump vorgeschlagenen Plan zur Beendigung des Krieges in der Ukraine ausgeschlossen zu werden. Am Sonntag nehmen sie in Genf an Gesprächen mit ukrainischen und amerikanischen Verantwortlichen teil.
Turbulenzen
Der 28-Punkte-Plan der US-Regierung zur Beendigung des Ukraine-Krieges sorgt jedenfalls für Turbulenzen. Während US-Präsident Trump die Ukraine unter Druck setzt, dem Plan bis Donnerstag zuzustimmen – und es letztlich dann doch nicht so streng gemeint haben will [3] –, formiert sich breiter Widerstand gegen die Vorschläge.
Der Plan [4] (siehe auch hier [5]) verlangt von der Ukraine erhebliche Zugeständnisse: einen Rückzug aus den Regionen Donezk und Luhansk, eine Verkleinerung der Armee auf 600.000 Soldaten und den Verzicht auf einen Nato-Beitritt. Im Gegenzug soll Kiew vage formulierte Sicherheitsgarantien erhalten.
Trump hatte zunächst mit dem Stopp von Waffenlieferungen und Geheimdienstinformationen gedroht, falls die Ukraine nicht zustimme. Später relativierte er seine Aussagen und erklärte, es sei nicht sein finales Angebot, wie die Tagesscha [6]u berichtet.
Europa weist Plan zurück
Die europäischen Verbündeten betonen, dass ihre Zustimmung für zentrale Punkte wie eingefrorene russische Gelder oder Nato-Entscheidungen erforderlich ist.
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron verwies darauf, dass viele Elemente des Plans ohne europäische Zustimmung nicht umsetzbar seien, da die eingefrorenen russischen Vermögenswerte von Europa gehalten würden.
Rätsel um die Urheberschaft
Besonders brisant sind widersprüchliche Aussagen über die Urheberschaft des Plans (Süddeutsche Zeitung [7] und FAZ [8]). US-Außenminister Marco Rubio und das Weiße Haus bezeichnen ihn als US-Entwurf. Doch US-Senatoren berichteten unter Berufung auf Rubio, es handle sich um eine "Wunschliste der Russen", die an die USA herangetragen worden sei.
Im Vorfeld hatten US-Sondergesandter Steve Witkoff und Trumps Schwiegersohn Jared Kushner mit dem sanktionierten russischen Gesandten Kirill Dmitrijew in Miami verhandelt. Hochrangige Beamte des US-Außenministeriums wurden offenbar nicht informiert.
Wirtschaftsinteressen im Fokus
Der Plan sieht weitreichende Wirtschaftskooperationen zwischen den USA und Russland vor. Russland soll wieder in die G8 aufgenommen werden, und die USA sollen 50 Prozent der Gewinne aus einem mit russischen Geldern finanzierten Wiederaufbauprojekt in der Ukraine erhalten.
Für Beobachter, die sich die Punkte genauer angesehen haben, sind die Klauseln über Seltene Erden in der Arktis [11] besonders interessant. Analysten interpretieren dies als Versuch der USA, eigene Wirtschaftsinteressen zu verfolgen und sich im Konflikt mit China zu positionieren.
Der Plan wird in dieser Perspektive als geostrategische Neuausrichtung der USA gedeutet, die auf eine multipolare Weltordnung mit abgegrenzten Machtsphären abzielt.
Heute beraten Vertreter der USA, Deutschland, Frankreich und Großbritannien sowie Italiens und der Ukraine in Genf über den Plan. Außenminister Rubio und Sondergesandter Witkoff sind vor Ort. Die Gespräche gelten als entscheidend für die weitere Entwicklung der Friedensverhandlungen im Ukraine-Krieg.
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Der MIT-Ökonom David Autor äußert sich in einem Gespräch mit dem Spiegel zur Zukunft der Arbeitswelt im Zeitalter künstlicher Intelligenz. Seine Einschätzungen fallen differenzierter aus als viele Prognosen, die entweder Panik oder blinden Optimismus verbreiten.
Autor sieht die Entwicklung nicht nur als technologisches, sondern vor allem als gesellschaftliches Problem. Während Chatbots heute bereits Fachwissen in großem Umfang zugänglich machen, werde die Fähigkeit zur Orientierung in einer komplexen Informationsflut zunehmend wertvoller. "Wir leben in einer immer komplexer und verwirrender werdenden Welt" , so der Wissenschaftler.
Was Wissen noch wert ist
Der Arbeitsmarktforscher verweist auf einen grundlegenden Wandel der Wissensarbeit. Zu seiner Studienzeit bedeutete Recherche noch den Gang in die Bibliothek und das Durcharbeiten dicker Bücher. Heute hingegen stehe man einem überwältigenden Informationsstrom gegenüber. Die Herausforderung bestehe darin, echtes produktives Wissen vom allgemeinen Grundrauschen zu unterscheiden.
Berufe mit Zukunft erfordern Urteilsvermögen, erklärt David Autor. Bereits heute gehörten jene Jobs zu den bestbezahlten, die Entscheidungskompetenz verlangten. Der Arzt, der zwischen verschiedenen Therapien wählen muss, der Anwalt, der eine Prozessstrategie entwickelt, oder Fachleute für komplizierte Reparaturen seien Beispiele dafür.
Führungskompetenzen bleiben gefragt
Eine neue Untersuchung des Ifo-Instituts untermauert Autors Thesen. Personen mit ausgeprägten Führungskompetenzen zeigen sich nicht nur im Management menschlicher Teams überlegen. Sie koordinieren auch Gruppen von KI-Agenten deutlich effektiver als andere, berichtet der Ökonom von einer Münchner Konferenz zum Thema KI und Arbeitsmarkt.
Die entscheidende Frage sei weniger, wie viele Jobs durch Technologie verschwinden. Wichtiger erscheine, was Menschen stattdessen tun würden. Autor verweist auf historische Beispiele: Im Jahr 1900 arbeiteten in den USA 39 Prozent der Beschäftigten in der Landwirtschaft, heute sind es weniger als zwei Prozent. Trotzdem sei die Arbeit nicht ausgegangen.
Dennoch warnt der Wissenschaftler vor voreiligem Optimismus. Transformationen könnten unglaublich schmerzhaft verlaufen, sehr schlechte Szenarien seien möglich. Die Gesellschaft müsse sich gegen die Risiken absichern.
Ist Erfahrung durch KI nicht mehr wichtig?
Seine größte Sorge gilt der möglichen, massenhaften Entwertung von Expertise. Eine solche Entwicklung könne den Kapitalismus grundlegend verändern. Die weitverbreitete Automatisierung werfe Fragen für demokratische Gesellschaften auf, deren Fundament auch die Knappheit menschlicher Arbeit bilde.
