(Bild: Die Produktwerker)
Wie Product Owner ihren Einfluss auf die Retrospektive bewusst nutzen und damit Vertrauen und Teamwirksamkeit fördern, erklärt Bernd Joussen in dieser Folge.
In dieser Podcastfolge spricht Tim Klein mit Bernd Joussen über den Einfluss auf die Retrospektive, den Product Owner tatsächlich haben. Bernd Joussen ist erfahrener Produkt- und Projektmanager, Scrum Master und Agile Coach und war schon mehrfach Gast im Podcast. Beide erleben in ihrer Arbeit mit Teams, dass viele Product Owner den Raum der Retro missverstehen. Manche treten zu dominant auf und hemmen den Austausch. Andere ziehen sich so weit zurück, dass sie kaum Wirkung entfalten. Dabei ist die Retrospektive ein gemeinsamer Ort des Lernens. Der Product Owner gehört dorthin, weil er Teil des Teams ist und mit seinem Verhalten darüber entscheidet, wie offen gesprochen werden kann.
Bernd Joussen beschreibt, dass eine Retro ohne Vertrauen keine Wirkung zeigt. Wenn Teams einmal darum bitten, eine Runde ohne Product Owner durchzuführen, sei das ein Signal, das ernst genommen werden sollte. Kein Anlass zur Verteidigung, sondern zur Selbstreflexion. Denn Vertrauen entsteht nicht durch Argumente, sondern durch Haltung. Wer als Product Owner offen zuhört, statt zu bewerten, gibt dem Team die Sicherheit, auch heikle Themen anzusprechen.
In vielen Organisationen hängt der Einfluss auf die Retrospektive stark von der Persönlichkeit des Product Owners ab. Wer laut ist, prägt die Dynamik schnell. Wer zurückhaltend ist, verliert an Gewicht. Beides kann den Austausch verzerren. Ein guter Product Owner kennt die Wirkung seiner Präsenz und achtet darauf, Raum zu geben. Joussen betont, dass die Moderation des Scrum Masters hier entscheidend ist. Sie schafft Balance zwischen allen Stimmen und schützt den Raum vor einseitigen Perspektiven.
Der Einfluss auf die Retrospektive zeigt sich nicht in Redebeiträgen, sondern in der Haltung. Ein Product Owner, der echtes Interesse am Team zeigt, Fragen stellt und neugierig bleibt, trägt mehr zur Verbesserung bei als jemand, der Ergebnisse einfordert. Gute Retrospektiven entstehen, wenn alle gemeinsam Verantwortung übernehmen. Wenn der Product Owner das Team unterstützt, Lösungen zu finden, statt sie vorzugeben.
Gerade in produktorientierten Teams schaut die Retro laut Tim Klein oft zu stark auf Prozesse und zu wenig auf Wirkung. Dabei bietet sie die Chance, über Outcomes zu sprechen, über den Beitrag des Teams zum Produktwert. Wenn der Product Owner diesen Blick einbringt, erweitert er die Perspektive, ohne den Rahmen zu sprengen. Dann wird die Retrospektive zu einem Ort, an dem Teamleistung und Produkterfolg zusammenfinden.
Bernd Joussen sieht in reifen Teams eine Selbstverständlichkeit, mit der Product Owner und Scrum Master gemeinsam für diese Qualität sorgen. Sie verstehen sich als Tandem, das das Team befähigt, eigene Lösungen zu entwickeln. Wo diese Verbindung fehlt, bleibt die Retro oberflächlich. Gute Zusammenarbeit zwischen Scrum Master und Product Owner sorgt dafür, dass Themen wie Vertrauen, Konflikte oder Verantwortung auch mit Blick auf den Produkterfolg besprochen werden.
Der Einfluss auf die Retrospektive hängt also davon ab, wie bewusst ein Product Owner seine Rolle lebt. Wer mit Neugier und Ruhe in die Retro geht, stärkt das gemeinsame Lernen. Wer sich als Teil des Teams begreift, fördert Offenheit. Und wer Verantwortung für die Wirkung seiner Worte übernimmt, schafft die Grundlage für Weiterentwicklung. Gute Retrospektiven entstehen dort, wo Menschen zuhören, lernen und handeln – gemeinsam und mit echtem Interesse aneinander.
Frühere Episoden mit Bernd Joussen in diesem Podcast:
Wer direkt mit Bernd Joussen in Kontakt treten möchte, erreicht ihn am besten über sein LinkedIn-Profil [5]. Weitere Informationen über ihn und sein Angebot als Konfliktbegleiter, Experte für Retrospektiven mit Führungskräften und als Teamentwickler bietet seine Website [6].
Ein Format rund um Retrospektiven vor allem für Scrum Master und Team Coaches bietet er alle 14 Tage jeweils dienstags (8.00 bis 9.00 Uhr) mit den "Lean Coffee Retrospektiven" an. Die Einladung erfolgt von Bernd Joussen via LinkedIn-Gruppe "Lean Coffee Retrospektiven - Community of Practice [7]".
Die aktuelle Ausgabe des Podcasts steht auch im Blog der Produktwerker bereit: "Welchen Einfluss auf die Retrospektive hat ein Product Owner? [8]"
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https://www.heise.de/-11072217
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[1] https://pod.inside-agile.de/?wt_mc=intern.academy.dpunkt.konf_dpunkt_ia_pod.empfehlung-ho.link.link
[2] https://www.heise.de/Datenschutzerklaerung-der-Heise-Medien-GmbH-Co-KG-4860.html
[3] https://produktwerker.de/konflikte-mit-stakeholdern-meistern/
[4] https://produktwerker.de/herausforderungen-productowner-developer/
[5] https://www.linkedin.com/in/bernd-joussen/
[6] https://der-teamdynamo.de/
[7] https://www.linkedin.com/groups/12536756/
[8] https://produktwerker.de/welchen-einfluss-auf-die-retrospektive-hat-ein-product-owner/
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(Bild: Konstantin Yolshin/Shutterstock.com)
Die NAS-Systeme von Qnap waren Ziel einiger Angriffe bei der diesjährigen Pwn2Own-Veranstaltung. Updates schließen die gefundenen Lücken.
Insgesamt elf Sicherheitsmitteilungen hat Qnap am Wochenende veröffentlicht, die teils kritische Schwachstellen in den NAS-Systemen und zugehöriger Software behandeln. Die Aktualisierungen zu den Mitteilungen stehen bereits zum Herunterladen und Installieren bereit – wer Qnap-Systeme einsetzt, sollte prüfen, ob die Geräte bereits auf dem aktuellen Stand sind.
Details zu den Schwachstellen sind jedoch Mangelware – selbst die CVE-Einträge sind noch nicht veröffentlicht. In QTS und QuTS hero hat Qnap jedoch drei Sicherheitslücken [1] gestopft, die als Zero-Day-Lücke auf der Pwn2Own 2025 in Irland für Angriffe auf die NAS-Speichergeräte attackiert wurden (CVE-2025-62847, CVE-2025-62848, CVE-2025-62849). Ein Angriffsvektor mit CVSS-Wertung fehlt bislang, Qnap stuft das Risiko jedoch als "kritisch" ein. Die Fehlerkorrekturen bringen QTS 5.2.7.3297 Build 20251024, QuTS hero h5.2.7.3297 Build 20251024 sowie QuTS hero h5.3.1.3292 Build 20251024 und neuere Fassungen mit.
Weitere kritische Lücken finden sich in Hyper Data Protector (CVE-2025-59389) [2], was Version 2.2.4.1 und neuer ausbessern, oder HBS 3 Hybrid Backup Sync (CVE-2025-62840, CVE-2025-62842) [3], bei denen Stand 26.2.0.938 oder neuer das Problem beseitigen.
Qnap bessert jedoch auch andere Schwachstellen aus, die nicht auf der Pwn2Own gefunden wurden. Etwa in QuMagie vor 2.7.0 steckte eine als kritisches Risiko [4] eingestufte SQL-Injection-Lücke, die Angreifern aus dem Netz das Ausführen von Schadcode ermöglichte (CVE-2025-52425).
Weitere Sicherheitsmitteilungen vom Wochenende stopfen Sicherheitslecks, die die Qnap-Entwickler teils als nicht ganz so gravierend einordnen:
Zuletzt hatte Qnap im September hochriskante Sicherheitslücken in QTS und QuTS hero [11] gemeldet. Die Aktualisierungen, die die Probleme beseitigten, waren zu dem Zeitpunkt bereits länger verfügbar.
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[1] https://www.qnap.com/en/security-advisory/qsa-25-45
[2] https://www.qnap.com/en/security-advisory/qsa-25-48
[3] https://www.qnap.com/en/security-advisory/qsa-25-46
[4] https://www.qnap.com/en/security-advisory/qsa-25-33
[5] https://www.qnap.com/en/security-advisory/qsa-25-43
[6] https://www.qnap.com/en/security-advisory/qsa-25-37
[7] https://www.qnap.com/en/security-advisory/qsa-25-41
[8] https://www.qnap.com/en/security-advisory/qsa-25-38
[9] https://www.qnap.com/en/security-advisory/qsa-25-40
[10] https://www.qnap.com/en/security-advisory/qsa-25-42
[11] https://www.heise.de/news/Qnap-Update-schliesst-teils-hochriskante-Luecken-in-QTS-und-QuTS-hero-10627426.html
[12] https://aktionen.heise.de/heise-security-pro?LPID=39555_HS1L0001_27416_999_0&wt_mc=disp.fd.security-pro.security_pro24.disp.disp.disp
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(Bild: Panorama Images/Shutterstock.com)
Ludwigshafen hat die IT-Systeme offline genommen und ist nicht mehr erreichbar. Hinweise auf einen Cyberangriff verdichten sich.
Die Stadtverwaltung Ludwigshafen hat Ende vergangener Woche die Datenverarbeitungssysteme heruntergefahren, nachdem Anomalien im Netzwerk aufgefallen sind. Bei den andauernden Untersuchungen haben sich die Hinweise verdichtet, dass ein Cyberangriff [1] stattgefunden hat. Die Systeme bleiben noch einige Tage offline, kündigt die Stadt an. Die ist derweil weder telefonisch noch digital erreichbar.
Die Stadtverwaltung Ludwigshafen hat in einem PDF [2] den Stand der Dinge zusammengetragen. Demnach gab es offenbar bereits am Donnerstag vergangener Woche ungewöhnliche Aktivitäten im Netz der Stadtverwaltung. Die Monitoring-Systeme sind angeschlagen, woraufhin gegen 10:30 Uhr die Systeme heruntergefahren wurden – vorsorglich, zum Vermeiden von Schäden. "Zu Ursache und Herkunft der Auffälligkeiten im städtischen Datennetz lassen sich zu diesem frühen Zeitpunkt noch keine verlässlichen und verbindlichen Aussagen machen", erklärte die Stadtverwaltung zunächst. Externe IT-Spezialisten wurden zur Untersuchung hinzugezogen. Die Systeme können erst nach sorgfältiger Prüfung schrittweise wieder hochgefahren werden.
Es ist noch unklar, ob Daten von Bürgerinnen und Bürgern betroffen sind. Nach den ersten Untersuchungen geht die Stadt jedoch davon aus, dass keine Daten abgeflossen sind. Allerdings haben sich die Hinweise verdichtet, dass es sich tatsächlich um einen Cyberangriff handelt. Herkunft und Ursache der Auffälligkeiten im städtischen Datennetz sind jedoch weiterhin unbekannt.
Die städtische IT untersucht die Systeme zusammen mit externen Dienstleistern weiter auf Infiltrierungen. "Die weiteren Überprüfungen des Datennetzes werden noch mindestens die gesamte kommende Woche andauern, möglicherweise auch länger", erklärt die Stadtverwaltung. Möglicherweise können erste Dienste bereits wieder in Betrieb genommen werden, es lasse sich jedoch nicht sagen, ob und wann.
In der Woche zuvor wurde die Webseite der Stadt Trier Ziel von Cyberangriffen [3].
Cybercrime und Ransomware sind keine Naturkatastrophen, denen man ohnmächtig gegenübersteht. Wer verstanden hat, wie die Angreifer ticken, welche Methoden sie einsetzen und wie die existierenden Schutzmöglichkeiten funktionieren, kann seine IT so absichern, dass deren Schutzmaßnahmen nicht beim ersten falschen Klick in sich zusammenstürzen. Genau dabei hilft das heise security Webinar Die Bedrohung durch Cybercrime – und wie man sich davor schützt [4].