Falls Arbeit kein knapper Produktionsfaktor mehr sei, öffne dies einerseits Türen für die Schaffung großen Reichtums. Andererseits werde völlig unklar, wer überhaupt noch in den Genuss dieses Wohlstands kommen würde. Der Arbeitsmarkt funktioniere heute auch als Verteilungsmechanismus, auf dem jeder Mensch über seine eigene Arbeitskraft verfüge.
Autor betont im Gespräch mit dem Spiegel auch den Zusammenhang zwischen Arbeitsmarkt und Demokratie. Eine funktionierende Demokratie sei abhängig von einem funktionierenden Arbeitsmarkt. Diese Abhängigkeit könnte durch die KI-Entwicklung infrage gestellt werden, wenn traditionelle Verteilungsmechanismen nicht mehr greifen.
Geteilte Meinungen unter Ökonomen
Die wissenschaftliche Debatte über die Auswirkungen künstlicher Intelligenz auf den Arbeitsmarkt fällt äußerst kontrovers aus. Der Stanford-Ökonom Erik Brynjolfsson warnt, dass junge Berufseinsteiger zwischen 22 und 25 Jahren in KI-exponierten Berufen wie Softwareentwicklung bereits deutliche Beschäftigungsverluste verzeichnen. Bei der Softwareentwicklung sei die Beschäftigung junger Einsteiger seit Ende 2022 um fast 20 Prozent zurückgegangen. Brynjolfsson unterscheidet dabei zwischen automatisierender KI, die Jobs ersetzt, und augmentierender KI, die menschliche Arbeit unterstützt.
Anders Humlum von der University of Chicago kommt bei der Analyse dänischer Arbeitsmarktdaten zu deutlich beruhigenderen Schlüssen : Obwohl KI in der Mehrheit der Unternehmen angekommen sei, wirke sie sich nicht negativ auf die Beschäftigung aus. Im Schnitt würden Beschäftigte gerade einmal 2,8 Prozent ihrer Arbeitszeit durch KI einsparen. Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung betont für Deutschland, dass die Jungen nicht unter der KI litten, sondern unter der Erneuerungskrise der deutschen Wirtschaft.
KI wird nicht unbedingt die Produktivität verbessern
Eine besonders skeptische Position nimmt der MIT-Ökonom und Nobelpreisträger Daron Acemoglu ein. Er prognostiziert für die kommenden zehn Jahre in den USA lediglich einen jährlichen Produktivitätszuwachs von 0,05 Prozent durch KI. Acemoglu kritisiert, dass KI derzeit zu sehr für Automatisierung und nicht genug zur Unterstützung von Arbeitnehmern eingesetzt werde.
Deutlich optimistischer zeigt sich McKinsey : Das Beratungsunternehmen rechnet mit einem Produktivitätswachstum von bis zu drei Prozent pro Jahr, falls bis zu 27 Prozent der Tätigkeiten innerhalb aller Berufsbilder automatisiert werden. In Deutschland wären in diesem Szenario bis zu drei Millionen Jobs von einer Veränderung betroffen, wobei administrative Bürotätigkeiten mit 54 Prozent der erwarteten Jobwechsel am stärksten betroffen wären.
Roboter aus München: Humanoide Kollegen für die Fabrikhalle
Von Andreas Donath — 23. November 2025 um 14:20
Das Münchner Robotikunternehmen Agile Robots will ab 2026 humanoide Industrieroboter in Bayern fertigen. Konkurrenz bleibt nicht aus.
Agile OneBild:
gile Robots
2018 von Zhaopeng Chen und ehemaligen Mitarbeitern des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt gegründet, entwickelt das Unternehmen Agile Robots KI-gestützte Robotiklösungen. Nun wagt das Unternehmen den nächsten Schritt: die Produktion eines humanoiden Roboters – komplett am bayerischen Standort.
Der Agile One ist für industrielle Aufgaben konzipiert: Materialtransport, Bestückungsarbeiten, Maschinenbedienung. Das Besondere: eine hochentwickelte Roboterhand kombiniert mit einem KI-Modell, das mit Industriedaten trainiert wurde. CEO Chen spricht von Physical AI, also Robotersystemen, die ihre Umgebung erfassen und darauf reagieren.
Mit 174 Zentimetern Körpergröße und 69 Kilogramm Gewicht orientiert sich der Agile One bewusst an menschlichen Proportionen. Die Entwickler setzen auf eine Bauweise, die den Roboter in bestehende Arbeitsumgebungen integrierbar macht, ohne dass Arbeitshöhen, Durchgänge oder Werkzeuge angepasst werden müssen. Eine Gehgeschwindigkeit von zwei Metern pro Sekunde ermöglicht es dem Humanoiden, mit menschlichen Kollegen Schritt zu halten. Die Traglast liegt bei 20 Kilogramm.
Die komplette Fertigung des Agile One findet laut Hersteller in Bayern statt. Ob der ambitionierte Zeitplan für den Produktionsstart Anfang 2026 hält, wird sich zeigen – Details zu Sicherheitszertifizierungen und Tests stehen noch aus.
Humanoide Roboter: Zukunft oder Hype?
Der Markt für humanoide Industrieroboter steckt in den Kinderschuhen. Weltweit arbeiten Dutzende Unternehmen an ähnlichen Konzepten. Die zentrale Frage: Sind menschenähnliche Roboter tatsächlich die beste Lösung für Produktionsumgebungen – oder nur ein spektakuläres Marketingverbrechen?
Agile Robots argumentiert mit Flexibilität: Ein humanoider Roboter könne in Umgebungen arbeiten, die für Menschen konzipiert sind, ohne dass Produktionshallen umgebaut werden müssten.
Chinas Vorsprung: Massenproduktion läuft bereits
Während Agile Robots mit der Fertigung erst startet, nahm der chinesische Hersteller Ubtech bereits die Massenproduktion auf und lieferte 2025 rund 500 humanoide Roboter der Walker-Serie aus. Bis 2026 soll die Jahreskapazität auf 5.000 Einheiten steigen, ein Jahr später auf 10.000.
Der Walker S2 kann hocken, bis zu 15 kg heben und seinen Akku selbstständig wechseln – damit läuft die Produktionslinie praktisch ohne Unterbrechung. Ubtech arbeitet bereits mit Automobilherstellern wie BYD, FAW-Volkswagen, Audi FAW und BAIC New Energy zusammen.