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[1] https://www.heise.de/thema/Cyberangriff
[2] https://ludwigshafen.de/downloads/Pressemeldung_von_07112025.pdf
[3] https://www.heise.de/news/Internetseite-von-Trier-nach-Cyberangriff-wieder-erreichbar-11067325.html
[4] https://heise-academy.de/webinare/cybercrime_2025?wt_mc=intern.academy.security.web_cybercrime.ticker-6.link.link%C2%A0
[5] https://aktionen.heise.de/heise-security-pro?LPID=39555_HS1L0001_27416_999_0&wt_mc=disp.fd.security-pro.security_pro24.disp.disp.disp
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Smartphones mit E-Ink-Display sind rar, und dafür gibt es gute Gründe. Eine gewisse Faszination entfaltet das minimalistische Mudita Kompakt dennoch.
Wie smart muss ein Smartphone sein? Der Hersteller Mudita aus Polen beantwortet diese Frage mit: Nicht besonders. Das Mudita Kompakt ist ein Smartphone, das mit dem Gedanken entworfen wurde, dass man es möglichst selten benutzen soll. Digital Detox, also eine gewisse Entwöhnung von der warmen, aber engen Umarmung moderner Smartphones, die mit unseren Händen fast schon verwachsen sind, ist das Ziel des Herstellers bei diesem 439 Euro teuren Geräts.
Das Kompakt soll telefonieren und SMS verschicken können, zur Not ein Foto knipsen, navigieren und lange mit einer Akkuladung durchhalten und dabei trotzdem mehr bieten als ein simples Tastenhandy, das nur einen Bruchteil kostet. In dem, ganz dem Namen entsprechend, ziemlich kompakten, aber dicken Gehäuse aus schnödem, grauen Kunststoff steckt dann auch mehr Technik als in einem herkömmlichen Handy, etwa eine Spule für induktives Laden des Akkus oder ein Fingerabdrucksensor im Einschalter. Details wie eine kleine Benachrichtigungsleuchte oder eine Klinkenbuchse sind dem Kompakt sogar erhalten geblieben, im Gegensatz zu modernen Smartphones.
An der linken Seite hat das Mudita Kompakt einen Schiebeschalter mit zwei Positionen. Er ist für die Funktion "Offline+" zuständig. Damit kappt man dem Smartphone fast alle Verbindungen, sowohl WLAN und Mobilfunk als auch NFC und sogar die Kamera und den Klinkenanschluss. Einzig der USB-Port bleibt aktiv, und das nicht nur zum Laden, sondern auch für den Datenaustausch.
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[1] https://www.heise.de/tests/E-Ink-Smartphone-Mudita-Kompakt-im-Test-10640139.html
[2] https://www.heise.de/tests/Im-Vergleich-Apple-iPhone-17-vs-Google-Pixel-10-und-Samsung-Galaxy-S25-10661807.html
[3] https://www.heise.de/tests/Google-Pixel-10-Fold-im-Test-Staubfestes-Klapp-Smartphone-10747398.html
[4] https://www.heise.de/tests/Schlankheitswahn-Apple-iPhone-Air-vs-Samsung-Galaxy-S25-Edge-im-Vergleich-10638224.html
[5] https://www.heise.de/tests/Foto-Duell-Apple-iPhone-17-Pro-Max-gegen-Google-Pixel-10-Pro-XL-10669211.html
[6] https://www.heise.de/tests/Custom-ROM-e-OS-3-0-auf-dem-Fairphone-6-im-Test-10520172.html
[7] https://www.heise.de/tests/Googles-KI-Smartphones-Pixel-10-10-Pro-und-10-Pro-XL-im-Test-10542329.html
[8] https://www.heise.de/tests/Android-Smartphone-Sony-Xperia-1-VII-im-Test-10502988.html
[9] https://www.heise.de/tests/Falt-Smartphones-Samsung-Galaxy-Z-Fold7-und-Flip7-im-Test-10486284.html
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Bernd Müller
(Bild: Wojciech Wrzesien / Shutterstock.com)
Langfristige LNG-Verträge mit den USA sollen Europas Energiesicherheit stärken. Doch Analysten warnen: Die Rechnung könnte nicht aufgehen.
Auf einer Energiekonferenz in Athen trafen sich Anfang November über ein Dutzend europäische Minister mit Vertretern des US-Energieministeriums. Das Treffen der Partnerschaft für transatlantische Energiezusammenarbeit (P-TEC) am 6. und 7. November drehte sich um Infrastrukturprojekte und die Energiesicherheit Mittel- und Osteuropas. Im Mittelpunkt standen langfristige Verträge über Flüssiggas (LNG) aus den USA.
Doch genau vor solchen Verträgen warnt das australische Institute for Energy Economics and Financial Analysis (IEEFA). Langfristige LNG-Vereinbarungen seien keine Garantie für Energiesicherheit, heißt es in einer Analyse [1]. Käufer trügen reale Risiken bei Rentabilität und Abnahmeverpflichtungen.
Die Zahlen geben den Analysten scheinbar recht: Der Gasverbrauch in Mittel- und Osteuropa könnte laut IEEFA von 181 Milliarden Kubikmetern im Jahr 2024 auf rund 137 Milliarden Kubikmeter im Jahr 2050 sinken – ein Rückgang um 24 Prozent. Erneuerbare Energien und Gaslieferungen über nicht-russische Pipelines bleiben günstiger als LNG.
Trotzdem steigt die Abhängigkeit von amerikanischem Erdgas. Im ersten Halbjahr 2025 stammten 57 Prozent der europäischen LNG-Importe aus den USA, wie es beim IEEFA heißt.
Deutschland [2]bezog demnach 94 Prozent seines Flüssiggases aus den USA, Griechenland 84 Prozent. Die EU-weiten LNG-Importe schwankten stark: 2024 sanken sie um 16 Prozent, in der ersten Jahreshälfte 2025 stiegen sie wieder um 21 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Griechenland [3]wird auch in Zukunft eine entscheidende Rolle beim Import von LNG aus den USA spielen. Die Regierung von Kyriakos Mitsotakis unterzeichnete jetzt in Athen den ersten langfristigen LNG-Vertrag mit den USA.
Ab 2030 sollen jährlich rund 700 Millionen Kubikmeter für einen Zeitraum von 20 Jahre geliefert werden. Das Joint Venture zwischen dem griechischen Gasversorger DEPA, dem Energieunternehmen Aktor und dem US-Konzern Venture Global könnte die griechischen US-LNG-Käufe auf etwa zwei Milliarden Kubikmeter pro Jahr steigern.
"Griechenland war bisher das Ende einer Pipeline eines von Russland dominierten Energieversorgungssystems. Heute wird Griechenland zu einem Ausgangspunkt, zum Einstiegspunkt für den amerikanischen Energiehandel in Europa", sagte US-Energieminister Chris Wright [4] laut Reuters.
Die Ukraine und Rumänien bekundeten Interesse, im Zeitraum 2030 bis 2050 bis zu 3,7 Milliarden Kubikmeter von dem griechischen Konsortium zu kaufen.
Für die Ukraine sind LNG-Importe aus Europa künftig entscheidend. Das liegt hauptsächlich daran, dass infolge des Konflikts mit Russland fast 60 Prozent der heimischen Produktionskapazität ausgefallen sind.
Bislang bezieht man Lieferungen allerdings über Polen. Die staatliche Naftogaz-Gruppe vereinbarte mit dem polnischen Konzern Orlen den Kauf von mindestens 300 Millionen Kubikmetern zusätzlich für den Winter, wie Bloomberg meldet [5].
Das US-Flüssigerdgas kommt als tiefgekühlte Fracht in Polen oder Litauen an und fließt dann gasförmig über Pipelines in die Ukraine. Orlen lieferte in diesem Jahr bereits über 600 Millionen Kubikmeter. Im ersten Quartal sollen weitere 300 Millionen folgen, im nächsten Jahr eine Rekordmenge von über einer Milliarde Kubikmetern.
"Mit dieser Vereinbarung können wir zwei wichtige Ziele gleichzeitig erreichen", sagte Naftogaz-Chef Sergii Koretskyi. Die polnische Exportkreditagentur KUKE gewährt eine Kreditfazilität für die Nachzahlung, um Liquiditätslücken zu überbrücken.
Für die amerikanische LNG-Industrie hat der Konflikt in Europa zu einer stark erhöhten Nachfrage geführt: Auch weil sich Europa von russischen Energieträgern abwendet und neue Lieferanten sucht, erlebt sie einen regelrechten Boom.
In den ersten zehn Monaten 2025 unterzeichneten US-Produzenten Kaufverträge über 29,5 Millionen Tonnen LNG pro Jahr – mehr als viermal so viel wie im gesamten Jahr 2024, berichtete [6] Reuters.
Damit nicht genug: Die US-Energieinformationsbehörde erwartet, dass sich die amerikanische LNG-Kapazität bis 2029 verdoppelt. Die Internationale Energieagentur prognostiziert, dass Amerika bis 2030 ein Drittel des weltweiten Flüssiggases exportieren könnte.
Cheniere Energy, Venture Global, Sempra, Next Decade und Woodside Energy gaben in diesem Jahr für neue Anlagen grünes Licht, die die bestehende Exportbasis von 120 Millionen Tonnen pro Jahr um 61,5 Millionen Tonnen erweitern werden.
Doch die Expansion hat ihren Preis. Arbeitskräftemangel und Zölle treiben die Baukosten. Die Verflüssigungsgebühren – der Preis für die Umwandlung von Erdgas in transportfähiges LNG – stiegen deutlich.
Venture Global verlangt laut Reuters nun 2,30 Dollar pro Million British Thermal Unit, Cheniere über 2,75 Dollar, Woodside rund 2,90 Dollar. Vor zwei Jahren lag der Marktdurchschnitt noch bei zwei Dollar.
Trotzdem schließen Käufer wie ENI, Petronas und JERA neue Langzeitverträge ab. Sie wollen ihre Versorgung diversifizieren und sich gegen künftige Engpässe absichern. Die IEA warnt jedoch: Wenn neue Lieferungen aus den USA und Katar auf den Markt kommen, dürfte dies einen Abwärtsdruck auf die Preise ausüben.
Die EU verfolgt mit ihrer REPowerEU-Initiative das Ziel, die Abhängigkeit von russischen fossilen Brennstoffen bis 2027 zu beenden. Ein Verbot für russisches LNG [7] soll ab 2027 greifen. In einem Handelsabkommen mit der Trump-Regierung verpflichtete sich die EU im Juli, in den nächsten drei Jahren jährlich US-Energie im Wert von 250 Milliarden Dollar zu kaufen – insgesamt 750 Milliarden Dollar.
Der EU-Gasverbrauch sank zwischen 2021 und 2024 um über 20 Prozent. Im ersten Halbjahr 2025 stieg er zwar um vier Prozent gegenüber dem Vorjahr, lag aber immer noch 21 Prozent unter dem Niveau von 2021. Die IEEFA prognostiziert, dass die EU-LNG-Importe zwischen 2025 und 2030 um 19 Prozent auf 110 Milliarden Kubikmeter sinken werden.
Griechenland hat seine Gasimporte seit 2020 verdreifacht und unterstützt den Transport über die einst wenig genutzte Transbalkan-Pipeline. Netzbetreiber aus Griechenland, Bulgarien, Rumänien, Moldau und der Ukraine forderten ihre Regulierungsbehörden auf, eine Erhöhung der Transportkapazitäten bis April 2026 zu genehmigen.
"Der größte Teil des Gases, das derzeit nach Griechenland kommt, bleibt nicht in Griechenland", sagte der griechische Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis laut Reuters auf der Energiekonferenz. Das Auslaufen der russischen Gaslieferungen sei eine große Chance, die Energiekarte Südosteuropas neu zu zeichnen.
Doch genau hier setzt die Kritik des IEEFA an. Wenn Europa russisches Pipeline-Gas durch amerikanisches LNG ersetzt, tauscht es eine Abhängigkeit gegen eine andere. In Mittel- und Osteuropa deckten LNG-Importe 2024 nur elf Prozent des Gasbedarfs von 181 Milliarden Kubikmetern.
Die einheimische Produktion belief sich auf 41 Milliarden Kubikmeter, hauptsächlich aus der Ukraine, Rumänien, Polen, Deutschland und Ungarn. Pipelinegas kam aus Aserbaidschan, Norwegen, Russland und der Türkei.