Auch BYD selbst wird aktiv : Der chinesische Automobilriese plant den Einsatz von 1.500 Robotern im Jahr 2026 und baut derzeit ein eigenes Labor für die Entwicklung humanoider Roboter. Der Wettbewerber XPeng präsentierte seinen Iron-Roboter mit über 60 Gelenken und 200 Freiheitsgraden und will bis Ende 2026 die Massenproduktion starten.
Die staatliche Guangzhou Automobile Group (GAC) entwickelte den Gomate-Roboter für die Installation von Kabeln in der Automobilproduktion – Massenproduktion ab 2026 geplant.
Chinas Dominanz basiert auf einer starken Lieferkette : Laut Morgan Stanley kontrolliert China 63 Prozent der Schlüsselunternehmen in der globalen Lieferkette für Komponenten humanoider Roboter, insbesondere bei Antriebsteilen und der Verarbeitung seltener Erden. Das ermöglicht aggressive Preise: Der Unitree H1 kostet mit 90.000 Dollar weniger als die Hälfte vergleichbarer westlicher Modelle, der kleinere G1 ist bereits ab 16.000 Dollar erhältlich.
Tesla und die amerikanische Antwort
Tesla kündigte an , die dritte Generation seines Optimus-Roboters im ersten Quartal 2026 vorzustellen. CEO Elon Musk plant eine Jahresproduktion von bis zu einer Million Einheiten bis Ende 2026 – eine Zahl, die Branchenkenner mit Skepsis betrachten, angesichts von Teslas allzu blumiger Prognosen aus der Vergangenheit.
Ein geleaktes Schreiben von Sam Altman zeigt: Hinter den Kulissen herrscht Unsicherheit. OpenAI sieht sich von Google unter Druck gesetzt.
Sam AltmanBild:
Wikipedia/TechCrunch / CC-BY-SA 2.0
Ein internes Memo von OpenAI-Chef Sam Altman, das dem Magazin The Information zugespielt wurde, zeichnet ein Bild, das im starken Kontrast zur öffentlichen Darstellung des Unternehmens steht. Altman warnt seine Mitarbeiter vor schwierigen Zeiten.
In dem Schreiben spricht Altman von "miesen Vibes" innerhalb der Organisation – eine Wortwahl, die deutlich von der sonst üblichen Kommunikation des Unternehmens abweicht, in der Stärke und Marktführerschaft betont werden.
Laut dem geleakten Dokument räumte Altman ein, dass Google bei der KI-Entwicklung deutliche Fortschritte gemacht hat. Besonders im Bereich Pre-Training – einem Gebiet, auf dem sich OpenAI bislang als führend positioniert hatte. Google stellte kürzlich Gemini 3 Pro vor , das laut unabhängigen Benchmarks in bestimmten Aufgaben mit OpenAIs Modellen mithalten kann. Altman soll seinen Mitarbeitern gesagt haben, man müsse in einigen Bereichen "schnell aufholen" .
Umsatzprognosen deuten auf Abschwächung hin
Das Memo enthielt Finanzprognosen, die von der bisherigen Entwicklung des Unternehmens abweichen. Altman skizzierte demnach ein Szenario, in dem das Umsatzwachstum bis 2026 auf einstellige Prozentwerte sinken könnte. Das wäre eine deutliche Veränderung gegenüber den aktuellen Wachstumsraten. OpenAI erreichte Berichten zufolge einen Jahresumsatz von rund 13 Milliarden US-Dollar, hauptsächlich durch ChatGPT-Abonnements und API-Nutzung.
Das geleakte Dokument führt die mögliche Verlangsamung auf "temporären wirtschaftlichen Gegenwind" zurück, wie Altman es formuliert haben soll. Das Memo präzisierte nicht, ob diese Faktoren den gesamten Markt betreffen oder spezifisch für das Geschäftsmodell von OpenAI sind.
Mit der "Cyber-Week" startet der Online-Handel in den Jahresendspurt. Online-Betrüger wollen Opfer mit angeblichen Nachzahlungen ködern.
"Hallo, Ihre Sendung konnte nicht weiterbearbeitet werden, da das zulässige Maximalgewicht überschritten wurde" – so leitet eine täuschend echt aufgemachte Phishing-Mail ein, die derzeit im Posteingang vieler Internetnutzerinnen und -nutzer landet. Cyberkriminelle versuchen, Opfer zu finden, indem sie auf die derzeit mit hoher Wahrscheinlichkeit erwarteten Paketsendungen aufsetzt.
Die Phishing-Mail wirkt zunächst unverdächtig und sieht Original-DHL-Sendungsverfolgungs-Mails frappierend ähnlich.
(Bild: heise medien)
Die Phishing [1]-E-Mails sehen oberflächlich unverdächtig aus und ähneln den echten DHL-Sendungsverfolgung-E-Mails sehr stark. Allerdings findet sich dort in der Regel eine persönliche Ansprache, da DHL natürlich über Empfänger-Daten wie Namen verfügt. Ebenfalls ungewöhnlich ist der Link zur angeblichen Sendungsverfolgung, der anstatt auf "https://nolp.dhl.de/" auf den URL-Verkürzer https://shorten[.]so/" verweist.
Phishing-Formular
Die falsche Sendungsverfolgung-Webseite liegt auf der Domain "https://www.dhl-sendungsstatus[.]de/". Auch die ist täuschend echt aufgemacht. Aufmerksame Besucher erkennen jedoch, dass etwa der angegebene 22.11.2025 kein Mittwoch, sondern ein Samstag war. Wer auf den Link "Zusätzliche Gebühren zahlen" klickt, landet in einem offiziell wirkenden Formular. Allerdings nur auf einem Browser für Smartphones oder Tablets, auf Desktop-Webbrowsern zeigt die Formular-Seite einen HTTP-404-Fehler – Seite nicht gefunden.
Am Ende steht ein Phishing-Formular, in dem Opfer ihre Daten eingeben und eine Überweisung anstoßen können.
(Bild: heise medien)
Dort sollen potenzielle Opfer ihre persönlichen Daten wie Anschrift, Telefonnummer und E-Mail-Adresse angeben. Als angebliche Zahlungsart ist nur Kreditkarte möglich. Nach der Adresseingabe folgt ein weiteres Formular, das Kreditkarten-Daten anfragt, mit denen die Betrüger dann umgehend den Opfern ihr Geld stehlen können.
Die Täter können direkt mit den Daten Schindluder treiben. Oftmals landen die jedoch in Datenhalden, wo sie die Kriminellen dann Interessierten weiterverkaufen.
Online-Kriminelle setzen auf aktuelle Ereignisse, um die potenzielle Opferzahl zu erhöhen. Neben den jetzt zu beobachtenden Phishing-Wellen zur Vorweihnachtszeit ließ sich etwa passend zur gestarteten Heizsaison die Häufung von Fakeshops beobachten, die billig Öl-, Gas- oder Feuerholz-Lieferungen anbieten [2]. Allerdings liefern sie nach Vorkasse nicht, das Geld ist in der Regel futsch.