Selbst nach dem Ende des russischen Pipeline-Transits über die Ukraine am 1. Januar 2025 floss Gas zu den Nachfragestellen. Die Region hat ihre Versorgungsquellen diversifiziert – doch die wachsende Konzentration auf US-LNG könnte diese Vielfalt wieder gefährden.
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Links in diesem Artikel:[1] https://ieefa.org/resources/long-term-lng-contracts-are-not-energy-security-guarantee-central-and-eastern-europe[2] https://www.heise.de/tp/features/Benoetigt-Deutschland-neue-Gasspeicher-10704607.html[3] https://www.heise.de/tp/article/Wer-kontrolliert-kuenftig-das-Gas-im-Mittelmeer-Tuerkei-oder-Griechenland-10975368.html[4] https://www.reuters.com/business/energy/greece-signs-first-long-term-lng-supply-deal-with-us-2025-11-07/[5] https://www.bloomberg.com/news/articles/2025-11-07/ukraine-to-import-more-gas-from-poland-sourced-from-us-lng[6] https://www.reuters.com/business/energy/us-lng-producers-ink-near-record-contract-volumes-even-fees-climb-2025-11-06/[7] https://www.heise.de/tp/article/Beijing-ignoriert-Westen-Russisches-Sanktions-Gas-landet-heimlich-in-China-10637347.html
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Marcus Schwarzbach
(Bild: bigjom jom / Shutterstock.com)
Eine MIT-Studie offenbart ein überraschendes Ergebnis: Die meisten Unternehmen sehen von ihren KI-Investitionen bisher nichts zurück.
Neue Technik kann die Personalarbeit erleichtern. Davon geht René Schröder, Geschäftsführer der Regsus Consulting GmbH, aus. Bei Haufe schreibt er [1]:
"Von der Bewerbersuche [2]über das Onboarding bis zur Nachfolgeplanung lassen sich viele Prozesse effizienter und transparenter gestalten. Moderne HR-Software kann nicht nur den administrativen Aufwand reduzieren, sondern auch die Qualität von Entscheidungen verbessern und die Zusammenarbeit im Unternehmen nachhaltig verändern."
Der KI-Einsatz geht jedoch über die Personalverwaltung hinaus. "Die Unternehmen haben nicht nur die Möglichkeiten von KI erkannt, sie setzen KI ein und investieren", erklärt Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst [3].
Die Einführung ist jedoch für die Unternehmen eine große Herausforderung. Die Digitalisierung der Prozesse bedeutet, sich auf einen "unternehmensweiten Lernprozess einzulassen". Dies müsse zu einem "Wandel von Arbeitsweisen und Unternehmenskultur" führen, sonst bleiben spürbare Veränderungen aus. „Besonders KI gilt häufig als Innovationsbeleg, obwohl Nutzen und Anwendung oft unklar bleiben“, betont Unternehmensberater Schröder.
Nach einer Untersuchung der Unternehmensberatung EY [4] ist Amazon das Unternehmen mit dem weltweit größten Budget für Forschung und Entwicklung: 82 Milliarden Euro. Auf dem zweiten Platz folgt die Google-Muttergesellschaft Alphabet mit Entwicklungsausgaben von 45,6 Milliarden Euro. Ein hoher Anteil wird in die Entwicklung neuer Roboter investiert.
Einen großen Anteil an Investitionen bei Amazon hat die Weiterentwicklung von Robotern [5], die auch mithilfe von KI-Tools gesteuert werden. Über die Veränderungen in den USA berichtet jüngst [6] das Wall Street Journal.
Bei Amazon nimmt die Zahl der Roboter im Verhältnis zu den menschlichen Arbeitskräften in den Warenlagern immer weiter zu. Den über 1,5 Millionen Beschäftigten des Versandhändlers, die hauptsächlich in Warenlagern arbeiten, stehen heute eine Million Roboter gegenüber. An 75 Prozent aller Warenlieferungen sind Roboter mittlerweile beteiligt.
Die Amazon-Geschäftsführung kündigte bereits den Abbau von Arbeitsverhältnissen an, die durch zunehmenden KI-Einsatz wegfallen könnten.
Das ist auch hierzulande ein Thema. Die niedrigen Löhne bei Amazon kritisiert Marcel Schäuble, hessischer Landesbezirksfachbereichsleiter Handel bei der Gewerkschaft Verdi. Gleichzeitig erhöhe der geplante verstärkte Einsatz von Robotertechnologie den Druck auf die Beschäftigten. Diese müssten sich dem Takt der Maschinen anpassen, berichtet die [7] FAZ.
In vielen Unternehmen werden inzwischen kritische Fragen nach dem messbaren Nutzen von KI gestellt – und ob sich die Anwendung von KI in den Bilanzen der Unternehmen widerspiegelt.
"Trotz Unternehmensinvestitionen in Höhe von 30 bis 40 Milliarden Dollar in GenAI kommt dieser Bericht zu dem überraschenden Ergebnis, dass 95 Prozent der Unternehmen keine Rendite erzielen", besagt eine Studie des Massachusetts Institute of Technology (MIT) [8].
Der Hedgefonds-Milliardär David Einhorn hält die erreichbaren Renditen bei KI-Investitionen für vollkommen unklar.
"Die Zahlen, die derzeit kursieren, sind derart extrem, dass man sie kaum noch begreifen kann", sagt Einhorn. "Natürlich ist das Risiko nicht null. Im Gegenteil, die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass in diesem Investmentzyklus eine riesengroße Kapitalvernichtung bevorsteht", zitiert ihn [9] n-tv.
Meldungen über den Konkurrenzkampf der Unternehmen überschlagen sich. Die großen Tech-Konzerne liefern sich einen Wettbewerb um die KI-Vorherrschaft. OpenAI-Vorstand Sam Altman will „Billionen“ für seine KI-Serverfarmen [10] ausgeben.
Nvidia [11], Microsoft, Apple oder Amazon kündigen hohe Ausgaben an, bis 2030 könnten dafür rund sieben Billionen Dollar nötig werden, schätzen die Berater von McKinsey [12].
Vielen Beobachtern wird inzwischen deutlich: Das enorme Potenzial der KI sorgt nicht automatisch für Fortschritt in den Betrieben. Die Investitionen müssen sich auch lohnen. Das zeigt sich am Beispiel von OpenAI.
Allein über die Stargate-Initiative mit Oracle und Softbank sollen bei OpenAI Rechenzentren für 500 Milliarden Dollar entstehen. OpenAI wird in diesem Jahr vermutlich gerade einmal 13 Milliarden Dollar von all seinen zahlenden Kunden einnehmen. Das ist zwar mehr als doppelt so viel wie noch im letzten Jahr, aber dennoch nur ein kleiner Bruchteil der KI-Investitionsausgaben.
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Links in diesem Artikel:[1] https://www.haufe.de/personal/hr-management/hr-software-erfolgreich-einfuehren-tipps_80_661486.html[2] https://www.heise.de/tp/article/Personaler-ertrinken-in-Flut-von-KI-generierten-Fake-Bewerbungen-10630194.html[3] https://www.e-commerce-magazin.de/kuenstliche-intelligenz-gekommen-um-zu-bleiben-a-f76a947757f08015bd89c64d5a8dc60d/[4] https://www.ey.com/de_de/newsroom/2025/06/ey-analyse-investitionen-forschung-und-entwicklung-2025[5] https://www.heise.de/tp/article/Roboter-denken-voraus-Spieltheorie-verhindert-toedliche-Unfaelle-10627452.html[6] https://www.wsj.com/tech/amazon-warehouse-robots-automation-942b814f[7] https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/arm-und-reich/verdi-ruft-amazon-beschaeftigte-zum-streik-auf-accg-110656974.html[8] https://mlq.ai/media/quarterly_decks/v0.1_State_of_AI_in_Business_2025_Report.pdf[9] https://www.n-tv.de/wirtschaft/Der-KI-Hype-wird-zur-Investmentblase-article26071975.html[10] https://www.heise.de/tp/article/Kuenstliche-Intelligenz-Wo-Investoren-die-besten-Chancen-finden-11069700.html[11] https://www.heise.de/tp/article/5-Billionen-Dollar-Marktwert-Nvidia-erreicht-was-niemand-zuvor-schaffte-10966138.html[12] https://www.trendingtopics.eu/mckinsey-ki-boom-treibt-investitionsbedarf-in-rechenzentren-auf-7-billionen-dollar/
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Marcel Kunzmann
Zumindest in New Mexiko herrschte vor dem Asteroideneinschlag eine evolutionäre Blüte der Dinosaurier
(Bild: Mikael Damkier/Shutterstock.com)
Neue Datierungen von Gesteinsschichten in New Mexico widerlegen die These vom bereits beginnenden Niedergang. Was bedeutet das für unser Verständnis der Evolution?
Dinosaurier wären ohne den verheerenden Asteroideneinschlag vor 66 Millionen Jahren nicht ausgestorben, wie neue Forschungsergebnisse aus New Mexico belegen über die National Geographic berichtet [1] hat.
Die Datierung von Gesteinsformationen stellt die von Teilen der Forschung vertretene Annahme in Frage, dass die Tiere bereits vor der Katastrophe im Niedergang begriffen waren.
Dr. Andrew Flynn von der New Mexico State University und sein Team analysierten Gesteinsschichten im San Juan Basin und kommen zu dem Schluss, dass Dinosaurier bis unmittelbar vor dem Massensterben florierten. "Basierend auf unserer neuen Studie glaube ich, dass sie zumindest in Nordamerika nicht auf das Aussterben zusteuerten", sagte Flynn.
Die Wissenschaftler untersuchten eine Gesteinseinheit namens Naashoibito Member und verwendeten dabei zwei verschiedene Datierungsmethoden. Zunächst analysierten sie das Verhältnis zweier Argon-Isotope in Kristallen des Gesteins.
Zusätzlich untersuchten sie die Ausrichtung magnetischer Partikel im Gesteinsmaterial, die die damalige Richtung des Erdmagnetfelds widerspiegelt. "Das Aussterben ereignete sich praktisch direkt in der Mitte einer relativ kurzen Periode umgekehrter Polarität der Erdmagnetpole", erklärte Flynn.
Die Ergebnisse zeigen, dass die Gesteinsschichten mit den jüngsten Dinosaurierfossilien höchstens 350.000 Jahre vor dem Massensterben entstanden sind. Frühere Studien hatten die Gesteine auf etwa 70 Millionen Jahre datiert – also Millionen Jahre vor dem Asteroideneinschlag.
Die neue Datierung auf 66,4 bis 66 Millionen Jahre bedeutet jedoch, dass diese Dinosaurier in den letzten 500.000 Jahren vor der Katastrophe lebten.
Die Forschungsergebnisse, die in der Fachzeitschrift Science veröffentlicht [2] wurden, zeigen auch eine größere Artenvielfalt als bisher angenommen.
Professor Steve Brusatte von der University of Edinburgh, Mitautor der Studie, beschrieb die regionalen Unterschiede: "Im Norden gab es viele gehörnte Triceratops und gewöhnliche Entenschnabel-Dinosaurier wie Edmontosaurus. Im Süden jedoch gab es Entenschnäbler mit aufwendigen Kämmen und vor allem riesige langhalsige Sauropoden."
Besonders bemerkenswert war Alamosaurus, ein Sauropode von fast 30 Metern Länge, der mehr wog als eine Boeing 737.
"Es gibt keine Anzeichen dafür, dass diese Dinosaurier in Schwierigkeiten waren oder dass etwas Ungewöhnliches mit ihnen geschah", betonte Brusatte. Die Wissenschaftler identifizierten Temperaturunterschiede als Hauptfaktor für die regionalen Unterschiede der Dinosauriergemeinschaften.
Während der riesige Pflanzenfresser Alamosaurus in den wärmeren südlichen Regionen lebte, fehlte er in den kühleren nördlichen Gebieten, wo mehr Entenschnabel- und gehörnte Dinosaurier heimisch waren.
Professor Michael Benton von der University of Bristol, der nicht an der Studie beteiligt war, begrüßte die Forschung, gab jedoch zu bedenken: "Die neue Evidenz über diese sehr spät überlebenden Dinosaurier in New Mexico ist sehr aufregend und zeigt zumindest an einem Ort, dass die Fauna vielfältig war."
Benton wies darauf hin, dass die Studie nur einen Standort untersuchte und nicht die Komplexität der Dinosaurierarten in ganz Nordamerika oder weltweit widerspiegelt. "Wie die Autoren auch in der Arbeit zeigen, waren Dinosaurier in den letzten sechs Millionen Jahren der Kreidezeit generell weniger vielfältig und fielen von 43 Arten zuvor auf 30 Arten in Westnordamerika", sagte er.
Flynn erklärte die Wahrnehmung eines allgemeinen Diversitätsrückgangs damit, dass weniger freiliegende Gesteine und damit Fossilien aus dem Ende der Kreidezeit verfügbar seien als aus früheren Epochen.
"Es sieht so aus, als gäbe es, soweit wir das beurteilen können, keinen Grund für ihr Aussterben außer dem Asteroideneinschlag", resümierte er.
Die Forschung zeigt, dass der sechs Meilen breite Asteroid, der vor 66 Millionen Jahren auf der Yucatán-Halbinsel einschlug, eine blühende Dinosaurierwelt traf, die sich regional in verschiedene Gemeinschaften aufgeteilt hatte und keine Anzeichen eines bevorstehenden natürlichen Niedergangs zeigte.
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Links in diesem Artikel:[1] https://www.nationalgeographic.com/science/article/dinosaurs-thriving-extinction-asteroid-new-mexico[2] https://www.science.org/doi/10.1126/science.adw3282
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Bernd Müller
(Bild: Algi Febri Sugita / Shutterstock.com)
Peking erlaubt wieder Chip-Exporte für bestimmte Anwendungen. Erste Autobauer erhalten bereits Lieferungen und fahren Produktion hoch.
Es deutet sich eine weitere Entspannung im Streit um Chip-Lieferungen von Nexperia an. Wie Reuters jetzt berichtet, gibt das chinesische Handelsministerium den Export zum Teil wieder frei.
Laut Bericht [1] wurden Ausnahmen von den Exportkontrollen angekündigt für Chips, die für zivile Anwendungen bestimmt sind. Mit diesem Schritt sollen Engpässe bei Autobauern und Zulieferern verringert werden. Was genau unter "ziviler Nutzung" zu verstehen ist, präzisierte Peking allerdings nicht.
Die Automobilbranche atmet schon leicht auf. Grund dafür ist, dass erste Unternehmen sich bereits Lieferungen von Nexperia-Chips sichern konnten. Etwa der deutsche Automobilzulieferer Aumovio, der Berichten zufolge [2] als erstes eine Ausnahmegenehmigung erhielt.
Auch der China-Chef von Volkswagen, Ralf Brandstätter, hatte kürzlich dem Handelsblatt mitgeteilt, dass Unternehmen aus der Branche erste Lieferungen erhalten hätten. Honda meldete ebenso den Beginn von Lieferungen. Schon Ende nächster Woche, so heißt es, wolle man die Produktion wieder hochfahren.
Ein Sprecher des deutschen Wirtschaftsministeriums begrüßte kürzlich, dass sich die Lage etwas entspannt habe, und zeigte sich zuversichtlich, dass kurzfristige Einzelgenehmigungen schnell in der Branche ankommen.
Die Krise, welche die Bänder der Autobauer weltweit fast zum Stillstand brachte, begann am 30. September. Damals übernahm die niederländische Regierung die Kontrolle über Nexperia.
In Den Haag begründete man diesen Schritt damit, dass der chinesische Eigentümer Wingtech plane, die europäische Produktion nach China zu verlagern. Und das sei ein Risiko für die wirtschaftliche Sicherheit Europas. Telepolis hatte darüber berichtet [3].
Die Reaktion aus China ließ nicht lange auf sich warten: Am 4. Oktober folgte der Exportstopp für die fertigen Nexperia-Chips [4], die zum Großteil in China verpackt werden. Die dortigen Produktionsstätten machten vor der Krise etwa die Hälfte des Gesamtvolumens aus. Schließlich führte der Exportstopp zu erheblichen Engpässen in den globalen Lieferketten.
Nexperia ist ein zentraler Anbieter diskreter Halbleiter für die Automobilindustrie [5]. Seide Produkte – Dioden, Transistoren, MOSFETs und ESD-Schutzkomponenten – sind in zahlreichen verschiedenen Teilen eines Automobils, von der Beleuchtung bis zu Assistenzsystemen, verbaut.
Von diesen kleinen Bauteilen produziert das Unternehmen über 100 Milliarden Bauteile pro Jahr. Der größte Teil geht in den Automobilsektor, auf den rund 60 Prozent des Umsatzes entfallen.
Die Wertschöpfungskette ist komplex aufgeteilt: Die Wafer-Fertigung (Frontend) findet in Hamburg und Manchester statt. Das arbeitsintensive Packaging (Backend), bei dem die Chips in Gehäuse eingekapselt werden, erfolgte bisher überwiegend im chinesischen Dongguan mit mehr als 50 Milliarden Stück pro Jahr. Weitere Backend-Standorte liegen in Malaysia und auf den Philippinen.
China hat einer niederländischen Anfrage zugestimmt, Vertreter nach Peking zu entsenden. Das chinesische Handelsministerium forderte auch die EU auf, ihren Einfluss auf Den Haag geltend zu machen, damit die Niederlande ihre "fehlerhaften Maßnahmen" korrigieren. Ein Sprecher des niederländischen Wirtschaftsministeriums erklärte, man führe konstruktive Gespräche, nannte aber keine Details.
Laut Medienberichten [6] soll die Niederlande bereit sein, die Eingriffsanordnung auszusetzen, wenn China die Chip-Exporte wieder aufnehme. Die Nachrichtenagentur Reuters gab aber an, die Information nicht verifizieren zu können, da sich die niederländische Regierung nicht dazu äußere.
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Links in diesem Artikel:[1] https://www.reuters.com/world/china/china-grants-exemptions-export-curbs-nexperia-chips-civilian-use-2025-11-09/[2] https://www.reuters.com/business/car-parts-supplier-aumovio-narrows-2025-sales-guidance-2025-11-07/[3] https://www.telepolis.de/article/Niederlande-entreissen-China-Kontrolle-ueber-Schluessel-Chiphersteller-10751877.html[4] https://www.telepolis.de/article/Der-Machtkampf-um-Nexperia-ist-noch-lange-nicht-vorbei-10976097.html[5] https://www.telepolis.de/article/Nexperia-Krise-Produktion-wird-zwischen-Europa-und-Asien-neu-verteilt-11068863.html[6] https://www.reuters.com/world/china/netherlands-ready-drop-control-nexperia-if-chip-supply-resumes-bloomberg-news-2025-11-07/
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Das chinesische Handelsministerium hat die Ausfuhrbeschränkungen für drei strategisch essenzielle Metalle vorläufig aufgehoben . Die Maßnahme betrifft Gallium, Antimon und Germanium – Rohstoffe, ohne die moderne Halbleiterproduktion unmöglich ist. Die Regelung gilt bis Ende November 2026. Schon Anfang November zeichnete sich eine Einigung ab .
Die Entscheidung kommt nach monatelangen Spannungen. Seit 2024 hatte China schrittweise Exportverbote gegen die USA verhängt. Im Frühjahr 2025 verschärfte Peking den Kurs weiter und blockierte zusätzlich Wolfram sowie sieben seltene Erden – als Antwort auf amerikanische Zollerhöhungen.
Die Kehrtwende folgt auf das Treffen zwischen den Staatschefs Trump und Xi Jinping Ende Oktober 2025 in Südkorea. Dort vereinbarten beide Seiten, die gegenseitigen Strafzölle für zwölf Monate auf zehn Prozent zu deckeln. Die rasche Aussetzung der erst am 9. Oktober eingeführten Zölle scheint den Streit entspannt zu haben.
Bereits am vergangenen Freitag lockerte China weitere Exportbeschränkungen. Betroffen sind bestimmte Metalle seltener Erden, Lithium-Akku-Materialien und superharte Werkstoffe. Auch diese Aussetzung endet am 10. November 2026.
Chinas Hebel ist gewaltig: Die Volksrepublik kontrolliert 80 Prozent der weltweiten Förderung der Seltenerdmetalle. Bei Metallen wie Gallium liegt der Anteil noch höher. US-amerikanische Chiphersteller haben kaum Alternativen – andere Quellen existieren mangels Exploration nur marginal.
Die freigegebenen Rohstoffe sind unverzichtbar: Gallium steckt in Hochfrequenzchips und LEDs, Germanium in Glasfaserkabeln und Infrarotsensoren, Antimon in Akkus und Flammschutzmitteln. Ohne sie steht die westliche Technologieproduktion still.
Die Befristung bis November 2026 ist kalkuliert. Peking kann die Kontrollen jederzeit reaktivieren, gewährt Washington aber Planungssicherheit für 13 Monate. Beobachter werten dies als vorsichtiges Abtasten im Handelskonflikt. Ob daraus eine dauerhafte Lösung wird, entscheidet sich vermutlich in den kommenden Verhandlungsrunden.

Der Fall des Publizisten Norbert Bolz hat die Diskussion neu entfacht: Vier Polizisten standen im Oktober vor seiner Berliner Wohnung, weil er auf der Plattform X ironisch den Nazispruch "Deutschland erwache" verwendet hatte, um ein AfD-Verbotsplädoyer zu kritisieren. Die Staatsanwaltschaft Berlin sah darin einen möglichen Verstoß gegen Paragraf 86a des Strafgesetzbuchs, wie der Spiegel berichtete .
Der Deutsche Journalistenverband warnte nach dem Vorfall vor Einschüchterung . Auch die Grünenpolitikerin Ricarda Lang kritisierte das Vorgehen als absurd und sprach von einer Untergrabung des Vertrauens in den Rechtsstaat.
Nach dem Mord an Walter Lübcke 2015 etablierte Deutschland umfangreiche Strukturen zur Bekämpfung von Hass im Netz. Das 2021 in Kraft getretene Gesetz zur Bekämpfung des Rechtsextremismus und der Hasskriminalität schuf Spezialstaatsanwaltschaften und Sondereinheiten.
Der Spiegel berichtet, dass an die BKA-Zentralstelle in der ersten Jahreshälfte 2025 allein 11.400 Postings gemeldet wurden. Etwa 83 Prozent wurden als strafrechtlich relevant eingestuft und zur weiteren Verfolgung an die Bundesländer weitergeleitet.
Benjamin Krause, Leitender Oberstaatsanwalt der Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität in Frankfurt, sagte dem Spiegel: "Wir leiten nicht leichtfertig Verfahren ein und nehmen keine politischen Bewertungen vor." Seine Einheit habe seit 2020 insgesamt 50.000 Posts geprüft und in mehr als 12.500 Fällen Ermittlungen aufgenommen.
Besonders kontrovers diskutiert wird Paragraf 188 des Strafgesetzbuchs . Die Norm stellt Beleidigungen gegen Personen des politischen Lebens unter verschärfte Strafe, wenn deren "öffentliches Wirken erheblich erschwert" wird. Bis zu drei Jahre Freiheitsstrafe sind möglich.
Der Spiegel führt mehrere Beispiele an: Ein Nutzer, der Robert Habeck als "Schwachkopf Professional" bezeichnete, musste eine Hausdurchsuchung über sich ergehen lassen. Der rechte Publizist David Bendels wurde zu sieben Monaten auf Bewährung verurteilt , weil er Nancy Faeser grafisch die Worte "Ich hasse die Meinungsfreiheit" in den Mund legte.
Krause räumt gegenüber dem Spiegel ein: "Wir sollten anerkennen, dass unser Vorgehen in der Gesellschaft heute viel stärker hinterfragt wird als noch vor drei Jahren." Seine Behörde versuche, verhältnismäßig zu agieren, und verzichte oft auf Hausdurchsuchungen, wenn Beschuldigte kooperieren.
Die Frankfurter Staatsanwaltschaft setzt laut Spiegelbericht zunehmend auf alternative Maßnahmen. In rund 100 Fällen wurden soziale Trainingskurse angeordnet, nur einmal wurde ein Kurs abgebrochen. Krause betont: "Das ist für uns das beste Ergebnis, mehr kann das Strafrecht gar nicht erreichen."