URL dieses Artikels: https://www.heise.de/-11088448
Links in diesem Artikel: [1] https://www.heise.de/thema/Phishing [2] https://www.heise.de/news/Fakeshops-Vorsicht-bei-Black-Week-und-Heizoel-Angeboten-11084224.html [3] https://aktionen.heise.de/heise-security-pro?LPID=39555_HS1L0001_27416_999_0&wt_mc=disp.fd.security-pro.security_pro24.disp.disp.disp [4] mailto:dmk@heise.de
Griechenland macht's vor: So geht digitale Verwaltung heute
Von Wassilis Aswestopoulos — 23. November 2025 um 14:00
Wassilis Aswestopoulos
Griechenland digitalisierte seine Verwaltung in Rekordzeit – Deutschland braucht dagegen Scanner, Fax und Geduld für simple Abmeldungen.
Wenn jemand auswandert und in ein anderes Land zieht, sind zahlreiche Dinge zu erledigen. Man muss sich abmelden, ummelden und Dinge beachten, an die man sonst eher nicht denkt. Wie schön, wenn es die Digitalisierung dabei helfen kann. Allerdings stellt sich auch die Frage, wie die jeweiligen Verwaltungen Digitalisierung interpretieren.
Digitalisierung mit Landesunterschied – zwei Welten in Europa
Griechenland hatte vor knapp zehn Jahren mitten in der Euro-Finanzkrise eine der unproduktivsten, übermäßig bürokratischen Verwaltungen des Kontinents.
Im Zuge der Reformen wurden zahlreiche neue Regeln und Gesetze eingeführt, die zu immer mehr Aufwand mit immer mehr Formularen und notwendigen Dokumenten führten. Man sah Menschen mit einem Stapel Papiere von Amt zu Amt rennen und man fürchtete sich davor, selbst in deren Lage zu gelangen.
Griechenlands Quantensprung ins digitale Staatswesen wurde während des Lockdowns der Pandemie vollzogen. Positiv hervorzuheben ist, dass es für ältere und eingeschränkte Menschen keinen Digitalzwang, wie zum Beispiel beim Check-in von Ryanair, gibt.
Griechenlands Aufstieg vom Papierstaat zur Online-Verwaltung
Der Staat hat sämtliche Dienste auf die Internetplattform gov.gr gehoben. Für die Bürger verdeckt können noch nicht digitalisierte Dienste oder Spezialfälle im internen Dienstverkehr der Ministerien erledigt werden. Die Antragsteller selbst müssen nicht mehr von einem zum anderen Amt hetzen.
Papiere, haptisch greifbare Dokumente, wurden im griechischen Staatswesen für Verwaltungsvorgänge abgeschafft. Erforderliche Dokumente werden in elektronischer Form mit digitaler, per QR-Code überprüfbarer Unterschrift als PDF an die Antragsteller geliefert.
Mit einem Mausklick können sie bei weiteren Anträgen bei dritten Stellen als Anhang einer Mail weitergeleitet werden. Geburtsurkunden oder Ausweispapiere sind in diesem System für den Amtsgebrauch obsolet, weil sie jeder Sachbearbeiter, der sie benötigt, mit einem Knopfdruck abrufen kann.
Deutsche Realität: Digitalisierung mit Papier und Scanner
Im Vergleich dazu kann man sich in Deutschland, wie zum Beispiel in Aachen, digital abmelden. Es funktioniert wirklich, wenn man die Abmeldeanträge als PDF-Datei herunterlädt, eventuell schon am Computer ausfüllt, dann ausdruckt und physisch unterschreibt. Danach muss man das Ganze zusammen mit einer Kopie des Ausweisdokuments nur noch einscannen und ans zuständige Bezirksamt schicken.
Aber Halt, für eine Kopie des Ausweises ist auch noch einmal der Scanner nötig. So weit, so gut. Die Ämter nehmen die Abmeldung per Mail tatsächlich an und die Abmeldung wird recht zügig – bei mir lagen zwischen nächtlicher Mail und Abmeldung wenige Stunden – vollzogen. Um 11:40 Uhr hörte ich auf, Aachener Bürger zu sein.
Ein Problem ist jedoch die Abmeldebescheinigung. Die kann "aus Datenschutzgründen" nicht per Mail verschickt werden. Man kann die Abmeldebescheinigung per Post oder mit einem Fax erhalten.
Über eine als Dienstleistung mögliche Faxnummer gelangt dann die Abmeldebescheinigung per Mail in das elektronische Postfach. Ohne Abmeldebescheinigung würden einige weitere notwendige Abmeldungen scheitern.
Es ist interessant, dass man sich als Person in Aachen nicht über die Bund-ID abmelden kann, den eigenen Vierbeiner dagegen schon. Zudem sorgt die eigene Abmeldung mitnichten dafür, dass der steuerpflichtige Hund ebenfalls abgemeldet wird. Ohne aktive Abmeldung könnte dann tatsächlich eine Aufforderung zur Zahlung der Hundesteuer fürs Folgejahr per Post ins Haus flattern.
Nachträglich frage ich mich, ob ich es auf dieses Experiment nicht hätte ankommen lassen sollen. Wohin hätte man mir die Zahlungsaufforderung denn geschickt? Anders als bei dem Rundfunkbeitrag hatte ich es bei der Hundesteuer versäumt, ein bequemes Sepa-Lastschriftmandat an die Stadt zu schicken.
Und anders als man es erwarten dürfte, endet die Rundfunkbeitragspflicht nicht mit dem Auszug. Man muss sich auch hier aktiv abmelden.
Kommt man dagegen aus dem Ausland nach Deutschland und meldet man sich an einer deutschen Adresse an, dann flattert in wenigen Tagen ein Schreiben vom ARD-ZDF-Deutschlandradio-Beitragsservice mit der entsprechenden Zahlungsaufforderung ins Haus.
Merke, wenn man Dir in Deutschland Geld abnehmen kann, dann läuft es auch mit der offensichtlich digitalisierten Automatisierung. Nach der Absendung der Abmeldung beim Beitragsservice erfuhr ich, dass mir die entsprechende Abmeldebescheinigung postalisch zugesandt wird. Ich bin mal auf Laufzeit und Gelingen der Postsendung gespannt.
Digitales Arbeiten und Finanzwesen in Griechenland
Apropos Geld und Digitalisierung, bei der komplett digital erfolgten steuerlichen Anmeldung als Freiberufler in Griechenland kam die Aufforderung, ein Geschäftskonto anzugeben. Auf das sollen dann die Honorare fließen, die nach Erstellung der pflichtgemäß digitalen Rechnungen von den Kunden gezahlt werden.