Die deutschen Ermittlungen belasten auch die transatlantischen Beziehungen. US-Vizepräsident JD Vance kritisierte die Maßnahmen im Februar 2025 als digitale Zensur . Das US-Außenministerium nahm das Thema in seinen Menschenrechtsbericht auf und sprach von einem Rückgang der Meinungsfreiheit in Deutschland.
Der Rechtsanwalt Chan-jo Jun, spezialisiert auf Internetstrafrecht, sieht laut Spiegelbericht keinen grundsätzlichen Umschwung: "In den Fällen, die ich in den vergangenen Jahren auf meinen Tisch bekomme, kann ich keinen Umschwung in der Abwägung zwischen Meinungsfreiheit und Strafbarkeit erkennen."
Die Rechtswissenschaftlerin Tatjana Hörnle vom Max-Planck-Institut beobachtet hingegen einen Stimmungsumschwung in den Strafverfolgungsbehörden und eine weitgehende Auslegung des Strafrechts, heißt es in dem Bericht weiter.
Die AfD hat im Bundestag einen Gesetzentwurf eingebracht, der Hausdurchsuchungen nach Beleidigungen grundsätzlich verbieten würde. Der Vorstoß hat keine Aussicht auf Erfolg. Paradox erscheint dabei: Parteichefin Alice Weidel nutzt selbst dutzendfach den Paragrafen 188 gegen Onlinenutzer, heißt es in dem Spiegelbericht.
Auch die Grünen schauen inzwischen genauer hin. Konstantin von Notz, stellvertretender Fraktionsvorsitzender, mahnt laut Spiegel: "Allen sollte bewusst sein, in welchem rechtsstaatlich heiklen Bereich wir uns bewegen."

China hat seinen dritten Flugzeugträger offiziell in die Marineflotte aufgenommen. Bei einer Zeremonie im Marinestützpunkt Sanya auf der Insel Hainan wurde die Fujian mit der Kennnummer 18 in Dienst gestellt. Staatspräsident Xi Jinping nahm persönlich an der Feier teil und betätigte die Steuerung des elektromagnetischen Katapults als Teil des offiziellen Zeremoniells.
Das chinesische Verteidigungsministerium veröffentlichte nach der Veranstaltung einige interessante Details: Auf dem Träger sind J-35- und J-15-Kampfjets, Frühwarnflugzeuge vom Typ KJ-600 sowie Z-20F-Hubschrauber stationiert. Der Träger absolviert seit 2024 Erprobungsfahrten; Start- und Landetests mit Flugzeugen fanden im September 2025 statt.
Mit der Entscheidung für elektromagnetische Flugzeugstartsysteme (EMALS) auf der Fujian überspringt China die dampfbetriebene Katapult-Technologie komplett. Laut Verteidigungsministerium ordnete Präsident Xi persönlich die Integration elektromagnetischer Katapulte in das Trägerdesign an. Diese Technologie ist weltweit bislang nur auf einem weiteren einsatzbereiten Träger im Einsatz: der USS Gerald R. Ford , berichtet The War Zone .
Das elektromagnetische System bietet gegenüber Dampfkatapulten einige operative Vorteile. Die Startkraft lässt sich präziser auf unterschiedliche Flugzeugtypen abstimmen, was besonders relevant für künftige unbemannte Flugzeuge ist, die China aktiv für den Trägereinsatz entwickelt. Diese sind in der Regel viel leichter als bemannte Systeme.
Die US-Marine sammelte mit der EMALS-Technologie bisher gemischte Erfahrungen. Die USS Gerald R. Ford hatte seit ihrer Indienststellung mit Problemen bei Katapulten, Fangseilen und elektromagnetischen Aufzügen zu kämpfen, was ihre Zuverlässigkeit anging.






Präsident Donald Trump äußerte sich im vergangenen Monat in einer Rede zu diesen Problemen und kündigte an, eine Durchführungsverordnung zu unterzeichnen, die die Marine zur Rückkehr zu Dampfkatapulten und hydraulischen Aufzügen für künftige Träger verpflichten würde. Trump hatte das Design der Ford-Klasse bereits mehrfach kritisiert. Eine solche Anordnung liegt zum jetzigen Zeitpunkt nicht vor.
Auch Chinas neuestes amphibisches Angriffsschiff, der Typ 076 , wird mit einem Katapultsystem ausgerüstet, das vermutlich ebenfalls elektromagnetische Technologie nutzt.
Die Fujian unterscheidet sich in mehrfacher Hinsicht von Chinas beiden bestehenden Trägern. Die Liaoning und die Shandong nutzen beide Sprungschanzen für den Flugzeugstart statt Katapulte. Die Liaoning entstand aus einem unvollendeten sowjetischen Rumpf , der von einem Käufer 1998 von der Ukraine erworben und später umgerüstet wurde. Die Shandong wurde in China gebaut , basiert aber auf dem Entwurf der Admiral-Kusnezow-Klasse wie die Liaoning.
Die Fujian ist Chinas erster Träger, der nicht auf sowjetischen Designs basiert. Das konventionell angetriebene Schiff lief 2022 vom Stapel und liegt seit über einem Monat zusammen mit der Shandong in Sanya vor Anker. Die Aufnahme des J-35-Tarnkappenjägers und des KJ-600-Frühwarnflugzeugs in die Trägerluftgruppe erweitert die Einsatzmöglichkeiten des Schiffs erheblich.
Die drei Träger befähigen China zu ausgedehnten Operationen jenseits der Küstengewässer, einschließlich des gesamten pazifischen Raums. Die Schiffe spielen auch eine Rolle in der Planung für mögliche Operationen im Zusammenhang mit Taiwan, heißt es bei The War Zone.
Chinas Trägerprogramm ist Teil eines großen Flottenbauprogramms, das in den 1990er Jahren begann. Die Flotte umfasst mittlerweile zahlreiche moderne Überwasserschiffe und U-Boote aus heimischer Produktion. Berichten zufolge könnte bereits am Bau eines vierten Trägers gearbeitet werden, möglicherweise als Type 004 bezeichnet, der einen Atomantrieb erhalten könnte.
Björn Hendrig
Die deutsche Politik steuert auf einen bewaffneten Konflikt mit Russland zu. Wer könnte Widerstand leisten? Teil 2: Friedensbewegung und Gewerkschaften.
An die Dimension des Protests gegen die damalige „Nachrüstung“ mit Mittelstreckenraketen Anfang der 1980er-Jahre kommt die aktuelle Friedensbewegung bisher nicht heran. Statt mehrere Hunderttausend Demonstranten kamen bei der jüngsten großen Versammlung in Berlin Anfang Oktober gerade einmal rund 20.000 Friedensbewegte zusammen, plus 15.000 in der parallelen Demo in Stuttgart.
Von einer machtvollen Bewegung kann man also nicht sprechen. Aber vielleicht wird das noch was? Immerhin unterstützten mehrere hundert Organisationen den Aufruf „Nie wieder Krieg! Nein, zur Kriegspolitik und Militarisierung. Ja, zu Frieden und Abrüstung“.
Das klingt nach einem entschiedenen Einsatz für den Frieden. Aber der Aufruf [1] beginnt so: “Die Situation in Europa entwickelt sich gefährlich in Richtung eines großen Krieges. Statt sich für Frieden einzusetzen, will die Bundesregierung Deutschland ‚kriegstüchtig‘ machen. Mit massiver Hochrüstung soll das Land europäische Führungsmacht werden.“
Stutzig könnte einen vor allem die Formulierung machen, dass sich da etwas “gefährlich“ entwickelt. Als wenn eine nicht näher beschriebene “Situation“ die Wirtschaft und Politik vor sich hertreibe. Von Akteuren mit Interessen, die das Geschäft [2] des Krieges betreiben, ist keine Rede.
So heißt es denn auch am Ende des Aufrufs: “Wir fordern statt Eskalation Diplomatie und Entspannungspolitik und fordern die Bundesregierung auf, sich für ein schnelles Ende der Kriege in Europa, im Nahen und Mittleren Osten einzusetzen.“ Und auch die Gründe für die Kriege benennt der Aufruf nicht.
Wohlweislich, denn sonst müssten dessen Autoren jeden einzelnen genannten Konflikt ausbuchstabieren, die Rolle Deutschlands darin umreißen und vor allem konkrete politische Vorschläge unterbreiten, wie der Status quo zu ändern wäre.
Und ähnlich unkonkret ging es dann auch auf der Kundgebung weiter. So erklärte etwa Jürgen Grässlin, der Bundessprecher der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte Kriegsdienstgegner (DFG-VK), auf der Kundgebung [3]:
“Was mich am Allermeisten erschreckt, ist die Tatsache, dass die führenden Politiker auf unserem Planeten – Donald Trump, Wladimir Putin und Xi Xinping – zu skrupellosen Machtpolitikern verkommen sind. (…) Keinen Deut besser sind antidemokratische Regierungspolitiker oder Präsidenten wie Netanjahu, Erdoğan, Orban, Meloni oder Le Pen. Und auch unsere vermeintlichen Demokraten Macron, Starmer und Merz versagen.“
Der Bundeskanzler “versagt“ und sollte stattdessen das „Wohlbefinden der Menschen und eine intakte Natur“ befördern und sich gegen die “skrupellosen Machtpolitiker“ stemmen. Das wäre sein Job, den erledigt er aber nicht, also scheitert er an seiner eigentlichen Aufgabe.
Mehr Sinnestäuschung darüber, was Politiker hierzulande umtreibt, geht kaum. Und mehr als ein Appell an ihn, doch bitte von zu viel Rüstung zu lassen und mit den Russen zu reden, kommt dann halt bei der Friedensbewegung derzeit auch nicht heraus.
Von der Opposition im Deutschen Bundestag kann man keinen wirkungsvollen Widerstand gegen einen Krieg erwarten, von der Friedensbewegung derzeit offenbar ebenfalls nicht.
Wer bleibt dann noch?
Natürlich die Organisationen der Arbeiter und Angestellten. Sie könnten ihre Mitglieder aufrufen, ihre Mitarbeit für die “Zeitenwende“ aufzukündigen. Die abhängig Beschäftigten schaffen doch all den Reichtum, auf dem die wirtschaftliche Macht Deutschlands beruht und mit dem auch die größte Aufrüstung aller Zeiten finanziert wird.
Ganz unmittelbar stellt ein Teil von ihnen auch die Waffen her. Wenn sie nicht nur „Nein!“ zum Kriegskurs sagen, sondern auch ihre Arbeit dafür beenden, geht hierzulande gar nichts mehr. Ein stärkeres Druckmittel gibt es nicht, um die Politiker zu stoppen.
Allein, wie stehen die Gewerkschaften dazu? “Wir erleben die Wiedergeburt einer verhängnisvollen Denk- und Handlungslogik in den internationalen Beziehungen“, schreibt der DGB [4] zum diesjährigen Antikriegstag am 1. September.
“Wir fallen mehr und mehr zurück in Zeiten, in denen die Durchsetzung der eigenen Interessen mit Waffengewalt und militärische Aggression als legitimes Mittel der Politik betrachtet wird. Maßgeblichen Anteil an dieser bedrohlichen Entwicklung hat die Großmachtkonkurrenz zwischen den USA, China und Russland. In ihrem Ringen um geopolitischen und geoökonomischen Einfluss forcieren sie eine Politik der Konfrontation und Blockbildung.“
Da ist sie wieder, die “Situation“, in der sich das gute Deutschland leider befindet. Das Land droht, “zum Spielball rivalisierender Großmachtinteressen zu werden. Der DGB und seine Mitgliedsgewerkschaften sehen deshalb durchaus die Notwendigkeit, in Deutschland und Europa die gemeinsame Verteidigungsfähigkeit zu stärken.“
Im Klartext: Die Aufrüstung muss schon sein, sonst hat Deutschland nicht genug Gewaltmittel gegen die Großmächte in der Hand. Und natürlich macht das unser Staat nur, um sich zu verteidigen. Wie eben die USA, China und Russland auch nur sich verteidigen – nämlich gegen die Konkurrenten im globalen Kampf um den Erfolg des eigenen Kapitals und um die sie flankierenden Einflusssphären.
Diese Wahrheit will jedoch der DGB nicht auf sein gutes Deutschland beziehen. Dieser Staat will angeblich, gemeinsam mit den Ländern der Europäischen Union, einfach Frieden und friedlichen Handel mit allen Nationen dieser Welt.