Die digitalen Rechnungen können mit einer kostenlosen staatlichen Software erstellt werden, oder mit einem privat erworbenen lizenzierten Produkt aus dem Handel geschrieben werden.
In jedem Fall landen die Rechnungsdaten direkt beim Fiskus und die anfallenden Steuern werden vom System notiert. Der Vorteil der Produkte aus der Privatwirtschaft ist für diejenigen, die sie sich leisten wollen, eine komfortablere Bedienbarkeit samt der Haftung der Softwareunternehmen für etwaige Fehlfunktionen oder Verzögerungen bei der Übertragung an den Fiskus.
Deutschland ist bei der Pflicht zur elektronischen Rechnungsstellung bislang nicht so weit. Erst 2027 müssen alle Unternehmen E-Rechnungen [1] ausstellen.
Die schnelle griechische Digitalisierung birgt nicht nur Vorteile. Weil in Griechenland jede Rechnung umgehend ans griechische Finanzamt gemeldet werden muss, und weil etwa deutsche Verlage keine Anbindung an den griechischen Fiskus haben, fällt für freie Journalisten eine bequeme Form der Rechnungsstellung weg.
Die sogenannte Selbstfakturierung, das Gutschriftverfahren, ist nicht mehr möglich. Beim Gutschriftverfahren stellt der Leistungsempfänger eine Rechnung im Namen und auf Rechnung des Leistungserbringers aus. Danach wird das vereinbarte Honorar aufs Konto überwiesen.
Wie aber kommt man möglichst schnell an ein griechisches, geschäftliches Girokonto? Auch hier besteht die Möglichkeit, es komplett digital zu erledigen.
Zwischen KI und Papier – wo die Digitalisierung an Grenzen stößt
Ich wählte ein Geldinstitut, das die komplette Bearbeitung über die Mobiltelefonapp versprach, die Piraeus Bank. Mit meinen steuerlichen Anmeldedaten und den vom griechischen Staat überprüften und damit zertifizierten Kontaktdaten passierte ich die erste Hürde der App.
Eine KI bat mich um einen Vergleich meines auf den staatlichen Servern gespeicherten Ausweisfotos mit meinem Gesicht. Diese Hürde nahm ich im zweiten Anlauf – ein knapp neun Jahre alter Ausweis der alten griechischen Art, ohne biometrisches Foto, sorgte kurzzeitig für etwas Aufregung. Hier kamen die Tücken der Technik zutage. Wohl dem, der mit etwas Kämmen die gleiche Frisur wie auf dem Ausweis vorweisen kann.
In der Folge stand ein Video-Gespräch mit einer freundlichen, realen Bankmitarbeiterin auf dem Programm. Und es gab die erste Überraschung. Die fiskalische Anmeldung als Freiberufler musste – ausgedruckt – vor die Kamera gelegt werden. Auch die Griechen können eben doch (noch) nicht alles zu hundert Prozent erledigen.
Über die Kamera des Mobiltelefons konnte die Mitarbeiterin den QR-Code meiner Berufsanmeldung überprüfen. Dieser Schritt kann offenbar nicht mit der Bildschirmdarstellung des Dokuments erledigt werden. Zudem ist anzumerken, dass die Video-Interviews zeitlich begrenzt sind. Wer es nicht in der erforderlichen Zeit schafft, muss noch einmal durch den Zyklus der notwendigen Schritte gehen.
In weniger als einer halben Stunde hatte ich mein Girokonto samt E-Banking-Zugang. Jedoch gab es erneut eine analoge Überraschung, wenngleich sie erwartet war. Die im Basisvertrag enthaltene kostenlose Debitkarte wurde per Post verschickt.
Geht es nach den griechischen Banken, wird auch das bald der Vergangenheit angehören. Die Eurobank und die Piraeus Bank experimentieren bereits mit komplett digitalen Kreditkarten [2].
Viele sehnen sich bereits danach. Denn die griechische Post, die Elta, befindet sich in der Auflösung. Hunderte Poststationen des kriselnden Unternehmens [3] wurden geschlossen, und die Brieflaufzeiten sind unterirdisch.
Griechenland wäre ohne Digitalisierung für Selbstständige und Freiberufler wahrlich kaum zu ertragen. Der in Deutschland übliche und immer noch notwendige Briefverkehr würde beim Zustand der Elta in Griechenland die legendären Qualen des Sisyphos wie einen Erholungsurlaub erscheinen lassen.
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Links in diesem Artikel: [1] https://www.bundesfinanzministerium.de/Content/DE/FAQ/e-rechnung.html [2] https://techmaniacs.gr/katargisi-plastikon-karton-apo-tis-trapezes-stin-ellada/ [3] https://www.ekathimerini.com/in-depth/society-in-depth/1285301/elta-to-close-more-than-200-branches-nationwide/
Ein Verbot von Militär-Werbung würde bestehende Doppelstandards abschwächen – und der Wehrdienstdebatte die nötige Ernsthaftigkeit geben. Ein Debattenbeitrag.
Es ist einige Jahre her, als ich erstmals auf ein Rekrutierungsplakat der Bundeswehr stieß. „Gas, Wasser, Schießen“, stand fettgedruckt auf einem Plakat, mit dem die Truppe um neue Leute warb.
Bis heute zeigt die Bundeswehr-Kampagne eine Ästhetik, die an Ego-Shooter-Games und Action-Filme erinnert. Inszeniert wird ein absurdes Versprechen: Wer sich für den Dienst an der Waffe entscheide, werde Teil einer erlebnisorientierten Abenteuerwelt. Der Soldat als Selbstverwirklicher, als Held auf persönlicher Mission.
Von der Abenteuerwerbung zur Phrasendrescherei
Die jüngsten, zum Bundeswehr-Jubiläum ausgerollten Slogans unter dem Titel „70 Gründe für die Bundeswehr“ knüpfen daran an – und sie verkommen endgültig zur Phrasendrescherei: „Weil Dein Einsatz genau jetzt zählt“, heißt es etwa.
Oder aber: „Weil Dein Einsatz zeigt, wer Du bist.“ Oder noch knapper: „Weil Du es kannst.“ Die erwünschte Kriegstüchtigkeit wird durch Sprüche angefeuert, die ansonsten Baumärkte nutzen, um Heimwerker anzulocken.
Die Bundeswehr ist kein normaler Arbeitgeber. Zutreffend war, was Boris Pistorius im Rahmen der 70-Jahr-Feier sagte: „Der Soldatendienst ist kein gewöhnlicher Dienst“. Das aber bedeutet, dass Werbung für diesen nicht-gewöhnlichen Dienst auch keine gewöhnliche Werbung sein kann. Mehr noch: Es gibt gute Gründe, Werbung für den Dienst an der Waffe generell, also gesetzlich zu verbieten.
Dazu folgender Gedanke: Wir haben uns darauf verständigt, Werbung für Tabakerzeugnisse zu untersagen. Durchgesetzt haben sich in diesem Streit Positionen, die argumentieren, dass Tabakkonsum nicht nur die eigene, sondern auch die Gesundheit anderer gefährde. Ähnlich, wenngleich in ganz anderer Dimension, verhält es sich beim Militär: Wer zur Waffe greift, gefährdet ebenfalls die Gesundheit anderer sowie die eigene.
Um nicht missverstanden zu werden: Ich hege kein prinzipielles Misstrauen gegenüber der Bundeswehr, treffe damit keine Aussage zu Verpflichtungen der Bundeswehr und nehme keine Bewertung der aktuellen Sicherheitslage vor.
Mir geht es um einen anderen Punkt: Eine Gesellschaft, die sich für aufgeklärt und weitsichtig hält, verpflichtet sich, die Voraussetzungen ihrer Debatten in besonderer Weise zu prüfen. Und dazu gehört eben auch, die ethischen Standards zu befragen, die an Militärrekrutierungen angelegt werden.
Die groteske Einseitigkeit der Bundeswehr-Kampagne, ihre Überbetonung vermeintlicher Vorzüge, blendet aus, was Bestandteil jeder Armee ist: Töten und getötet werden, Verwundungen jeglicher Art, psychische Erkrankungen.
Ethische Konsequenzen und notwendige Grenzen
Auf Tabakprodukten finden sich seit 2016 Bilder, die mögliche Folgen des Konsums drastisch vor Augen führen. Der Effekt dieser visuellen Schockpädagogik dürfte freilich begrenzt sein. Dennoch: Müsste im Sinne ethischer Konsistenz nicht auch jedes Kreiswehrersatzamt, das Musterungen durchführt, Plakate gefallener Soldaten und verwundeter Zivilisten aufhängen?
Ein generelles Werbeverbot für die Bundeswehr wäre indes kein Beleg einer angeblichen Cancel Culture, im Gegenteil: Ein solches Verbot würde bestehende Doppelstandards abschwächen. Es böte zudem die Möglichkeit, sachgerechte Informationskampagnen zu lancieren.
Junge Menschen haben ein Anrecht darauf, angemessen über Risiken und Konsequenzen eines Dienstes an der Waffe in Kenntnis gesetzt zu werden. Und umgekehrt ist eine demokratisch verfasste Gesellschaft, die sich im Ernstfall auf ihr Militär verlassen will, in der Pflicht, diesen Menschen reinen Wein einzuschenken.
Mit herkömmlicher Werbung gelingt dies schon aus systematischen Gründen nicht. Daher braucht es ein gesetzliches Verbot für Militär-Werbung – auch, um der Wehrdienstdebatte jene Ernsthaftigkeit zukommen zu lassen, die sie erfordert.
Daniel Hornuff ist Professor für Theorie und Praxis der Gestaltung sowie Vizerektor für Studium und Lehre an der Kunsthochschule in der Universität Kassel.
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Tanja Maljartschuk und der Ukraine-Krieg: Was Literatur in Zeiten existenzieller Bedrohung noch leisten kann.
"Alle Kunst ist politisch, andernfalls wäre sie bloße Zierde."Edward de Vere in "Anonymus"
"Zieh dich ins Innere des Wals zurück."George Orwell
Albert Camus wird der Satz zugesprochen, dass die "Zeit des Genies im Sessel" vorbei sei. Das "Genie" meint den Schriftsteller alter Prägung: Dessen Kunst steht über den Niederungen der Welt, der Poet vertritt das Reich der Freiheit und nicht die Interessen der Politik.
Die Spannung zwischen den Sphären ist so alt wie die Literatur. Entsprechend streiten sich die Geister beider Seiten. Ein aktuelles Beispiel für die – naturgemäß nicht abschließbare Debatte – liefert die ukrainische Schriftstellerin und Essayistin Tanja Maljartschuk.
Maljartschuk lebt seit 2011 in Wien. Vor Kurzem trat sie in Köln die periodisch einjährige Poetikprofessur der TransLit [1] an der dortigen Universität an.
In ihren Vorlesungen, neueren Artikeln und Interviews stellt sie sich der Frage, wie es angesichts der Gewalteskalation, vornehmlich seit 2022 in der Ukraine, und angesichts einer globalisierten Welt, in der sichere Distanzen und Schonräume schrumpfen, möglich ist, Politik und Poesie unter einen Hut zu bringen.
Kurz auf den Punkt: Maljartschuk verweigert sich der schönen Literatur. Sie zieht für sich eine Demarkationslinie und definiert ihre Rolle als Autorin, im engeren Sinne als Literatin, neu.
Dabei rekurriert sie auf George Orwell, der in einem Essay 1940, betitelt "Im Innern des Wals [2]" (Inside the Whale) die Spielräume auslotete [3], die dem Intellektuellen in Zeiten dramatischer Weltbedrängnis offenstehen.
"Im Innern des Wals"
Gibt es sie noch, die Möglichkeiten, sich in der globalen Welt zu verstecken [4], wie Jona einst im Wal verschwand? Orwells späterer Welterfolg, seine Schreckensutopie "1984", war noch nicht erschienen. Aber Orwell war 1940 bleibend desillusioniert.
Es gab Gründe genug zum Ende der alten und zu Beginn einer neuen katastrophenträchtigen Dekade: Faschismus in Italien, die Auswüchse des stalinistischen Terrors, vor Englands Küsten das Gespenst Hitlerdeutschlands.
"Der Bauch eines Wals ist eine Höhle, groß genug, um einen Erwachsenen aufzunehmen. Man ist dort in einem dunklen, ausgepolsterten Raum, der genau passt, mit einer dicken Speckschicht zwischen sich und der Außenwelt. So hat man die Möglichkeit, sich mit absoluter Gleichgültigkeit gegenüber allem, was immer draußen vorgeht, zu verhalten. (…) Es ist fast schon der Tod, ein Zustand endgültiger, unüberbietbarer Verantwortungslosigkeit." George Orwell, Im Innern des Wals
Der Bezug auf den biblischen Propheten, der im Bauch des Meeresriesen Unterschlupf vor dem Sturm fand, lässt den anderen Teil der Geschichte außer acht, nämlich dass Jona in seinem düsteren Hort die Weigerung ausbaden musste, den Niniviten den drohenden Untergang zu predigen. So von Gott verfügt.