Wenn da welche nicht mitspielen, ja dann … werden vom guten Deutschland andere Seiten aufgezogen: Die Zerschlagung Jugoslawiens anschieben und mit Einsatz der Bundeswehr vollenden, bei den Golfkriegen der USA wichtigen Support leisten und beim Angriffskrieg gegen Afghanistan mitmachen.
Im syrischen Bürgerkrieg den Aufstand gegen den Störenfried Assad befeuern, den Gaza-Krieg Israels und den Angriff auf den Iran unterstützen. Ganz zu schweigen von Handelskriegen, Sanktionen und ökonomischer Übervorteilung, die – ganz ohne Waffengewalt – für Hunger und Elend sorgen.
Einen Aufruf zum entschiedenen Widerstand kann man sich bei diesem DGB kaum vorstellen. Vielmehr wendet er sich konstruktiv an die kriegsvorbereitende Bundesregierung und will ausgerechnet ihre “Rolle als internationale Friedensmacht“ stärken.
Und gegen die vielen neuen Arbeitsplätze in der Rüstungsindustrie haben Gewerkschaften ebenfalls keine Einwände, im Gegenteil, da muss mehr passieren, wie der zweite Vorsitzende der IG Metall, Jürgen Kerner, fordert [5]:
“…anders als man denken könnte, führt das Sondervermögen Bundeswehr nicht automatisch zur Stärkung der heimischen Industrie. (…) Wir brauchen endlich eine wehrtechnische Industriepolitik. Hier arbeiten hoch motivierte, hervorragend qualifizierte Beschäftigte auf technisch anspruchsvollen, meist tariflich abgesicherten Arbeitsplätzen.“
Immerhin regt sich ein wenig innergewerkschaftliche Opposition. Beispielsweise im Landesverband Berlin der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Er protestiert [6] gegen Werbung für die Bundeswehr an Schulen. Eine Reihe von “kämpferischen Gewerkschaftern“ plädiert [7] für entschiedenen Widerstand gegen “Kriegstüchtigkeit und Völkermord“.
Und in der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di fordert eine Initiative [8]:
“Sagt Nein! Schluss mit Kriegslogik, Hochrüstung, Militarismus, Militarisierung, Kriegs- und Zwangsdiensten und dem Burgfrieden der Gewerkschaftsführungen! Nur wenn die Gewerkschaften aktiv werden, gemeinsam mit der Friedensbewegung, können wir die weltweiten Kriege, weitere Kriegsvorbereitung, Sozialabbau und Klassenkampf von oben stoppen!“
Auf die Diskussionen mit der Friedensbewegung darf man gespannt sein. Vielleicht entdeckt sie dann doch, wo der Gegner steht …
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Links in diesem Artikel:[1] https://nie-wieder-krieg.org/[2] https://www.focus.de/finanzen/boerse/wer-beim-mega-schuldenpaket-mitverdienen-will-muss-diese-aktien-kennen_826b1dd7-661b-4f21-8650-f7f3f429203a.html[3] https://nie-wieder-krieg.org/wp-content/uploads/2025/10/251003_Friedensdemo-Berlin_Rede-Juergen-Graesslin.pdf[4] https://www.dgb.de/aktuelles/news/fuer-eine-politik-der-friedensfaehigkeit-nie-wieder-krieg-in-deutschland-europa-und-weltweit/[5] https://www.igmetall.de/presse/pressemitteilungen/verteidigungsindustrie-zukunftsfaehig-machen[6] https://www.gew-berlin.de/aktuelles/detailseite/frieden-lernen-statt-krieg-ueben[7] https://vernetzung.org/category/news/[8] https://www.change.org/p/sagt-nein-gewerkschafter-innen-gegen-krieg-militarismus-und-burgfrieden/u/33962810
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Roland Bathon
Ein weltweites Netzwerk aus über 300 Messstationen überwacht jeden Winkel der Erde. Selbst kleinste unterirdische Tests werden aufgespürt.
"Russland nimmt Tests vor, China nimmt Tests vor" – mit diesen Behauptungen über zwei andere Atommächte versucht aktuell Donald Trump seine eigenen Pläne, US-Atombombentests wiederaufzunehmen, zu rechtfertigen. "Sie testen weit unter der Erde, wo die Menschen nicht genau wissen, was vor sich geht", führt der Chef im Weißen Haus Washingtons aus.
Quasi zöge die USA nach seiner Darstellung nur gegenüber den konkurrierenden Mächten nach, wenn sie nun wieder zu Testzwecken Atomwaffen zünden will. All das hat entsprechend langanhaltende Folgen für die Umwelt wie die Freisetzung radioaktiven Materials und Folgeschäden für Mensch und Natur.
Die Atomwaffentests des 20. Jahrhunderts hatten zu Beginn auch überirdisch durchgeführt, nach einer Schätzung [1] der deutschen Sektion der Vereinigung von Physikern zur Verhinderung eines Atomkriegs schätzungsweise 430.000 zusätzliche Krebstote zur Folge.
Zur Verhinderung solcher schädlichen Tests wurde 1996, zu einer Zeit weniger angespannter weltpolitischer Beziehungen, der Kernwaffenteststoppvertrag geschlossen (englische, gebräuchliche Abkürzung CBTB). Sowohl die USA als auch China und Russland gehören zu den Unterzeichnern dieser Vereinbarung. Die USA und China haben jedoch den Vertrag nie ratifiziert, Russland hat seine Ratifizierung 2023 zurückgezogen.
Damit gilt der Vertrag für die drei Staaten nicht direkt verpflichtend. Ein Bruch des von den Staatsführungen dennoch unterschriebenen Dokuments hätte jedoch erhebliche politische Folgen. Zu nennen wäre hier ein Verlust von internationalem Vertrauen und Glaubwürdigkeit.
Wahrscheinlich wären diplomatische Proteste und mögliche Sanktionen der anderen Vertragspartner, darunter viele nichtwestliche Staaten. Von 44 Staaten, die Wissen in Bezug auf Kerntechnik besitzen, haben 41 unterschrieben und 36 ratifiziert.
Das ist der Grund, warum Trump nicht ohne entsprechende Vorbereitung einfach wieder mit dem Testen von Atomwaffen anfängt, was sein eigentliches Ziel ist. Stattdessen versucht er, sonst kaum Diplomat, den diplomatischen Boden dafür mit Anschuldigungen gegen nichtwestliche Atommächte vorzubereiten und Atomtests so den Charakter einer vorgeblichen "Selbstverteidigung" zu geben.
Hier stellt sich zuerst die Frage: Inwieweit sind überhaupt "heimliche" Atomwaffentests, etwa unterirdisch, wie Trump mutmaßt, technisch möglich? Im Zuge des CBTB-Vertrags wurde eine Organisation über das umfassende Verbot von Nuklearversuchen gegründet. Diese unterhält ein Netzwerk von weltweit über 300 Messstationen, die Erderschütterungen, Strahlenbelastungen, Wasser- und Infraschallwellen überwacht, um einen Bruch des Vertrags durch einen Atomtest feststellen zu können.
Das Netzwerk wird ergänzt durch Zulieferungen staatlicher und ziviler Messstationen in den betreffenden Bereichen und erfasst auch Explosionen unter der Erde.
In einer wissenschaftlichen Studie [2] eines holländischen Forschungsinstituts 2008 wurde hierbei festgestellt, dass selbst ein unterirdischer Test mit einer Sprengkraft von einer bis zwei Kilotonnen TNT kaum verborgen werden kann. Zum Vergleich hatte etwa die erste im Krieg eingesetzte Atombombe, die im Zweiten Weltkrieg auf Hiroshima fiel, eine Sprengkraft von 15 Kilotonnen TNT.
Das liegt in einem Bereich, der heute für taktische Atomwaffen, also kleinere Atomsprengköpfe, verwendet wird, während strategische Atomwaffen der großen Atommächte ein Vielfaches dieser Sprengkraft erreichen. Alles oberhalb einer Minibombe und jeder Test aus dem regulären Arsenal ist also nicht zu verbergen.
Die britische Royal Astronomical Society spricht in einem Fachartikel [3] 2024 davon, dass auch unterirdische Atomwaffentests zu 99 Prozent nachweisbar sind. Die Methoden, Tests etwa von Erdbeben zu unterscheiden, hätten sich in den vergangenen Jahren wesentlich verfeinert.
Dazu ermöglicht die gestiegene Satellitenüberwachung der Erde eine praktisch vollständige Erfassung solcher Tests. Würden die USA über derartige Beweise von chinesischen oder russischen Atomwaffentests verfügen, wäre es nicht nachvollziehbar, warum sie Trump im Zuge seiner Behauptung nicht vorgelegt hat.
Sowohl Russland als auch China gerieten jeweils einmal in den Verdacht, seit Abschluss des Kernwaffenteststoppvertrags eine Atombombe gezündet zu haben. Bei Russland war das der "Nowaja Semlja Vorfall" 1997, also drei Jahre bevor Putin Präsident wurde. Verdacht erregten Erderschütterungen und Satellitenbeobachtungen im hohen Norden Russlands.
Eine genauere seismologische Untersuchung ergab jedoch, dass die Erschütterungen vom Meeresboden ausgingen und wahrscheinlich ein Erdbeben waren. Es wurden weiterhin keine radioaktiven Spuren oder hydroakustischen Signale gemessen.
Bei China erwähnenswert ist der sogenannte "Lop-Nur-Verdachtsfall" 2019/2020, als auf dem gleichnamigen Testgelände Satellitenaufnahmen neue Tunnel und weitere Vorbereitungen einer Wiederinbetriebnahme zeigten. Der Verdacht konnte jedoch in keiner Weise durch Messungen, die einen Atomtest nahelegen, erhärtet werden und die chinesischen Behörden betonten im Zuge des Vorfalls ihren Willen zur Einhaltung des Testmoratoriums.
So kann es sein, dass China seine Testanlagen im Zuge des sich verschlechternden internationalen Klimas wieder herrichtet. Das bedeutet jedoch keine bereits vorgenommene Nutzung, die Spuren hinterlassen hätte. Ebenso wie der Test von Trägersystemen ohne nukleare Sprengköpfe keinen Atomwaffentest darstellt. Solche sind bei allen Atommächten üblich.
So bleiben die einzigen nachgewiesenen Atomwaffentests der letzten Jahrzehnte die von Nordkorea in den Jahren 2006 bis 2017. Diese wurden übrigens alle anhand der Testeinrichtung im Zuge des CBTB-Vertrags nachgewiesen.
Dass China oder Russland parallel geheime Atomwaffentests durchgeführt haben und dass bisher diese genau beobachtende westliche Staaten verschwiegen haben, ist im höchsten Maße unwahrscheinlich. In jedem Fall ist es durch das weltumspannende Überwachungsnetz nicht belegt.
Solche Tests wären ein erhebliches geopolitisches Risiko, da nahezu die gesamte Weltgemeinschaft, inklusive nicht westlicher Staaten, Tests generell ablehnt. Sowohl China als auch Russland möchten jedoch Führungsmächte des nicht westlichen Teils der Welt sein. Sollte jedoch Trumps USA nun Kernwaffentests beginnen, könnten auch China, Russland und andere Atommächte solche genau so rechtfertigen, wie Trump das aktuell versucht.
Eine neue nukleare Rüstungsspirale käme so in Gang. Dass diese Vorhersage keine Utopie ist, zeigt sich daran, dass Putin bereits kurz nach Trumps Ankündigung erklärte, bei neuen US-Tests nachziehen zu wollen. Das wäre ein absolutes Novum im neuen Russland – der letzte belegte Test fand 1990 noch in der Sowjetzeit statt.
Weiter ist es gerade wegen der fehlenden Glaubwürdigkeit von Trumps Behauptungen merkwürdig, dass seine Behörden Beweise schuldig bleiben, um die Aussagen des eigenen Chefs zu untermauern. Bis dahin bleiben sie genau das: Zweifelhafte Aussagen von Donald Trump, mit einer zweifelhaften, ja für die Sicherheit auf der Welt gefährlichen Motivation.
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Links in diesem Artikel:[1] https://www.ippnw.org/wp-content/uploads/2024/01/IPPNW_Report_Nuclear_Tests_EN.pdf[2] https://nonproliferation.eu//wp-content/uploads/2018/09/internationalgrouponglobalsecurity4ecd11e1d5c7c.pdf[3] https://ras.ac.uk/news-and-press/research-highlights/end-nuclear-secrecy-underground-tests-now-99-detectable
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Bernd Müller
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Der US-Pharmakonzern zahlt bis zu zehn Milliarden Dollar für das Start-up. Die US-Behörde FTC stoppte den dänischen Rivalen mit kartellrechtlichen Bedenken.