"Entsetzt über die Welt"
"Diejenigen, die die Realität ignorieren, sind wahrscheinlich Narren", schrieb Orwell unter dem Eindruck drangvoller Erfahrungen jener Jahre.
"Und diejenigen, die gegen sie kämpfen, haben vermutlich genug Weitblick, um zu erkennen, dass sie nicht gewinnen können."
Für Tanja Maljartschuk ist der 1950 verstorbene Orwell ein Gesinnungsgenosse, ein "Leuchtturm in der Finsternis". Seit Russlands Angriff auf die Ukraine schlägt sich die Autorin mit dem orwellschen Dilemma herum. Im Gespräch mit Uli Hufen (WDR, 25.10.2025 [6]) erklärt sie:
"Ich würde auch gerne Romane weiter schreiben, oder Erzählungen oder Gedichte, aber es geht einfach nicht, wenn man bedroht ist existenziell …"
Tanja Maljartschuk wurde 1983 in Iwano-Frankiwsk im Westen der Ukraine geboren und schloss dort ein Philologie-Studium ab. Danach arbeitete sie als TV-Journalistin bei verschiedenen Sendern in Kiew. "Mein Verstand ist entsetzt über die Welt, wie sie geworden ist", erklärt sie in Köln während zweier öffentlicher Poetikvorlesungen Anfang November.
Sie sieht keine Möglichkeit, sich in dieser global gewordenen Welt noch zu verstecken wie Jona im Wal. Hinzu kommt: Politische Gewalt, so ihr Verweis, sei der ukrainischen Literatur eingeschrieben, Gewalt und Tod seien als Trauma gegenwärtig. Die Ukraine, sagt Maljartschuk, hat "immer gelitten unter Imperien".
Das Ende der Metaphern
Lassen sich Literatur und politisches Engagement verbinden, ohne in Parolen abzugleiten?
Maljartschuk hat die Antwort für sich gefunden, allerdings, wie es scheint, vorläufig und unter Schmerzen. Für "Metaphern und Zwischentöne" sieht sie angesichts der blutigen Eskalationen der Gegenwart aktuell keinen Platz [7] mehr: "Im Frieden", so die Autorin, "schenken Metaphern ästhetisches Vergnügen. Im Krieg bergen sie die Gefahr, die Wahrheit zu verzerren und sie zu missbrauchen".
Seit Beginn des Angriffskrieges auf die Ukraine sieht die Schriftstellerin sich daher als "ehemalige Autorin". Eine Selbstbeschreibung, die nicht ohne inneren Widerstreit vonstattengeht und anders auch kaum einleuchten würde. Offen ausgesprochen hat Maljartschuk ihre Haltung bereits 2023 anlässlich ihrer Klagenfurter Rede zur Literatur, wo sie sagt:
"Denn ich betrachte mich selbst als eine gebrochene Autorin, eine ehemalige Autorin, eine Autorin, die ihr Vertrauen in die Literatur und – schlimmer noch – in die Sprache verloren hat." (Zitiert nach Christof Hamann [8])
Heißt das Totalverweigerung, Flucht in die Lautlosigkeit, Kapitulation der Literatur vor der Realität?
George Orwells Philosophieren über Literatur in Zeiten von Furcht und Tyrannei könnte solchen Schluss nahelegen. Lässt sich auf die Katastrophe mit Kunst antworten? Die Frage steht im Raum [9].
Orwell versus Henry Miller
Orwell selbst zeigt in seinem Œuvre fraglos einen eigenständigen Weg. Er schuf überdauernde Allegorien von beunruhigender politischer Kraft – und stimmte dennoch im Schicksalsjahr 1940 seinem amerikanischen Kollegen Henry Miller zu, der sich aus den Weltfragen trotzig heraushielt und stattdessen den "einfachen Mann auf der Straße" zeigte, samt den Niederungen, die für Miller die alltäglich-banale "Feier des Lebens" ausmachen.
Man könne, so Orwell, kein Ja sagen zu "Gummiknüppeln, zu Hitler und Stalin, Bomben, Flugzeugen, Konserven, Maschinengewehren, Putschen, Säuberungen, Slogans, … geheimen Gefängnissen, Aspirin, Hollywood-Filmen und politischen Morden" (George Orwell, Im Innern des Wals).
Die Neucodierung
Der Abschied vom literarischen Schreiben ist für Maljartschuk aber kein "Nichts-mehr-sagen", kein Beharren im Bauch des Fisches, auch wenn sie sich und ihresgleichen "auf einer schmelzenden Eisscholle" sieht – eine nachvollziehbare Metapher.
Es geht daher auch um eine Um- bzw. Recodierung von Sprache. Der Schriftsteller als Augenzeuge, als Mitwisser der Ereignisse, als Dokumentar, der nüchtern-unsentimental gegen das Vergessen und Beschönigen schreibt. Und gegen die immer präsente Lüge übermächtiger Propaganda [11].
2018 hat Tanja Maljartschuk für ihre Erzählung "Frösche im Meer" den Ingeborg-Bachmann-Preis erhalten. 2019 erschien ihr Roman "Der Blauwal der Erinnerung [12]". In den vergangenen dreieinhalb Jahren habe sie fast ausschließlich Essays, Vorträge und Zeitungsartikel geschrieben, so die Autorin in Köln.
Es ist für sie die "ethischste Form des Schreibens", wie sie dem Publikum zum Abschluss ihrer Poetik-Vorlesung erklärt, ein Kampf gegen Apathie und Vergessen. Ihre Waffe: Eindeutiges Benennen der Dinge, Eintrag der Ereignisse, Abbildung des Menschen. Sie will Menschen zeigen, die sich "extrem verändert haben". Eine Lesung in Leverkusen [13] betrachtet sie als Beitrag zur Völkerverständigung.
Es ist eine Wahl, eine persönliche Antwort auf eine der hartnäckigsten poetologischen Fragen im Spannungsfeld zwischen politischem Engagement und künstlerischer Freiheit. Die Hoffnung bestehe nicht nur darin, mit Sprache die Welt zu verändern, sagt Maljartschuk, sondern den Menschen: "Was dieser Mensch dann mit der Welt anfängt, bleibt ihm überlassen."
Das klingt 2025 als Momentum abgehoben, zeigt aber die Zerrissenheit, in der die Kunst – in dem Fall das Schreiben – angesichts sich überstürzender Weltereignisse und im Sturmhagel nicht abebbender Breaking-News steckt.