Pfizer hat sich in einem turbulenten Bieterwettstreit um das Adipositas-Start-up Metsera gegen Novo Nordisk durchgesetzt. Der US-Konzern zahlt bis zu 86,25 Dollar pro Aktie – 65,60 Dollar in bar und bis zu 20,65 Dollar in bedingten Wertrechten (CVRs), abhängig von klinischen und regulatorischen Meilensteinen.
Das Gesamtvolumen beläuft sich auf bis zu zehn Milliarden US-Dollar, wie Bloomberg kürzlich berichtete [1].
Der Abschluss wird dem Bericht zufolge kurz nach der Metsera-Hauptversammlung am 13. November erwartet. Für Pfizer-Chef Albert Bourla ist der Deal strategisch unverzichtbar: Nach dem starken Rückgang des Covid-Geschäfts und erwarteten Umsatzverlusten von über 15 Milliarden US-Dollar durch Patentabläufe bis Ende des Jahrzehnts benötigt der Konzern dringend Zugang zum boomenden Adipositas-Markt, der bis 2030 ein Volumen von 100 Milliarden US-Dollar erreichen könnte.
Im September hatte Pfizer ursprünglich 70 Dollar pro Aktie vereinbart. Ende Oktober überraschte Novo Nordisk die Wall Street mit einem unaufgeforderten höheren Angebot, das Metseras Vorstand als "überlegen" einstufte.
Am 4. November erhöhte Novo auf 62,20 Dollar bar plus bis zu 24 Dollar in CVRs, am 6. November nochmals auf 65,60 Dollar bar plus bis zu 20,65 Dollar CVRs. Pfizer zog nach und sicherte sich die Genehmigung der US-Kartellbehörde FTC.
Die entscheidende Wende brachte ein Anruf der FTC bei Metsera: Die Behörde äußerte Bedenken zu "potenziellen Risiken" der von Novo vorgeschlagenen Transaktionsstruktur und möglichen Verstößen gegen Vorschriften zur Fusionskontrolle.
Gegen Pfizers Angebot hatte die FTC keine Einwände. Metsera erklärte, ein Kauf durch Novo hätte "inakzeptabel hohe rechtliche und regulatorische Risiken" mit sich gebracht.
Novo Nordisk bestätigte am 8. November [2] in einer Pressemitteilung den Rückzug. Man sei der Ansicht, dass die Struktur "mit den Kartellgesetzen vereinbar" sei, wolle das Angebot aber " im Einklang mit seiner Verpflichtung zur Finanzdisziplin und zur Steigerung des Shareholder-Value nicht erhöhen" nicht erhöhen.
Für Novo-Chef Mike Doustdar, der erst im August Lars Fruergaard Jorgensen ablöste, ist das Scheitern des Angebots der erste große Rückschlag. Der dänische Konzern hat seine Führungsposition im Adipositas-Markt an Eli Lilly & Co. verloren.
Wegovy wird mittlerweile von Lillys Zepbound bei den Verschreibungszahlen übertroffen. Die Aktien von Novo haben 2025 bereits 53 Prozent ihres Wertes verloren, das Unternehmen senkte seine Gewinnprognose zum vierten Mal.
Bloomberg berichtete [3], dass Novo unter hohem Wettbewerbsdruck steht. Mehr als eine Million US-Patienten nutzen günstigere Nachahmerprodukte von Compounding-Apotheken – zu Preisen unter 200 Dollar pro Monat statt 1.349 Dollar für Wegovy.
Eine Vereinbarung mit der Trump-Regierung [4] über Preissenkungen bei Medicaid und Medicare wird laut Novo einen "direkten, negativen einstelligen Einfluss" auf das weltweite Umsatzwachstum 2026 haben, heißt es bei Bloomberg.
Doustdar kündigte [5] in einer internen E-Mail an, "weiter nach geeigneten ergänzenden Geschäftsentwicklungsvereinbarungen im Bereich Diabetes und Adipositas" zu suchen.
Das Unternehmen werde "ein breites Netz für potenzielle Ziele" auswerfen und sich nicht nur auf Entwickler von Medikamenten zur Gewichtsreduktion beschränken, sondern auch Komorbiditäten wie Lebererkrankungen ins Visier nehmen. Im Oktober hatte Novo bereits Akero Therapeutics für 5,2 Milliarden US-Dollar übernommen.
Metsera, 2022 gegründet, hat drei experimentelle Programme in früher bis mittlerer Entwicklung. Darunter eine Injektion auf Amylin-Basis, die seltener verabreicht werden muss als aktuelle GLP-1-Behandlungen und potenziell weniger Nebenwirkungen wie Übelkeit verursacht.
Die Metsera-Aktie ist seit dem ursprünglichen Pfizer-Deal um rund 150 Prozent gestiegen. Der finale Preis von 86,25 Dollar entspricht einem Aufschlag von 159 Prozent auf den Kurs vor Bekanntgabe der Transaktion am 22. September.
Analysten sehen laut Bloomberg in Doustdars aggressivem Vorgehen einen kulturellen Wandel bei Novo. Frederik Aakard von Dema Partners erklärte: "Es ist eine neue Ära bei Novo […]. Sie spielen jetzt viel amerikanischer." Gleichzeitig mahnten Investoren zur Vorsicht. Evan Seigerman von BMO Capital Markets betonte demnach: "Novo kann es sich nicht leisten, leichtsinnig zu sein […]".
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Links in diesem Artikel:[1] https://www.bloomberg.com/news/articles/2025-11-08/pfizer-sweetens-its-offer-for-metsera-in-bidding-war-against-novo[2] https://www.novonordisk.com/news-and-media/news-and-ir-materials/news-details.html?id=916454[3] https://www.bloomberg.com/news/articles/2025-11-07/why-novo-nordisk-is-struggling-and-what-trump-s-ozempic-wegovy-price-deal-means[4] https://www.heise.de/tp/article/Trumps-Zoelle-auf-Arzneimittel-Die-Folgen-fuer-die-deutsche-Pharmaindustrie-10672464.html[5] https://www.bloomberg.com/news/articles/2025-11-08/novo-s-ceo-turns-to-next-targets-after-losing-metsera-to-pfizer
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Uwe Kerkow
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Forscher zeigen, dass Schimpansen ihre Überzeugungen ändern. Warum stellt das die Vorstellung vom Menschen als einzigem rationalen Wesen grundlegend infrage?
Anders als manche Menschen mit starken Überzeugungen können Schimpansen ihre Meinung durchaus ändern, wenn neue Fakten ihre bisherigen Überzeugungen widerlegen. Das zeigt eine Studie der Psychologin Hanna Schleihauf von der Universität Utrecht und ihrer Kollegen. Sie beobachteten erstmals, wie die Menschenaffen verschiedene Arten von Belegen abwägen und ihre Überzeugungen revidieren, wenn stärkere Argumente auftauchen.
Die Forschungsergebnisse stellen die traditionelle aristotelische Sichtweise in Frage, wonach der Mensch das einzige rationale Tier [1] auf der Erde ist. Aristoteles betrachtete die Menschen als die einzige Spezies mit der Fähigkeit, zu vernunftgeleiteten Entscheidungen.
Doch die neue Studie zeigt, dass diese Annahme möglicherweise so nicht zu halten ist.
Schleihauf und ihr Team definierten Rationalität als die Fähigkeit, auf Grundlage von Belegen Überzeugungen über die Welt zu bilden. Entscheidend ist dabei: Wenn neue Belege auftauchen, kann ein rationales Wesen beide Beleglagen gegeneinander abwägen und seine Überzeugungen revidieren, falls die Evidenz zweiter Ordnung stärker ist.
Evidenz zweiter Ordnung bezeichnet die Auseinandersetzung mit dem eigenen Bewusstsein und der Art und Weise, wie wir die Welt wahrnehmen und erkennen. Im Gegensatz zur Evidenz erster Ordnung, die sich direkt auf die Welt bezieht (Das ist ein Hund.), betrachtet die Evidenz zweiter Ordnung die Zustände des Bewusstseins beim Wahrnehmen wie zum Beispiel Erinnerungen (Ich habe schon ähnliche Tiere gesehen).
Die Wissenschaftler führten fünf Experimente mit Schimpansen im Ngamba Island Chimpanzee Sanctuary in Uganda durch. In jedem Versuch versteckten sie ein Apfelstück in einer Box, und die Schimpansen mussten anhand präsentierter Belege über den möglichen Inhalt der Box eine davon auswählen.
Dabei unterzogen die Forscher die Tiere einer regelrechten Lernkurve. Zunächst präsentierten sie den Affen zwischen starke visuelle Belege: Die Schimpansen sahen, wie Menschen das Apfelstück in die Box legten oder sie sahen den Apfel durch eine Plexiglaswand. Zudem wurden ihnen schwache Indizien für das Vorhandensein der Äpfel präsentiert wie etwa das Klappern in der Box oder sichtbare Krümel.
Wurden die stärkeren Belege vor den schwächeren gezeigt, hielten die Schimpansen eher an ihrer Wahl für diese Boxen fest. Wurden dagegen zuerst die schwächeren Belege präsentiert, änderten sie ihre Meinung.
Im nächsten Experiment fügten die Forschenden eine dritte Box hinzu, die keinen Hinweis auf ihren etwaigen Inhalt gab und entfernten dann die Box mit den eindeutig sichtbaren Inhalten. Hier entschieden sich die Schimpansen meist für die Box mit schwachen Belegen statt für die Box ganz ohne Hinweis.
Im vierten Experiment präsentierten die Forschenden entweder schwache Indizien, die den Affen schon bekannt waren oder neue schwache Belege: Im ersten Szenario wurde die Box wie gehabt zweimal gerüttelt, sodass die Schimpansen dasselbe Futterstück im Inneren klappern hörten; im zweiten bekamen sie dagegen das Geräusch zu hören, dass ein Stück Futter in die Box fallen gelassen wurde.
Jetzt tendierten die Schimpansen dazu, die neuartigen Indizien den bereits bekannten vorzuziehen. Sie können offensichtlich zwischen neuen und alten Informationen unterscheiden.
Doch den Clou hatten sich die Forscher für den Schluss der Testreihe aufgespart. Denn jetzt wurde den Schimpansen demonstriert, dass bereits bekannte Informationen durchaus falsch sein konnten: Das Apfelstück entpuppte sich als Bild auf dem Plexiglas der Box oder als Stein, der in der Box klapperte.
Und jetzt begannen die Schimpansen, verschiedene Arten von Hinweisen gegeneinander abzuwägen. Die Forscher schreiben [2] in der Fachzeitschrift Science: "Die Schimpansen revidierten ihre ursprüngliche Überzeugung, wenn die neuen Beweise stärker waren."
Das Verhalten der Tiere war also keineswegs rein instinktiv. Die Ergebnisse der Forscher zeigen vielmehr, dass die Schimpansen sich darüber im Klaren waren, warum sie bestimmte Überzeugungen hegten. Die Tatsache, dass sie ihre Meinung änderten, wenn ihre ursprünglichen Annahmen widerlegt wurden, ist ein Beleg für diese Fähigkeit.
Besonders bemerkenswert ist die Fähigkeit der Schimpansen zur sogenannten Metakognition - dem Nachdenken über das eigene Denken. Sie können sich nicht nur erinnern, was sie wissen, sondern auch nachvollziehen, wie sie zu diesem Wissen gelangt sind.
Die Experimente zeigten, dass Schimpansen mit Evidenz zweiter Ordnung umgehen können. "Das ist wirklich der stärkste und schwierigste Test für dieses Verständnis sogenannter Evidenz zweiter Ordnung", betont [3] Schleihauf gegenüber ScienceAlert. "Ich denke, wir haben den Beweis, dass Rationalität in ihrer grundlegenden Form nicht einzigartig menschlich ist, sondern dass wir einige grundlegende Prozesse davon mit Schimpansen teilen."
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Intelligenz von Schimpansen dem, was wir als menschliche Intelligenz definieren, näherkommen könnte als bisher angenommen. Sie können Indizien gewichten und vergleichen, anstatt nur auf sie zu reagieren. Sie reflektieren, was sie bereits wissen und wie sie es wissen, erkennen unzuverlässige Hinweise und revidieren ihre Entscheidungen entsprechend.
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Links in diesem Artikel:[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Animal_rationale[2] https://doi.org/10.1126/science.adq5229[3] https://www.sciencealert.com/chimps-can-revise-their-beliefs-when-shown-new-evidence-study-finds
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Bernd Müller
(Bild: Tatjana Baibakova / Shutterstock.com)
Studien zeigen: Ältere Menschen schlafen mit Magnesium etwa 17 Minuten früher ein. Doch es gibt wichtige Einschränkungen.
Magnesium erlebt seit geraumer Zeit einen Aufschwung als ein Nahrungsergänzungsmittel, das bei Schlafproblemen helfen soll.
In der Longevity-Community und in sozialen Medien wird das Mineral als eine Art Wundermittel gegen Schlafstörungen gefeiert – mal als klassische Tabletten, mal als Mix mit Sauerkirschsaft im sogenannten "Sleepy Girl Mocktail". Doch kann Magnesium tatsächlich den Schlaf verbessern?
Gerade für ältere Menschen mit chronischen Schlafproblemen ist diese Frage relevant. Etwa sechs Prozent der Erwachsenen in Deutschland sind von einer behandlungsbedürftigen Insomnie betroffen – also anhaltenden Ein- und Durchschlafproblemen. Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Das zeigen Daten des Robert-Koch-Instituts [1].
Und nicht immer möchte man gleich zu verschreibungspflichtigen Medikamenten greifen, sondern es erst einmal mit natürlichen Alternativen versuchen.
Eine Meta-Analyse [2], die in der Zeitschrift Nature and Science of Sleep veröffentlicht wurde, hat drei Studien mit insgesamt 151 älteren Erwachsenen ausgewertet. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass Magnesium-Supplemente eine Wirkung auf den Schlaf haben könnten.
Demnach schliefen die Teilnehmer mit Magnesium-Supplementen etwa 17 bis 18 Minuten früher ein und ihre Gesamtschlafdauer verlängerte sich um rund 16 Minuten im Vergleich zu einem Placebo.
Die größte dieser drei ausgewerteten Studien umfasste 46 ältere Teilnehmer, die unter Schlafstörungen litten. Ihnen wurden über acht Wochen täglich 500 Milligramm Magnesium verabreicht. Hier zeigten sich neben einer verkürzten Einschlafzeit und einer längeren Schlafdauer auch eine Verbesserung der Schlafqualität und der Stresshormonwerte im Blut.
Allerdings liegt diese Dosis über den in Deutschland für Nahrungsergänzungsmittel empfohlenen Höchstmengen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) empfiehlt [3], nicht mehr als 250 mg Magnesium über Nahrungsergänzungsmittel zu sich zu nehmen.
Magnesium ist an über 300 Vorgängen im Körper beteiligt. Es beeinflusst Botenstoffe im Gehirn, die für den Schlaf wichtig sind. So dämpft es bestimmte Nervenzellen und fördert beruhigende Signale.
Magnesium wirkt als natürlicher Gegenspieler von Calcium. Es blockiert bestimmte Andockstellen an den Nervenzellen – sogenannte NMDA-Rezeptoren – und reduziert dadurch die Erregbarkeit des Nervensystems. Gleichzeitig verstärkt es die Wirkung von GABA, einem Botenstoff, der beruhigend wirkt und die Nervenzellen weniger aktiv macht.
Zudem unterstützt Magnesium die Bildung von Melatonin – dem Hormon, das uns müde macht. Es aktiviert ein Enzym, das für die Melatonin-Produktion wichtig ist. Magnesium hilft auch, den Tag-Nacht-Rhythmus zu regulieren. Der Magnesiumspiegel in den Zellen schwankt im 24-Stunden-Rhythmus und beeinflusst so die innere Uhr des Körpers.
Ferner kann Magnesium Entzündungen im Körper verringern und oxidativen Stress dämpfen – beides Faktoren, die den Schlaf stören können. All das kann theoretisch den Schlaf verbessern.
Die Meta-Analyse zeigte auch: Magnesium verbesserte teils die Hirnströme während des Schlafs. Die Tiefschlafphase nahm zu. Doch diese Befunde sind nicht durchgängig bestätigt worden.
Experten raten zu einer Startdosis von 100 bis 200 Milligramm Magnesium, etwa 30 Minuten vor dem Schlafengehen. "Ich rate ihnen, mit 100 oder 200 Milligramm Magnesium zu beginnen und zu sehen, ob das einen Unterschied macht", so eine Expertenempfehlung [4] aus den USA.
Geeignete Formen sind Magnesiumglycinat, Magnesiumbisglycinat oder Magnesiumcitrat. Diese werden vom Körper besser aufgenommen und gelten als verträglicher. Magnesiumbisglycinat gilt als besonders gut verträglich, da es seltener zu Durchfall führt.
Magnesiumoxid, das in vielen in Drogerien und Supermärkten erhältlichen Präparaten enthalten ist, sollte gemieden werden, da es häufig abführend wirkt und für den Schlaf weniger geeignet ist. Diese Form werde häufig bei Verstopfung und Verdauungsstörungen eingenommen, heißt es bei der Harvard University [5].
Magnesium gilt bei Dosen bis 350 Milligramm pro Tag allgemein als sicher – auch wenn das Bundesinstitut für Risikobewertung eine geringere Höchstdosis empfiehlt.
Häufige Nebenwirkungen bei höheren Dosen sind Übelkeit und Durchfall. Schwere Nebenwirkungen wie Muskelschwäche oder Blutdruckabfall treten erst ab etwa 2.500 Milligramm auf. "Es ist wichtig zu beachten, dass mehr nicht besser ist", betont eine Expertin gegenüber der Washington Post.
Vorsicht ist geboten bei Nieren- oder Leberfunktionsstörungen. Magnesium kann mit bestimmten Medikamenten Wechselwirkungen haben, etwa mit entwässernden Mitteln oder Medikamenten zur Krebsbehandlung. Vor der Einnahme sollte daher ein Arzt konsultiert werden.
Bei Menschen über 70 Jahren tritt Magnesiummangel häufiger auf. Zu den relevanten Faktoren, die eine Aufnahme von Magnesium erschweren, zählen:
Der Magnesiumspiegel im Blut kann gemessen werden. Der normale Bereich liegt bei 1,7 bis 2,2 Milligramm pro Deziliter. Allerdings ist die Aussagekraft dieser Werte für Schlafprobleme umstritten. Manche Menschen mit niedrigem Magnesiumspiegel schlafen gut, andere mit normalen Werten schlecht [6].
Zu den Symptomen eines Magnesiummangels gehören Übelkeit, Müdigkeit und Appetitlosigkeit. In schweren Fällen können Taubheitsgefühle, Muskelkrämpfe und Herzrhythmusstörungen auftreten.
Bevor man zu Nahrungsergänzungsmitteln greift, sollte man die Ernährung optimieren. Die meisten Menschen können ihren Magnesiumbedarf über eine ausgewogene Kost decken, betont die Harvard Medical School.
Gute Magnesiumquellen sind:
Eine Portion Spinat, 30 Gramm Mandeln und eine Banane liefern zusammen etwa 190 Milligramm Magnesium. Das entspricht mehr als 60 Prozent der empfohlenen Tagesdosis für Frauen und mehr als 50 Prozent für Männer.
In Deutschland empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE), dass Männer im Alter zwischen 19 und 65 Jahren knapp 350 Milligramm Magnesium pro Tag zu sich nehmen sollten. Frauen haben demnach einen Bedarf von 300 Milligramm pro Tag.
Auch wenn Magnesium bei manchen Menschen die Schlafqualität verbessern kann, ersetzt es keine gute Schlafhygiene und bewährte Therapien. "Magnesium kann dabei helfen, Neurotransmitter zu regulieren, die in direktem Zusammenhang mit dem Schlaf stehen", sagt Naoki Umeda [7]. Doch es sei kein Ersatz für grundlegende Maßnahmen.
Bei chronischer Insomnie empfehlen medizinische Leitlinien keine Nahrungsergänzungsmittel als Ersttherapie, wie Schlafexpertin Christine Blume [8] von der Universität Basel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung betont. Stattdessen gilt die kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie (CBT-I) als Goldstandard.
Grundlegende Schlafhygiene-Regeln umfassen:
Manche Experten würden vor Magnesium zunächst andere natürliche Optionen empfehlen, etwa Melatonin, Baldrian oder Kamillentee. "Aber wenn diese nicht wirken", ergänzt Umeda, "lohnt es sich, Magnesium auszuprobieren."
Ein spezieller Anwendungsbereich von Magnesium betrifft das Restless-Legs-Syndrom (RLS), auch Willis-Ekbom-Syndrom genannt. Diese neurologische Störung ist durch unangenehme Empfindungen in den Beinen gekennzeichnet, die einen starken Bewegungsdrang auslösen. Die Symptome verschlimmern sich typischerweise abends und nachts, was den Schlaf erheblich stört.
Eine Studie aus der Türkei [9] untersuchte schwangere Frauen mit RLS. Die Forscher fanden heraus, dass die Zink- und Magnesiumspiegel bei betroffenen Frauen deutlich niedriger waren als bei gesunden Schwangeren. Je niedriger die Magnesiumwerte, desto schwerer waren die Symptome.
Eine weitere, kleinere Untersuchung aus dem Iran mit 75 Teilnehmern testete die tatsächliche Gabe von Supplementen. Hier zeigte sich, dass eine zweimonatige Einnahme von Magnesium und Vitamin B6 die Schwere der RLS-Symptome reduzieren und die Schlafqualität verbessern konnte.
Allerdings ist die Evidenz auch hier uneinheitlich. Eine systematische Übersichtsarbeit kam zu dem Schluss, dass keine verlässlichen Aussagen über die Wirksamkeit von Magnesium bei RLS getroffen werden können. Die Autoren bemängelten die geringe Qualität der verfügbaren Studien.
Kleine Fallberichte beschreiben dramatische Verbesserungen: Ein Arzt berichtete von einer Patientin mit RLS, die nach intravenöser Magnesiumgabe vollständig genas. Doch solche Einzelfälle erlauben keine allgemeinen Schlussfolgerungen.
Die wissenschaftliche Evidenz für Magnesium als Schlafmittel bleibt gemischt. Die vorhandenen Studien sind klein, und der Effekt scheint moderat zu sein. Eine Verkürzung der Einschlafzeit um etwa 17 Minuten mag für manche Menschen hilfreich sein, für andere jedoch kaum spürbar.
Magnesium könnte einen Versuch wert sein für:
Weniger geeignet ist Magnesium für:
Wer Magnesium ausprobieren möchte, sollte mit einer niedrigen Dosis von 100 bis 200 Milligramm beginnen, etwa 30 Minuten vor dem Schlafengehen. Magnesiumglycinat oder -bisglycinat sind die bevorzugten Formen. Die Einnahme sollte mit dem Arzt besprochen werden.
Wichtig ist die realistische Erwartungshaltung: Magnesium ist kein Wundermittel. Es kann bestenfalls einen kleinen Beitrag zu besserem Schlaf leisten – zusätzlich zu einer guten Schlafhygiene und einer ausgewogenen Ernährung. Bei anhaltenden Schlafproblemen sollte man nicht zögern, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.
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Links in diesem Artikel:[1] https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3_Downloads/Gesetze_und_Verordnungen/Stellungnahmen_WP20/GHG/dgsm_stellungnahme_refe_ghg.pdf[2] https://www.dovepress.com/article/download/107872[3] https://www.bfr.bund.de/cm/343/hoechstmengenvorschlaege-fuer-magnesium-in-lebensmitteln-inklusive-nahrungsergaenzungsmitteln.pdf[4] https://www.washingtonpost.com/wellness/2025/08/07/supplements-sleep-melatonin-magnesium/[5] https://www.health.harvard.edu/blog/what-can-magnesium-do-for-you-and-how-much-do-you-need-202506033100[6] https://health.clevelandclinic.org/does-magnesium-help-you-sleep[7] https://health.clevelandclinic.org/does-magnesium-help-you-sleep[8] https://www.faz.net/aktuell/wissen/medizin-ernaehrung/hilft-magnesium-wirklich-beim-einschlafen-gesundheitsmythen-aufgeklaert-110506430.html[9] https://doi.org/10.1007/s12011-020-02287-5
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