Für sich selbst nimmt Maljartschuk den Rückzug in den Wal gleichwohl nur als Poetin in Anspruch. Im Interview schloss sie Anfang des Jahres (Deutschlandfunk, 21. Februar 2025 [14]) nicht aus, irgendwann selbst an der Front zu stehen.
Mit Claudia Dathe gibt Tanja Maljartschuk seit diesem Herbst die Ukrainische Bibliothek im Wallstein Verlag [15] heraus, eine achtbändige Reihe ukrainischer Klassiker in deutscher Übersetzung. Über das Projekt sagt sie: "Es geht um Wiederherstellung der literarischen Gerechtigkeit".
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Google monetarisiert KI: Erste Werbeanzeigen im KI-Mode von Google
Von Andreas Donath — 22. November 2025 um 15:53
Google startet die Vermarktung seiner KI-gestützten Suchergebnisse und setzt damit auf einen Vorsprung gegenüber Konkurrenten wie ChatGPT .
AI Mode in der Google-SucheBild:
Google
Google hat damit begonnen, Werbeanzeigen innerhalb seiner KI-Mode-Oberfläche anzuzeigen, wie Engadget berichtet . Dies markiert die erste Implementierung von Werbung in diesem Suchformat. Die Anzeigen erscheinen am Ende der KI-generierten Antworten und folgen einer Strategie, die bereits zuvor in den AI Overviews Anfang des Jahres beobachtet wurde.
Die gesponserten Inhalte sind eindeutig mit einem "Gesponsert" -Tag gekennzeichnet und erscheinen in einem Format, das den organischen Link-Karten direkt darüber ähnelt. Diese Integration stellt Googles jüngsten Schritt zur Monetarisierung seiner KI-gestützten Suchfunktionen dar.
Die Entwicklung wurde zunächst von Greg Sterling erkannt. Mehrere Nutzer konnten diese Anzeigenplatzierungen seitdem bei verschiedenen Suchanfragen reproduzieren. Sterlings Beobachtung stammte aus Googles Labs-Oberfläche, die mit einem Becherglas-Symbol gekennzeichnet ist.
Nachfolgende Tests bestätigten jedoch, dass die Anzeigenplatzierungen auch außerhalb dieses experimentellen Rahmens sichtbar sind, was auf einen umfassenderen Rollout als zunächst angenommen hindeutet. Womöglich ist Googles Testphase bereits vorbei.
Zeitplan der Einführung und Branchenkontext
Laut Berichten von Search Engine Land vom August dieses Jahres hatte Google wichtige Werbepartner über einen geplanten Rollout dieses Werbeformats im vierten Quartal informiert. Dennoch bleiben Fragen offen: Wird es Google-Anzeigen auch an anderen Stellen innerhalb der KI-Mode-Antworten geben, wie es bei den traditionellen Suchergebnissen der Fall ist? Wird das gleiche Preismodell angewendet?
Gegenüber ChatGPT und anderen großen Anbietern ist Google bei der Monetarisierung von KI klar im Vorteil. Die anderen Plattformen haben keine vergleichbare Werbeinfrastruktur.
Von der Konsole ins Gefecht: Call of Duty wird zur Militärausbildung
Von Andreas Donath — 22. November 2025 um 15:23
Die britische Armee setzt Videospiele wie Call of Duty zur Kampfvorbereitung ein. Bei einem E-Sports-Turnier sollen Soldaten ihr Können zeigen.
Artwork von Call of Duty - Modern Warfare 3 (2023)Bild:
Activision
Die britische Armee integriert kommerzielle Videospiele in ihre Ausbildungsprogramme. Militärvertreter erhoffen sich durch kompetitive Gaming-Plattformen eine Verbesserung der operativen Fähigkeiten ihrer Soldaten.
General Sir Tom Copinger-Symes, stellvertretender Kommandeur des Cyber and Specialist Operations Command, sagte dem Telegraph , dass Spiele wie Call of Duty zur Steigerung der "Kampfbereitschaft" des Personals eingesetzt werden.
Das Verteidigungsministerium kündigte am Freitag die International Defence Esports Games (IDEG) an, bei denen britische Militärs gegen Streitkräfte aus 40 Nationen antreten werden. Laut Telegraph umfasst das Turnier sowohl die populäre Call-of-Duty-Reihe als auch Velocidrone , ein Drohnensimulationsprogramm.
Militärvertreter verweisen auf den Ukrainekonflikt als Beleg für den potenziellen Nutzen von Gaming. Der weitverbreitete Einsatz ferngesteuerter Drohnen auf diesem Kriegsschauplatz habe die Relevanz von Fähigkeiten unterstrichen, die üblicherweise durch Videospiele entwickelt würden, so Quellen aus dem Verteidigungsbereich.
Gaming-Kompetenzen für moderne Kriegsführung
Das Verteidigungsministerium skizzierte mehrere Kompetenzen, die das Personal durch kompetitives Gaming entwickeln könne. Dazu gehören laut Telegraph die gleichzeitige Verfolgung mehrerer Ziele, die Leitung von Bodentruppen, Leistungsfähigkeit unter Druck sowie die Anpassung von Taktiken basierend auf eingehenden Informationen.
Phil Ingram, ein ehemaliger britischer Militärgeheimdienstoffizier, mahnte jedoch an, dass Gaming konventionelle Ausbildungsmethoden ergänzen, aber nicht ersetzen sollte. Ob kommerzielle Titel oder speziell entwickelte Programme – solche Werkzeuge hätten Grenzen bei der Nachbildung realer Bedingungen im Feld.
Das Vereinigte Königreich erkannte E-Sports 2024 offiziell als militärische Sportart an. Zivile E-Sports-Turniere ziehen bereits beträchtliche globale Zuschauerzahlen an, die Top-Wettkämpfer verdienen erhebliche Summen durch Preisgelder und Sponsoring.
VR in der Ausbildung bereits Realität
Im vergangenen Jahr kündigte der britische Verteidigungsminister John Healey beschleunigte Aufnahmeverfahren für Cyberkriegs-fähige Rekruten an, wie der Telegraph berichtet. Großbritannien sieht sich jährlich rund 90.000 Cyberangriffen ausgesetzt, so Regierungszahlen.
Die britischen Streitkräfte setzen bereits Virtual-Reality-Systeme zu Ausbildungszwecken ein. Einige militärische Ausrüstung verwendet Controller, die wie kommerzielle Gaming-Geräte aussehen; das soll dem Bedienpersonal mit Gaming-Hintergrund helfen, damit zurechtzukommen.
Auch ukrainische Streitkräfte haben Berichten zufolge Simulationsspiele entwickelt, die Zielpräzision und Reaktionszeiten ihrer Operateure verbesserten, wie vom Telegraph zitierte Quellen aus dem britischen Verteidigungsministerium berichten.